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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Sechstes Capitel.

Karl Marx hatte sich, als er das Hotel des auswärtigen Amtes verließ, mit seinem langsamen, ruhigen Schritt abermals in das Gewühl der Straßen von London begeben; ohne auf die Vorübergehenden zu achten oder einen Blick auf die dahinrollenden Wagen oder die mannichfaltigen Läden an der Häuserreihe zu werfen, schritt er fort bis nach Percy Street; da, wo diese Straße die Ecke mit Rathbone Place bildet, lag ein unscheinbares, wenig elegant aussehendes Haus, über dessen Thür man eine goldene Kugel und darunter ein einfaches Schild erblickte, dessen Inschrift anzeigte, daß hier ein Hotel garni sich befände und ein Mittagstisch gehalten würde.

Karl Marx trat mit der Sicherheit eines in diesen Räumen genau Bekannten durch die schmale und niedrige Thüre ein, that einige Schritte in dem etwas dunklen und verräucherten Flur und öffnete dann die Thür eines Zimmers im Erdgeschoß. Dies Zimmer war ein ziemlich großer, länglicher Raum mit dunkeln, alten Tapeten, von der Decke herab hingen einige sehr einfache Gaslampen mit theilweise zerbrochenen Kuppeln, rings umher standen Tische mit drei bis vier Couverts belegt, welche sowohl durch ihr Leinenzeug als auch durch das Porzellan und die Bestecke bewiesen, daß das hier verkehrende Publikum keine aristokratischen, exclusiven Ansprüche machte; in der Nähe des Fensters befand sich ein kleiner, etwas erhöhter Verschlag mit einem schrägen Pult, auf welchem ein großes Wirthschafts- und Rechnungsbuch aufgeschlagen lag.

Das Lokal war fast leer.

An einem der Tische saßen drei Männer, beschäftigt die Producte der Küche dieses einfachen Wirthshauses zu verzehren und dazu jenes rothe, spirituöse Getränk zu sich zu nehmen, welche die Engländer mit dem Namen »Claret« bezeichnen, und welches die Etiquette der edlen Gewächse von Bordeaux trägt, obwohl in den Wirthshäusern vom Range der goldenen Kugel gewiß niemals ein Tropfen jenes französischen Rebensaftes mit der eigenthümlichen Flüssigkeit in Berührung gekommen ist, welche man den Gästen vorsetzt.

Auf dem Sitz des erhöhten Verschlages saß ein zwar nicht korpulenter, aber wohlgenährter Mann in bürgerlichem Anzug, der, obwohl durch eine, nicht allzu frische, weiße Leinenschürze geschützt, doch durch verschiedene Staub- und Fettflecken zeigte, daß sein Besitzer die eigene Thätigkeit in Küche und Keller nicht scheute.

Das rothe Gesicht dieses Mannes trug den Ausdruck gemüthlicher Heiterkeit; ein freundliches Lächeln lag fast fortwährend auf seinen vollen, rothen Lippen während die kleinen Augen voll pfiffiger Schlauheit umher blinzelten. Er war über das Wirthschaftsbuch gebeugt und beschäftigt, mit dem Bleistift in der Hand, die in demselben notirten Zahlen zu summiren.

Bei dem Geräusch der von Karl Marx geöffneten Thüre erhob dieser Mann den Kopf, stand, als er den Eintretenden erblickte, rasch auf, stieg von seinem Verschlag herab und reichte dem Eintretenden mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten die Hand.

