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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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35.
Der Aufruhr.

Das Geschrei von tausend Menschenstimmen und das Geknatter der Flintenschüsse erscholl aus dem Innern des Fleckens Disentis. Die hohen Mauern der Abtei, die benachbarten Felsen, die fernen Berge wiederholten, im Echo, das Getöse. Ein dichtes Gedränge unzählbaren Volkes füllte und versperrte die Straßen in der Nähe von Kapitän Salomon's Wohnung; und aus dem Getümmel erhob sich ein Wald von Spießen, Flinten, Morgensternen und Waffen aller Art.

Prevost verdoppelte seine Schritte, Uli Goin lief ihm in weiten Sprüngen nach. Er hatte aus einem zerfallenen Hage den stärksten Zaunpfahl gerissen, den er nun, wie eine leichte Weidenruthe, in der herkulischen Faust, lustig um den Kopf schwang. Ist's nicht Sünde und Schande, rief er, einen ehemaligen kaiserlichen Soldaten, wie mich, mit dergleichen faulem Zahnstocher laufen zu sehen? Ich tausche mir von einem Franzmann vielleicht das schönste Gewehr dafür ein. Hussa! Herzblut muß Trumpf sein.

Schweige, Du Kannibale, murrte Flavian unwillig. Bahnen wir uns einen Weg durch's Gewühl, um Unglück zu verhüten, wenn es nicht zu spät ist.

Quer über die, mit gaffenden und horchenden Menschenhaufen angefüllte Gasse, war die Kompagnie französischer Soldaten in zwei Doppelreihen aufgestellt, links und rechts den Volkshaufen gegenüber. Zwischen beiden Reihen blieb ein geräumiger Platz, auf welchem einige Landleute bei dem Kapitän Salomon standen. Unter denselben erblickte Flavian auch den hervorragenden Gilg Daniffer; und, mit dem Kapitän unterhandelnd, den verkleideten Grafen Malariva.

Scheert Euch zum Teufel, schrie der Platzkommandant, mit vom Zorne funkelnden Augen. Bildet Ihr Euch ein, daß Franzosen vor Pöbel das Gewehr strecken? Ehre ist mehr als Leben. Also, mein Herr, verlieren Sie keine Worte. Sie sagen, ich sei übermannt? Die Prahlerei hat erst Sinn, wenn wir Kugeln und Bajonette verbraucht haben. Vorher nicht. Ich will kein Blut vergießen; darum ist Alles, was ich auf meine Verantwortung geben darf, mein Ehrenwort: ich werde mich von Disentis friedlich zurückziehen, ohne wegen des Aufruhrs Rache zu nehmen. Wollen Sie das nicht, sacre bleu! so wird Sturmmarsch geschlagen, und mit gefälltem Bajonet bahne ich mir meine Straße durch die Bauern da.

Herr Kommandant, entgegnete der Graf, in dem Falle wird kein Gebein der Franzosen lebendig von hinnen kommen; das schwöre ich Ihnen. Sie haben hier mit Männern des Gebirges zu schaffen, die sich durch das Knallen Ihrer Flinten nicht auseinander stäuben lassen. Mäßigen Sie daher Ihre Hitze ein wenig, Ihre Großthuereien und Drohungen schrecken nicht mehr. Ein Wink meines Fingers, und in fünf Minuten lebt kein Franzose mehr. Würdigen Sie Ihre Lage mit kaltem Blute. Auch ich möchte Menschenleben schonen und nur mit Mühe halte ich das wüthende Volk zurück. Ich bin Ihr Gefangener gewesen; Sie haben mich unehrenhaft behandelt. Sie hatten mich dem Tode geweiht; läugnen Sie nicht! Heute sind Sie mein Gefangener. Ich möchte Ihnen beweisen, daß der Deutsche edelmüthiger denkt, als der Franzose; ich möchte Ihr Leben retten. Deshalb ergeben Sie sich. Strecken Sie das Gewehr. Ich verspreche Ihnen so anständige Behandlung, wie sie einem Kriegsgefangenen gebührt.

Sacre bleu! mir das bieten? schrie der Kapitän. Fort auf der Stelle! Wozu viel Federlesens machen. – He, Tambour, aufgepaßt. Wenn ich winke, Sturmmarsch!

Halt! rief Flavian, der sich jetzt zu der Linie der Soldaten drängte, die ihn mit vorgehaltenem Gewehr zurückwiesen. Kommandant, befehlen Sie, daß man mich in den Kreis einlasse.

