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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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42.
Endliche Abreise.

Die Alpenfirnen leuchteten vom Morgenhimmel in's Thal; die Bewohner des Schlosses aber lagen noch im Arme des Traumgottes, aller Leiden und Schrecken der Tage vergessen. Da verließ Flavian, von Uli Goin begleitet, die ihm liebgewordene alterthümliche Burg, schritt grüßend durch die französischen Wachen, um den Weg zu seinen neuen Schutzbefohlenen anzutreten. – Was Liebe oder Dankbarkeit, im Schmerz der Trennung und kaum zu hoffenden Wiedersehens, aussprechen können, hatte er in zurückgelassenen Briefen, der Frau von Castelberg, so wie dem ehrwürdigen Pater Gregorius, gesagt.

Indem er, den rauhen Bergweg niedersteigend, das bescheidene Disentis, die stolz darüber thronende Abtei, mit ihren, im Frühlicht schimmernden Gebäuden, dann die felsengrauen, verwitterten Mauern des Schlosses hinter sich verschwinden sah, wurde ihm leichter und weiter um's Herz, wie wenn er aus einem beklemmenden, ängstlichen Traume erwache. Bald lagen die wohlbekannten, wild über einander gewürfelten Berge, sammt den armseligen Hütten von Disla, hinter ihm. Durch die Dörfer Compadiels, Sumvix und Trons zum heiligen Ahorn und seiner Kapelle gelangt, verließ er das Thal, welches fortan für sein Leben die Quelle der fürchterlichsten Erinnerungen bleiben sollte. Von hier schlug sich der Pfad, links, bergauf, nach dem Tumpio-Gebirge, von wo die Höhen des Kistenberges und Selbsanfts silbern herab strahlten.

An allen Orten durch die Verbindungsposten der französischen Soldaten angehalten, ausgefragt und verzögert, war den beiden Wanderern ein guter Theil des Morgens auf dem Wege verstrichen, der sonst wohl in drei kleinen Stunden zurückgelegt wird. Um so ruhiger eilten sie dann zur Hochebene des Kulmattenberges hinauf, wo zwischen grünenden Triften und kleinen Ackerfeldern das Dorf Brigels mit seinen Kapellen, viertausend Fuß über dem Meere erhaben, liegt. Die Gegend wurde öder; kein Obstbaum gewährte ihnen Schatten oder streute ihnen Blüthen entgegen; aber eine reinere Luft umfloß und badete ihre Glieder, und ein frischer Windstrom, aus den Schluchten des umgletscherten Thales von Frisäl, kühlte die heißen Strahlen der Maisonne.

Uli Goin, der seit dem kläglichen Untergange des Landsturmes nicht mehr viel vom alten Heldenmuthe, noch weniger aber, in der unmittelbaren Nähe der fremden Sieger, das ruhigste Gewissen behalten haben mochte, schien heimlich froh, den mißtrauischen Augen der französischen Posten auf anständige Weise entrückt zu sein. Bei einem Brodherrn, wie er sich keinen besseren wünschen konnte, war er glücklich, die Gelegenheit gefunden zu haben, sorglos in der lieben Welt umherzustreichen. Er würde in seiner Herzenslust ein Liedchen angestimmt haben, hätte er nicht besorgen müssen, die Aufmerksamkeit der Franzosen im Thale drunten auf sich zu ziehen und die unwillkommenen Musikliebhaber unversehens im Nacken zu haben. So begnügte er sich, ununterbrochen plaudernd, neben seinem jungen Gebieter hinzuschreiten, gleichviel, ob dieser ihm antwortete, oder nicht. Nie war er geschwätziger und, nach seiner Art, sinn- und spruchreicher, als wenn Andere schwiegen.

Sein Reisegefährte schritt unterdessen, in seinen Gedanken durch Vergangenheit und Zukunft schwärmend, stille vorwärts; bald bekümmert um das Loos seiner Wohlthäterin im Schlosse; bald selig in der Hoffnung, am Rheine seine Schwester Sabine umarmen zu können; bald in Verlegenheit, auf welchen Wegen und wohin er am sichersten die österreichische Schöne entführen könne, deren Ritter und Schirmherr zu werden er gelobt hatte.

