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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Drittes Capitel.

Im glänzenden Mittagssonnenschein lag die »Zeil« zu Frankfurt am Main da, diese vornehmste Straße der alten Reichs- und Krönungsstadt. Hell klangen militärische Hörner die Straße herauf – eine Abtheilung österreichischen Militairs zog daher, die Wachen zu besetzen. In kräftigem Schritt marschirten sie hin die braunen Söhne Ungarns in den weißen Röcken, den engen blauen Beinkleidern und hohen Schuhen, grell und feurig blickten die dunkeln Augen unter den Käppis hervor. An der Spitze des kleinen Detachements marschirte ein junger Offizier, in der Uniform der Hauptleute, den Säbel in der Hand. Unter dem Käppi quoll leicht gelocktes, kurzes, dunkelblondes Haar hervor, der blonde Schnurrbart hing wohlgepflegt über die Lippe herab und die hellen Augen blickten heiter und freundlich rechts und links auf die Vorübergehenden und die glänzenden Schaufenster der Läden an den Seiten der Straße. Es war ein junger Hauptmann, denn nach seiner äußeren Erscheinung mochte er höchstens sechs bis siebenundzwanzig Jahre alt sein, – das Maria-Theresienkreuz auf seiner Brust bewies, daß er schon mit hoher Auszeichnung den italienischen Krieg mitgemacht haben mußte.

Die Truppe näherte sich am Ende der Zeil einem großen schönen Hause von etwas alterthümlicher Bauart, in dessen Erdgeschoß man keinen Laden sah, obgleich die mit grünen Vorsätzen verdeckten Fenster und die an einem derselben ausgestellten Werthpapiere und Münzsorten bewiesen, daß auch hier der Sitz eines großen Geldgeschäfts sich befinde.

Eines der Fenster des ersten Stockwerks, hinter deren hellen Spiegelscheiben man weiße Vorhänge von großer Sauberkeit und Eleganz erblickte, war geöffnet und aus demselben blickten zwei reizende Mädchenköpfe auf die Straße herab.

Das eine der beiden Mädchen war eine heiter und fröhlich blickende Blondine von siebenzehn bis achtzehn Jahren, – in natürlichen kunstlosen Locken fiel ihr dichtes Haar von den Schläfen herab – die blauen Augen sahen so neckisch und lustig aus dem lachenden Gesicht in den frischen zarten Farben in die Welt hinaus, als spiegelten sie den blauen Himmel und den lichten Sonnenschein zurück. Sie lag vornüber gebeugt auf der Brüstung des Fensters, die Ellenbogen auf ein rothes Kissen gestützt und wendete sich oft in lebhaftem Geplauder zu ihrer Freundin zurück, welche weniger sichtbar hinter dem Fenster saß und in ihrer ganzen Erscheinung sehr von ihr verschieden war.

Dunkles fast schwarzes Haar lag in reiche Flechten geordnet um die klare Stirn dieses zweiten jungen Mädchens, – unter hochgeschwungenen dunkeln Brauen blickten große, tief sinnende Augen hervor von jenem Ausdruck, der weder an das helle Licht des Tages noch an den geheimnißvollen Zauber der Nacht erinnert, sondern jenen eigenthümlichen Reiz hat, den die spanischen Dichter als die höchste Schönheit weiblicher Augen bezeichnen, – den Reiz des Schimmers der Abendröthe, welche noch bestrahlt ist vom warmen Licht des Tages, aber bereits die heraufsteigenden Wunder des Nachthimmels mit seinen Sternen ahnen läßt. Ihr schönes Gesicht von griechischem Schnitt war von durchsichtig zarter Blässe und um den feinen Mund lag ein Zug von sanfter Traurigkeit – fast schwermüthig war das Lächeln, das zuweilen bei den heiteren Bemerkungen ihrer Gefährtin um ihre Lippen spielte.

