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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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10.
Entdeckungen.

Heda, Frau Kathri! rief Uli Goin mit überlauter Stimme beim Eintritt in die niedrige Gaststube. Zum Wittwenstande seid Ihr noch viel zu jung; drum müßt Ihr junge Männer bei Euch sehen, und freundlich ausschauen. Geschwinde, für den Herrn da, den besten Veltliner herbeigebracht, und mir auch ein Glas dabei. Dann, was die Küche Gutes zu liefern vermag, und mir auch einen Teller dazu.

Die muntere, kleine Wirthin bot Beiden freundlich die Hand zum Willkomm, riß sich kichernd aus Uli's Arm, der mehr, als den Handschlag von ihr verlangte; half dem Hauptmanne, sich des feuchten Ueberrockes entledigen, und eilte dann flink davon, die Wünsche ihrer Gäste zu erfüllen. Unterdessen warf auch Uli den triefenden Schafpelz ab, so wie Tuch und Hut vom Kopf, und zeigte seine stattliche Herkulesfigur in herkömmlicher bäuerischer OberlandstrachtDas Bündner Oberland werden die Hochthäler am Gotthard genannt.: Jacke, Kniehose und Strümpfe dunkelblau; Brusttuch feuerroth und um den Hals locker und leicht das schwarze Seidentuch geschlungen. Jung und kräftig, einen Zug von Schlauheit in den Mienen, und ehrliche große Augen dabei, konnte er Weibern wohl Furcht und Gefallen zugleich einflößen.

Hafersuppe, Forellen, Polenta und Gemsfleisch dampften bald aus bunten, irdenen Schüsseln, vom weißgedeckten Tische. Die Wanderer machten sich, ohne Säumen, muthig an die Arbeit. Selbst der Schützenhauptmann zügelte seine Wißbegierde und verlor keine Silbe mehr, bis die Hälfte der Mahlzeit verzehrt war. Dann aber wandte er den Blick vom Teller, zu seinem mit Gabel und Messer beschäftigten Tischgenossen und sprach: Nicht zu hastig, Freund Uli; schöpfe einmal wieder Athem, und krame mir, wie Du versprochen, Deine Botschaften aus.

Möge mich doch der Himmel vor der schweren Sünde bewahren, antwortete der Oberländer kauend, den Mund mit Worten zu füllen, wo besseres Material vor meinen Augen da liegt! Und, seinen Worten treu, setzte er nicht eher ab, bis der letzte vorhandene Bissen mit dem letzten Glase Veltliners hinabgespült worden war. Flavian ließ die Flaschen noch einmal füllen, und Uli Goin, der sich endlich behaglich streckte, begann: Das müßt Ihr selbst eingestehen, Herr Hauptmann, die ganze Welt sieht christlicher drein, wenn der Magen seinen rechtmäßigen Tribut eingezogen hat. Aber Schwatzen und Essen zugleich verträgt sich mit einander, wie Dreschen und Orgelspielen. Es läßt sich nicht zweierlei Mus in einerlei Topf kochen. Jetzt fragt, so viel Ihr wollt; ich habe mehr Antworten im Sack, als der Landammann Heu auf der Bühne.

In der Haide ließest Du Worte von einem Grafen Malariva fallen.

Laßt sie da liegen in der Haide, Herr Hauptmann, und den Namen dazu, erwiederte Uli, indem er den Blick sorglich nach allen Seiten warf. Man soll den Gottseibeiuns, glaubt mir, nie beim rechten Namen nennen, sonst meint er, man rufe ihn. Ihr kennt also den Meuterer? Nun geht mir schon ein Licht auf.

Welches Licht? Ich sah den Mann vor Jahr und Tag in Wien, äußerte Flavian; wie aber bist Du zu seiner Bekanntschaft gekommen?

