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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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27.
Fortsetzung des Tagebuchs.

Der Brief liegt noch da. Ich reiße Umschlag und Siegel ab, und setze ihn fort; nicht eigentlich weil ich dringend Wichtiges für Dich habe, sondern um mit Dir noch plaudern zu können. Meinen ehrlichen Freund Uli Goin kann ich nicht entbehren, und einer unbekannten Hand vertraue ich es ungern an, diesen für Dich bestimmten Brief nach Chur zu tragen. Das Botenwesen zwischen Disentis und der Hauptstadt mag in ruhigen Zeiten nicht immer das Zuverlässigste sein, geschweige in diesen Tagen des Krieges. Es ist noch überall äußerst unsicher hier zu Lande, und vielleicht unsicherer, als jemals.

Obgleich man, nach Massena's Einzug, in Chur alsbald eine provisorische Regierung aus Männern der helvetischgesinnten Partei einsetzte; dann, im Namen des Bündnervolkes, die Vereinigung mit der Schweiz forderte, welche nun seit einigen Tagen wirklich proklamirt worden istDie Unionsakte, unterzeichnet von zwei Kommissären der helvetischen Regierung und dem Präsidenten der provisorischen Regierung von Bünden, war am 21. April von Luzern angekommen., traue ich der trügerischen Ruhe doch nicht. Das trotzige Bergvolk, wenigstens in den Oberlandthälern hier, steht noch so ungebeugt da, wie jemals. Du solltest nur sehen, wie sich jeder Bauer, wenn er einem Soldaten der französischen Besatzung begegnet, trotzig aufstreckt, und ihm herausfordernd in's Auge schaut, als wolle er sich, Mann gegen Mann, auf der Stelle mit ihm messen. Man liest den tödtlichen Groll der Leute in jedem Zuge der wilden Gesichter.

Ich sehe für diese einsamen Hochthäler noch schwere Zeiten voraus. Man spricht hier mit heimlichem Frohlocken von einer Schlacht und Niederlage der Franzosen bei Stockach; vom Einzuge des Erzherzogs Karl in Schaffhausen; von seiner Proklamation an die Schweizer; von vielen Unruhen und Aufständen der Kantone gegen die französischen und helvetischen Gewalten. Ich kann kaum daran glauben.

Und doch ist's nicht zu läugnen, die Benediktiner der hiesigen Abtei empfangen stets und am schnellsten die zuverlässigsten Nachrichten von allen Vorfällen; und, aus ihrem Kloster strömen diese durch die Dorfschaften umher. Es ist merkwürdig, daß die frommen Mönche, die innerhalb ihrer gottgeweihten Mauern der Welt entsagt haben, die lüsternsten nach Welthändeln sind, und ihre Hände so gern in's politische Spiel mengen. Auch den Heiligen also, schmecken verbotene Früchte am süßesten. Sogar mein ehrwürdiger, theurer Pater Gregorius ist von dieser, aus dem Paradiese stammenden Sünde nicht ganz frei geblieben. Von ihm erfahre ich Vieles, aber gewiß nicht Alles, was er weiß. Es ist eine böse Zeit, äußerte er gestern mit geheimnißvoller Miene zu mir, jede Stunde brütet neues Unheil aus; jeden Augenblick kann eine Mine springen. Ich empfehle Ihnen Vorsicht. Wägen Sie jedes Wort ab, mit wem Sie auch sprechen.

Mir ahnet, wohin er zielt. Die Ermordung der französischen Gefangenen, in jener Nacht vom 4. zum 5. März, bleibt nicht ohne Folgen. General Massena hat in Chur gedroht, Disentis in einen Aschenhaufen zu verwandeln, wenn ihm nicht die Urheber der Gräuel ausgeliefert werdenIm Protokoll der provisorischen Regierung von Bünden, Datum 21. März 1799, lautete es folgendermaßen: »Bürger V . . . zeigt an die Drohung des Obergenerals Massena, Disentis abzubrennen, wenn nicht inner drei Tagen ihm die Instigateurs der an fränkischen Soldaten verübten grausamen Exzesse genannt werden.«. Das hat nicht Furcht erregt, sondern die stille Wuth des Volkes, oder seine Verzweiflung vergrößert. Seitdem sieht man auf wenig besuchten Bergpfaden, Tag und Nacht, Leute wandern, wie Boten, mit hastigen Schritten, von Dorf zu Dorf; Menschen, die einander begegnen, bleiben beisammen stehen und flüstern sich in's Ohr. Man erzählt von geheimen, nächtlichen Zusammenkünften in abgelegenen Heuställen und SennhüttenLaut dem Regierungsprotokoll in Chur, vom 22., 28. und 29. März, vom 2. und 3. April, ward die oberste Behörde von diesen verdächtigen Versammlungen nicht nur durch Zeugenverhöre unterrichtet, sondern selbst durch Meldungen des helvetischen Regierungsstatthalters Bolt, aus Neu–St. Johann, des französischen Generals Renard und des Residenten Florent Guiot.. Es gährt; es ist etwas im Werke.

