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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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23.
Alte Bekanntschaft.

Ho! Ho! Di a mi, nu ei la via? Ju hai se eriu! tönte aus der Dunkelheit unerwartet eine Stimme herüber.

Erschreckt und doch erfreut, schrie Flavian durch die nächtliche Stille zurück: Wer da?

Halt, Kerl! ließ sich die vorige Stimme in deutscher Sprache vernehmen; nimm mich mit Dir, wenn Du auf rechten Wegen gehest. Ich laufe schneeblind in der Irre umher. Warum, Ihr Teufelsnarren, ließet Ihr mich im Stiche, als Ihr mich von den vermaledeiten Franzosen fortgeschleppt sahet? Hätte ich den Steg über den Bach nicht wie ein Mann vertheidigt, säßet Ihr allesammt schon in des Teufels Rachen. Stehe, Kerl, sage ich Dir! Meinest, der Franzose sei Dir noch auf den Fersen? 's hat ja keine Noth mehr mit dem Schelmenpack. Es ist, wie toll, durch einander, über den Berg zurückgesprengt, als liefe es mit Siebenmeilen-Stiefeln.

Nur heran, rief der Schützenhauptmann, bei der unerwarteten Botschaft von Loison's Rückzug zusammenfahrend und seinen Schritt verdoppelnd. Strenge lieber die Beine, als die Zunge an!

Hole der Henker Dich und Deine Zunge, rief der Andere. Ein lahmer Hund behält noch zum Laufen drei Beine; mir aber hangen nur zwei am Rumpfe, davon eins ermüdet, das andere vom Luftsprung verrenkt ist; ja, von einem Luftsprung, den mir der Teufel selbst nicht nachmacht. Ein Sprung von der Flue, funfzig Fuß tief, ist bei meiner armen Seele kein Spaß. Die Franzosen selbst sperrten Maul und Nase auf, als ich entwischte, und pfiffen mir, ein Abschiedslied, mit ihren Kugeln, um die Ohren.

Hier näherte sich hinkend die Gestalt eines stämmigen Bauernmannes. Sie hängte sich sogleich, mit beträchtlichem Gewicht, an Flavian's Arm.

Also die Franzosen sind geschlagen, sind zurückgejagt? fragte dieser neugierig.

Hei, die haben vor uns hertanzen müssen, wie das Vieh in den Alpen, vor einem Gewitter, antwortete der Bauer lachend. Ich wette, die hungern so wenig mehr nach Tavetschem Milchbrei, als ihre Kameraden, die todt im Schnee umherliegen. Das war mir eine Schlacht und ein Schlachten, und Jeder von uns ein Bonaparte.

Während der Tavetscher Held unermüdet von Loison's Niederlage und der Tapferkeit der Sieger erzählte, überdachte Flavian das Gefahrvolle seiner gegenwärtigen Lage. Wehe ihm unter seinen siegtrunkenen, wild aufgeregten Landsleuten, wenn entdeckt worden wäre, daß er mit den Franzosen eingedrungen sei! Er mußte das Loos des Vaterlandsfeindes und Hochverräthers erwarten. Nichts konnte ihn in diesen Stunden gegen Verdacht schützen, als sein bäurischer Anzug; und natürlich war er des glücklichen Zufalls froh, der ihn so eingekleidet hatte. An Flucht war nicht mehr zu denken. Er stimmte daher in die stolze Freude des Bündners über Loison's verunglücktes Unternehmen, und prophezeite neue Triumphe über die Unterjocher der Schweiz und Italiens. Doch inmitten des Gespräches mit dem hinkenden Begleiter, blieb dieser plötzlich stehen, und rief: Alle Donner! das klingt mir absonderlich in's Ohr, oder ich bin verhext. Ich will, meiner Seele, nicht Uli Goin sein, wie ich leibe und lebe, wenn Ihr nicht der Hauptmann Prevost seid. Er beugte sich bei diesen Worten näher nach dem Gesichte des überraschten Hauptmanns, um es im matten Zwielicht des Sternenscheins zu erkennen.

Dachte ich's doch, rief Flavian hocherfreut, Du könntest es sein, ehrlicher Uli. Aber ich traute meinem Glücke nicht. Sei willkommen!

