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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Der Wagen des Königs von Hannover mit den wunderbar schönen, mausegrauen Pferden und der scharlachrothen Livree hielt vor dem Hotel de Russie; zu beiden Seiten des Eingangs standen hannöversche Leibhusaren von dem zum unmittelbaren Dienst beim König bestimmten Corps, in ihren rothen Uniformen mit goldenen Litzen, den blanken Säbel in der Hand. Der König stieg aus und begab sich auf den Arm des Flügel-Adjutanten Major von Heimbruch gestützt, in seine Zimmer im ersten Stockwerk. Sein alter Kammerdiener Mahlmann öffnete die Thür und nahm dem König den Federhut ab.

Georg V. ließ sich bequem in den, vor einen großen Tisch gestellten Lehnstuhl, zu welchem der Flügel-Adjutant ihn hingeführt, nieder, entließ den Major von Heimbruch und befahl sein Frühstück.

In wenig Augenblicken brachte ihm der Kammerdiener einen Teller mit kleingeschnittenem westphälischen Schinken und ein Glas goldgelben Sherrys; der König trank den Wein mit einem durstigen Zuge und sagte:

»Ich lasse den Grafen Platen und den Staatsrath Zimmermann bitten.«

Der Kammerdiener ging hinaus und öffnete nach wenigen Minuten den beiden befohlenen Herren die Thüre.

Der Staatsminister Graf Platen trat in das Cabinet; er war ein, trotz seines Alters von fünfzig Jahren, in welchem er damals stand, fast jugendlich aussehender Mann; das glänzende, dichte und sorgfältig frisirte Haar, zeigte eine gleichmäßige, dunkle, schwarze Farbe, ebenso sein Schnurrbart und Backenbart, welcher wohlgepflegt zu beiden Seiten des blassen länglichen Gesichts herabhing. Seine stark hervorspringende Nase hätte auf eine gewisse Energie und Charakterfestigkeit deuten können, wenn nicht der leicht hingleitende Blick seines nicht ausdrucksvollen Auges und das freundliche selbst genügsame Lächeln seines Mundes diesem scharf geschnittenen und vornehmen Gesicht den Ausdruck salonmäßiger Oberflächlichkeit gegeben hätte; seine Gestalt war schlank und biegsam; – mit den Manieren des eleganten Weltmannes näherte er sich seinem königlichen Herrn. Ihm folgte der Staatsrath Zimmermann, dieser im dänischen und später im hannöverschen Dienste vielgewandte staatsrechtliche Praktiker, welcher zu jener Zeit hannöverscher Minister-Resident in Hamburg war und in allen wichtigen Fragen dem Grafen Platen als leitender Rathgeber zur Seite stand. Der Staatsrath Zimmermann war eine kleine, fast zierlich magere Gestalt, der Kopf mit dem sorgfältig frisirten, dünnen und bereits ergrauenden Haar steckte tief in den Schultern, welche sich ungleich über dem leicht gekrümmten Rücken erhoben; sein bleiches, krankhaft nervöses Gesicht zeigte durch reiches, geistiges Leben bewegte Züge, seine Augen funkelten und blitzten mit dem Ausdruck frischer Verstandesschärfe und in diesem Blick vermischte sich wunderbar gutmüthig, heitere Laune mit einem Anflug von geistreich sarkastischer Bosheit.

Beide Herren nahmen auf den Wink des Königs ihm gegenüber Platz.

»Nun,« sagte Georg V. tief aufathmend und einige Knöpfe seiner Uniform öffnend, »der erste Schritt ist geschehen. – Wir haben beschlossen, zunächst den König von Preußen noch einmal einzuladen.«

Der Staatsrath Zimmermann lächelte still vor sich hin. –

»Ich bin äußerst gespannt, Majestät,« sagte Graf Platen, »zu vernehmen, welchen Eindruck die erste Sitzung der Conferenz auf Allerhöchstdieselben gemacht hat?«

Der König schwieg einen Augenblick.