Sei darum nicht ängstlich, Sabine. Für meine Person ist nichts zu fürchten; und, so lange das Hochland von den Truppen Frankreichs besetzt bleibt, wohl überall keine Gefahr. Außerdem stehe ich im Schutze der Familie Castelberg, einer der ersten dieser Gegenden, und Jedermann weiß, daß ich Bündner, ein Bregäller, bin, den die Franzosen gefangen mit sich geschleppt hatten. Dafür haben Gilg Daniffer und die Abgeordneten, welche, mit ihm, dem General Loison entgegen gekommen waren, öffentlich Zeugniß gegeben. Auch Uli Goin und nicht minder die beiden Benediktiner, die mich von jener Mordnacht her kennen, erklären mich aller Orten für den besten Vaterlandsmann. Das genügt.

Aber, Sabine, schon zieht der Frühling frohlockend in's Gebirge ein, beim Gesange der Vögel, unter dem Donner der fallenden Lawinen, unter dem lustigen Getöse der Wasserfälle von den Felswänden und der vollrauschenden Bergströme. Alles wird Musik, während Wiesen und Matten, bis hoch zu den Alpen, das Winterhemd abstreifen; kleine Roggen- und Gerstenfelder längs den Hügeln ihre Saaten zur Schau stellen; Ahorn, Birken und Erlen von aufbrechenden Knospen üppig strotzen, und die niedrigen Gesträuche darunter, wie grüne Flammen, auflodern.

Ich komme bald, Sabine, ich komme bald zu Dir. Meine Wunden sind geheilt; meine Kräfte verjüngt und frisch. Auch ich habe den Winter ausgezogen und fühle nichts als Frühling in mir. Ich komme, um bei Dir zu wohnen, um mit Dir leben, lachen, weinen und schwärmen zu können. Der Arzt verlangt nur noch vorsichtige Schonung; aber ich wandre doch schon durch alle Zimmer des alten Schlosses, Treppe auf und ab; ja, schon einigemal bin ich an meinem Krückstock, durch die Wiesen, und durch's Dorf zu dem klösterlichen Palast der Mönche gegangen. Seltsam! Das Mittelalter wählte für Galgen, Klöster und Burgen stets die schönsten Stellen. Vor der hiesigen Abtei entrollt sich dem Auge in wunderbarer Majestät ein Landschaftsbild, wie man es selten sieht. Prächtig ist's, wie die Welt hier oben mit Bergen gleich Wolken, und mit Wolken gleich Bergen, in den Himmel hinein ragt, und drunten, ihren grünen Blumenteppich, allmählich und weich bis zum Ufer des jungen Rheines hinstreckt.

Und bin ich nur erst einmal wieder bei Dir, meine Sabine, dann bleibe ich bei Dir, und glaube es mir, fromm will ich sein, wie ein Lamm. Denn noch darf ich keine andere Seele unterm Himmel die meine nennen, als Dich; und keine versteht und liebt Dich, wie die meinige. Wir wollen wieder die harmlosen Kinder werden, wie wir's im Hause unserer Mutter waren. Ich lasse alle bisherigen tollen, wenn auch wohlgemeinten Entwürfe fahren. Ich habe es eingesehen, meine Hand ist zu schwach, die Welt umzugestalten.

