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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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30.
Gefängniß-Scene.

So weit hatte Flavian an die Schwester geschrieben. Er vollendete den Brief nicht; denn zuerst unterbrach ihn beim Schreiben der unerwartete Besuch des Hauptmanns Salomon; dann hinderte ihn später das Zusammentreffen ganz unerwarteter Bedrängnisse.

Verzeihung, wenn ich störe, rief Hauptmann Salomon beim Eintritt; aber, sacre bleu! an wen soll ich mich anders wenden? Die Pfaffen in ihrem Neste droben, könnten mir wohl auch den Dienst leisten, um den ich Sie bitten möchte; aber der Teufel selbst traut den schwarzen Vögeln nicht. Die brüten, fürchte ich, ebenfalls am liebsten über Basiliskeneiern.

Und worin kann ich dienen? fragte Flavian.

Sie wissen vielleicht, fuhr der Platzkommandant fort, von meiner Kompagnie liegt eine Abtheilung zu Sedrun einquartiert. Gestern bekomme ich Wind davon, daß in der Nachbarschaft von Sedrun, in einer Berghütte, eine geheime Bauernversammlung, und zwar nächtlicher Weile, abgehalten werden solle. Ich gebe dem Kommandanten in Sedrun meine Befehle. Er, nicht faul, sammelt seine Leute ohne Geräusch, läßt sie Abends einzeln aus dem Dorfe schleichen, und umzingelt gegen Mitternacht die Hütte. Unvorsichtiges Geräusch, oder ein Wächter der Verschwornen, hatte unsere Mannschaft verrathen. Der Offizier fand das Nest leer; man hörte jedoch noch die Schritte der Entwischten. Unsere Soldaten springen ihnen nach, und erhaschen zwei von den Schelmen, die nun gefangen nach Disentis gebracht worden sind. Ich soll sie in's Verhör nehmen, doch, sacre bleu! wie soll man Leute verhören, die keine menschliche Sprache reden, oder verstehen? Und ich kann sie doch nicht, ohne zu wissen, wer sie sind, und allenfalls, was sie im Schilde führen, in's Hauptquartier nach Chur abführen lassen. Einstweilen sitzen die Kerle, jeder besonders, im Gefängniß. Da ich jedoch einen Bericht erstatten muß, so nehme ich, sehen Sie, meine Zuflucht zu Ihnen, lieber Hauptmann. Ich ersuche Sie, diese Rebellen ein wenig auszuforschen, oder mir wenigstens ihre Namen und Wohnorte zu sagen. Können Sie mehr erfahren, desto besser. – Morgen lasse ich die Bösewichte dann nach Chur führen, wo man sie erschießen wird. Allein es muß doch auch ein Bericht dazu gemacht sein. Nicht wahr, Sie sind so gefällig und werden einmal mein Verhörrichter und Dolmetscher.

Es war für Flavian nicht der angenehmste Auftrag. Das Wort»erschießen« klang ihm aus der ganzen Rede am schärfsten in's Ohr. Der Verräther seiner Landsleute zu werden, und sie, die in blinder Vaterlandsliebe vielleicht unbesonnen gehandelt hatten, einem französischen Kriegsgerichte, das heißt, dem Tode, zu überliefern, dazu fühlte er nicht die mindeste Lust. Hingegen schien es auch nicht wohlgethan, durch Ablehnung der Bitte sich selbst etwa zu verdächtigen. Nach kurzem Bedenken, während dessen er ein paar gleichgültige Fragen, auf deren Beantwortung er kaum hörte, dazwischen gethan hatte, willigte er in die Aufforderung und folgte dem Offizier sogleich zu einem der Gefängnisse. Der Kommandant ließ vom diensthabenden Unteroffizier aufschließen, und, weil er von der Unterredung kein Wort verstehen konnte, entfernte er sich, des Berichtes gewärtig, den der Scharfschützenhauptmann abzustatten versprach.

Flavian fand in der dumpfen, engen Kammer einen der Gefangenen stark gefesselt, mit untergeschlagenen Armen, im Winkel sitzend. Dieser regte sich nicht; Flavian hingegen erschrak heftig, als er in der breitschultrigen, langen Gestalt den alten Gilg Daniffer erblickte, dessen Bekanntschaft er in der schrecklichen Märznacht gemacht hatte.

Wie denn? rief er, Gilg, Ihr? Seid um meinetwillen ohne Furcht. Ich bin ja Euer Freund und Landsmann.