Die österreichische Abtheilung war herangekommen, – der junge Hauptmann warf einen Blick nach dem Fenster hinauf und salutierte mit dem Säbel – die junge Dame, welche zum Fenster hinausgebogen auf die Straße hinabblickte, erwiderte den Gruß und warf zugleich rückwärts einen schalkhaften Blick nach der Andern hin, welche fast unmerklich das Haupt neigte, indem eine flüchtige Röthe über ihre Stirn zog.

Unter den Vorübergehenden auf dem Trottoir an der andern Seite der Straße befand sich ein Offizier in der Uniform der preußischen Linien-Infanterie mit dem Stern der Premier-Lieutenants auf den Epauletten. Er ging langsam hin in jener festen und geraden Haltung, die den preußischen Militairs eigen ist, – sein jugendliches, etwas bleiches Gesicht war scharf und vornehm geschnitten und die dunkeln lebhaften Augen blickten unter dem Schirm der Dienstmütze nach dem Fenster herauf, an welchem die beiden jungen Mädchen saßen.

Er sah, wie der österreichische Hauptmann salutirte, – er sah, wie die junge Dame am Fenster diesen Gruß erwiderte, ohne daß er von seiner Seite der Straße her die Andre erblicken konnte, – ein schneller feindlich zorniger Blick folgte dem österreichischen Offizier, der die Straße hinab marschirte und sich noch einmal zurückwendete, – dann biß er auf den kleinen dunklen Schnurrbart und schnell den Kopf abwendend schritt er rasch weiter, ohne noch einen Blick nach dem Fenster hinaufzuwerfen.

In dem Hause, von dessen Fenster die beiden jungen Mädchen auf das bunte Treiben der Zeil hinabsahen, wohnte der Banquier Jacob Sebastian Partner, einem der ältesten Bürgergeschlechter Frankfurts entstammend und Inhaber einer der bedeutendsten und geachtetsten Firmen der alten Reichsstadt, ein Mann stolz und fest wie die alten Eichen der deutschen Wälder, aber auch hart und starr wie sie, die der Sturm brechen aber nicht beugen kann. Er war Mitglied der Bürgerrepräsentation, sein Vermögen war groß und fest gesichert in klugen und vorsichtigen Unternehmungen und viel galt sein Wort unter seinen Mitbürgern.

In der Tiefe der Vorflur dieses alten Hauses, dessen untere Räume die Wirthschaftsbureaux einnahmen, führte eine breite, feste, steinerne Treppe in die oberen Stockwerke; die breiten Corridors waren leicht gewölbt und einfach weiß gemalt, alte Kupferstiche hingen an den weißen Wänden und eine große Uhr, in tief gedunkeltem Gehäuse von Eichenholz stand neben dem Treppenaufgang mit ihrem laut durch den stillen ruhigen Vorplatz hallenden Pendelschlag die flüchtig dahin eilenden Secunden messend.

Der Hausherr bewohnte den zweiten Stock, weil er keine Schritte über seinem Kopf hören wollte, die Bel-Etage enthielt die Wohn- und Gesellschaftsräume der Familie und die Zimmer der Frau und der einzigen Tochter des würdigen Bürgers und Kaufmanns der alten freien Stadt.

In dem großen Wohnzimmer befanden sich die beiden jungen Mädchen, welche der Gegenstand der Aufmerksamkeit des österreichischen Hauptmanns und des preußischen Premier-Lieutenants gewesen waren.

Die zarte Erscheinung mit dem dunkeln Haar und den großen Augen voll sanft schimmernder Dämmerung war Emma, des Herrn Jakob Sebastian Partner einzige Tochter. Sie saß auf einem Lehnstuhl am Fenster und hatte, nachdem jenes österreichische Detachement vorübergezogen war, keinen Blick mehr für das Treiben auf der Straße da unten, sondern sah träumend in ihren Schooß nieder.