Kapitän Salomon drehte das wilde, finstere Gesicht der Gegend zu, von wo der Ruf erscholl, und sobald er seinen Mann erkannte, sprang er herbei, ergriff ihn bei der Hand, und führte ihn in den Kreis der Unterhändler.

Holla, braver Bursche, bist Du es? jauchzte Daniffer, und klopfte, wie mit einer Eisenfaust, freundlich Flavian's Schulter. Juchhei, jetzt wollen wir mit unseren Kerkermeistern den Kehraus machen. Wenn ich auch kein Wort von Allem verstehe, was er wälscht, so glaube ich doch, der Kerl spreizt und sträubt sich noch, wie ein Huhn, das man zur Küche trägt. Sage ihm, er solle mit den Flausen ein Ende machen, und sich auf Gnade und Ungnade ergeben.

Flavian wandte sich zuerst an den Grafen Malariva, führte ihn auf die Seite, und sagte: Wollen Sie die Schlächterei beginnen? Wissen Sie, wie die Sachen am Luziensteig stehen? Noch ist dort nichts entschieden. Es ist schon spät am Tage; die Kanonenschüsse zogen noch immer dumpf durch die Luft, und aus gleicher Entfernung herüber. Ich fürchte, den kaiserlichen Truppen ist's nicht ganz gelungen. Behaupten sich die Franzosen, so hätten wir hier ein gefährliches Spiel getrieben, und morgen könnten wir wieder ein paar Bataillone des Feindes in Ilanz und Disentis sehen. Dieses Landvolk, von Verzweiflung und Siegeshoffnung, wie Flugsand zusammengeweht, würde im panischen Schrecken eben so plötzlich wieder aus einander stieben; und, glauben Sie nur! um die eigene Haut zu retten, Sie, als Urheber des ganzen Unglücks, zuerst an die Franzosen verrathen, Sie zuerst ausliefern.

Fassen Sie sich kurz, Herr Prevost; was ist Ihr Begehr?

Gestern noch, Herr Graf, suchte ich Sie vom Kriegsgericht und dem Tode zu retten. Heute warne ich Sie; rennen Sie nicht zum zweiten Male blindlings in dieselbe Gefahr.

Graf Malariva, die eine Hand nachlässig auf den Rücken haltend, mit der andern sich gleichgültig und vornehm um das Kinn spielend, erwiederte: Ich erinnere mich dankbar Ihres Besuches im Gefängniß und werde nie meine Verpflichtungen vergessen. Doch in diesem Moment handelt es sich um andere Interessen. Gestern ist nicht heute. Jetzt sind die Franzosen meine Gefangenen, und ich bin's, der Gericht hält. Es will mich bedünken, Herr Prevost, Sie haben für diese Franzosen, Ihre lieben Freunde, der Sorge viel zu viel.

Nein, Herr Graf, nur für Sie und meine Landsleute. Ich warne. Verhüten Sie eine Metzelei. Handeln Sie nicht früher mit Entschiedenheit, bis Sie bestimmte Nachricht vom Ausgange des Gefechtes bei Reichenau und am Luziensteig erhalten haben.

Was sprechen Sie von Metzelei, Herr Prevost? Ich will keine, sobald die Soldaten das Gewehr strecken. Aber der Kommandant da, ist ein halsstarriger Tollkopf. Er will nichts hören. Gehen Sie selbst und machen Sie ihn auf sein Loos aufmerksam. Vielleicht hat Ihre Beredtsamkeit bei dem Narren einen besseren Erfolg, als die meinige.

Wenn Sie befehlen, Herr Graf, gern. Doch fordere ich Ihr Versprechen, daß die Kompagnie, wenn sie die Waffen abgelegt hat, anständig behandelt wird, und, weil man eine solche Anzahl von Gefangenen in Disentis unmöglich tagelang ernähren und bewachen kann, Ihr Ehrenwort, daß man sie entweder dem nächsten österreichischen oder französischen Posten zuführe und übergebe.

Der Graf verbeugte sich, wie zustimmend, mit dem ihm eigenen zweideutigen Lächeln und sagte: Vollkommen recht! Mehr verlange ich ja nicht. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Erklären Sie das dem unsinnigen Menschen dort.

Von jedem Anderen, nur nicht von dem Italiener, wäre diese Zusage und das Ehrenwort für Flavian genügend gewesen. Der Graf mußte diese Bedingung noch einmal und mit den näheren Bestimmungen erklären, mußte sein Wort wiederholt betheuern, ehe Flavian ihm Glauben schenkte. Könnten Sie treubrüchig werden, sagte er, dann, Herr Graf, würde ich der Rächer der Blutschuld sein, die Sie vor Gott und den Menschen anklagt. Denn ich weiß und sehe es, Sie sind in diesem Augenblick der Mann, dem das Volk folgt und der daher Alles vermag.

