Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
Schließen

Navigation:

Ferdinand war, als er seinen Vater verlassen, mit schnellen Schritten in sein Zimmer gegangen. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb mit fliegender Hand Briefe an seine Mutter und seine Schwester – einzelne Thränentropfen fielen auf das Papier, aber mit fester Entschlossenheit schrieb er weiter, verschloß die Briefe, ordnete seine Papiere, steckte die geringe Baarschaft, welche in der Schublade seines Schreibtisches sich befand, zu sich und verließ das Haus. Auf den Straßen wogte die Menge dichter als jemals hin und her, denn es fand heute das Fest statt, welches die Stadt Frankfurt den in ihren Mauern versammelten Souverainen im alten Römer, der Stätte so vieler Kaiserwahlen und kaiserlichen Krönungsfeste, veranstaltet hatte. Die Equipagen der Souveraine und ihrer Minister begannen nach dem Römerberge anzufahren; in höchster Gala schimmerten die Livreen und die Geschirre der Pferde, und mit lebhaften weit nachhallenden Rufen begrüßte die dichte Menge die vorüberfahrenden Fürsten.

Theilnahmslos, mit brennenden Blicken, den Kopf auf die Brust gesenkt, durchschritt Ferdinand das Menschengewühl; bald trat er in die enge Judengasse ein, deren abgeschlossene Stille heute noch auffallender war, im Gegensatz zu dem dichten Menschentreiben in den übrigen Stadttheilen; bald hatte er das Haus des alten Davidsohn erreicht und trat in den Laden. Der alte Jude war zurückgekehrt; er hatte seiner Tochter den Inhalt seiner Unterredung mit Herrn Partner und dessen feste und unwiderrufliche Erklärung mitgetheilt.

Die schöne Lea saß, den Kopf in die Hand gestützt, in stillem Weinen auf dem Canapé in ihrem Cabinet; ihr Vater beschäftigte sich mechanisch mit dem Putzen und Ordnen seiner Antiquitäten, doch zeigte der tiefe, ernste, nachdenkliche Ausdruck seines Blickes, daß seine Gedanken nicht bei dieser Beschäftigung verweilten.

Lea fuhr empor, als der junge Mann, schnell durch den Laden eilend, zu ihren Füßen niedersank und ihre Hand ergriff. Traurig, voll tiefen Schmerzes blickte sie ihn an und sagte mit von Thränen erstickter Stimme:

»So ist denn alles zu Ende, so sind denn alle unsere Hoffnungen begraben!«

»Nein, meine süße Geliebte,« rief Ferdinand glühend und begeistert, »zu Ende ist nur die Unruhe, der Zweifel und die bange Furcht, jetzt beginnt der freie und offene Kampf um mein Glück. Ich habe das Haus meines Vaters verlassen, ich werde arbeiten, um mir selbst eine unabhängige und freie Lebensstellung zu erwerben; ich werde hinausgehen in die Welt – sie wird noch einen Platz übrig haben für mich, auf welchem ich mein Glück begründen kann; Du wirst auf mich warten und wir werden glücklich werden durch eigene Kraft.«

Lea hatte ihn bei seinen ersten Worten tief erschrocken mit ihren großen Augen angesehen, dann aber öffneten sich ihre Lippen zu einem glückseligen Lächeln; sie fürchtete den Kampf mit dem Leben nicht, ihr jugendlich vertrauensvolles Herz erfüllte sich mit der süßen Hoffnung auf eine freundliche Zukunft; aller Schmerz, alle Trauer der Gegenwart verschwanden; – sah sie doch ihren Geliebten vor sich, hörte sie doch in stillem Entzücken die Versicherung von seinen Lippen, daß fortan sein Leben nur ihr geweiht sein solle.

Der alte Davidsohn war in das Cabinet getreten und blickte ernst auf die beiden jungen Leute.

»Herr Partner,« sagte er, »Sie sind ein braver junger Mann und was ich soeben habe gehört von Ihnen, ist ein Beweis, daß Sie ehrlich und treu festhalten an der Liebe zu meiner Tochter; ich will heute nicht zu Ihnen sprechen über den Entschluß, den Sie gefaßt haben, ein Mann muß selbst wissen was er thut, aber bedenken Sie wohl, daß in den Geboten, welche heilig sind, in Ihrer Religion wie in der Meinen geschrieben steht: Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß Dir's wohl gehe und Du lange lebest auf Erden. Das ist ein ernstes göttliches Gebot und es ist ein schwerer Schritt, den Sie thun wollen, wenn Sie, diesem Gebot zuwider, Ihren Vater und das Haus Ihrer Eltern verlassen.«

Ferdinand stand auf.

