Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
Schließen

Navigation:

Nach kurzer Zeit trat einer der als Posten an den Ufern der Insel aufgestellten Freischärler in die Lichtung, ihm folgte ein schlanker, nicht großer Mann von regelmäßigen Gesichtszügen, welche trotz des ergrauenden Vollbartes, den er trug, einen wenig militairischen Ausdruck hatten und mehr auf einen in den Salons gealterten Roué, als auf einen feldgewohnten Soldaten schließen ließen. Das dunkle Auge, mit seinem unstäten, umherirrenden Blick, zeigte weniger feste und klare Entschlossenheit, als flüchtig aufflackerndes Feuer, die ganze Haltung des Mannes, der eine reich mit Goldstickerei überladene polnische Lancier-Uniform trug, hatte mehr von theatralischer Schaustellung, als von ruhiger, fester Würde; dieser Mann war der Sturmvogel aller Revolutionen, welche seit einem Menschenalter Europa bewegten, in Polen, in Baden, in Italien – der General Mieroslawski, wie er sich zu nennen liebte, ein Freischaarenführer voll Kenntnissen, Gewandtheit und Erfahrung, aber ohne jenen kaltblütigen, ruhigen Blick, welcher den wahren Feldherrn macht und den militairischen Erfolg sichert.

Mieroslawski trat mit schnellen Schritten dem Obersten Traugutt entgegen, welcher bei seiner Annäherung stehen blieb, ihm mit festem Blick entgegen sah und mit Höflichkeit, aber zugleich mit kalter Zurückhaltung seinen militairischen Gruß erwiderte.

»Sie haben eine Besprechung gewünscht, mein Herr,« sagte Mieroslawski mit einer wohltönenden, weichen und schmiegsamen Stimme, »um in die Operationen der verschiedenen Corps, welche in dieser Gegend sich befinden, Uebereinstimmung zu bringen; ich bin mit Vergnügen hierher geeilt, um zu dem so nöthigen Zusammenwirken unserer Kräfte die Hand zu bieten.«

Traugutt stand unbeweglich, dieselbe kalte Zurückhaltung blieb auf seinen Gesichtszügen, er ließ einen Blick voll ruhiger Ueberlegenheit über die goldfunkelnde Uniform Mieroslawski's, von der Spitze seiner Mütze bis zu den zierlichen Sporen an den Absätzen seiner eleganten Stiefel, hinabgleiten.

»Ich habe Sie hierher gerufen,« sagte er, in kurzem und wenig verbindlichem Ton, »um von Ihnen die Pläne zu erfahren, nach welche Sie Ihre Operationen eingerichtet haben und Ihnen zugleich den Willen der National-Regierung mitzutheilen.«

Ein wenig betroffen blickte Mieroslawski auf; er biß sich auf die Lippen und kräuselte leicht mit den Fingern seiner weißen, wohl gepflegten Hand die Spitzen seines Schnurrbarte – doch erwiderte er nichts, sondern neigte nur schweigend den Kopf.

Traugutt trat zu der ausgebreiteten Karte. Auf einen Wink seiner Hand näherten sich die übrigen Insurgenten-Chefs und man ließ sich theils auf der Erde, theils auf Baumstämmen und Zweigen Platz nehmend, um den Führer nieder. Mieroslawski blieb aufrecht, die Hand auf den Säbel gestützt, Traugutt gegenüber stehen.

»Es ist eine wesentliche Prinzipienfrage,« sprach dieser, »welche in der Fortführung unseres Kampfes bestimmt entschieden werden muß, eine Prinzipienfrage, in Betreff deren Sie, General Mieroslawski, bereits früher mit dem leider in Gefangenschaft gerathenen Langiewicz lebhafte Differenzen gehabt haben, es handelt sich darum, ob die Operationen gegen die russischen Truppen in der Art eines kleinen, zerstreuten Guerilla-Krieges geführt werden sollen, wie das Langiewicz gethan, oder ob mit concentrirten Kräften große, entscheidende Schläge zu führen seien; früher sowohl als jetzt haben Sie die letztere Ansicht vertreten und haben in diesem Sinn gehandelt, sogar in direkter Insubordination gegen den damaligen Diktator des Königreichs.«

Mieroslawski zuckte bei den letzten Worten zusammen, seine Hand spannte sich fest um den Griff seines Säbels, ein jäher Blitz schoß aus seinen Augen.

»Ich kann, mein Herr,« sprach er rasch, mit einer Stimme, welche die gewaltsame Unterdrückung seiner inneren Aufregung verriet, »ich kann das Wort ›Insubordination‹ in meinem Verhältniß zu dem General Langiewicz nicht annehmen; ich bin hierher gekommen, abgesendet von dem Comité in London und von ihm zum militairischen Leiter aller Operationen empfohlen. Das National-Comité in Warschau hat geglaubt, dieser Empfehlung keine Folge geben zu sollen und hat den General Langiewicz zum Diktator ernannt; und habe nichts dagegen gesagt und gethan, um keine Zwietracht in die Sache zu bringen, weil ich von Geburt ein Pole bin und weil die polnische Sache meinem Herzen am nächsten liegt, obwohl ich mit vollere Ueberzeugung mich als ein Glied jener großen revolutionairen Verbindung betrachte, welche nach einem mächtigen, einheitlichen Plan die Zustände Europa's zu reformiren strebt. Wenn ich dies aber gethan, wenn ich meine persönlichen Gefühle und wenn ich so sagen darf, meine persönlichen Rechte dem Interesse der Sache nachstellte, so habe ich mich doch niemals als einen Untergebenen des Generals Langiewicz betrachten können; ich habe mir vorbehalten müssen, meine eigenen Operationen auch nach meiner eigenen Ueberzeugung einzurichten und durchzuführen.«

Traugutt blickte den lebhaft Sprechenden fest und unbeweglich an.