Ja, das ist ein Geschichtchen, Herr Hauptmann, das ich mir nicht gern wiedererzählen mag. Ich werde, beim Donner, immer roth dabei, bis an die Strumpfsohlen. Selbst der Beichtvater weiß nicht darum. Aber Ihr selbst seid jung; wißt wohl, Jugend hat keine Tugend, und, wo kein Bart, ist kein Verstand. Sehet, als meine Zeit beim kaiserlichen Regiment in Preßburg zu Ende war, nahm ich den Abschied. Die Korporalsfuchtel salzt das Soldatenbrod doch zu stark. Ich nahm den Weg unter die Füße, um in's liebe Bündnerland heim zu ziehen; aber ein leerer Geldsack ist auf der Reise eine größere Bürde, als ein voller. So kam ich nicht weiter, als bis Wien, oder vielmehr bis nach Hietzing, wo mir ein Bauer, dessen Knecht ich wurde, Lohn und Brod gab. Dort habt Ihr mich gefunden, oder vielmehr Gott führte mich zu Euch und Ihr erbarmtet Euch Eures armen Landsmannes. Ihr wißt noch, wie Ihr, mit den schönen Frauen am Arm, mich im Laxenburger Lustgarten um den Gärtner befragtet, und gleich an der Sprache merktet, weß Landes ich sei? Und als ich, keinen gesunden Lappen am Leibe, Euch mein Leid klagte, daß ich nicht heim könne, weil ich ohne Moses und die Propheten den Weg nicht fände . . . .

Schon gut, Uli, davon ist jetzt nicht die Rede.

Hört nur, jetzt kommt's, – Ihr und Eure schönen Damen, wißt Ihr? beschenkten mich reichlich. Ihr versprachet mir Reisegeld und Ihr brachtet es mir selbst nach Hietzing und bliebet, wegen der Treibhäuser und des botanischen Gartens, ein paar Tage dort und hieltet mich zehrfrei am Tische, im prächtigen Gasthause. Als Ihr nun fort waret, ging ich nach Wien, kaufte mir neue Kleider und machte allerlei Bekanntschaften. Und – – nun aber zürnet nicht. Lohne Euch Gott, was Ihr an mir gethan habt; und wenn ich's nicht werth war, danke ich Euch dennoch lebenslänglich. Ihr seid der bravste Herr, den ich unterm Himmel weiß. Aber Kleider machen Leute, und wer Geld hat, ist Meister; alle Welt ist sein guter Freund. Unter Euren hübschen blanken Thalern war leider kein einziger Heckethaler. Ich wurde unversehens wieder arm, wie eine Kirchenmaus, und mußte von Glück sagen, als mich das nette Nannerl beim Grafen, den Ihr kennt, in Dienst brachte.

Du bist ein lockerer Geselle. Und welches Nannerl, – wenn ich fragen darf?

Ei, seht Ihr, ein listiges, lustiges Mädel, Herr Hauptmann. Es giebt deren nicht zwei in der Welt. Wahrlich, das Nannerl würde die schönste Monstranz sein, wenn Heiligkeit drin wäre. Damals flatterte die Hexe im Hause des Grafen, als Stubenmädchen, oder Haushälterin, oder Kammerkätzchen, oder so etwas umher, und war wohl noch mehr, als so etwas. Aber, unter uns gesagt, und nicht, daß ich großthun will, sie hatte mich doch lieber, als ihren Herr, mit seinem vertrockneten, gelben Italienergesicht, das alle Tücke und Bosheit des Judas Ischarioth zur Schau trägt. Nannerl hat mir gottlose Streiche erzählt von dem Schleicher, die jeden andern ehrlichen Mann in's Zuchthaus geführt hätten. Aber was ging's uns Beide an? Wir hatten in Küche und Keller die Hülle und Fülle, wie im reichsten Kloster. Er zahlte einen schönen Lohn; den besten jedesmal für schlechte Streiche. Wir lebten also, wie gesagt, in Herrlichkeit und Freuden und machten uns gute Tage in des Teufels Quartier. Das dauerte nicht lange. Der Graf meinte, er habe mich schon am Köder, und machte mir Anträge, – ich darf sie nicht nennen. Ich habe ihm schwören müssen, stumm wie das Grab zu bleiben. Auch dem Teufel muß man Wort halten. Er jagte mich aus dem Dienst, gab mir aber Reisegeld und ich mußte Wien auf der Stelle verlassen. An Nannerl's Zehen war ich eben auch nicht angewachsen, und so nahm ich den Laufpaß nach Bünden.