»Ich werde dieses Gebot nicht verletzen,« rief er, »ich werde meinen Vater ehren, achten und lieben, so lange ich lebe, und wenn ich mir mein Glück erkämpft habe, so werde ich auch in seinen Augen höher und achtungswerther dastehen, als wenn ich in feiger Selbstsucht das heiligste Gefühl meines Herzens geopfert hätte. Ich werde Frankfurt verlassen,« fuhr er fort, »ich werde anderwärts mir eine Lebensstellung zu erringen suchen, ich werde nur so lange hier bleiben, bis ich die nöthigen Entschlüsse gefaßt habe und zu klarem Nachdenken über meine Zukunft gekommen bin, was mir heute unmöglich ist; heute kann ich an Nichts denken als an meine Liebe, der fortan mein ganzes Wesen ohne Rückhalt und Nebengedanken gehört.«

Mit strahlenden Augen erhob sich Lea, schlang ihre Arme um ihren Geliebten und lehnte den Kopf an seine Brust; dann setzten sich die jungen Leute nebeneinander und plauderten glücklich und hoffnungsvoll von ihrer Zukunft, die ihnen so schön und glücklich erschien; – der Alte aber schritt nachdenkend auf und nieder, in tiefem Sinnen überlegend, wie der Conflict zu lösen sei, zwischen der Liebe und der kindlichen Pflicht, der hier so plötzlich in seinem bisher so ruhigen und gleichmäßigen Leben vor ihm auftauchte.

Als am Abend der junge Mann das Haus des alten Juden verließ, da waren sie noch zu keinem festen Plan und Entschluß gekommen – er wollte dem Rathe des Vaters seiner Geliebten folgend, noch einige Tage in einem Hôtel in Frankfurt verweilen, noch einmal seinem Vater schreiben, um einen letzten Versuch zu dessen Umstimmung zu machen, und dann überlegen, welche Schritte er zur Erreichung einer eigenen und unabhängigen Lebensstellung thun könne.

*           *
*

Das ganze Leben der Stadt Frankfurt concentrirte sich auf dem freien Platz des Römerberges vor dem alten spitzgegiebelten Rathhaus, von dessen Balcon einst die neugewählten deutschen Kaiser dem versammelten Volk vorgestellt wurden; die Mitte des Platzes war frei gehalten und man sah auf dem Brunnen, aus dessen sieben Röhren einst rother und weißer Wein für das Volk strömte, das alte Standbild der Gerechtigkeit mit den neu angefügten Händen, dem neuen Schwert und der neuen Wage.

Der Wein strömte nicht aus den Brunnenröhren, wie man es hier und da in der versammelten Menge gehofft hatte, auch der große Krönungs-Ochse, von welchem der Truchseß des deutschen Reichs einst das erste Stück für den Kaiser abschnitt und der dann dem Volk überlassen wurde, briet nicht auf dem offenen Platz – aber in den unterirdischen Küchen des Römers wälzte sich an gewaltigem Spieß ein riesiges Ochsenviertel über einem kleinen Scheiterhaufen von großen Holzklötzen – das quartier de boeuf historique, welches zur Erinnerung an die alten Kaisermahle den versammelten Fürsten Deutschlands servirt werden sollte und die prächtigen Auffahrten der Souveraine blieben nicht hinter dem Glanz zurück, welcher sich einst an dieser Stelle zu den Hochgezeiten des deutschen Reiches an dieser Stelle entfaltete. Vor den Portalen des Römers ragten hohe Masten bis zu den Zinnen seines Giebels empor; das lang verpönte schwarz-roth-goldene Banner wehte an dem höchsten Mast, umgeben von den Farben von Oesterreich und der Freien Stadt Frankfurt. Zwölf Hellebardiere in rothen Mänteln und altdeutscher Tracht hielten vor dem Portal Wache und wehrten das andrängende Volk zurück. Lautes Brausen von Stimmen, bald mächtig anschwellend, bald wieder herabsinkend, erhob sich über den dichtgedrängten Massen.