Dies Fräulein mit dem hübschen Namen, diese unbekannte Mitwisserin um das theuerste und schmerzlichste Geheimniß seiner Seele, beschäftigte ihn zuletzt am meisten; und um so lebhafter, je näher er dem Orte ihres gegenwärtigen Aufenthaltes kam. Wie, dachte er, wenn Pater Gregor und die Gemahlin des Landrichters vielleicht absichtlich das Wichtigste verschwiegen hätten? Wie, wenn jene unbekannte Pauline selbst die schöne Elfriede von Marmels wäre? Es fuhr mit dieser Vorstellung ein wunderbarer Schauer durch sein Innerstes. Und immer und unwiderstehlich, wie eine Ahnung, kehrte dieser Gedanken zurück, wenn er sich seiner, als allzu romanhafter Träumerei, entschlagen wollte. Welches abenteuerliche Verhängniß, dachte er bei sich, hätte auch das kindlich-schüchterne Mädchen aus den Bequemlichkeiten des Wiener Palastes in die schmutzigen Hütten und unwirthlichen Einöden dieser Gebirgswelt verlocken, oder es nöthigen können, die Ruhe und Sicherheit der großen Kaiserstadt mit dem Schauplatze blutiger Schlachtfelder zu vertauschen? Aber Frau von Grienenburg, die Stiefmutter, war gestorben; Elfriede, in Wien, verwaist. Noch mehr, Graf Malariva war nach Bünden gekommen; er, ihr Vormund, der einst um ihre Hand geworben; der sie vielleicht, um sich ihrer Person zu versichern, in diese Gegenden geführt hatte. Sollte die Verschleierte, welche einst in Disentis an seinem Krankenlager erschienen war, und ihm schweigend und bedeutungsvoll das Medaillon mit der Rose von Disentis entgegen gehalten hatte, wirklich nur ein fieberhaftes Gespinnst der Phantasie, nur ein Trugbild seiner überreizten Augennerven gewesen sein? Und wenn er dazu des jungen Landmädchens gedachte, dessen Gestalt, Gang und Haltung so lebhaft an Elfriede erinnert hatten, als er unter den Bergtrümmern über Disla vorübergegangen war; und wenn er an des greisen Kapitulars sonderbare Verwirrung bei dem Anblicke derselben dachte, dann – –

Er stand, sich mit solchen behaglichen Vermuthungen tragend, vor der Hausthüre des Ammanns von Brigels. Da drängte sich ihm alles Blut zu Haupt und Herzen. Er konnte kaum athmen; fürchtete und sehnte sich zugleich, die hier zu erblicken, welche er bisher bald lieben, bald verachten mußte. Aber Uli stürmte lärmend voran in das Haus, und fröhlich in ein offenes Zimmer, wo der Ammann mit seiner Familie beim Mittagsmahle saß. Dieser begrüßte die Eintretenden und erkannte sie sogleich, als die durch Frau von Castelberg Angemeldeten. Seinem Berichte zufolge waren die ängstlichen Frauenzimmer, schon am Tage vorher, weiter geflohen, sobald die Nachricht vom wirklichen Anzuge der französischen Truppen bekannt geworden und die Sage umgelaufen war, eine Abtheilung der Krieger werde ohne Zweifel nach Brigels heraufkommen.

Ich selbst, erzählte der ehrliche Gemeindevorsteher, ich selbst, Herr, konnte unter solchen Umständen den armen Flüchtlingen nicht wohl rathen, länger bei mir zu verweilen. Man kennt das Franzosenvolk, und nach Allem, was leider! vorangegangen ist, haben wir schlimme Gäste zu erwarten. Nun, Gott wird's zum Besten wenden. Deshalb haben sich die zitternden Frauen eilfertig auf den Weg gemacht, nachdem ich sie, so gut ich's vermochte, versorgt hatte. Mein Rath war, sie sollten sich nach Panix begeben, dem letzten bewohnten Orte droben am Berge. Der Herr Pfarrer daselbst, zu dem ich sie geschickt habe, ist ein guter, ein menschenfreundlicher Herr. Er pflegt Reisenden, wenn sie zur Sommerszeit aus dem Sernftthal, über den Quolm Glaruna steigen, Herberge zu geben. Ich ließ zwei sicher gehende Bergpferde kommen; denn solche Frauenzimmer haben keine Füße für unsere rauhen Pfade, sie tragen nicht einmal Nagelschuhe. Ihrer zwei konnten wohl aufsitzen; die ältere Frau, welche noch ganz hübsch ist, wie auch das junge Mädchen, eine frische, volle, rothbäckige, lustige Dirne, vermuthlich die Kammerjungfer der Alten. Aber mich dauern Beide, daß sie sich mit einem elenden Krüppel, einer Kranken, umherschleppen. Für diese mußte ich einen Tragsessel einrichten und mit Kopfkissen polstern lassen. So hat man das arme Geschöpf, durch einige starke Männer, nach Panix hinauf transportirt. Das gebrechliche Ding dauert mich. Es leidet, glaube ich, an Aussatz oder Eiterbeulen. Das ganze Gesicht ist mit Geschwüren bedeckt.

