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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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28.
Zweite Fortsetzung des Tagebuches.

Es wird mir in diesem Lande immer weniger heimisch. Ich bin nicht feige, und doch fühle ich mich an allen Orten bange und unsicher. Ich wandere, zur Stärkung meiner Kräfte, gern und oft, durch die romantischen Wildnisse; jetzt aber mit argwöhnischer Schüchternheit. In jedem Strauche, an dem ich vorübergehe, scheint ein Laurer versteckt zu sein. In der Dunkelheit jeder Schlucht fürchte ich einer verwegenen Landstürmerbande zu begegnen. Ich könnte des Krückstocks, an welchem ich seit beinahe fünf Wochen hinke, füglich entbehren; allein ich besitze zum Selbstschutze, im Falle der Noth, keine andere Waffe. Alles freilich nur die Wirkung der Einbildungskraft; doch was ich wirklich und täglich sehen und hören muß, erregt böse Ahnungen in mir. Ich möchte von hinnen, und zu Dir fliehen, meine einzige, theure Sabine, ehe ein neues Unglück über dies Land hereinbricht, und kann und darf doch abermals nicht abreisen. Ich bin, wie durch einen Zauber gebunden; durch mein Ehrenwort bin ich ein freiwilliger Gefangener geworden.

Deshalb setze ich einstweilen das Tagebuch fort, bis ich die Tage selbst wieder unter Deinen freundlichen Augen verleben darf. Sei übrigens meinetwegen, ich wiederhole es, ohne Besorgniß. Ich bleibe in dem stillen Kriege, der hier geführt wird, durchaus unparteiisch, und lasse es nicht an Klugheit fehlen. Ich höre und schweige. Selbst mein getreuer, wenn auch geschwätziger Uli, soll mich nicht verrathen. Durch ihn erfahre ich meistens, was zur Vernichtung der fremden Kriegsvölker jetzt wieder ausgesonnen, verabredet und gehofft wird.

Als er mir diesen Morgen, mit einigen Büchern, ein Briefchen des Paters Gregorius aus dem Kloster überbrachte, das zu einem Spaziergange einlud, und mich zu diesem Zwecke auf dem Wege nach Trons unter den Felsblöcken erwarten wollte, sah ich's meinem gewesenen Kriegsmanne deutlich an, daß ihm irgend ein politisches Geheimniß auf der Zunge brenne. Ich warf nachlässig die gewöhnliche Frage hin, die er zu erwarten schien: Giebt's sonst nichts Neues in der Welt?

Ei nun, Herr Hauptmann, antwortete er und rieb sich dabei zufrieden lächelnd die breiten, knochigen Hände: was es noch nicht giebt, kann es ja noch geben. Ich denke, unsere Gäste, die windigen Blauröcke, werden bald abmarschiren; und, beim Donner! sie thäten wohl daran. Besser heute, als morgen, wenn sie nicht zu ihren Blauröcken noch blaue Rücken begehren. Ist doch vor diesen Buschkleppern keine Speckseite im Rauchfange und kein Mädchen am Spinnrade mehr sicher. Das verdammte Weibervolk ist leichte Waare, die sich von jedem Liebhaber bald zusammenlegen und einsacken läßt. Da belfert, da schimpft es auf die Soldaten, und schielt ihnen doch beständig nach. Ich habe gestern der Veronika Grülfs erklärt, wir wären auf immer geschiedene Leute, falls ich sie noch einmal mit dem Sergeanten hinter der Stallthüre sehe; ich könne bei ihr nicht alle Stunden Schildwacht stehen.

Schäme Dich, Uli, wer wird so eifersüchtig sein.