»Diese erste Sitzung, mein lieber Graf,« sagte er dann, »hat bei mir den Eindruck nur bestärkt, welchen ich bereits bei der Einladung zu den Conferenzen empfing, daß diese ganze Sache ein todtgeborenes Kind ist und niemals zu irgend welchem praktischen Resultat führen wird. –

»Traurig, sehr traurig ist das,« sagte er seufzend, »denn wenn die deutschen Fürsten in Person sich versammeln und Nichts schaffen, so muß das sehr üble Folgen für die Würde und Kraft des monarchischen Princips haben.«

»Eure Majestät werden sich erinnern,« sagte der Staatsrath Zimmermann mit seiner scharfen und feinen Stimme, »daß ich die Ehre hatte, Allerhöchstdenselben sofort meine Meinung dahin auszusprechen, daß diese ganze Sache ohne Resultat verlaufen müsse; es ist ja ganz unmöglich, daß eine Fürsten-Versammlung ohne vorherige sorgfältigste Durcharbeitung des Materials zu praktischen Beschlüssen gelangen sollte. Die Hauptsache ist nur, daß es Eure Majestät auf das sorgfältigste vermeiden, irgend einen Schritt oder eine Aeußerung zu thun, welche die Gelegenheit bieten könnte, Allerhöchstihnen die Schuld an der Resultatlosigkeit der Fürstenberathung zuzuschieben. – Die gleiche Aufgabe wird allen Souverainen zufallen, wenn sie sorgfältig und vorsichtig die Folgen erwägen, welche diese so übereilt und geheimnißvoll in Scene gesetzte Resurrection der alten deutschen Reichstage nach sich ziehen muß.«

»Und wodurch haben Eure Majestät,« fragte Graf Platen, »wenn ich allerunterthänigst fragen darf, nunmehr bei der persönlichen Zusammenkunft der Souveraine den neuen Eindruck empfangen, daß die Vorschläge Oesterreichs zu keinem praktischen Resultat führen können? Sollte sich etwa bei der ersten Berathung bereits Uneinigkeit unter den Fürsten gezeigt haben?«

»Nein, mein lieber Graf; Alle waren einig, vollkommen einig, aber einig in einem Punkte, welcher vielleicht nicht ganz den österreichischen Erwartungen entsprechen mag, einig darin, daß ohne den König von Preußen eine Bundesreform nicht ausgeführt werden könne.«

»Das ist dem Kaiser gesagt worden?« rief Graf Platen fast erschrocken, während der Staatsrath Zimmermann immer lächelnd sich die Hände rieb.

»Es ist nicht ausgesprochen,« sagte der König, »aber der Kaiser hat es fühlen können und wie ich aus dem Ton seiner Stimme zu entnehmen geglaubt, hat er es gefühlt. – Als der Großherzog von Mecklenburg den Antrag stellte den König von Preußen nochmals einzuladen, konnte man aus der eilig eifrigen Zustimmung der Souveraine deutlich entnehmen, wie die Furcht vor dem schweigend abseitsstehenden mächtigen Bundesgliede sie Alle mehr oder weniger bewegte.

»Ich habe,« fuhr er fort, »dem Antrage zugestimmt aus voller Ueberzeugung, – ich meinerseits nicht aus Furcht vor Preußen, denn wenn ich auf dem Boden meines Rechtes stehe, kenne ich keine Furcht, auch dem Mächtigsten gegenüber; aber ich habe die unumstößlichste Ueberzeugung, daß das Heil Deutschlands nicht beruht auf dem einen oder dem andern Paragraphen des Bundes, auf der einen oder der andern Formel, welche man in die öffentlichen Institutionen Deutschlands einführt, sondern lediglich und ausschließlich in der festen Einigkeit der beiden ersten Mächte des Bundes.