Der Gefesselte richtete den Kopf langsam in die Höhe, strich die wirren, weißen Haare von der Stirn zurück, betrachtete den jungen Mann mit ungewissen Blicken und brummte: Aha, Bursche, bist Du's und wieder lebendig? Was suchst Du hier? Möchtest Du mir vielleicht die schlechte Bewirthung bezahlen, oder bist Du auch wieder Gefangener, wie ich?

Ich soll Euch in's Verhör nehmen, Gilg. Der Platzkommandant gab mir den Auftrag, weil die Franzosen weder romanisch, noch deutsch verstehen.

Sage ihnen, sie sollten in ein paar Tagen deutsch genug lernen. Wir werden es ihnen mit unseren Morgensternen einleuchtend machen. Aber Dir, Bursche, hätte ich auch nicht zugetraut, daß Du Einem um den Anderen, Gott und dem Teufel dienst. Packe Dich von hinnen, Mameluk!

Nein, Gilg, Ihr irret Euch! ich hoffe Euch zu retten. Darum eben nahm ich das Geschäft vom Kommandanten an. Nach seiner Meinung sollt Ihr, nebst einem anderen Gefangenen, morgen nach Chur gebracht werden. Das möchte ich gern verhüten; ich möchte Zeit für Euch gewinnen. Verlaßt Euch auf mich. Haltet Euch ruhig und lasset mich sorgen. Lebt wohl!

Halt, Bursche, wohin? Es scheint beinahe, Du meinst es ehrlich mit mir. Thust auch wohl daran, bei meiner armen Seele! Denn morgen hoffe ich, ohne Deine Hülfe frei zu sein, und in größerer Gesellschaft nach Chur zu ziehen, als dem Kommandanten lieb ist. Verlasse Dich auf mein Wort. Nicht wahr, heute ist der letzte Apriltag?

Er ist's! Nur verstehe ich nicht, was Ihr redet.

Gut, mein Bursche. Für einen undankbaren Verräther und Spion trägst Du ein zu ehrliches Gesicht. Du sollst bald den Jüngsten Tag der Franzosen erleben. Sorge, daß ich wenigstens morgen noch in diesem unsauberen Loche verbleibe. Es soll Dein Schaden nicht sein. Nimm die Hand darauf. Mehr sage ich Dir nicht.

Vertrauet mir, Gilg. Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?

Ja wohl. Die französischen Windbeutel glauben, unser Einer lebe vom Winde. Schaffe mir ein Stück Magentrost, denn ich bin nüchtern; und wär's auch keine bessere Kost, als ich Dir vor zwei Monaten aufgetischt habe. – Höre, falls Du ein redlicher Kerl bist, komme diesen Abend noch einmal in dieses Rattennest, und sage mir, was inzwischen draußen vorgegangen ist. Daran will ich Dich erkennen. Verstehst Du?

Es soll geschehen, Gilg. Seid guten Muthes und lebt wohl. Ich will auch Euren Unglücksgefährten trösten. Ist er so ein Braver, wie Ihr selbst?

Das meine ich und besser, bei meiner armen Seele! als mancher Bündner Schelm. Er ist im Namen des Obersten St. Julien, der . . . Sprich sein höflich mit ihm, mein Bursche. Er ist nicht etwa unseres Gleichen, sondern ein vornehmer Herr; ein hoher österreichischer Herr, der Leib und Leben für's Bündnerland und für seinen Kaiser auf die Karte gesetzt hat. Er dauert mich. Schaffe ihm ein besseres Quartier, als mir angewiesen ist, und gutes Essen. Er ist, unter uns gesagt, ein Graf und daher nicht, wie wir, an faulen Käse gewöhnt.

Wie heißt er?

Wenn Du Geld hast, Bursche, so spare nichts, ihn gut zu versorgen; er vergilt es Dir zehnfach. Es ist der Graf, – – hier lispelte Gilg, kaum hörbar, Graf Malariva. Verstehst Du? Den hatten die französischen Spürhunde in Chur doch nicht ausgeschnüffelt.

Flavian hörte den Namen »Malariva« mit widerwilligem Erstaunen. Der ist hier? rief er, und sein Blut wurde heiß und jede Faser in ihm empörte sich.

Er ist in meiner Gewalt, jauchzte die Stimme der Rache in seinem Innern, – in demselben Augenblick jedoch zürnte er sich selbst.

Nun ja, Kamerad, sagte Daniffer, ohne die Aufwallung des Jünglings zu bemerken, und wenn der Herr Leib und Seele bis morgen beisammen behält, kann er, will's Gott! noch lange leben. Kennst Du ihn?

