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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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44.
Der Brand von Disentis.

Der blendende Goldglanz, der sich am folgenden Morgen um die Eisfirnen der Berge legte, das dunkle Blau des Himmels und die stille Luft, weissagten den lieblichsten Maitag. Die Saumpferde des Dorfes wurden angeschirrt; Vorräthe von Speisen und Wein für die gesammte Karavane, damit sie nicht in den unwirthlichen Einöden verschmachte, in Fülle aufgepackt. Auch eine Tragbahre wurde mit des Pfarrers Sorgenstuhl für die Kranke künstlich mit starken Seilen verbunden; und Eisspornen suchte man zusammen, um sie, zur Wanderung über die schlüpfrigen Schneelager, den Männern unter die Sohlen zu schnallen. Flavian und das Fräulein saßen indessen plaudernd beim Frühstück. Sie schienen immer größeres Gefallen an einander zu gewinnen, und Einer vom Anderen mehr Vertraulichkeit zu wünschen; denn Beide fühlten, indem sie sich näher treten wollten, durch etwas Fremdes, sich gehemmt. Pauline's Blicke hafteten, mit einem sonderbaren Ausdrucke von Freundlichkeit und Argwohn, forschend auf Flavian; und dieser richtete hingegen seine Augen mit einer stumm wiederholten Frage auf das Fräulein; einer Frage, welche auszusprechen er den Lippen nicht gestatten wollte, sei es aus männlichem Stolze, oder um nicht das theure Geheimniß gleichgültigen Personen, die da ab- und zugingen, verlauten zu lassen. Bisher hatte er die Freundin seiner ehemaligen Harfenschülerin noch immer nicht unter vier Augen sprechen können.

Da haben wir's, schrie Uli Goin, indem er bleich und ernst in's Zimmer trat. Unglück über Unglück! – Nur herein, Jeeli Cajacos, nur herein, und erzähle Du selbst. Ja, ja, Herr Hauptmann, je größer das Fest, desto ärger der Teufel. Mir ist, o Herr Jerum! das Lachen auf lebenslänglich vergangen. Tavetsch und Disentis sind in die Luft gesprengt. Ein Herr von Castelberg ist erschossen, als er über die Wiesen floh. Alle Donner! liehe mir der Satan nur auf ein Viertelstündchen seine Klaue, ich stürzte den Coulm de Vi und Cuolmao, Piz Pales und Cagli, und alle Berge in der Runde, auf die französische Höllenbrut zusammen, daß sie selbst am Jüngsten Tage nicht mehr zur Auferstehung hervorkriechen sollte.

Bist Du rasend, Uli? rief Flavian, und sprang erschrocken vom Tische auf, in die Luft gesprengt?

Rede Er doch, lieber Freund! Was ist vorgefallen? sagte Fräulein Pauline zitternd.

Der Jeeli ist in der Nacht von Disentis entflohen, und erzählt draußen, antwortete Uli. Komm herein, Jeeli Cajacos, daß es die Herrschaften hören. Nein, jämmerlicher ging's bei der Zerstörung Jerusalems gewiß nicht zu!

Flavian begab sich mit Pauline hinaus, wo auf der Bank vor dem Pfarrhause, von einer Menge horchender Menschen umringt, ein junger Bauer, mit abgematteten, traurigen Mienen, saß. Der geistliche Herr sprach ihm, in verschiedenen Bibelsprüchen, Trost und Muth ein, während er, eine Flasche Enzianwasser in der Hand, das Branntweinglas füllte, um ihn auch leiblich zu stärken.

Trinke, trinke ein Schlückchen, Du armer Bursche, redete ihm Uli zu. Glaub's Dir gern, daß solch ein Jammerspektakel Muth und Blut austrocknen könne. Wurde doch Loths Weib zur Salzsäule, als sie nach der brennenden Stadt zurückschaute. Herr Pfarrer, noch ein Glas voll! Und wenn Ihr's übrig habt, mir auch ein's. Trinken ist nicht Saufen; ein Schlückchen Schnaps löst die Zunge. Und nun, Jeeli, berichte Alles haarklein; aber fange beim Anfang an; nimm die Kuh nicht am Schwanz, sondern gieb uns das Ende zuletzt. Verstehst Du, Kamerad?