Tausendmal, Herr Hauptmann, jauchzte Uli und zerquetschte mit gewaltigem Druck fast die Hand seines Gönners. Habe ich doch ein Glückshäubchen mit auf die Welt gebracht. Wir halten's fürwahr, wie die Fledermäuse, und begegnen uns immer zur Nachtstunde. Wißt Ihr noch vorigen Herbst auf der Lenzerhaide? Doch wenn ich Katzenaugen hätte, ich würde Euch diesmal nicht erkannt haben. Ihr kommt da veroberländert an, wie unser Eines. Also waret Ihr mit in der Schlacht? Nicht wahr, wir haben die Bälge dieser Stall- und Kellerratten tüchtig eingepfeffert. Nun sagt doch, seid Ihr gestern oder heute von Chur oder von anders her zu uns gestoßen?

Ich war auf dem Wege von Uri hierher, antwortete Flavian, wurde aber von den Franzosen genommen und, als Gefangener, mit fortgeschleppt, bis ich einen Sprung machte, wie Du; eine verschneite Berghalde hinunter fuhr und, wie ich zur Besinnung kam, mich aus einer Lawine hervorgraben mußte. Sage mir nur, wo wir eigentlich sind?

Ihr befragt einen blinden Rathsherrn, Herr Hauptmann. Ich weiß, beim Donner! nicht mehr, ob bei Rueras oder Sedun, bei Selva oder Ciamut, bei Camischolas oder Giuf. Aber tröstet Euch. Wo hier zu Lande ein Steinhaufen Rauch giebt, liegt ein Feuerherd darunter. Sehet, als der Teufel einst mit einem Sack voll Häuser hier vorbei flog, riß ihm der Piz Alv ein Loch hinein, daß er die Hütten über Thal und Berg verschüttete. Aber Herr Hauptmann, ich bin Eurer Meinung, und säße lieber mit Euch wieder am vollen Tisch der hübschen Wirthin von Lenz, statt hier im Frost und Schnee herum zu hinken. So einen fetten Schmaus, wie damals, halten wir freilich heute nicht. Der Gäste sind zuviel und wir kommen an, wenn abgetischt sein wird.

Haben die Franzosen auf dem Rückzug viel Mannschaft eingebüßt? fragte der Hauptmann, begierig, die nähern Umstände des Treffens zu erfahren.

Ich, antwortete Uli, ich allein habe ein halbes Dutzend niedergemacht, das schwöre ich! Wären sie nicht behender, als Geiße, über die Crispausa hinaufgesprungen, beim Donner! alle hätten wir abgeschlachtet, daß Wölfe und Bären des Landes übersatt gehabt haben würden. Und verständen sich nicht viele dieser Ketzer auf schwarze Kunst, müßte jeder von ihnen mehr Löcher im Leibe haben, als ein Sieb. Wir schickten ihnen ein paar Millionen Kugeln in die Rippen; wenn die davon abprallten, war's unsere Schuld nicht. Denn bessere Schützen, als zwischen Lukmanier und Crispalt, findet man in Europa nicht. Aber im Sommer, gebt Acht, wird man in Tobeln und Klüften, an Felsen und Büschen mehr Franzosengerippe hangen sehen, als Zapfen an den Tannen. Todt oder halbtodt, was von den Franzmännern nicht mitlaufen konnte, wurde von den Blauröcken selbst, wie Flößholz, in die Abgründe geschleudert.

Still! Hörst Du in der Ferne Trommelschlag, Uli?

Das sind unsere Leute, Herr Hauptmann, und wir, heißa juchhe! auf dem rechten Weg. Vorwärts! Die Schneestraße wäre nicht übel, paßte nur mein linkes Bein besser darauf. Halt! beim Donner, nein! Horcht! Das ist österreichisches Kalbfell! Ich wollte, die Schlucker trommelten sich morgen ebenfalls zum Lande hinaus. Wir nehmen's allein mit ganz Frankreich auf.

Wie, Uli Goin? bist Du kein Freund der Kaiserlichen?

Ich? Warum nicht, Herr Hauptmann? Ich kenne sie ja. Es sind brave Leute, scheuen Hölle und Teufel nicht. Prächtige Husaren, prächtige Grenadiere; Schnurrbärte, wie Fuchsschwänze; Mützen, wie Butterfässer, Alles ohne Tadel. Nur einen Fehler haben sie am Leibe, das ist ihr Maulwerk. Der Himmel erbarme sich unserer Rauchfänge und Speckseiten, Käsegaden und Keller, wenn man dergleichen Gäste zu Tische hat. Der Meister soll noch erschaffen werden, der ihnen das Loch zwischen Zahn und Zahn vermauern kann. Ich versichere Euch, Herr – – –

Hier unterbrach ihn sein Begleiter mit dem Ausruf: Ich sehe Licht vor uns. Vermuthlich ist ein Dorf in der Nähe.

