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Die Rose von Disentis

Heinrich Zschokke: Die Rose von Disentis - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleHeinrich Zschokke's historische Novellen. Dritter Theil.
authorHeinrich Zschokke
firstpub1822
yearca. 1895
publisherErich Wallroth / E. Steiger
addressBerlin / New-York
titleDie Rose von Disentis
pages117-334
created20060515
sendergerd.bouillon
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9.
Uli Goin.

Eben so rasch packte er seinen leichten Tornister; warf ihn über die Schultern; ergriff den knotigen Wanderstock und die grüne Jagdkappe; begab sich zur Schwester und sagte ihr ein Lebewohl, in welchem ihm aber das Herz brach, wie stark er sich auch stellte. Die schöne Frau hing weinend an seiner Brust, als ihr Flehen ihn nicht einmal hatte bewegen können, nur einen Tag noch zu verweilen. Er machte ihr nicht länger Hehl aus der Gefahr, hier, als Freund der geflüchteten Patrioten, verhaftet, oder der blinden Wuth des Pöbels preisgegeben zu werden.

Aber Du bist ja unschuldig, schluchzte sie.

Nein, Sabine, ich bin des Verbrechens der Vaterlandsliebe schuldig; des Verbrechens, mit tugendhaften Bürgern Umgang gepflogen zu haben; des Verbrechens, als freier Mann, nach eigener Ueberzeugung, meine Stimme erhoben zu haben. Was hatten denn jene friedlichen Männer in Chur verbrochen, die man vor vierzehn Tagen auf den Straßen und in den Häusern mißhandelte? Mit dem Tode bedrohte man sie, als der Kriegsrath eine Rotte seiner besoldeten Bauern, mit Flinten, Morgensternen und Spießen bewaffnet, während des Gottesdienstes, während des heiligen Abendmahles, in die Stadt gezogen hatte.

Sabine zuckte schaudernd in sich zusammen, und bat nicht mehr. Geheime Angst um des Lieblings Leben bemächtigte sich ihrer Seele. Sie ließ ihn los, und stand blaß, wie ein Marmorbild, den Blick voll Traurigkeit auf ihn geheftet, da. Er umarmte sie noch einmal, länger als er wollte; flüsterte ihr ein letztes Wort des Trostes, dessen er selbst ermangelte, zu; gelobte ihr, oft zu schreiben und sie auf den Gütern ihres Mannes zu besuchen.

Und das Schicksal Deiner Rose von Disentis? fragte sie wehmüthig durch Thränen lächelnd. Warum nimmst Du das Geheimniß mit Dir?

Alles, Alles sollst Du erfahren, rief er. Aber ich muß von hinnen; muß morgen über die Grenze sein. Uebermorgen verschließen mir vielleicht schon die Bajonette der Oesterreicher den Ausgang.

Gehe, Gott mit Dir, Du theure Seele, seufzte sie. Wage Dich in keine Gefahr, Du Wagehals; Dein Leben ist mein Leben! Nach diesen Worten umklammerte sie ihn noch einmal mit Heftigkeit; drängte ihn von sich; warf sich mit abgewendetem Gesichte, laut weinend, in einen Sessel, und rief: Gehe!

Er ging. Der Thränen zwar, die er trocknete, schämte er sich; aber nicht des blutenden Herzens. Er gab sich still und gern dem Schmerze hin; eilte zum Dorfe hinaus in's Freie, ohne die ihm Begegnenden, ohne die Pracht des Herbsttages zu beachten, der ihn sonnig anlachte. Erst als er vor sich die, um ihr Kirchlein gedrängten Hütten des Dörfchens SilvaplanaAnf einer Landzunge des Silvaplana-Sees, bei 6000 Fuß hoch über der Meeresfläche gelegen, am Fuß des Julierberges., erblickte, vom waldigen Vorsprung einer aufsteigenden Berghalde halb verdeckt, und links unter sich, den ruhigen See, durch dessen Spiegel die Ufer hüben und drüben ihre umbüschten Landzungen ausstrecken; im nicht fernen Hintergrunde die gewaltigen Felsenmauern der Alpen und ihre, die Wolken überragenden Eisthürme; erst da genas er zu sich selbst. Der hehre Geist der Natur schien, aus den übereinanderwallenden Gebirgsmassen, ihm stärkend entgegenzutreten; das feierliche Schweigen der Natur weit umher, das Schwinden seines Schmerzes zu gebieten.