»Bevor ich auf die Frage Ihres Rechts eingehe,« sprach er in kaltem Ton, »muß ich faktisch constatiren, daß Ihr Verhalten über die Grenzen der Unabhängigkeit, die Sie sich den Befehlen des Diktators gegenüber vindiciren, hinausgegangen ist. Sie haben in dem Gefecht bei Krakau, während des Vormarschs gegen die Russen und während des bereits engagirten Gefechts, selbst die Truppentheile durcheilt, – Sie haben in lauten Rufen Langiewicz für einen Verräther erklärt und die Truppen aufgefordert, ihm nicht zu gehorchen, dadurch haben Sie unsägliche Verwirrung hervorgerufen, die Reiterei unter Czapski hat sich aufgelöst und die Folge davon war die vollständige Zersplitterung jenes Corps und endlich die Gefangenschaft des Diktators, die wir heute noch tief beklagen. Damit haben Sie der Sachen Polens einen schweren Schaden gethan und sich die tiefste Mißbilligung der nationalen Regierung zugezogen.«

Mieroslawski fuhr auf.

»Bin ich hierher gerufen,« rief er mit vor Zorn zitternder Stimme, »um ein Verhör zu bestehen und mich zu vertheidigen? Ich räume Niemandem das Recht dazu ein, als dem Comité von London, mit dessen Vollmachten ich hier erschienen bin.«

Traugutt erhob sich. Kein Muskel seines Gesichts bewegte sich, aber seine Augen öffneten sich weit und seine Blicke richteten sich scharf und schneidend, wie Dolchspitzen, auf Mieroslawski.

»Wir sind in Polen, mein Herr,« sprach er mit tief durchdringender Stimme, »die polnische National-Regierung hat sich in Warschau constituirt, ich bin ihr Chef und in diesem Augenblick ihr alleiniger Vertreter. Ich erkenne keine Vollmacht der Welt an, welche das Recht geben könnte, dieser Regierung und mir, ihrem Vertreter gegenüber, eine solche Sprache zu führen, wie Sie so eben sich erlaubt haben.«

Mieroslawski wollte erwidern, aber den Ton erhöhend und die Hand gebieterisch gegen ihn ausstreckend, sprach Traugutt weiter, bevor Jener noch Worte gefunden hatte.

»Ich habe jenes Vorgangs nicht erwähnt, um Sie wegen desselben zur Rechenschaft zu ziehen, die Vergangenheit mag begraben sein, da wir sie doch nur beklagen, nicht mehr ändern können, aber für die Zukunft müssen die Normen festgestellt werden, nach denen Jeder zu handeln hat und es müssen Garantieen gefunden werden, daß nicht durch eigenmächtiges und einseitiges Handeln die Erreichung des großen Zieles gefährdet oder unmöglich gemacht werde.

»Sie fahren fort,« sagte er, während Mieroslawski ungeduldig mit seinem zierlichen Fuß auf den Boden stampfe, »Sie fahren fort, möglichst große Truppenmassen zusammenzuziehen, strategische Stellungen einzunehmen und den russischen Streitkräften Gelegenheit zu entscheidenden Schlägen zu geben. Sie –«

»Und ich habe,« rief Mieroslawski, sich stolz empor richtend, »alle solche Gelegenheit benutzt, um für die Sache Polens ruhmreiche Siege zu verzeichnen!«

»Wir kämpfen nicht um den Ruhm«, sagte Traugutt ruhig, »der Ruhm der polnischen Tapferkeit ist unbestritten in Europa, wir kämpfen für den Erfolg und für die wirkliche und definitive Befreiung unseres Vaterlandes, und für dies große Ziel haben Ihre einzelnen Siege nichts genützt, Ihre Art der Kriegsführung kann vielmehr nur dahin führen, daß das Ende der ganzen Sache auch diesmal, wie zur Zeit des großen Kosciusko sein kann »finis Poloniae«.

