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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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25.
Verwirrungen.

Von starken Verblutungen erschöpft, und in Folge der zahlreichen Quetschungen, die Flavian im Gedränge der Bauern, oder von ihren Füßen getreten, empfangen hatte, lag er den ganzen Tag besinnungslos da. Man zweifelte an der Rettung seines jungen Lebens, Uli Goin wich nicht vom Lager seines Wohlthäters, und selbst die allgemeinen Unruhen, welche an diesem Tage das Thal erfüllten, erregten die Theilnahme des treuen Dieners nicht mehr.

Es verbreitete sich das Gerücht durch's Land, Massena's Heer sei siegend über den Rhein gedrungen, und bestürme das gemauerte Vorwerk des Felsenpasses am Luziensteig. Der Kanonendonner, welcher von Reichenau, am Fuße des Kunkelserpasses, her gehört wurde. verkündete deutlich, der Feind stehe auch dort auf dem Boden Graubündens. Der Landsturm schaarte sich wieder zusammen und Anton von Castelberg theilte die bewaffneten Volksmassen wieder in Rotten. Der Tag aber verging unter Berathungen.

Folgenden Morgens, es war der 6. März 1799, lief die Schreckensbotschaft ein, General Demont stehe mit seiner Brigade wirklich bei Reichenau; habe dort ein Bataillon Oesterreicher gezwungen, das Gewehr zu strecken, und sende nun eine Abtheilung französischer Truppen stromaufwärts, längs dem Hochgebirge, gegen Ilanz und Disentis. Gleichzeitig erscholl die Nachricht von dem Wiedererscheinen der Franzosen bei verstärkter Macht Loison's von Ursern aus über die Oberalp herab, gegen Disentis. Jetzt entstand Zwietracht, Unentschlossenheit und Verzweiflung. Die Einen retteten sich durch die Flucht in die benachbarten Thäler; Andere wollten noch einen ohnmächtigen Widerstand versuchen.

General Loison rückte ohne nennenswerthen Kampf vor, und dann in Disentis ein, wo seine Ankunft von den gefangenen Offizieren im Schlosse Castelberg mit Jubel begrüßt wurde. Der General begab sich selbst in das Schloß, um der Gemahlin des Landrichters Castelberg, welche die verwundeten Hauptleute mit wahrhaft mütterlicher Sorgfalt geschirmt hatteDie Offiziere stellten der würdigen Frau ihren Dank in einem schriftlichen Zeugniß, mit Nennung aller ihrer Namen, und vom General Loison selbst unterzeichnet, aus. Dies Papier erwarb nachher dem Schlosse, in schrecklicheren Tagen, Schonung und Schutz von Seiten der französischen Befehlshaber., seinen Dank zu bezeigen. Er trat auch zum Schmerzenslager Prevost's und beklagte gerührt des Jünglings bitteres Loos. Dieser konnte jedoch nicht antworten. Er drückte stumm die Hand des Generals, und seine Augen blickten, im Gefühl der Erkenntlichkeit, freundlich zum Feldherrn auf. Loison, nachdem er eine kleine Besatzung im Dorfe zurückgelassen, eilte ohne Rast weiter, um sich mit dem Kriegsvolk des Generals Demont zu vereinigen.

Daß Massena, der schlachtenkundige Feldherr, binnen zwei Tagen ganz Graubünden eroberte und die Hauptstadt Chur besetzte; daß er einen großen Theil der unter Auffenberg's Befehl stehenden österreichischen Schaaren, und diesen kaiserlichen General selbst, gefangen genommen, soll hier so wenig erzählt werden, als die Genesungsgeschichte Flavian's, der, die Garnison ausgenommen, allein in Disentis zurückgeblieben war, da die übrigen, mit ihm gefangen gewesenen Offiziere, sich einer nach dem andern nach Chur begeben hatten.

Mit Hülfe der Kunst eines französischen Militärarztes, und mehr noch durch die eigene jugendkräftige Natur, erfreute sich auch Prevost, nach einigen Wochen, der Wiederkehr seiner Gesundheit. Seine Wunden, die an und für sich nicht lebensgefährlich waren, heilten allmählich; doch langsamer verlor sich die eingetretene Entkräftung. Inzwischen hatte ihn ein Wechsel auf ein Baseler Handelshaus in Stand gesetzt, sich von Kopf zu Fuß anständig zu kleiden und mit mancherlei andern Bequemlichkeiten zu versehen. Pater Gregorius versorgte ihn, zur Beschäftigung in der Einsamkeit, mit Büchern. Am liebsten unterhielt sich der Genesende in einsamen Stunden mit Briefen, die er allwöchentlich seiner Schwester schrieb. Im ersten derselben hatte er ihr von seinen unglücklichen Abenteuern, durch die er nach Disentis verschlagen worden, Nachricht gegeben. Einige Bruchstücke aus den späteren Briefen mögen die zuweilen sonderbaren Erlebnisse oder Verhältnisse des jungen Mannes, mit seinen eigenen Worten, schildern.

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