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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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38.
Tod und Wunder.

Die Sonne stand hoch am Himmel. Wie Sturmwind brauste es draußen, während Flavian sich mühsam ermannte und ungewiß um sich sah. Das Brausen währte fort, obschon die Luft still war. Er sprang auf, trat aus dem dunklen Behälter in's Freie, und erkannte, daß er sich in einer Wiese neben dem Dörfchen Tamins auf der Höhe befand. Im Thalgrunde unter ihm lag das Schloß Reichenau, ein, in etwas neuerem Geschmacke aufgeführtes großes Wohnhaus, mit Nebengebäuden, unweit zweier bedeckten, hölzernen Brücken über die beiden Ströme des Vorder- und Hinterrheins, welche in der Nähe einer Gartenanlage zusammenfielen. Man hörte in der Ferne das Geprassel lebhaften Flintenfeuers, und dazwischen längs den Lärchenwäldern des Gebirgskessels den Wiederhall von Kanonenschüssen. Einzelne Männer liefen eilig über die Felder, wie Flüchtlinge, oder wie Boten aus einem Treffen. Weiber, mit Gepäck und Kindern, stiegen den steilen Pfad zum Schlund der Kunkelser Alpen hinauf.

Flavian konnte nicht länger daran zweifeln, daß man im vollen Kampfe begriffen sei. Er machte sich auf, um Näheres vom Stande der Dinge zu erfahren. Da es im Dorfe still und leer war, ging er den Weg zum Schlosse hinunter. Er fand unterweges die Leichname einiger erschlagenen Soldaten. Auf dem Platze vor dem Schlosse und in dem gegenüber liegenden Garten war es ebenfalls wie ausgestorben. Er sah nur die Ueberbleibsel aus den Verwüstungen der letzten Nacht; gesprengte Thüren, zerschlagene Fenster, Scherben von Flaschen, Tellern und zerbrochenen Geräthschaften.

Endlich vernahm er, von der bedeckten Brücke her, über welche die Straße nach Chur führt, Männerstimmen. Er ging den Ankommenden erwartungsvoll entgegen. Es waren Bauern, die mit einer Bahre rüstig daher schritten, von welcher Blut träufelte, welches ein darauf liegender wohlgekleideter Mann verlor. Prevost erkannte, nicht ohne Schrecken, die Kleider des Unglücklichen. Es war der Graf Malariva; er also war der ersten Einer, die man vom Schlachtfelde forttrug.

Die Leute brachten den Blutenden in einen geräumigen Saal im Erdgeschosse des Schlosses, wo vor kaum zwölf Monden die jugendlichen Zöglinge einer höheren Lehranstalt noch Spiele und Vergnügungen getrieben hatten. Jetzt war der Boden des Saales mit Betten bedeckt, auf welchen, neben den Leichnamen Anderer, mehrere Verwundete wehklagten und ächzten.

Flavian kniete an das Lager des Grafen; öffnete dessen Kleider und fand die Brust neben der linken Achsel von einer Kugel, die darin geblieben zu sein schien, durchbohrt. Unter dem Beistande der wenigen anwesenden Landleute gelang die Stillung des Blutes und die Anlegung eines Verbandes mit Hülfe zerrissener Betttücher nur mühsam.

Der Graf Malariva, welcher bisher wie ein Todter dagelegen hatte, schlug endlich die Augen auf, und während er umher sah, schien er nach Erinnerungen zu suchen. Er erblickte die Verwundeten und Sterbenden, und sagte dann zu Flavian: Sind Sie allgegenwärtig? Gut; der Sieg ist unser! Verlassen Sie mich nicht. Ist die Wunde gefährlich?

Ich halte, versetzte Flavian, um den Leidenden zu beruhigen, die Schußwunde nicht für gefährlich.