Bin's auch nicht, Herr; aber Mißtrauen führt immer weiter, als Zutrauen, und hilft besonders bei Frauen zur Entdeckung von manchem versteckten Schaden. Mittlerweile tröste ich mich mit den Anderen, die der Floh beißt. Ich gebe Euch aber mein Wort, denn ich weiß, was ich weiß; haben sich die Franzosen nicht vor dem Auffahrtstag zur Abfahrt angeschickt, so geben wir ihnen einen Schub von hinten. Noth bricht Eisen; länger halten wir's nicht aus. In der Schweiz zeigt man den Schelmen jetzt öffentlich und überall die Hörner. Erzherzog Karl marschirt auf Zürich, und Massena, heißt's, hat sich, für seine Person, schon aus Chur auf und davon gemacht. Folgen nun die Geißen dem Bocke nicht, so treiben wir sie ihm nach. Ich darf's Euch wohl sagen, Herr Hauptmann, und Ihr müßt Euch mit mir freuen; wir haben gute Nachrichten; es ist Alles auf den Beinen. Ein Wink und, hurrah! Vorwärts!

Wie so, Uli?

Still doch! flüsterte Uli. Man sieht nicht, wo eine Wand das Ohr hat, doch im Schloß hier hat's keine Gefahr. Also, seht Ihr, gestern Nacht tranken unserer Etliche bei Landammanns ihr Schöppchen, und da wurde viel besprochen. Beim Wein pflegt die Zunge auf Stelzen zu gehen, und nicht schüchtern zu trippeln. So kam dies und das vor, was sich sonst gern zu hinterst im Loch versteckt; und wir erfuhren, ein verkleideter österreichischer Offizier sei hier im Lande. Nun sagte der Landammann, es sei der Befehl eingelaufen, wir Leute sollten uns allesammt bereit halten; die Kaiserlichen hätten ihre Fiedelbogen gewichst; der Tanz gehe los; spätestens bis zum ersten Mai. Dann aber, das bleibt unter uns, greift der kaiserliche Oberst St. Julien den St. Luziensteig mit Sturm an; Lecourbe wird von allen Seiten angefallen, aus dem Engadin verjagt; und von Bergen und Thälern bricht der Landsturm hervor. Auch von Euch war die Rede, Herr Hauptmann, daß Ihr's nur wisset; Euch ist ein Kommando zugedacht. Jeder weiß, daß die Franzosen bei Euch noch etwas im Salze zu liegen haben.

Ich weiß nicht, wie viel Wahres an Uli Goin's Lieblingsliede sein mag; aber in keinem Falle ist es von ihm, wie er sich auszudrücken pflegt, auf einer hohlen Nuß gepfiffen. Bei den Menschen im Gebirge ist es anders, als bei denen in ebenen Ländern; sie wissen, was in Betreff ihrer vorgehen soll, ehe noch die Umstände geschaffen sind. Sie bedürfen keiner Zeitungen, Couriere und Eilbriefe dazu. Man möchte zuweilen glauben, die Begebenheiten der Zukunft künden sich ihnen im voraus an, wie manchen Thieren die Witterung.

Zu der vom Pater Gregorius bestimmten Stunde verließ ich das Schloß, um dem Wunsche des guten Mannes zu genügen. Als ich von dem Hofe auf die Landstraße hinaustrat, traf ich, bei dem in der Wiese gelegenen alten Kirchlein von St. Placid, einen französischen Offizier, der müßig umherging. Es war der Platzkommandant von Disentis, Kapitän Salomon, der hier eine Kompagnie befehligt; ein sonst gefälliger Mann.

Nichts Neues, Kapitän? redete ich ihn an.

Er lachte verdrossen, und fragte zurück: Woher in diesem rauchigen Bergnest, Neues nehmen? Kein Journal, kein Kasino, kein Billard; nirgend Verkehr mit Reisenden. Man lebt so entfernt von Europa, als säße man bei den Mandarinen in China.

Wissen Sie, Kapitän, fuhr ich fort, der Erzherzog Karl benutzt seinen Sieg bei Stockach. Er hat auf Schweizerboden Fuß gefaßt.

Pah! noch keinen festen, antwortete er. Massena hat den Oberbefehl über die Donau-Armee bekommen, und das ändert die Sache. Es geht wieder vorwärts. Sacre bleu! Wir sterben hier vor langer Weile. Wäre Massena seinem eigenen Kopfe gefolgt, so lägen diese Disentiser Mörderhöhlen längst in Schutt und Asche, und wir Anderen könnten auch wieder einmal bei ehrlichen Leuten wohnen. Ich erwarte von einem Tage zum anderen den Befehl vom General Rheinwald aus Chur, das Nest wegzubrennen.