Plötzlich trat eine allgemeine Stille ein; die berittenen Gendarmen sprengten vor, um die Anfahrt von der neuen Kräme her freizumachen und die altmodische, schwerfällige Carosse des ersten Bürgermeisters von Frankfurt mit dem rothbefrackten Kutscher und den roth gekleideten Ordonnanzen, fuhr am Portal des Römers vor. Die versammelte Menge ließ es sich nicht nehmen, ihren ersten Magistrat, welcher heute den versammelten Fürsten von Deutschland gegenüber die Souverainität der alten Reichsstadt und deren Gastfreundschaft zu vertreten hatte, mit einem Hoch zu begrüßen; Doctor Müller stieg aus, er trug einen schwarzen Anzug mit kurzen Beinkleidern, Strümpfen und Schnallenschuhen, ein lang herabhängendes weißes Spitzentuch um den Hals, einen dreieckigen Hut in der Hand; ihm folgten in ununterbrochener Anfahrt die Carossen der Senatoren; die Hellebardiere rangirten sich, ihre Waffen präsentirend, zu beiden Seiten des Portals und man sah den Bürgermeister und den Senat ihren Platz in der unteren Vorhalle des Römers nehmen.

Eine kurze Pause trat ein. Dann fuhr mit seinem prachtvollen Isabellen-Gespann der Kurfürst von Hessen heran, hinter ihm die Wagen seines Gefolges. Der Kurfürst blickte kalt und stolz über die dichte Menge hin, welche ihn mit lauten Hochrufen begrüßte; zwei Senatoren traten an den Wagenschlag; der Kurfürst stieg aus, und begab sich in das Innere des alten Rathhauses. Nachdem seine Equipage und die Wagen seines Gefolges nach der andern Seite hin abgefahren waren, fuhr in einer einfachen Kutsche mit kaiserlicher Livree der Graf Rechberg vor; auch diesen Staatsmann, den man als die Seele des ganzen Bundesreformprojects betrachtete, begrüßten sympathische Rufe. In ununterbrochener Reihe folgten sich nun die Fürsten, wetteifernd im Glanz der Equipagen und Livreen und Jeder von ihnen wurde von zwei Senatoren am Wagenschlage und von lautem Rufen des Volks empfangen.

Abermals trat eine kurze Pause ein; die Menge war beinahe ermüdet von dem Anblick all dieser schimmernden Herrlichkeit und man hörte einige Augenblicke auf dem weiten Platz nur das leise Gemurmel der Unterhaltungen, in welchen die Zuschauer sich gegenseitig ihre Bemerkungen über das vor ihren Augen sich abwickelnde Schauspiel mittheilten.

Da erscholl vom Liebfrauenberge her lautes Rufen, immer näher drang der Ton der jubelnden Stimmen heran, und endlich fuhr durch die freigehaltene Straße in raschem Trabe der einfache offene Wagen des Kaisers am Portal des Römers vor; wie ein rollender Donner erhob sich ein einstimmiger, gewaltiger Jubelruf, die Luft zitterte von diesem, immer sich wiederholendem Hoch, das den Kaiser Franz Joseph an der Schwelle des alten Rathhauses begrüßte, in welchem so viele seiner Vorfahren mit dem Schmuck der kaiserlichen Würde Deutschlands bekleidet worden waren. Die beiden Bürgermeister, von dem ganzen Senat gefolgt, treten unter das Portal; der Kaiser erhob sich einen Augenblick im Wagen, ließ seinen Blick über die versammelte Menge schweifen und dankte, seinen Federhut abnehmend, für die enthusiastische Begrüßung, welche man ihm darbrachte, dann sprang er schnell zur Erde, reichten den beiden sich tief verneigenden Bürgermeistern die Hand und schritt in ihrer Mitte, rechts und links die Reihen der Senatoren begrüßend, in das Innere des Römers. Die große Halle war mit rothen Damastvorhängen decorirt, die Treppe mit einem grauen Teppich mit purpurner Einfassung belegt, ein Wald von grünen Blattgewächsen und buntfarbigen Blumen erhob sich zu beiden Seiten; tiefe Bewegung zitterte in den Gesichtszügen des Kaisers, als er schweigend die Treppe hinaufstieg, neben ihm, einen Schritt zurück, gingen die beiden Bürgermeister, der ganze Senat folgte.

Die Thüren des Empfangszimmers flogen auf und der Kaiser trat in die Versammlung der Fürsten. Stolze Freude leuchtete in seinem Blick, als alle diese souverainen Häupter sich bei seinem Eintritt neigten, es war ein Hof, wie ihn kein Fürst aus dem Hause Habsburg gehalten, seit den vergangenen Tagen des alten Kaiserglanzes.

