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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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41.
Neue Gefahr.

Erschrocken sprang Uli Goin am Morgen in das Zimmer seines Herrn, und rief: Aus, aus! Wer schaut der Zukunft in die Karte? Vielleicht ist für uns sammt und sonders der Jüngste Tag erschienen. Man schlägt sich wieder mit den Franzosen. Ein Rest des Landsturms muß sich zusammengethan haben; denn nur einzelnes Plänklerfeuer läßt sich hören. Wer flüchten kann, flüchtet über Berg und Wald. Die Franzosen sind nahe, sehr nahe!

Prevost sprang hastig vom Bette auf, und warf sich in einen langen blauen Ueberrock, wie ihn damals die Offiziere der französischen Armee auf den Märschen zu tragen pflegten; darüber schnallte er den Schleppsäbel. Er hatte das Nöthigste zu seinem kriegerischen Schmucke kaum vollendet, als man ein leises Pochen an der Thüre vernahm. Frau von Castelberg wankte, mit Angst in Augen und Mienen, zitternd herein.

Was wird aus uns Unglücklichen, seufzte sie. Man hört nicht weit entfernt die Trommeln des heranrückenden Feindes, dessen Wuth der letzte, schwache Widerstand der Bauern nur gesteigert haben wird. Hier, lieber Hauptmann, nehmen Sie das Zeugniß der Offiziere und des Generals Loison. Vielleicht befehligt er selbst die Truppen. Erflehen Sie von ihm eine Schutzwache für das Schloß und Gnade für Disentis. Oder, was meinen Sie, was soll ich thun?

Verzagen Sie nicht, Frau Landrichterin, entgegnete Flavian. Unser Gott ist ebenfalls nahe. Ich werde den General aufsuchen, wer er immerhin sein möge. Bereiten Sie indessen für die zahlreichen Ankömmlinge ein reichliches Frühstück, so gut es Eile und Umstände gestatten.

Wie ruhig er auch, um sie zu beruhigen, sprach, war ihm selbst, bei den nahenden Ereignissen, doch nichts weniger, als wohl zu Muthe. Nur mühsam flößte er, durch seinen Zuspruch, der sonst entschlossenen Frau einige Zuversicht ein. Dann verließ sie ihn, Zurüstungen zum Empfange der feindlichen Gäste zu treffen. Während er frühstückte, entfernte sich Uli von Zeit zu Zeit, um Nachrichten zu sammeln. Von einem der flüchtigen Landleute hatte der treue Diener vernommen, daß die Niederlage, welche der Landsturm auf den Feldern von Chur und Ems erlitten, blutiger gewesen, als man geglaubt hatte; daß mehrere hundert Bauern aus den verschiedensten Landesgegenden umgekommen seien; daß die Franzosen, ein paar tausend Mann stark, unterhalb des Schlosses Castelberg Halt gemacht hätten, und bald einrücken würden.

In der That vernahm man bald näher und lauter das Geräusch der Trommeln. Flavian nahm seinen Militärhut; trat in den Schloßhof hinaus, und stellte sich gelassen vor die Pforte desselben. Schon war der Vortrab der Bataillone, auf der rauhen Bergstraße, neben der Plaziduskapelle vorbeigezogen. Aus der Tiefe rechts kamen blitzend Bajonette, Gewehre und Fahnen zum Vorschein, als wüchse ein Heer aus dem Boden. Flavian näherte sich den Truppen um einige Schritte. Einen ihm nahe stehenden Offizier fragte er um den Namen des kommandirenden Generals. General Chabran! lautete die Antwort. Nun war die Reihe des Antwortens an Flavian: wer er sei, der, als französischer Offizier, wofür er doch gelten wolle, nicht einmal den Namen seines Oberbefehlshabers kenne, und damit gegründeten Verdacht errege? Der Schützenhauptmann gab umständliche Auskunft. Allein der Franzose schien ihm wenig zu trauen. Mögen Sie sein, wer Sie wollen, sagte dieser, ich muß Sie bitten, mir einstweilen nicht von der Seite zu gehen. Ich werde Sie dem General vorstellen; Sie mögen sich bei ihm ausweisen.