Doch nicht, den Marktflecken abzubrennen? rief ich, und glaubte, er habe sich versprochen. Er erwiederte trocken: Warum nicht? Sacre bleu! Was haben diese Meuchler, die kein Menschen-, kein Völkerrecht kennen, was haben sie Besseres verdient? Danken Sie Ihrem Glücke, Bürger Prevost, daß Sie mit ein Paar derben Stichwunden davon gekommen sind.

Kapitän, sagte ich mit unterdrücktem Unwillen, es ist Ihr Ernst nicht! Eine Strafe, die ohne Unterschied das Haupt des Schuldigen, wie des Unschuldigen treffen würde, nein, die konnte Massena nicht anbefehlen.

Nicht? entgegnete der Franzose mit verächtlichem Zucken des Mundes. Es ist aber doch so. Ich weiß aus dem Hauptquartier den Verlauf der Dinge genau. Sacre bleu! Massena fackelt nicht lange. Sobald er von unseren geretteten Offizieren den Hergang der Metzelei bestimmter erfahren hatte, rief er: die Anstifter binnen drei Tagen ausgeliefert, oder das Pfaffennest geht in Feuer und Flammen auf! An demselben Tage schickte er den General zum Präsidenten der RegierungEs war am 21. März 1799, und der damalige Präsident der provisorischen Regierung hieß Jakob Bavier, ein biederer Mann. Massena hatte der Regierung seine mit Drohung begleitete Forderung schriftlich übersandt.. Was geschah? Die armseligen Regenten schlotterten vor Angst im Fieberfrost. Sie begaben sich sammt und sonders zum Hauptquartier; versprachen Nachforschung anzustellen, schleunige Anzeige zu machen und flehten kläglich um Aufschub, um Frist; und – der General war einmal schwach.

Ich verbarg meine Empörung beim Anhören dieser Worte. Was hätte aber Widerspruch bei einem Manne nützen können, der nicht Mensch, sondern nur Soldat war; der nichts war, als eine kalte Degenklinge in der Hand seines Herrn? Ich verließ ihn, nach gegenseitig ausgewechselten höflichen Redensarten; aber Du magst es Dir denken, Sabine, mit welchen Gefühlen! In meiner Brust war Alles, was mir das Dasein in der Welt werth machen konnte, ich möchte sagen, zertreten, Glauben, Liebe und Hoffnung. Denn was ich zuerst von meinem Tavetscher, dann von diesem Franzosen vernommen hatte, zeigte die nächste Zukunft in blutigem Gewande. Ich mag Dich nicht von meinen Bekümmernissen um dies arme, schöne Land unterhalten, welches von den höchsten Alpen umfangen, vergebens dem ewigen Frieden geweiht scheint, aber zum Tummelplatz neuer, gräßlicher Ereignisse bestimmt ist; dieses Land, wo, inmitten einer die unendliche Größe der Gottheit predigenden Schöpfung, menschliche Brutalität nach höllischem Verderben lechzt.

So ging ich vom Offizier hinweg, abwärts bis zu den ungeheueren Felsstücken, welche ein Erdbeben vor unbekannten Jahrtausenden einmal von den Berggipfeln herabgeschleudert haben mag. Die gewaltigen Trümmer liegen hoch über einander gethürmt, dick bemoost und von Tannen bewachsen, an der Landstraße. Sobald ich unter ihnen vorübergekommen war, erblickte ich den greisen Pater Gregorius, meiner schon harrend. Wir eilten einander entgegen, und wählten einen breiten Steinblock zum Ruhesitze.

Ich will Dir von unserem Gespräche erzählen und von dem, was dabei vorfiel. Ich muß es wohl, um mich vor Dir zu entschuldigen, weil eben dadurch mein Aufenthalt in Disentis, um einige Tage, verlängert werden dürfte.

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