»Mögen die Reformvorschläge des Kaisers die Quintessenz staatsrechtlicher politischer Weisheit sein, niemals werden sie durchgeführt werden können, niemals werden sie zum Heil von Deutschland gereichen können, wenn nicht ehrlich, aufrichtig und ohne Hintergedanken die beiden Großmächte zu einander stehen. Nicht der drohenden preußischen Macht gegenüber, sondern dieser meiner Ueberzeugung folgend, wünsche ich, daß der König von Preußen hier erscheinen möge; aber,« sagte er seufzend, »das wird nicht geschehen –«

»Aber es wird geschehen,« fiel der Staatsrath Zimmermann ein, »daß, wenn die Erfolglosigkeit dieses österreichischen Anlaufs vor aller Welt klar dasteht, die beiden Großen sich doch wieder die Hand weichen werden, sei es auch nur zu vorübergehender Verbindung, sei es auch mit dem Hintergedanken künftiger noch schärferer Gegnerschaft; deshalb erheischt die Haltung der Mittelmächte eine um so größere und sorgfältigere Vorsicht.«

»Seien Sie unbesorgt, mein lieber Staatsrath,« sagte der König lächelnd, »wir werden strikte Ihren Grundsatz befolgen: – die Ohren anzulegen und keinen Anlaß zu geben, daß man uns die Trübung des Wassers vorwerfen kann –«

»Ein etwas trivialer Ausdruck, den ich mir zu gebrauchen erlaubt habe,« sagte der Staatsrath.

»Aber sehr treffend,« rief der König, »treffend wie Alles, was Sie sagen.«

Ein Schlag an die Thür ertönte. –

Major von Heimbruch trat ein.

»Seine Königliche Hoheit der Kronprinz von Württemberg ist so eben vorgefahren.«

Der König erhob sich und knöpfte die Uniform zu.

»Auf Wiedersehen, meine Herren,« sagte er, »wir werden wohl heute Abend die Vorlagen erhalten, und müssen dann ausführlicher darüber sprechen.«

Graf Platen und der Staatsrath Zimmermann zogen sich zurück; wenige Augenblicke später trat der Kronprinz von Württemberg in das Zimmer des Königs.

»Es drängt mich,« sagte er, die dargebotene Hand des Königs ergreifend, »Eure Majestät aufzusuchen, um mich mit Ihnen über den Eindruck der ersten Conferenz auszusprechen und zugleich Ihre Ansicht über die ganze Reformfrage zu vernehmen, wozu mich der Befehl meines Vaters noch ganz besonders verpflichtet, der es mir ernstlich ans Herz gelegt hat, mich über alle wichtigen Punkte mit Eurer Majestät zu verständigen.«

Der Kammerdiener hatte dem Kronprinzen einen Lehnstuhl neben den Tisch des Königs gerollt; der König und der Prinz setzten sich nieder.

»Seine Majestät ist sehr gütig,« sagte Georg V.

»Unsere Interessen sind ja aber auch dieselben und ein gemeinschaftliches Handeln ist daher vorgezeichnet. Haben Eure Königliche Hoheit schon nähere Mittheilungen über die Vorlagen erhalten?« fragte er dann.

»Ich kenne dieselben ziemlich genau,« sagte der Kronprinz, »der Kaiser war ja vor seiner Ankunft hier bei uns in Stuttgart und es ist gerade über die wichtigsten Punkte dieser Vorlage, daß ich mit Eurer Majestät mich aussprechen möchte, nämlich über das Directorium, welches an die Spitze der Leitung des Bundes treten soll.«

Der König richtete sich empor und wendete den Kopf mit dem Ausdruck gespanntester Aufmerksamkeit zum Kronprinzen hin.

»Das Directorium soll bestehen,« fuhr der Kronprinz fort, »aus dem Kaiser von Oesterreich, dem König von Preußen, dem König von Bayern und zweien, der am 8., 9. und 10. Bundesarmeecorps betheiligten Souveraine, welche von den am Armeecorps betheiligten Regierungen für eine Periode von sechs oder drei Jahren gewählt werden, so daß abwechselnd in jedem dritten Jahr die Vertretung eines dieser Corps im Directorium ruht.«

Die Stirne des Königs legte sich in Falten, er preßte die Lippen zusammen und schlug mit zwei Fingern der rechten Hand auf den Tisch.