Während der Wirth die umständliche Meldung fortsetzte, leistete Uli der geschäftigen Hausfrau, mit welcher er sich eifrig unterhalten hatte, in der Küche und beim Decken des Tisches, die nöthigen Dienste. Flavian, durch die Mittheilungen des Ammanns beruhigt, weil jetzt überzeugt, daß Fräulein Pauline keineswegs Fräulein Elfriede sein könne, ließ sich die einfache, jedoch reichlich aufgetragene Mahlzeit gut schmecken; und sobald die irdenen Schüsseln geleert waren, rief er, nach dankbar geleisteter Zahlung, seinen erquickten Reisegefährten zum Aufbruch nach Panix.

Beide, besser gelaunt, mochten, bei launigen Gesprächen, fast eine Stunde Weges zurückgelegt haben, als ihre Unterhaltung von einem ungewöhnlichen Ereigniß plötzlich gestört wurde. Ein furchtbar erschütternder, dumpfer Knall oder Schlag, der längs den Felswänden der Gebirge hindröhnte, und wenn er verhallt schien, wieder zurückdonnerte, durchfuhr die Luft. Es war, als sei ein ganzer Berg zusammengebrochen, und mit schmetterndem Geprassel in den Abgrund niedergestürzt.

Was ist das? rief Flavian stillstehend und nach allen Seiten in das dunkle Blau des Himmels schauend, welches durch kein Wölkchen unterbrochen wurde.

Es war, als schlüge ein schweres Gewitter ein, sagte Uli, der verblüfft die Firsten der Alpenkette übersah. Frühem Donner, Herr Hauptmann, folgt Hungerszeit. Donner war es jedoch nicht, aber ein stärkerer Knall als Kartätschenfeuer, was mir von Ems her noch immer in den Ohren nachklingt. Es muß irgendwo eine große Lawine von den Gletschern gestürzt sein, wie die von 49, welche von der Malamusa am Crispalt herunterschoß, und das ganze Dorf Rueras sowie gegen hundert Menschen begraben hat. Gebt Acht, die Hiobspost wird hier auch nicht ausbleiben. Dem Unglück läuft das Gerücht zwar nicht immer voran, aber gewiß folgt ihm schließlich ein hinkender Bote.

Schaue hinüber, Uli, schaue nach dem hohen Piz Cavaradi und dem breiten Six-Madun, – dort, es ist die Gegend von Tavetsch, oder Disentis! Siehe, wie es zwischen den Bergen, gleich einem starken Nebel, wolkig aufsteigt.

Mit Erlaubniß, Herr Hauptmann, solchen Nebel findet man eher zwischen Kochtöpfen, als Schneebergen. Das qualmt, wie aufsteigender Rauch. Hundert zu gleicher Zeit abgefeuerte Kanonen geben nicht solchen Knall, wie den vorhin, von dem die Berge erbebten. Man sollte schwören, die Erde sei auseinander geborsten, speie Flammen und Rauch, und schlinge die verdammten Franzosen, was eben nicht das Schlimmste bei der Sache wäre, mit Haut und Haaren in den feurigen Rachen hinunter.

In jedem Falle hat sich dort etwas Außerordentliches und Schreckliches zugetragen, meinte Flavian. Siehe nur, die Berge verschwinden hinter dicken Wolken, die, braun und grau gemischt, aufsteigen.

Herr Hauptmann, ich will nichts gesagt haben; aber denkt an mich. Unser heiliger Placidus, das weiß man, läßt wahrlich keinen Spaß mit sich treiben; und auf ein Wunder mehr oder weniger kommt's ihm wahrhaftig auch nicht an. Er hat, wollet Ihr wetten? den stinkenden Ketzern, den Franzosen, eins aufgespielt, daß ihnen Hören und Sehen vergeht. Diese Heiden haben ihr Wesen zu arg getrieben, und können doch unserem Herrgott am Ende nicht aus dem Garn laufen.

Ich möchte glauben, nahm Flavian wieder das Wort, ein paar Dutzend Pulverwagen wären in die Lust geflogen. Auch schwillt das graue Nebel- oder Rauchmeer fortwährend an, statt sich zu verziehen.

Nachdem sich Beide in fruchtlosen Muthmaßungen gänzlich erschöpft hatten, schickten sie sich zur Fortsetzung der Wanderschaft an, das Gesicht jedoch fortwährend zurückgewendet.

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