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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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39.
Der Rückzug.

Es hatten sich ans dem Schloßplatze, wo es bisher leer und ruhig gewesen war, von Zeit zu Zeit Vorübergehende gezeigt, welche aus der Gegend des Schlachtfeldes zu kommen schienen. Sie wurden bald zahlreicher und schritten auch eilfertiger vorüber. Flavian öffnete neugierig einen Flügel des Fensters, doch Niemand achtete auf ihn; Keiner wechselte selbst mit dem Nebenmanne ein Wort. Jeder ging ernst und schweigend weiter, mochte er bewaffnet oder unbewaffnet sein.

Verwundert über das Geheimnißvolle dieses Zuges, rief Prevost eine Frage hinaus. Man erwiederte jedoch nichts, und sah kaum nach dem Frager zurück. Er verließ endlich den Saal, trat vor die Schloßthür, dann auf den Platz, hielt den Ersten, der ihm nahe war, fest, und fragte: Wohin des Weges, guter Freund? Dieser aber riß sich schweigend los und schien ihn nicht zu verstehen. Er fragte einen Zweiten, wie die Sachen ständen? Schlimm, war die Antwort.

Inzwischen ergoß sich von der Brücke ein großer Menschenschwarm, aus welchem Uli Goin, der nach links und rechts schrie und eiferte, hoch hervorragte. Flavian rief ihn heran, und Uli erblickte nicht sobald seinen Schützenhauptmann, als er auch, die Leute zur Seite werfend, durch den Strom des Zuges brach und zu ihm hinlief.

Alle Donner, Herr Hauptmann, was steht Ihr müßig da und gafft? schrie er ihn an. Ich habe Euch gestern und heute in allen Winkeln gesucht, und nun steht Ihr so ruhig da, als wär' es Sonntag Abend vor der Schenke. Fort! fort! das schönste Spiel ist verloren gegangen, weil uns die Kaiserlichen im Stiche ließen. Sünde und Schande; den Trumpf in Händen halten und verlieren! Nun ist's aus, Katz und Maus. Säumet nicht; man ist uns auf den Fersen!

Ich weiche nicht von der Stelle, Uli, denn Malariva liegt tödtlich verwundet im Schlosse.

Malariva? Laßt den Duckmäuser verenden! Wollt Ihr Euch seinetwegen die Haut von den Büchsen der verdammten Franzosen durchlöchern lassen? Die Teufelshusaren sitzen uns schon im Nacken; fort, ehe sie herankommen!

Werde, wie es wolle, Uli. Ich nehme mich des Grafen an; er hat mein Wort. Gehe, wohin Du magst und rette Dich selbst.

Mich, ohne Euch? Daraus wird nichts, Herr Hauptmann. Wenn Ihr den Teufel nicht fürchtet, so mag ich's im Nothfall mit seiner Großmutter aufnehmen. Ich bleibe an Eurer Seite, bis Ihr zum Gehen gewillt seid; und der Wille wird mit der Noth schon kommen. So laßt schauen, was der alte Fuchs drinnen treibt? Er hätte besser gethan, daheim im Loche zu bleiben, statt den Hunden seinen Schwanz hinauszustrecken.

Uli folgte dem Hauptmanne in's Schloß, zum blutigen Lager des Grafen. Dieser lag, wie vorher, mit geschlossenen Augen da, nur leise athmend.

Ließe sich nur ein Arzt finden, seufzte Flavian ängstlich.

Den Kranken lange von allen Seiten beschauend, schüttelte Uli den Kopf und meinte: Das soll der Graf sein? Ich erkenne ihn ja nicht mehr. Der Rock ist sich ähnlicher geblieben, als das Gesicht. Er hat, glaubt es mir, auf dem letzten Loche gepfiffen, Herr Hauptmann. Wünschen wir ihm eine gute Nacht, und sorgen wir für uns selbst.

Es scheint wirklich, flüsterte Flavian, es neige sich mit ihm zum Ende. Ich bedaure ihn. Ein Mensch in den schönsten Jahren.

Ei nun, Herr Hauptmann, die Jahre sind wohl allesammt schön; aber der Tod hält keinen Kalender, und fragt, wenn er anklopft, nach keinem Geburtstage.

Rede leise! sagte Flavian, Du weckst ihn auf.

