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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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34.
Der erste Maitag.

Uli Goin trat, als Flavian Nachmittags schreibend im Zimmer saß, unverhofft, doch heiter grüßend, ein.

Bist Du da? rief ihm Flavian entgegen. In welchen Kneipen lungerst Du umher? Ich habe Dir seit gestern aller Orten nachgeforscht, und jetzt noch viel mit Dir zu besprechen.

Ich mit Euch auch, Herr Hauptmann. Ist Euer Säbel gewetzt, so schnallt ihn nur um; denn Ziel und Bolzen sind jetzt nahe beisammen. Ich bin vorausgelaufen, es Euch zu melden und, denke ich, bin guten Botenlohnes werth. Macht Euch also fertig. Alle Donner, der Wolf sitzt im Garn, und seine Kameraden müssen auch daran.

Lasse Dein Geschwätz und höre, Uli. Unser armer, alter Gilg Daniffer ist von den Soldaten gefangen und im Kerker.

Ich weiß es, Herr Hauptmann; aber man bringt schon die Schlüssel herbei; die besten vom Meister Büchsenschmied. Dem Gilg soll man kein Haar anrühren; er kann noch heute, wenn er will, in seiner Kühweide spazieren gehen.

Ich verstehe Dich durchaus nicht. Was hast Du zu sagen?

Nichts, als daß wir, Gott Lob, wieder Meister im eigenen Hause sind. Wir haben in Tavetsch alle Franzosen gefangen genommen; gefangen ohne Schwertstreich, sage ich Euch. Man bringt sie nach Disentis und in einer halben Stunde sind sie hier.

Flavian fuhr bei dieser Nachricht erschrocken vom Stuhle auf und rief: Um's Himmels willen, was treibt Ihr, Menschenkinder?

He! erwiederte Uli lachend, wißt Ihr denn nicht, heute ist erster Maitag? Die Oesterreicher sind beim Luziensteig tapfer an's Werk gegangen; und wir hier auch nicht faul. Wenn der Stein umläuft, muß man schleifen. Also fort mit den Franzosen; zum Lande hinaus mit dem Diebesvolke, vor dem keine Schwarte im Rauchfang sicher hängt!

Was ist geschehen? Setze Dich und erzähle der Reihe nach.

Nun, ich kann mit meinen zwei müden Beinen den Sessel so gut ertragen, wie er mich mit seinen vieren, sagte Uli, warf sich breit in einen Stuhl und streckte die Füße behaglich von sich. Also der Reihe nach! Gestern machte ich mich, nach Verabredung, auf, in's Tavetsch. Ich sagte Euch nichts; das Hemd selbst durfte nicht wissen, wohin der Rock ging. Wir hielten uns, wie Ihr wohl denken könnt, dort mausestille; Franzosenohren merken es auf der Stelle, wo ein Maulwurf im Boden wühlt. Endlich rückten die braven Kerle von Camot an; Alle baumstark; gute Schützen; Alle mit geladenen Jagdbüchsen bewaffnet. Herr, es war eine Freude zu sehen! Nun eilten wir Anderen aus unserem Loche hinaus, zu ihnen, und zogen dann, unserer vierzig, in Reihe und Glied, gegen das Wirthshaus. Drinnen saß der Monsieur Lieutenant, oder was er sein mag, ganz seelenvergnügt beim Mittagsessen, und ließ sich nicht einfallen, daß wir ihm Senf zum Braten brächten. Also drei Mann hinein; voran der schwarze Rigis von der Selver Weide, der vor Zeiten in französischen Diensten gestanden und noch ein paar französische Brocken im Munde behalten hat. Der Offizier wurde gefangen. Zwar wollte er sich anfangs sträuben, wie ein Dachs; aber alle Donner! ein paar Kolbenstöße schüttelten ihm den Verstand aus, er machte ein Gesicht, wie die Kuh vor dem Scheunenthor.

Und die Soldaten, Uli, die Soldaten ließen ihren Offizier im Stiche?

