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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Neuntes Capitel.

Der helle Morgensonnenschein lag auf dem Schloß und dem weiten, prachtvollen Park von Zarskoje Sselò, dem »Pfarrdorf des Kaisers«, wo einst die erste Katharina ein kleines Schloß erbaute, das später Elisabeth Petrowna erweiterte, das durch Katharina die Zweite zu dem glanzvoll prächtigen Bau erhoben wurde, der seitdem die bevorzugte Sommer-Residenz der russischen Herrscher geblieben ist; weithin schimmerten die vergoldeten Kuppeln und Dächer des langausgedehnten Schloßbaues, der sich in feenhafter Pracht aus den dunkeln Wipfeln uralter Bäume erhebt; auf der breiten Terrasse schritten die Wachen langsam und gleichmäßig auf und nieder und eine tiefe Stille umgab den majestätischen Bau, über welchem an hoher Fahnenstange das Banner mit dem Doppeladler wehte, anzeigend, daß der Kaiser gegenwärtig sei und daß in diesem Augenblick alle die Fäden der concentrirten autokratischen Gewalt, welche das weite russische Reich von den Schneefeldern Sibiriens bis zu den Myrthenhainen an den Küsten des Schwarzen Meeres durchziehen, sich hier vereinigten.

Ein kleiner Wagen fuhr von der Bahnhofs-Station am Schloßpark vorüber bis zum Lyceum, dann über den Haupthof zum gegenüberliegenden Seitenflügel heran und hielt vor der kleinen Thür, welche zu dem hintern Eingang der Parterre-Gemächer des Kaisers führt; aus demselben stieg, in der kleinen Uniform der russischen Minister, den Stern des St. Andreasordens auf der Brust, der Vicekanzler des Reichs und Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Fürst Alexander Michailowitsch Gortschakoff; die nicht große, kräftige und feste Gestalt des Ministers zeigte in ihrer Haltung und ihren Bewegungen zwar keine höfisch geschmeidige Eleganz, aber die vornehme, freie Sicherheit des auf dem Boden der höchsten Gesellschaft heimischen Staatsmannes, die Züge des feinen und scharf geschnittenen Gesichts drückten eine klare und in die Details dringende Intelligenz aus, auf den weichen Linien des Mundes lag ein freundlich lächelnder Ausdruck, in welchem ebenso viel gutmüthiger Humor, als scharf kritische Ironie bemerkbar war, die klaren grauen Augen blickten fest und sicher unter der feinen goldenen Brille hervor und die Wölbung der hohen, von kurzem, grauen Haar umrahmten Stirn ließ auf ebenso weiter und freies, als ruhiges und kalt prüfendes Denken schließen. Der Fürst, der eine schwarze Mappe unter dem Arme trug, trat ruhigen Schrittes an den salutirenden Wachen vorbei in das Schloß und wendete sich über die mehr als einfache, fast ärmliche Treppe zu dem Vorzimmer der kaiserlichen Wohnung im Erdgeschoß, unter den Zimmern, welche die Kaiserin im ersten Stock bewohnt. In diesem Vorzimmer befinden sich auf niedrigen Schränken unter Glasglocken die Figuren der ganzen russischen Cavallerie in meisterhafter Arbeit prachtvoll ausgeführt.

Rasch erhob sich der Flügel-Adjutant vom Dienst den Fürsten militairisch grüßend, ging durch die Fahnenkammer, trat nach einem kurzen Klopfen an die Thür in das Cabinet des Kaisers um den Minister zu melden und führte denselben unmittelbar darauf zu seinem kaiserlichen Herrn.

Der Fürst durchschritt die Fahnenkammer, in welche die Fahnen und Pauken der in Zarskoje Sselò stehenden Regimenter aufbewahrt werden, und deren Wände bedeckt sind mit den Portraits der königlich preußischen Familie und mit militairischen Erinnerungen des Kaisers in Bildern, besonders vielen preußischen Manöverbildern des sechsten Cürassier- und dritten Ulanen-Regiments.

Dann trat er durch ein reich mit Divans, Teppichen und orientalischen Waffen decorirtes Gemach in das Arbeitszimmer des Kaisers, – einen auffallend einfachen niedrigen Raum mit einem großen länglich viereckigen Tisch in der Mitte, und einem merkwürdig weit vom Fensterlicht an der Wand stehenden Schreibtisch.

Kaiser Alexander, im Uniform-Ueberrock der russischen Generäle, stand an dem großen, aus einer einzigen Glasscheibe gebildeten Fenster und blickte sinnend nach dem grünen Schatten des Parks hinüber. Seine hohe, schlanke und kräftige Gestalt hatte die feste militairische Haltung, welche den Fürsten des russischen Kaiserhauses so eigenthümlich ist, – in den weichen Zügen seines schönen Gesichts lag heute noch mehr als sonst jener eigenthümlich melancholische Ausdruck, welcher der Erscheinung des Kaisers einen so sympathisch anziehenden Reiz giebt; sein großes, tief und sinnig blickendes Auge war trübe verschleiert und Wolken schmerzlichen Nachdenkens lagen auf seiner reinen und freien Stirn.

Als der Fürst eintrat und sich mit tiefer Verneigung bis auf einige Schritte seinem Souverain näherte, wendete sich der Kaiser schnell um, ein sanftes Lächeln erleuchtete einen Augenblick sein schmerzlich bewegtes Gesicht. Er reichte seinem Minister die Hand und sprach mit seiner klaren, volltönenden Stimme:

»Ich freue mich, daß Sie kommen, Alexander Michailowitsch, die Zeiten sind ernst und werden immer ernste und die widerstreitenden Gefühle in meinem Innern können zu keinem klaren Abschluß gelangen.

»Ich freue mich,« wiederholte er mit herzlicher Betonung, »Ihre Ansichten zu hören, –Ihr ruhiger und fester Geist wird, wie schon so oft, den geradesten und sichersten Weg finden, um die verworrenen Fragen zu lösen, welche vor uns liegen.«

Fürst Gortschakoff verneigte sich schweigend und nahm auf den Wink seines Herrn auf einem Sessel neben dem Schreibtisch Platz, vor dem der Kaiser sich niederließ, den Blick in aufmerksamer Erwartung auf seinen Minister richtend.

Dieser öffnete seine Mappe, zog einige Papiere aus derselben hervor und sprach mit seiner klaren, sichern und ruhigen Stimme:

»Ich will mir zunächst erlauben, Eurer Majestät den Entwurf der Antwort auf die letzten Noten vorzulegen, welche von England, Frankreich und Oesterreich in der polnischen Angelegenheit hierher gerichtet worden sind.«

Der Kaiser seufzte tief auf, schweigend gab er durch Neigung des Hauptes seine Zustimmung zu dem Gegenstande des Vortrages seines Ministers zu erkennen.

