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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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36.
Landsturm-Wirthschaft.

Es war am Morgen des zweiten Maitages. Flavian war früh auf den Beinen, steckte Pistolen in den Säbelgurt und eilte wieder zur Abtei, für die Sicherheit der Gefangenen zu wachen. Dann und wann vernahm er aus der Ferne wieder den dumpfen Ton eines einzelnen Kanonenschusses, welcher ungewiß ließ, von welcher Richtung er komme. Unter den Mauern des Klosters stand die Mannschaft des Landsturms schon versammelt und in Rotten abgetheilt; von Rachlust, Religionswuth und Branntwein berauscht; Muttergottes- und Heiligenbilder an Hüten und Kappen; bunt bewaffnet mit alten Speeren, Morgensternen, Jagdgewehren, eroberten Flinten, Aexten, Mistgabeln, Keulen und Hacken; in ihrer Mitte der trübselige Haufe der Kriegsgefangenen. Graf Malariva befand sich mit einigen Männern im Gespräche, seine Worte mit lebhaftem Spiel der Hände und Arme begleitend.

Sobald er den Schützenhauptmann erblickte, wandte er sich ihm zu und rief: Gut, Herr Prevost, ich habe Sie erwartet. Es fehlt an Offizieren. Leider höre ich, daß Sie der romanischen Sprache unkundig sind. Es geht Ihnen, wie mir. Wählen Sie selbst Ihre Stelle unter den Landesvertheidigern. Uebrigens, freuen Sie sich mit mir; Alles geht nach Wunsch. Bleiben Sie mir zur Seite.

Nein, mir! rief der riesige Gilg Daniffer. Der Bursche hat mehr aus der Schule mitgenommen, als ich, und Muth, wie der Teufel. Ich kommandire die Avantgarde. Den lasse ich nicht von der Hand, Herr Graf.

Sei es! entgegnete Malariva. Nun aber jeder auf seinen Posten, und vorwärts!

Nicht lange darauf setzten sich die Haufen, einer nach dem anderen, in Bewegung und zogen unter Freudengeschrei und den Thränen der Weiber und Kinder, die sich, zum Abschiede von den Ihrigen, in das Getümmel drängten, durch den Flecken. Auch einige Mönche der Abtei mengten sich, warnend, belehrend und ermahnend, in das Gewühl.

Der Zug, welcher sich kaum in Bewegung gesetzt hatte, wurde, als er am Rathhause vorüberkam, wieder aufgehalten. Hier standen neuangelangte Landsturmsrotten aus den benachbarten Hochthälern des Lukmanier und Crispalt. – Sie erhoben ein gräßliches Schreien und Toben, als sie von den Bedingungen hörten, die man den Franzosen bewilligt hatte. Sie widersetzten sich der Kapitulation und wollten nichts von Gnade hören. Umsonst warf sich Malariva ihnen befehlshaberisch entgegen. Man antwortete ihm mit Flüchen und drohenden Fäusten. Am ungeberdigsten brüllten die wilden Nachbarn des Lukmaniers gegen die wehrlosen Unglücklichen. Haut sie zusammen, die Ketzer, schrie die Rotte. Nieder, nieder mit den Verdammten! – Die Männer von Disentis aber stemmten sich den Mordsüchtigen entgegen. Zufällig anwesende Mönche des Klosters, Pater Virgilius Wenzein, Domenico da Bogolino und Basilius Veith, warfen sich vor dem Pöbel auf die Knie; mahnten zu christlicher Barmherzigkeit, zu Ordnung, und erinnerten an des Himmels Strafen und Zorngerichte. Doch selbst gegen die frommen Fürbitter wurden die Mordgewehre geschwungen; und nur durch den Muth der Ortsvorsteher, denen sich die Menschlicheren im Volke anschlossen, wurde der Tumult gestillt und nach langem Stocken der Marsch endlich wieder fortgesetzt.

Flavian war indessen mit dem gesprächigen Daniffer an der Spitze der Vorhut vorangegangen. Am grünen Vorsprunge des Gebirges, neben den hohen, bemoosten Felsblöcken, erwachte in ihm die Erinnerung an jene lieblichen Erscheinungen, welche sich mit den schönsten seines Lebens verbanden. Er glaubte, jene anmuthige Gestalt, welche an dieser Stelle gewandelt habe, müsse ihm noch einmal entgegen treten.

Die ewigen Säulen der Alpen, deren Silbergipfel Nebelschleier umflatterten, stiegen zum Himmel empor. Es umfing ihn, mit begeisternder Anmuth und Majestät, ein weites Eden. In den eintönigen Gesang der Wasserfälle mischten sich die Erstlingslieder der Vögel und, von den höheren Auen, die melodischen Klänge der Glocken weidender Heerden.

Da blieb er plötzlich, in seinen Träumereien gestört, wie eingewurzelt, stehen. Er sah mit fragenden Augen erschrocken seinem Begleiter in's Gesicht; und dieser ihm. Man vernahm in nicht großer Entfernung hinterwärts einzelne, dann mehrere Flintenschüsse; darauf ein lebhaftes Gewehrfeuer, vermischt mit schauderhaftem Gebrüll und Wehegeschrei.