»Sie sind lange nicht hier gewesen, Herr Doctor,« sagte er in englischer Sprache, deren Accent deutlich die französische Zunge verrieth, »ich freue mich, Sie wieder einmal hier zu sehen; ich hoffe, Sie haben sich wohl befunden.«

»Sehr wohl,« erwiderte Marx, »mein lieber Monsieur Jacques; – vielleicht deshalb,« fuhr er mit sarkastischem Lächeln fort, »weil ich mich von Ihrer Küche und Ihrem Keller fern gehalten habe.«

»Meine Küche, Herr Doctor,« erwiderte Monsieur Jacques mit einer gewissen komischen Würde, »ist eine sehr gute Küche und Niemand wird es bereuen, mit derselben in Berührung zu kommen; – was meinen Keller betrifft – nun, er hat auch seine Vorzüge, aber freilich man kann nicht verlangen, daß ich für die Preise, die ich von meinen Gästen fordern darf, die ersten Gewächse vom Rhein und von Frankreich liefern soll.«

»Ihre Weine,« sagte Marx, indem er seinen Hut auf einen Stuhl stellte und an einem, von den bereits vorhandenen Gästen ziemlich entfernten Tische Platz nahm, »Ihre Weine mögen für Chemiker von Interesse sein, vom Standpunkt der Nahrungsmittel aus betrachtet habe ich weniger Vertrauen zu ihnen.«

Monsieur Jacques fand sich nicht veranlaßt auf dieses entschiedene Mißtrauensvotum seines Gastes etwas zu erwidern. – Er legte demselben eine ziemlich schmutzige, mit Bleistift geschriebene Speisekarte vor und blieb diensteifrig neben ihm stehen, um seine Wünsche entgegen zu nehmen.

Marx bestellte ein Roastbeef und einen Krug Ale und blieb, während der Wirth hinaus ging, um seinen Auftrag auszuführen, ruhig vor seinem Tisch sitzen, indem er von Zeit zu Zeit einen scharfen, forschenden Blick nach den drei Männern an dem andern Tisch hinüber warf, welche sich mit etwas gedämpfter Stimme angelegentlich untereinander unterhielten, jedoch nicht so leise, daß nicht einzelne französische Worte vernehmbar geworden wären.

In kurzer Zeit brachte Monsieur Jacques dem deutschen Doctor, wie man Karl Marx in diesen Kreisen zu nennen pflegte, das einfache, von ihm bestellte Diner.

Als Marx sein Roastbeef gegessen und einen Schluck von dem Ale des Monsieur Jacques getrunken hatte, welches vor dessen Weinen den Vorzug der Unverfälschtheit besaß, versank er wieder in tiefes Nachdenken, aus welchem er sich erst emporrichtete, als die Thür rasch geöffnet wurde und ein Mann von etwa dreißig bis fünf und dreißig Jahren in einfacher, etwas abgetragener Kleidung in das Zimmer trat; sein Gesicht war bleich und von jener nervösen Magerkeit, welche die Folge unruhigen Lebens und aufregender geistiger Anstrengung ist, seine Backenknochen standen etwas hervor und unter dem runden Hut, den er tief in die Stirn gedrückt hatte und beim Eintritt in das Zimmer nicht abnahm, blitzten tief liegendem beinahe fieberhaft funkelnde Augen hervor. Dieser Mann war Georg Eccarius, seines Gewerbes ein Schneider, welcher seit langer Zeit in London lebte, sein Gewerbe betrieb, so weit es zur Befriedigung der einfachen Ansprüche, die er an das Leben stellte, nöthig war und sich im Uebrigen mit einem unruhigen, niemals rastenden Eifer mit der Gründung von Handwerkervereinen beschäftigte, in denen er ausführliche Vorträge über die socialen Fragen und über die Verbesserung der Lage der Arbeiter hielt, Vorträge, in denen aus einem Chaos unklarer und oft sich widersprechender Ideen, einzelne wunderbar kühne und geniale Gedankenblitze hervorleuchteten. Eccarius erwiderte mit flüchtigem Kopfnicken die freundliche Begrüßung des Wirths und eilte dann zu Karl Marx hin, dessen Hand er ergriff und lebhaft schüttelte.

»Wie freue ich mich, Herr Doctor,« rief er in deutscher Sprache, »Sie hier zu treffen, ich habe Sie gesucht, aber man findet Sie niemals und in Ihrer Wohnung am wenigsten.«

Marx erwiderte nichts, sondern blickte nur fragend in das lebhaft bewegte Gesicht seines deutschen Landsmannes.