Herr, wer den Bock an den Hörnern hält, dem folgen die Geißen. Der schwarze Rigis machte kurze Sprünge; forderte den Offizier auf, seine Mannschaft zusammen zu trommeln, und zu befehlen, ohne Widerstand das Gewehr zu strecken. Schon war das ganze Dorf auf den Beinen; auch das Dutzend Soldaten unter dem Gewehre. Der Offizier mußte vortreten. Er stand da, ohne Hut und Degen, und predigte seinen Leuten, es sei mit ihnen Matthäi am letzten. Sie machten andächtige Augen dazu, wie arme Sünder vor dem Galgen. Als er jedoch kommandirte: streckt's Gewehr! machten die Kerle einen großen Lärmen und thaten wie die Katzen im Hornung. Indessen hatten wir sie freundschaftlich umringt, und als wir sie in die Mündung unserer Flintenläufe schauen ließen, sahen sie die Sache vollständig ein. Sie gaben also Gewehre, Tornister und Patrontaschen ab, wie ein geduldiges Schaf die Wolle. Jetzt ist der Zug hieher unterwegs, und nun geht der Tanz in Disentis an. Also, Herr Hauptmann, schnallt den Sarras um. Es soll über die Franzosen hergehen, gleich Hagel über die Halme.

Flavian, anfangs in ziemlicher Bestürzung, faßte sich bald. Der Aufruhr war ausgebrochen; es ließ sich nicht mehr hindern; wohl aber größeres Unheil, welches dem vermessenen Wagstück noch folgen konnte, abwenden. Er nahm zwei neue Pistolen, die er erst gekauft hatte, aus dem Schrank, und lud sie. Klüger wäre es gewesen, sagte er, Ihr hättet die Nachricht abgewartet, welches der Ausgang des heutigen Gefechtes am Luziensteig sei. Dort, und nicht hier, von Euch, wird die große Sache entschieden. Siegt der Kaiser, wohlan, dann aufgeräumt in allen Winkeln, damit Erzherzog Karl keine Zeit zur Verfolgung seiner Siege verliere. Behauptet aber der Franzose die Schanzen, dann habt Ihr Leute auf schlechtes Trinkgeld zu hoffen.

Ganz recht, erwiederte Uli Goin; bei uns im Kriegsrath waren auch Leute, die Haare auf den Zähnen hatten, Eurer Meinung. Alle Donner! mir wär's gleich gewesen, heute oder morgen. Aber habe ich's Euch nicht schon gesagt? Oberst St. Julien, vom Regiment Neugebauer, hatte durch seinen verkleideten Adjutanten Ordre für den ersten Maitag geschickt, und, versteht sich, beim Militär heißt's: Pariren, nicht Räsonniren! Wir machen den Oesterreichern draußen in jedem Falle das Spiel leicht, wenn die Franzmänner vorn zerbissen und hinten zerrissen werden. Also, frisch gewagt ist halb gewonnen! Haar aus, oder Garaus.

Hier wurde der Redner durch den Eintritt der Frau von Castelberg unterbrochen. Sie wankte bleich durch die Thüre, wandte sich zu Flavian, ergriff seine Hand und stammelte zitternd: Lieber Hauptmann, verlassen Sie das Schloß nicht; verlassen Sie mich nicht! Ueberall tobt der Aufruhr. Ihr Todfeind steht an der Spitze der bewaffneten Volkshaufen und sucht Sie. Mir ahnet entsetzliches Unglück, wie ich größeres noch nicht erlebte.

Flavian bemühte sich, die Halbohnmächtige zu beruhigen, und führte sie zum Sopha. Warum ängstigen Sie sich, gnädige Frau? tröstete er sie. Es sind Bündner; es sind unsere Landsleute, die sich gegen fremde Gewaltthäter erheben. Sie und das Schloß stehen im sicheren Schutze Ihres Volkes. Noch weniger ist in diesem Augenblick von der französischen Besatzung zu fürchten, die keinen Widerstand leisten kann und sich zurückziehen wird.

In diesem Augenblicke wohl, erwiederte die furchtsame Frau; aber wenn die feindlichen Würgerbanden später zurückkehren? Meiner Person droht augenblicklich freilich keine Gefahr; Ihnen jedoch die größte. Wagen Sie keinen Schritt über die Schwelle dieses Hauses. Ihr Todfeind lauert auf Sie.

