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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Kaum war er hinausgegangen, so schien der Bann, unter welchem Emma gefangen war, sich zu lösen, sie sprang auf und preßte die Hände auf ihre wogende Brust. Dann eilte sie in rascher Bewegung auf den alten Herrn zu.

»O mein Vater!« rief sie und wie in einer plötzlichen Anwandlung von Schwäche sank sie an seine Brust.

Herr Partner schien ein wenig erstaunt über diesen Gefühlsausbruch, er war an so Etwas nicht gewöhnt bei seinen Kindern, aber mit einem freundlichen und milden Lächeln, das auf seinen ernsten strengen Zügen beinah fremd erschien, legte er den Arm um die Schultern seiner Tochter und sprach:

»Ich verstehe Deine Bewegung, mein Kind, fasse Dich, bei näherer Bekanntschaft mit dem Manne, den ich Dir erwählt, wird Deine Befangenheit verschwinden und zu der Achtung, die er verdient, wird sich Deine Zuneigung gesellen, um eine glückliche und segensreiche Verbindung zu begründen.«

»Niemals, mein Vater, niemals!« rief das junge Mädchen laut schluchzend.

»Niemals?« fragte der alte Herr befremdet, »niemals? Was soll das heißen?«

Er zog seinen Arm von den Schultern seiner Tochter, trat einen Schritt zurück und sah sie mit einem verwunderten Blick an, in welchem bereits der Ausdruck der Drohung zu erscheinen begann.

Das junge Mädchen senkte das Auge zitternd unter diesem Blicke ihres Vaters, ihre Gestalt schwankte, als wolle sie in sich zusammensinken; dann aber trat auf ihr bleiches und zartes Gesicht der Ausdruck entschiedener Willenskraft, sie schlug das Auge auf, ihr weich schimmernder Blick entzündete sich zu energischer Entschlossenheit und mit leiser, aber fester Stimme sprach sie:

»Niemals, mein Vater, wird die Zuneigung zu Herrn Guenther mir kommen, niemals werde ich ihm meine Hand reichen, denn – mein Vater – in diesem ernsten Augenblick darf kein Geheimniß zwischen Dir und mir sein – mein Herz ist nicht mehr frei – mein Herz gehört einem anderen Mann und wird sein bleiben für das ganze Leben!«

Das scharfe Auge des alten Herrn öffnete sich weit, seine Lippen preßten sich zusammen, dunkler färbte sich sein Gesicht und das mächtige Kinn drückte sich tiefer in die weiße Cravatte, während es zwischen seinen Augenbrauen zuckte wie Wetterleuchten.

Mit einer Stimme, an deren Ton man hören konnte, daß nur die Kraft des Willens einen heftigen Ausbruch des in ihm aufsteigenden Zornes zurückhielt, sprach er:

»Und wem gehört Dein Herz, wie Du in kindischer Ueberspanntheit wähnst, für das ganze Leben?«

Eine dunkle Gluth zog über Emma's Gesicht, aber fest und frei blickte sie zu ihrem Vater auf und sagte, indem sie wie bittend die Hände faltete:

»Dem Hauptmann von Hohenberg, mein Vater, den Du selbst mit hoher Achtung und Auszeichnung behandelt hast.«

Ein lauter Athemzug drängte sich aus den fest auf einander gepreßten Lippen des alten Herrn, während seine Gattin ihren Blick voll schmerzlicher Theilnahme auf diesem zarten Kinde ruhen ließ, das so tapfer und muthig das Gefühl seines Herzens dem Vater gegenüber bekannte, dessen Autorität als unantastbar und dessen Willen als unabänderlich zu betrachten es von Jugend auf gewöhnt war.

