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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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20.
Die kriegerischen Unterhändler.

Ohne Zweifel, meine Herren, redete sie Olivier Loison mit höflichem Wohlwollen an, ohne Zweifel seid Ihr die Vorgesetzten dieser Thalschaften, und wünschet Euch mit mir zu verständigen. Mich freut, die Bekanntschaft so achtbarer Männer zu machen. Ich komme keineswegs als Feind zu Euch; sondern als Freund, im Namen der französischen und helvetischen Republik, das Graubündner Land vom Joch des Kaisers zu befreien. Niemand von Euch soll durch uns belästigt werden. Mein Aufenthalt ist von nicht längerer Dauer, als nöthig, um den morgenden Tag zu erwarten.

Der, welcher von den Abgeordneten der Aelteste zu sein schien, lüftete den Hut einen Zoll hoch über sein struppiges, eisgraues Haar, und erhob sodann die rauhe Stimme zur Antwort.

»Jester heroic,« rief er, »tgei intruidese ha tei enten nossas pauperas vals? Nuot vein nus auter, che nossa libertat. Engulei à nus quella bucc. Ella gida vos nuot. Untgi da cheu daven! Nos umons, nos culms, nosses lavines vegnien vus mazah. Ils nos duensemmen a multaers vegnien à deventar vosses fosses!«Deutsch lautet es: Fremder Krieger, was führt Dich in unsere armen Thäler? Nichts haben wir, als unsere Freiheit. Raube sie uns nicht! Sie nützt Dir nichts. Weichet zurück! Unsere Männer, unsere Felsen, unsere Lawinen werden Euch erschlagen, unsere Abgründe und Multärs Eure Gräber werden.

Der französische Feldherr hörte anfangs den Vortrag des greisen Redners mit lächelnder Verlegenheit an, und sah, wie der Mann, glühend im Gesicht, mit den Händen umherfuhr, zum Himmel und zur Erde zeigte, und durchbohrende Blicke auf ihn heftete. Dann aber unterbrach er ihn und erklärte mit spöttischem, höflichem Geberdenspiel seine Unkunde romanischer, oder rhätischer Sprache.

Haltet ein, rief er, seine Offiziere schalkhaft anblinzend, mit komischer Artigkeit, haltet ein, Herr Großbotschafter. Ich zweifle durchaus nicht an der Gründlichkeit Eurer Meinung, oder an der Aufrichtigkeit dieser schmeichelhaften Aeußerungen, mit denen Ihr mich beehrt. Aber verschwendet so glänzende Beredtsamkeit nicht an ein paar unwürdige Ohren, die zwischen dem Rauschen einer Sägemühle und Eurer Stimme, keinen Unterschied bemerken können. – Gehen Sie, fuhr er zu einem Offizier gewendet fort, rufen Sie den Hauptmann Prevost herbei, der kann vielleicht das Knarren und Quaken dieses zahnlosen Demosthenes in menschliche Töne übersetzen.

Die Gesandten der Tavetscher hatten zwar von den französischen Worten des Generals so wenig begriffen, wie er von ihren romanischen. Aus seinem gegebenen Zeichen und der eiligen Entfernung des Offiziers, erriethen sie jedoch, um was es zu thun sei.

Bald erschien Flavian, von einem vorangehenden Korporal und zwei nachfolgenden Soldaten begleitet. Er blickte nicht unehrerbietig, aber finster, zum General auf, der ihm befahl, die Bauern um ihr Begehren zu fragen. Flavian wandte sich zu diesen und sagte in deutscher Sprache: Spricht Niemand von Euch französisch, italienisch, oder deutsch; so ziehet heim und wechselt mit diesen Franzosen lieber Flintenkugeln, als leere Worte.

Ich glaube beinahe selbst, Bursche, es wäre das Gescheiteste, antwortete deutsch ein anderer Abgeordneter, der sich dann zu demjenigen seiner Gefährten wendete, welcher zuerst gesprochen hatte. Er schien mit ihm, in der Mundart des Thales erst gütlich, dann unwillig, zu unterhandeln, bis jener einige Schritte zurücktrat. Darauf sagte der neue Sprecher zu dem Gefangenen: Bursche, hinterbringe Deinem Meister und Herrn den Gruß, welchen ich ihm im Namen unserer Leute auszurichten habe. Doch mahne ich Dich, bestelle ihn redlich; denn wir spielen hier nicht um Haselnüsse, sondern um Köpfe.