Welcher Todfeind? fragte Prevost kopfschüttelnd. Ich habe, meines Wissens, keinen solchen in der ganzen Gotteswelt. Oder wollen Sie mir ihn nennen? –

Ich kenne ihn nicht; weiß seinen Namen nicht; aber nehmen Sie dies Blatt; lesen Sie selbst, sagte Frau von Castelberg, und reichte ihm ein erbrochenes Briefchen. Es standen darin, von einer weiblichen Hand, die wenigen Zeilen: Leben Sie wohl, liebe Freundin, denn ich begebe mich, unter sicherem Geleite, welches mir der Herr Abt verleiht, sogleich nach Ilanz, um dem Sturm zu entgehen. Gott weiß, was aus mir werden soll! So eben sagt mir der Herr Dekan Basilius Veith, die Bauern hätten das Gefängniß erbrochen und, unter anderen Gefangenen, den Grafen Malariva befreit, der den Volksaufstand bewirkt hat. Dieser sei des Herrn Prevost Todfeind. Verbergen Sie Ihren unglückseligen Gast. Leben Sie wohl! P. v. St.

Flavian hatte sich während des Lesens entfärbt, und ohne ein Wort zu reden, betrachtete er das Papier von allen Seiten. Es war Pauline von Stetten unterzeichnet. Was wußte sie von seinem Verhältniß zum Grafen? Uli Goin, der im Gesichte seines Gönners einen Ausdruck des Schreckens, oder Erstaunens, wahrgenommen hatte, trat zu ihm und rief: Ich wittere Unrath! Was für eine Spinne läuft Euch über die Haut? Redet doch, Herr Hauptmann. Todfeind? Wer ist der Kerl? Der Platzkommandant? Beim Donner! Ich nagle ihn, wie eine Nachteule, an's Schloßthor.

Sei ruhig, Uli, erwiederte Prevost, und fing von Neuem an, den Brief Wort für Wort zu durchlesen; es ist nur vom Malariva die Rede.

Alle Donner! schrie Uli Goin, ist der Marder schon wieder in unserm Hühnerstall? Dem zermalme ich den Schädel! Man hat mir gesagt, ein österreichischer Offizier, der Adjutant des Obersten St. Julien, säße mit Daniffer im Käfig, aber kein Graf. Laßt mich sorgen. Ist er's, – nun, beim Donner! dann backe ich ihm sein Brod, und fiele mir darüber der Ofen ein; denn wohin der kommt, legt er Schlangeneier.

Still, Uli, redete ihm Flavian zu, beleidige den Grafen nicht. Ich weiß, daß er in Disentis ist, und habe ihn gesprochen; wir sind versöhnt.

Hm! brummte der Tavetscher, da sind Binz und Benz auf einander getroffen. Aber Herr, Ihr gehört mit ihm nicht in dieselbe Zunft. Nehmt ehrlichen Rath an, und hütet Euch vor dem Judas. Vorn küßt er Euch, und hinten setzt er Euch den Teufel in den Nacken.

Ohne auf ihn zu hören, richtete Flavian an Frau von Castelberg, der er das Papier zurückgab, die Frage: Dürfen Sie mir sagen, wer diese Zeilen geschrieben hat?

Sie antwortete: Eine gute Freundin, – – – ich darf es Ihnen anvertrauen; Fräulein von Stetten; die arme Pauline, die Sie begleiten werden, und die eben deswegen, wie um sich selbst, um Sie bekümmert ist.

Flavian schüttelte verwundert den Kopf, und entgegnete: Gnädige Frau, woher weiß diese Fremde etwas von mir?

Weil ich's ihr gesagt habe, daß Sie die Güte haben werden, sie, auf der Reise, in Ihren Schutz zu nehmen.

Aber woher kennt sie den Malariva? und warum nennt sie ihn meinen Todfeind?

Ohne Zweifel kennt man ihn im Kloster. Dekan Basilius hat, scheint es, mit dem Fräulein von ihm gesprochen; denn er brachte ihr ja die Nachricht von seiner Befreiung aus der Gefangenschaft. Die Herren im Kloster sind von den politischen Ereignissen besser unterrichtet, als man sich einbilden sollte. Darum beschwöre ich Sie: folgen Sie der Warnung; verlassen Sie das Schloß nicht.

Flavian blieb nachdenkend und unschlüssig, dann sagte er: Erlauben Sie, daß ich selbst in's Kloster gehe. In wenigen Minuten bin ich zurück. – Und welche Mühe sich die sorgenvolle Frau geben mochte, ihn von diesem Gange zurückzuhalten; er beharrte auf seinem Vorsatz.

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