Ich will ihn sehen, und für ihn Sorge tragen, versetzte Prevost und entfernte sich rasch, als ein Soldat erschien, dem Gefangenen die kärgliche Mittagskost zu bringen. Der Unteroffizier verschloß von außen die, mit doppelter Wache besetzte Thür und führte den neugebackenen Verhörrichter nach einem anderen Hause. Er ließ ihn dort in ein stallähnliches Gemach eintreten, wo im Zwielicht, welches die blinden Scheiben des Fensterchens kaum gestatteten, des Grafen Malariva dürre Gestalt gespenstisch umherwankte.

Guten Morgen, Herr Graf, redete ihn der Hauptmann beim Eintritt an. Der Wunsch ist hier wohl am rechten Orte, wo ich Ihnen in der ganzen Welt am wenigsten zu begegnen hoffte.

Der Gefangene stand verblüfft, und starrte ihn finster an. Sie, mein Herr? stammelte er in großer Verlegenheit, um Worte zu finden, mit matter Stimme. Doch mit schnell gewonnener Fassung und fast stolzem Tone fügte er hinzu: Was führt Sie denn hierher? Auf wessen Befehl erscheinen Sie?

Vielleicht auf Befehl Ihres guten Engels, Herr Graf.

Den sollte ich, nach der Wahl seines Boten, kaum vermuthen. Reden Sie, Herr Prevost; ich bin auf jedes Schicksal gefaßt. Ich stehe in der Gewalt des Feindes, dem Sie, scheint es, gegen Ihr eigenes Vaterland dienen.

Keine Beleidigungen zu den früheren, Herr Graf. Ich bin keinesweges verpflichtet, einem Manne, wie Ihnen, Rechenschaft von meinem Handeln abzulegen; nur das sei Ihnen gesagt, daß ich weder den Franzosen, noch Ihrem Kaiser, sondern meinem Gewissen diene. Weil man glaubt, Sie verständen nicht französisch, soll ich die Verrichtungen des Dolmetschers übernehmen und fragen, wer Sie seien, und was Sie unter den hiesigen Bauern und in deren nächtlichen Versammlungen treiben? Daß Sie ein österreichischer Emissär, ein Aufwiegler sind, verräth den Franzosen schon Ihr Aeußeres. Uebrigens kenne ich Sie; Sie sind der vorgebliche österreichische Offizier, welchen der Oberst St. Julien geschickt haben soll. Ich weiß und errathe Alles.

Errathen, mein Herr, ist nicht erwiesen, murmelte Malariva, dem schon wieder etwas beklommener um's Herz wurde. Doch sprechen Sie weiter.

Das Uebrige ist nicht tröstlich für Sie, wie Sie leicht vermuthen können. Sie sollen morgen, mit Gilg Daniffer, in's Hauptquartier nach Chur gebracht werden, wo Sie als Aufwiegler oder Kundschafter, vor ein Kriegsgericht gestellt, ein Urtheil zu erwarten haben, wie Sie sich's vorstellen mögen.

Kriegsgericht? Es wäre entsetzlich! rief der Graf und fiel, wie gelähmt, auf eine Bank. Nachdem es eine Zeit lang stille geblieben war, trat Flavian zu ihm, schüttelte und rüttelte ihn aus der Betäubung auf, und sagte: Verlieren Sie nicht allen Muth, Graf. Beurtheilen Sie meine Denkungsweise nicht nach der Ihrigen in Wien. Wenn es irgend möglich ist, rette ich Sie vom gewissen Tode.

Sie? – Können Sie? – Glauben Sie? – stammelte der Ohnmächtige halblaut und hob mit jammernder Geberde die Hände zu Flavian empor.

Fassen Sie Muth, Graf! Verstellung ist Ihnen ja nicht schwer. Nehmen Sie den Ton und die Miene eines unschuldigen Krämers an, der, bei der kriegerischen Verwirrung, hier zufällig in die Gesellschaft der Bauern gerieth. Ich habe meinen Plan entworfen. Sie und Daniffer, hoffe ich, sollen gerettet werden, wenn die Möglichkeit dazu vorhanden ist.

Daniffer? Also der hat mich verrathen, der Schurke? rief Malariva! Verflucht, daß ich auf der Flucht von Chur mich zu diesem treulosen Gesindel verlaufen mußte. Vortrefflicher, edler Mann, vergessen wir Beide das Vergangene, werden wir Freunde. Werden Sie mein Retter, mein Erlöser! Mit Allem, was ich bin, habe und hoffe, will ich Ihnen dankbar werden. Haben Sie nur dies einzige Mal einiges Vertrauen zu meinen Worten. Was in Wien zwischen uns Mißbeliebiges vorfiel, war offenbar eine Folge der ärgsten Mißverständnisse von meiner Seite. Vergeben, vergessen Sie, mein theurer Herr Prevost!