Halt! Hinter uns geschieht ein Unglück! rief Daniffer. Sind wir vom Feinde überfallen?

Kommt! schrie Flavian und riß den bestürzten Mann am Arme mit sich fort. Zurück, ehe das Entsetzlichste vollbracht ist.

Sie eilten zurück. Doch ehe sie zu den Vordersten des großen Haufens gelangten, war wieder Ruhe eingetreten. Von allen, die man befragte, wußte Keiner, was geschehen sei? Jeder rieth etwas Anderes. Flavian, dem Muthmaßungen nicht genügten, eilte weiter zurück. Da erblickte er seinen Freund Uli. Dieser kam keuchend heran, winkte mit der Hand, nicht weiter zu gehen, und nahte sich mit stierem Blicke des Grausens.

Bleibt zurück, Herr Hauptmann! ächzte der Herankommende, während er durch eine klägliche Geberde seinen Jammer und Schrecken zu verstehen gab. Bleibt! Es ist schon Alles zu spät. Die wissen von keinem Kriegsrecht. Nein, sage ich, Soldaten wollen sie sein? Bluthunde sind es, verdammtes Banditenpack!

Wer, Uli? fragte Flavian, den bei Uli's Worten ein Schauer überflog; denn so entmuthigt hatte er den Beherzten noch nie gesehen. Sprich es aus, das Unglück, was Dir die Zunge lähmt.

Unglück, Herr? Nein, Herr, ein Gräuel, der über die Wolken hinausschreit. Sie haben die Franzosen abgefertigt, bis auf den letzten Mann; Alles niedergeschossen, niedergehauen, niedergestochen, ohne Erbarmen. Herr, das Herz kehrte sich mir im Leibe um, als die armen Menschenkinder am Erdboden dalagen, sich im Blute herumwälzend, zappelnd, sich mit zerschmetterten Köpfen wieder aufrichtend. Und wie sie stöhnten, heulten, röchelten, bis man ihnen mit Flintenkolben und Keulenschlägen den Gnadenstoß gab. So abscheulich geht's nicht am Jüngsten Tage zu, und selbst nicht in der Hölle.

Die Unmenschen, schrie Flavian und krallte die Finger krampfhaft im Innern der Faust zusammen. Alle, sagst Du, Alle sind gemeuchelmordet? Auch Kapitän Salomon?

Mann und Maus, Herr, funfzig, achtzig, hundert Mann liegen sie da, Leiche an LeicheLaut Schreiben des Generals Menard vom 7. Mai, waren in Disentis und Tavetsch überhaupt 112 französische Soldaten umgebracht worden., wie gedroschenes Stroh durch einander.

Wer fing das Mordwerk an? Warum? Hat es Malariva befohlen?

Nein, Herr Hauptmann. Er wollte, ja, er wollte es abwehren. Dem Teufel selbst mußte bei der Blutwirthschaft der Höllenhunde wohl übel werden. Wir waren kaum hundert Schritte aus dem Flecken gegangen, noch nicht weit vom Schlosse, wißt Ihr, wo der Weg am Kirchlein St. Plazid vorbeizieht, – Gott sei mir armem Sünder gnädig! – Jesus, Maria und Joseph! An so heiliger Stätte Menschen abzuschlachten, dafür giebt's im Himmel und auf Erden keinen Ablaß. Ja wohl, ja wohl, die Sünde geht süß ein, aber bitter aus, sagte mein alter Großvater immer, und der hatte Recht.

Weiter, weiter! unterbrach ihn der Schützenhauptmann ungeduldig.

Nun, wie gesagt, man hatte da die Franzosen etwas freier gehen lassen. Es war ein jammervoller Zug; Allen waren die Hände auf den Rücken gebunden. Ein Bündner schnitt aus Mitleid einigen die Stricke entzwei. Die traten dann erst aus dem Zuge und standen ruhig da; es war zwischen dem Plazidkirchlein und dem kleinen Wassergraben, wißt Ihr? Dann, was hast Du, was giebst Du, sprangen ein paar Blauröcke über's Feld und suchten ihr Heil in der Flucht. Nun eilten ihnen Einige der Unseren nach und schossen. Die Flüchtlinge stürzten. Das gab Lärm unter den Franzosen; Geschrei und Wuth bei den Bauern. Das Feuer war im Dache. Es fiel Schuß auf Schuß, Schlag auf Schlag. Die Disentiser wollten hindern, waren aber zu schwach. Die Medelser, und zu meiner Schande sage ich's, auch die Tavetscher fuhren, wie leibhaftige Satane, über die Gefangenen her. Da half kein Fluchen, kein Beten. Kommt, Herr Hauptmann. Seht Ihr dahinten? Die Mordbande rückt schon heran. Kommt! Sprecht zu dem Allem kein böses Wort. Wir sind unter Wölfen, und müssen mit ihnen heulen.

Verflucht sei das Gesindel! rief Flavian. Ich habe nicht länger mit ihm zu schaffen und kehre um, nach Disentis.

Bei allen Heiligen, Herr, denkt nicht daran! Die Wütheriche haben geschworen, jedem Deserteur die Kugel durch den Kopf zu jagen. Kommt!

