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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Der Kaiser ging langsam auf und nieder.

»Er will in seiner ewigen Vorsicht auf Jahre hinaus Alles sicher stellen, als ob sich überhaupt die Ereignisse in dieser Welt der Täuschungen und unerwarteten Ereignisse vorher berechnen und bestimmen ließen,« rief er dann, »die wahre Klugheit ist es, die Ereignisse gehen zu lassen und in ihre Entwicklung nur helfend und leitend einzugreifen, wo es nöthig ist, die Hauptsache bleibt es, daß diese wunderbare, unerklärliche und unfaßbare Macht, welche man das Glück nennt, uns zur Seite steht und uns die Handhabe giebt, um im rechten Augenblick und an rechter Stelle in den Gang der Ereignisse eingreifen zu können.

»Und dies Glück,« sagte er lächelnd, »das mich durch Erniedrigung und Kerker auf die glänzende Höhe dieses Thrones erhoben hat, ist mir noch treu, ich sehe es auf's Neue aus diesen Ereignissen, die sich in Deutschland vorbereiten. Mit eigener Hand zerstört Oesterreich das letzte und festeste Bollwerk dieser Verträge von 1815, den Deutschen Bund, und mir fällt die Rolle zu, als Garant jener Verträge aufzutreten! Fast hätte ich mich verrathen,« fuhr er fort. »Mein Minister, Niemand darf es bemerken, mit welcher Befriedigung ich dem Zerstörungswerk zusehe, das man in dem Cabinet Metternichs an dessen eigenen Schöpfungen beginnt. Meine Regierung mag immerhin als Wächterin über die Verträge von 1815 dastehen, das wird meinen Einfluß verstärken und zugleich die Deutschen aus nationalem Widerspruchsgeist noch schneller an der Auflösung ihres Bundes arbeiten lassen!

»Sollte,« sprach er dann tief nachdenkend weiter, »in diesem Herrn von Bismarck wirklich eine Gefahr aufsteigen? Nein, nein,« rief er, »wohl hat er Willen und Energie, um es zu unternehmen, Preußen an die Spitze Deutschlands herauszuführen, aber er ist gebannt in das Netz der Verhältnisse, das seine Kraft ebenso lähmen und aufreiben wird, wie so viele andere:

»– – und wenn es ihm doch gelänge? – –«

Er setzte sich vor seinen Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand.

»Wenn es ihm gelänge,« flüsterte er leise, »der Preis, den ich fordern würde, könnte Frankreich mehr einbringen als alle anderen Combinationen.«

Die Flügel der Thüre wurden geöffnet.

»Ihre Majestät die Kaiserin!« rief der Kammerdiener, und schnell trat die Kaiserin Eugenie in das Cabinet ihre Gemahls.

Sie trug ein dunkelblaues Reitkleid von Wollenstof, das ihre wunderbar schlanke und geschmeidige Gestalt in ihrer ganzen Schönheit hervortreten ließ, unter dem kleinen schwarzen Hut mit blauem Schleier sah man ihr einfach, in reichen Flechten um den Kopf gewundenes goldblondes Haar. Ihr länglich ovales Gesicht, von classischer Schönheit und Reinheit der Züge, schimmerte in duftig zartem Teint, die großen, in dunklem Feuer glühenden Augen leuchteten darauf hervor mit allem Stolz der Spanierin, und mit aller jener anmuthigen, leicht spöttischen Heiterkeit der Französin. Die Kaiserin trug in der Hand eine zierliche Reitpeitsche von hellem Leder mit schön ciselirtem goldenem Knopf, sie reichte lächelnd, mit einer anmuthigen Beugung ihres schlanken Halses, ihrem Gemahl, der ihr rasch aufstehend entgegen gegangen war, die Wange zum Kuß und setzte sich dann in einen der großen Fauteuils, welche um den Schreibtisch des Kaisers standen.

Ihrer Majestät folgte ein eleganter geschmeidiger Mann, in einfacher geistlicher Tracht in den erzbischöflichen Farben. Sein scharfes Gesicht war von hoher Intelligenz durchleuchtet, und aus seinen großen, anscheinend offen und freiblickenden Augen sah man oft in einem raschen Seitenblick einen Blitz voll tückischer Verschlagenheit hervorbrechen. Auf seinen Zügen lag eben so sehr die vornehme Würde des priesterlichen Kirchenfürsten, als die glatte Geschmeidigkeit des Hofmanns, und seinem lächelnden Mund sah man es an, daß er ebenso zu überzeugender Beredtsamkeit, als zu hinreißender Conversation sich zu öffnen gewohnt sei.