Davon ist jetzt keine Rede, fiel ihm Flavian in's Wort; doch eine Frage erwiedern Sie mir mit ehrlicher Antwort. Ich weiß, daß Sie mich bei der Wiener Polizeibehörde verleumdet und fälschlich angeklagt haben. Ich bin überzeugt, daß Sie, Herr, und kein Anderer, durch Ihre Ränke meine Verstoßung aus dem Hause der Baronin Grienenburg bewirkt haben; daß . . .

Malariva sprang auf, und Flavian's Hände in die seinigen schließend, rief er: Bei Gott und all seinen Heiligen schwöre ich, Sie irren. Womit habe ich Ihren Verdacht erregt? Ich bin ein Ehrenmann, und will, ich beschwöre es bei meiner Seelen Seligkeit, in Allem aufrichtig Rede stehen.

So gestehen Sie: händigten Sie dem Fräulein von Marmels die eingesiegelte Stickerei, die ich Ihnen in Wien gab, wirklich ein, oder . . .

Die Stickerei? Allerdings, allerdings habe ich, mein bester Herr Prevost, allerdings! Wenn ich nicht irre, ein Geldbeutel war's. Das Fräulein schien empfindlich; nahm ihn aber endlich, steckte ihn ein und bewahrte ihn.

Es war dieser hier, sagte Flavian mit finsterer Miene, indem er die Börse mit Elfriedens Stickerei hervorzog und dem Grafen dicht vor die Augen hielt.

Richtig, mein lieber, theurer Freund, ganz richtig; Sie erinnern mich, fuhr Malariva, ohne Verlegenheit, fort; das Fräulein warf ihn mir vor die Füße. Ich hob ihn auf; wollte ihn sogleich Ihnen zurückstellen; doch Sie wissen, als wir nachher . . .

Und Sie machten dann einem gemeinen Mädchen, einem gewissen Nannerl, das fremde Eigenthum zum Geschenke. Läugnen Sie, Lügner?

Was? Nannerl? – Nimmermehr! Wie denken Sie von mir? Die Person stand ehemals allerdings in meinem Dienste, aber ich bitte Sie, . . . das Mensch hat ihn vermuthlich aus einer Schublade meines Schreibpultes entwendet. Ich verwahrte ihn, auf Ehre, wie ein Heiligthum.

Der Elende, er lügt nur und dem Tode noch in's Angesicht, murrte Flavian, indem er sich ärgerlich wegdrehte und zur Thüre ging. Der Graf sprang ihm bleich und zitternd nach, fiel vor ihm nieder und umarmte Flavian's Knie. Um Gottes Barmherzigkeit willen, seufzte er laut, verlassen Sie mich nicht! Retten Sie mich! Was fordern Sie? Ich opfere Ihnen, was Sie begehren mögen. Sie lieben Fräulein Marmels. Ich bin des Mädchens Vormund und Sie, kein Anderer, soll das Fräulein von mir empfangen; auch das ganze Vermögen, und die Hinterlassenschaft der Baronin Grienenburg dazu; Alles, Alles.

Hinterlaffenschaft? Ist die Baronin gestorben, fragte Flavian überrascht.

In Karlsbad, am Ende vorigen Jahres. Aber die Zeit flieht, es ist kein Augenblick zu versäumen. Verlassen Sie mich Unglücklichen nicht! Nur diesmal nicht!

Und das Fräulein von Marmels? forschte Flavian weiter; was ist aus ihr geworden? Stehen Sie auf! Reden Sie die Wahrheit!

Der Graf richtete sich zitternd empor und antwortete: Als ich zur Armee des Erzherzogs abgegangen war, wurde mir gemeldet, – es war mehrere Wochen nachher . . . das Fräulein habe sich von Wien entfernt; man wußte nicht, wohin? Man glaubt, sie sei zu einer Freundin nach Mähren gegangen. Wir werden es erfahren, wenn ich nach . . . Retten Sie mich aus der Gewalt der Franzosen; Sie können es! – Sie sind zu edel, allzu barmherzig, als daß Sie, – und meine ewige Dankbarkeit. Ueberlassen Sie mich nicht dem schrecklichsten Schicksal!

Mit innerem Ekel wendete sich Prevost von der Armensündergestalt hinweg; versprach zu leisten, was in seiner Macht stehe, und entfernte sich.

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