Auf einem an das Fenster herangezogenen Sessel kniete die andere junge Dame, Fräulein Bertha Holberg, die Tochter einer Schwester des Herrn Partner, welchen einen armen Maler geheirathet und sich mit ihrer bürgerstolzen Familie entzweit hatte. Nach dem Tode der von Unglück und Elend verfolgten Eltern war deren hinterlassene Tochter, für welche die sterbende Mutter den Schutz und Beistand des Bruders angefleht hatte, von diesem aufgenommen und mit der eigenen Tochter erzogen worden, die ihre Cousine wie eine Schwester liebte.

Es war ein liebliches und charakteristisches Bild, diese beiden so schönen, so jugendlich anmuthigen und doch von einander so verschiedenen Mädchengestalten in dem hohen weiten Gemach, dessen Decke in alter Stuccatur mit Guirlanden und Arabesken geziert war, die in der Mitte in einer kleinen, runden Wölbung zusammenliefen, aus welcher ein schöner, alter Kronleuchter von geschliffenem Krystall herab hing. Familienbilder in einfachen Rahmen hingen an den Wänden, lebensgroße Portraits der Vorfahren des alten Bürgergeschlechts, Männer in schwarzen Kleidern, alle ernst und streng blickend, einige mit der goldenen Kette der Rathsherrn geschmückt und Frauen in dunkle Farben gekleidet mit ruhigen sanften Gesichtern, weiße Krausen um den Hals und das Gebetbuch in der Hand.

Alte hochlehnige Canapés und Stühle mit schwerem Damast überzogen, gelb und blau geblümt in großen Mustern, standen an den Wänden und schwere mächtige Tische davor, – das war Alles gediegen ernst und gemessen, die neue Zeit hatte diese Räume nicht berührt, hier wehte noch der Geist der alten Reichsbürgerschaft der vergangenen Tage und wenn einer der alten Herren, deren Bilder an den Wänden hingen, aus seinem Rahmen herausgetreten wäre, er hätte ruhig auf einem der hochlehnigen Stühle mit den breiten Sitzen Platz nehmen können – er hätte zu dieser Umgebung gepaßt und die Umgebung zu ihm. Nur auf dem Tisch vor dem größesten Canapé in der Mitte der Wand stand in einer schönen Porzellanvase von moderner Form ein geschmackvoll arrangirtes Bouquet von frischen Blumen, das Werk der beiden Mädchen, welche durch diese vergänglichen Blüthen wenigstens einen Gruß der heiteren frischen Gegenwart in diese Räume gebracht hatten, die einer strengen, fast düstern Vergangenheit angehörten.

»Welch' ein glücklicher Zufall,« rief Fräulein Bertha mit heiterem Lachen, »daß da gerade die Oesterreicher vorbeimarschieren müssen, und daß gerade dieser liebenswürdige Baron von Hohenberg die Abtheilung führt, der so artig heraufgrüßt, oder sollte etwa,« sagte sie, den Finger drohend gegen ihre Cousine erhebend, »sollte der Zufall nicht ganz allein dabei thätig gewesen sein, daß meine kleine ernste Emma heute gegen ihre sonstige Gewohnheit hier am Fenster sitzt und auf die Straße herab sieht, und sollte es vielleicht anmaßend von mir sein, wenn ich den Gruß des schönen Hauptmanns auf mich mit bezogen habe, während er doch wohl nur meiner lieben Cousine gegolten hat.«

Erröthend neigte Emma den Kopf auf die Brust herab und antwortete nicht auf die neckische Bemerkung ihrer Cousine.

Als sie nach einigen Augenblicken sich wieder emporrichtete perlte eine Thräne an ihrer langen Wimper.

