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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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18.
Der Zug über die Oberalp.

Schon anderen Morgens empfing er die Befehle des Generals zur Untersuchung der Wege über das Gebirge der Oberalp. Er versprach, die Aufgabe ungesäumt zu lösen. – Der General erwartete zwei Tage vergebens dessen Rückkunft. Der Morgen des allgemeinen Aufbruchs dämmerte; die Kompagnien versammelten sich, doch Prevost erschien nicht wieder. Olivier Loison verwünschte den Bündner, dem er zu viel Vertrauen geschenkt zu haben glaubte, und gab den Befehl zum Abmarsch.

Singend und mit Trommellärmen trabten die rührigen Heerbanden, aus dem Dörfchen Andermatt, welches einem verschneiten Steinhaufen glich, hervor. Der Zug ging über den halbgefrornen Sumpfboden, längs dem Ufer eines Baches, zu den Einöden der Oberalp hinauf. Der Weg wurde allmählich steiler; der Schnee tiefer; der Morgenwind schneidender. Der lange, dunkle, bewegliche Streifen der Soldatenrotten auf den schneehellen Berghalden, über welche die Gewehre im Sonnenstrahl zuweilen flüchtige Blitze warfen, konnte entfernten Zuschauern einer emporkriechenden ungeheuren Riesenschlange gleichen, deren Schuppen bei jeder Wendung des Rumpfes erglänzten. Doch bald verschlang das Schauspiel ein Nebel, der seinen grauen Schleier um den Berg legte. Die Soldaten selbst erschienen sich darin, wie Schattenheere, welche von einer Wolke in die andere übergleiten, während ihnen der Reif Haupt- und Barthaar versilberte. Nach einigen Stunden wanderten sie oben, neben einem kleinen Bergsee, über eine Brücke von Eis, die sich links an Felswände anlehnte. Und erst, als sie die letzte Höhe des Bergjochs erreicht hatten, welches Uri von Graubünden scheidet, sechstausend Fuß hoch über dem Meere, rollte sich der Nebel, wie ein Vorhang, plötzlich vor ihren Augen auf.

Da starrten die erstaunten Krieger in die schauerlichste aller Einöden; eine bleiche Wildniß von Schnee- und Eisgebirgen, himmelhoch übereinander gewälzt; schwarze Klippen dazwischen und tiefdunkle Klüfte. Die Nachbarschaft des Nordpols zeigt sie den Grönlandsfahrern nicht ausgestorbener und entsetzlicher. So weit die Blicke schweiften, überall Erstarrung und die Welt im Schlafe. Der Tod schien hier, über den Ländern der Sterblichen, seinen ewigen Thron erbaut zu haben. Das Leichentuch der Natur, von Stürmen zerrissen, deckte nur noch die dürren Gerippe einer ehemaligen Welt; und über dem ungeheuren Leichnam regte sich nichts, als zuweilen eine Wolke, welche still um eine Felsspitze hinschlich. Links schimmerten die Eispyramiden des hohen Krispalt, wie in ihr zerflossen, durch die Luft, rechts die noch höheren Zinken und Hörner des majestätischen Sixmadun. Zwischen den bläulichen, tiefen Gletscherschlünden und den gewaltigen Trümmern eingestürzter Berge glichen sie riesenhaften Grabmälern eines seit Jahrtausenden zerstörten Erdballs.

Soldaten und Offiziere machten unwillkürlich Halt. Jeder schien von geheimer Furcht überwältigt, Niemand wollte die Heiligkeit des tiefen Schweigens durch einen Laut stören. Einzeln zogen sie jenseit des See's weiter, bis der Feldherr, während er zur Vorhut eilte, selbst Rast gebot. Diese stand in einiger Entfernung auf dem äußersten Grathe des Bergjochs in eigenthümlicher Bewegung, wie von einem unerwarteten Ereigniß betroffen. Die Umrisse der Krieger zeichneten sich dort scharf auf dem hellen Hintergrunde des Himmels ab. Einige Soldaten streckten die Arme aus; andere schwangen Gewehre, Hüte und Tücher. Loison, neugierig gemacht, verdoppelte seine Schritte. Als er, auf dem überschneiten Bergschnitt, die Anhöhe erklommen hatte, rief er: Was giebt's, Leute?

Hieher, General, schrien sie. Zauberei! Teufelei! Blendwerk, wie es kein Menschenkind je gesehen hat!

Und in der That, der General blieb ebenfalls, von Erstaunen gefesselt, als er die Augen auf einen Nebel richtete, der, wenig entfernt vor ihm, langsam aus der Tiefe emporquoll und sich wellenförmig ausdehnte. Er gewahrte darin den Schatten seiner Gestalt, und um die Schattengestalt, wie sie sich bewegte, eine in sieben Farben brennende Glorie. Kaum ertrugen die Augen das Leuchten dieses Heiligenscheins, welches vom Purpur und Blau, durch Lichtgelb zum Roth spielte. Jeder sah sich da einzeln, wie er wandelte, verklärt sich selbst gegenüber, im Innern des flammenden Farbenkreises.Diese schönen und überraschenden Erscheinungen von Strahlenbrechung, »Nebelbilder« genannt, werden bei günstiger Stellung der Sonne und des Schattenwurfs gegen eine Nebelwolke, auf vielen Bergen der Schweiz gesehen.

