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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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26.
Briefstellen.

– Du also, arme Sabine, in Trauerkleidern? Du, in der vollen Blüthe des Lebens, schon Wittwe? – schrieb er seiner Schwester, als er, mit der ersten Antwort von ihr, zugleich die Nachricht vom Tode ihres Gemahls, des Barons von Schauenstein, erhalten hatte. – Könnte ich doch, statt dieses Papiers, zu Dir fliegen; Dich in meine Arme nehmen und Deine Thränen trocknen! Tröstet es Dich denn nicht auch ein wenig, daß ich noch vorhanden bin, und daß Du nicht doppelte Trauer um Gatten und Bruder zu tragen hast?

Mich freut die fromme Ruhe, in welcher Du mir von den letzten Augenblicken Deines Gemahls erzählst. Du läugnest Deine Thränen nicht. Sie sind menschlich, und fließen gewöhnlich weniger dem Mitleid um den Todten, als dem um unsere zerrissenen Gewohnheiten. Diese ändern sich aber mit der Zeit, und darum wird die Zeit, mit Recht, die beste Trösterin genannt. Das Sterben selbst, glaube ich, wird keinem Sterbenden schwer, eben so wenig als das Geborenwerden. Die Natur ist immer eine Allgütige. In ihre schönsten Freuden legt sie stets ein leises Weh; hingegen hüllt sie, wunderbarlich, Leid und Schmerz in ein mildes Gefühl, durch welches uns sogar der Gram lieb werden kann, daß wir ihn nähren und festhalten, obwohl er uns verzehrt.

Sobald Du Dein Haus bestellt und Dich wegen der Hinterlassenschaft des Verstorbenen, dessen letzten Willen entsprechend, mit den übrigen Verwandten auseinander gesetzt hast, verlasse Wohnung, Schloß und Gegend, und Alles, was Dich an die letzte Vergangenheit erinnert. Mit religiösen und philosophischen Trostgründen kann man so wenig den Kummer um Verlorenes, als irgend eine Krankheit des Leibes heilen. Gram ist eine Seelenkrankheit, an der auch Thiere leiden, wenn ihnen das zur Gewohnheit Gewordene entrissen wird. Verlasse Dein Haus; zerstreue Dich auf kleinen Reisen. Vergesse das, was war, und erinnere Dich, daß Du mir noch angehörst, Sabine, wie ich Dir!

Wegen meiner Genesung sei ohne Kummer. Siehst Du sie nicht schon diesen Zeilen und den festen Zügen meiner Handschrift an, die im ersten Briefe noch, wie Du sagst, zitternd waren? – Zwar darf ich, des unbeständigen, rauhen Aprilwetters wegen, nicht hinaus in's Freie. Dürfte ich es, so wäre ich schon bei Dir. Doch, wenn Du selbst bei mir wärest, könnte ich keine aufmerksamere Pflege genießen, als in dieser alterthümlichen, finsteren und doch so gastfreundlichen Burg mir zu Theil wird. Die Frau von Castelberg, eine fromme, ehrwürdige Dame, nimmt sich meiner mit der Zärtlichkeit einer Mutter an. Seit einigen Tagen ist mir schon gestattet, Mittags an ihrer Tafel zu speisen und den Nachmittag in ihrer Gesellschaft zu verleben. Gewöhnlich finden sich dazu einige geistliche Herren aus dem hiesigen Kloster ein. Es sind gute, in ihrer Art recht kenntnißreiche Männer, von wissenschaftlicher, wenn auch klösterlicher, einseitiger Bildung. Besonders gefällt mir der alte Dekan Basilius Veith, der menschenfreundliche Pfarrer von Sedrun, sowie der Pater Vigilius Wenzein; am meisten aber mein lieber, greiser Philosoph, Pater Gregorius, den ich Dir schon im ersten Brief bezeichnete, mein Lebensretter, der nun aber beständig mit mir zankt, ungefähr wie Du, meine Liebe, zu zanken pflegst.