»Eure Majestät verstehen,« sagte der Kronprinz, »daß diese Bestimmung, welche den König von Bayern an die Seite von Preußen und Oesterreich stellt, Sachsen, Hannover und Württemberg zu gleicher Zeit vollständig in die Reihe der übrigen Fürsten zurückdrängt und daß es daher im Interesse Unserer königlichen Würde für Uns fast unmöglich erscheint, solche Bestimmungen über das Directorium anzunehmen.«

»Ganz unmöglich, ganz unmöglich!« rief der König lebhaft, »der Deutsche Bund, wie er bis jetzt besteht,« fuhr er fort, »ist eine Vereinigung der Souveraine nach dem Prinzip völliger Rechtsgleichheit, innerhalb welcher nur die größere oder geringe Macht einen Unterschied in dem Stimmenverhältniß begründet; es giebt nur eine Prärogative im Bunde, das ist das österreichische Präsidium, hervorgehend aus der historischen Stellung des Hauses Habsburg; wenn, was ich nicht für richtig halte, dieses Verhältniß der Rechtsgleichheit aufgegeben und so zu sagen ein Rangunterschied geschaffen werden soll, so müssen die Könige zweifellos eine besondere Stellung einnehmen und können sich nicht herabdrücken lassen in die Gruppen der übrigen Fürsten, welche ja ihre Vertreter so wählen könnten, daß Sachsen, Hannover und Württemberg in dem Directorium gar keinen Platz finden.

»Wir sind,« fuhr er fort, »abgesehen von unserer Stellung im Deutschen Bunde, europäische Souveraine und wenn auch geringer an Macht, so doch in unsern königlichen Rechten den mächtigsten Monarchen Europa's vollkommen ebenbürtig, diese unsere Stellung muß auch innerhalb des Bundes gewahrt bleiben und niemals dürfen wir uns von derselben herabdrücken lassen, – das käme ja einer vollständigen Mediatisirung gleich, die um so unberechtigter erscheint, als man dem König von Bayern einen Vorzug gewähren will, der durch den Machtunterschied zwischen seinem Lande und den unsrigen in keiner Weise begründet ist.«

»Ich freue mich,« sagte der Kronprinz von Württemberg, »diese Ansicht aus Eurer Majestät Munde zu vernehmen, denn es ist diejenige, welche auch der König, mein Vater, sich sofort gebildet hat; ich bedaure,« fuhr er fort, »daß ich eine gleiche Anschauung mit gleicher Bestimmtheit und Entschiedenheit bei dem König von Sachsen nicht gefunden habe. Der König Johann, mit welchem ich im Allgemeinen diesen Punkt besprochen habe, war wenigstens sehr zurückhaltend und erklärte, über die Stellung, welche er in der Berathung einnehmen solle, noch vorher ausführlich mit seinem Minister conferiren zu müssen.«

Der König Georg neigte einen Augenblick sinnend das Haupt.

»Soll ich Eurer Königlichen Hoheit,« sprach er dann, »ganz aufrichtig meine Meinung sagen, so muß ich bekennen, daß ich wenig Vertrauen zu den Resultaten unserer Berathung haben kann; entweder bleibt König Wilhelm, wie ich nach dem vorliegenden Sachverhalt glauben muß, derselben fern und dann wird die ganze Sache überhaupt ohne alle praktische Folge bleiben, – denn wie wollte man eine Bundesreform ohne Preußens Zustimmung ausführen? – schon rechtlich ist das ja unmöglich da Veränderungen der Bundesverfassung Stimmeneinhelligkeit erfordern, und selbst das Veto des kleinsten deutschen Fürsten eine Verfassungs-Aenderung unmöglich machen würde – oder,« fuhr er fort, »der König von Preußen findet sich bewogen, wider meine Erwartung in die Berathung über die Reform einzutreten, dann wird der Vorschlag des Kaisers, wenn wir ihn auch wirklich als Basis beibehalten, so erhebliche, wesentliche und tief greifende Veränderungen erleiden, daß ganz neue Gesichtspunkte hervortreten und wir in ganz neue Erwägungen werden eingehen müssen. Vom rein praktischen Gesichtspunkte aus könnte man also vielleicht zu der Anschauung kommen, die ganze Sache gehen zu lassen wie sie eben geht. – Allein,« fuhr er mit erhöhter Stimme fort, »auch selbst in einer voraussichtlich resultatlosen Verhandlung können und dürfen wir nach meine Ueberzeugung unserer königlichen Würde und der Stellung, welche wir von Rechts wegen einnehmen, nichts vergeben, denn wenn auch gegenwärtig kein praktisches Resultat erreicht wird, so würde man aus unserer gegenwärtigen Zustimmung zu jeder späteren Zeit Consequenzen ziehen, und wir würden das Recht aufgeben, später gegen eine Beeinträchtigung unserer Rechte zu protestiren; deshalb bin ich der Meinung, daß wir unter keiner Bedingung das Directorium in der Form annehmen können, wie sie der österreichische Entwurf vorschlägt. Doch möchte ich,« fuhr er fort, »der Ansicht sein, daß es vielleicht besser wäre, wenn ein bestimmter Vorschlag zur Abänderung vom König von Sachsen ausginge, als von Eurer Königlichen Hoheit oder von mir. Der König Johann steht der ganzen Reform-Idee näher und seine Vorschläge werden vielleicht dem Kaiser weniger als Hemmniß des von ihm begonnenen Werks erscheinen als wenn solche von uns ausgingen.«

