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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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15.
Letzter Brief.

– – Entweder, Sabine, will ich mich aus dem Weltgetümmel in irgend einen stillen, freundlichen Winkel des Erdbodens flüchten, fern vom täglichen Schauspiel civilisirter Gemeinheit, heimlichen Lasters, friedensfeindlicher Vorurtheile; – in einen Winkel des Erdbodens, wo ich, umringt von den Werken der Besten und Weisesten aller Zeitalter, und nur im Verkehre mit unverdorbenen, wenn auch unwissenden Menschen, in enger Sphäre, wohlthun, belehren, trösten, beglücken kann, – und dazu mangelt mir ja weder Geld, noch Verstand und Willen; – oder aber, Sabine, ich werfe mich als Würgengel in den heutigen Völkerkampf; helfe die Ketten der Unterdrückten brechen, hundertjährige Götzenbilder zerschmettern, und die Gewalten der Hölle vertreiben, welche auf Erden dem Rechte und der Wahrheit ihren ewigen Krieg machen. Und dazu mangelt mir weder entschlossener Muth noch Begeisterung. Und sollte ich im Kampfe für das Göttliche sterben, dann ist's ein göttlicher Tod, der das arme Leben würdig krönt.

Hier, Schwesterchen, hast Du, auf die Frage Deines letzten Briefes, mein »Entweder, Oder!«

Beurtheile mich darum nicht, wie der gemeine Menschentroß, der Jeden einen Schwärmer nennt, welcher sich mit ihm nicht gemein macht, und für Edleres lebt und stirbt, als für Geldkiste und Titel. Du weißt ja, wie der menschliche Wahnsinn die Welt ganz verkehrt gemacht hat; wie die Fürsten nicht für das Volk, sondern die Völker nur für die Fürsten da sind; wie anspruchslose Tugend lächerlich, die Vernunft vom Bannfluch der Kirche geschlagen, das ewige Menschenrecht geächtet dasteht. Du weißt ja, wie der Freund der Freiheit den Staatsmännern, Hochverräther, und wer nicht an den Teufel glaubt, den Priestern, Gottesläugner ist. Du weißt ja, wie Wissenschaften und Künste für an sich selbst werthlos gehalten und nur, als Luxusinstrumente, im Knechtsdienst des Reichthums, der Hoffart und der Eitelkeit Geltung haben; wie die meisten Menschen, weil Ehrlichkeit keine Ehre bringt, ihren Brüdern gegenüber, als lebendige Lügen lächeln.

Sabine, jetzt zieht ein Orkan durch die Länder, den man Revolution nennt, um den faul gewordenen Luftkreis Europa's von giftigen Dunststoffen zu säubern. Er ist nicht, wie unsere Diplomaten, Priester und gelehrten Maulwürfe faseln, von einigen Freigeistern und Aufklärern hervorgezaubert, sondern, aus dem Schooße der ewigen Weltordnung, zur Strafe der allgemeinen Entmenschung geboren. Unsere bonapartistischen Kriegshelden, nach blutigen Lorbeeren lechzend, sind wieder, wie in alten Zeiten, neueuropäische Attila's geworden, und Frankreich ist in der Schicksalsfaust, die Gottesgeißel über dem Rücken der Barbaren.

Hier, Kind, hast Du mein politisches Glaubensbekenntniß. Ich stelle mich auf die Seite der Gottesgeißel, nicht, weil ich sie liebe, sondern, weil ich sie als Gotteswerk ehre. Die Franzosen predigen wenigstens den Völkern gesunden Menschenverstand, wenn sie gleich wie Wahnsinnige wüthen. Kinder und Trunkene reden die Wahrheit, sagt das Sprüchwort. Der Orkan wird einst austoben und eine neue Welt aus dem Schutte des Mittelalters erstehen. Ich beweine zwar, wie Du, das Leiden unseres Vaterlandes; aber es wird auf dem Wege der Schmerzen ein freieres, stärkeres, edleres werden.