Recht so, Theurer! Vollkommen recht! Ich fühle keinen Schmerz. Das Treffen ist vorbei und ich will jetzt nach Chur. Der Marschall und der Kaiser. Ich bin stolz, denn durch mich erlangten wir den Sieg. Bleiben Sie bei mir? Begleiten Sie mich nach Chur?

Flavian versprach's mit etwas schwerem Herzen und erkundigte sich, wie weit der Landsturm vorgedrungen sei.

Bis Chur; und noch weiter! Hotze, St. Julien und ich! Meine Wunde schmerzt nicht. Ihr Leute, erzählt dem Herrn; ich will ruhen. Ich friere.

Einer von den Trägern des Grafen berichtete: Schon ehe wir ausrückten, hörte man das Geschütz vom Luziensteig her. Die Kaiserlichen hatten sich mit Morgensanbruch an ihr Tagewerk gemacht. Herr, das gab uns Muth. Wir zogen frisch nach Ems. Die Franzosen waren im Dorfe, und wir fielen augenblicklich über sie her. Da setzte es blutige Köpfe. Trotz des höllischen Kartätschenfeuers drangen wir ein. Alles stürmte wild durch einander. Schuß folgte auf Schuß, Schlag auf Schlag! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, daß ein schwaches Weibsbild französische Artilleristen bei einer Kanone mit einem tüchtigen Zaunpfahl zu Boden schlug. Die schöne Kanone ist erobert. Als die Blaukittel, nach langem Streite, aus dem Dorfe gejagt waren, stellten sie sich im freien Felde blitzschnell wieder auf. Das war uns recht gelegen. Nun konnten wir, unserer bei vier-, fünftausend Mann, uns ausbreiten und die Arme freier bewegen. Jetzt kam Noth und Tod über die Franzosen. Sie mußten Fersengeld geben; doch wir setzten ihnen nach. Bald standen die Ketzer schon wieder in Reihe und Glied uns gegenüber, als wäre ihnen gar nichts geschehen. Wir gingen abermals drauf. Da wurde dieser vornehme kaiserliche Herr von einer Flintenkugel getroffen und neben mir umgeworfen. Das Blut spritzte weit umher und er schrie gottesjämmerlich. Deshalb erbarmte ich mich seiner. Man ist doch ein Christenmensch.

Einfältiger Kerl, nicht ich schrie! ächzte der Graf. Lüge nicht!

Nun, so that's ein Anderer für Euch, versetzte der Berichterstatter. Genug, unserer Etliche hoben ihn vom Boden und trugen ihn aus dem Gefechte zurück in ein Haus nach Ems. Ein Paar alte Weiber haben ihm das Loch in der Brust zugestopft und, so gut sie es verstanden, verbunden. Er lag lange ohnmächtig, so daß wir meinten, er habe die Seele schon längst ausgehaucht. Er kam jedoch unversehens zu Verstande. Unterdessen merkten wir wohl, daß sich das Gewehrfeuer immer mehr in die Ferne, nach Chur hinzog. Das war uns lieb. Weil aber die Emser Bauern kein Bett hatten, oder für den Herrn kein's hergeben wollten, mußten wir ihn wohl hierher, nach Reichenau, schleppen. Das that uns sehr leid; denn als wir den Herrn auf die Tragbahre luden, kam der Jeli Alix von Sumvix, Ihr kennt ihn vielleicht, und brachte auch einen Bajonetstich am Arme aus der Schlacht mit. Er sagte, in dem Augenblicke, als er unsere Armee verlassen, habe sie schon hart vor Chur gestanden, und man schlage sich dort in den Gärten noch; doch wären wir der Franzosen fast Meister. Folglich sind wir um's Beste geprellt, und können nicht dabei sein, wenn der Landsturm in die Stadt einrückt und fette Beute macht. Jetzt sind unsere Brüder drinnen, plündern und jagen die letzten Franzosen den Kaiserlichen unter die Kolben.