Schüttle Dein Köpfchen nicht so ungläubig! Meine Bekehrung ist gewiß aufrichtig. Das Schicksal ist Meister, und ich sehe, es bedarf meiner Dienste nicht, wo ich sie ihm weihen möchte. Es weist meinen Kräften einen engeren Spielraum an. Wohlan, ich bin es zufrieden. Ich habe in wenigen Wochen, in wenigen Tagen mehr gelernt und erfahren, als in allen vorangegangenen Jahren; ich habe schwere Zurechtweisung empfangen und vielleicht auch verdient. Doch mein Wollen und Streben war gut; und kein Sterblicher darf sich eines höheren innern Werthes und Verdienstes freuen, als der Güte seines Wollens und Strebens. Die Wirkungen desselben gehören ihm nicht an. Die sogenannten Großthaten unserer Tageshelden sind nicht ihre Thaten, sondern die des göttlichen Verhängnisses.

Wie war mir als Knabe die Welt einst so ganz recht und lieb. Ich ließ Lust und Leid über mich kommen und gehen, wie Regen und Sonnenschein; hielt alle Sterblichen für nicht schlimmer und nicht besser, als mich selbst; mir ahnete nichts von ihrer ekelhaften Thorheit, die sie unter Zwillich und Seide, hinter Ordenssternen und Bettelsäcken, Uniformen und Chorhemden verstecken. – Und Gott sprach, wo ich stand und ging, noch überall freundlich zu mir, unter den Kastanienwäldern, Wiesen und Burgen von Soglio und Castasegna, wie in den unwirthbaren Höhen des Septimer und Maloja. O selige Zeit der kindlichen Träume! Wäre ich doch nie aus ihnen erwacht, oder wäre ich früh in ihnen gestorben!

Jedoch ich erwachte, als der Baron Dich und mich vom Sarge der Mutter, in sein Haus führte. Es umfaßte mich ein fremdes Leben. Sonst kannte ich nur eine Gegenwart; nun zog mir die Schule den Vorhang von einer großen Vergangenheit und von einer Zukunft voll glänzender Erwartungen hinweg. Nun sah ich unter mir die Trümmer einer, vor unzählbaren Jahrtausenden vernichteten Urwelt; über mir am Nachthimmel, statt leuchtender Funken, leuchtende Erden und Sonnen. Nun sah ich auf der weiten Bühne der Weltgeschichte die Heroen der Menschheit, die Märtyrer, die Weisen und die Heiligen Gottes wandeln. Ich fühlte, ich sei einer der Ihrigen; fühlte mich verklärt. Mit welcher Inbrunst gelobte ich, die Herrschaft des Göttlichen auf Erden, gleich einem der Jesusjünger, zu verbreiten! Nichts schien mir zu schwer. Ein Sokrates, ein Columbus, ein Tell oder Washington, ein Kämpfer für Freiheit und Tugend, für Recht und Wahrheit wollte ich werden. Das war die Frucht der Schule.

Ach, Sabine, wie ist das Alles gleich einem Luftgebild zerflossen, sobald ich aus meiner zweiten Traumzeit erwachte und in das Gewirre der Völker und ihrer weltlichen und geistlichen Treiber hinaustrat. Ich sah Wien und Paris, sah London und Prag; sah Republiken und Monarchien; Luxus und Jammer überall. Schon Diogenes suchte die Menschen unter den Sterblichen seiner Zeit. Ich suchte sie auch; doch fand ich nur wildere und zahmere, klügere und dümmere Thiere, in Menschenhaut versteckt; fand Christenkirchen von Holz und Stein, mit Gold und Silber; aber Christen selten; selten ein reines, ohne alle Selbstsucht, für Menschenwohl schlagendes Herz.

Ich sehnte mich, das Gute großartig zu stiften, einem weiten Wirkungskreise entgegen, wähnte mich zum Weltreformator geschaffen. Aber mir blieben Stellung und Gunst des Augenblicks, Gelegenheit und Mittel vom Schicksal versagt. Ich hätte wohl König, Fürst, oder Premierminister, mit voller Gewalt, werden mögen; oder mehr und dauerhafter wirkend, als sie alle, ein hochbegabter, die Geisterwelt beherrschender Schriftsteller. Doch Natur und Schicksal wiesen mich zurück.

Sabine, ich flüchte mit Dir in irgend einen stillen Erdenwinkel. Dort, im kleineren Kreise, menschliches Glück, durch die Macht der Vernunft und Tugend, zu gründen, oder gegen Anfechtung gottesfeindlicher Leidenschaften, und vergötterter Vorurtheile zu streiten, dazu haben wir Kopf und Herz und Geld genug.

Sabine, ich komme!

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