Den störet man im Schlafe nicht mehr, und das Hören hat er verlernt. Sehet, er streckt schon die Beine; er ist am Sterben. Beten wir für seine arme Seele ein Ave Maria, und machen wir uns aus dem Staube.

Da schlug der Graf die Augen auf. Sie waren gläsern und starr, wie Fischaugen. Er lispelte mit matter Stimme: Wer sterben? – Was? – Nicht sterben? – Er verzog das Gesicht, warf sich auf die Seite; rief: Luft! Luft! richtete sich dann zur Hälfte in die Höhe, und schrie, wie in Todesangst, mit halberstickter Stimme: Nicht sterben! – darf nicht! – kann nicht – will nicht – – – Dann fiel er mit Todesröcheln erbleichend auf's Lager zurück. Er hatte ausgeathmet. Die gebrochenen, stieren Augen blieben offen; das Gesicht wurde bläulich und schien sich zu verlängern, seinem Munde entquoll ein Blutstrom. Flavian wandte sich mit Grausen ab.

Gott habe ihn selig, sagt man, wenn's Matthäi am Letzten ist, seufzte Uli Goin. Todten Leuten zürne ich nicht. Alle Sünde sei ihm vergeben. Nun auf, nun in's Weite mit uns! Er krallte den Hauptmann mit seiner knorrigen Faust ungestüm in den Arm, und riß ihn aus dem Schlosse mit sich in das Gedränge der Flüchtigen, deren keuchende Haufen kein Ende nahmen.

Mit so weitschallendem Lärmen der Auszug des Landsturms am Tage vorher geschehen war; eben so geräuschlos und schweigsam wurde jetzt der Rückzug bewerkstelligt. Man hätte, wäre die Menge des Volkes nicht zu groß gewesen, die langen Reihen für einen kirchlichen feierlichen Umgang halten können, dergleichen in katholischen Gegenden die Andacht der Ortschaften öfters zu vereinigen pflegt. Anstatt der zeitweise angestimmten Gebete, vernahm man hier nur die Schmerzensäußerungen eines Verwundeten, die Flüche eines Erbosten, oder das Stöhnen eines Ermüdeten. Manche blieben entkräftet zurück; Andere sonderten sich zur Linken und Rechten von den Uebrigen ab, und benutzten, in größter Eile vorrückend, thalabwärts, oder bergauf, die schlechtesten Fußwege, um ihre Heimath, Weiber und Kinder wieder zu finden. Noch hörte man hinter sich, in nicht allzu großer Entfernung, Geknatter des Kleingewehrfeuers, oder einzeln gewechselter Flintenschüsse, oder den erschütternden Luftstoß einer abgeschossenen Kanone. Und jedesmal folgte darauf unwillkürlich eine beschleunigte Fortbewegung der verworren durch einander rennenden Heimzügler.

Armes Volk, klagte Flavian. Bist also wieder einmal das Schlachtopfer wahnsinniger Parteien geworden! Nun wühlen Oesterreicher und Franzosen in Deinen Eingeweiden.

Ihr habt wohl Recht, stimmte Uli Goin ein, und trocknete den Schweiß von der Stirne. Man hätte weder Hans noch Franz in's Land lassen sollen. Jetzt haben wir's. Es ist leicht, den Teufel in's Haus zu rufen; aber von ihm wieder abkommen, ist schwer.

Ich fürchte, Uli, erinnerte Flavian, das Schrecklichste wird noch über uns ergehen, wenn die Franzosen die zweite Ermordung ihrer Kameraden erfahren. Ja, ohne Zweifel wissen sie sie schon aus dem Munde der von Trons und Tavanasa Entronnenen. Ihre Rache bleibt nicht aus.

Das haben uns die Medelser, in ihrer Hundewuth, eingebrockt, rief der Tavetscher ärgerlich. Half doch kein Wettern und Fluchen dagegen. Meinethalben! haben sie uns den Teufel geholt, mögen sie auch den Fuhrlohn für ihn zahlen. Es wäre aber, glaubt mir's, nicht so kläglich gegangen, hätten die Kaiserlichen bei Chur ehrlicher Wort gehalten. Sie wischten sich das Maul ab, und ließen uns im Kothe sitzen.

Warest Du im Gefechte?