Schnell sprang Bertha vom Fenster zurück, ließ sich auf ein Knie zu Emma's Füßen niedersinken und indem sie mit der Hand sanft über ihre Augen strich, rief sie mit liebevollem Tone:

»Du böses Kind, warum weinen, warum Alles traurig nehmen? Sieh, das habe ich nicht gewollt mit meinem Scherz, und ich sehe es auch wahrlich nicht ein,« rief sie mit fröhlichem Ton, »was denn dabei Trauriges ist, wenn ein hübsches liebes Mädchen, wie Du, einen so schmucken guten und braven Mann gern hat, wie diesen Baron Hohenberg, ja, wenn es noch das Unglück wollte, daß er Dich nicht bemerkte, oder daß er eine Andere liebte, aber dies Unglück,« sagte sie lachend, indem sie den Kopf ihrer Cousine sanft am Kinn emporrichtete, »dies Unglück trifft Dich ja nicht, er sieht Dich ebenso gern an, wie Du ihn; geplaudert habt Ihr ja auch schon von Eurer Liebe, also was giebt's da zu weinen, lustig, den Kopf in die Höhe.

Bald heißt's Bräutigam und Braut!«

trällerte sie und fuhr abermals mit der Hand über die Augen ihrer Cousin, welche noch immer von sanftem Schimmer verschleiert waren.

»Ach mein Gott!« rief Emma mit tiefem Seufzer, »das ist es ja eben, was mich so traurig macht, so wird es nie heißen, Du kennst meinen Vater, Du weißt, wie unbeugsam und hart er sein kann, wenn es seine Grundsätze gilt. Er wird nie nach dem Glück meines Herzens fragen, so sehr er mich auch liebt auf seine Weise. Er verlangt von mir denselben harten Sinn, der ihn erfüllt und niemals – niemals wird er nach dem Glücke meines Herzens fragen!«

»Aber,« rief Bertha aufspringend und leicht mit dem zierlichen Fuß auf den Boden stampfend, »was verlangt er denn, der Oheim? Der Baron Hohenberg ist ein so vornehmer Cavalier, als es nur einen in der Welt geben kann, er ist ein tapferer Offizier, er hat eine schöne Carriere vor sich und wird gewiß noch Feldmarschall. Geld hat er freilich nicht, aber das ist ja auch gleichgültig, denn Du hast ja genug – Du und Dein Bruder, Ihr seid ja die einzigen Kinder, und Dein Vater ist reich genug, daß Ihr Beide bei Eurer Wahl nicht auf Vermögen zu sehen braucht, und geizig ist Dein Vater doch auch nicht, wo er helfen kann, giebt er mit vollen Händen, warum fürchtest Du, daß er Etwas dagegen haben könne, seine Tochter Baronin von Hohenberg werden zu sehen?«

»Das ist es ja eben,« sagte Emma traurig, indem von Neuem Thränen in ihre Augen traten, »nie wird mein Vater eine Verbindung mit einem Edelmann und einem Offizier zugeben, –«

»Mit einem Edelmann und einem Offizier?« rief Bertha, »aber er hat doch meine arme Mutter,« fuhr sie mit dem Ausdruck tiefer Wehmuth fort, »seine Schwester verstoßen, weil sie einem armen Künstler ihre Hand gereicht, und erst nach ihrem Tode hat er sich mit ihrem Andenken versöhnt und mit sein Haus geöffnet, – ist ihm denn der Baron Hohenberg nicht vornehm genug?«

»Er ist ihm zu vornehm, wenn Du willst,« seufzte Emma, »mein Vater will, daß jeder Stand getrennt von andern Lebenskreisen in seinen Grenzen bleibe; er will, daß die Welt und die Menschen nach Rubriken geordnet und gesondert bleiben, wie die Bücher und Rechnungen in den Fächern der Bureaux seines Comptoirs.«

»Aber mein Gott,« rief Bertha, »wir leben ja nicht in Indien, die Kasten gelten nicht in Europa, und ich will sehen,« sagte sie trotzig, »ob zwei junge Mädchenherzen nicht den starren Sinn des Oheims brechen können!«

Emma schüttelte traurig den Kopf.