»Meiner ganzen Auffassung gemäß,« fuhr der Fürst fort, »bin ich der Meinung, daß die Einmischung der Mächte in diese innere Angelegenheit des Reiches mit der größten Entschiedenheit zurückgewiesen werden muß und in diesem Sinn habe ich die Antwortschreiben abgefaßt; ich hoffe, daß Eure Majestät meiner Auffassung Allerhöchst Ihre Billigung nicht versagen werden.«

Er nahm einen Bogen Papier und überreichte ihn dem Kaiser, dieser ließ flüchtig seinen Blick über die saubere Schrift hingleiten, legte dann das Blatt vor sich auf den Tisch und sprach abermals tief aufseufzend:

»Fürchten Sie nicht, Alexander Michailowitsch, daß wir durch diese Sache in unangenehme Verwicklungen gerathen können, denen wir in diesem Augenblick nicht gewachsen sind? Wir können doch keinen zweiten Krimkrieg ertragen,« sagte er in leiserem Ton.

Ein feines Lächeln spielte um den Mund des Fürsten.

»Ich glaube nach meiner innigsten Ueberzeugung Eurer Majestät die Versicherung aussprechen zu können, daß ein solcher durchaus nicht zu besorgen ist; die drei Mächte, welche scheinbar so energisch gegen uns auftreten, sind weit davon entfernt, solidarisch mit einander verbunden zu sein und nach den zuverlässigsten Mittheilungen, die ich von London, Paris und Wien erhalten habe, ist man an keinem dieser Höfe gewillt, der diplomatischen Intervention irgend welchen militairischen Nachdruck zu geben; wäre dies aber auch der Fall,« fuhr er mit festem Tone fort, »so würde ich doch der Meinung sein, daß , selbst auf die Gefahr eines ernsten Conflicts hin, Rußland niemals eine Einmischung in seine inneren Angelegenheiten dulden darf, wenn es nicht sich selbst zu einer Macht zweiten Ranges erniedrigen will.«

»Sie glauben nicht,« fragte der Kaiser, »daß die drei Mächte es mit ihrer Intervention für die polnische Sache ernst meinen?«

»Ganz gewiß nicht, Majestät,« erwiderte der Fürst, – »Oesterreich,« fuhr er mit leichtem Achselzucken fort, »wird ganz gewiß keine Lust haben einen Kampf mit uns aufzunehmen, um einer Frage willen, bei der seine eigene Existenz auf dem Spiele steht und ich begreife die Verblendung der österreichischen Staatsmänner nicht, daß die sich überhaupt auf diesen Weg haben hinziehen lassen, denn das Princip der Nationalitäten, welches ja auch diesem neuen polnischen Aufstande zu Grunde liegt, schließt die Zersetzung und Auflösung des österreichischen Kaiserstaates in sich; es ist die liberalisirende Nachgiebigkeit des Herrn von Schmerling gegen die demokratische Presse in Oesterreich, welchen die Wiener Staatskanzlei auf diesen falschen Weg gebracht hat; ich weiß, daß Graf Rechberg durchaus abgeneigt ist diesen Weg weiter zu verfolgen und seine Meinung wird durchdringen, sobald man sich in Wien nur einem festen Willen und einem ernsten Conflict gegenüber sieht.

»Was den Kaiser Napoleon betrifft,« fuhr er fort, »so kennen Eure Majestät selbst genau die fortwährenden Schritte, die er hier auf den verschiedensten Wegen thut, um eine nähere Verbindung mit uns anzuknüpfen; er giebt ein wenig der öffentlichen Meinung nach, welche in Frankreich stets so leicht für die polnische Sache zu entflammen ist, aber er wird wahrlich nicht daran denken, sich zum zweiten Mal zum Verfechter der Interessen Englands zu machen, auch ist er dazu gar nicht im Stande, da seine Kräfte durch die mexikanische Expedition vollständig absorbirt sind. Was endlich England betrifft, so haben wir ja die unzweifelhaftesten Beweise in der Hand, daß von dort aus dieser ganze polnische Aufstand in Scene gesetzt ist, um uns in Europa zu isoliren und unsere politische Action zu lähmen; England könnte vielleicht ein Interesse haben, aus seiner Unterstützung der polnischen Sache Ernst zu machen, allein das heutige England ist zu jeder ernsten Action unfähig und wenn es ihm nicht gelingt andere Mächte vorzuschieben, so wird Lord Palmerston sich wohl hüten, eine kriegerische Politik zu beginnen, in welcher ihm die Bevölkerung des heute nur noch von kaufmännischen Interessen geleiteten Englands nicht folgen und welche ihm bald seine Stelle als Premier-Minister kosten würde. Eure Majestät wissen, daß es mein oberster Grundsatz ist, stets alle Eventualitäten, die günstigen wie die ungünstigen, genau abzuwägen, ich kann nach fester Überzeugung die Versicherung aussprechen, daß wir von einer Intervention der Mächte nicht das Geringste zu besorgen haben und daß es nur darauf ankommt, fest und entschieden die anmaßende Einmischung in unsere Angelegenheiten zurückzuweisen.

»Doch,« fuhr er nach einigen Augenblicken, als der Kaiser schwieg, fort, »immerhin ist es gut, dem in dieser Frage uns gegenüber von Neuem sich documentirenden bösen Willen Englands eine feste Schranke entgegenzustellen; sucht man von London aus, wie das bei dieser Gelegenheit geschehen ist, Coalitionen gegen uns in Europa zu bilden, so müssen wir, wenn jene Bemühungen auch in diesem Augenblick zu keinem praktischen Resultat führen, doch für die Zukunft Vorkehrungen treffen, um uns auch unsererseits durch Allianzen zu decken; diese Allianzen sind nach meiner Ansicht uns deutlich vorgezeichnet, es sind die Verbindungen mit Preußen und mit Nord-Amerika; schon des Höchstseligen Kaiser Nikolaus Majestät pflegten mit besonderer Vorliebe die Beziehungen mit diesen beiden Mächten und der gegenwärtige Augenblick giebt uns mehr als je Veranlassung, jene guten Beziehungen immer fester und inniger zu gestalten. Die polnische Frage und die Haltung Englands in dem amerikanischen Bürgerkrieg giebt uns dazu die beste Gelegenheit; die Interessen Preußens dem polnischen Aufstande gegenüber sind mit den unsrigen fast identisch, Preußen kann so wenig wie wir diesen Heerd ewiger Revolutionen und Unruhen dulden und je mehr Oesterreich in unerklärlicher Verblendung der polnischen Revolution seine moralische Unterstützung gewährt, um so mehr wird Preußen darauf hingewiesen sein, sich immer fester und entschiedener uns anzuschließen, ganz besonders, da ja in diesem Augenblick der Kaiser von Oesterreich persönlich in einer ungemein verletzenden Weise durch den Fürstencongreß in Frankfurt am Main Preußen und seinem Einfluß in Deutschland den Krieg erklärt hat.«

Der Kaiser richtete den Kopf empor.

