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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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33.
Befürchtungen aller Art.

Anhaltendes, immer stärkeres Pochen an der Thüre weckte ihn. Er erschrak, als ihm die Uhr sagte, daß es beinahe Mittag sei. Er gedachte Uli Goin's und der Gefangenen; warf sich hastig in die Kleider und zürnte auf sich selbst, vielleicht schon den günstigsten Augenblick für das Gelingen seines Rettungswerkes versäumt zu haben. Statt Uli Goin's trat, als er das Zimmer öffnete, der Platzkommandant herein, der seine Zudringlichkeit entschuldigte, und sich über Flavian's gesunden, langen Schlaf verwunderte.

Alle Welt ist auf den Beinen. Im Flecken draußen wimmelt es von Menschen, wie an einem Jahrmarkte, rief er. Mir fängt der Zusammenlauf an, verdächtig zu werden.

Sind die Gefangenen schon abgeführt? fragte Flavian hastig, indem er seinen Anzug eilig vollendete.

Sie wissen also nicht, daß man sich schlägt? Sacre bleu! Die Kaiserlichen haben wirklich angegriffen. Seit Tagesanbruch hört man Kanonendonner aus der Ferne, von Chur her, oder vom Luziensteig. Er währt ununterbrochen fort, bald heftiger, bald schwächer. Sacre bleu! daß wir Anderen zwischen den Felsen hier sitzen bleiben müssen und nicht dabei sein dürfen.

Aber, Kapitän, die Gefangenen, sind sie schon nach Chur unterweges? Rufen Sie sie zurück.

Nicht nöthig, Bürger Prevost, was denken Sie von mir? Ich habe sie in Verwahrung behalten. Ihr Rath von gestern war klug. Als mir des Morgens von den Wachtposten die Meldung gemacht wurde, man vernehme von weitem das Feuer von Batterien, begab ich mich selbst auf die Höhe und überzeugte mich. Sofort ertheilte ich Gegenbefehl; die Gefangenen bleiben, wo sie sind.

Flavian athmete tief auf, sich von einem herben Vorwurfe befreit zu wissen. Er freute sich nicht nur, daß des alten Daniffer Verlangen befriedigt worden war, sondern auch, daß er seiner Wirthin die angenehme Nachricht bringen könne, bei ihr zu verweilen, bis sie selbst die Abreise bestimmen würde. Scherzend wendete er sich nun an den Kommandanten, der nachdenklich das Zimmer mit langsamen Schritten maß und Flüche zwischen den Zähnen murmelte: Lustig, mein Kapitän, warum so ernsthaft? Man spielt am Luziensteig zu neuen Siegen auf, kommen Sie, wir tanzen eins dazu.

Sehen Sie, Freund, sagte der Kommandant und schüttelte ärgerlich den Kopf, wir sind, wie ich schon oft gesagt habe, von tückischen Verräthern umringt. Das Bauernvolk wußte schon Tage lang vorher vom heutigen Angriffe. Nun streckt draußen Alles die Hälse, spitzt die Ohren, und lauert. Warum läuft das Gesindel aus allen Schlupfwinkeln und Berglöchern jetzt hier im Orte zusammen? Käme die Nachricht, die Unsrigen zögen sich zurück, ich wette, der Teufel wäre sogleich los, und wir hätten eine wüste Arbeit mit ihm. Deswegen komme ich eigentlich zu Ihnen. Meine Mannschaft ist auf den Beinen; ich erwarte die Ankunft des Detachements von Sedrun, welches ich wieder an mich ziehe. Wir können keinen Mann entbehren; am wenigsten einen Mann, wie Sie, Bürger. Sie haben sich dem General Loison, freilich nur als Freiwilliger, angeschlossen. Ich bitte und hoffe, Sie werden mit mir treu und entschlossen zusammenhalten; werden Ihrem Vaterlande und der Republik ferner dienen wollen. Sie verstehen das hiesige Kauderwelsch, und sind allein im Stande, mir zu sagen, was vorgeht, was etwa die Bauern im Schilde führen?

Mit Vergnügen, Kapitän, wenn ich's erfahre; denn noch weiß ich von Allem nichts, als was Sie mir eben erzählt haben. Ich werde mich erkundigen; doch mit der nöthigen Behutsamkeit. – Denn – – –

Versteht sich! Bürger Prevost. Sie sind ein Mann von Kopf und Herz.

Es ist unentbehrlich, daß mir auch die Bauern trauen.

Versteht sich! Sie selbst sind Bündner; man traut Ihnen.

Deshalb darf ich den Argwohn nicht erregen, ich sei mit Ihnen, oder irgend einem Franzosen im Einverständniß. Also bleiben wir von nun an von einander scheinbar entfernt, und gehen Beide, ohne die Miene zu verziehen, an einander vorüber, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Reden Sie mich nirgends an. Falls Gefahr droht, sollen Sie, was ich erfahre, sofort hören.

Einverstanden! dabei bleibt's! Machen Sie sich auf; lauschen Sie umher. Die Menschen stehen truppweise, mit geheimnißvollem Geberdenspiel, im Dorfe, oder außerhalb desselben, beisammen. Sie zischeln und blinzeln einander nur mit den Augen zu. Der Eine preßt die Lippen zusammen, als hielt er einen Laut zurück, der ihn verrathen möchte: der Andere ballt die Fäuste; der Dritte sieht scheu um sich; der Vierte stampft mit den Füßen. Was soll das heißen? Es ist etwas im Werke; doch ich bin schlagfertig. Sacre bleu! der Erste, der sich rührt, ich lasse ihn auf der Stelle füsiliren.