Goin zerrte den widerwilligen Hauptmann bergab, wo ihnen Gilg Daniffer fragend entgegen kam, dem Alles von Neuem erzählt werden mußte. Dieser horchte mit weit aufgerissenen Augen und entfärbtem Gesichte.

Es hilft Euch nichts, Gilg, daß Ihr aussehet, wie der Tod von Ypern, meinte Goin. Geschehen ist geschehen. Vorwärts, marsch!

Nein! schrie Daniffer. Zurück, zurück! Blut will Blut! Sie haben der Hölle den Rachen aufgebrochen, und wir wollen ihretwegen nicht allesammt darin verderben. Nach diesen Worten wendete er sich plötzlich gegen seine Mannschaft, berichtete, in der Sprache ihres Thales, von dem Vorgefallenen, offenbar in der Erwartung, sie zur Rache gegen die Mörderrotten zu entflammen. Doch ehe er vollenden konnte, sah man auf allen Gesichtern eine gräßliche Freudigkeit, die sich in Jubelgeschrei und Bravogebrüll Luft machte. Verblüfft staunte der Redner seine Leute an, die nun, ohne das Kommando abzuwarten, johlend und mit wildem Gelächter ihren Marsch fortsetzten.

Inzwischen waren auch die hinteren Haufen herangerückt; stimmten in den Jubel der Vorhut ein und vermengten sich mit ihr, in Verwirrung vorwärts trabend. Inmitten des Schwarmes sah man den Grafen Malariva; das bleichgelbe Gesicht erdwärts geneigt. Flavian, sobald er seiner ansichtig wurde, näherte sich ihm, und fragte: Aber wohin? Wir haben keine Franzosen mehr nach Chur zu eskortiren.

Leider! entgegnete der Graf finster und mit leisem Achselzucken. Bei solchen Menschen gilt kein Gesetz, kein Befehl, kein Gehorsam. Ich möchte viel lieber mit Indianern in's Feld ziehen, als mit diesen Bestien. Indessen hoffe ich, die Schurken werden eben so kaltblütig gegen feindliche Bajonette anstürmen, als sie waffenlose Leute niederhauen. Die Schlächterei bei der Kapelle ist äußerst ärgerlich. Indessen ist's vielleicht gut, daß sich die Leute erst an Blut gewöhnen, damit sie nicht scheu werden, wenn sie es zum ersten Male auf einem Schlachtfelde sehen.

Mit einem Seitenblick voll Ekel bemerkte Flavian: Wie aber steht's mit Ihrem feierlichen Ehrenwort? Sie verhießen dem Kommandanten Salomon sicheres Geleit.

Habe ich's gebrochen, mein Theurer? erwiederte Malariva, und verzog die Mienen zu einem Lächeln. Der Kommandant ist ja nun in größerer Sicherheit, als wir selbst. Es wird ihm heute und morgen wohl noch mehr als Einer das Geleit in die Ewigkeit geben. Mein Bester, das ist der Krieg! Es gilt die Befreiung Ihres Vaterlandes. Halten Sie sich tapfer. Vielleicht in wenigen Stunden schon, stoßen wir auf den Feind.

Wie, Graf? Mit diesen ehr- und zuchtvergessenen Horden hoffen Sie, französische Linientruppen – – –

Still, Herr Prevost, nicht vorlaut! Es ist wenigstens, könnte ich mit Fallstaff sagen, Futter für's Pulver; und während wir die Franzosen nun bald im Rücken beschäftigen, hat Feldmarschall Hotze freie Hand von Bregenz her und Montafun.

Also hätte der gestrige Tag an den Grenzen noch nichts entschieden?

Eigentlich so viel, als nichts. Im Vertrauen, damit Sie heller in die Sache sehen, Landammann Schmid und ich haben diesen Morgen Eilboten mit vorläufigen Nachrichten empfangen. Der Angriff am Luziensteig, so vortrefflich er auch kombinirt war, mißlang. Während Hotze den Steig von der Stirnseite angriff, hatte Oberst St. Julien, über den Fläscher Berg, die Verschanzungen umgangen, um sie zwischen zwei Feuer zu nehmen. Schon war er bis an's Städtchen Maienfeld vorgedrungen, als er, vom rechten Ufer der Landquart her, durch General Chabran, mit Uebermacht bedrängt, in die Berge zurückgeworfen wurde. Natürlich, so schlug Alles fehl. St. Julien war zu schwach. Jetzt aber kommen wir zum frischen Tanz. Unserer sind viele Tausende. In dieser Stunde bewegt sich ganz Bünden unter Waffen vorwärts; in dieser Stunde bricht aus allen Thälern des Gebirges der Landsturm hervor. Der Feldmarschall weiß es; er macht einen gleichzeitigen Angriff; morgen sind wir über Chur hinaus; verlassen Sie sich darauf.

Hier wurde der Graf durch einen Boten abgerufen. Prevost wanderte im bunten Troß der Aufruhrbanden dahin. An Flucht war für ihn nicht zu denken. Er selbst fühlte sich, einem Gefangenen gleich.

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