Liesest Du die Zeitungen? Siehest Du nicht, wie die Nationen erwachen, sich den Schlaf aus den blöden Augen reiben und die stummen Lippen öffnen und reden lernen?

Wir sind im Februar. Ehe die Kirschen blühen, bricht der Krieg aus, furchtbarer als je; denn Erzherzog Karl steht gerüstet am Lech. Aus dem Norden wälzen sich die wilden, unbekannten Völkerschwärme Asiens und Rußlands heran. Suwarof führt sie, der auf seinen Schlachtfeldern berühmt gewordene Schlächter.

Nun, Sabine, komme ich zur Sache. Ich war gestern in Luzern. Die Franzosen stehen schlagfertig und ihr erster Schritt ist gegen unser armes Bündnerland gerichtet, um die Oesterreicher hinaus zu treiben; die Gebirgspässe links und rechts gegen die Schweiz und Cisalpinien zu sichern und den Eingang Tyrols offen zu halten, ehe der Erzherzog und Suwarof mit vereinter Macht herandringen können. Der Hauptangriff wird ohne Zweifel, von Massena geleitet, am Luziensteig geschehen, während Loison von den Höhen des St. Gotthard, Lecourbe südwärts gegen Engadin und Tyrol, Demont von den Kunkelser Alpen her drohen. Bleibt das Glück, wie bisher, den republikanischen Fahnen getreu, so wird der Kriegsschauplatz weit hinter unsere Thäler zurückgeschoben werden. Dazu sollte in diesem Augenblick Jeder helfen, der sein Vaterland liebt. Ich will dabei sein. Freilich, wenn auch Alles gelingt, sind wir darum noch nicht frei. Frankreich wird die Schweiz, als seine Pförtnerin gegen Italien und Deutschland, noch lange im Dienste behalten wollen; die Pariser nennen ja alle ihre Thürhüter Schweizer. Aber unser Bergvolk wird, wie manches Andere, im Druck der Dienstbarkeit, die Freiheit um so inbrünstiger lieben lernen; und, wie es jetzt die Bande zerrissen hat, in welche es von seiner Junker- und Priesterschaft gehalten war, so wird es früh oder spät auch Frankreichs Herrschaft zurückweisen. Ganz Europa wird es fordern, wird es erzwingen helfen; dessen bin ich sicher.

Zufällig traf ich vor einigen Tagen in der Stadt, wo er nur kurze Zeit verweilte, den General Demont. Man hatte mir gesagt, er stamme aus einem Bündnergeschlechte von Pilla, im Lugnetz-Thal. Ich suchte ihn auf und erbot mich, bei Eröffnung des Feldzugs, als Freiwilliger, in seinem Stabe zu dienen. Er empfing mich, als Landsmann, freundlich, glaubte aber, daß ich mit meiner Kenntniß des Landes, zumal in den romanischen Thälern des Oberlandes, dem General Loison nützlicher werden könne. Die Aufgabe Loison's sei eine der gefährlichsten Unternehmungen. Mir gilt's gleich, wem ich zur Seite stehe; wenn nur das Unternehmen gelingt. Der General hat mir also ein Empfehlungsschreiben an seinen Waffengefährten, der mit zahlreichen Truppen in Uri und im Ursern-Thale steht, gegeben. Morgen, oder übermorgen, eile ich dahin. Deine Briefe für mich sende an unsern gefälligen Bündner Agenten.

Beunruhige Deinen Mann auf seinem Krankenlager nicht mit Nachricht von meinem Vorhaben. Der Verdruß würde ihm zu seinen übrigen Nöthen das Gallenfieber bringen. Du selbst, ängstige Dich meinetwegen nicht. Du kennst mein Entweder-Oder. Weil ich den Friedens-Aufenthalt nicht zu finden weiß, will ich hinausfliegen in den Sturm. Ich fühle meine Kraft; sie sehnt sich nach der That. Ich freue mich der wilden Zerstreuung, der Abenteuer, die mich erwarten; ich will, ich kann nicht auf dem Faulbette ruhen und träger Zuschauer bleiben, wenn die Kriegsflammen über mein armes Vaterland zusammenschlagen.

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