Das will ich glauben, Herr Hauptmann. Ich bin, Ihr wißt es, Soldat, und habe Pulver gerochen; darum machten sie mich zum Offizier. Aber es war keine Ordnung zu halten; Niemand gehorchte. Bald hatte ich ein paar hundert Mann, bald kaum ein Dutzend zu kommandiren. Alles flog durcheinander, wie der Schnee in der Alp beim GuchsenDas »Guchsen« nennt man, wenn der Sturm zwischen den Felswänden der Gebirgshöhen den liegenden oder fallenden Schnee erhebt, in heftigen Wirbeln aufnimmt, und mit dem Gestöber Hirten und Heerden zu begraben droht.. Wenn ich mich auch heiser schrie, die Kerle blieben taub. Viele hatten am Morgen zu oft in's Branntweinglas geschaut, und taumelten toll und voll; Anderen sah man den Katzenjammer an, den sie sich die letzte Nacht aus den Wirthskellern geholt hatten. Sehet Ihr, Herr Hauptmann, ein einziges faules Ei kann einen ganzen Kuchen verderben, sagt man; aber da waren der faulen Eier zu viele. Darum haben wir den Geruch davon.

Es ging doch, wie ich höre, anfangs glücklich. Was gab Anlaß zur Flucht? Des Feindes Uebermacht?

Mit nichten, Herr Hauptmann. Wir waren zehnmal stärker, als die Franzosen. Wir jagten sie, wie eine Schafheerde, wild vor uns her. Wären nur die Oesterreicher, wie es Malariva's Schelmenmaul tausend Mal verheißen hatte, uns zu Hülfe gekommen, so würden alle Franzosen in's Gras gebissen haben. Statt dessen blieben die faulen Bundesgenossen dahinten bei ihren Feldkesseln sitzen, und kochten ihr Mittagsbrod. Unsere Leute hielten sich, ich muß es sagen, wie Helden. Wir waren schon bis an die Stadtgärten von Chur vorgedrungen. Da ging es heiß her. Hinter jedem Hage und Strauche lauerte ein Blaurock und eine Flinte, und die Kartätschen fielen, wie Schloßen. Das hätte indessen nichts gethan. Wir rückten vorwärts. Plötzlich aber sahen wir, mitten unter uns, wie vom Himmel herabgeregnet, ja! ja! denkt Euch, eine Menge Husaren, mit blitzenden Säbeln. Da schlug der Wind um. Alles nahm Reißaus über Stock und Stein, was nicht niedergeritten werden, oder die scharfe Klinge in's Genick haben wollte. Die Kanonen brüllten uns nach, die Kugeln pfiffen umher, wie Vögel. Hundert und aber hundert brave Leute, die wohl ein besseres Begräbniß verdient hätten, stürzten nieder.

Und wie kamst Du davon, Uli?

Ich? ich dankte zum ersten Male dem Himmel für die langen Beine; und mehr noch dafür, daß ich sie heil davon brachte. Neben den vordersten Häusern von Ems wurde endlich Halt gemacht. Wer noch Gewehr und Pulver trug, trat wieder in Reihe und Glied, oder schoß aus Ställen und Häusern; Andere wurden abgeschickt, die Flüchtlinge zurückzurufen. Ich sollte mit meiner Mannschaft die Brücken von Reichenau besetzen. Ja, ja! man hat gut kommandiren. Heiser habe ich mich geschrien; aber der Teufel war nun einmal in die Gergesener Säue gefahren; und es ist nicht gut Pelz machen, wenn man weder Haar noch Wolle hat. Hexen konnte ich nicht. Da fand ich Euch vor dem Schlosse.

Unter solchen Gesprächen, die den Weg verkürzten, brach die Nacht herein. Das Geschütz der verfolgenden Feinde schwieg. Langsamer bewegten sich nun die müden Genossen des verunglückten Landsturms voran, oder sie suchten Herberge und Nachtlager in Dörfern, Weilern und umhergelegenen Hütten und Heuställen. Es verging eine unerquickliche, bange Nacht, in welcher Viele ohne Trank und Speise blieben. Flavian, begleitet vom getreuen Uli, erreichte, folgenden Tages, Disentis und das Schloß Castelberg, wohin die Schreckensbotschaft der großen Niederlage schon gekommen war.

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