»In der That,« sagte er, »ich begreife diesen Schritt der österreichischen Politik nicht; kann man um Gottes Willen in Wien glauben die preußische Macht durch einen Bundesbeschluß, und sei er von allen Fürsten Deutschlands persönlich gefaßt, zu unterwerfen?«

»Was man sich in Wien gedacht hat,« sagte Fürst Gortschakoff, »darüber vermag ich Eurer Majestät kaum eine Vermuthung auszusprechen – ich habe es aufgegeben,« fügte er lächelnd hinzu, »für die Maßregeln der österreichischen Staatsklugheit Gründe aufzusuchen – so viel steht fest, daß der Schritt ein eminent feindlicher gegen Preußen ist; wenn aber überhaupt noch irgend eine Consequenz in den Ideen der österreichischen Politik vorhanden ist – und ich glaube, daß in dieser Richtung eine gewisse Beharrlichkeit in den Zielpunkten der Bestrebungen des Hauses Habsburg besteht, so wird und muß die weitere Folge dieser Fürstenconferenz der scharfe Zusammenstoß der beiden deutschen Mächte, die Wiederaufnahme des Kampfes sein, zu welchem der siebenjährige Krieg den ersten Act bildete. Ich bin auch überzeugt,« fuhr er fort, »daß man sich in Berlin hierüber keiner Täuschung hingiebt und daß Herr von Bismarck vielleicht mit besonderer Zufriedenheit den Zeitpunkt herannahen sieht, welcher ihm Gelegenheit geben wird, den Entscheidungspunkt für die Anerkennung der preußischen Machtstellung in Deutschland herbeizuführen; je mehr aber diese Ueberzeugung in Berlin Platz greift, je mehr man sich dort für den immer näher herandrohenden Conflict rüsten muß, um so mehr wird man geneigt sein, sich immer bestimmter und entschiedener mit uns zu verbinden, denn wir allein,« sagte er mit einem Lächeln stolzer Befriedigung, – »wir allein würden im Stande sein, wirksam, vielleicht entscheidend in einen Conflict zwischen Oesterreich und Preußen einzugreifen. Der erste Kanonenschuß, welcher an der böhmischen Grenze fällt, wird uns mit einem Mal, ohne daß wir einen Mann oder einen Rubel zu opfern brauchen, unsere activ einflußreiche Stellung in Europa wiedergeben.«

»Sie haben Recht, Alexander Michailowitsch,« sagte der Kaiser, »und ich gehe um so lieber und freudiger auf Ihre Ideen in dieser Richtung ein, als es mich besonders glücklich macht, die freundlichen, persönlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen, welche mich von Jugend auf mit meinen Vettern in Berlin verbinden, auch durch politische Interessen zu befestigen.«

»Ebenso wichtig wie die Annäherung an Preußen,« fuhr Fürst Gortschakoff fort, »ist die feste Vereinigung mit Nord-Amerika; denn Nord-Amerika ist unser natürlicher Verbündeter gegen unsern ebenso natürlichen und unversöhnlichen Feind England.«

Der Kaiser erhob den Kopf ein wenig und schien eine Bemerkung machen zu wollen, doch schwieg er und richtete nur den Blick seiner großen Augen fragend auf seinen Minister.

»Rußlands wirthschaftliche Aufgabe,« fuhr dieser fort, »muß es sein, die so reiche Production Asiens mit der Industrie Europa's in Verbindung zu setzen; dieser unserer Aufgabe, welche immer deutlicher, immer nothwendiger hervortritt, je mehr das große Reich Eurer Majestät sich in innerer Cultur entwickelt, je mehr das allmälig sich vervollständigende Netz von Verkehrsstraßen unserm Handel lebendige Bewegung giebt, stellt sich die Politik Englands entgegen; Englands Interesse ist es, jene reiche Production der asiatischen Länder zu monopolisiren; die Knechtung und die Ausbeutung der Völker Asiens ist das Ziel jener Politik – ihre Befreiung, ihre Erweckung zur selbstständigen Thätigkeit muß das Ziel der Bestrebungen Rußlands sein. Dieser Gegensatz zwischen Rußland und England ist unversöhnlich; England kann sein Monopol des asiatischen Handels nicht gutwillig aufgeben, da es durch dies Monopol geworden ist was es ist, und da es ohne die Festhaltung desselben zu einer Macht zweiten Ranges herabsinken müßte; Rußland seinerseits kann jenes Monopol in den Händen Englands nicht lassen, da unsere Zukunft als Culturstaat davon abhängt, daß es uns gelingt, das mächtige und lebendige Verbindungsglied zwischen Asien und Europa zu bilden. Der einzige Staat,« fuhr er fort, »der die Interessen unserer Handels-Politik und unserer wirthschaftlichen Entwickelung nirgends durchkreuzt, ist Nord-Amerika; wir können diesem Staat, der sich aus der Unordnung schrankenloser Freiheit zu Kraft und Festigkeit emporarbeitet, – wie wir aus der starren Ruhe patriarchalischer Autokratie zur freien Bewegung vorschreiten – wir können diesem Staat die westliche Hemisphäre überlassen, wie er uns unsern Einfluß auf die östlichen Gebiete niemals zu bestreiten Ursache hat. – Jeder feindliche Schritt, den England gegen uns thut – und die Aufreizung der polnischen Revolution ist ein directer Act schlimmster Feindseligkeit – muß unsererseits eine um so innigere Annäherung an Nord-Amerika zur Folge haben. In Washington sieht man dies vollkommen ein und die Durchführung der Politik, welche ich soeben Eurer Majestät in großen Zügen anzudeuten die Ehre hatte, wird auf keine Schwierigkeiten irgend welcher Art stoßen.«

»Aber,« sagte der Kaiser Alexander, »die nord-amerikanische Union ist im Zerfall, der Süden hat militairische Erfolge, ist es möglich mit einer Macht in Verbindung zu treten, deren Bestand und Existenz für die Zukunft in diesem Augenblick zweifelhaft zu werden scheint?«

