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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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19.
Der Landsturm.

Das Niedersteigen von der Höhe, auf den schlüpfrigen Schneepfaden, wurde mühseliger, als das Emporklimmen, und noch gefahrvoller durch die Abgründe, in die jeder Fehltritt den Mann hinunter reißen konnte. Links lagen aschgraue Nebel über dem Gebirge; rechts stiegen aus unsichtbaren Tiefen steile Bergmassen auf, die mit phantastisch geformten Kulmen, Zacken und Zinken im höchsten Aether ausliefen, ein unabsehbares Labyrinth kolossaler Krystalle. Hier öffnete sich eine entsetzliche Schlucht; die Hälfte eines Berges war darin niedergesunken und verschlungen worden, während die andere Hälfte noch ihr nacktes Eingeweide zur Schau trug. Dort klafften gebrochene Gletscher auseinander und entblößten ihre blaßgrünen Wunden dem Tageslichte. Von Felswänden hingen Wasserfälle ohne Bewegung herab, wie gläserne Säulen in der Luft. Weit entfernt gelegene Wälder glichen schwarzen Moosstecken auf beschneitem Gestein. Von Zeit zu Zeit zog ein dumpfes Dröhnen, wie rollender Donner, durch die Berge, das Geräusch stürzender Lawinen, die kein Auge entdeckte. – Furchtsam schauten die Soldaten auf und setzten den Marsch mit tiefem Schweigen fort, um durch ihr Getöse nicht die Luft und durch sie die überhangenden Schnee- und Eismassen zu erschüttern.

Endlich aber wichen links und rechts die Bergreihen weiter auseinander. Die ersten Spuren eines Pflanzenlebens kündeten sich wieder an; niedrige Alpenerlen, die ihre dürren Aeste aus dem Schnee emporstreckten; Alpenföhren, die ihre, am Boden kriechenden Zweige mit Nadelnbüschel kröntenAlpenerlen (Betula alnus viridis) und Alpenföhren (Pinus Pumili) gewöhnlich, mit Ausnahme niedriger, kaum das Gras überragender Weiden, die letzten Holzarten an den Grenzen des Banmwuchses in den Schweizerbergen.. Weiter abwärts wurden dann an den Gebirgshalden lange Streifen von Tannenwäldern, neben leeren Wasserrunsen, die der schmelzende Schnee, oder Regengüsse, seit Jahrtausenden, eingefurcht hatten, sichtbar; und noch entfernter drunten erschloß sich die Aussicht in ein Thalgelände, oder vielmehr in ein Netz von Thälern, durch die in einander verschränkten Füße entgegenstehender Berge gebildet. Nach einigen Stunden zeigten sich hier und da schon Schöpfungen von menschlicher Hand; Stege von rohbehauenen Baumstämmen, oder Steinplatten über Gießbäche gelegt; verfallene Einhägungen; zerstreute Stallhütten; endlich in noch tieferen Gründen kleine menschliche Wohnungen, bald beisammen, bald weit von einander gelegen, kaum von jenen Steinblöcken zu unterscheiden, welche, durch Wolkenbrüche und Lawinen dem verwitterten Gebirge entrissen, auf den Wiesen da lagen.

Loison's Waffengefährten fühlten sich, wie in einem neuen Leben, als sie, nach langer Trennung von der bewohnten Welt, wenn auch noch in ziemlicher Ferne, einzelne Rauchsäulen von wirthlichen Herden aufsteigen sahen. Man muß in winterlichen öden Wüsten, in Eisgefilden zwischen Nebeln und Klippen, selbst schon seine Verlorenheit gefühlt haben, um sich die Freude beim Wiedererblicken der ersten Zeichen einer bewohnten Welt lebhaft vorstellen zu können. Es ist dieselbe Freude, welche den Seefahrer ergreift, wenn er, nach langen Abenteuern zwischen Himmel und Wasser, festes Land am Horizont auftauchen sieht; oder wenn eine Karavane in brennenden Sandebenen Afrika's die Palmengipfel einer fernen Oase entdeckt. Gesang und Scherz, witzige Einfälle und fröhliches Gelächter erwachten wieder in den bisher verstummten Kriegerschaaren.

Schon waren diese eine gute Strecke thalwärts gewandert, als der Vortrab, indem er sich um den Vorsprung eines Hügels bog, plötzlich bewaffnete Haufen gewahr wurde, die sich in verschiedenen Richtungen gegen den Berg hin bewegten. Der General ließ Halt machen. Während sich die Truppen schlagfertig aufstellten, erstieg er den Hügel, um Anzahl und Bewegung des Feindes zu erkennen. Von da aus sah er, daß der ihm entgegen rückende Haufen, in ziemlich kriegerischer Ordnung vorwärts schreitend, nicht schwächer an Mannschaft sei, als er selbst. Aber andere Rotten des Landsturms, die er links und rechts wahrgenommen hatte, wurden, vom tückischen Nebel verheimlicht, bald unsichtbar.

Wahrhaftig, geheuer ist's hier nicht, sagte der Feldherr zu den nahestehenden Offizieren. Ich glaube, Hauptmann Prevost hat Recht. Die Bauern sind zahlreich; es kommt darauf an, wie sie sich schlagen.

General, bemerkte einer der Offiziere, ich habe Schweizerbauern dieser Art im Grauholz bei Bern und am Rothenthurm kennen lernen. Wir waren stärker, als sie, und es ging blutig her. Wenn wir zurück müßten – –

Kein Gedanke! – unterbrach ihn Loison. Entweder sprengen wir den Schwarm aus einander, und wir vereinigen uns übermorgen mit General Demont; oder im schlimmsten Falle schaffen wir diesem, bei Reichenau, freieres Spiel, indem wir den Landsturm hier im Schach halten.

Siehe da, wir empfangen Besuch, General, rief ein Anderer. Drei unbewaffnete Bauern nähern sich und lassen weiße Tücher wehen. Unterhändler.

Gut! entgegnete der Feldherr. Ich wette, die Schufte verlangen unsere Bajonette nicht zwischen ihre Rippen. Hören wir, was sie bringen.

Als der General zur Vorhut seiner Truppen gekommen war, standen auch schon die ländlichen Abgesandten da; ziemlich betagte, vierschrötige Gestalten, zwar in bäurischer, doch stattlicher Landestracht. Sie verbeugten sich etwas ungelenk, mit ehrerbietig entblößten Häuptern, als er sie mit dem Tressenhut leicht begrüßte. Eben so schnell jedoch, als er sich wieder bedeckte, drückten auch sie ihren Filz trotzig auf die Stirn hernieder.

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