Der junge Bauer, nachdem er sein Glas geleert hatte, seufzte noch einigemal tief auf, und begann: Es war gestern, nein, sage ich, vorgestern, da zog die Heeresmacht der Feinde mit Trommelspiel und Mordgeschrei bei uns ein; die Einen gingen weiter, die Andern blieben. Wir wußten nicht, was daraus werden sollte? Ihr hättet aber die fürchterlichen Grenadiergesichter mit den Schnauzbärten sehen sollen; jedes war, als wollte es einen Menschen lebendig verschlingen. Nun das war gut. Da holte man den Vorsteher und den Ausschuß der Gemeinde auf's Rathhaus, und der General grüßte sie erst höflich mit dem Tressenhut; dann aber verlangte er zehn- oder zwölftausend Gulden Strafgeld, wegen des Landsturms, welche auf der Stelle gezahlt sein sollten. Aber, Gott erbarme sich! woher soviel Geld nehmen? Die reichen Herren bei uns waren ja auf und davon. Sie hatten den Krieg angefangen; als es aber zum Raufen kam, retteten sie ihre Perrücken, und wir mußten unsere eigenen Haare hergeben. Auch die Klosterherren waren über alle Berge, und hatten doch Zeichen und Wunder versprochen. Nun, das war gut, und wir armen Leute – – –

Alle Donner, Cajacos! das war schlimmer, als schlimm, ließ sich Uli vernehmen. Man sagt wohl, wo viel Geld ist, wohnt der Teufel gern; ich aber sage immer, wo keins ist, hausen ihrer zwei.

Wir armen Leute, fuhr der Erzähler fort, lagen uns die Knie wund und flehten um Barmherzigkeit; es verstand uns aber Niemand. In Disentis und den anderen Dörfern war Alles schwarz von Soldaten; jedes Haus bis unter das Dach davon vollgestopft. Sie fraßen, wie hungrige Wölfe, was in Küche und Keller noch vorräthig war; stahlen, was sie fanden; sprengten Kisten und Kasten; rissen das liebe Vieh aus den Ställen, und trieben es aus den Wiesen mit sich fort. Ja, mochte unser Eins seine paar Bluzger noch so tief und heimlich verscharrt haben, ihre französische Diebsnase roch es schon aus der Ferne. Ade, ihr schönen Bluzger und Thaler!

Hier brach der Schmerz des armen Cajacos in bittere Thränen aus. Die Zuhörer wetteiferten, ihm Trost zuzusprechen, und der Pfarrer füllte noch einmal das auf der Bank stehende Glas. Flavian zog den Geldbeutel hervor, und reichte ihm ein paar Gulden. Diesem Beispiele wollte auch Fräulein Pauline folgen, aber sie vergaß den edeln Vorsatz beim Anblick der schöngestickten Börse des Schützenhauptmanns beinahe. Sie wandte kein Auge davon, bis er den Beutel wieder einsteckte.

Cajacos empfing die mitleidigen Gaben mit stummem, doch herzlichem Danke, und berichtete weiter: So ging eine schlaflose, jammervolle Nacht vorbei, und nun brach ein noch viel schlimmerer Tag an. Von Haus zu Haus wurde der grausame Befehl bekannt gemacht, Alles, was in Disentis wohne, alt und jung, krank und gesund, müsse den Ort verlassen, und mit Sack und Pack auf's Feld hinaus gehen. Disentis, und das schöne Gotteshaus dazu, müsse mit Feuer und Flammen vertilgt werden. Die Soldaten hatten, nach ihrer Gewohnheit, im Kloster Thore und Thüren eingeschlagen, alle Zellen und Löcher durchschnüffelt, und, wie die Rede ging, im Kloster, rechter Hand in dem großen Gebäude, Pulverfässer und noch viel Aergeres gefunden.

Sprich nicht so lästerlich, Jeele, von dem heiligen Hause, erinnerte Uli Goin. Ein Mönch hat zwar, sagt man, das tödtliche Pulver erfunden; aber Aergeres, wahrlich, kann doch nur der Teufel erfinden. So rede, was war's?

Ei nun, was war's? erwiederte der Berichtgeber, die zerfetzten, durchschossenen und blutigen Uniformen von der Kompagnie des Kapitän Salomon waren es, die man in dem Gemache, neben der Eingangspforte, verwahrt gehalten. – Nun hättet Ihr das Gebrüll der rasenden Soldaten hören sollen, wie sie wegen ihrer erschlagenen Kameraden um Rache schrien und die Kleider derselben an den Bajonetten hoch in die Luft hielten und den Offizieren vorzeigten. Die Erde bebte und die Luft zitterte vom Toben und Fluchen der umherwüthenden Todtschläger. Dazwischen ließen die Trommeln ihre Wirbel hören, und scholl das Wimmern, Heulen und Wehklagen von unschuldigen Kindern, Weibern und Männern, die, mit der wenigen Habe aus ihren Wohnungen, in das offene Feld flüchten mußten. Die Einen lagen ohnmächtig im Grase und Thau auf den Wiesen; die Andern beteten auf den Knien; die Dritten geberdeten sich, wie Wahnsinnige. Es war ein Schauspiel – am Tage des Weltgerichtes kann es nicht furchtbarer sein. Mitten in das Getümmel und Zetermordiorufen fuhr ein Donnerschlag, der die Ohren betäubte, und schwarzer Qualm, worin dunkelrothe Flammen zuckten, wälzte sich hoch auf. Feuer loderte darunter, als spie es die Erde aus; und über dem schwarzen Rauchschwall regnete es Feuer vom Himmel herab. Das Kloster war fast zur Hälfte in die Luft geflogen und brannte lichterlohe, und die Flammen schlugen zu den Thürmen auf, daß die Glocken zerschmolzen. Funken sprüheten aus den Fenstern und rothe Gluthen quollen durch die Dächer der Häuser und Ställe. Das Jammergeschrei und Winseln der Menschen und Thiere hallte, zwischen Gerassel und Geprassel zusammenstürzender Gebäude, mit dem Knallen von Flintenschüssen vermengt, weit umher von Bergen zurück. Auch landauswärts sah man breite Rauchsäulen emporsteigen. Nun, das war gut. Da dachte ich denn in meinem Sinn – – –

