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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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37.
Der Zug des Aufstandes.

Es war ihm zu Muth, wie einem von Gott Verlassenen, der zum Richtplatz geführt wird. Das Toben der Menschenmenge um ihn her brauste an sein Ohr, wie das eintönige Rauschen unruhiger Seewogen. Als wären alle Uebrigen erstorben, lebte nur ein einziger Gedanke noch in seinem Innern: Wir gehen und bewegen uns, wie die Drathpuppen des Schicksals.

Er gewann erst die Klarheit seiner Vorstellungen wieder, als von hundert Stimmen Halt! Halt! geschrien wurde, um den Zuzug anderer bewaffneter Rotten zu erwarten, die von den zerstreuten Hütten auf den Höhen des Kulmattenberges, von Brigels und Ravis herab, gleich einer gesprengten Heerde, nach dem Thale liefen. Man rastete. Er erkannte zu seiner Linken, innerhalb einer niedrigen Mauer, den Ahorn von Trons, in dessen Schatten die ersten Stifter des Bundes vor Jahrhunderten den Eid der Freiheit schworen. Der breite, hohle Baumstamm hatte auf einer Seite nur noch verdorrte Aeste; aber wunderbarer Weise zeigte er, mit frischer Lebenskraft grünend, neue Zweige nach der Kapelle hin, welche dem Gedächtniß der großen Volksthat geweiht ist. Der edle Stamm schien sinnbildlich auszusprechen, daß die alte Welt im Absterben begriffen sei, und daß ein anderes, freies und darum edleres Dasein aus dem Moder des Mittelalters hervorsprieße.

Dieser, längst sein Lieblingsgedanke drang wie ein Sonnenstrahl in sein finsteres Gemüth. Glauben, Liebe und Hoffnung einer besseren Zukunft richteten sich wieder in ihm auf. Und was er glaubte, liebte und hoffte, schienen Himmel und Erde ihm zuzusagen, als er tief aufathmend über das erweiterte Thalgelände zwischen den ungeheuren Wölbungen der Gebirgsreihen und den darüber leuchtenden Eisfirnen hinausblickte. In den grünen Thälern unter ihm, und zwischen weich anschwellenden Hügeln, schmiegten sich kleine Dörfer an ihre Kirchen, und von den Höhen schauten friedliche Hütten herab. Selbst die hin und wieder auf dunkeln Felsengruppen stehenden Burgtrümmer, schienen, neben den Schöpfungen des jungen Lenzes, die Zeugen eines anderen, längst verflossenen Zeitalters zu sein.

Der Ruf: Vorwärts! erscholl, heiser und schneidend aus vielen Kehlen und die neu angewachsene Fluth des Landsturms strömte weiter. Aus den Gesichtern der Menschen, zwischen denen er wandelte, sprach Blutdurst, Trunkenheit, Angst und Mordsucht. Dazwischen beteten einzelne Häuflein mit eintönigem Geplärre ihren Rosenkranz, während andere daneben Zoten rissen. Flavian hatte sich noch nie in einer Gesellschaft von Menschen befunden, die ihre Brutalität mit so viel Stolz zur Schau trugen. Gern wäre er entwischt; doch Einer bewachte mißtrauisch die Schritte des Anderen. Seiner Entweichung wäre unfehlbar die Ermordung gefolgt.

Und wenn auch das Schauspiel, welches sich jeden Augenblick wüster gestaltete, nichts weniger, als komisch war, so konnte er sich doch zuweilen eines innerlichen Lachens über den rohen Scherz nicht erwehren, welchen sein Verhängniß jetzt mit ihm trieb. Hier hilft nichts mehr, als unfreiwillig mit dem Gesindel zu gehen, wohin es geht, und wäre es in den schmählichen Tod, das war seine Ueberzeugung.