Richtig! Unfehlbar! betheuerte Uli Goin. Ging mir's doch schon eine Weile um die Nase, wie Duft von gebratenen Käsescheiben. Pest, der linke Fuß! Hätte er halb soviel Verstand, als der Magen, so säßen wir schon vor einem Laibe Brod und warmer Zukost.

Er beschleunigte hinkend an Flavian's Arm seine Schritte. Der Weg senkte sich abwärts zu einigen Häusern, die immer deutlicher aus der Finsterniß hervorstiegen. Neben einem der Gebäude war ein Haufen bewaffneter Bauern versammelt, vom röthlichen Licht der hellen Fenster matt beleuchtet. Uli Goin schaute links und rechts umher, die Ortschaft zu erkennen. Gut! rief er, nur noch ein Dutzend Schritte weiter. Ich kenne den Gilg Daniffer. Er soll uns Quartier geben. Vorsorge trägt mehr ein, als Nachsorge. Kommt!

Sie wanderten weiter, an mehreren Häusern vorüber, aus denen lautes Leben der Menschenmenge erscholl, die sich nach den Mühen und Gefahren des Kampftages militärisch eingelagert hatte. Endlich wendete Flavian's Führer den Schritt zu einem langen hölzernen Gebäude von geräumigem Umfange. Beide traten durch ein Gedränge herausgehender und ankommender Landleute hinein. Alles schwatzte, lachte und jodelte durch einander. Links und rechts sah man durch die offenen Thüren erleuchtete Stuben, mit Männern und Weibern angefüllt. Eine Geige, eine Klarinette, eine Querpfeife klang fröhlich aus der einen hervor, und auf den bretternen Dielen des Bodens wurde der Takt dazu von Füßen der Tanzenden gestampft. – Dahinein, allen Schmerz schnell vergessend, zog Uli Goin seinen Gefährten und sagte: Hier geht's lustig zu, wie am Jahrmarkt von Ilanz, und Hans ist wieder im oberen Gaden. Das laß ich mir gefallen. Zur Noth kann ich wohl auch noch auf einem Bein mitspringen. Aber, Herr, vor Allem will ich billigermaßen erst für das Wichtigste sorgen, womit man Leib und Seele zusammenflickt. Erwartet mich einen Augenblick hier. Gilg Daniffer muß herhalten, und wär's sein letztes Stück Brod.

Er hinkte davon. Flavian, noch zu schwer von den Erlebnissen des Tages ergriffen, fühlte sich in dem lärmenden Getümmel nichts weniger, als behaglich. Die Mehrheit derer, die hier in ausgelassener Lust tobten und jauchzten, hatten noch vor Kurzem im Angesicht des Todes gestanden, und war kaum erst vom Blutwerk zurückgekehrt. Viele taumelten, mehr von Wein oder Branntwein, als von Siegesfreude, berauscht; während bald hier, bald dort eine alte Frau, ein junges Weib still weinend, blaß, zitternd vor Angst, durch das Gewühl suchte und fragend drängte, nach Gatten, Sohn, oder Bruder forschend, der nicht wieder zurückgekehrt sei.

Weit schauerlicher, als dieses Schauspiel von toller Lust und banger Sorge, wurde ihm ein anderes. Als er durch den dichten Haufen trat, welcher die Tänzer umringte, sah er auf einem runden Block fünf oder sechs französische Soldaten, mit gebundenen Füßen, in zerrissenen Uniformen, oder halb entkleidet, sitzen; Rücken gegen Rücken gekehrt; sämmtlich von einem Seil mehrfach umschlungen. Um sie her wälzten sich die tanzenden Paare in lustigen Sprüngen, unter rauschendem Gelächter der Zuschauer. Die Gefangenen saßen da, bleich und matt, mit gebeugtem Antlitz vor sich hinstierend, wie wenn sie die Tiefen ihres Elendes ersehen wollten, oder im Geist den verlassenen Eltern und Geliebten ihrer Heimath Ade sagten. Dann und wann blickte Einer, mit wehklagenden Augen, himmelwärts, als suche er Trost von oben; ein Anderer rollte düster die Augen umher nach dem rasenden Getümmel, und seine Geberde war Fluch. Niemand verstand die Sprache der Unglücklichen, in der sie klagten und baten. Aber auch sie verstanden die Worte der romanischen Sprache nicht, in der sie verhöhnt wurden.