Wohlan, eine gute Vorbedeutung, sagte Loison zu einigen Hauptleuten, welche, neben ihm stehend, die wunderbaren Nebelbilder betrachteten. So wird Jeder von uns in diesem Feldzuge seinen eigenen Heiligenschein erobern.

Aber nicht ohne Vorausbezahlung der Kanonisationsgebühren, äußerte sich hinter ihm eine fremde Stimme. Heiligenschein ist kostbarer, als Scheinheiligkeit.

Der General blickte hinter sich und rief: Was ist das für ein kecker Bandit? Wer hat ihn hergebracht?

Dem Aeußern nach schien der Ankömmling einer jener Gemsjäger zu sein, welche, unbekümmert ob Winter oder Sommer, mit leidenschaftlichem Vergnügen die Gebirge durchstreifen, um irgend ein Thier der Felsenwildniß, wenn auch nur einen weißen Hasen, oder gar den eigenen Tod zu finden. Ausgenommen Ledersack, Büchse und Pulverhorn über Schulter und Rücken, in der Faust den Alpenstock mit der langen Eisenstachel, war der übrige Anzug des Mannes der gewöhnliche der Bergbewohner dieser Gegend: eine grobtuchene braune Jacke; kurze blautuchene Spitzhosen, mit Lederriemen um's Knie zusammengeschnallt; die blauen Wollenstrümpfe bis zu den Waden mit grauen Ueberstrümpfen bedeckt; am Fuß dicksohlige, schwerbenagelte Schuhe, mit Eisspornen darunter. Vom Gesicht blieb nichts, als Auge, Nase und Mund zu sehen; das Uebrige war vom herabgezogenen Pelzwerk der Aufschläge einer Lederkappe bedeckt.

Oeffnet Euer Visir, Herr Strauchritter. Wer seid Ihr? befahl der General.

Der Gemsjäger gehorsam, zog unter dem Kinn die Schnüre der Mütze auf, und ließ sein Antlitz sehen. Es war der Schützenhauptmann Prevost.

Siehe da! Willkommen hier oben! rief Loison, jedoch mit einem Ernst in der Miene, der nicht ganz zu dem freundlichen Willkommen paßte. Woher so spät? Was giebt's Neues in der Unterwelt, nach der ich mich, trotz der hiesigen Himmelsfreuden, stark sehne? Er machte bei dieser Frage eine winkende Bewegung mit Kopf und Hand, und ging mit dem Schützenhauptmann einige Schritte seitwärts, um ihn allein zu hören.

Wie, zum Teufel, kommen Sie zu dieser verdächtigen Vermummung? fuhr er fort.

Ich entlieh sie vom Wirth in Andermatt, um den Landleuten diesseits und jenseits unverdächtig zu bleiben.

Und warum so spät? Sie sollten schon gestern Abend zurück sein.

Nicht ich war Herr, General, sondern Weg, Wind und Wetter.

Wo haben Sie übernachtet?

In einer leeren Sennhütte von Tiarms, wo ich froh war, an einem kleinen Feuer mich vor dem Erfrieren zu schützen.

Wie steht's mit den Wegen die Berge hinunter?

Zum Genickbrechen, oder Lebendigbegrabenwerden, antwortete der Weidmann. Links der kürzere, aber steilere, geht über die Alpenwiesen von Crispansa glatt hinab, bis zu den rauchigen Häusern von Ruäras. Ihre Truppen fahren ihn am gemächlichsten, Gewehr im Arm, sitzend herab. Rechts ist der Pfad etwas weiter, im Sommer für Pferde gangbar, wie man sagt; doch ich sank zwischen den Klippen von Nurschallas und Calmot unerwartet bis über die Schultern in den Schnee, war übrigens zufrieden, daß dies kühle Grab mir, zur Rückkehr in die Welt, offen blieb.

Gleichviel, versetzte der General, aus dessen rundem Gesichte die gewohnte Heiterkeit verschwand; von zwei Uebeln ist das kleinste zu wählen. Ich bin froh, aus dieser Wüstenei wieder zu Menschen zu gelangen.

Vermuthlich, General, werden Sie deren bald mehr finden, als Sie wünschen. Ich sah Truppen.

Wie so? fragte Loison stutzend.

Ich fürchte, unser Marsch ist verrathen. Man erwartet uns.

Was? Oesterreicher da?

Ich sah zwei Kompagnien; doch ziehen unter dem klagenden Geheule der Sturmglocken, längs den beiden Rheinufern, zahlreiche Schwärme bewaffneter Bauern heran.