Während seiner traurigen Gedanken näherte sich der Heerzug den Ufern des brausenden Rheinstromes. Jenseit eines schwankenden hölzernen Brückensteigs dehnte sich, in malerischer Anmuth, das Dörfchen Tavanasa, zwischen Gebüschen und Felsen aus, wie eine Bühne idyllischen Lebens. Einen empörenden Gegensatz dazu bildeten jedoch die, neben der Brücke im Grase liegenden halbnackten Leichname. Viele derselben sah man im Dorfe liegen, wo zerbrochene Fenster und mit frischem Blut besudelte Mauern ein kaum beendigtes Gefecht verkündigten. Wirklich war vor wenigen Stunden erst ein anderer Landsturm von den Bergen herabgestürzt und hatte einen französischen Posten überfallen. Die beschlossene Vernichtung desselben war indessen nicht gelungen; denn eine Kompagnie französischer Grenadiere zu Trons, in der Nacht vor dem nahen Aufstande gewarnt, war zeitig hierher geeilt, hatte sich, nach einem mörderischen Kampfe, über die Brücke und durch das Dorf, durch die wüthenden Haufen der Landleute Bahn gebrochen; und mit den befreiten Kriegsgefährten alsdann ihren Rückzug nach Reichenau genommen.

Ohne Aufhören wälzten sich die Rotten der Landleute langsam am Gebirge hin. Der ausgedehnte Menschenstrom, von Stangen und Knütteln und Waffen aller Art überragt, war, aus der Ferne gesehen, einem Schlammstrome nicht unähnlich, der, fortgespülte Baumwurzeln mit sich führend, sich bald auseinander breitet, bald enge und stockend in dicke Massen zusammenballt. Von den Bergdörfern herab und aus den waldigen Schluchten flutheten ununterbrochen, einzeln oder haufenweise, frische Schaaren, zur Verstärkung des regellosen Heeres, hervor, rüstige Männer, Greise von sechszig und siebenzig Jahren und Knaben, kaum den Kinderschuhen entwachsen. Dazu riefen die heulenden Sturmglocken von nahe und ferne mit ihrem traurigen Rufe die Entfernten herbei.

Als die Tausende sich der ersten Stadt am Rheine näherten, Glion oder Ilanz, im Kreise der Felsenalpen, theilte sich die Menge. Die Einen wanderten links, die Anderen rechts vom Rheine. Der Schützenhauptmann Prevost hatte in dem Gewirre der Massen seine wenigen Bekannten verloren. Er suchte sie vergebens unter den Vordersten, wo ganz fremde Menschen, in romanischer und deutscher Zunge, den Befehl führten. Er begab sich, suchend, zu den Nachzüglern, denen er sich anschloß, um dem Gedränge zu entgehen. So folgte er dem Zuge stundenlang. Das abendliche Roth beleuchtete schon die Zinnen der Bergruine von Hohentrins. Es verblich an den Felsengipfeln des erhabenen Calanda, als die bisher getrennten Schaaren beim Schlosse Reichenau wieder zusammen traten und Halt machten, um hier und in den benachbarten Dörfern den künftigen Morgen, den entscheidenden Tag zu erwarten.

Nur mit Bitten und durch das Anerbieten einer reichen Bezahlung hatte Flavian ein kärgliches Abendbrod und, in einem abgelegenen Stalle, ein Bündel Heu zum Nachtlager erhalten; den Schlaf jedoch fand er nicht. Die Ereignisse der letzten zwölf Stunden bewegten sich gespensterhaft und ununterbrochen vor seinen geschlossenen Augen. Fröhliches Jodeln und wieherndes Gelächter der von Wein und Branntwein berauschten Bauern scholl durch die Stille der Nacht. Man hatte die Haushaltungen der Dörfer geplündert, die Keller des Schlosses, des Zoll- und Wirthshauses erbrochen, und sich nun in wüsten Saufgelagen jeder Ausschweifung hingegeben. Mehr als einmal raffte sich der Schlummerlose verzweifelnd vom Boden auf. Er wollte in der Finsterniß fliehen, um dem sündigen Gräuel zu entkommen; die Ermattung aber warf ihn wieder nieder. Schon leuchtete das Morgenlicht durch die Fugen der übereinander liegenden Balken, aus denen der Stall zusammengezimmert war; als sich endlich tiefer Schlaf auf seine Augenlieder legte.

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