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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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16.
Wanderung zum Gotthard.

Wirklich bestieg Sabinens Bruder, wenige Tage später, ein Schiff des Vierwaldstätter-See's, und ließ sich zu den Ufern von Uri rudern. Die aus den Geschichten der Vorzeit berühmten Stellen des Seegestades, an denen sein Nachen vorüberschwankte, die kleine, felsige Halbinsel des Grütli rechts, die Kapelle und Platte des Tellsprunges links, zogen seine Aufmerksamkeit kaum für Augenblicke auf sich. Sie mochten ihm ungefähr so sehenswerth dünken, als, an dem gemalten Stammbaum eines gesunkenen Adelsgeschlechtes, die Schilder weiland berühmter Ahnherren, deren noch lebende Enkel, im Gefühl eigener Unbedeutsamkeit, sich mit den Tugenden der Todten brüsten.

Es war schon dunkler Abend, als er in den engen Gassen des Hauptfleckens Altorf umherirrte und vergebens Herberge und Nachtlager suchte. Gasthäuser und Bürgerwohnungen waren mit lärmendem Militär, das keinen Raum übrig ließ, angefüllt. Ueberall abgewiesen, wendete er sich endlich an einen französischen Offizier, dem er, auf der Straße begegnend, seine Verlegenheit und seine Abordnung zum Hauptquartier des Generals Loison offenbarte. Nach einigen Fragen nahm der junge Kriegsmann, wie ein barmherziger Samariter, den Arm des Bündners freundlich in den seinigen und sagte. Aha, ich weiß. Wir sollen Kollegen werden. General Demont hat Sie angekündigt und Sie werden im Hauptquartier erwartet. Kommen Sie, Bürger Prevost, wir theilen Tisch und Bett mit einander. Ich bin Kapitän Goujeon, Loison's Adjutant. Morgen wandern wir gemeinschaftlich die Gotthardsstraße hinauf. Ich freue mich, angenehme Gesellschaft zu haben. Sie werden mir von dem Lande erzählen, in das Sie uns einführen wollen.

Die Gastfreundlichkeit des Offiziers, obgleich er diese Tugend auf fremde Kosten wohlfeil übte, war dem verlassenen Wanderer allerdings willkommen. Er folgte seinem Geleitsmann zu einem fröhlichen Schmause, bei welchem ein Schwarm jugendlicher Krieger der großen Republik, unter Witzen, Flüchen und Gelächter, von Bällen und Waffentänzen, von Schlachten und Liebschaften bis tief in die Nacht hinein plauderte. Mit Tagesanbruch wurde, durch das Großthal von Uri, der Weg zum Gotthardsberge fortgesetzt. Eine Kompagnie Soldaten zog singend voran.

Die winterliche Gebirgsgegend, überall einförmig und weiß, mit dazwischen erscheinenden schwarzen Felsenabhängen und Tannenwäldern, glich einem ungeheueren Kupferstich. Wenn der Wind die bereiften Zweige der Bäume schüttelte, sank es zuweilen wie ein Sternenregen herab, der beim Sonnenschein im bunten Licht des Diamanten glänzte.

Herrlich, herrlich! rief Kapitän Goujeon, mit trunkenen Augen über die schimmernde Ebene, und empor schauend zum zackigen Rande der beschneiten Berge, die das blaue Gewölbe des Himmels trugen. Wie sie dastehen, die Giganten des Erdballs, stolz und ewig, in schrecklicher, feierlicher Pracht! Mich nimmt's wahrhaftig nicht Wunder, wenn Ihr Schweizer, von einer so schauerlich großen Natur angesprochen, das Lachen verlernt habt, und immer ernst gestimmt seid, ausgenommen, wenn Ihr, statt der Berge, Weinflaschen vor Euch seht. Hier müßte ich zum Dichter werden. Wie kommt's, daß die Schweiz keinen Homer oder Ossian geboren hat?

Das Räthsel gab ich mir selbst schon auf, sagte der Bündner. Doch ich meine, Landschaften bilden nur den leblosen Hintergrund poetischer Kunstwerke; große Thaten aber, gewaltige Schicksale, Leidenschaften, der Sieg oder Untergang großer Geister den Vordergrund. In einem seit Jahrhunderten zerstückelten Ländchen, wie die Schweiz, wo Alles für sich lebt, fehlte es zwar nie an großen Ereignissen und großartigen Talenten, aber sie blieben, in winzigen Räumen, bei kleinen Völkern: historisch bedeutungslos, bloße Erdbeben eines Ameisenhaufens. Im engen Horizont der Gemeindegrenzen und Schloßmauern konnte sich kein Gemüth erheben. Man trieb mit Gedanken und Thaten, von Ort zu Ort, nur Kleinhandel. Ohne ein freies, öffentliches Leben verschimmelt die Volkskraft im Spießbürgerthume. Der schöne Dichtergeist beschäftigt sich höchstens noch mit Blumen und Bächen, Liebe und Thränen. Wer auf einer größeren Bühne vielleicht als Feldherr ersten Ranges geglänzt haben würde, verkrüppelt beim Wachtstuben- und Kamaschendienst zum Exerziermeister. Wer, als Staatsmann, fähig gewesen sein würde, die Schicksale von Königreichen zu lenken, wird in der kleinstädtischen Rathsstube zum politischen Kannengießer.

Ich glaube, Sie haben Recht, fiel der Adjutant lebhaft ein. Die Schweizer sollten zur großen Nation, zu Frankreich gehören. Da bekämen sie eine Welt zum Spielraum.