Das Schloß selbst, wiewohl erst dreihundert Jahre alt, ein Fideikommiß des Hauses Castelberg, ist, von außen, eine graue, düstere Steinmasse; von innen aber doch gar lieblich und wohnlich. Es liegt, wie ein verwitterter Steinhaufen, ganz in der Nähe des Dorfes, oder Marktfleckens, auf einer mäßigen Anschwellung des Bodens, und wird, sammt den Wirthschaftsgebäuden, von einer halb zerfallenen, zackigen Ringmauer umgürtet. Diese ist niedrig genug, um mir vom Fenster meines Zimmers, über die Wiesen hin, den Anblick der Hochgebirge und die Aussicht auf die weißen Mauern des großen, hochgelegenen Klostergebäudes zu gestatten.

Seltsam dünkt's mich, daß mich die Kriegsabenteuer, als Gefangenen und Verwundeten, in diese abgelegene Gegend verschlagen haben, von welcher unsere Mutter so oft mit wunderbarer Begeisterung zu sprechen pflegte; wo sie die schönsten Tage ihres jungfräulichen Lebens genossen; wo sie aus den Händen des von ihr hochgefeierten Abtes Kathomen die Rose von Disentis, wie Du sie gern nennst, für sich und ihren Bräutigam empfangen hat. Aber, noch seltsamer ist es, daß ich hier, meine, in Wien verlorne Rose, mein Medaillon, wieder erblickt zu haben glaube, und noch dazu in Elfriedens Hand. Mag's ein Fiebertraum sein. Ich kann die Vorstellung davon nicht wieder los werden; stets kehrt sie wieder. Fast möchte ich, Du liebe, herzige Schwärmerin, mit Dir schwärmen; an jene Geisterstimmen, die Du zu hören meinst, und an das Uebergehen und Verweben unserer Seele in die allgemeine Weltseele, glauben, wodurch uns Vergangenes zur Gegenwart, Entferntes nahe, und Unsichtbares sichtbar wird. Höre nur, und obschon Du jetzt wohl nicht zur Heiterkeit gestimmt sein magst, zwingt Dir meine Vision vielleicht dennoch ein kleines Lächeln ab.

Daß mein General Loison, bei seinem Zuge durch Disentis, auch in unserer altersgrauen Burg Einkehr gehalten, habe ich Dir, meine ich, schon geschrieben. Hätte man mir es nicht erzählt, wüßte ich's nicht. Und doch sagt man, soll er vor meinem Krankenlager gestanden, mich beklagt, und ich, behauptet man, ihn erkannt und ihm meine Hand entgegengereicht haben. Ich weiß nichts davon; unläugbar war er jedoch hier. Die mir wohlbekannte Unterschrift seines Namens, die er der Dankeserklärung der Offiziere gegen die edle Herrin des Hauses beigefügt hatte, bezeugt es.

Wessen ich mich aber, nach dem ersten Erwachen aus dem langen Ohnmachtsschlafe, zu erinnern glaube, ist eben jene sonderbare Vision, jenes fieberische Gespinnst der Phantasie, dessen ich erwähnte. Ohne Zweifel schwankte ich damals noch zwischen Tod und Leben. Und doch, während in meinem Gedächtniß Alles rein erloschen ist, was vor und nach der vermeinten Erscheinung mit mir vorgegangen, ist sie allein lebendig in mir geblieben.