»Der Hauptmann von Hohenberg,« sprach Herr Partner mit gewaltsam erhaltener Ruhe, »ist ein braver und ehrenwerther Mann und vortrefflicher Offizier, ich habe ihm gern mein Haus geöffnet, denn ich achte und ehre Jeden, der die Pflichten seines Standes treu und gewissenhaft erfüllt, aber eben weil er vollkommen das ist, was sein Stand und Beruf von ihm fordert, kann er niemals sich mit meiner Familie verbinden, deren Stand und Beruf ein anderer ist. Der Bürger und der Edelmann – der Kaufmann und der Offizier gehören nicht zusammen, sie mögen jeder in ihrer Sphäre am Wohl des Ganzen arbeiten, aber die Grenzen, welche tausendjährige Ordnung zwischen ihnen aufgerichtet und in denen jeder Stand seine Aufgaben voll und ganz erfüllen kann, sollen mit meinem Willen niemals überschritten werden, der Stolz des einen wie des andern Standes soll diese Grenzen behüten – ich,« fuhr er fort, sich emporrichtend, »ich habe diesen Stolz, und ich will nicht, daß meine Tochter, die eine der ersten ist in meinem Kreise, von den hochmüthigen Standesgenossen ihres Mannes einst scheel angesehn werde, ich will nicht, daß meine Enkel einst den bürgerlichen Großvater verläugnen!«

»Mein Vater –« rief Emma, die Hände gegen ihn ausstreckend.

»Meine Grundsätze in dieser Beziehung,« sprach der alte Herr weiter, »sind wohlbegründet und unabänderlich. Ich will Dich nicht schelten wegen der Verirrung Deines Herzens, denn das Herz eines jungen Mädchens ist ein thörichtes und unverständiges Ding, aber ich sage Dir, Du wirst in dem Kreise Deines Standes bleiben, in welchem ich und meine Vorfahren in ehrenvoller Beschränkung gelebt und gewirkt haben, darum wirst Du dieses Gefühl, diese jugendliche Aufwallung, diesen Traum vergessen.«

»Niemals, mein Vater!« antwortete Emma mit entschlossener Festigkeit, ihre Hand wie zur Betheuerung erhebend.

Die Stirnadern des Herrn Partner schwollen an, ängstlich blickte seine Gattin zu ihm hinüber.

»Ich will dieses Wort nicht gehört haben,« sprach er kalt. »Herr Guenther wird unser Haus täglich besuchen und Du wirst in seinem Umgang seine Eigenschaften kennen lernen. Ich werde Dich niemals zu einer Verbindung zwingen, denn das ist ein Eingriff in die berechtigte Freiheit der Selbstbestimmung, die ich auch meinen Kindern nicht beschränken will, aber ebensowenig werde ich zugeben, daß mein Kind in schrankenloser Freiheit der Gefühle eine Verbindung eingehe, die ich für unatürlich und verderblich halte.«

»Laß mir das Kind,« sagte seine Gattin sanft, indem sie an ihn herantrat und ihre Hand auf seine Schulter legte, »die Kämpfe in ihrem Herzen bedürfen des Auges und des Zuspruchs der Mutter.«

»Der Herr Senator Bernus wünscht Herrn Partner zu sprechen,« meldete der alte Comptoirdiener die Thür öffnend.

»Der Besuch des Herrn Senators wird mir sehr angenehm sein,« sagte Herr Sebastian Partner, »und nun geht hinunter,« fuhr er zu seiner Frau und seiner Tochter gewendet fort, »und weint über die Herzensgeschichte, so viel Ihr immer wollt, vergeßt aber nicht, daß meine Ansichten wohldurchdacht und wohlbegründet sind, und daß mein Wille unabänderlich ist.«

Seine Gattin schlang ihren Arm um Emma und führte dieselbe durch eine Seitenthür hinaus, während der Senator Bernus durch den Haupteingang eintrat.

