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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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21.
Der Kampf.

Indessen hatte Loison schon Befehl zum Aufbruch gegeben. Der Vortrab löste sich zum Plänkeln in eine lange Linie aneinander. Hinten wirbelten die Trommeln. Die Soldaten schritten durch den dichten Nebel, der Alles umhüllte, in geschlossenen Gliedern vor, still und ernst, die Augen bald niederwärts auf den unsicheren Boden gesenkt, welchen zwei Fuß tiefer Schnee bedeckte, bald vor sich hinaus, um die feindliche Mannschaft zu erblicken, welche indessen nirgends zu entdecken war. Loison hatte verboten, einen Schuß zu thun, bevor man von dem Landsturme angegriffen sei. Niemand wußte, wo dieser stand, als plötzlich die durchbrechenden Sonnenstrahlen den dichten Nebel zerrissen.

Da sah man eine ziemlich geräumige, sanft abfallende Ebene vor sich; das Dorf Disentis im nahen Hintergrunde derselben; und über dem Dorfe die weitläufigen weißen Gebäude des Klosters von mäßiger Höhe herabschimmern. Links, am Fuße der Berge, breitete sich der Tannenwald von Segnes nach der Ebene aus; rechts, dem Rheine zu, erblickte man ein allein stehendes Kirchlein, zu St. Agathen genannt. Hinter demselben, in einer großen Tiefe, stürzten die Rheine, der Medelser und Tavetscher, zusammen, und schieden die Hochebene vom Eingange des Thales Medels, oder Brigels, über welches die weißen Kulmen des Lukmanier, des Sixwadun und anderer Bergmassen leuchteten.

Loison hatte kaum die Zeit, sich in der fremden Gegend zu erkennen; denn vom Dorfe her wälzten sich ihm die starken Banden des Landsturmes bis auf Schußweite, unter Geschrei, Trommelschlag und dem gellenden Ton einiger Querpfeifen, entgegen. Links und rechts fielen einzelne Schüsse, die bald zahlreicher wurden und endlich vom knatternden Rottenfeuer einer Kompagnie Oesterreicher begleitet wurden. Die Franzosen vergalten diesen Angriff mit den tödtlichen Blitzen ihrer Gewehre. Eine Weile dauerte der Donner der Geschosse hinüber und herüber; dann gebot der General Sturmmarsch, und mit gefällten Bajonetten brachen seine Schlachtreihen in die Schwärme der Bauern ein, die verworren, doch hartnäckig fechtend, gegen die Hütten von Disentis zurückwichen. Unaufhaltsam drängten die Franzosen in's Dorf nach, während der dickste Nebel von Neuem Alles verschlang. Das Gefecht nahm einen wilden und blutigen Gang. Wo das rothe Licht eines Flintenschusses im Nebel aufleuchtete, dahin wurde gezielt. Auf dem Kirchhofe standen, hinter der niederen Mauer desselben, die Bündner Scharfschützen, wie in einer Schanze. Von da herab säeten sie Wunden und Tod. Die Franzosen, vereinzelt, von allen Seiten bedrängt, und ungewiß, nach welcher Richtung sich zu wenden, wichen aus dem Dorfe, um sich abermals im Freien aufzustellen.

In diesem Augenblick aber hörte man Schlachtgeschrei und Flintendonner auf beiden Flügeln der französischen Stellung. Der Anführer der Bündner, Anton von Castelberg, ein gewandter, erfahrener Offizier, der Gegend kundig, hatte, im Nebel unsichtbar, die Seiten des Feindes umgangen und Abtheilungen des Landsturmes an den Bergen in Hinterhalt gelegt. Nun war für die Tapferen der sechsundsiebenzigsten Halbbrigade kein Zögern mehr. Sie eilten zu dem finsteren Gehölz von Segnes zurück, wo sie in wunderbarer Schnelligkeit ihre zerrüttete Ordnung herstellten. Doch der Heerhaufen der wüthenden Landleute flog ihnen wie eine gespenstische Geisterschaar durch den Nebel nach, um den Kampf mit Ungestüm zu erneuern. Da bemächtigte sich ein panischer Schrecken der sieggewohnten französischen Republikaner. Mit Mühe von den Hauptleuten zusammengehalten, begaben sie sich auf den Rückzug, den Berg hinan, von wo sie kaum erst herabgestiegen waren. Als sie eine ziemliche Strecke Weges aufwärts zurückgelegt hatten, und wieder aus dem Nebelmeer hervortauchten, das unter ihnen, weit und grau, über den Thälern lag, wurde Stillstand gemacht. Keuchend und fluchend, von nur wenigen Offizieren begleitet, gelangte auch Loison zur Höhe. Er schickte sogleich Befehle ab, neue Stellung zu nehmen.

Indem er sich wendete, stieß er auf den Schützenhauptmann Prevost, den seine Wächter im Getümmel verloren hatten. Sie noch hier, Prevost? rief er ihm freundlicher zu und klopfte ihn auf die Schulter. Brav! Ich hätte Sie beinahe irgend anderswo vermuthet. Bleiben Sie mir zur Seite. Hier, wo wir Tageslicht haben, will ich die Bauern erwarten. Der verdammte Nebel drunten! Man steckt darin, wie im Sack. Prevost, Sie sind wieder frei. Ich sehe, Ihr Rath war wohlgemeint; aber nicht ganz am Platze.

