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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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12.
Schicksal der Rose von Disentis.

Warum machst Du mir denn Vorwürfe, Du Unbarmherzige, auch wenn ich sie verdiene? Wer spricht wohl gern von der Geschichte vergangener Thorheiten? Ich will mich heute aber doch überwinden, Dich befriedigen, und über den Verlust der sogenannten Rose von Disentis, die Dir so wichtig ist, Auskunft geben. Der Verlust ist mir wahrlich schmerzlicher, als Dir. Ich erinnere mich nur zu wohl der Stunde, wo wir sie, weinend an ihrem Bette kniend, aus der Hand der sterbenden Mutter empfingen. Wir waren arme, unwissende Kinder; ich ein Knabe, damals von kaum siebzehn Jahren; Du zähltest deren kaum funfzehn. Mit dem letzten Athemzuge der lieben Mutter, starb uns Alles. Baron Schauenstein, der sich ihrer in den letzten Jahren, auf Empfehlung des Abtes Kathomen, mitleidig angenommen hatte, erfüllte auch das Gelübde, welches er der Hingeschiedenen gethan; nahm uns auf seine Güter; behandelte uns freundlich; hielt uns sogar einen Hauslehrer. Ich vermuthe jedoch, ein guter Theil der Unterstützungsgelder kam ihm durch den würdigen Abt von Disentis zu, dem Freunde unserer Eltern. Ich erwähne dieses Alles nur, um Dich an die sonderbare Verknüpfung der Umstände zu erinnern. Ohne diese Verhältnisse wäre ich wohl nie nach Wien gekommen, wo ich die Rose verlor.

Du warst gleich anfangs, Du weißt es wohl, der Liebling des Herrn von Schauenstein. Anderthalb Jahre später, Du standest noch in der ersten jungfräulichen Entfaltung, machte er Dich schon zu seiner Gemahlin; und nun hieß es, ich müsse schlechterdings studiren. Obgleich schon neunzehn Jahre alt, war ich doch noch ein ziemlich unwissender Bursche. Studiren oder nicht, schien mir so gleichgültig, wie Dir damals Dein Heirathen. Aber ich gewann die Wissenschaften lieb, je mehr ich lernte. Drei Jahre später zog ich, reif zur Hochschule, in die Kaiserstadt. Du sandtest mir Deine Harfe nach. So oft ich sie in den Arm nahm, glaubte ich Dich zu umfassen. Ich drückte ihr manchen Kuß auf, der Dir galt. Dir und mir ahnte nicht, in welches Irrsal sie mich noch führen werde.

In einem Wiener Dachstübchen, bei meinen Büchern, meiner Harfe und meinem Wasserkruge, lebte ich, wenn auch dürftig, doch zufrieden. Vierteljährliche hundert Gulden, die mir Dein Eheherr zukommen ließ, reichten kaum für die unentbehrlichsten Bedürfnisse hin. Indessen gab's, zum Glück für mich, wenig Unentbehrlichkeiten, weil ich mich nie an sie gewöhnt hatte. Ich stand lange Zeit, als Fremdling, in den neuen Umgebungen, und staunte Paläste, prächtige Gotteshäuser, Bildsäulen, Gemäldegalerien, Naturaliensammlungen an. Jeder Gang über die Gassen und Plätze lehrte mich etwas kennen, wovon ich aus Büchern dunkle Vorstellungen gesammelt, aber in unsern Bergen nichts Aehnliches gesehen hatte. Unser armes Vaterland kam mir daneben, wie eine Wildniß der Indianer vor. Du wirst Dich gewiß noch der Begeisterung erinnern, in welcher ich Dir damals schrieb.

Während ich aber in Bewunderung der Kunstwerke, der öffentlichen Einrichtungen und der Erfindungen, wie ein Berauschter, umherwandelte, wurde ich, mit nicht geringem Erstaunen, gewahr, daß die Menschen, trotz dem Allen, nicht edler und auch nicht glücklicher waren, als in unseren rauhen, armen Thälern. Ja, ich entdeckte, ohne alle Mühe, daß sie im Allgemeinen auf den Stufen der menschlichen Gesittung noch tiefer standen, als unsere Landleute. Diese, in ihrer rohen Natur, sind darin wenigstens, wie in ihren bessern Eigenschaften, wahr; jene aber, inmitten ihrer Wissenschaften, Künste und großstädtischen Prunkereien, nur Zerrbilder der Menschennatur. Sie reizen, steigern und sättigen künstlich ihre selbstsüchtigen Begierden und halbthierischen Gelüste; verhüllen künstlich ihr daraus quellendes Elend: künstlich sind sie von außen und innen. Selbst ihre Tugenden sind gewöhnlich nur auf den Vortheil des Augenblicks berechnete Kunstwerke. Das nennen sie Lebensart, Civilisation, Fortschritt. Was sie Großes, Gutes, Schönes besitzen, Kirchen, Schulen, Theater, Akademien, Museen, oder die Wunder der Baukunst, Malerei, Musik u. s. w., sind blos Mittel zu Geldmacherei, Wohlleben, Ehrgeiz. Beim Anblick der vornehmen und gemeinen Liederlichkeit, der verschwenderischen, hartherzigen Ueppigkeit der höhern Stände, neben der trost- und hülflosen Armuth der Geringeren, hätte ich wahrhaftig manchmal in eine Einöde flüchten mögen, hätte ich nicht, besonders in den mittleren Ständen, noch wirkliche Menschen gefunden; Menschen von ungekünsteltem Herzen und Verstande.