Und Du hast ihn jetzt in Chur wiedergefunden? fragte Flavian ungeduldig.

Gesehen, Herr, und gesprochen. Er ist mit den kaiserlichen Truppen in's Land gekommen. Als mir ein Kriegsrathschreiber gestern die Briefe in's Engadin zu tragen gab, mußte ich, auf sein Geheiß, den Grafen, im Wirthshause Zum weißen Kreuz, aufsuchen, und dessen Befehle erwarten. Ich machte große Augen. Holla, dachte ich, der sitzt, wie die Katze, wo man sie nicht sucht. Als er mich sah, that er wieder wunderfreundlich, wedelte um mich her; erkundigte sich um dies und das; auch, ob ich Euch kenne? Dann drückte er mir einen harten Thaler in die Hand, und einen Brief nach Samaden, und endlich gab er mir den Auftrag, zu forschen, und ihm zu melden, wie lange Ihr noch in St. Moriz bleiben würdet. Ich solle Euch aber ja nichts merken lassen; denn er möchte Euch angenehm überraschen, sagte er. Dabei lächelte er so hämisch-süß, wie der Fuchs vor dem Hühnerstalle. Holla, dachte ich, der trägt ein Schelmenstückchen im Sack. Aber, dachte ich, warte Du, es ist noch ein Kind zu taufen. Alle Donner, Herr Hauptmann, macht Euch aus dem Staube. Man geht mit bösen Dingen gegen Euch um. Gut, daß ich Euch schon hier, auf dem Wege, gefunden habe.

Ich bin mir keines Vergehens bewußt, entgegnete Flavian.

Herr, man geht der Otter aus dem Wege. Ihr seid, das weiß ich, ein so braver Vaterlandsmann, wir irgend einer zwischen Rhein und Welschland. Ich weiß es. Ihr habt aber böse Feinde. Man nennt Euch einen Franzosen, einen Revolutionär, einen Landesverräther. Als mir das vor acht Tagen ein paar Ober-Vazer Halunken, auf dem Kornmarkt zu Chur, in's Gesicht sagten und ich Eure Partei nahm, und die Kerle behaupten wollten, ich müsse wohl auch so ein Franzosenschelm sein: gab ich ihnen Ein's aufs Schelmenmaul, daß die rothe Suppe darüberlief.

Uli gerieth bei der Erinnerung an diese Heldenthat dermaßen in Eifer und Zorn, daß er damit lange nicht endigen konnte und zuletzt eine weitläufige Geschichte aller seiner Schlägereien damit verband. Prevost lenkte vergebens wieder zur Hauptsache ein. Als er von dem Schwätzer nichts Wichtigeres erfuhr, rief er die Wirthin und berichtigte die Rechnung für sich und seinen Tischgenossen. Dieser erhob sich dann ebenfalls, und, als wolle er, bescheiden, den Hauptmann hindern, die Zahlung für seine Person zu leisten, zog er seine Geldbörse zögernd hervor und spielte mit ihr zwischen den Fingern. Zufällig fiel Prevost's Blick darauf. Plötzlich, wie von einem Zauber gebannt, blieb dieser unbeweglich und sprachlos, die Augen starr auf die Börse geheftet, stehen. Dann riß er sie aus des Oberländers Hand, wandte und betrachtete sie von allen Seiten und murmelte finster: Das elende, leichtsinnige Geschöpf!