»Es liegen große Dinge in der Luft,« sprach Eccarius weiter, »in mir lebt der Gedanke der Gründung einer großen concentrirten Macht, welche in allen Ländern Europas nach einheitlichem Plan den Kampf für die Interessen der Arbeiter aufnehmen soll. Die intelligentesten Vertreter der pariser Arbeiter sind hier, wie müssen mit ihnen zur Verständigung kommen und Sie sind der Mann, der einen wesentlichen Platz in unsern Reihen einnehmen muß.«

Marx blickte schweigend nach den drei Männern im Hintergrund des Zimmers. Eccarius folgte der Richtung dieses Blickes und rief lebhaft aus:

»Da sind sie ja! – Da ist Tolain und Fribourg und Hermann Jung; kommen Sie, kommen Sie, lieber Doctor, Sie müssen jene Männer kennen lernen, Sie müssen uns Ihren Rath geben und mit Ihrem klaren Geist uns beistehen.«

Karl Marx stand schweigend auf und folgte Eccarius langsam zu dem Tische, an welchem die von demselben Genannten Platz genommen hatten.

»Herr Doctor Marx,« rief Eccarius in französischer Sprache den Fremden zu, »den Ihr kennen lernen müßt, meine Freunde. Sein Kopf ist voll klarer Ideen über die Krankheit der Gesellschaft und über die Mittel, sie zu heilen und sein Herz schlägt warm für die Sache der Arbeiter.« Die drei Fremden erhoben sich. Alle drei waren charakteristische Köpfe, die man nicht leicht wieder vergessen konnte, wenn man sie einmal gesehen.

Tolain, ein Mann von etwa fünf und dreißig Jahren, hatte weiche, sanfte Gesichtszüge, seine hohe, freie Stirn war schön gewölbt, in dem Blick seiner klaren Augen lag eine gewisse ideale Schwärmerei und wenn er sprach, gab der Ausdruck einer milden Freundlichkeit seinen Worten eine zu den Herzen der Zuhörer dringende sympathische Kraft.

Fribourg war älter als Tolain; sein Gesicht war härter und schärfer. Zeigte dasselbe weniger Intelligenz und weniger warmes und begeistertes inneres Leben, so lag in seinem festgeschlossenen Munde und im geraden, klaren und festen Blick seiner Augen eine tiefere Energie und willenskräftigere Entschlossenheit.

Hermann Jung, ein Uhrmacher aus der Schweiz, war eine kleine und untersetzte, aber dabei magere und gelenkige Gestalt; seine Haltung war ein wenig vorn übergebückt, sein scharf geschnittenes, aber unregelmäßiges Gesicht trug den Ausdruck verschlossener Zurückhaltung und sein meist zu Boden gerichteter Blick schien fortwährend die Lösung von Problemen zu suchen, mit denen sein Geist sich unablässig beschäftigte.

Karl Marx begrüßte die drei Fremden mit stummem Kopfnicken und setzte sich zu ihnen an ihrem Tisch.

»Sie kommen von Paris,« sagte er dann in französischer Sprache, »es ist mir sehr interessant, etwas über die Lage der dortigen Arbeiter und über die Ideen, welche sie zu einer weiteren, fester organisirten Thätigkeit für ihre Sache hegen, zu hören.«

Tolain richtete sein großes, sinnendes Auge auf das kalte, ruhige Gesicht des deutschen Flüchtlings und sprach mit seiner sanften und überzeugungsvollen Stimme:

»Wir haben uns in Paris zusammengefunden, um in gemeinsamer Verbindung unter den Arbeitern selbst klare Gedanken über ihre Lage und über die Mittel zur Verbesserung derselben zu verbreiten; unser erster Zweck ist die Belehrung; – wenn alle Mitglieder der arbeitenden Klassen klar zu denken gelernt haben über die Grundbedingungen ihrer Existenz im nationalökonomischen Organismus, so wird es leicht werden, durch Einfluß auf das öffentliche Leben, auf die Wahlen, auf die Regierungen selbst, in die Gesetzgebung und in die Staatsinstitutionen diejenigen Grundsätze einzuführen, welche die im Leben der Gesellschaft bestehenden Krankheiten zu heilen vermögen. Um so leichter und wirkungsvoller wird diese Thätigkeit sein, wenn wir nicht einseitig in Frankreich allein handeln, sondern in inniger und fester Verbindung stehen mit allen unsern Berufsgenossen in den übrigen großen Culturstaaten Europas. Zunächst haben wir unser Augenmerk auf England gerichtet und wünschen uns mit den Arbeitern dieses Landes in Verbindung zu setzen, in welchem freie Institutionen einer freien und gesetzmäßigen Agitation den größten Spielraum lassen.«

Er schwieg und blickte erwartungsvoll auf Karl Marx, der mit einem gewissen Erstaunen diesen Vertreter der französischen Arbeiter ansah, von welchem er wohl eine ganz andere Anrede erwartet haben mochte.

Dann zuckte um seine Lippen ein halb mitleidiges, halb ironisches Lächeln und er sprach mit seiner klaren und scharfen Stimme:

»Ich bin ein Deutscher, mein Herr, und man wird den Deutschen gewöhnlich vor, daß sie Träumer und Theoretiker seien, während man den Franzosen und Engländern eine mehr praktische Auffassung der Verhältnisse zuschreibt; ich möchte Ihnen aber bemerken, daß dasjenige, was Sie mir so eben gesagt, mir nicht vollständig der thatsächlichen Lage der Verhältnisse zu entsprechen scheint, und daß die Wege, welche Sie einschlagen wollen, wie ich glaube, niemals zu einem wirklich greifbaren Erfolg führen können.

»Und warum nicht?« fragte Tolain ruhig und freundlich, während Hermann Jung aus seinem brütenden Nachsinnen sich empor richtete und forschend zu Marx hinüber blickte. –

»Weil,« sagte Karl Marx, »durch die Belehrung und die langsame und gesetzliche Agitation, welche Sie im Auge haben, der wichtigste Factor in der Entwicklung menschlicher Verhältnisse verloren wird, – die Zeit – dieser Factor, der bei dem heutigen raschen Leben der Welt täglich an Wichtigkeit und Bedeutung zunimmt; – Generationen werden dahin sterben, bevor auch nur das geringste, praktische Resultat erreicht werden kann und es ist mir sehr zweifelhaft, ob auf diesem Wege überhaupt jemals ein solches Resultat zu erreichen ist, denn die Gegner, welche den Rechten der Arbeiter entgegenstehen, sind sehr concrete Mächte, die ihrerseits die Gesetzt der Staaten machen und die für eine gesetzmäßige Agitation, in den von ihnen geschaffenen Institutionen, keinen Platz übrig lassen.

»Glauben Sie mir,« fuhr er fort, »die Revolution, die klare, scharfe und rücksichtslose Revolution allein kann die Bollwerke niederwerfen, welche der freien Entwickelung des Rechtes der Arbeiter entgegenstehen.«

»Die Revolution,« sagte Tolain, »ist ein gewaltsamer Ausbruch, dessen Verlauf weder zu lenken noch vorher zu bestimmen ist, sie würde eben so gut die Existenz der arbeitenden Klassen zertrümmern, als diejenige ihrer Gegner und,« fügte er hinzu, »sie würde in diesem Augenblick erfolglos sein.«

»Erfolglos,« rief Karl Marx lebhafter, »nur dann, wenn sie auf vereinzelte und kleinliche Weise unternommen wird, aber der gewisse und sichre Erfolg wird ihr zur Seite stehen, wenn sie nach einem gemeinsamen Plan auf einmal in ganz Europa sich erhebt und wenn sie überall den Krieg auf Leben und Tod dem Kapital erklärt, diesem wahren, einzigen und letzten Feinde der Freiheit und der Reorganisation der Gesellschaft.