Ich schlug eines Tages die schweren Augenlieder auf. Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch die weißen Vorhänge des Fensters, und in den Strahlen, nicht weit von meinem Bett entfernt, schwebten ein paar weibliche Gestalten, eine ältliche Dame, blassen Angesichtes, die Hände zusammengefaltet, die Augen mitleidig zu mir hin gewandt, und neben ihr ein schwarz gekleidetes weibliches Wesen, vom Scheitel bis zu den Füßen in einen langen Trauerflor gehüllt. Die Erscheinung dieser Person konnte aber weder Verwunderung, oder Neugierde, noch auch nur die flüchtigste Aufmerksamkeit in mir erregen. In todähnlicher Ruhe lag ich da, erblickte sie, und meine Augen schlossen sich eben so unwillkürlich wieder, als sie sich geöffnet hatten.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis ich abermals aufblickte. Die Verschleierte stand, wie ein schwarzes Luftbild, nur allein noch, stumm und bewegungslos, vor mir. Sie schien sich meinem Lager zu nähern. Darauf fiel der Schleier, wie eine schwarze Wolke, von einer ihrer Schultern zurück. Nun sah ich das Fräulein von Marmels, doch wie von hellem Licht umflossen. Es waren wohl ihre zarten Züge, aber wie von Alabaster geformt. Keine Miene des schönen Gesichtes bewegte sich, doch fielen glänzende Thränen über ihre Wangen. Die Erscheinung hob die Hand, zog etwas aus dem Busen, und hielt mir's entgegen. Es war ein Medaillon; es war die Rose von Disentis. Der Anblick änderte meine Ruhe nicht; in mir war Alles kalt und ausgestorben. Meine Augenlieder sanken wieder nieder und kein Gedanke blieb mir von dem Gesehenen übrig. Alles lag in vollkommener Vergessenheit, selbst als ich nach mehreren Tagen allmählich genas und schon Vorstellung, Sprache und Kräfte wieder gewonnen hatte. Durch Uli Goin erfuhr ich dann, was seit jener Mordnacht mit mir geschehen sei, und wo ich mich gegenwärtig befinde.

Es war mein sehnlichster Wunsch, der Gebieterin des Hauses, in welchem ich die reichste Pflege genoß, meinen Dank zu sagen. Uli versicherte zwar, sie habe mich schon mehr als einmal besucht, um sich von meinen Bedürfnissen zu unterrichten und für meine Bequemlichkeit Sorge zu tragen; ich hatte indessen keine Erinnerung mehr von ihrer Person. Der Arzt, sobald er mich hinlänglich hergestellt glaubte, kündigte mir endlich den ersehnten Besuch der Frau von Castelberg an, und wirklich trat sie eines Nachmittags in mein Zimmer und an mein Schmerzenslager.

Nach den ersten freundlichen Worten von ihrer, und den Betheurungen der innigsten Erkenntlichkeit von meiner Seite, konnte ich die Augen nicht mehr von ihr wegwenden; denn sie war es, sie selbst war es, die ich schon neben der Verschleierten gesehen hatte, nur wußte ich nicht, wann, nicht wie? ob jemals in der Wirklichkeit, oder nur im Fiebertraume? – Ich sann vergebens nach und wurde mir selbst zum Räthsel.

Gnädige Frau, sagte ich halb im Scherz, mir wird's, als fänge ich in Ihrer Gegenwart wieder an, krankhaft zu phantasiren. Ich bitte, fühlen sie meinen Puls.

Sie that es lächelnd und meinte, der Puls gehe in erwünschter Ordnung.

So habe ich Sie unfehlbar schon früher gesehen, so deutlich, wie in diesem Augenblicke. Ganz dasselbe Gesicht voll Mitleid, dieselbe Gestalt, dieselbe Kleidung, wie damals.

Wann war das damals? fragte sie, mit einer Art Verwunderung, die ich für Betroffenheit nahm.

Der Himmel mag's wissen, antwortete ich mit lebhafterer Neugierde; mir scheint es, als schon vor langer Zeit. Aber ist's auch hier in dem nämlichen Zimmer gewesen? Bei Ihnen war eine junge Dame, im Trauergewande, schwarz verschleiert. Sie ist mir von Wien her nicht unbekannt, – ein Fräulein von Marmels. Sagen Sie mir, ich beschwöre Sie, ist sie, war sie, was ich kaum glauben darf, in Disentis?

Die Frau von Castelberg hörte mich mit bedenklicher Miene, ein wenig kopfschüttelnd an, fühlte mir abermals den Puls und fragte: Ob mir wirklich wohl sei? Sie wollte von dem, was ich gesehen zu haben glaubte, nichts wissen; erkundigte sich nach dem Fräulein; nach allerlei Einzelheiten und behauptete zuletzt, ich habe eine Vision, oder eine Ahnung gehabt, ein Sehen in die Zukunft, wie es manchmal in Nervenfiebern oder bei Sterbenden der Fall sei.

Was sagst Du, Sabine? Ich wette, Du bist, ohne Bedenken, ganz der Meinung der Frau von Castelberg. Ich selbst wage nicht zu entscheiden, ob es Blendwerk war, ob Wirklichkeit. – – –

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