Ich bin Ihnen dankbar, erwiederte der Verhaftete, Besseres verlange ich nicht; ich war selbst im Begriff, ihn aufzusuchen.

General Chabran, mit seinen Adjutanten, ritt indessen vorüber, befehligte aber Halt, sobald sich die Truppen auf der Wiesenfläche zwischen Dorf und Kapelle befanden. Es näherten sich dem Feldherrn die Oberoffiziere und er gab die letzten Weisungen. Sobald sie zu ihren Posten zurückgeeilt waren, wurde Flavian von seinem argwöhnischen Geleitsmann zum Befehlshaber geführt. Dieser, nachdem er einige Worte des Diensteifrigen angehört, wandte sich verdrießlich zu Prevost und fragte: Wer sind Sie? Was treiben Sie hier? Wohin gehören Sie?

Eben so kurz und bestimmt berichtete dieser über sich und seine Unfälle im Dienste der Armee. Zur Beglaubigung seines Wortes überreichte er, neben dem Schreiben des Generals Demont, das Zeugniß Loison's. Chabran durchflog die Blätter, gab sie zurück und sagte: Bürger Prevost, ich habe Sie auf meiner Liste. Gut, daß Sie sich selbst stellen. Sie kommen mir gelegen. Jetzt fehlt mir indessen Zeit. Ist jener graue Steinhaufen wirklich das Schloß Castelberg?

Ja, mein General, das Asyl der gefangen gewesenen Offiziere, wo Ihre Ankunft von der gastfreundlichen Bürgerin Castelberg erwartet wird.

Wahrhaftig kein Feenschloß, doch im Aeußeren dieser Einöde des Gebirges vollkommen angemessen, sagte lächelnd der General. Erwarten Sie mich dort. Giebt's hier umher noch zusammengelaufene Bauern? Denkt man noch an Gegenwehr?

Nein, General; sie haben ihre böse Lust gebüßt.

Die Trommeln wirbelten; der Feldherr sprengte davon. Die Truppen rückten in's Dorf ein. Links bewegte sich eine kleine Abtheilung von zwanzig Mann nach dem Schlosse; rechts zog eine Kompagnie bergauf, den Weg zur Abtei. Bald sah man auch hinter Disentis Truppenzüge in den Feldern, die ihre Richtung nach den letzten und höchstgelegenen Ortschaften des Oberlandes, nach Tavetsch, Rueras und weiter umher nahmen.

Flavian fand bei seiner Rückkunft in's Schloß die Frau von Castelberg weniger bekümmert; aber mit ihrem gesammten Hausgesinde viel beschäftigt, die in den Hof eingerückte Mannschaft mit Erquickungen zu versorgen. Der höflichen Erklärung des Lieutenants, der die Soldaten geführt hatte, zufolge, waren diese vom General befehligt, den Dienst einer Schutzwache zu verrichten, als Zeichen der Dankbarkeit für die im früheren Volksaufstande geretteten Franzosen.

Später erschien der Oberbefehlshaber mit zahlreicher Begleitung selbst, um das ihn längst erwartende Mittagsmahl einzunehmen. Er war ein angenehmer Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren; unter den französischen Feldherren eben so sehr durch persönliche Tapferkeit und Klugheit, als durch Milde und Mäßigung ausgezeichnet. Er war heiter und ernst im rechten Augenblicke, wußte, bei Tafel, der Dame des Hauses so viel Verbindliches über ihren, nach Loison's Rückzug, bewiesenen Edelmuth zu sagen, und sie über die Sicherheit ihrer Person und ihres Eigenthums so vollkommen zu beruhigen, daß sie einen freudigen Blick auf Prevost warf, und es sogar wagte, für die Schonung der armen Bewohner von Disentis und der Umgegend zu bitten.