Herr Bernus war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, von kurzer untersetzter Gestalt. Fast unmittelbar auf den Schultern ruhte der runde Kopf mit dunklem, ganz dünnem Haar. Das blasse volle Gesicht war fast ganz rund mit kleinen dunklen scharfblickenden und beweglichen Augen, über dem kleinen Munde mit dünnen, auf einander geschlossenen Lippen befand sich ein ganz kurzer dunkler Schnurrbart. Der Ausdruck dieses Gesichts ohne alle tiefen und charakteristischen Züge, war eine gewisse selbstbewußte Würde und Sicherheit, welcher jedoch die aristokratische Anmuth und Eleganz fehlte.

Der Senator begrüßte Herrn Sebastian Partner mit leichter Freundlichkeit, in welcher trotz des herzlichen Tones eine gewiß kaum bemerkbare Färbung von Herablassung lag. Herr Partner, der nur mit Mühe auf seinem Gesicht die Spuren der Erregung von der vorhergegangenen Scene unterdrückt hatte, trat dem Würdenträger der freien Reichsstadt mit einer gewissen Deferenz, aber auch mit dem vollen republikanischen Selbstgefühl des unabhängigen Bürgers entgegen, drückte kräftig die dargebotene Hand seines Besuches und führte denselben zu dem breiten Ledersopha, während er selbst in einem Stuhle daneben Platz nahm.

»Ich bin erfreut, den Herrn Senator bei mir zu sehen,« sagte er höflich, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, »und werde besonders glücklich sein, wenn ich im Stande sein sollte, demselben in irgend einer Beziehung einen Dienst leisten zu können.«

»Es ist kein persönliches Anliegen, das mich zu Ihnen führt, mein lieber Herr Partner,« sagte Herr Bernus, indem er seinen Hut auf den Tisch vor sich stellte und langsam seine Handschuhe auszog, »ich habe nur den Wunsch, mit Ihnen über die Zeitverhältnisse mich auszusprechen und über die Lage unserer Stadt in diesen allgemein so bewegten Zuständen.«

Herr Partner blickte ein wenig erstaunt auf den Senator, welcher ihn aus seinen kleinen scharfen Augen forschend ansah. Leicht den Kopf neigend, sagte er, immer in demselben Tone höflicher Zurückhaltung:

»Die Zeitverhältnisse, Herr Senator, liegen mir im Ganzen zu fern, als daß ich im Stande sein sollte, darüber eine Ansicht auszusprechen, die für einen Mann, der sich mit denselben zu beschäftigen berufen ist, von Bedeutung sein könnte.«

Herr Bernus lächelte.

»Berufen oder nicht,« sagte er, »ich bin überzeugt, daß der so kluge und erfahrene Herr Sebastian Partner sehr tief und ernst über die Zeit und ihre Bewegung nachgedacht hat und daß seine Ansicht darüber eine sehr wohl erwogene und wohlbegründete ist.«

»Was übrigens den Beruf betrifft,« fuhr er mit einem raschen Seitenblick fort, »so dürfte, wenn Sie anders einen Senator für mehr berufen halten, sich mit den großen politischen Fragen zu beschäftigen, dieser Beruf bald an Sie herantreten. Die Ergänzungswahl für den Senat steht bevor und wie ich weiß, denkt ein großer Theil der Bürgerschaft daran, Ihnen die Stimmen für einen erledigten Platz unseres Collegii zu geben.«

Herr Partner verbeugte sich ohne ein Zeichen von Ueberraschung, während er doch einen Ausdruck von befriedigtem Stolz nicht ganz unterdrücken konnte.

»Wenn meine Mitbürger mich für würdig halten, einen solchen Platz einzunehmen,« erwiderte er ruhig, »so wird es mein eifrigstes Streben sein, die Pflichten desselben ebenso zu erfüllen, wie ich bisher meine Functionen als Bürgerrepräsentant treu und gewissenhaft auszuüben stets bemüht war.«

»Jedermann weiß das,« sagte Herr Bernus mit dem Anklang eines gewissen Gönnertons, bei welchem Herr Sebastian Partner in unwillkürlicher Aufwallung den Kopf emporwarf, »und ich zunächst bin tief davon durchdrungen, daß zum Wohle unserer Stadt kein würdigerer erwählt werden könnte.«

Herr Partner verneigte sich kalt und höflich, er öffnete seine große silberne Dose, welche er in seiner Hand hin und her gedreht hatte und bot sie seinem Gaste dar.