Nicht die Throne,« rief er, »nicht die Fürsten sind die wahren Feinde der Arbeiter, es ist das Kapital, – es ist die Bourgeoisie, welche ohne an der productiven Thätigkeit Theil zu nehmen, die Früchte der Arbeit für sich vorweg nimmt; – die Belehrung ist unnütz, denn jeder Arbeiter weiß, daß er gedrückt und geknechtet ist und daß er für Andere schafft und sich abmüht. Handeln müssen wir, unermüdlich und schnell handeln und auf allen Punkten zugleich. Die Gelegenheit ist gegeben; die polnische Nation befindet sich im Aufstand gegen Rußland, – an diese revolutionäre Bewegung müssen wir anknüpfen, für sie müssen wir überall die Massen erwärmen, damit durch das allgemeine Drängen der Völker entweder die Regierungen gezwungen werden, für die Sache der Revolution in Polen Partei zu nehmen und dadurch,« – sagte er mit höhnischem Lachen, – »sich für immer mit Blut und Leben der Sache der Revolution zu verschreiben, – oder damit, wenn die Regierungen widerstehen, was noch besser wäre, die Völker aufstehen in allen Ländern und der revolutionäre Brand sich über ganz Europa verbreitet.«

Tolain schüttelte den Kopf.

»Ich vermag nicht,« sagte er ruhig, »in einer wilden und überstürzten Revolution Heil für die Arbeiter in ihrer Sache im Allgemeinen zu erblicken, am wenigsten aber für meine Landsleute in Frankreich.

Die kaiserliche Regierung hat, wenn auch nicht ein volles Verständniß für unsere Rechte und Bedürfnisse, so doch eine sympathische Theilnahme für die unglückliche Lage, in welcher sich die Arbeit dem großen Besitz gegenüber befindet und wo durch einzelne Mittel in bestimmten Fällen geholfen und gefördert werden kann, da ist die Regierung und der Kaiser selbst bereit dies zu thun; – wenn irgend wo, so haben wir in Frankreich Aussicht, auf dem Wege der ruhigen und legalen Agitation zur Verbesserung der Zustände zu gelangen und damit etwas Dauerndes und Solides zu erbauen; – durch ein Hineinstürzen in die revolutionäre Bewegung würden wir diese günstige Lage aufgeben, wir würden eine Regierung die uns wohl will zu unserm unversöhnlichen Feinde machen und sie geradezu zwingen, mit den gewaltigen, ihr zu Gebote stehenden Mitteln uns zu vernichten.«

Einige andere französische Arbeiter, Flüchtlinge in London, waren in das Gastzimmer getreten und umringten den Tisch, an welchem die Unterhaltung zwischen Tolain und Marx stattfand, auch Monsieur Jacques war herangetreten; sein sonst so freundliches und ruhiges Gesicht hatte einen gewissen Ausdruck von Fanatismus erhalten und seine kleinen Augen leuchteten in lebhafter Aufregung.

»Besiegen,« rief er, »besiegen sollte die kaiserliche Gewaltherrschaft die freie Erhebung der Arbeiter, das heißt der Majorität des ganzen Volkes in Frankreich? –Nimmer wird das geschehen! Dieses Kaiserreich mit seinem blutgierigen Imperator ist innerlich zerbröckelt und verfault; ein einziger Anstoß genügt, um es in Trümmer zusammen sinken zu lassen. Diese Armee, auf welche er so stolz ist, weil er glaubt, daß es die Armee seines Oheims ist, wird auseinanderfallen vor der ersten Barrikade, die sich in Paris aufrichtet, denn in dieser Armee ist der Geist des Volkes lebendig. Alle, welche herüber kommen, vertrieben von dem despotischen Regiment, bestätigen uns das.«

Tolain blickte ein wenig erstaunt auf den lebhaft Sprechenden, sein klares und mildes Auge zeigte einen Anfang von innerer Erregung.