»Einzelne militairische Erfolge des Südens, Majestät,« sagte Fürst Gortschakoff mit festem Ton, »können mich in meiner Auffassung nicht beirren, die nachhaltige Kraft ist auf Seiten der Union; die Sache des Südens war verloren von dem Augenblick an, in welchem England und Frankreich sich nicht entschließen konnte, eine entschiedene Partei für die Secessionisten zu nehmen; die Idee des Kaisers Napoleon, in Mexiko das monarchische Princip aufzurichten und einen von Frankreich abhängigen Kaiserthron dort herzustellen, hat nach meiner Ueberzeugung dem Norden von Amerika den endlichen Sieg gesichert. Diese Idee an sich war vom Standpunkt des französischen Kaisers aus eine große und richtige; er würde, wenn es ihm gelungen wäre seine Gedanken durchzuführen, auf der anderen Seite des Oceans nicht nur das monarchische Princip, sondern auch den Einfluß der lateinischen Racen fest begründet haben, – diese Idee und ihre Consequenzen sind aber von dem scharfblickenden Lord Palmerston vollständig durchschaut, und von dem Augenblicke an hat er sich aus der ganzen Sache um so lieber zurückgezogen, als ihm bei den heutigen Verhältnissen in England eine ernste und feste militairische Action sehr schwer sein müßte. Napoleon, in der ihm eigenthümlichen schwankenden Unschlüssigkeit, hat es nicht gewagt einseitig vorzugehen, – und damit ist das Todesurtheil über den Aufstand der Südstaaten gesprochen; die Union wird siegreich aus diesem Kampf hervorgehen und das Kaiserreich Mexiko wird, wenn es überhaupt gelingt dasselbe herzustellen, nach kurzer Existenz zusammenbrechen.

»Man muß erstaunen,« sagte er lächelnd, »über die Kurzsichtigkeit der englischen und französischen Politik; um einander gegenseitig keinen Erfolg zu gönnen, weicht jede von diesen Mächten von dem gemeinsam betretenen, beiden naturgemäß vorgezeichneten Wege ab. Lord Palmerston namentlich vergißt, daß er, um seinem Alliirten an der Seine momentan einen Streich zu spielen, sich selbst für die Zukunft einen gewaltigen und unversöhnlichen Gegner heraufbeschwört.

»Rußland aber, Majestät, muß aus den Fehlern seiner Gegner Vortheile ziehen und jene auf der anderen Seite des Oceans kraftvoll heranwachsende Macht zu seinem Freunde machen; wenn wir uns in diesem Augenblick Nord-Amerika nähern, so wird man uns das dort niemals vergessen, und ebenso wenig der Augenblick ausbleiben wird, in welchem die Vereinigten Staaten an England für den Aufstand des Südens Rache nehmen werden, ebenso werden wir dereinst die Früchte der Dankbarkeit Nord-Amerika's pflücken.«

Er blickte einen Augenblick schweigend vor sich hin, sein Auge schien einer vor seinem Geist sich entwickelnden Gedankenreihe zu folgen.

»Die Folgen des Krimkrieges lasten schwer auf uns,« sprach er mit etwas leiserem Ton, »die Flotte des schwarzen Meeres existirt nicht mehr und es ist uns fast unmöglich, auch wenn sich die Gelegenheit dazu bieten würde, eine neue zu schaffen. – In dieser Gedankenfolge liegt ein neuer und hochwichtiger Gesichtspunkt für die Berücksichtigung unserer Beziehungen zu Nord-Amerika.«

Er schwieg.

Kaiser Alexander blickte ihn scharf und klar an, ein Blitz des Verständnisses leuchtete in seinem Auge auf.

»Ihre Ideen sind klar und weitblickend wie immer,« sprach er – »führen Sie dieselben aus; ich gebe Ihnen um so lieber meine Zustimmung, als auch die Sympathieen des Kaisers Nikolaus sich einer nahen und freundschaftlichen Beziehung zu Nord-Amerika zuwendeten; er hatte Liebe und Verständniß für die wahrhaft republikanischen Institutionen und ich erinnere mich oft von ihm aussprechen gehört zu haben, daß er die Republik und die Monarchie verstehe, aber das zwischen beiden liegende constitutionelle Zwitterwesen nicht begreifen könne.

»Richten Sie Ihre Politik also ganz nach den Gedanken ein, die Sie mir so eben entwickelt haben.«

Der Fürst verneigte sich. –

»Wenn Eure Majestät,« sprach er dann weiter, »also überzeugt sind, daß die gegen uns intervenirenden Mächte nichts Ernstliches und Einiges thun werden, und daß wir, selbst wenn irgend welche Action von ihnen zu besorgen wäre, die Macht haben, ein starkes Gegengewicht gegen ihre Coalition zu schaffen, so werden Allerhöchstdieselben den Entwurf meiner Antwort zu billigen die Gnade haben; ich darf,« fuhr er fort, »in Betreff Oesterreichs noch ganz besonders darauf aufmerksam machen, daß es mir wichtig scheint, dieser Macht gegenüber einen doppelten Gesichtspunkt festzuhalten: einmal müssen wir nach dem Vertragsrecht – das uns stets heilig sein muß,« fügte er ernst hinzu – »anerkennen, daß Oesterreich allein ein Recht besitzt, in der polnischen Angelegenheit mitzusprechen; wir müssen daher die vorgeschlagene Conferenz der fünf Mächte bestimmt zurückweisen, dagegen uns aber zu einer Conferenz mit Oesterreich und Preußen, den beiden Mitbesitzern polnischer Landestheile, bereit erklären; – auf der andern Seite aber müssen wir Oesterreich gegenüber ganz besonders scharf auftreten, da gerade die österreichische Haltung für uns die unmittelbar gefährlichste ist, indem sie der polnischen Insurrection in Galizien eine feste Stütze bietet. Ich würde Eure Majestät dringend bitten zu befehlen, daß an den österreichischen Grenzen imponirende Truppenmassen concentrirt werden, – das wird einen ernsten Eindruck machen, da man in Wien zu kriegerischem Handeln weder geneigt noch vorbereitet ist und da man um so mehr einen ernsten Conflict mit uns zu scheuen hat, als der Kaiser Franz Joseph sich in diesem Augenblick durch den in Frankfurt zusammenberufenen Fürstentag in einem sehr ernsten Kampf mit Preußen engagirt hat; – wenn so auf der einen Seite die Interessen der intervenirenden Mächte getheilt werden, und auf der andern Seite das Wiener Cabinet sich unmittelbar vor einen Conflict gestellt sieht, so wird Oesterreich bald aus der Coalition verschwinden und die Intervention der Westmächte sich ebenfalls in phrasenhafte Schatten auflösen.«

Der Kaiser ergriff den vor ihm liegenden Entwurf und las denselben aufmerksam durch; er neigte mehrmals zustimmend den Kopf und sprach, als er die Lectüre beendet:

»Ich finde alle Gedanken, die Sie mir so eben entwickelt, mit vortrefflicher Schärfe in dieser Depesche ausgedrückt und bin vollständig mit der Fassung derselben einverstanden.«

Er ergriff eine Feder und setzte seinen Namenszug auf den Rand des Entwurfs.