Sie bitten um Schonung, sagte Chabran, ich bin nichts weniger, als hartherzig, geschweige grausam; aber gerecht muß ich sein, und, auf die Sicherheit und Ehre der Truppen bedacht, auch wenn es meinem Herzen wehe thut, verblendete, fanatisirte Menschen, nach Kriegsrecht bestrafen. In der Nacht vom 4. zum 5. Mai wurden in diesen Dörfern unsere einquartierten Soldaten gefangen und auf die gräuelhafteste Weise ermordet. Bürger Prevost und die Wunden, mit denen er entkam, können am besten davon sprechen. Dennoch wurde die Unmenschlichkeit von uns mit Menschlichkeit vergolten. Der Ober-General Massena begnügte sich, nur die Auslieferung der Aufwiegler zu fordern. Statt der Erkenntlichkeit für unsere Großmuth, und während wir für die Bündner kämpften, begann der zweite Aufruhr, und die zweite Mordthat wurde vollbracht. Hier, hier in Disentis wurden, trotz der geschlossenen Kapitulation, mehr als hundert Franzosen meuchelmörderisch niedergemetzelt. Kann Ihnen, Madame, das Schicksal der Wittwen und Waisen der Erschlagenen gleichgültig sein? Darf es uns das sein?

Frau von Castelberg antwortete, gesenkten Blickes, mit einem Seufzer.

Ich verlange einstweilen, fuhr der General fort, für jene beklagenswerthen Wittwen und Waisen eine Contribution von wenigstens 10,000 Francs; die Auslieferung der ersten Anhetzer zum Landsturm und der Bösewichter, welche den Mord begingen; oder aber –

Die Einwohner von Disentis sind, so wahr ein Gott lebt! an der gräßlichen That durchaus schuldlos, General, und es kann bewiesen werden, daß sie, so wie auch einige Mönche des Klosters, mit eigener Lebensgefahr, sie abzuwehren strebten, rief Frau von Castelberg, und Flavian bestätigte ihr Wort.

Ich kann persönlich in keine Untersuchung eintreten, erwiederte der General, die Ortsvorgesetzten sind schon von meinem Willen unterrichtet. Mir ist nur eine kurze Zeit zugemessen, und ich vollstrecke meine Pflicht. Alle müssen mir für das Verbrechen haften, und beim geringsten Zaudern bin ich gezwungen, ein furchtbares Gericht zu halten.

Man kann sich wohl denken, eine Unterhaltung, wie diese, gehörte nicht zu den erfreulichsten an der reich und wohlbesetzten Tafel. Auch erhob sich der General bald; ließ die Pferde wieder satteln, und begab sich inzwischen in ein anderes Zimmer, wohin, auf seinen Wink, Prevost ihm folgen mußte. Nach einer langen Unterredung kehrten Beide, wie es schien, mit zufriedenem Gesichte zurück. General Chabran beurlaubte sich bei der Gebieterin des Hauses auf die artigste Weise; versicherte sie wiederholt seines vollen Schutzes, so lange er in dieser Gegend den Befehl führe; schwang sich, nebst seinen Begleitern, auf's Pferd und eilte davon.

Der Tag verstrich unter Befürchtungen und Ahnungen, die Einer dem Andern mittheilte, und welche die Angst des Andern vermehrte, ohne die eigene vermindern zu können. Gerüchte schrecklicher Art liefen von Mund zu Mund, von Ohr zu Ohr, die Jeder zwar laut verwarf, im Stillen jedoch glaubte: man würde die Ortschaften zerstören, wo französisches Blut vergossen worden; die junge Mannschaft werde ausgehoben und unter das französische Militär vertheilt werden; in den Zimmern des Abtes Kathomen sei, unter den Papieren desselben, die Liste Aller gefunden worden, welche in Graubünden an der Verschwörung gegen die französische Armee Theil genommen und die Aufstände angezettelt hätten; Keinem von diesen werde das Leben geschenkt werden; und man habe in allen Ortschaften die begütertsten Männer und Hausväter verhaftet, um sie, als Geiseln, nach Frankreich zu schleppen.