»Aber,« sagte sie dann, sanft lächelnd, »über Deine Theilnahme für mich, hast Du Deine eigenen Angelegenheiten vergessen. – Als Du den Gruß von Hohenberg erwidertest, ging auf der andern Seite der Straße der Lieutenant Steinberg hin; er schien betroffen darüber, daß Du ihn nicht bemerkt und ging ohne Gruß vorüber.«

»Steinberg,« sagte Bertha achselzuckend, »er ist ein ganz guter Mensch, ich unterhalte mich zuweilen recht gern mit ihm, weil er viel weiß und verständiger zu sprechen versteht, als alle die andern jungen Herren, aber,« fuhr sie lachend fort, »daß ich ihn lieben sollte, davon bin ich noch sehr fern. Er langweilt mich oft mit seiner Pedanterie, er will mich immer erziehen und belehren, ich kann dies steife preußische Wesen nicht leiden, und dann thut er so als ob er Rechte an mich habe, er quält mich mit Eifersucht, und dazu habe ich ihm doch kein Recht gegeben, und dann, er hat Nichts, ich habe Nichts, was sollte daraus werden, –«

»O, es muß schön sein, mit einem Manne, den man liebt, Armuth und Entbehrung zu theilen!« rief Emma.

»Mit einem Manne, den man liebt,« sagte Bertha sinnend, indem ein ernster Ausdruck an die Stelle der lächelnden Heiterkeit ihres Gesichts trat.

Rasch wurde die Thür geöffnet und ein junger Mann von einundzwanzig Jahren, schlank gewachsen, frisch und blühend, elegant in weißem Sommerstoff gekleidet, eilte ins Zimmer. Eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Emma lag in seinen Gesichtszügen, nur blickten seine Augen frei und kühn und ein gewisser Trotz zeigte sich in der leicht aufgeworfenen Oberlippe, auf welcher ein kleiner feiner Schnurrbart zu keimen begann.

Es war Ferdinand Partner, der Sohn des Hauses, welcher nach Vollendung seiner juristischen Studien in Heidelberg zurückgekehrt war, um in den Bureaux seines Vaters sich die technischen Kenntnisse zu erwerben, die ihn in den Stand setzen sollten, dereinst das Geschäft und die Firma seines Vaters fortzusetzen.

Der junge Mann küßte seine Schwester auf die Stirn und drückte herzlich die Hand seiner Cousine, die mit leichtem Erröthen seinen Gruß erwiderte.

»Sind die Comptoirs schon geschlossen,« fragte Emma, »dann werden wir uns vorbereiten müssen, zu Tisch zu gehn.«

»Noch nicht,« rief der junge Mann seufzend, »aber es ist so über alle Beschreibung langweilig da unten, ich muß ein wenig Luft schöpfen und einmal ein Paar lachende vergnügte Menschengesichter sehen unter all den Zahlen und Rechnungen. In den großen Comptoirbüchern trocknet mir der Humor und die Lebenslust ein.

Er stützte sich mit den Knieen auf den Stuhl, welchen seine Cousine vorher eingenommen hatte und bog sich weit aus dem Fenster hinaus, rechts und links die Straße herabblickend und mit tiefen Athemzügen die sonnige Luft einathmend.

»Der Onkel wird aber sehr böse, Vetter Ferdinand,« sagte Bertha, »wenn Du schon wieder das Comptoir vor der Zeit verläßt. Du weißt, wie sehr er Pünktlichkeit liebt, Du solltest Dich ein wenig danach richten.«