Der kostbare, grünseidene Beutel, von Goldringen geschlossen, zeigte die zarteste Stickerei, ein Meisterstück weiblicher Kunst. Die eine Seite schmückte ein Kreis von Rosenknospen und Vergißmeinnicht, in dessen Innern die Buchstaben E. v. M. zu lesen waren. Die andere Seite zeigte, auf blaßrothem Grunde, ein Kränzchen von Blüthenblättern des Alpenröschens, dem bekannten Medaillon der Frau von Schauenstein genau ähnlich. Der junge Mann war sichtbar ergriffen. Bald wollte er die Börse verächtlich auf den Tisch schleudern, und behielt sie doch in der Hand; bald wollte er eine Frage an deren Eigenthümer richten, und doch schwieg er.

Der Oberländer weidete sich inzwischen an Prevost's Betroffenheit, die er für Bewunderung nahm, und schielte lächelnd nach ihm hin. Nicht wahr, Herr Hauptmann, rief er, nicht wahr, das ist ein Prachtstück? Aber ich stecke das Ding nur ein, wenn ich Sonntagskleider trage und ein wenig hoffärtig thun will.

Woher hast Du die Börse? fragte Flavian mit fast zitternder Stimme.

Hoho! antwortete Uli schmunzelnd, indem er schalkhaft nach der Wirthin hinüberschaute, es ist nicht wohlgethan, so etwas in der Nähe eines hübschen Weibes zu erzählen. Man schlägt sich dabei gar oft die Hand in die Hechel. – Nun denn, Ihr wißt ja wohl, das Nannerl. Als ich da Knall und Fall von dannen mußte, weinte es bitterlich, das arme Weibsbild, und reichte mir beim Abschiede den Geldsäckel zum Andenken.

Und woher hat ihn wohl das Mädchen? fuhr Flavian fort.

Wer mag's wissen? Weiber und Mädchen schreiben sich viele Dinge nicht in den Kalender; fragt zum Beispiel unsere donnersnette Wirthin dort.

Was? rief die Wirthin lachend und gab dem Goliath einen derben Stoß in den Rücken. Ihr ungerathener Sohn, hat Euch Eure Mutter so was gelehrt?

Der Hauptmann ging schweigend auf und ab, während sich die Beiden neckten und zankten. Es traten ihm Thränen in die Augen. Er zerdrückte sie unwillig mit den Wimpern und murmelte: Die Kokette! Die Schändliche! – Er nahm die Börse, machte Miene, sie zu zerreißen; hielt wieder inne, und sprach in sich hinein: Nicht so! Ein Denkmal meiner Narrheit und ein Warnungszeichen für die Zukunft! – Rasch kehrte er zu dem Tavetscher zurück, und sagte: Höre, Freund Uli, den Beutel lasse mir; das Geld darin lasse ich Dir; und, siehe hier ist eine Dublone dafür. Du schlägst mir die Bitte nicht ab? Er warf ein Goldstück auf den Tisch und schüttelte den Inhalt der schönen Börse dazu.

Uli Goin sah ihm verwundert in's Gesicht, schob das Goldstück zurück, und sagte: Was ficht Euch an? Mir das Ding bezahlen? Bin ich nicht mit Haut und Haar Euer Schuldner; und wohl Niemand kommt so wohlfeil dazu, wie ich, Schulden mit leerem Geldbeutel abzutragen. Macht Euch das Säckchen Freude, so macht's mir, in Eurer Hand, noch größere.

Nimm, und nun gute Nacht! sagte der Hauptmann, indem er ihm die Hand drückte. Es ist mir lieb, Dich wiedergefunden zu haben. Schlafe wohl! Auf Wiedersehen! Frau Wirthin, zeigt mir die Schlafkammer. Mit diesen Worten begab er sich eilig davon und die Wirthin ihm nach. Uli strich die Münze ein, beäugelte seinen Louisd'or, und murmelte vor sich hin: Vor Geld zieht auch ein König den Hut ab!

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