Er wanderte leichten Fußes den rauhen Bergweg am Julier, zwischen bereiften ArvenwäldernDie Arven, oder sibirischen Cedern, oder auch Zirbelnußkiefern, Pinus Cembra, genannt, sind, mit Ausnahme des Engadiner Hochthals, in den übrigen Schweizerbergen schon sehr selten geworden. Die kleinen, wohlschmeckenden Nüsse der Zapfen werden, als Näscherei, genossen. Ehemals schrieb man ihnen Heilkräfte für Brustkranke zu. und Lärchentannen, empor, bis oben in der Höhe, zwischen Trümmern herabgestürzter Granit- und Schieferblöcke, das Pflanzenleben fast ganz erstarb. Dort, wo sich, links und rechts am Wege, die geheimnißvollen Jul-SäulenSie ragen fünf Fuß hoch aus der Erde hervor, neben der Straße über dem Bergrücken, roh aus Granit gehauen, oben platt, ohne Anzeichen, ob sie je größer gewesen; wahrscheinlich keltischen Ursprungs, ihren Namen vielleicht dem Sonnengott Jul, oder Jol, dankend. einer unbekannten Vorwelt einsam erheben, und wo jetzt die beschneiten Sennhütten, von den Bergamasker Hirten mit ihren tausend Schafen und langhaarigen Hunden, verlassen standen, fühlte der Jüngling seine eigene Verlassenheit in der Welt; aber er fühlte auch lebendiger seinen Muth. Wie im Tanze, eilte er jenseits, am Waldgebirge hernieder, unbekannten Schicksalen entgegen; Hügel auf, Hügel ab; durch die grausenhafte Schlucht von Alsmolins; den Hütten von Vazerol vorüber, wo vor Jahrhunderten zum ersten Male die drei Bünde Rhätiens ihren ewigen Verein beschworen hatten; dann rastlos, schon war es spät, der Parpaner Haide entgegen.

In wechselnder Folge der Gedanken, Gefühle und Entwürfe, ohne sich um die eingebrochene Nacht, um die ringsher niederfallenden Schneeflocken, oder die Mahnungen des nüchternen Magens, zu kümmern, schritt er hastig dahin.

Und ists nicht, dachte er, zuletzt doch ein recht lustiges Treiben durch die Stürme und Wetter des Lebens, und ein ergötzliches Spielen mit dem Schicksal, wenn es uns bald kosend in den Schlaf lullen, bald heimtückisch schrecken will? Aus dem Vaterlande verstoßen; ohne ein Verbrechen begangen zu haben, wie ein Verbrecher, geächtet; von Menschen, die mich kaum kennen, gelästert und verflucht. stehe ich wieder so verwaist im Leben, wie jemals. Ja, ich will Ich sein; nicht, was Jene wollen, daß ich sein soll, ihnen zu gefallen. Mögen sie doch knien und anbeten vor den Götzen- und Heiligenbildern ihrer Eitelkeit, Gewinnsucht und Ueppigkeit, ihres Aberglaubens, Hochmuths und Herkommens: ich will Ich bleiben und keine andern Götter haben, neben Gott. Auch Tod ist zuletzt nur der Tausch des Aufenthaltes in einer andern Welt.

Während dieses Selbstgespräches tönte ihm, aus der Dunkelheit, fröhlicher Mannesgesang entgegen:

Bialla matta eis stada,
Aben ussa butta pli;
Has schau bitpar ils mets,
A quei ei bona by
Im Deutschen ungefähr:

Schönes Mädchen warst du immer,
Kaum sieht man's dir heute an;
Ließest dich von Knaben küssen;
Hast daran nicht wohlgethan.

.