»Ich will ja nur einen Augenblick hier bei Euch bleiben,« rief der junge Mann, »nur einen kurzen Augenblick, dann will ich ja schon wieder zurück in jenes Gefängniß voll Zahlen und Rechnungen. Es ist doch in der That nicht so ganz leicht, von den sonnigen Höhen meines lieben Heidelberg in diese Modergruft eines kaufmännischen Comptoirs herabzusteigen. Wohl fühlen werde ich mich da niemals; ich wollte, der Vater hätte mich gar nicht zur Universität geschickt, dann wäre ich glücklicher, jetzt aber habe ich den freien Hauch des Lebens kennen gelernt, ich habe einen Blick hinaus gethan in die weite Welt, in der andere Gedanken und andere Interessen den Geist und das Herz erfüllen, als Geld zu erwerben und wieder Geld zu erwerben, und ich kann mein Denken und Fühlen nicht mehr in den engen Kreis bannen, in welchem mein künftiges Leben sich bewegen soll; o,« rief er, »wie beneide ich meine Freunde, die ein Leben voll hohen Strebens vor sich sehen, in welchem sie ihre Kräfte anspannen können zu edlem Kampf im Ringen nach hohen Zielen, während ich hier mein Wissen und Können entwürdigen soll im Dienste des schnöden Geldes –«

»Das Du doch so gut gebrauchen kannst,« sagte Bertha lachend.

»Das ich aber auch verstehen würde, zu entbehren und zu verachten,« rief der junge Mann lebhaft, »wenn ich mein Leben widmen könnte der Kunst, der Wissenschaft oder dem Wirken in den öffentlichen Angelegenheiten zum Wohl und zum Ruhme der Nation, so aber,« – er schwieg und über sein heiteres Gesicht legte sich der Schleier trüber Wehmuth.

Ein alter Diener, der mehr das Aussehen eines Unterbeamten des Comptoirs als eines herrschaftlichen Bedienten hatte, trat, langsam und geräuschlos die Thüre öffnend, in das Zimmer.

»Herr Partner läßt Fräulein Emma bitten, sogleich zu ihm zu kommen,« sagte er mit ruhiger, ausdrucksloser Stimme.

Das junge Mädchen blickte erstaunt, fast erschrocken auf, eine tiefe Blässe überzog ihr Gesicht. Es war etwas Außergewöhnliches, daß der Hausherr seine Kinder zu sich bescheiden ließ. – Alles bewegte sich in der regelmäßigen Pünktlichkeit dieses wohlgeordneten Hauses in festem und stets gleichem Zeitmaß. Diese Berufung zu außergewöhnlicher Stunde mußte daher etwas Besonderes bedeuten und die zartempfängliche Seele des jungen Mädchens ließ sie vor allem Unbekannten und Ueberraschenden furchtsam erbeben.

Mit dem den Kindern des strengen Bürgerhauses gewohnten Gehorsam erhob sie sich, schritt zur Thür hinaus und stieg die breite Treppe zu dem zweiten Stockwerk hinauf. Nach einem augenblicklichen Zögern öffnete sie die große Mittelthür zu dem Wohnzimmer ihres Vaters.

In diesem weiten Gemach mit großen, hellen Fenstern, mit spiegelblank gebohntem Fußboden sah man große Glasschränke an den Wänden, theils gefüllt mit sauber eingebundenen Büchern, theils mit Papieren sorgsam mit rothen Bändern in Packete zusammengebunden. An dem einen Fenster stand ein breites hohes Pult mit einem Lederschemel davor, daneben ein Tisch mit einem Schreibstuhl von Rohrgeflecht. Ein großer Sopha und mehrere breite und tiefe Stühle, mit braunem Leder überzogen und mit gelben Nägeln verziert, standen an der einen Seitenwand um einen großen Eichentisch, auf welchem sich eine große Wasserflasche von geschliffenem Glas und ein hoher pokalähnlicher gläserner Becher befand. Ueber dem Sopha hing ein schön gemaltes großes weibliches Portrait, eine junge Frau in weißem Gewande darstellend, deren Gesichtszüge an die Nichte des Hausherrn erinnerten.