»Eure Majestät haben vollkommen Recht,« sagte der Kronprinz, »wir müssen uns vor allen Dingen hüten, als diejenigen zu erscheinen, denen man etwa die Schuld eines Nichtzustandekommens der Reform zuschieben könnte; übrigens werden,« fuhr er fort, »wie wir vernommen, gerade in Betreff des Directoriums eine ganze Reihe von Anträgen und Amendements gestellt werden, denn auch die Großherzöge und insbesondere der Kurfürst von Hessen sind mit der Stellung, welche ihnen der österreichische Entwurf anweist, durchaus nicht zufrieden, sie werden eine anderweitige Gruppenbildung verlangen; dadurch wird ohnehin schon eine lebhafte Discussion über diesen Punkt eintreten und uns Gelegenheit bieten, in der geeigneten Weise für die Wahrung unserer königlichen Würde einzutreten.«

»Mit tiefer Besorgniß erfüllt mich,« sagte Georg V., »wie ich nicht läugnen kann, dies ganze, so unerwartete Vorgehen Oesterreichs; ich fürchte, ich fürchte,« sagte er seufzend, »daß von dieser ganzen Sache, in welcher wir persönlich hervortreten müssen, nur ein negatives Resultat übrig bleiben und daß von den Monarchen selbst die Anerkenntniß ausgesprochen werden wird, daß der Deutsche Bund in seiner bisherigen Verfassung unhaltbar ist. Haben Eure Königliche Hoheit das österreichische Promemoria gelesen?« –

Der Kronprinz neigte bejahend den Kopf.

»Es ist mir darin,« fuhr der König fort, »ein Passus als sehr bedenklich aufgestoßen: die Hinweisung auf das Recht der Sonderbündnisse. Diese Hinweisung scheint mir durchaus nicht zu passen; die Fürsten des Deutschen Bundes haben allerdings das Recht, zur Erfüllung der Bundeszwecke und innerhalb der Grenzen des Bundesrechts Sonderbündnisse zu schließen, aber in keiner Weise kann man dies Recht in Anspruch nehmen, um eine Reform durchzuführen, welche die bisherige Bundesverfassung in ihren Grundprincipien abändert. –

»Und welchen Zweck könnte ein solches Sonderbündniß, selbst wenn ich es mir thatsächlich als möglich dächte, erfüllen sollen? – Preußen aus dem Bunde auszuschließen? – Das wäre die Verstümmelung Deutschlands, – oder Preußen gewaltsam zur Annahme der beschlossenen Reform zwingen? – Das wäre der deutsche Bürger- und Bruderkrieg, das entsetzlichste Unglück, welches die Vorsehung über das große Vaterland verhängen könnte! Gerade diese Hinweisung auf die Sonderbündnisse hat mich tief beunruhigt und diese Hinweisung muß den König von Preußen, dem ja das Promemoria auch mitgetheilt wird, auf das tiefste verletzen. Der Blick in die Zukunft ist traurig, recht traurig, denn gerade hier, wo das äußere Bild der Einigkeit sich in diesem Augenblick darstellt, wird sich vor den Augen des deutschen Volkes und vor den Augen Europa's bald die Spaltung und Zerklüftung Deutschlands documentiren.«