Herr Bernus tauchte leicht den Finger in dieselbe und fuhr damit schnell unter seiner Nase her.

»Gerade mein besonderer Wunsch, Sie als Collegen zu begrüßen,« sagte er, während Herr Partner eine große Prise nahm, »und meine Absicht, mit meinem ganzen Einfluß,« er stäubte, die Brust hervorstreckend, mit den Fingerspitzen einige Tabackskörner von seinem Gilet, »mit meinem ganzen Einfluß Ihre Candidatur zu unterstützen, treibt mich, mit Ihnen über die Zeitbewegung zu sprechen und zugleich Ihre Mitwirkung und Unterstützung für meine Bestrebungen zu erbitten, deren Ziele Sie gewiß im Interesse unserer Stadt billigen werden.«

Herr Partner erwiderte darauf in beinah gleichgültigem Ton:

»Ich bin es sehr wenig gewöhnt, die besonderen Interessen unserer Stadt mit den Strömungen im Leben der Geister da draußen in Verbindung zu bringen – aber ich zweifle nicht,« fügte er artig hinzu, »daß Sie das Alles eingehender verfolgt haben, und daß Sie gewiß überall dasjenige erstreben, was dem Wohle der Bürgerschaft das Förderlichste sein wird.«

»Das Wohl der Bürgerschaft,« erwiderte der Senator Bernus, »beruht auf der Selbstständigkeit und Unabhängigkeit der Stadt und ihres Gebietes.«

Herr Partner neigte zustimmend den Kopf.

»Diese Selbstständigkeit und Unabhängigkeit,« fuhr der Senator fort, »wird aber gegenwärtig mehr als je bedroht. Die preußische Regierung tritt offener und deutlicher als je mit ihrer Absicht hervor, den Staatenbund in einen Bundesstaat zu verwandeln und die Hegemonie in Deutschland an sich zu reißen. Der Nationalverein, der unter der falschen Maske liberaler Bestrebungen in allen deutschen Staaten alle mit den Regierungen Unzufriedenen zu einer großen und wohlorganisirten Liga vereinigt hat, verbreitet die Theorie von der preußischen Spitze in der öffentlichen Meinung und bereitet die Massen vor, welche auf Herrn von Bismarck schelten und doch seine Pläne fördern helfen. Die Regierungen wehren sich soviel sie können gegen diese Strömung, aber sie sind eben unpopulär und je mehr sie, zum Theil mit falschen und unvorsichtigen Mitteln, gegen den Nationalverein arbeiten, um so mehr wächst seine Macht und seine Ausdehnung.«

Herr Partner nickte bekräftigend mit dem Kopf und nahm eine große Prise.

»Es ist nothwendig,« sprach der Senator Bernus, augenscheinlich erfreut durch die schweigende Zustimmung des alten Herrn, weiter, »es ist nothwendig, daß die alten Elemente des Volkes selbst, welche ein Interesse an der Erhaltung des bestehenden Rechtszustandes in Deutschland haben, den Regierungen zu Hülfe kommen und jenen verderblichen Bestrebungen entgegentreten.«

»Es haben sich,« fuhr er fort, »die großdeutschen Vereine gebildet, welche die Idee der Erhaltung der Grundprincipien des deutschen Bundes, nämlich der Selbstständigkeit der Einzelstaaten unter Einführung zeitgemäßer Mitwirkung der Völker selbst am deutschen Bundesleben zum Bewußtsein der öffentlichen Meinung bringen wollen, und die Fürsten selbst kommen diesen Bestrebungen entgegen in der richtigen Erkenntniß, daß der deutsche Bund nur unpopulär und verhaßt geworden, weil er sich zum Organ reactionärer Tendenzen gemacht hat.«

Herr Sebastian Partner hörte schweigend zu und drehte seine Tabacksdose langsam zwischen den Fingern.