Alle Donner! schrie Uli. Ich sage Dir mit Deinem verdammten »das war gut« noch einmal, lobe mir nicht die Erzteufel der Hölle und ihre Werke! Oder hat die Feuersbrunst auch Deinen Hirnkasten ergriffen?

Da dachte ich, fuhr Cajacos in seinem ächzenden Klagetone fort, das schöne Gotteshaus und die unschuldigen Hütten haben ja nicht gesündigt, und müssen doch Schutt und Asche werden; so kommt die Reihe gewißlich nun an uns unglückselige Menschenkinder. Sie sparen uns für die Nacht auf, damit die Sonne nicht Zeuge unserer Todesqualen sei. Und als die Nacht kam, stahl ich mich durch die Wachtposten und floh in die Berge. Wohl mögen jetzt auf den rauchenden Brandstätten viele hundert Leichen liegen.Später wurde bekannt, daß an diesem Tage (den 6. Mai) beim Mordbrand neun Menschen umkamen, 107 Häuser, 115 Scheuern und Ställe eingeäschert wurden, ungerechnet einen großen Theil der Abtei. Der Schaden durch Raub und Plünderung ist nicht zu berechnen; wohl aber, daß dabei 208 Stück Ochsen und Kühe, 329 Stück Schmalvieh u. s. w. verloren gingen.

Und das Schloß Castelberg? fragte Flavian und Pauline zugleich, mit zitternder Stimme.

Es war von Soldaten bewacht und der Würgengel ging vorüber, antwortete der Gerettete. Manches arme Weib mit seinen Kindern fand dort Zuflucht und Trost. Auch der General kehrte darin ein, und ritt, mit düsteren Geberden, hin und her. Ich sah es ihm an, als er, auf seinem großen pechschwarzen Gaul, einmal an mir vorübertrabte, daß ihm selbst beim Anblick des Gräuels das Herz wehe thun mochte, und daß er die Augen zum Himmel wendete, als wolle er für sich Gnade erflehen. Auch sah ich in den Reihen der Kriegsknechte Manche, die wohl Mitleid trugen, und ein weinendes Kind über die Ringmauer in den Schloßhof hoben. Steine hätten bei dem Elend und Jammer Erbarmen haben müssen. Und wer weiß denn, wann Alles ein Ende nehmen wird? Ihr guten Leute von Panix, bringt Euer Bestes in Sicherheit und betet zu Gott und allen Heiligen, daß Ihr verschont bleibt, und daß die Franzosen nicht bei Euch einkehren.

Hast Recht, Jeele, und abermals Recht! stimmte Uli bei. Doch, Ihr Panixer, laßt nicht alle Hoffnung sinken. Feldmarschall Hotze ist auch noch da, und der Tanz am Luziensteig noch lange nicht zu Ende. Man wird den Mordbrennern wohl einmal den Pelz in ihrem eigenen Blute waschen; denn der Herrgott, der uns in die Grube fallen ließ, zieht uns sicherlich wieder heraus. Nicht wahr, Herr Pfarrer, das wißt Ihr besser?

Der geistliche Herr stand bleich, mit unbeweglichen Augen da, und hatte weder eigenen Glaubenstrost, noch Ohren für die salbungsreichen Reden des Tavetschers. Die Weiber weinten, die Männer lispelten mit den Lippen Gebete, oder bissen im Grimme die Zähne zusammen, und ballten die Fäuste. Nach und nach sonderten sich Einige ab, und eilten heim, um ihre Habe zu retten. Bald folgten Mehrere dem Beispiele, bis der ganze Haufen aus einander lief.

Unsere Pferde heraus, Ihr Männer! erscholl Uli's kraftvolle Stimme. Was säumet Ihr und gafft in's Blaue hinaus, wie das Bild in der Kapelle. Vorwärts, vorwärts, denn die Zeit läßt sich an keinen Pfahl binden!

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