Er kehrte nach dieser vorläufigen Erinnerung das Antlitz dem General entgegen, den er eine Weile stumm, mit funkelnden Augen, musterte, als wäre es hier jeden Augenblick auf einen Faustkampf, Mann gegen Mann, abgesehen. In einem solchen hätte freilich der Brigadegeneral unfehlbar den Kürzern ziehen müssen. Denn nicht leicht konnte man eine riesigere Gestalt finden, als diesen Tavetscher Herold, der eine Kopflänge über die größeren Männer emporragte, und mit seinen breiten Achseln Zentnermassen, wie Kindertand, tragen zu können schien. Bewundernswerther als die Cyklopenform seines Gliederbaues, war aber eine gewisse Leichtigkeit in seinen Bewegungen, die man weder von einem zur Schwerfälligkeit verurtheilten Körper, noch von einem Alter erwarten konnte, das über sechszig Jahre hinausging. Das Haar des Alten wehte im Winde, schneeweiß, über ein frisches, röthliches Gesicht, welches nur durch eine bläuliche, wulstige Narbe über Nase und Wange, etwas entstellt war.

Was suchen Eure kriegerischen Horden in diesem wilden Thal? fragte er den Feldherrn mit einer Stimme, die er sichtbar dämpfte, damit sie nicht in donnerndes Gebrüll ausarte. Die Wehklage der Völker schreit wider Euch über die Wolken des Himmels hinauf. Ihr Franzosen, ja Ihr habt den Thron Eurer alten Könige zerschlagen; Ihr habt die Altäre Eurer Heiligen gebrochen; Ihr habt die Ströme Deutschlands und Welschlands mit Menschenblut gefüllt. Ihr habt das Grab der heiligen Apostel geschändet. Vermisset Ihr, am lauten Jammer der Welt, vielleicht noch den Jammer armer Hirten in unbekannten Gebirgen?

Diese Felsen gebären kein Gold; diese Gießbäche keine Perlen; nur vier Monden lang geben sie spärliches Futter für unsere Heerden; die übrige Zeit Reif, Schnee und Eis. Wollt Ihr hartherziger gegen diese Thäler sein, als der Erdboden? Wollt Ihr das Almosen stehlen, welches uns der Himmel so kümmerlich zuwirft?

Unsere Väter sind jederzeit treue Bundesgenossen der alten Schweizer gewesen; Ihr aber habt die Schweizer in Euer Joch gethan; sie geschlachtet; Zwietracht in das Herz der Ueberlebenden geworfen und Feuerbrände in ihre Hütten. Ihr habt ihre Freiheit erwürgt; den Schatz ihrer Städte geraubt; ihnen nicht einmal den Namen der Schweizer und Eidgenossen übrig gelassen. Wir kennen keine Helvetier. Wahret Euch, uns ihr Loos zuzubringen. Ihr würdet schlechten Trägerlohn heimbringen.

Auch haben wir gehört, Ihr wollet die Oesterreicher aus unserem Lande vertreiben. Sie sind unsere erbvereinten Bundesverwandten, sie sind unsere Gastfreunde. Wer, Ihr Fremdlinge, hat Euch Fug und Macht ertheilt, über unsere Heimath zu schalten, als wäre sie Euer Gut, und uns zu gebieten, wen sie beherbergen dürfe? oder unseren Herzen zu befehlen, wen sie lieben und hassen sollen? Seid Ihr des Kaisers Feind, so suchet ihn in der Burg in Wien. Er wohnet dort; nicht unter uns.

Zurück! Setzet Euren Fuß keine Schrittbreite weiter, oder, bei allen Heiligen des Himmels, Ihr fahret vor Sonnenniedergang in die unterste Hölle. Feinden fordern wir keine Gnade ab, auch schenken wir ihnen keine. So Euch aber der Schnee des Gebirges ermattet hat, sprechet. Wir sind Christen, Ihr sollet Erbarmen finden. Unsere Hütten geben Euch Obdach, Milch und Käse; doch zuvor leget die Waffen ab. Morgen sollet Ihr Eure Rüstung und Wehr unversehrt wieder empfangen. Dann möget Ihr wohlbehalten nach Ursern zurücksteigen.

Das soll ich Euch anzeigen. Mein Mund ist der Mund des Volkes!

Flavian verdolmetschte dem Feldherrn die Worte des rhätischen Boten nicht nur treu, sondern mit wirklicher Begeisterung. Die stolze Einfalt dieser Rede mahnte den Jüngling an die kühne Sprache jener scythischen Gesandten, mit welcher sie dem macedonischen Alexander entgegengetreten waren, als der Eroberungssüchtige in ihre Steppen eindrang.