Auf den Stühlen um den großen Tisch saßen drei Personen. Zunächst Herr Jacob Sebastian Partner, eine hohe, volle und starke Gestalt in schwarzem halb zugeknöpftem Ueberrock, der ein hochaufsteigendes, weißes Gilet sehen ließ. Das etwas geröthete Gesicht des alten Herrn, der etwa vier bis fünfundfünfzig Jahre zählen mochte, zeigte trotz seiner Fülle scharfe und ausdrucksvolle Züge, sein stark hervortretendes Kinn ruhte in den Falten eines feinen blendend weißen Halstuchs, sein etwas großer Mund war fest und streng geschlossen, die starke gerade Nase war durch den häufigen Gebrauch des Schnupftabacks ein wenig geröthet, die dunkeln Augen blickten klar und scharf unter den dichten Augenbrauen hervor, welche noch fast schwarz erschienen, während das volle Haar, das kurz geschnitten, ziemlich tief in die breite und stark hervortretende Stirn hinabreichte, bereits vollständig ergraut war.

Der alte Herr saß gerade aufgerichtet auf seinem Stuhl und drehte in ruhiger gleichmäßiger Bewegung eine große silberne Tabacksdose zwischen den Fingern seiner rechten Hand.

Neben ihm saß seine Gemahlin, eine zarte und schlanke, etwa zehn Jahre jünger als ihr Gatte erscheinende Frau, in dunkel grauem Seidenkleid, ein weißes Spitzentuch um den Hals und eine weiße Haube mit grauem Band auf dem noch dichten und braunen Haar. Ihr Gesicht, das früher schön gewesen sein mußte, war bleich ohne kränklich auszusehn und in ihren sanften Augen lag eine gewisse ruhige Resignation aber ohne Traurigkeit, vielmehr mit dem Ausdruck der Sicherheit und inneren Befriedigung.

Dem Ehepaar gegenüber befand sich ein Mann von etwa dreißig Jahren, modern aber einfach gekleidet, das dichte blonde Haar kurz geschnitten und sorgfältig gescheitelt, sein regelmäßiges Gesicht mit einem kurzen Backenbart erschien beim ersten Anblick ebenso einfach und ausdruckslos wie seine Kleidung, aber sobald man längere Zeit in dieses Gesicht sah, machte dasselbe einen unangenehm antipathischen Eindruck: es fehlte demselben die Wärme des Lebens. Diese dünnen Lippen konnten kein warmes aus dem Herzen kommendes und zum Herzen dringendes Wort sprechen, in diesen Augen lag eine kalte abwehrende Starrheit, welche das Leben der Seele sorgfältig vor jedem Einblick verschloß. Das gleichmäßige höfliche Lächeln, welches fast niemals von diesem glatten Gesicht verschwand, hatte etwas Unheimliches.

Als das junge Mädchen in das Zimmer ihres Vaters trat, erhob sich dieser Mann und grüßte sie mit der ausgesuchtesten aber etwas steifen Artigkeit. Emma verneigte sich leicht gegen ihn und trat schüchtern zu dem alten Herrn.

»Du hast mich rufen lassen, lieber Vater,« sagte sie mit etwas zitternder Stimme, »was befiehlst Du?«

Herr Partner deutete mit der Hand auf einen leeren Stuhl an seiner Seite und als Emma auf demselben Platz genommen, sprach er mit klarer und lauter Stimme, trotz des weichen frankfurter Dialekts jedes Wort und jedes Silbe scharf betonend.

»Ich habe Dich rufen lassen, meine Tochter, um in einer wichtigen Angelegenheit auch Deine Meinung und Deine Stimme zu hören.«

Emma blickte ganz verwirrt auf. Sie war so wenig gewohnt, um ihre Meinung gefragt zu werden, und ihre Stimme abzugeben, daß diese Anrede aus dem Munde ihres Vaters sie in hohem Grade befremdete. Ihr Auge begegnete dem sanften theilnehmend, fast mitleidig auf ihr ruhenden Blick ihrer Mutter, der sich aber sogleich wieder niedersenkte.