Die Schutzwache des Schlosses wurde noch in später Abendstunde fast um's Doppelte verstärkt. Der Kapitän, welcher den Befehl über sie empfangen hatte, meldete der Frau von Castelberg den Willen des Generals, daß sie die Mannschaft verpflegen, übrigens, für die Sicherheit ihres Eigenthums, unbesorgt sein möge.

Ich bin es und darf's wohl sein, seufzte sie weinend, als sie sich endlich mit Prevost im Wohnzimmer allein sah. Aber meine in der Irre umherflüchtenden Verwandten und Freunde? Werde ich sie je wieder erblicken und wie? Liegt nicht schon jetzt vielleicht mancher von ihnen unter den Todten bei Chur und sonst in Feldern und Wäldern unbegraben, ungekannt und unbeklagt? Wehe der blödsinnigen Raserei unserer politischen Parteien, welche fremde Mörderschaaren in diese Thäler riefen, Jammer auf Jammer häuften; und im Namen der Freiheit und des Vaterlandes, Freiheit und Vaterland tödteten, um einander nur gegenseitig selbst verderben zu können! Möge ihnen die Barmherzigkeit Gottes Verbrechen verzeihen, die sie für Tugenden halten. – Doch, es ist nicht mehr Zeit zur Klage. Das Elend ist da. Wir müssen retten, und Trost und Hülfe bringen, wo sie noch möglich ist. Dank Ihnen, lieber Hauptmann; ich, für meine Person, bedarf Ihres Beistandes nicht mehr. Aber gedenken Sie des verlassenen Fräuleins von Stetten! Morgen in aller Frühe brechen Sie auf, ich beschwöre Sie, und gewähren Sie dort Trost, Rath und Schutz, wie Sie mir gewährt haben. Oder hat Ihnen General Chabran untersagt, sich zu entfernen?

Keineswegs. Vielmehr empfing ich die mündliche und schriftliche Weisung, mich ohne Verzug zur Brigade Loison zu begeben.

Zur Brigade Loison? Um des Himmels willen, Herr Prevost, was soll aber aus den Frauen werden, die jetzt rathlos und verloren in Brigels sitzen; keinen Menschen weit umher kennen und vielleicht den Mißhandlungen und den Gewaltthätigkeiten der Soldaten preisgegeben sind? Hätte ich doch die unglückseligen Geschöpfe überreden können, hier im Schlosse Zuflucht zu nehmen! Hier wären sie geborgen gewesen. Chabran ist ein menschenfreundlicher Mann. Aber die ängstlichen Seelen waren zu unruhig, zu furchtsam, als daß sie mich gehört hätten.

Flavian unterbrach die Klagen der edeln Frau mit der Versicherung, er werde sich durch General Chabran so wenig, als durch Loison, binden lassen. Er sei zu dem Letzteren nur als Freiwilliger getreten, ohne damit irgend welche Verpflichtungen auf längere Zeit eingegangen zu sein. Er wolle, mit Tagesanbruch, den Weg nach Brigels wählen und das Fräulein von Stetten aufsuchen.

Nehmen wir keinen Abschied von einander, sagte die Getröstete endlich nach vielfachen Verabredungen. Unsere Herzen sind des Kummers und Harmes vollgefüllt genug. Warum uns mit neuen Schmerzen quälen? Gott mit Ihnen, braver junger Mann; lassen Sie bald wieder von sich hören. Gute Nacht! – Sie reichte ihm die Hand, die er mit Küssen und Thränen bedeckte. Auch sie ging weinend zur Thüre hinaus.

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