»Alle, welcher herüber kommen,« sagte er mit fester Stimme, »und solche Ansichten hier verbreiten, täuschen sich entweder selbst oder wollen hier Täuschung verbreiten; ich lebe in Frankreich, sehe die Zustände dort täglich vor mir, ich verfolge sie mit wachsamem Blick und glauben Sie mir, das Kaiserreich steht in diesem Augenblick unerschütterlich fest. Kein einziges Regiment der Armee würde wanken in dem Kampf gegen die Revolution auf den Straßen, die einzige Folge einer unzeitigen Erhebung würde darin bestehen, daß die Arbeiter auf lange hinaus in unlösbare Fesseln geschlagen würden und daß das wohlwollende Interesse, welches die Regierung und der Kaiser uns persönlich heute zuwendet, für immer verloren ginge.«

Marx schüttelte den Kopf; mit einer Bewegung seiner Hand drängte er Monsieur Jacques, welcher sprechen wollte, zurück.

Der Kreis um den Tisch war immer dichter geworden, immer mehr englische Arbeiter, französische und deutsche Flüchtlinge waren in das Zimmer getreten und folgten mit gespanntester Aufmerksamkeit der Unterhaltung. Bei den letzten Worten Tolain's hatte sich ein allgemeines Murren erhoben, auf den Wink von Marx schwiegen alle still. Dieser richtete sein Auge scharf auf Tolain und sprach:

»Die Sympathie, welche die kaiserliche Regierung in Frankreich den Arbeitern zeigt, ist mir wohl bekannt, aber gerade diese Sympathie ist das Allerverderblichste für die Rechte und die Zukunft der Arbeiter. Das empire füttert einen Löwen, um ihn der heuchlerischen und feigen Bourgeoisie zu zeigen, wenn diese unbequem und widerspenstig wird, damit sie vor seinem Brüllen schüchtern unter den Schutz und die Vormundschaft der Regierung zurückkehrt; – aber dieser Löwe ist hinter festen Eisenstäben verwahrt und niemals wird es der Regierung einfallen, seinen Käfig zu öffnen und ihm die freie Bewegung seiner Glieder zu gönnen.«

Ein Gemurmel des Beifalls begleitete die Worte von Karl Marx; mit leicht vor innerer Erregung zitternder Stimme erwiderte Tolain rasch:

»Und wollen Sie uns, wollen Sie die Arbeiter von Frankreich mit einem wilden Thiere vergleichen, das sich willenlos einsperren und als Schreckmittel gebrauchen läßt? Ich bedaure, daß man im Auslande eine solche Meinung von uns haben kann und daß es Franzosen giebt,« – fügte er hinzu, indem sein Blick über den Zuhörerkreis hinglitt, – »welche eine solche Meinung über die Mehrheit des Volkes ihres Vaterlandes theilen können.«

Karl Marx fuhr mit kaltem Tone fort:

»Zugegeben aber auch, daß die Zustände in Frankreich so sind, wie Sie sie schildern, daß eine Erhebung dort für den Augenblick keine Aussicht auf Erfolg hätte, so kann dies doch nur dann zutreffen, wenn diese Erhebung isolirt wäre, nicht aber dann, wenn sie gleichzeitig mit einer gleichen Bewegung in allen Ländern auftritt; ich habe zunächst auf den in Polen entzündeten Heerd der Revolution hingewiesen, von welchem aus sich die Flamme leicht überall hin verpflanzen läßt, ganz besonders muß ich noch darauf aufmerksam machen, daß in diesem Augenblick die Zustände in Deutschland vor Allem unsre Aufmerksamkeit erfordern, daß dort ebenfalls eine energische revolutionäre Bewegung begonnen werden muß. Der Deutsche Bund, diese Institution, welche die Diplomatie des Wiener Congresses so kunstvoll aufgebaut hat, um jede Volksbewegung niederzuhalten, wird in diesem Augenblick,« sagte er mit hämischem Ausdruck, »in Frankfurt von dem Kaiser von Oesterreich und den deutschen Fürsten zertrümmert; sie lösen das Ruthenbündel auf, das in seiner Verbindung nicht zu zerbrechen war und wir haben jetzt nur noch die einzelnen Stäbe zu zerknicken, die der mächtigen Faust des Volkes keinen Widerstand werden leisten können. Die Bewegung der Geister in Deutschland wogt unklar hin und her, die beiden großen Militairmächte Preußen und Oesterreich werden in einem immer schärfer sich zuspitzenden Conflict gegen einander gedrängt und gerade dieser unklare Zustand, in welchem das Bestandene zu Grunde gehen und Neues nicht geschaffen wird, ist der wahre Boden für die revolutionäre Bewegung, dorthin müssen wir unsere Thätigkeit vorzugsweise verlegen und wenn die Flammen der Revolution am rechten Rheinufer emporschlagen, so wird wohl der gefangene Löwe in Frankreich auch die Kraft finden, die Eisenstäbe seiner Kerkers zu zersprengen.«