In Deiner Vereinsamung, Du liebes Kind, ist Dir die unglaubliche Verwahrlosung und Verwilderung des niedern verlumpten, wie des hohen eleganten Pöbels der Residenzen und großen Städte noch immer so fremd, wie sie es ehemals mir gewesen ist. Ich spreche nur davon, um Dir begreiflich zu machen, wie übel mir unter diesen wohlgekleideten Scheinmenschen zu Muthe war. Auch pflog ich in Wien anfangs keinen Umgang, als mit einigen Musikern, die mich, mit meiner Harfe und Stimme, in die Konzerte zogen, welche sie von Zeit zu Zeit gaben. Ich ließ mich gern zu diesen ziehen, weil ich auf solche Weise die Leistungen ausgezeichneter Künstler unentgeltlich mitgenießen konnte.

Nun, Sabine, komme ich zur Sache, der ich mich zu nähern sträube, und mich noch länger entgegenstemmen möchte.

An einem reizenden Sommernachmittag begab ich mich, jenseit der Vorstädte, in's Freie hinaus, um mich zu zerstreuen. Auf der etwas steil abfallenden Landstraße sprengte mir, im tollsten Galopp, ein zierliches, einspänniges Kabriolet entgegen, aus welchem eine vornehme Dame um Hülfe schrie. Der Kutscher, im Tressenrock, rief die Vorübergehenden an, das Pferd aufzuhalten, welches, weil es einen der Lederstränge zerrissen hatte, nicht mehr zu bändigen war. Jeder sprang scheu auf die Seite. Es gelang mir, der rasenden Bestie in die Zügel zu fallen; darüber zerbrach jedoch eine der Stangen des Wagens. Unter meinem Beistande stellte der erschrockene Kutscher das Fuhrwerk zur Nothdurft her, um es weiter schleppen zu können. Die Dame war halb ohnmächtig. Ich suchte sie zu beruhigen. Verlassen Sie mich um Gottes willen noch nicht, sagte sie zitternd. Ich mußte mich zu ihr in das Fuhrwerk setzen. Sie war reich gekleidet, und, obgleich sie hoch in den Dreißigen zu sein schien, trotz der Fülle ihres Körperbaues, wirklich hübsch, von majestätischer Gestalt, blühender Farbe und großen, junonischen Augen.

Sie sagte viel Verbindliches; betrachtete mich unablässig; und äußerte, daß ich ihr nicht unbekannt sei; daß sie mich aus Konzerten kenne, die sie, wie sie mich glauben machen wollte, meines Gesanges mit Harfenbegleitung wegen, gern zu besuchen pflegte. Während in der Vorstadt nach einem Fiaker ausgeschickt wurde, mußte ich über meine Verhältnisse in Wien, über meine Wohnung, über meine Studien u. s. w. Auskunft geben. Ich nahm keinen Anstand, ihr mit Offenheit Genüge zu thun, und erfuhr beiläufig, sie sei eine verwittwete Baronesse von Grienenburg.

Sie entließ mich erst, als ich sie zu ihrem Palaste begleitet hatte.