Der Graf war während dieser Erzählung in einen leichten Schlummer gesunken. Flavian gebot Ruhe, und ging hinaus, um draußen nach dem Donner des Geschützes zu horchen. Es schien nicht mehr in voriger Entfernung, sondern näher, aber schwächer geworden zu sein. Juchhei! rief der vorige Erzähler, horcht! Fürwahr, es ist noch nicht Nachmittag, und unsere tapferen Leute haben mit den Blauröcken schon aufgeräumt und Feierabend gemacht. Seht, Herr, das ist eine Viktorie, von der die Welt lange erzählen wird.

Flavian kehrte nach einer halben Stunde, nicht ohne Unruhe, zu dem Schlafenden zurück, und fand dessen Gesicht bleicher und entstellt. Er setzte sich stille an's Bette des Schlummernden, sein Erwachen zu erwarten, und überließ sich seinen finstern Betrachtungen über den Ausgang der Ereignisse. Wohl hätte er jetzt seine Person ungehindert und gefahrlos, durch Flucht über ein gangbares Gebirge, in Freiheit setzen können. Doch mochte er nicht so unmenschlich sein, den Grafen in Hülflosigkeit verzweifeln zu lassen. Andererseits rief ihn sein Ehrenwort nach Disentis zurück, wo Frau von Castelberg seiner Rückkunft und seines Beistandes gewärtig war. Er blieb. Er hoffte der Wohlthäterin das ihm erzeigte Gute vergelten zu können, und vergaß die Gefahr. Zur Pflichterfüllung gehöret Muth; dann erst wird sie zur Tugend! dachte er.

Malariva schlug während dessen die trüben Augen auf und starrte seinen mitleidigen Wächter unbeweglich, und ohne auf dessen Fragen zu antworten, an. Nach geraumer Zeit, als hätte er sich während dessen selbst sammeln und wiederfinden müssen, begann er mit einem tiefen Seufzer: Guten Morgen! Es ist schon hell am Tage? Ich bin ungewöhnlich matt und müde. Ruhe wird mir wohlthun. – Aber dieses Gesindel plündert Freund und Feind. Kann man sicher schlafen? – Sie sind ein Ehrenmann. Das Vergangene sei vergessen. Ich will schlafen. – Wollen Sie mich hüten? Man könnte mich bestehlen.

Als Flavian zur Beruhigung des Kranken, was dieser irgend verlangen würde zu thun verhieß, bat Malariva, ihm aus der Seitentasche des blutdurchnäßten Rockes eine große, mit Papieren gefüllte Brieftasche, aus dem Gürtel aber eine goldgefüllte Börse zu ziehen und in Verwahrung zu nehmen, so lange sein Schlaf dauern würde. Dieses Begehren wurde erfüllt. Doch plötzlich streckte Malariva den gesunden Arm aus, und rief mit Argwohn, oder Schrecken: Was? Nein! – Nimmermehr! – Wieder her damit! – Börse, Brieftasche! – Schweigend legte Prevost beides neben den Verwundeten auf's Lager.

Es geht nicht! begann der Graf nach langem Sinnen. Ich erinnere mich der gierigen Augen dieser Räuber. – Sie sind ein Mann von Ehre und öffnen Nichts. – Nehmen Sie. Ihnen vertraue ich. – Verbergen Sie beides, bis ich erwache.

Kaum war sein Wille erfüllt, so schloß er ohnmächtig die Augen. Man hielt ihn für eingeschlafen, als er den Arm wieder regte, und, als ob er sein Thun bereue, ohne aufzublicken, mit schwacher Stimme lispelte: Nein, nein! – Her damit! – Her damit! – Obschon wieder eingeschlafen, blieb doch in den Mienen des Unglücklichen etwas Grauenerregendes, sei es verbissener Schmerz, Angst, oder Hader mit dem Schicksal. – Den jungen Mann erschreckte dieses Gesicht. Er wandte sich ab, und trat an die Fenster des Saales, wohin seine Blicke während der Beschäftigung mit dem Verwundeten schon oft gerichtet gewesen waren.

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