Die Schweizer aber verlangen ihn nicht, erwiederte Prevost, und mögen Niemandem, als sich angehören. Ist aber einmal das halbe Hundert ihrer Länderchen und Völkerchen zu einem Ganzen und in starke Einheit zusammen geschmolzen, dann stehen sie groß genug da, wenn auch nicht mächtig genug, um gegen andere Nationen, wie die Franzosen, auf Beute Jagd zu machen, doch um das Banner der Freiheit in kräftiger Faust selbst aufrecht zu halten, und um ihren Herd und ihre Heerden gegen fremde Wölfe zu schützen. Inmitten der großen Noth der Völker kann nur Freiheit und Frieden ihr höchstes Bedürfniß sein.

Der Kapitän sah den Reisegefährten, der in Stimme und Geberde plötzlich mehr auffahrenden Unwillen, als in seinen Worten verrieth, verwundert an, und fragte ihn: Was wollen Sie eigentlich sagen? Wölfe, Wildniß, europäische Völkernoth? Ich denke, Ihr Patriotismus wird wenigstens Frankreich nicht zur europäischen Wildniß zählen, den Sitz der civilisirtesten Nation des Erdbodens, deren Waffen und Wissenschaften, Sprache, Moden und Sitten den Weltkreis beherrschen.

Gelassen und mit ironischem Lächeln, antwortete Flavian: Ich bin mißverstanden worden und will deutlicher sein. Eine Wüste kann Oasen, eine Wildniß menschliche Wohnungen haben, und bleibt dessenungeachtet Wüste und Wildniß. So erscheint mir Europa. Oder ist unser Welttheil mit all seinen Künsten und Kunststücken im Ganzen entwilderter, als es Afrika, Asien, Amerika sind, wo, ganz wie bei uns, in ihren Staaten Völker neben Völkern, wie reißende Thiere in ihren Höhlen, feindselig neben einander wohnen; einander neidisch belauern; Klauen und Zähne zeigen; wedelnd und tückisch an einander vorüber schleichen; den Schwächeren zerreißen und verschlingen, und wo die Stärkeren sich der Beute wegen zerfleischen? Kennen Sie die politische Geschichte des stolzen Europa? Bevor unsere Nationen nicht innerhalb ihrer Grenzen, wie friedsame Familien in ihren Häusern, neben einander wohnen; alle im Schutze des gleichen Völkerrechtes, ihre gegenseitigen Zwiste der Würde des Menschen entsprechend schlichtend, so daß der ganze Welttheil ein großes Gemeinwesen vieler, armer und reicher Haushaltungen wird; so lange möchte ich ihn nicht civilisirt nennen.

Ach, Sie sind Philosoph. Vortrefflich! rief Goujeon lachend. Ich weiß, die Deutschen lieben das Grübeln, Spekuliren, Philosophiren und Phantasiren; wir Franzosen den Genuß und die That.

Sie wurden in diesen Gesprächen, die sie noch lange auf ähnliche Weise fortsetzten, von einem Offizier unterbrochen, den der General gesandt hatte, den Marsch der Kompagnie zu beschleunigen. Man erfuhr von ihm, daß der Angriff auf Graubünden in wenigen Tagen unternommen werde; daß jetzt vermuthlich Vandamme und Jourdan schon über den Rhein gegangen seien, um den Feldzug zu beginnen.

Die Soldaten jauchzten bei dieser Nachricht: die Republik hoch! und verdoppelten ihren Schritt vom Dörfchen Am-Steg bergauf, über das öde Bergdorf Wasen, durch den grausigen Felsenkessel der Schöllenen, bis sie über die Teufelsbrücke und durch den dunklen Engpaß des Urnerlochs, in das stille Thal von Ursern hervortraten, wo ihnen die Hütten von Andermatt gegenüber lagen.

Hier kam ihnen Olivier Loison, der Brigadegeneral, wohl kaum dreißig Jahre alt, und wohlbeleibt, doch gelenk, mit rundem, freundlichem Gesichte, entgegen. Nachdem er die Kompagnie gemustert und die Berichte der Offiziere gehört hatte, wendete er sich zu Prevost, hieß ihn willkommen und nahm ihn mit sich in's Hauptquartier.

Bürger Prevost, sagte er, ich habe Sie früher erwartet. Was mir General Demont von Ihnen meldet, berechtigt mich, Ihnen volles Vertrauen zu schenken. Sie können der Armee und der Befreiung Ihres Vaterlandes ausgezeichnete Dienste leisten. Heute ist der erste Märztag. Morgen erlaube ich Ihnen, Rasttag zu halten, falls Sie der Ruhe bedürfen. Uebermorgen aber, wünsche ich, daß Sie alle Wege über das Gebirge der Oberalp rekognosziren möchten, damit ich erfahre, welcher derselben im Winterwetter für die Truppen gangbar sei. Ich fürchte, wir versinken droben im Schnee. Sie können zu Ihrer Sicherheit eine Anzahl Soldaten dahin mitnehmen. Am vierten März greift Massena den Luziensteig an, und ich rücke an demselben Tage in Bünden ein. Ich erwarte aber mit Bestimmtheit, den Abend vorher, Ihre Rückkunft und Ihre Berichte. Dann bleiben Sie, als Adjutant, in meinem Gefolge. Jetzt machen Sie sich's bequem. Sie speisen mit mir zu Nacht. Wir Beide müssen nähere Bekanntschaft mit einander machen.

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