»Sie sprachen vorher von dem Fürstentag in Frankfurt,« sagte er dann, »was denken Sie davon? Kann daraus nicht eine bedenkliche Gefahr für Preußen und eine auch für uns gefährliche Suprematie Oesterreichs in Deutschland entstehen?«

Fürst Gortschakoff lächelte und schüttelte leise den Kopf hin und her.

»Ich habe nicht die geringste Besorgniß in dieser Beziehung,« erwiderte er, »im Gegentheil finde ich, daß die Wiener Staatskanzlei das beste und wirksamste Mittel ersonnen hat, um die Machtstellung Preußens in Deutschland vor aller Augen klar zu machen und die thatsächliche Gleichberechtigung Preußens, welche man demselben formell fortwährend streitig gemacht hat, zu voller Anerkennung zu bringen. Man wird sehen, daß die sämmtlichen deutschen Fürsten um den Kaiser von Oesterreich versammelt Nichts, gar Nichts zu thun im Stande sind wenn der König von Preußen sich nur einfach schweigend von ihren Berathungen fern hält; – Preußen nimmt da eine ähnliche Stellung ein,« fuhr er fort, »als einst der zürnende Achill unter dem Heer der Griechen vor Troja; seine Macht und Bedeutung war den kämpfenden Völkern, so lange er in ihren Reihen stritt, niemals so klar geworden, als da er sich ruhig fern hielt und der stolze Agamemnon mußte seinen Hochmuth vor der einfachen Abwesenheit des gewaltigen Peleiden beugen; so wird es auch Oesterreich ergehen. Alle Kämpfe im Bundestag, Alles, was Preußen für Deutschland gethan, alle active Macht, die es entwickeln konnte, ist niemals so schwer und nachdrücklich in die Wagschale gefallen, als es die vor aller Welt bewiesene Unmöglichkeit thun wird, dem abwesenden Preußen gegenüber irgend Etwas zu vollbringen.«

Kaiser Alexander neigte zustimmend das Haupt, – dann seufzte er tief auf und mit dumpfer, etwas zögernder Stimme, als scheue er sich, einen peinlichen Gegenstand zu berühren, sprach er:

»Doch nun, Alexander Michailowitsch, was soll in Polen geschehen? Die Dinge können so nicht weiter gehen, die Zustände werden unerträglich.«

Fürst Gortschakoff blickte ernst und fest zum Kaiser hinüber; seine feinen, ruhig heiteren Züge nahmen einen Ausdruck von eherner Energie und unbeugsamer Willenskraft an.

»Ich kann,« sprach er, »Eurer Majestät nur die energischsten Maßregeln empfehlen; dieser Aufstand, der wie eine offne Wunde an der Kraft Rußlands zehrt, muß rücksichtslos niedergeworfen werden; alles Zögern, alles Mitleid muß aufhören. Zunächst würde ich Eurer Majestät empfehlen, den Großfürsten Konstantin von Warschau abzuberufen; die harten und unerbittlichen Maßregeln, welche nach meiner innigsten Ueberzeugung getroffen werden müssen, werden besser nicht mit dem Namen eines Fürsten des kaiserlichen Hauses in Verbindung gebracht und die edle Gesinnung des Großfürsten würde immer wieder dazu beitragen, daß der so absolut nothwendigen Energie die Spitze abgebrochen wird; doch wenn der Großfürst nicht mehr an der Spitze der Verwaltung von Polen steht, dann müssen sich Eure Majestät entschließen, die allernachdrücklichsten und wirksamsten Schritte zu befehlen.«

Der Kaiser seufzte tief auf –

»Aber,« sprach er mit tief schmerzlichem Ausdruck, »meinem ganzen Gefühl widerstrebt es, gegen diese unglücklichen Polen mit rücksichtsloser Härte vorzugehen, sie sind verirrt, falsch geleitet, aber das letzte Princip, was sie bewegt, ist doch kein böses. Wahrlich, ich möchte so gern alle meine Unterthanen glücklich machen, ich habe die tiefste Theilnahme für Polen, ich möchte Alles thun, um ihre berechtigten Wünsche zu erfüllen, sofern sie nur irgend erfüllbar sind – ich bin, Gott im Himmel weiß es, ein ehrlicher Mann, warum glaubt man, warum vertraut man mir in Polen nicht?«

In tiefer Bewegung stand der Kaiser auf, seine großen, klaren Augen füllten sich mit Thränen, schmerzlich zuckten seine Lippen, er stützte die gefalteten Hände einen Augenblick auf den Tisch – dann ließ er sich wieder in seinen Sessel niedersinken und lehnte den Kopf in die Hand.

Fürst Gortschakoff sah mit einem Ausdruck inniger und liebevoller Theilnahme auf seinen Herrn hin und mit einer sanften aber dabei festen und entschiedenen Stimme sprach er:

»Die wahre Menschlichkeit, Majestät, ist eine schnelle und definitive Unterdrückung des Aufstandes durch die allerernstesten Maßregeln; dieselben werden nicht so viel Blut kosten, als wenn die armen Polen fortwährend als Werkzeuge für die verschiedenartigsten Agitationen benutzt werden, deren Urheber alle nicht das Wohl Polens im Auge haben, sondern nur Rußland schädigen und uns Verlegenheiten bereiten wollen.«

Der Kaiser sann schweigend nach; er erhob das Haupt und blickte den Fürsten eine Zeit lang sinnend an.