Dieser Mann war Monseigneur Labastida, Erzbischof von Mexiko, welcher in Paris als Abgeordneter der provisorischen Regierung jenes Landes verweilte, das sich so eben von der Herrschaft einer tyrannischen Republik befreite und sich anschickte, Freiheit und Wohlstand unter der monarchischen Regierung zu suchen.

»Ich war so eben im Begriff meinen Spazierritt zu machen,« rief die Kaiserin lebhaft, »als der Erzbischof zu mir kam, der mir wichtige und sehr erfreuliche Nachrichten überbrachte; ich habe ihn sogleich gebeten, mich zu begleiten, um Ihnen, mein lieber Louis, seine Neuigkeiten ebenfalls mitzutheilen.«

Der Kaiser begrüßte den Erzbischof verbindlich, welcher sich tief verneigte und dann, sich würdevoll wieder erhebend, mit den ausgestreckten Fingern seiner Rechten das Zeichen des bischöflichen Segens gegen den Kaiser machte.

»Die constituirende Notabeln-Versammlung,« sagte Napoleon, »tritt zusammen und wird dem Erzherzog Maximilian von Oesterreich die Krone antragen, das ist ein wichtiger Schritt zur glücklichen Consolidirung der Zustände Ihres Landes.«

»Ich mußte voraussetzen,« erwiderte der Erzbischof, »daß Eure Majestät bereits davon unterrichtet wären und wollte mich beeilen, Sire, Ihnen zuerst meinen Glückwunsch zu diesem so glänzenden Erfolg Ihrer Action auszusprechen.«

»Glauben Sie, mein lieber Louis,« fragte die Kaiserin, »daß der Erzherzog noch geneigt sein wird die Krone anzunehmen?«

»Ich zweifle daran nicht,« erwiderte Napoleon, »wenn er von den einflußreichen Männern seines künftigen Reiches die Versicherung ihrer vollen und kräftigen Unterstützung erhält.«

»Der Meinigen ist der Erzherzog sicher,« sagte der Erzbischof, »und mit der Meinigen zugleich derjenigen des ganzen Clerus, wenn er sich,« fuhr er ernst fort, »als Schirmherr der Kirche entschieden und fest allen Angriffen gegenüberstellt, die man gegen uns und unser Recht gewagt hat.«

»Können Sie darüber im Zweifel sein bei einem Erzherzog aus dem so katholischen Hause von Habsburg?« fragte der Kaiser.

»Sire,« erwiderte der Erzbischof, »ich freue mich daß ich die Gelegenheit habe, sogleich im ersten Augenblick der neuen Phase, in welche die Geschichte Mexiko's eintritt, Eurer Majestät gegenüber mich mit derjenigen Aufrichtigkeit auszusprechen, welche in großen Verhältnissen und großen Augenblicken eine Nothwendigkeit ist.«

Der Kaiser neigte zustimmend den Kopf.

»Es handelt sich vorzüglich,« fuhr der Erzbischof fort, »um den Verkauf der Kirchengüter, welchen die Regierung des Juarez gegen uns verfügt hat; damit wird die Macht der Kirche, welche das Volk von Mexiko zu leiten im Stande ist, welche der Staatsbildung jenes Landes Festigkeit und Dauer zu geben im Stande ist, in ihren Grundfundamenten untergraben. Es ist nun eine Parthei auch unter den Monarchisten in Mexiko vorhanden, welche aus finanziellen Gründen es für geboten erachtet, jene Maßregel der republikanischen Regierung nicht aufzuheben, und ich darf es Eurer Majestät im Vertrauen sagen, es sind mir Mittheilungen zugegangen, nach denen der Erzherzog nicht abgeneigt sein soll, jener Ansicht sich anzuschließen. Der Erzherzog neigt ein wenig zu den Traditionen Joseph II. hin,« fügte er mit einem scharfen Blick auf den Kaiser hinzu, »und ich möchte schon jetzt Eure Majestät bitten, allen Ihren Einfluß auf ihr anzuwenden, daß er sich durch scheinbar freisinnige Theorieen, nicht auf Wege locken lasse, welche ihn von der Kirche, seiner einzigen Stütze, trennen müßten.«