»Herr Eberhard Guenther,« fuhr der alte Herr fort, »ein Freund unseres Hauses, den Du kennst, hat bei mir und Deiner Mutter um Deine Hand angehalten.«

Emma zitterte und faßte unwillkürlich mit der Hand die Lehne ihres Stuhles, wie um eine Stütze zu suchen, Herr Guenther verneigte sich gegen sie, indem das stereotype Lächeln auf seinen Lippen noch um eine Nüance freundlicher und verbindlicher wurde.

»Ich kenne den Charakter und die Stellung des Herrn Eberhard Guenther,« sprach Herr Partner weiter, »ich kenne die Achtung, in welcher seine Firma steht und er hat uns über sein Geschäft und seine Verhältnisse auf die ehrenhafteste und vertrauensvollste Weise vollständige Auskunft gegeben.« Herr Guenther verneigte sich diesmal gegen Herrn Partner, indem sein Lächeln augenblicklich einem bescheiden würdevollen Ernst wich. »Ich habe danach,« fuhr der alte Herr fort, »die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Verbindung mit ihm, meinem Hause zur Ehre gereicht und Dir die Bürgschaft einer ehrenwerthen Stellung und eines glücklichen Lebens geben würde, deshalb habe ich keine Einwendung gegen seine Bewerbung.«

Emma saß stumm und zitternd mit niedergeschlagenen Augen da.

»Ich will jedoch,« sprach Herr Partner weiter, »daß Du meine Tochter bei einem so wichtigen Schritt, der für das ganze Leben bindet, Dein eigenes Gefühl und Dein Herz zu Rathe ziehst, deshalb sollst Du heute keine Entscheidung treffen und keine Antwort geben. Herr Guenther wird öfter als bisher der Gast unseres Hauses sein und Ihr werdet Gelegenheit haben, Euch kennen zu lernen. Du wirst wissen, daß Du mit Einwilligung und Zustimmung Deiner Eltern seine Bewerbung annehmen darfst und wirst nach sechs Wochen mir Deine Erklärung abgeben.«

Emma schlug das Auge auf. Wie hülfeflehend sah sie zu ihrer Mutter hinüber, aber diese blickte schweigend und unbeweglich in ihren Schooß. Das junge Mädchen öffnete die Lippen, als wollte sie sprechen, aber schnell zusammenschauernd, schloß sich ihr Mund wieder und die Augen niederschlagend, blieb sie in zitterndem Schweigen unbeweglich auf ihrem Stuhl sitzen.

»Ich habe es nicht nöthig,« sagte Herr Guenther mit einer leisen, einförmig tönenden Stimme, »Fräulein Emma näher kennen zu lernen, ich weiß, daß sie alle Eigenschaften besitzt, um mich glücklich zu machen, und ich hoffe, daß sie auch bei näherer Bekanntschaft mit mir, sich ihrerseits überzeugen wird, daß sie mir mit Ruhe ihr künftiges Leben anvertrauen kann.«

Emma schwieg fortwährend, nur die heftigen tiefen Athemzüge ihres Busens bewegten leise ihre Gestalt.

Herr Guenther erhob sich.

»Ich habe jetzt die Ehre mich zu empfehlen,« sprach er mit einem Blick auf das junge Mädchen, »das Fräulein ist durch meine Bewerbung vielleicht überrascht und wird über eine so ernste Sache nachdenken wollen.«

Er verbeugte sich gegen Emma, die mit einer kaum merkbaren Neigung des Kopfs seinen Gruß erwiderte, küßte der Dame des Hauses ernst und gemessen die Hand, erwiderte mit fast ehrerbietiger Höflichkeit den Händedruck des Herrn Partner.

»Wir erwarten Sie zu Tisch,« sagte dieser und mit schweigender Verneigung die Einladung annehmend, verließt Herr Guenther das Zimmer.

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