Der Kaiser begrüßte zuerst die Könige, durchschritt dann die Reihe der Fürsten, jeden mit einigen artigen Worten bewillkommnend in dem alten Rahts- und Wahl-Zimmer der Kurfürsten des heiligen römischen Reichs deutscher Nation. Ein Bild Kaiser Leopold des Zweiten schmückte die Hauptwand dieses Gemaches; als der Kaiser seinen Umgang vollendet, fiel sein Auge auf dieses Bild und er sah einige Augenblicke sinnend zu demselben auf, dann schweifte sein Auge über die übrigen Bilder hin, welche über den fünf Thüren des Zimmers angebracht sind, und die einzelnen Stücke des kaiserlichen Krönungsornats darstellen. Der Bürgermeister Dr. Müller trat heran und sprach:

»Eure Majestät sehen hier die Theile des bedeutungsvollen Krönungsschmuckes, mit welchem so viele Ihrer Vorfahren hier an dieser Stelle angethan worden sind; hier,« sagte er, auf eins der Bilder deutend, »tragen Genien das kaiserliche Reichsschwert herbei – › tuentur et amant‹ sagt die alte Inschrift unter dem Bilde – hier, fuhr er fort, bringen andere die violetten Seidenschuhe, auf denen der deutsche Kaiser siegreich über den Erdkreis dahin schreiten sollte.«

Franz Joseph richtete sich stolz empor.

»Und siegreich,« sprach er, »wird Deutschland immer unter den Völkern der Erde einherschreiten, wenn seine Fürsten und seine Stämme einmüthig zusammenstehen.«

Wenige Minuten blieben die Fürsten in einzelnen Gruppen sich unterhaltend in dem Empfangszimmer, dann öffneten sich die nach dem großen Römersaal führenden Flügelthüren, ein Haushofmeister in schwarzer Tracht, den kleinen Degen an der Seite, trat ein und näherte sich dem ersten Bürgermeister; dieser wendete sich zum Kaiser und meldete, daß das Diner servirt sei. Die Senatoren traten zu den übrigen Fürsten, die ganze erhabene Versammlung begab sich in den alten Römersaal, welcher so lange Jahre in stiller Verschlossenheit geruht hatte, – ein schweigender Schauplatz großer Erinnerungen. Heute strahlte dieser Saal in tagesheller Beleuchtung und auf der großen hufeisenförmigen Tafel schimmerte Gold, Silber und Krystall in reichster und mannigfaltigster Pracht; hinter den Stühlen an den Wänden standen in dichten Reihen die Lakaien in der rothen Livree der Stadt Frankfurt, in einzelnen Zwischenräumen geleitet von Haushofmeistern in schwarzer Tracht, den Degen an der Seite und den Hut in der Hand. Im flimmernden Licht der großen, mit Blumen umwundenen Kronleuchter erschienen die Gesichter der alten Kaiserbilder an den Wänden des Saales wie belebt in zitternder Bewegung.

Die Reihe dieser Bilder war geschlossen, für einen gemalten Kaiser war kein Platz mehr vorhanden in dem alten Römersaal – sollte ein lebendiger Kaiser, der Nachkomme jenes Rudolf von Habsburg, der da so ernst herabschaute von der hohen Wand auf die schimmernde Festtafel, sollte er eine neue Reihe deutscher Kaiser eröffnen, bestimmt, die alte Herrlichkeit des versunkenen Reichs wieder erstehen zu lassen?

War dies der Gedanke, der den Kaiser Franz Joseph bewegte, als er mit einem langen Blick alle diese Bilder betrachtete und sich dann niederließ auf seinen Platz in der Mitte der Tafel? – War es ein Omen, daß der Platz des Kaisers sich unter dem Bilde Joseph des Zweiten befand, dieses Fürsten mit dem edlen Herzen und dem lebendig bewegten Geist, der aber seine Kräfte aufrieb und verzehrte in der Verfolgung wechselnder Pläne, die von dem Boden der Wirklichkeit losgelöst nur zu einer Arbeit ohne Früchte, zu einem Kampf ohne Sieg führten? –