»Aehnlich traurige Vorahnungen wie Eure Majestät, hegt mein Vater,« sagte der Kronprinz, »hoffen wir zu Gott, daß sie sich nicht erfüllen; jedenfalls bin ich hocherfreut,« fuhr er fort, »mich in den von mir zu vertretenden Anschauungen mit Eurer Majestät in vollem Einklange zu befinden.«

»Ich bitte Eure Königlich Hoheit,« sagte der König, »die ganze Frage mit Ihren Rathgebern eingehend zu erwägen, wie ich es auch meinerseits thun werde. Wir werden ja bis zum Zusammentritt der nächsten Sitzung jedenfalls erfahren, welchen Entschluß der König von Sachsen faßt, und unter allen Umständen werden wir die gleichen Interessen vertreten.«

Der Kronprinz erhob sich.

Der König bewegte schnell die auf seinem Tische stehende Glocke, die Flügelthüren öffneten sich, der dienstthuende Adjutant erschien an der Schwelle um den Kronprinzen an den Wagen zu geleiten; mit herzlichem Händedruck verabschiedete sich Georg V. von seinem fürstlichen Besuch. –

*           *
*

In dem kleinen Speisezimmer im Erdgeschoß des Hotel de Russie befanden sich um dieselbe Zeit einige Personen im eifrigen Gespräch; vor einem kleinen Tisch in der Nähe des Fensters saß der Flügeladjutant des Herzogs von Braunschweig, Rittmeister von Lauingen, ein junger, etwas starker Mann mit einem hübschen und vornehmen aber etwas zu vollen Gesicht. Er hatte in großes Glas Sherry und Wasser vor sich stehen, welches er von Zeit zu Zeit mit beiden Händen ergriff und in nervös zitternder Bewegung zum Munde führte; neben ihm saß ein kleiner, elegant gekleideter und beweglicher Mann, brünett, von scharfen, etwas faltigen Gesichtszügen, welche leicht an den orientalischen Typus erinnerten, es war der große bayrische Fabrikbesitzer Herr von Kerstorff, ein äußerst thätiges und eifriges Mitglied der groß-deutschen Partei, welcher sich besonders durch seine unermüdliche Agitation gegen den französischen Handelsvertrag ausgezeichnet hatte und durch diese seine Wirksamkeit mit den süddeutschen Staatsmännern in nahe Berührung getreten und namentlich auch in Wien bei den leitenden Persönlichkeiten persona grata geworden war. Vor den Beiden stand der Schaumburg-Lippesche Regierungs-Präsident von Lauer-Münchhofen, ein großer, ziemlich starker Mann von eleganter Haltung, mit einem geistvollen, bleichen, die Spuren eines bewegten Lebens zeigenden Gesicht, dessen hohe Stirne von krausem, fast noch ganz schwarzen Haar umgeben war, während die vollen, rothen und leicht aufgeworfenen Lippen den Ausdruck heiteren und sorglosen Lebensgenusses trugen.

»Ich bin unendlich glücklich,« sprach der kleine Herr von Kerstorff, mit einer scharfen, etwas näselnden Stimme, indem er jedes seiner Worte mit lebhaften Gestikulationen begleitete, »daß es mir vergönnt ist, in dieser großen Zeit zu leben und hier gegenwärtig zu sein, wo sich das große Werk der österreichischen Staatskunst zur heilsamen Wiedergeburt von ganz Deutschland vollzieht; von diesem Schlage,« fuhr er fort, »wird sich Preußen nicht erholen, alle Pläne, die man in Berlin gehegt hat, um Deutschland nach der Schablone der gotha'schen Doctrin zu formen, zerschellen für immer vor der mächtigen Einigkeit Oesterreichs und der sämmtlichen Fürsten; jetzt wird Preußen in seiner Isolirung empfinden, wohin die Wege schließlich führen, welche es in seinem unberechtigten Ehrgeiz so lange verfolgt hat. Heute haben die Berathungen begonnen und ich werde mit unendlichem Interesse den Gang derselben verfolgen; dieser Fürstentag ist eins der größten Ereignisse in der Geschichte.« –