»In allen Staaten Deutschlands,« fuhr Herr Bernus fort, »ist nun die Betheiligung an den großdeutschen Vereinen eine sehr starke und lebhafte, hier in Frankfurt allein ist noch wenig Theilnahme dafür. Das ist sehr zu beklagen, denn gerade die Frankfurter Bürger haben das dringendste Interesse daran, den Ideen des Nationalvereins entgegenzuarbeiten. Wenn der Gedanke der preußischen Spitze einmal wirklich zur Ausführung gebracht werden sollte, so werden die monarchischen Staaten immer in der Rücksicht auf die fürstlichen Dynastieen eine gewisse Bürgschaft für ihre Selbstständigkeit finden, die Stadt Frankfurt aber, gegen welche man solche Rücksichten nicht zu nehmen hat, wird viel größere Gefahr laufen, ihre Freiheit und Autonomie zu verlieren.

»Und es sind,« sprach er mit einem scharfen Blicke auf Herrn Partner, »gerade die unter Ihrem Einflusse stehenden Kreise der Bürgerschaft, welche sich vorzugsweise von der Betheiligung an der großdeutschen Bewegung zurückhalten, – ich bin deswegen gekommen, um Sie zu bitten, durch Ihr Wort und vor Allem durch Ihr Beispiel für uns zu wirken; wir würden dann später, wenn Sie Mitglied des Senats geworden sind, vortrefflich in allen Fragen zusammenwirken können. – Der großdeutsche Verein bedarf großer Mittel, um den Agitationen des Nationalvereins entgegentreten zu können, ich habe selbst viel gethan, ich bitte Sie, dem Verein beizutreten und auch Ihrerseits in einer Ihrer würdigen Weise ihn materiell zu unterstützen. Ihr Beispiel wird dahin wirken, viele bisher Gleichgültige und Zurückhaltende uns zuzuführen.« –

Er schwieg und blickte erwartungsvoll in das Gesicht des alten Herrn, der schweigend und nachdenkend vor sich niedersah.

»Herr Senator,« sprach er endlich, »ich stimme mit Ihnen vollständig darin überein, daß die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit unserer Stadt und ihres Gebiets eine Lebensbedingung für das Wohl der Bürgerschaft ist, ich verurtheile wie Sie die Bestrebungen des Nationalvereins, aber gerade weil ich dieselben verurtheile, vermag ich nicht einzusehen, daß andere politische Agitationen, daß die großdeutschen Vereine zum Heil führen sollen.«

»Man kann schädliche Einflüsse nur durch gleiche Mittel bekämpfen,« warf Herr Bernus ein.

»Wenn aber nach meiner Ueberzeugung,« sagte Herr Partner, »der Schaden in der politischen Agitation überhaupt liegt, so würde das versuchte Heilmittel die Krankheit nur verschlimmern.

»Die Bürger einer freien Stadt wie Frankfurt,« fuhr er fort, »welchen keine Machtmittel zu ihrem Schutze zu Gebote stehen, finden die beste und sicherste Garantie ihrer Unabhängigkeit darin, daß sie aus ihrer Rechtssphäre nicht heraustreten, daß sie tüchtig und ordentlich ihre inneren Angelegenheiten verwalten und sich von großen politischen Fragen fern halten, die früher oder später zu großen Katastrophen führen müssen.«

Herr Bernus spielte ein wenig ungeduldig mit seinen Fingern auf dem Tisch.