Zur Rechten des Kaisers nahm der König Maximilian von Bayern Platz, zu seiner Linken der König von Sachsen; neben dem König von Bayern saß der König Georg von Hannover, hinter seinem Stuhl stand sein eigener Kammerdiener in blauem Frack mit carmoisinrothem Kragen, um den persönlichen Dienst für diesen des Augenlichts beraubten Fürsten zu versehen; neben dem König Georg saß der Kurfürst von Hessen, neben dem König Johann der Kronprinz von Württemberg, die übrigen Fürsten folgten nach ihrem Range im deutschen Bunde; – die Langseite der hufeisenförmigen Tafel nahm das Gefolge der Souveraine ein. Dem Kaiser gegenüber nahm der erste Bürgermeister, Doctor Müller, Platz, der zweite Bürgermeister und die Senatoren schlossen sich ihm an.

Das Banket nahm seinen Anfang; schweigsam, sinnend und ernst saß der Kaiser da, nur zuweilen einige Worte an den König von Bayern richtend oder auf die Bemerkungen des Königs von Sachsen antwortend; heiter unterhielt sich der König von Hannover mit dem Kurfürst von Hessen, mit liebenswürdiger Freundlichkeit richtete er zuweilen das Wort an den ihm gegenübersitzenden Senator Bernus, auf dessen rundem Gesicht freudige Genugthuung glänzte und dessen kleine scharfe Augen vor Glück und Befriedigung strahlten.

Die Unterhaltung wurde meist mit gedämpfter Stimme geführt, unhörbar schritten die Lakaien hin und her, die vielen Gänge des reichen Menu's, unter denen das quartier de boeuf historique seinen Platz einnahm, auf- und abtragend, in schneller Reihenfolge der Schüsseln.

Nach den ersten Gängen erhob sich der Bürgermeister Doctor Müller, verneigte sich tief gegen den Kaiser und die ihm gegenübersitzenden Könige und bat um die Erlaubniß, zu der erhabenen Versammlung zu sprechen.

Schweigend neigte der Kaiser das Haupt; eine tiefe Stille trat ein und mit einer vor Aufregung zitternden, bei den ersten Worten fast unverständlichen Stimme, welche sich aber später zu klarem Ton erhob, sprach der Vertreter der Freien Stadt Frankfurt:

»Es ist eine Mahnung – ebenso ernst als groß und schön, welche zu dem heutigen Fest Anlaß giebt, darum vor Allem Dank und Preis den hohen Herren, welche der kaiserlichen Mahnung gefolgt sind, die Alle gemeinsame Hoffnungen für das Gedeihen unseres großen Vaterlandes im Herzen hegen. Aus tiefstem Grunde meines Herzens schließe ich darum mit dem Rufe: Deutschlands Fürsten und Freien Städte sie leben hoch!«

Der Kaiser stand auf, alle Fürsten erhoben sich mit ihm und die ganze Versammlung folgte dem Beispiel der Souveraine; nach allen Seiten hin grüßten die hohen Herren mit den Krystallkelchen in ihren Händen und die Versammlung stimmte in das Hoch des Bürgermeisters mit einem Ruf ein, dessen Klang durch die in diesen Räumlichkeiten herrschende Etiquette gedämpft wurde; in diesem Augenblick aber erscholl ein lauter Tusch draußen auf dem Römerberge und die Fenster erklirrten unter dem gewaltigen Jubelruf des versammelten Volkes, welches von dem freien Platz her in den Toast des Bürgermeister einstimmte.

Beim nächsten Gang stand Kaiser Franz Joseph auf; hoch erhob er sein Glas und mit einer festen und klaren, den ganzen weiten Raum des Saals erfüllenden Stimme sprach er:

»Im Namen der hier versammelten Fürsten ergreife Ich das Wort, um dem Senat und der Bürgerschaft dieser freien Stadt für den gastlichen Empfang, den Frankfurt uns bereitet hat, zu danken. Ich glaube, Wir können unsern patriotisch gesinnten Bürgern unsern Dank nicht würdiger abtragen, als indem Wir« – hier erhob der Kaiser die Stimme zu noch lauterem Ton – »Wir, Deutschlands Fürsten, Zeugniß davon ablegen, daß Uns Alle eine herzliche Liebe zum gemeinsamen Vaterlande vereinigt. Einig sind Wir aber auch Alle in guter Gesinnung für diese ehr- und erinnerungswürdige Stadt; freudig werden die hohen Gäste mit mir den Bechern leeren auf Frankfurts Wohl und Gedeihen. Frankfurt hoch!« –

Der Kaiser leerte sein Glas bis auf den Grund und alle Fürsten stimmten mit lauter Stimme in seinen Hochruf ein; wieder fiel die Musik draußen mit einem Tusch ein und wieder brauste der Jubelruf des Volkes zu dem alten Kaisersaal herauf.