»Jedenfalls ist er nicht sehr amüsant,« sagte Herr von Lauingen, indem er mit halb unterdrücktem Gähnen zum Fenster hinaus blickte, »diese ewigen Menschen auf den Straßen, dieses ewige Hurrahrufen, dies ewige Hin- und Herfahren, und dann vor allen Dingen der fortwährende Dienst – ich wollte, die Geschichte wäre erst zu Ende. – Das Einzige, was die Sache noch einigermaßen erträglich macht, sind die guten Diners.«

»Ja,« fiel Herr von Lauer lächelnd ein, »in dieser Beziehung vereinigt sich Alles in Frankfurt, was man nur wünschen kann; abgesehen von den fürstlichen Küchen sind auch die Leistungen des Hôtel de Russie selbst nicht zu verachten; haben Sie den ausgezeichneten Rockfort bemerkt, den man hier hat? Ich habe seit langer Zeit nichts Vorzüglicheres gegessen.« –

»Man versteht aber nicht zu serviren,« sagte Herr von Kerstorff mit einer gewissen Wichtigkeit, »es wird so viel Lärm gemacht, man klappert mit den Tellern, man tritt hart auf, das Alles muß nicht sein; wenn die Herren mir einmal die Ehre erzeigen würden, bei mir zu diniren, so würden Sie mir die Anerkennung nicht versagen, daß ich meine Lakaien vortrefflich geschult habe; so wie man einen Tritt von ihnen hört, so wie sie zwei Teller an einander stoßen, sofort schicke ich sie weg, und das ist die wahre Aufgabe eines guten Dienstes, man muß nichts davon hören.« –

»Das sollte man auch,« sprach Herr von Lauer lachend, »im Staatsdienste zur Regel machen; je weniger man von der Regierung hört und sieht, je besser ist sie, leider wird nur so oft viel Lärmen um Nichts gemacht. Ich versichere Sie, bei uns in Bückeburg sind die Menschen am allerglücklichsten und unsere Regierungsmaschinerie spielt so sanft und so unhörbar, daß es eine wahre Freude ist.«

»Bei Ihnen ist ein glückliches Land,« sagte Herr von Lauingen, »Sie haben ja keine Verfassung, ich weiß nicht einmal, ob Sie Gesetze haben, da ist es leicht und bequem, zu regieren; ich begreife aber überhaupt nicht, wie Sie das jetzt im neunzehnten Jahrhundert, in dieser Aera der Kammern, der Oeffentlichkeit, der Mündlichkeit überhaupt noch durchsetzen können.«

Herr von Lauer lächelte.

»Das ist sehr einfach,« sagte er achselzuckend, »bei uns giebt es keine Steuern.« –

»Das ist allerdings ein Recept von vortrefflicher Wirkung,« erwiderte Herr von Lauingen, »aber leider nicht anderwärts nachzuahmen.«

Herr von Kerstorff hatte sich mit leichter Unruhe auf seinem Stuhl hin und herbewegt.

»Ich interessire mich ganz ungemein,« sagte er, »für das Resultat dieser Fürstenconferenz; ich habe den ganzen Entwurf,« fuhr er mit wichtiger Miene fort, »mit dem Grafen Rechberg wiederholt durchgesprochen und, ich darf das nicht gerade Jedermann sagen, in den wesentlichsten Puncten haben die Ideen Beachtung gefunden, welche ich mir erlaubte, dem Grafen vorzutragen. Er ist ein sehr erleuchteter Mann und faßt sehr schnell jeden Gedanken auf, den man ihm mittheilt.«

»Dann sind Sie wohl der eigentlich Urheber dieses Reformprojects?« fragte Herr von Lauer mit einem eigenthümlichen Seitenblick, während Herr von Lauingen den kleinen Herrn mit ganz großen Augen ansah.