Prevost, in seiner halb frommen, halb menschenfeindlichen Stimmung gestört, wunderte sich, in dieser Gegend, wo allein die deutsche Sprache herrschte, Klänge einer andern zu vernehmen, die nicht einmal dem Ladin des heute von ihm verlassenen Engadins, sondern jenen entfernten Bergen angehörten, welche ostwärts den St. Gotthard umgebenDie romanische oder ladinische Sprache des Engadins ist mehr der italienischen des benachbarten Italiens ähnlich; verschieden vom Romanischen des rhätischen Oberlandes in den Thälern, die sich vom Gotthardsberg her erstrecken. Dies »Oberländer-Romanisch« scheint mehr dem Keltischen und der Volkssprache der Einwohner Italiens zur Zeit des alten Roms verwandt.. Indessen schwebte ihm der Sänger, wie ein grauer Schatten, durch die Dunkelheit entgegen, und rief mit lärmender Stimme sein »Guten Abend!« Der Grüßende machte Halt, als wolle er seinen Mann näher beschauen, oder ansprechen. Prevost, mürrisch, wich aus und huschte vorüber; fühlte sich aber plötzlich von einer starken Faust mit den Worten zurückgehalten: Halt, Herr! seid Ihr blind oder ich? oder treibt eine Haidenhexe ihr Gaukelspiel mit uns Beiden?

Flavian riß sich mit einer raschen Wendung und gehobenem Dornstock von dem Verdächtigen los, indem er rief: Kerl, zurück! was wollt Ihr?

Der Andere sah ihm ruhig und neugierig in die Augen. Es war eine mächtige Gestalt, um eine halbe Kopflänge über den Hauptmann emporragend. Von beiden Schultern hing ihm ein Mantel aus Schaffellen bis auf die Knie, und um Filzhut und Kinn war ein Tuch geschlungen, welches die Hälfte des Gesichtes bedeckte. Alle Donner! schrie der Fremde mit lärmender Stimme, dachte ich's doch! Aber welcher Teufel plagt und jagt Euch so spät, bei Schnee und Wind, durch die wüste Lenzer Haide, Herr Hauptmann?

Wer seid Ihr? fragte der Ueberfallene.

Ihr seht's ja, Uli Goin, wie ich leibe und lebe, antwortete die bärenhafte Gestalt. Habt Ihr HietzingEin Dorf unweit Wien, beim kaiserlichen Lustgarten von Laxenburg. vergessen und mich armen Teufel dazu, den Ihr mit schwerem Gelde vom Regiment loskauftet und zwanzig Gulden Münze zur Heimreise gabt? Aber es ist recht, Herr Hauptmann, ganz recht! Das Gedächtniß der Barmherzigkeit soll allezeit kurz, das der Dankbarkeit meilenlang sein.

Uli? sagte Flavian freundlicher und reichte ihm die Hand. Woher, wohin so spät? und sitzest nicht lieber in Rueras oder SelvaKleine romanische Dorfschaften der höchsten Thalgegenden des Hochgerichts Disentis, im grauen Bunde. am warmen Ofen bei Deinen Leuten?

Der Ofen hält die Haut warm, aber nicht den Magen, Herr Hauptmann. Die Oesterreicher sind im Lande, wißt Ihr's? Ich muß jetzt Briefe tragen. Eben komme ich von Chur, und morgen seht Ihr mich früher, als die Sonne selbst, über den Julier laufen. Glück geht doch wahrlich über Witz. Ich wollte Euch in St. Moriz aufsuchen; Euch etwas in's Ohr sagen. Nun treffe ich Euch hier. Also links um mit mir, in's Lenzer Dorf, von wo Ihr kommt. Es mögen bis dahin keine tausend Schritte sein. Im Wirthshause beim Glase Wein plaudert sich's leichter, als hier in der Haide, wo uns der Mund beinahe zuschneit.

Woher wußtest Du mich in St. Moriz, Uli? Hast Du Aufträge an mich?

Das wohl eben nicht; aber wegen Eurer Person an Andere, Herr Hauptmann. Kommet, sage ich. Parpan, wohin Ihr in der Nacht und bei diesem Schnee rennen möchtet, ist noch stundenweit entfernt, und der Weg durch die Haide leicht zu verfehlen. Die hübsche Wirthin zu Lenz, meine ich, kocht Euch ein besseres Gericht, als der Marchese Malariva in Chur. Ich traue dem Teufel nicht, wenn er auch den Schwanz versteckt.

Wer, Malariva sagst Du? Er in Chur? Rede, rief der Hauptmann hastig, woher kennst Du ihn?

Nichts hier in diesem mörderlichen Schlackerwetter! Man schmiert die Räder mit Theer, daß sie laufen und die Zungen mit Wein, erwiederte Jener und zog hartnäckig den Wißbegierigen zurück in's Dorf.

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