Gut! Das Gesindel ist bald zersprengt. Wie weit ist's noch bis zum Kloster Disentis?

Ich zweifle fast, General, daß wir heute den hochwürdigen Vätern zur Last fallen werden.

Und von da bis Reichenau fünf Stunden? murmelte der General verdrießlich, indem er den großen Tressenhut von der Stirn zurückschob, als würde er ihm für die Geschäfte seines Kopfes zu enge. Vermuthlich überall kleine Murmelthierlöcher, statt menschlicher Wohnungen, ungefähr wie im Ursernthal. Wie?

Aufrichtig gesprochen, entgegnete Prevost, wir würden bei den Murmelthieren so gut schlafen, als in den rußigen Palästen des Tavetscherthals. Ortschaften und Hütten liegen an den Bergen zerstreut umher, wie eine aus einander gelaufene Heerde ohne Hirten.

Der General ging unruhig und schweigend auf und ab; dann warf er nachlässig die Frage hin: Sind die Bauern gut bewaffnet? Mit Mistgabeln, Sensen, Prügel?

Der Schützenhauptmann antwortete: Der Landsturm mag drei- und viermal stärker sein, als Ihre Bataillone, und wird, wie ich hörte, von einem erfahrenen General oder Obersten angeführt. Die Leute kennen Wege, Stege und Schlupfwinkel ihrer Berge und Wälder besser, als wir. Darf ich mir einen Rath erlauben?

Und der wäre? fiel der General ein.

Heute umzukehren und Verstärkungen an sich zu ziehen, General. Sie gehen Ihrem Verderben entgegen. Die Landleute des Gebirges sind ein kräftiger Menschenschlag, und werden mit der Tapferkeit der Verzweiflung fechten.

Wehe ihnen! rief Loison. Wagen sie's, so verbrenne ich ihre Vieh- und Menschenställe bis zu den Gipfeln der Berge. Ich habe es nicht mit Lumpengesindel, sondern mit Oesterreichern zu thun.

Sie treiben Scherz, General, erwiederte der Hauptmann ernst und ehrerbietig. Französische Republikaner sind keine Mordbrenner, denke ich. Wir stehen auf dem Boden eines armen, freien Volkes, welches wir für, nicht wider die Sache Frankreichs und Helvetiens gewinnen wollen; eines entschlossenen, herzhaften Bergvolkes, zu dem wir ungerufen kommen, und welches im Glauben steht, ungebetene Gäste, wie jeder Hausvater, zur Thür hinaus werfen zu dürfen.

Junger Mensch! brauste der General auf, hier keine moralische Vorlesungen. Ich will die Nacht bei den Benediktinern schlafen. Halten mich die Tavetscher Bauern auf, ist's ihre Schuld, wenn mir ihre Nester, als Fackeln, auf dem Wege leuchten müssen.

Aus Flavian's dunkeln Augen schoß ein Blitz tiefen Unwillens gegen den französischen Feldherrn. In diesem Falle gestatten Sie, sagte er, daß ich nicht Zeuge davon sei. Ich bin Schweizer und biete nicht zur Verwüstung, sondern zur Befreiung meines Landes die Hand. Keine Gräuelthat, kein zweites Unterwalden hier! Schlagen wir uns, wenn es sein soll, wie Männer gegen Männer, aber ohne Mord und Brand. Wo nicht, General, so gewähren Sie mir die Entlassung.

Sie bleiben! erwiederte Loison gebieterisch. Sind wir in Chur angekommen, so werden Sie die Entlassung in der Art erhalten, wie Sie sie verdient haben.

Erinnern Sie sich, entgegnete der Bündner mit fester Stimme, ich bin als Freiwilliger zu Ihnen gekommen.

Keine Worte verloren! rief der General. Sie haben, fürchte ich, der französischen Armee gestern schlecht gedient.

General! rief der Hauptmann mit Heftigkeit, und that einen raschen Schritt vorwärts. Schlecht? Vielleicht, weil ich mich unter Lebensgefahren dreißig Stunden in diesen Schneewüsten als Kundschafter gebrauchen ließ, um das Häuflein Ihrer Soldaten vom Untergange zu retten?

Retten? Vom Untergange? Wie?

Kehren Sie um, Bürger General. Dieser Rath ist die beste Frucht meines Kundschaftens, welches ich schon zu bereuen anfange. Sie haben es mit der Uebermacht und Verzweiflung eines Gebirgsvolkes aufzunehmen, welches keine Furcht kennt. Sie haben – –

Still! rief der Befehlshaber, dessen finstere Mienen aufsteigenden Argwohn verriethen. Erlauben Sie, daß ich mich in jedem Fall Ihrer werthen Person versichere. Er rief einige Offiziere herbei, denen der Schützenhauptmann Flinte, Jagdsack, Pulverhorn, sogar den Alpenstock übergeben mußte. Dann gab er einen Wink, und die Trommeln wirbelten zum Abmarsch.

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