Und als ob der Toast des Kaisers den Bann gelöst habe, in welchem bisher die Hofetiquette diese ganze, große Versammlung gehalten, so begannen jetzt die Stimmen in lauteren Gesprächen zu ertönen, Heiterkeit strahlte von alten Gesichtern, die edlen Gewächse vom Johannisberge und von den kostbarsten Weinbergen der Stadt Frankfurt thaten ihre Wirkung und kaum hätte zu den Zeiten der höchsten Kaiserherrlichkeit eine lautere und herzlichere Fröhlichkeit den alten Römersaal erfüllen können, als sie heute in dieser Versammlung der Epigonen der alten Kurfürsten und Fürsten des römischen Reiches herrschte.

Kurz vor zehn Uhr wurde die Tafel aufgehoben.

»Gott sei Dank,« sagte der Kurfürst von Hessen scherzend zum König von Hannover, »der Kirchweihschmaus ist zu Ende; man hat unserm Magen wirklich viel zugemuthet.«

»Ueberlassen wir das Uebrige unsern Leibärzten,« erwiderte der König von Hannover und den Arm des Kurfürst ergreifend, folgte er dem Kaiser und dem Könige von Bayern, welche sich bereits in das Empfangszimmer zurückbegeben hatten.

Abermals begrüßte das Volk mit unermüdlichen Jubelrufen die Equipagen der abfahrenden Souveraine und allmälig leerte sich der Platz auf dem Römerberge, die Menge vertheilte sich in die übrigen Straßen und wendete sich in dichtem Gedränge zum Main hin, auf dessen linkem Ufer das prachtvolle Schauspiel eines großen Feuerwerkes sich entfalten sollte; die Fürsten begaben sich nach der ehemaligen kurfürstlichen Villa. An beiden Ufern des Mains wogten die Menschenmassen auf und nieder, auf dem breiten Fluß bewegten sich in fast ebenso dichtem Gedränge kleine Kähne und reichgeschmückte Gondeln. Die ersten Raketen stiegen empor, eine mächtige Girandole warf ihre farbensprühenden Flammen hoch zum nächtlichen Himmel hinauf und kaum hatten sich die geblendeten Blicke einen Augenblick ausgeruht von dem Glanz der zahllosen Leuchtkugeln, da erleuchteten sich die beiden großen Mainbrücken mit bengalischem Licht und hell und klar trat die Stadt und der alte Dom, der mit Menschen bedeckte Fluß und die nächtliche Landschaft aus der Dunkelheit hervor. Mit lebhafter Spannung erwartete man das Schlußbild des Feuerwerks; nach all' diesen Sonnen, Schwärmern und Leuchtkugeln sollte in gewaltiger Riesengestalt, weithin schimmernd in Flammenpracht die Germania als Symbol des Festes in Brillantlichtern erscheinen, das Schwert in der Rechten die Fahne des Sieges in der Linken. – Die Leuchtkugeln sanken zu Boden, die Sonnen erloschen, – tiefe Dunkelheit trat einen Augenblick ein, – schweigend, in athemloser Spannung erwartete man das Feuerbild der deutschen Wiedergeburt – da züngelte eine Flamme am nächtlichen Himmel empor, dann noch eine, ein gewaltiger donnerähnlicher Krach ließ sich vernehmen – einen Augenblick erschien ein flammendes Schwert am Himmel, dann folgte ein Ausbruch wie aus dem Krater eines feuerspeienden Berges und Alles versank in Nacht.

Ein Schrei des Schreckens und des Entsetzens erfüllte die Luft, der Höhepunkt des Feuerwerks war mißlungen; waren die Vorbereitungen nicht richtig getroffen, hatte man das Brillantfeuer zu früh oder an falscher Stelle entzündet – wer mochte das sagen? – Die Germania war nicht erschienen und an ihrer Stelle war ein Chaos von blutrothen Flammen zum Himmel aufgeschlagen. – In dumpfem Schweifen zerstreute sich die Menge und die Carossen der Fürsten fuhren durch fast leere Straßen nach ihren Hôtels zurück.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.