General, entgegnete der junge Mann, ich sprach, wie mir die Pflicht gebot. Welches aber auch der Ausgang des Gefechtes sein möge, erlauben Sie, daß ich meine Doppelflinte wieder erhalte, oder wenigstens einen Degen, um mich der eigenen Haut wehren zu können. Sie bedürfen hier keines müßigen Zuschauers, wo der Feind drei- und vierfach stärker ist, als wir.

Und wenn zehnfach, ich will hindurch, sagte Loison. Es ist ein Wespenschwarm, den ich abschütteln muß. Mag er sich einbilden, er verfolge mich, wenn er herumschwirrt; ich werde ihn forträuchern. Prevost, die zwei Kompagnien der Nachhut droben sollen auf der Stelle herunter, sich links ziehen und dort den übrigen Truppen anschließen. Fort, überbringen Sie ihnen sogleich den Befehl.

Höre ich recht, bemerkte ihm Prevost, so fallen auch droben, hinter uns, Schüsse. Wir sind umgangen; die Kompagnien der Nachhut haben schon Arbeit erhalten. General, sehen Sie da unten vor uns, wie es im Nebel schwarz und lebendig wimmelt? Der Wespenschwarm fliegt herbei.

Fort! schrie der General und begab sich hastig zu den Truppen, während Flavian bergan lief, den Befehl desselben zu vollstrecken. Bald darauf hörte er hinter sich die Trommeln Sturmmarsch schlagen und das Geknatter des Gewehrfeuers.

Wirklich rückten die Franzosen, Mann an Mann, Schulter an Schulter gedrängt, mit gefälltem Bajonet gegen die dichten Haufen des kriegerischen Bergvolkes vor. Einen Augenblick schienen die Bündner bestürzt und ungewiß. Doch plötzlich erhob sich ihr gräßliches Geschrei. Sie rannten in wildem Gedränge, mit gesenkten Spießen und Gewehren, den Franzosen entgegen. Als sie wenige Schritte vor diesen lebendigen Mauern und dem eisernen Stachelgürtel standen, drehten sie rasch die Flinten um. Mit den geschwungenen Gewehrkolben, gleich Keulen, schlugen sie die vorgestreckten Bajonette des Feindes auf einander und bohrten sich in die geschlossenen Massen der Franzosen ein.

Während dieses mörderischen Handgemenges war Flavian in einen neuen Zug des Nebels gerathen, in welchem er nur wenige Schritte vor sich sah. Bald fielen auch in seiner Nähe einzelne Schüsse; er gewahrte hier und dort, durch die graue Dämmerung, Schatten umherschweben, kommen und verschwinden. Einer derselben kam in seine unmittelbare Nähe. Er erkannte, am langen, blauen Ueberrock und gezogenen Degen, einen französischen Offizier; ergriff ihn am Arme und rief: Halt! ich bringe Befehle des Generals. Kapitän Goujeon, sind Sie's? Was treiben Sie? Wo sind die beiden Kompagnien?

Zum Teufel, die feigen Hunde, war die Antwort. Vor Dreschflegeln davonzulaufen. Unerhört!

Sammeln Sie Ihre Leute, sagte Prevost, ihn festhaltend; der General ist mit dem Bataillon in der Nähe. Sie sollen sich ihm zur linken Seite anschließen. Sie haben ja Grenadiere bei sich, die doch Stand halten werden.

Grenadiere das? schrie der Kapitän voller Wuth. Grenadiere? An den Galgen hängen sollte man die Memmen mit ihren Epauletten! Taub und blind sind sie, und die Schande und Schmach unserer sechsundsiebenzigsten Halbbrigade!

Bleiben Sie, Kapitän, mahnte ihn der Bündner. Sie geben durch Ihre Eilfertigkeit ein böses Beispiel. Ich weiche nicht von Ihrer Seite. Wir wollen die Soldaten sammeln, und müssen wir umkommen, so sei es fechtend.

Fort! Lassen Sie mich los, oder ich jage Ihnen die Klinge durch den Leib! schrie der Kapitän. Hier ist nichts als Unordnung. Die Bauern sind mitten unter uns. Damit riß sich der Kriegsmann los und rannte davon.

In diesem Augenblicke begann von hinten ein stärkeres Musketenfeuer. Der Nebel verzog sich. Eine Rotte in der Nähe stehender Soldaten, gedrängt von den nachrückenden Bauern, hatte sich zu einigem Widerstande zusammengegliedert. Der Scharfschützenhauptmann wollte sich zu ihr gesellen, um so lieber, da er auf dem Boden ein weggeworfenes Gewehr fand. Er bückte sich, um es aufzuheben. Da prasselten eine Menge Schüsse um ihn her. Er fühlte Stoß und Schlag von Vorbeieilenden, und stürzte rücklings in die Tiefe eines steilen Bergabhanges hinunter.

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