»Oh nein, nein,« rief Herr von Kerstorff mit einem Lächeln der Befriedigung, »wie könnte ich eine solche Ehre in Anspruch nehmen, aber es macht mir eine aufrichtige Freude zu sehen, daß die Gedanken welche ich, gestützt auf meine Erfahrung und auf mein vieles Nachdenken über die politischen Verhältnisse ausgesprochen habe, ein so aufrichtiges Verständniß und so aufmerksame Beachtung gefunden haben.«

Die Thür öffnete sich und Graf Decken trat ins Zimmer. Sein Gesicht trug den Ausdruck einer gewissen Aufregung; er begrüßte mit einer flüchtigen Verneigung die Herren, drehte die Spitzen seines Schnurrbartes hoch in die Höhe und sagte:

»Soeben sind die österreichischen Reformvorschläge vertheilt worden, ich habe Einiges davon gehört und ich muß sagen, daß ich völlig starr bin über das Gebäude, welches man da aufzuführen gedenkt. Das wird ja ein wahres Labyrinth werden, in dem sich Niemand zurecht finden kann; ich muß aufrichtig gestehen, mir ist niemals eine merkwürdigere politische Ungeheuerlichkeit vorgekommen, als dieses Reformproject so weit es mir bis jetzt bekannt ist. Ich bin hierher gekommen,« fuhr er fort, indem er eine Cigarette anzündete, »weil ich mich auf das Lebhafteste für die große deutsche Idee interessire und weil ich hoffte, daß dieselbe hier eine feste und dauerhafte Grundlage erhalten würde, aber diese verworrenen, unklaren und absolut unausführbaren Gedanken, welche man in diesem Entwurf zusammengehäuft hat, thuen ja dem groß-deutschen Princip mehr Schaden, als alle gotha'schen Angriffe für lange Zeit.«

Herr von Lauer warf einen schalkhaften Blick auf den kleinen Herrn von Kerstorff, welcher ganz erstaunt den lebhaften und eifrigen Worten des Grafen Decken zuhörte.

»Die Kritik des Grafen,« sagte der schaumburg-lippe'sche Regierungspräsident, »ist nicht sehr schmeichelhaft für die intellectuellen Urheber des Reformprojects.«

Herr von Kerstorff schüttelte den Kopf.

»Ich begreife nicht, was da vorgefallen sein muß,« sagte er, »man muß doch in der Staatskanzlei die ursprünglichen Ideen, welche für die Reformacte maßgebend waren, wieder sehr erheblich modificirt haben; da muß ich mich doch erkundigen, welche Einflüsse haben eintreten können – es wäre wahrlich sehr zu beklagen, wenn man nicht an den ersten Gedanken festgehalten hätte und wenn durch unglückliche Verbesserungen der Erfolg der ganzen Sache in Frage gestellt würde.«

Er stand auf, nahm seinen Hut und verließ das Hôtel. Graf Decken blickte ihm ganz erstaunt nach.

»Es ist merkwürdig,« sagte Herr von Lauer, »wie viele Väter dieses österreichische Reformproject eigentlich hat, die vielleicht später alle ihr Kind verleugnen werden.« –

»Besser, sie hätten es gar nicht in die Welt gesetzt,« sagte Graf Decken mürrisch und warf sich in einen Lehnstuhl.

Herr von Lauingen leerte sein Glas, blickte auf seine Uhr und sagte seufzend:

»Ich muß wieder in den Dienst und mit dem Herzog ausfahren; Graf Decken hat ganz Recht, ich wollte, dieser Fürstentag wäre ungeboren geblieben.«

Langsam ging er hinaus. –

Ein Lakai trat zu Herrn von Lauer, um ihn zu seinem Fürsten zu rufen, große Wolken aus seiner Cigarette in die Luft blasend und von Zeit zu Zeit einige unmuthige Worte vor sich hin murmelnd. –

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