»Ich will Ihnen offen gestehen, Alexander Michailowitsch,« sagte er dann, »ein Passus in den Noten von Frankreich und England hat auf mich einen gewissen Eindruck gemacht; man weist in demselben auf Italien hin und man wirft Rußland vor, daß es dort dasselbe Nationalitäts-Princip über alle staatsrechtlichen Verträge hin anerkannt habe, welches jetzt in Polen danach ringe, sich Geltung zu verschaffen; haben wir nicht in der That durch die Anerkennung Italiens gewissermaßen selbst der Revolution die Hand gereicht und den Boden des legitimen Rechtes verlassen? – Würde der Kaiser Nikolaus das gethan haben?« –

Fürst Gortschakoff schwieg einen Augenblick, dann sprach er mit ruhiger und klarer Stimme:

»Eure Majestät wissen, daß mir das Princip der Legitimität heilig ist, wie es irgend einem Menschen nur heilig sein kann, aber in der auswärtigen Politik giebt es Etwas, was mir noch höher steht, das ist das Interesse Rußlands, seine Macht und sein innerer Frieden; es kann und darf nicht unsere Aufgabe sein, uns einzumischen in die Entwicklung anderer Nationen, um das legitime Princip zu schützen, namentlich wenn gerade das legitime Princip in verblendeter Verkennung seiner eigenen Lebensbedingungen uns feindlich entgegentritt; dies aber ist der Fall in Italien. Italien, Majestät, ist der Feind unseres Feindes, denn unser eifriger und unversöhnlicher Feind ist Rom, von Rom geht die Agitation in Polen aus und alle diese armen polnischen Patrioten, welche glauben, für ihr Land und für ihre Freiheit zu kämpfen, werden nur in den Tod gejagt für die Herrschsucht des römischen Papstes. Es ist der Kampf zwischen der römischen Kirche und der Staatsgewalt, der römischen Kirche, welche diese polnische Frage für sich ausbeutet, wie sie von England, von Frankreich und von Oesterreich für ihre politischen Interessen ausgebeutet wird, und in diesem Kampf dürfen wir keine Schonung und keine Rücksicht kennen. Ich will wahrlich nicht die Gewissensfreiheit beschränken, aber in einem Staat, der wie Rußland in der Culturentwicklung sich befindet, ist die scharfe einheitliche Zusammenfassung der Staatsautorität eine absolute Nothwendigkeit. Wir können in unserm Staatsorganismus niemals den Einfluß einer Gewalt dulden, welche weit außerhalb Rußlands liegt und deren Interessen mit den unsrigen nichts gemein haben; Rom, dieser ewige Feind aller festen und kräftigen staatlichen Autorität, steht uns in Polen unversöhnlich gegenüber und es ist daher vollberechtigt, daß wir Italien die Hand reichen, welches diesen unsern erbitterten Feind auf seinem eigenen Boden wirksam bekämpft.«

Abermals seufzte der Kaiser tief und schmerzlich.

»Traurig, traurig,« sagte er, »daß es so ist; ich gönne jedem meiner Unterthanen von Herzen die Gewissensfreiheit und wie gern gebe ich der katholischen Kirche ihr Recht, aber unablässig streckt sie ihre Hand aus nach den Gebieten, in denen der Staat allein herrschen muß, wenn ein ordnungsmäßiger Fortschritt der nationalen Entwickelung stattfinden soll. Die katholische Kirche tritt mit ihren eigenen Grundprincipien in Wiederspruch, wenn sie die polnische Revolution so offen ermuntert, wie dies leider geschieht. – Sie erinnern sich de Erzbischofs Felinski und seiner Auflehnung gegen die Regierung in Warschau? Ich habe ihn hierher kommen lassen; ich will ihn selbst sprechen, ich will einen letzten Versuch machen.«

Er blickte auf seine Uhr.

»Der Erzbischof muß hier sein; haben Sie die Güte zu warten, ich will Sie nachher noch sehen.«

Fürst Gortschakoff stand auf.

»Es ist menschlich schön,« sprach er, »daß Eure Majestät alle Mittel der Sanftmuth erschöpfen wollen, ich fürchte aber Allerhöchstdieselben werden sich überzeugen, daß Rom kein Erbarmen mit den armen Polen kennt.«

Er verließ das Cabinet.

Der Kaiser bewegte die Glocke auf seinem Schreibtisch.

»Der Erzbischof Felinski,« befahl er dem eintretenden Kammerdiener.

Derselbe ging hinaus und nach einigen Augenblicken öffnete der dienstthuende Flügeladjutant dem Prälaten die nach dem türkischen Zimmer führende Thüre. Der Erzbischof war eine würdige und angenehme Erscheinung; er trug mit einer gewissen Eleganz das erzbischöfliche Gewand mit dem großen, am Halse herabhängenden goldenen, von Edelsteinen funkelnden Kreuz; sein feines Gesicht zeigte den Typus der polnischen Race, das kurze Haar ließ die Stirn weit und frei hervortreten, feine Geschmeidigkeit lag im Ausdruck seiner Züge, sein Auge blickte scharf und geistvoll unter dunkeln, hochgewölbten Augenbrauen hervor und sein festgeschlossener Mund zeigte eine zähe Festigkeit.

Der Kaiser hatte sich erhoben und war dem Kirchenfürsten einen Schritt entgegengetreten.

Der Erzbischof verneigte sich ohne Befangenheit und blieb dann in ruhiger Haltung, den Blick fest auf den Kaiser gerichtet, stehen, die Anrede des Monarchen erwartend.

»Ich habe Sie hierher kommen lassen, Herr Erzbischof,« sagte Alexander der Zweite, »um selbst mit Ihnen zu sprechen, da ich annehmen muß, daß nur Mißverständnisse Sie und den katholischen Clerus zu der Haltung bestimmen konnten, die Sie zu meinem großen Befremden und zu meinem tiefsten Bedauern in der revolutionairen Bewegung beobachtet haben, welche in diesem Augenblick mein armes Königreich polen so schwer leiden läßt. Nach meiner Ueberzeugung ist es die Aufgabe der Kirche, – einer jeden christlichen Kirche, – Gehorsam gegen die Obrigkeit zu predigen und von blutigen Bewegungen abzumahnen, welche Tausende von Familien ins Unglück stürzen.«

»Gewiß ist dies die Aufgabe der Kirche,« antwortete der Erzbischof mit einer leisen, klaren und festen Stimme, »und ich bin mir bewußt, diese Aufgabe niemals vergessen zu haben; ihre Erfüllung schließt aber nicht aus, daß die Kirche mitleidige Theilnahme und fromme Gebete für diejenigen hat, welche um ihres Glaubens willen leiden müssen.«

Ein traurig verwunderter Ausdruck erschien in dem Blick des Kaisers.