»Der Erzherzog wird aber,« sagte der Kaiser, ein wenig zögernd und mit einem schnellen Seitenblick auf seine Gemahlin, die in ihrem Fauteuil zurückgelehnt, mit der Reitpeitsche spielte. »Der Erzherzog wird aber, wenn er die Regierung Mexiko's antritt, sehr dringende finanzielle Rücksichten nehmen müssen, es ließe sich da vielleicht ein Ausweg finden, ein Arrangement treffen.«

Die so geschmeidigen, höflich lächelnden Züge des Erzbischofs nahmen eine eherne Härte an, seine Augen blickten scharf und schneidend, und seine vollen weichen Lippen preßten sich mit dem Ausdruck unbeugsam entschlossenen Willens auf einander.

»Dem Recht der Kirche gegenüber,« sagte er mit leiser, tief durchdringender Stimme, »giebt es keinen Ausweg und kein Arrangement. Die Kirche wird die Macht haben, und sie allein, allen finanziellen Verlegenheiten des künftigen Kaiserreichs abzuhelfen, sie wird ihm Geld und Soldaten schaffen, aber sie wird es nur thun, als freie und mächtige Verbündete im Vollbesitz ihres Rechts. Möge der Erzherzog das nie vergessen, und wenn er sich zur unbedingten Anerkennung der Stellung und des Rechts der Kirche nicht entschließen kann, dann thäte er besser, diese Krone nicht anzunehmen, denn er wird sie dann nicht auf seinem Haupte erhalten können, da dann,« fügte er, sich tief verneigend, hinzu, »die Kirche nicht in der Lage sein wird, ihre Macht zum Schutz dieser Krone anzuwenden, indem sie gezwungen sein wird, für sich selbst zu arbeiten.«

Der Kaiser richtete sich höher empor. Ein kalter, stolzer Blick seines Auges glitt über den sich neigenden Prälaten herab; der Erzbischof sah diesen Blick nicht, denn als er sich wieder emporrichtete, hatte das Gesicht des Kaisers denselben ruhig verbindlichen Ausdruck als vorher, aber die Kaiserin hatte von ihrem Platz aus den Blick ihres Gemahls gesehen, und rasch aufstehend sprach sie:

»Ich freue mich, dem Herrn Erzbischof Gelegenheit gegeben zu haben, sogleich seine Ansicht über die sich vorbereitenden Ereignisse auszusprechen, Sie werden, Monseigneur, gewiß noch Gelegenheit finden, ausführlich dem Kaiser Ihre Meinung zu entwickeln.«

»Ich werde es für eine Pflicht gegen Seine Majestät, gegen mein Land und gegen dessen künftigen Souverain halten, niemals mit meiner Meinung zurückzuhalten,« erwiderte der Erzbischof.

»Der Erzherzog soll sogleich auf vertraulichem Wege benachrichtigt werden,« sagte der Kaiser, »und Sie sollen sogleich von seiner Antwort in Kenntniß gesetzt werden.«

Der Erzbischof verstand, daß die Unterhaltung beendet sei, er erhob segnend die Hand gegen den Kaiser und die Kaiserin und zog sich mit würdevollem Gruße zurück.

»Du willst ausreiten?« fragte der Kaiser.

Eugenie nickte mit dem Kopf, indem sie vor den Spiegel trat und den Schleier auf ihrem Hut arrangirte, »die Luft ist heute frisch und die Bewegung thut mir gut.«

»Wer wird Dich begleiten?« fragte Napoleon.

»Baron de Pierres und der Prinz Reuß.«

Der Kaiser sann einen Moment nach. »Ich muß noch mit Mocquard arbeiten,« sagte er, »er werden wieder Ereignisse kommen, die mich in Anspruch nehmen, es scheint, daß man in Wien an eine Reform des Deutschen Bundes denkt, ein Schachzug gegen Preußen, dessen selbstständige Stellung man noch mehr in die Fesseln eines künstlichen Mechanismus einengen möchte; man sollte in Berlin auf der Hut sein, es wäre wohl der Augenblick, daß man sich dort mit uns auf einen intimen Fuß stellte, denn das Interesse Frankreichs verbietet, daß Oesterreich in Deutschland den Preußischen Einfluß zu sehr zurückdrängt.«

Er hatte diese Worte leicht hingeworfen, hatte zu sich selbst gesprochen, die Kaiserin hatte aufmerksam zugehört.