Tolain stand auf.

»Niemals,« rief er mit lauter Stimme, deren Klang vollständig seine gewöhnliche Weichheit verloren hatte, »niemals werden ich und meine Freunde die Hand zu einem solchen Vorgehen bieten; wir wollen aufbauen und schaffen, aber nicht zerstören, wir wollen den Arbeitern freundliche Heimstätten bereiten für die Zukunft, aber wir werden dazu niemals den Platz finden auf dem Schutt und den rauchenden Trümmern einer durch die Revolution zersprengten und vernichteten Welt.«

Marx wollte erwidern – in dem immer dichter zusammengetretenen Kreise der Zuhörer erhob sich ein Gebrause von Stimmen, das schnell zu einem wahren Tumult heranwuchs. –

»Der Doctor hat Recht,« rief man, »wir wollen keine Doctrinairs, – wir wollen Männer der That, – die alte Welt muß zertrümmert werden; – plonploniers!« – hörte man dazwischen – »Emissäre der Regierung. – Söldner des Kaisertums.« –

Tolain sprang hinter dem Tisch hervor, seine Augen blitzten, flammender Zorn loderte auf seinem Gesicht.

»Ihr seid rasend,« rief er, »in wahnsinniger Verblendung wollt Ihr Euch und Eure Zukunft unter den Trümmern der zusammenstürzenden Gesellschaft begraben und Ihr fügt zu Eurer Raserei die Beleidigung und Verläumdung hinzu; die Verläumdung von Männern, welche die Arbeit ihres Lebens für Eure Sache einsetzen, – wir können Nichts mit Euch gemein haben.«

Er ergriff seinen Hut und wollte der Thür zuschreiten; Einzelne aus dem Kreise der Zuhörer traten ihm entgegen, man schien ihn fassen und festhalten zu wollen. Karl Marx stellte sich vor ihn, auf eine gebieterische Bewegung seiner Hand öffnete sich der Kreis und Tolain schritt hindurch. – Fribourg, der mit keinem Wort an der Unterhaltung theilgenommen hatte, folgte ihm und die beiden Vertreter der französischen Arbeiter-Organisation verließen schweigend und ohne sich umzublicken das Gastzimmer der goldenen Kugel.

»Man muß sie zurückhalten!« – rief Eccarius lebhaft, – »Wir dürfen sie nicht aufgeben!«

Und schnell eilte er den beiden Franzosen nach.

»Laßt sie gehen,« sagte Karl Marx ruhig und kalt, »es sind Träumer und Schwärmer.«

Hermann Jung, der schweizerische Uhrmacher, war den beiden Franzosen nicht gefolgt, er trat zu Marx und sagte:

»Ich glaube, wir werden uns verstehen; Jene sind immer nützlich, uns das Terrain vorzubereiten; sie und ihre träumerischen Ideen werden verschwinden, wenn die lebendige Handlung in ihre Rechte tritt.«

Karl Marx blickte den Schweizer forschend an; er schien in dem Ausdruck seines Auges Etwas zu finden, das ihn sympathisch berührte; beide setzten sich an den Tisch in der Ecke, welchen Tolain und Fribourg so eben verlassen, und während das Zimmer von dem Geräusch lebhafter Unterhaltung wiederhallte, welche immer lauter und bewegter wurde, je mehr man den Getränken des Monsieur Jacques zusprach, vertieften sich Beide in ein leises und eifriges Gespräch.

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