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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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2.
Die Zeitverhältnisse.

Am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts saßen auf den europäischen Thronen nur wenige, durch Erziehung und Schicksal zu ihrem hohen Berufe vorgebildete Fürsten. Die Meisten, wenn auch gutmüthig und wohlwollend, hätten, als Privatleute, bei ihren Hausnachbarn kaum besondere Aufmerksamkeit erregt. Die Leitung des Staates überließen sie größtentheils ihren Kabinetsherren, Höflingen, Gewissensräthen, oft sogar noch schlimmeren Händen; und sie hießen darum nicht minder die Vielgeliebten oder Väter des Vaterlandes. Einige waren sogar, wie man weiß, geistesschwach, oder vollkommen wahnsinnig.

Dabei fühlten sich die Unterthanen so wohl oder übel, als es Zeit und Umstände erlaubten. Die obern Stände lebten im Genusse der wohlererbten Vorrechte ganz behaglich. Ihnen gehörten die ersten Würden und Aemter, ohne andere Mühe, als daß sie sich hatten gefallen lassen, in, mit alten Stammbäumen wohlversehenen Familien, geboren zu werden. Weil sie dem Staate die unwichtigsten Dienste leisteten, belohnte man sie mit den vollwichtigsten Einkünften, wenigstens mit nicht geringeren, als vorzugsweise schöne Tänzerinnen und Sängerinnen, durch das angeborne Verdienst ihrer Kehlen und Füße, sich zu erfreuen hatten.

Was man eigentlich das Volk zu nennen pflegt, bewahrte man sorgfältig in altgewohnter frommer Einfalt und Treue. So arbeitete es in herkömmlicher Dienstbarkeit williger für das Wohlsein der Großen; steuerte im Frieden, wie im Kriege, schweigend Gut und Blut und wurde für die Entbehrungen und Leiden dieses Jammerthales, mit den zukünftigen Freuden im Himmel getröstet. Die seefahrenden Mächte trieben, als gute Christen, Seelenverkäuferei und Sklavenhandel; die Landmächte mit ihren getreuen, lieben Unterthanen ungefähr dasselbe Gewerbe auf Werbeplätzen oder beim Feilbieten ihrer Truppen an fremde Staaten.

Doch diese alte, gute Zeit drohte plötzlich ein Ende zu nehmen, als die französische Nation deshalb unwirsch wurde, weil der Bauer noch immer nicht, nach der Verheißung Heinrich's IV, an Sonntagen sein Huhn im Topfe fand; sondern kaum den Topf selbst behielt. Zur Verzweiflung getrieben, sprengte sie endlich sehr unerwartet ihre Ketten. Sie wollte frei sein, und wurde nur frech; zertrümmerte sogar den Königsthron, und errichtete auf einem vom Blute schlüpfrigen Boden das Gebäude der Republik.

Die Monarchen unsers Welttheils aber, empört über diese Verletzung des göttlichen Rechtes in der Person eines ihrer königlichen Brüder und Standesgenossen, brüteten Rache und begannen den Krieg. Nicht so göttlicher Natur hatte mehreren von ihnen damals das Völkerrecht geschienen. Sie hatten zum Beispiel ohne Bedenken das Leben Polens, des uralten Staates, vernichtet, ihn zerfleischt, und die Stücke desselben unter sich, als gute Beute, brüderlich vertheilt. Man fand dieses sehr staatsklug und billig.

Der Krieg gegen Frankreich begann. Für den Fall des leisesten Widerstandes der Nation wurde ihr die Zerstörung von Paris angedroht, und daß man Salz auf die öde Stätte streuen werde. Die zuschauenden Völker sahen aber mit gerechtem Erstaunen, daß auch das Unglaubliche wahr werden, daß ungeübte Heere, die auf Paradeplätzen wohlgeübtesten, und daß unerfahrene Feldherren, die erfahrensten besiegen können; sie sahen mit eigenen Augen, daß Söhne gemeiner Bürger und Bauern eben so glänzende Thaten verrichten können, als Prinzen und Herren vom ältesten Adel, daß in der Masse des Volks offenbar mehr hellsichtige Staatsmänner und geniale Heerführer unbekannt leben, als in der titel- und ämterreichen Region der wenigen Hochgebornen; und daß sich die Natur, ohne Scheu vor den Einrichtungen der Menschen, bei Vertheilung ihrer Gaben, nicht im mindesten durch Stammbäume, Orden und Uniformen, bestechen lasse. Die Könige, nach langem Kampfe endlich erschöpft oder überwältigt, schlossen, nicht ohne bitteren Verlust auf einige Jahre oder Monate, ihren »ewigen Frieden« mit der verhaßten, aber siegreichen Republik.

Diese, durch Waffenglück nicht nur übermächtig, sondern auch übermüthig geworden, trat sogleich selbst das Heiligthum des Völkerrechts, dessen Fürsprecherin sie gewesen, mit Füßen. Sie umgürtete sich stolz, sowohl mit Schlachttrophäen, als mit den Ländern der bezwungenen Nationen, und gab ihnen wohl den Namen selbstständiger, batavischer, cispadanischer, transpadanischer, ligurischer Freistaaten, aber dazu keine Freiheit von Innen, und keine Unabhängigkeit nach Außen. Ja, während sie jenseit des Meeres am fernen Nil das Mamelukenreich verwüsten ließ, zerstörte sie mit blutiger Faust auch in der Schweiz die Bundes- und Eidgenossenschaft der ältesten Republiken des Welttheils, und verwandelte sie in die eine und untheilbare helvetische Republik.

Nur ein einziges bisher dazu gezähltes Ländchen im Schooße der höchsten Alpen, Graubünden, oder Rhätien, ließen die französischen Machthaber unverletzt bestehen; und wohl nicht aus Großmuth, oder wegen der Armuth und Geringfügigkeit des kleinen Gebietes von anderthalb Hundert Geviertmeilen. Die Engpässe Bündens gegen Deutsch- und Welschland hin, hatten von jeher in den Augen der eifersüchtigen Nachbarmächte hohe Bedeutung gehabt. Für Oesterreich wurden sie aber eben jetzt von besonderer Wichtigkeit. Frankreich wollte den Frieden mit dem Wiener Hofe, welcher vor kaum einem halben Jahre erst zu Campo Formio geschlossen war, nicht schon wieder gewaltsam brechen. Man begnügte sich deshalb staatsklug einstweilen damit, das kleine Bündnervolk zu freiwilliger Vereinigung mit der helvetischen Republik höflich einzuladen.

Die Leute im Gebirge, deren Vorstehern wenigstens es nicht ganz an Kenntniß der Welthändel fehlte, sahen wohl ein, daß sie sich früher oder später, entweder mit der Schweiz vereinigen, oder, wie Venedig und Genua, ihrer alten Freiheit auf immer verlustig werden müßten. Doch weil man den Anschluß, als einen freiwilligen forderte, meinten sie, es habe damit keine Eile, er könne einst unter billigen, vielleicht sogar vortheilhaften Bedingungen stattfinden. Ohnehin war es keine leichte Sache, bei einer so wunderlichen Staatseinrichtung, wie hier, zu einer baldigen und besonnenen Entscheidung zu gelangen.

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