»Auf Wiedersehen beim Diner,« sagte sie und reichte abermals ihre Wange ihrem Gemahl dar.

Dieser küßte sie mit rascher Wendung auf die Lippen und sagte:

»Die Pariser werden entzückt sein, ihre liebenswürdige Kaiserin zu sehen, die heute reizender ist, als jemals.«

Und er führte sie mit der ihm eigenen Galanterie zur Thür.

Kaum war er allen, so berührte er eine kleine Glocke auf seinem Schreibtisch.

»Mocquard!« rief er dem Kammerdiener zu.

Nach wenigen Augenblicken trat durch den Seiteneingang des Cabinets der langjährige Vertraute und Geheim-Secretär des Kaisers ein.

Er war ein Mann von fast sechzig Jahren, das scharfe hochintelligente Gesicht trug einen skeptischen Ausdruck, der zugleich aber eine gutmüthige Heiterkeit nicht ausschloß. Seine ergrauten Haare waren kurz geschnitten, die ganze Erscheinung hielt die Mitte zwischen einem Advocaten und einem Abbé des ancien régime.

»Mocquard, mein Freund,« sagte der Kaiser, indem er sich bequem in seinem Lehnstuhl sinken ließ, »die mexikanische Angelegenheit ist am Entscheidungspunkte angelangt, man wird dem Erzherzog die Krone anbieten.«

»Ich glaube, daß diese Krone viele Dornen haben wird,« sagte Mocquard lächelnd.

»Dieser Sproß des stolzen Kaiserhauses von Habsburg,« fuhr der Kaiser fort, indem er von einem silbernen Teller eine Cigarre nahm und sie an der daneben stehenden Kerze anzündete, »soll aber Kaiser par la volonté nationale, durch das suffrage universel sein, wie ich; die Notabeln-Versammlung wird ihn wählen, er muß aber die Kundgebung des nationalen Willens verlangen, es wird leicht sein, bei seiner Geistesrichtung in diesem Sinne auf ihn einzuwirken, es wäre gut, wenn einige Artikel darüber erschienen, er wird sie alle lesen und sie werden zünden.«

Mocquard nickte mit dem Kopf.

»Labastida,« fuhr der Kaiser fort, »wird zu mächtig und fühlt seine Macht zu sehr, es wäre mir lieb, wenn man eine Parthei bilden könnte, die seinen Einfluß balancirt.«

»Sie bildet sich schwer,« erwiderte Mocquard, »Almonte handelt in unserem Interesse, und der Marschall Bazaine wird, wenn er das Commando übernimmt, dafür sorgen, daß keine Parthei neben unserem Einfluß zu mächtig wird.«

»Denken Sie, Mocquard,« rief Napoleon, indem er seine Cigarre neben sich legte und sich zufrieden lächelnd die Hände rieb, »Oesterreich wird mit einem Antrag auf Reform des Deutschen Bundes hervortreten, lassen Sie sich von Drouyn de Lhuys die Reformvorschläge geben, sie sind wunderbar geeignet, um die Verwirrung auf den Gipfel zu treiben. Wir haben nichts anderes zu thun, als zuzusehen, – doch,« fuhr er ernster fort, »der alte Palmerston läßt mich in Amerika im Stich, ich habe keine Lust, seine Angelegenheiten in Polen zu treiben, machen Sie mir eine vertrauliche Instruction an Montebello, die sogleich durch einen meiner geheimen Couriere abgehen muß. Er soll dem Fürsten Gortschakoff zu verstehen geben, daß, wenn ich mich auch nicht von England und Oesterreich in der polnischen Frage officiell trennen kann, man doch darauf rechnen dürfe, daß dieselbe zu keinen ernsten Consequenzen führen werde. Man möge diejenigen Concessionen bezeichnen, die man etwa zu machen geneigt sei, und ich würde dann in jeder Weise entgegen kommen.

»Machen Sie dies, ich bitte Sie, vor allen Dingen; ich will um keinen Preis Verwicklungen mit Rußland, dann wollen wir die eingegangenen Sachen durchgehen.«

Mocquard verbeugte sich und verließ das Cabinet, der Kaiser blieb in seinen Lehnstuhl zurückgelehnt, – träumerisch vor sich hinblickend blies er die bläulichen Rauchwolken seiner Cigarre in die Luft empor.

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