»Wer leidet in Polen um seines Glaubens willen?« fragte er ruhig und sanft, »habe ich jemals den katholischen Gottesdienst gehindert, oder den Katholiken die völlige und absolute Gleichberechtigung geschmälert?«

»Ich zweifle nicht an den edelsten Absichten Eurer Majestät,« erwiderte der Erzbischof, »aber Allerhöchstdieselben werden die Thatsache nicht kennen, daß die Kirche in Polen schwer gedrückt ist und daß ihr fast keines von den Rechten übrig geblieben ist, welches sie zu einer erfolgreichen Ausübung ihres Hirtenamtes in Anspruch nehmen muß.«

»Die Kirche kann die Seelen lenken und die Gewissen beherrschen,« antwortete der Kaiser, »ohne daß sie darum in die Gebiete der Staatsgewalt hinübergreift; sie kann in ihren Glaubensangelegenheiten völlig frei und unabhängig dastehen, ohne daß sie beanspruchen darf, eine von der staatlichen Organisation und ihren Gesetzen losgelöste Macht zu bilden. Ich kann in Rußland eine solche Macht nicht dulden und der Kampf um dieselbe wird für die Kirche kein erfolgreicher sein; dies muß ich Ihnen bestimmt und klar aussprechen, dabei aber verspreche ich Ihnen ebenso fest, daß niemals eine Unterdrückung oder Verfolgung der katholischen Kirche stattfinden wird und daß ich meine katholischen Unterthanen ebenso schützen werde, als diejenigen, welche der griechischen Landeskirche angehören. Ich darf aber von Ihnen und dem katholischen Clerus bestimmt erwarten, daß Sie Ihren Einfluß anwenden werden, um die Gemüther zu beruhigen und das Vertrauen in die wohlwollenden Absichten meiner Regierung wiederherzustellen, statt, wie das leider so oft geschehen ist, geradezu das Feuer zu schüren und zur Revolution zu ermuntern.«

»Ich weiß nicht, daß das geschehen ist,« erwiderte der Erzbischof, »und sollte es der Fall gewesen sein, so ist es gegen meine Absicht und gegen meine Anordnung geschehen. Kaum aber bin ich in der Lage, ernstlich den Einfluß der Geistlichkeit für eine Regierung eintreten zu lassen, welche die Rechte der Kirche nicht anerkennt; ich würde dadurch mit meinen Pflichten als Priester und Bischof in Widerspruch treten.«

Eine zornige Erregung blitzte in den Augen des Kaisers auf, doch sprach er mit derselben ruhigen und sanften Stimme wie vorher:

»Und welche Rechte der katholischen Kirche hat meine Regierung verletzt?«

»Die Militairgewalt in Warschau,« erwiderte der Erzbischof, »hat einen Kapuziner, Namens Konacski hängen lassen, – gewiß ohne Wissen und Befehl Eurer Kaiserlichen Majestät; – ich war gezwungen, dagegen zu protestiren und ein Vorgang wie dieser, kann gewiß nicht dazu beitragen, die katholische Geistlichkeit ernstlich zur Beruhigung ihrer polnischen Glaubensgenossen wirksam zu machen.«

Der Kaiser richtete stolz seinen Kopf empor und sprach mit einem Anklang von Strenge in seinem Ton:

»Der Fall, von dem Sie sprechen, Herr Erzbischof, ist mir genau bekannt. Jener Kapuziner war ergriffen worden in unmittelbarer Verbindung mit den Insurgenten; er hat für die Revolution gepredigt und in fanatischen Reden zum Kampf gegen meine Truppen aufgereizt; man hat ihn auf frischer That ergriffen und ist kriegsrechtlich mit ihm verfahren. – Wäre die Sache an mich gelangt, ich hätte vielleicht Gnade üben können, aber man hatte das volle Recht zu verfahren, wie man verfahren ist.« –

»Die Jurisdiction über die Priesterschaft in allen ihren Theilen und Graden,« erwiderte der Erzbischof kalt und ruhig, »gehört der Kirche und der Kirche allein an; man hätte den Schuldigen mir überliefern und es mir überlassen müssen, die Strafe für das Verfahren, dessen man ihn anklagt, über ihn zu verhängen.«

»Wer sich in so unerhörter Weise gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung, und gegen die Gesetze des Staates vergeht,« sagte der Kaiser, »fällt den Gesetzen des Staates anheim; ich kann in meinen Reichen kein anderes Recht und Gericht dulden, als das meiner Behörden, und es ist die Pflicht der Priester, wie aller andern Unterthanen, sich den Gesetzen des Staats zu unterwerfen.«

»Gewiß soll jeder Priester,« erwiderte der Erzbischof, »die Obrigkeit anerkennen und sich ihr beugen, welche Gewalt über ihn hat; aber zu erkennen, ob er sich versündigt hat und die Strafe dafür zu bestimmen, das steht allein seinem geistlichen Oberhirten zu.«

Die weichen Gesichtszüge des Kaisers zuckten in heftiger Erregung, doch abermals zwang er sich mit mächtiger Willenskraft zur Ruhe und sprach:

»Ich bedaure, bei Ihnen in diesem Punkt Anschauungen zu finden, welche ich nicht zu theilen vermag, indessen scheint es mir, daß es Sache der Kirche wäre, Erörterungen über die Abgrenzung zwischen ihrem Rechtsgebiet und demjenigen des Staates in ruhigen Zeiten mit der Regierung zu pflegen, welche gewiß, dafür bürge ich, mit den wohlwollendsten Gesinnungen in diese Erörterungen eintreten wird. Vor Allem kommt es jetzt darauf an, das traurige und unnütze Blutvergießen zu beenden, und die armen Polen zu vertrauensvoller Unterwerfung unter die Autorität meiner Regierung zu ermahnen. Ich habe sogleich,« fuhr er fort, »nach dem Ausbruch der polnischen Insurrection, durch den Grafen Sacken den Papst ersuchen lassen, daß es ihm gefallen möge, die Polen im Namen der Kirche zur Ruhe zu ermahnen; – ich habe dem heiligen Vater bemerken lassen, daß die polnische Insurrection von derselben revolutionairen Propaganda angeschürt werde, welche alle Throne und auch den Stuhl des Papstes zu untergraben sich bemühe; es ist indessen Nichts davon geschehen, – im Gegentheil hat die Kirche eine immer festere Stellung auf der Seite der Revolution meiner Regierung gegenüber eingenommen. Seine Heiligkeit läßt sogar, wie ich mit tiefem Erstaunen vernommen, in Rom für die aufständischen Polen beten, und hat die Kanonisation des Erzbischofs von Poloszk, der vor zweihundert Jahren von den Russen erschlagen worden, angekündigt; das ist eine geradezu feindlich demonstrative Haltung gegen mich und meine Regierung, und ich habe deswegen gewünscht, mit Ihnen persönlich zu sprechen, um noch einmal der katholischen Kirche die Hand zum Frieden zu bieten und sie zu ermahnen, die Geistlichkeit auf den Weg zu weisen, welcher allein ihrem christlichen Berufe ziemt.«

Der Erzbischof blickte einen Augenblick schweigend zu Boden, dann sagte er mit einer leisen Stimme, die aber scharf und durchdringend das Gemach erfüllte:

»Eure Majestät haben die Gnade gehabt zu bemerken, daß der Heilige Vater in Rom, sich nicht bewogen gefunden habe, der Geistlichkeit ein festes Auftreten gegen die Forderungen der polnischen Nation zu befehlen. Kann ich, der Bischof, Etwas thun, was der oberste Priester meiner Kirche nicht thun zu können glaubte?«