Der Schützenhauptmann stand lange, betäubt vom Entsetzen. Es war ihm zu Muthe, als sei er aus der Mitte Europa's, durch einen bösen Geist, plötzlich in jene fremden Wildnisse verpflanzt, wo Neger, oder kupferfarbene Indianer, frohlockend ihre fürchterlichen Tänze um die gefangenen Feinde halten, welche den langsamen Qualen des Todes geweiht sind. Er war im Begriff, die verzweifelnden Schlachtopfer anzureden, oder ihr Fürsprecher bei den grausamen Siegern zu werden, als ihn eine Faust von hinten ergriff und zurückzog.

Es war Uli Goin, der laut rief: Herr Hauptmann, hier ist unseres Bleibens nicht; denn alle Kübel sind leer. Also laßt uns anderswo Futter betteln, oder stehlen; es ist aber da böse stehlen, wo der Wirth selbst ein Schelm ist. Ein derber Faustschlag auf den Rücken des Sprechenden unterbrach die Rede. Uli sah sich trotzig um; hinter ihm stand, breit und vierschrötig, ein lachender, alter Bauer, dessen weiße Haare verwildert um ein volles, röthliches Gesicht herniederhingen. Flavian erkannte in ihm, und an der Narbenwulst über Nase und Wange, den Mann, dessen und Loison's Dolmetscher er, vor Anfang des Gefechtes, hatte sein müssen..

Du selbst Schelm und Schuft, und lüderlicher Habenichts von Hause aus, lärmte der Benarbte lachend den Uli Goin an. Soviel Fresser, wie heute, machen auch eine Königsküche arm.

Höre, Gilg Daniffer, entgegnete Goin freundlich, lasse mit Dir reden. Wir begehren nichts umsonst, und Du weißt, Geld im Sack duz't den Wirth.

Aber der Alte hörte nicht weiter auf ihn. Er betrachtete den Schützenhauptmann mit großer Aufmerksamkeit von allen Seiten und rief dann: Siehe da, Bursche, bist Du es wirklich? Also doch den welschen Hunden, die Dich bewachten, glücklich entwischt? Recht so, nicht wahr? Schwarzbrod und Freiheit! Nicht wahr, Du hungerst, wie dieser Wehrwolf da, der vom Halse ab, nichts, als Magen ist? Komme, bei mir soll ein braver Bündner nicht Hungers sterben. Folge mir in's Küchenstübchen, mein Bursche. Und Du, Uli, darfst auch mit kommen, damit Du Dich nicht am Ende selbst auffrissest.

Uli Goin ließ sich nicht lange bitten; gab mit zufriedenem Schmunzeln dem Spötter einen dankbaren Hieb auf die breiten Achseln, und Flavian folgte Beiden durch die Küche in ein enges Kämmerchen. Hier, wenn Ihr keine bessere Herberge wisset, könnt Ihr auf den Bänken Nachtlager nehmen, sagte der wirthliche Volksmann, indem er einen Haufen Ueberbleibsel von Broden und Käsestücken, und einige Brocken geräucherten Fleisches, nebst einer halbleeren Branntweinflasche, auftischte. Dann entfernte er sich.

Uli schaute ihm mit gerunzelter Stirn grollend nach und murmelte: Beim Donner! Das ist ein Mahl, wie man es wohl lästigen Hunden, aber nicht Männern vor die Füße wirft, die von Heldenarbeit heimkehren. Indessen griff er dennoch zu; die menschliche Natur besiegte bald den nicht ganz ungerechten Zorn seines Herzens. Nicht besser erging's dem Schützenhauptmann, so betäubt, oder empört, er auch von den Geschichten des Tages und den Unmenschlichkeiten sein mochte, deren Zeuge er eben vor wenigen Augenblicken gewesen. Nachdem Beide verzehrt hatten, was auf dem Tische, von einer schmutzigen Lampe beleuchtet, Eßbares zu finden war, streckte sich Einer, wie der Andere, übermüdet auf dem Boden aus, den Schlaf zu erwarten.

Vor Flavian's geschlossenen Augen gaukelten im Traume die Bilder der jüngsten Stunden: kämpfende Haufen, Lawinen, Pulverdampf, Nebel und Tänze wilder Völker. Bald schwamm Alles durch einander, und nur die im Hause fortgellende Musik regte zuweilen in ihm noch Traumbilder freundlicherer Art an. Er wandelte, war's ihm, wie im Glanze von hundert leuchtenden Kerzen, durch weite Ballsäle, suchte im Gewühle reichgeschmückter Damen die schöne Elfriede von Marmels, oder schwebte im Walzer mit Sabinen selig dahin.

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