Keine Uebereilung, Kapitän. – Auch gegen meine Landsleute habe ich Pflichten. Vergießen Sie, unbesonnener Weise, einen Tropfen Blutes meiner Mitbürger, so gehöre ich zu Ihren Gegnern.

Laßt uns gehen, rief der Kommandant, mit einem Ton, als wolle er den Eindruck seiner letzten Worte verwischen, oder halte er Flavian's Drohung für einen unzeitigen Scherz.

Nein, Kapitän, nehmen Sie die Warnung nicht so leicht auf. Beginnen Sie kein Unheil, es könnte Ihnen verlorenes Spiel machen!

Gut, gut! erwiederte der Kommandant, wir verstehen uns. Es bleibt bei der Abrede. Ich gehe zu meinen Leuten, berichten Sie mir bald.

Damit entfernte er sich.

Flavian stand nach diesem Besuche mit verschränkten Armen lange da und bedachte die seltsame, zweiseitige und zweideutige Lage, in die er durch den frommen Eifer gerathen war, überall pflichtgemäß zu handeln. Um des Vaterlandes bedrohte Unabhängigkeit und Freiheit aus der Gewalt Oesterreichs und aus der rohen Willkür einer rachsüchtigen Partei zu erlösen, hatte er sich den republikanischen Brigaden Frankreichs angeschlossen, und wurde inmitten derselben, als ein Verdächtiger, nach Bünden geführt. Um die Ermordung eines französischen Kriegsgefangenen zu verhüten, hatte er sich der Raserei des blutdürstigen Pöbels furchtlos entgegengeworfen, und er wurde verwundet, zertreten, mißhandelt, dem Tode nahe gebracht. Von Bündnern jetzt, als Landsmann, mit Vertrauen aufgenommen; von Franzosen wie einer der Ihrigen angesehen, stand er zwischen Beiden; von Beiden als Gehülfe oder Werkzeug angesprochen. Indem er die kaltblütige Grausamkeit des Platzkommandanten eben so sehr, wie die Gräuel eines zügellosen Volkes verabscheute, sah er von der einen, wie von der anderen Seite Gefahr, weil er, welcher Partei er sich zuwenden mochte, in den Augen der entgegengesetzten als feiger Achselträger erscheinen mußte.

Habe ich denn unredlich gehandelt? Mein Gewissen spricht mich frei, dachte er bei sich. Oder unklug? Ich erkenne es nirgend, es sei denn der erste Schritt, mit dem ich zum General Loison ging. Aber konnte ich von dem, was ich aus Liebe und Pflicht für das unterdrückte Vaterland wagte, die ganze Verkettung der Folgen voraussehen? Ich habe mich nun einmal mit Entschlossenheit in den furchbaren Strom der Schicksale hineingeworfen; jetzt schlagen die Wogen über mir zusammen und wälzen mich Ohnmächtigen mit sich fort. Ich kann für meine besten Zwecke nichts leisten; den Rasereien beider Parteien jedoch zu dienen, mag ich nicht, darf ich nicht. Eines aber, Flavian, ist für Dich hier zu lernen. Lasse, nach dem weisen Rathe des Benediktiners, Deine Weltverbesserungsträume für immer fahren. Der Flügelschlag einer Mücke, oder auch eines Adlers, meistert die stürmischen Bewegungen eines Orkans nicht. Der rechte Reformator ist Gott in feinen Verhängnissen über die Völker. Trotze dem Schicksale Deine Rolle im Leben nicht verwegen ab; sondern begnüge Dich mit der, die es giebt, und diese spiele mannhaft und gut. Mag doch die große Masse der Menschen sich im Schlamm ihrer Gelüste und Vernunftlosigkeiten herumwälzen und abquälen; folge Du fest und still Deinen heiligen Urbildern des Guten. Ueber alles Andere lasse Den walten, der über Alles waltet.

Das will ich, rief Flavian mit lauter Stimme. In sich beruhigt verließ er das Schloß und begab sich in den nahegelegenen Flecken von Disentis.

Hier fand er allerdings eine ungewöhnliche Menge Menschen, die von allen Seiten durch frische Ankömmlinge vermehrt wurde, müßig und zerstreut umherstehen. Doch schien sie mehr durch Neugierde wegen des fernen Schlachtdonners, als in anderer Absicht versammelt zu sein. Er unterhielt sich mit dem Einen und dem Andern; forschte auch, obwohl vergeblich, dem Uli Goin nach; begab sich, eben so vergeblich, zum Gefängniß Malariva's und Daniffer's, wo von der zahlreichen Bewachung Niemand Einlaß erhielt. Als er endlich, nicht minder fruchtlos, den Pater Gregorius in der Abtei aufgesucht hatte, ging er zur Frau von Castelberg, die sich seines Bleibens im Schlosse freute, weil sie, ebenso wie Kapitän Salomon, vom Erscheinen so vieler Landleute in Disentis Böses argwöhnte.

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