Was kümmert uns,« sprach Herr Partner in etwas lebhafterer Erregung weiter, »was kümmert uns der Streit der Fürsten um ihre größere oder geringere Macht, um ihre Kriegsherrlichkeit und Souverainetät, was kümmert uns der Streit zwischen Preußen und Oesterreich um die Führerschaft in Deutschland? Dann darauf läuft doch die Frage eigentlich hinaus.«

Er blickte ruhig in das in erregtem Mienenspiel zuckende Gesicht des Senators.

»Darauf läuft die Frage allerdings hinaus,« rief Herr Bernus, »aber unsere Pflicht ist es, Oesterreich zu unterstützen, denn Oesterreich ist der Vertheidiger der bundesmäßigen Selbstständigkeit der Deutschen Staaten, Oesterreich tastet keine Rechte, keine Unabhängigkeit an, und so lange Oesterreich mächtig ist in Deutschland, werden die Pläne Preußens, die uns Alle bedrohen, nicht verwirklicht werden.«

Herr Partner schüttelte den Kopf.

»Ich bin Protestant und Bürger einer freien Stadt,« sagte er mit fester Stimme, »und ich kann keine Sympathie haben für Oesterreich, das stets ein Werkzeug in den Händen Roms war zur Aufrichtung der Herrschaft der katholischen Hierarchie, für Oesterreich, das stets ein Vertreter war einer absolut aristokratischen Herrschaft, unter der Bürgersinn nicht zur Geltung und Bürgerwohl nicht zur Blüthe kommen konnte, auch wenn dasselbe Oesterreich jetzt in ungezeitigtem Eifer auf die Bahn des liberalen Fortschritts stürzt.

»Ich liebe Preußen auch nicht,« fuhr er fort, »die stramme Militairherrschaft widerstrebt mir, aber dort ist wenigstens Ordnung, gute Wirthschaft und Raum für die Entwicklung des bürgerlichen Lebens.

»Doch,« sprach er nach einer kurzen Pause, »ich glaube nicht, daß unser Gespräch den Zweck haben kann, die inneren Vorzüge zu erörtern, welche Oesterreich vor Preußen oder Preußen vor Oesterreich haben könnte, für uns kommt es doch nur auf die Stellung an, welche Frankfurts Bürgerschaft zwischen dem Antagonismus der beiden Mächte und ihres Anhangs nehmen soll.«

»Gewiß, gewiß,« rief der Senator Bernus, »und da müssen Sie doch zugeben, daß unsere Selbstständigkeit durch Preußen und den Nationalverein schwer bedroht ist.«

»Auch das kann ich nicht einsehen,« sagte Herr Partner, indem er langsam eine Prise zur Nase führte, »was verlangt Preußen in Deutschland? Eine größere Militaireinheit unter seiner Führung, dagegen sträubt sich die kriegsherrliche Souverainetät der Fürsten; größere Einheit in Verkehrs-, Zoll- und Handelssachen, dem widerstreben so viele Sonderinteressen der einzelnen Staaten. Hat Frankfurt, die freie Stadt, souveraine Kriegsherrlichkeit abzugeben? Und bei einer von Preußen erstrebten vollkommenen Verkehrs- und Zolleinheit würde doch wahrlich der bürgerliche Aufschwung unseres Platzes nur gewinnen, unseres Platzes, der jetzt in tausend hemmende Schranken im Mittelpunkt von Deutschland eingeengt ist. Hat denn nicht die mächtige Hansa, der Bund der freien Städte, Aehnliches erstrebt, als es Preußen heute thut?«

Herr Bernus zog schweigend seine Handschuhe an.