Aber, mein Theurer, antwortete Jener, was denken Sie? Ihr Mißtrauen könnte mich fast beleidigen. Wir haben jetzt ein gemeinschaftliches Interesse. Ich bin zufrieden, wenn wir die Franzosen kriegsgefangen machen. Morgen sollen die Leute unversehrt abgeführt und, hören Sie wohl zu, nach Chur gebracht und ausgeliefert werden. Darauf gebe ich Ihnen Ehrenwort und Handschlag.

Mit dieser Erklärung ging Flavian zum Kapitän Salomon, der inzwischen die Gefahren seiner Lage etwas ruhiger überdacht hatte. Zwar sträubte er sich, die Waffen zu strecken; doch konnte er nichts gegen Prevost's Vorstellungen einwenden, daß es besser sei, um diesen Preis die Mannschaft für die Armee zu erhalten, als Waffen und Mannschaft zugleich unrettbar einzubüßen. Daneben gab ihm Flavian zu bedenken, der Volksaufstand sei nicht auf ein paar Thäler dieser Gegend beschränkt, sondern erstrecke sich durch das ganze Hochland. Wenn es auch der Kompagnie, fügte er hinzu, wider alle Wahrscheinlichkeit, gelänge, sich hier durchzuschlagen, würden ihn die wüthenden Volkshaufen begleiten; von Dorf zu Dorf, von Thal zu Thal, frische Landsturmschaaren sich ihm in den Weg werfen, so daß der Kommandant zuletzt unfehlbar unterliegen müsse, sei es aus Ermüdung, oder aus Mangel an Munition.

Flüche zwischen den Zähnen murmelnd, ging der Kommandant mit raschen Schritten hin und her; blieb dann vor dem Vermittler stehen, und sagte, nach einigem Zaudern: Es sei! So gebe man mir und meinen Leuten sicheres Geleite bis Chur. Ich bin kriegsgefangen. Hier ist nichts anderes zu thun!

Der Vertrag wurde zwischen ihm und Malariva wiederholt; dem alten Daniffer in deutscher Sprache erklärt, der sie seinen nächsten Begleitern, und, als diese in die Uebergabe-Bedingungen gewilligt hatten, auch dem gesammten Volke mit lauter Stimme in romanischer Sprache kund that. Tobendes Jauchzen aus tausend Kehlen verkündete den Beifall der Menge.

Der Kommandant zeigte seinen Soldaten in kurzer Rede das bittere Loos an, welches ihnen beschieden sei; gab den letzten Befehl: Streckt's Gewehr! und mit düsterem Schweigen wurde ihm Gehorsam geleistet. Als aber der Graf zu ihm trat und ihm den Degen abforderte, schrie er: Sacre bleu! Mein Leben ist in Eurer Gewalt, aber meine Ehre nicht; und an Rebellen übergiebt kein französischer Offizier seinen Degen. Er stieß diesen auf den Boden, zerbrach die Klinge und schleuderte den Degengriff weit von sich.

Inmitten aller Unordnung herrschte bei den Landleuten eine Art militärischer Zucht. Die gefangenen Franzosen wurden in's Kloster geführt; eben sowohl der Kommandant und seine wenigen Offiziere. Man bemächtigte sich des Gepäckes der Kompagnie und ihrer Waffen; enthielt sich aber jeder Mißhandlung der Besiegten.

Nun erst vernahm Flavian, daß schon vor seiner Ankunft Blut vergossen worden sei, weil Kapitän Salomon sich dem andringenden Landsturm anfangs hartnäckig widersetzt hatte. Es waren von beiden Seiten einige verwundet und getödtet worden, bis das Erscheinen des Grafen, in Begleitung Gilg Daniffer's und anderer Vorsteher, die Ruhe hergestellt hatte. Flavian begab sich mit dem Zuge der Gefangenen in die Abtei, wo er, im Getümmel der Mönche, Soldaten und Bauern, mit den Gefangenen und Verwundeten beschäftigt, seinen anfänglichen Vorsatz vergaß, den Pater Gregorius zu sprechen. Erst spät kehrte er aus dem Kloster in's Schloß zurück, mit seinem Tagewerk nicht unzufrieden, doch bangen Herzens.

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