»Und was verlangen Sie für Polen,« rief der Kaiser lebhaft; »was verlangen Sie für diese Nation, der ich so gern Alles bewilligen will, was irgend mit der Integrität und der Ordnung meines Reiches zu vereinigen ist?«

»Es ist nicht meine Sache,« antwortete der Erzbischof, »mich in die weltlichen Forderungen der Polen zu mischen. Ich bin Pole von Geburt und liebe meine Nation, ich beklage den Verlust ihrer Selbstständigkeit, aber ich glaube, daß sie auch als ein Glied der Reiche Eurer Majestät glücklich werden kann, wenn die wohlwollenden Absichten, welche Allerhöchstdieselben, wie ich nicht zweifle, im Herzen tragen, zur Wahrheit werden; aber ich stehe hier vor Eurer Majestät nicht als Pole, sondern als Bischof der katholischen Kirche, nicht im Namen Polens habe ich zu sprechen, sondern im Namen der Kirche.«

»Und was fordern Sie für die Kirche?« rief der Kaiser.

»Es ist nicht an mir, Forderungen zu stellen,« erwiderte der Erzbischof. »Eurer Majestät ist es bekannt, welche Bedingungen der Papst für die Selbstständigkeit und das Recht der Kirche stellt. – Die Bedingungen meines Oberhirten müssen die meinigen sein. –«

»Diese Bedingungen,« sagte der Kaiser, »fordern einen Staat im Staate, eine Stellung der Kirche, die unverträglich sein würde mit der gesetzlichen Ordnung meines Landes.«

»Ich darf über die Entschließungen des Papstes nicht discutiren,« sagte der Erzbischof sich verneigend.

»Und wenn ich jene Bedingungen nicht erfülle,« rief der Kaiser, »wie ich sie nicht erfüllen kann?«

»Wo wird es mir unmöglich sein, anders als in stillem persönlichem Gebet mich in den Kampf zu mischen, den meine Glaubensgenossen gegen eine Regierung führen, welche die unveräußerlichen Rechte der Kirche anzuerkennen sich außer Stande sieht.«

Der Kaiser sah mit dem Ausdruck schmerzlicher Trauer in das unbewegliche und kalte Gesicht des Erzbischofs, dann richtete er sich hoch auf, seine Brust hob sich von einem tiefen Athemzuge und mit kalter, klarer Stimme sprach er:

»Sie werden begreifen, Herr Erzbischof, daß ich als der oberste Wächter der Ordnung und des Gesetzes in meinen Reichen Sie mit den Gesinnungen, welche Sie mir soeben ausgesprochen haben, nicht nach Warschau zurückkehren lassen kann. Ich werde Befehl geben, daß man Sie mit aller Ihrer geistlichen Würde gebührenden Rücksicht nach Jaroslaw führt, wo Sie sich bis auf Weiteres aufhalten werden.«

Er bewegte die Glocke, neigte leicht den Kopf und sagte:

»Der Flügel-Adjutant vom Dienst wird Ihnen bis zu Ihrer Abreise Gesellschaft leisten.«

Der Erzbischof verneigte sich tief und verließ das Cabinet des Kaisers ebenso kalt, ruhig und sicher, wie er dasselbe betreten hatte.

Der Kaiser ging einige Male schweigend im Zimmer auf und nieder.

»Welch' eine zähe, – welch' eine grausame Hartnäckigkeit!« rief er, – »diese Diener Roms verweigern es, mit dem Einfluß ihrer Worte den Aufstand zu beruhigen, – und dann jammern sie über Unmenschlichkeit und Tyrannei, wenn das Schwert des unerbittlichen Gesetzes die armen Opfer trifft, welche sie zu blindem Fanatismus aufreizen.

»Ja,« sagte er düster, »der Fürst hat Recht, – mit diesen Gegnern ist kein Friede möglich, – wenn die freien Kräfte des Staates in gesetzlicher Ordnung sich entwickeln sollen, so muß der Aufstand mit rücksichtsloser Entschiedenheit niedergeschlagen werden, – die herrschsüchtigen und unversöhnlichen Priester in Rom mögen das Blut verantworten, das noch vergossen werden muß!«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch, mit dem Ausdruck ernster und fester Entschlossenheit auf seinem Gesicht warf er einige Zeilen auf zwei Bogen Papier und unterzeichnete Beide.

Dann bewegte er die Glocke und befahl den Fürsten Gortschakoff zu rufen.

Nach einigen Augenblicken trat der Minister ein.

Der Kaiser erhob sich und ging ihm entgegen.

»Sie haben Recht gehabt, Alexander Michailowitsch,« sprach er mit traurigem Ton, – »die schärfste Energie ist hier die höchste Menschlichkeit, – die Mächte, welche die polnische Revolution zu ihren Zwecken benutzen, haben kein Erbarmen mit den Opfern ihrer Agitationen. – Gott ist mein Zeuge, daß ich Alles, bis auf das letzte Mittel, versucht habe – jetzt muß das Wohl und der Frieden meines Reiches, – die Sicherheit und Autorität des Staats ihr Recht haben.

»Hier,« fuhr er fort, »eine Depesche an den Großfürsten Constantin Nikolajewitsch, welche ihn auffordert, sogleich hierher zu kommen, – lassen Sie dieselbe in der für die persönliche Correspondenz mit dem Großfürsten bestimmten Chiffre ausfertigen – –

»Hier der Befehl zur Ausstellung einer Vollmacht mit dictatorischer Gewalt an den Grafen Berg.«

Er reichte die beiden Bogen dem Fürsten, der sie mit ehrfurchtsvoller Verbeugung empfing.

»Und der Erzbischof?« fragte er, den scharfen Blick auf den Kaiser richtend.

»Er war unbeugsam und unversöhnlich!« – sagte Alexander II. tief seufzend. –

»So müssen Eure Kaiserliche Majestät ebenfalls unbeugsam sein, – damit die finstern Gegner an der Macht des Reichs zerschellen!« sprach Fürst Gortschakoff.

»Unbeugsam,« sagte der Kaiser, – »aber,« fügte er mit einem in wunderbarer Milde und Hoheit leuchtenden Blick hinzu, – »nicht unversöhnlich, – der Kaiser darf Eifer und Haß nicht kennen – und niemals werde ich vergessen, daß Frieden und Versöhnung das Ziel sein muß, zu dem auch der traurige Weg der Strenge hinführen soll.«

Und mit freundlichem Gruß entließ er den Minister.


(Ende des zweiten Bandes.)

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