»Ich kann also, wenn wirklich Preußens Ziele erreicht werden sollten,« fuhr Herr Partner fort, »darin keine Bedrohung der Selbstständigkeit Frankfurts erblicken, ich glaube nicht, daß man uns in der Selbstverwaltung unserer inneren Angelegenheiten, in unserem eigenen Recht und unserer eigenen Sitte jemals kränken oder beschränken wird, wohl aber erblicke ich,« sagte er mit erhobener Stimme, »eine große Gefahr darin, wenn die Bürgerschaft Frankfurts sich an politischen Agitationen und Demonstrationen betheiligt, die sie der großen Macht des Nordens feindlich gegenüber stellt. Eine solche Feindschaft könnte einst der Grund werden, die Selbstständigkeit Frankfurts zu zertrümmern, welche sonst nach meiner Ueberzeugung nichts von Preußen zu besorgen hat.«

Der Senator Bernus ergriff seinen Hut.

»Sie sehen, Herr Senator,« sagte Herr Sebastian Partner ruhig, »daß ich nach meiner Ueberzeugung weder selbst dem großdeutschen Verein beitreten, noch zu dessen Gunsten meinen Einfluß auf die Bürgerschaft ausüben kann, ebenso wenig,« fügte er hinzu, »aber billige ich den Nationalverein, und werde, wo ich kann, meinen Einfluß anwenden, um davon abzumahnen.

Herr Bernus stand auf.

»Ich sehe, Herr Partner,« sagte er kalt, im Tone einer gewissen vornehmen Ueberlegenheit, »daß wir uns in unseren Ansichten nicht begegnen, und bedaure, daß wir auch als Collegen kaum würden gedeihlich zusammen wirken können.«

Eine flüchtige Röthe überzog das Gesicht des Herrn Partner und die tiefen Linien zwischen seinen Augenbrauen kräuselten sich.

»Ich verdanke den Einfluß,« sagte er in vollkommen ruhigem, aber etwas scharfem Ton, »den ich unter den Mitbürgern etwa besitze, dem Vertrauen, daß ich stets nach meiner Ueberzeugung für das Wohl der Stadt handele; wenn dies Vertrauen mich zu der Würde eines Senators berufen sollte, so werde ich die neuen und höheren Pflichten in demselben Sinne erfüllen; durch eine Verläugnung meiner Ueberzeugung würde ich nie jene Würde zu erreichen suchen.«

»Niemand kann Ueberzeugungstreue höher achten als ich,« erwiderte Bernus, indem er sich der Thür näherte, »wenn auch natürlich eine der meinigen entgegenstehende Ueberzeugung mich abhalten muß, mich mit ihr zu verbünden.«

Er reichte leicht zwei Finger seiner Hand dem alten Herrn, der ihn artig bis zur Thüre begleitete.

Herr Partner ging gedankenvoll im Zimmer auf und nieder.

»Mit großen Herrn ist nicht gut Kirschen essen,« sagte er vor sich hin, »sie werfen den Kleinen die Steine an den Kopf, das ist ein altes gutes und wahres Sprüchwort, und danach sollen unsere Bürger sich richten. Mögen Preußen und Oesterreich ihren Streit ausfechten in diplomatischen Schachzügen, in Agitationen und, was Gott verhüte, mit den Waffen in der Hand, der Bürger soll schaffen im eigenen Haus, seine stille Arbeit, seine ruhige Beschränkung im zugehörigen Kreise, das ist seine Sicherheit, und Niemand wird ihm zu nahe treten, so lange er dabei bleibt.

»Und dabei soll es bleiben in Frankfurt,« rief er laut, »so lange ich noch Stimme und Einfluß habe, dabei soll es bleiben, in meiner Vaterstadt und in meinem Hause.«

»Die Suppe ist aufgetragen,« meldete ein sauberes Dienstmädchen im dunklen Anzug mit weißer Mütze und weißer hoher Schürze.

»Ist Herr Guenther schon da?« fragte der alte Herr.

»Herr Guenther ist im Wohnzimmer bei den Damen,« erwiderte das Mädchen.

»Ich komme,« sagte Herr Sebastian Partner. Mit einem leichten Seufzer blickte er auf das weißliche Portrait über seinem Sopha und schritt zur Thür hinaus.

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