Der französische Befehlshaber rief unter lautem Gelächter: Wer hätte doch in diesem Mammuth einen so gewandten Diplomaten vermuthet! Bürger Prevost, antworten Sie kurz und bündig: Wir zögen vor, die angenehme Unterhaltung im warmen Zimmer, beim Glase Wein, fortzusetzen, statt uns im Schnee hier die Füße erkälten zu lassen. Wir seien gute Freunde der Graubündner; würden Mannszucht halten und verlangten nichts, als ungehinderten Durchzug. Der Franzose aber gebe keine Waffe ab, bis man sie ihm aus der todten Faust reiße. Was sich dem Durchzuge widersetzt, wird niedergemacht. Basta!

Durchzug? rief der Tavetscher, als er den Sinn der Antwort vernahm, und seine Stimme ging in dumpfes Brüllen über, wie die des gereizten Stieres. Bei den Gebeinen des heiligen Placidus! Wähle bei Zeiten die Heimkehr, Ketzer, oder es sollen die Knochen Deiner Räuberbande, neben den Deinigen, im Schnee und Sonnenschein dieser Berghalde bleichen, daß Bettler und Gauner genug Knöpfe für ganz Frankreich daraus schneiden können. Die blutfarbenen Hosen des langen Kuoni, der vor alten Zeiten, wie Du, von Ursern kam und Tavetsch überfiel, prangen längst nicht mehr in der Kirche von DisentisLaut Sage, hatte im Jahre 1350 ein Kriegsmann, Namens der lange Konrad mit seiner Rotte, von Uri her, das Thal von Tavetsch überfallen und geplündert, wurde aber mit den Seinigen erschlagen. Als Trophäe wurden die Hosen des Konrad lange Zeit im Kloster Disentis zur Schau gestellt.. Ich gelobe, an ihre Stelle die Deinigen aufzuhängen. Wahre Dich, Fremdling!

Er sprach diese Worte mit solch donnernder Kehle, daß der Schall weit umher von den sich gegenüberstehenden Schlachthaufen gehört wurde. Seine Augen blitzten dabei stechend unter den grauen Wimpern hervor. Der General hatte ihn verstanden, ehe Flavian die Drohung übersetzte.

Halten wir uns keinen Augenblick länger bei dem Behemoth auf, sagte Loison zum Schützenhauptmann. Wiederholen Sie ihm kurz: hindert man mich, meinen Weg friedlich fortzusetzen, werde ich ihn mir mit Feuer und Schwert bahnen. Damit drehte er der Gesandtschaft den Rücken und kehrte zu den Truppen zurück, die, seinen Anordnungen gemäß, schon angefangen hatten, ihre Reihen seitwärts auszudehnen.

Nun denn lustig! Angefangen mit der Wolfsjagd! Schau auf in die Luft; der Waldgeier wittert schon Aas! schrie der Sprecher des Volkes und die Züge seines Gesichtes verriethen Zufriedenheit mit dem Beginn des blutigen Tagewerkes. Aber Du, fuhr er zu dem bisherigen Dolmetscher fort, sage an, wer bist denn Du? Ich sehe, die Wölfe da hüten Dich, wie ein fettes Lamm, das ihnen gern entwischen möchte. Nimm Du einen Ansatz zu uns hin; scheue ein paar blaue Bohnen nicht, die sie Dir nachschicken. Wo bist Du daheim? Was treibst Du bei den Ketzern?

Ein Engadiner und Bündner bin ich, wie Ihr. Ihr seid ja selbst Zeuge, wie ich ihnen mit meiner Sprache dienen muß, erwiederte Flavian.

Also ein Mauldiener? versetzte Jener. – Dergleichen treibt sonst sein Gewerbe freiwillig. Willst Du nicht lieber Deinem Vaterlande dienen?

Ich kann es hier, mit gutem Rath, sagte der Hauptmann.

Nichts davon, unterbrach ihn der Tavetscher trocken. Jetzt heißt's, gute That! Mache Dich davon, Bursche, sobald Du kannst und springe hinüber zu den Unsrigen, wenn Du nicht einerlei Loos mit dem welschen Gesindel verlangst. Gelobt sei Jesus Christ!

Darauf nahm er rasch seine Amtsgenossen beim Arme, und eilte, neben ihnen, mit langen Schritten bergab.

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