Wenige Tage später erschien in meinem Dachstübchen, von ihr beauftragt, ein Herr, der sich Graf Malariva nannte. Er wußte mir ungemein viel Schmeichelhaftes zu sagen, und lud mich ein, jener Dame in einer Spätstunde folgenden Morgens einen Besuch zu machen. Nie ist mir im Leben ein unheimlicheres Gesicht aufgestoßen, als das dieses Menschen. Das ganze Antlitz dieser mageren, langen Figur, die sich mit schlangenhafter Geschmeidigkeit graziös bewegte, war eine lächelnde Mephistopheles-Larve, aus welcher, Zug für Zug, irgend ein geheimes Laster zu predigen schien. Zwar sagte jedes seiner Worte eine Artigkeit; aber die Stimme, als weigere sie sich der Lüge, wurde oft zum ziegenartigen Meckern, so freundlich auch das gallichte Gesicht dazu that. Dabei schlichen die Augen stets scheu auf die Seite, ohne dem Angeredeten einen Blick in ihren Spiegel zu gestatten. Dieser Graf mochte ein Mann von mehr als vierzig Jahren sein. Ich erwiederte seine Höflichkeiten mit den meinigen, und meinte: die Physiognomie dieses Weltmanns könne täuschen, und er besser sein, als sie.

Anderen Tages also begab ich mich zu der Baronin, und geberdete mich fast verlegen auf den glänzend polirten Marmorplatten des Vorzimmers, wo mich ein Kammerdiener in schimmernder Livree erwartete und mich seiner Gebieterin ankündigte, Ich hatte den verschwenderischen Aufwand der Großen bisher eigentlich nie in ihren Wohnungen gesehen.

Durch einen großen Saal, mit Krystallleuchtern, hohen Spiegeln, Gemälden, Blumenvasen und köstlichem Zimmergeräth geschmackvoll geziert, wurde ich in ein niedliches, kleines Kabinet geführt, wo mir die Freiherrin freundlich entgegen kam.

Nach den ersten Höflichkeiten, Entschuldigungen, Fragen und Antworten lenkte sie die Unterhaltung auf Anderes. Ich hätte von dem Retter meines Lebens wohl mehr Theilnahme, wenigstens Nachfrage um mein Befinden, erwartet, sagte sie mit einschmeichelnder Güte, doch ich hoffte drei, vier Tage vergebens. Wenn Sie, allzu bescheiden im Urtheil über sich, das Wagstück, mit welchem Sie mich retteten, leicht vergessen, kann und darf ich's doch nicht. Ich wollte meinen Schutzengel noch einmal sehen und ihm persönlich danken. Zudem muß ich Ihnen, wenn auch nicht eben zu meinem Ruhme, gestehen, fügte sie mit muthwilligem Lächeln über sich selbst hinzu, indem sie mich neben sich auf ein Sopha zog, Sie haben sich in mir eine sehr ungenügsame Person verpflichtet. Ich bin mit dem ersten mir gebrachten Opfer noch nicht zufrieden. Ich möchte Sie um ein zweites und fast noch größeres bitten. Sie sind, haben Sie mir eben erklärt, ohne Bekannte und Freunde in Wien. Wollen Sie einstweilen mich und die Meinigen dazu annehmen? Offen gestanden, mein lieber Herr Prevost, ich bin Wittwe und bedarf oft des Rathes und Beistandes in meinen Angelegenheiten. Mir fehlt es an einem Hausfreunde, der gefällig genug ist, meine Korrespondenz zu führen, die Besorgung von mancherlei Geschäften zu übernehmen; auf Reisen mein schirmender Begleiter zu werden, und in müßigen Stunden mir Unterhaltung und Belehrung zu gewähren. Graf Malariva ist zwar mein Schutzherr und guter Freund, er wohnt aber etwas entfernt, und ist häufig von Wien abwesend. Ich bitte, sagte sie und schloß meine Hand in die ihrige, wollen Sie der Hausfreund werden, der mir nöthig ist?

Dies war die Einleitung zu einem langen Gespräche, in welchem ich mit den Familienverhältnissen der Baronin, sowie mit ihren Wünschen, vertraut gemacht wurde, zu denen auch gehörte, daß ich sie und ihre Stieftochter, ein Fräulein von Marmels, in den Nebenstunden in Gesang und Harfenspiel unterrichten möchte. Meine Einwendungen wußte sie mit der anmuthigsten Beredtsamkeit zu beseitigen. Mir schien das ein ganz artiges Abenteuer, dem man nicht ausweichen müsse. Aus dem engen Dachstübchen plötzlich in einen Palast, aus der Armseligkeit in den Mitgenuß verschwenderischen Ueberflusses versetzt zu werden, konnte wenigstens meine beschränkte Weltkenntniß erweitern. Das einnehmende Wesen der Dame siegte; ich ergab mich. Noch in derselben Woche mußte ich den, von der Freiherrin gemietheten Palast beziehen. Ich bekam einige schöne Zimmer eingeräumt; eigene Bedienung; Rechnungsbücher und Kasse der Gebieterin; statt der einfachen Kleidung, die reichste Ausstattung; statt des bisherigen einsiedlerischen Lebens, Zutritt in die glänzendsten Gesellschaften.

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