Mit gewaltiger Anstrengung unterdrückte Mieroslawski seine Aufregung und sprach mit leicht zitternder Stimme:

»Glauben Sie nicht, mein Herr, daß ich bei meiner Art zu kämpfen mich lediglich von persönlichem Ehrgeiz und von der thörichten Ruhmsucht leiten lasse, neue, blutige aber unnütze Lorbeeren um die Fahnen Polens zu winden; meine feste aber unumstößliche Ueberzeugung ist die, daß die Sache Polens unzertrennlich ist von der Sache der großen europäischen Revolution und daß nur die Zertrümmerung der alten, zerbröckelnden Ordnung unseres Welttheils auch die Befreiung unseres Vaterlandes mit sich führen könne; je heller und mächtiger die Flammen hier empor lodern, je reicher die Ströme von Blut fließen im Kampf gegen Rußland, den starrsten Repräsentanten der alten Tyrannei, um so schneller und sicherer werden die revolutionairen Elemente aller übrigen Länder sich erheben und uns zu Hülfe eilen. Zur Zeit Kosciusko's waren die Völker Europa's gefesselt, sie glühten in begeisterter Theilnahme für die polnische Sache, aber sie zitterten unter dem Druck der Cabinette, welche jede freie Bewegung niederhielten. Heute ist das anders; die Völker sind ein lebendiger Faktor geworden in dem Leben der Staaten, mit bewußter Kraft arbeiten sie an ihrer vollständigen Befreiung von der autokratischen Herrschaft und jeder gewaltige große Schlag, den wir der russischen Macht beibringen, giebt ihnen neuen Muth auch für ihre Befreiung. Die Berichte der Comités in London, Paris und Genua bezeugen dies und nicht mehr lange wird es dauern, so wird die Revolution überall ihr Haupt erheben, wir werden das Verdienst haben, den großen, heiligen Kampf gegen die Tyrannei eröffnet zu haben und unser wird der erste Lohn sein, nach den überall errungenen unzweifelhaften Siegen. – Darum, mein Herr, will ich nicht, daß diese polnische Bewegung sich in kleinlicher Theilung der Kräfte zersplittere und sich so der Aufmerksamkeit Europa's allmälig entziehe; – ich will, daß sie in schnellen und wohl combinirten Schlägen die russische Macht treffe und in gewaltigem Widerhall das allmälig aus dem Schlaf sich erhebende Europa zu vollständigem Erwachen aufrüttele.« –

Er schwieg.

Traugutt ließ seinen Blick über die um ihn her Versammelten gleiten. Es war unverkennbar, daß die mit feuriger Beredtsamkeit gesprochenen Worte Mieroslawski's auf alle diese so leicht entzündlichen Herzen einen tiefen Eindruck gemacht hatten. Mit unverkennbarer Sympathie ruhten die feurigen Blicke aller dieser Führer in dem nationalen Kampf auf der eleganten und ritterlichen Gestalt des Vertreters der revolutionairen Propaganda.

Vollkommen ruhig sprach Traugutt mit höflicher Kälte:

»Und bin überzeugt, mein Herr, daß Ihre Handlungsweise stets auf einer wohl durchdachten Ansicht beruht hat, ich freue mich, daß Sie mir diese Ansicht entwickelt haben und daß mir Gelegenheit gegeben ist, Ihnen meine allerdings durchaus abweichende Meinung auszusprechen.«

Mieroslawski neigte artig den Kopf und blickte erwartungsvoll in das unbewegliche Gesicht des Chefs der National-Regierung.

»Ich kann nicht wie Sie,« sagte Traugutt, »die polnische Sache in eine unmittelbare Verbindung mit der allgemeinen europäischen Revolution bringen, ich glaube zunächst nicht an diese Revolution, die Macht der Regierungen ist überall sehr groß, sie stützt sich in diesem Augenblick noch auf ergebene Armeen und findet, gerade der allgemeinen Revolution gegenüber, eine mächtige Hülfe in der Furcht, welche alle besitzenden Klassen vor dem, die revolutionaire Bewegung durchdringenden, social-communistischen Geist erfüllt. Ich glaube nicht, daß die Revolution, wie sie in den Ideen der Comité's in London, Paris und Genua lebt, irgend welche Aussicht auf einen siegreichen Erfolg haben. Und wenn sie eine solche Aussicht hätte,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »so wäre ihr Sieg wahrlich kein Heil für uns, denn in der allgemeinen Tyrannei des Communismus würde Polen ebenso untergehen, wie alle übrigen Nationen und Staaten Europa's.«

Ohne auf die letzte Bemerkung zu erwidern, rief Mieroslawski:

»Sie zweifeln an der erfolgreichen Einwirkung unserer Sache auf die öffentliche Meinung in Europa und auf die Revolutionirung der Völker? Lesen Sie alle europäischen Zeitungen in England, in Frankreich, in Deutschland – mit Ausnahme der Organe der starrsten Reaktion werden Sie überall die wärmsten, sich stets steigernden Sympathieen für unsere Sache finden. Die Times, die Kölnische Zeitung, die großen Berliner Organe – das Alles sind die Träger unserer Ideen geworden, sie verbreiten unseren, an die unterdrückten Völker gerichteten Mahn- und Weckruf überall hin und alles Blut, das hier vergossen wird, ist nur Märtyrer-Blut, welches den großen Bau der Freiheit um so fester kitten wird.«

»Ich gebe wenig auf Zeitungsartikel,« sagte Traugutt achselzuckend, »die Phrase, gesprochen oder gedruckt, ist eine schwache Alliirte, wo es sich um den Kampf gegen die reelle Macht der Bajonette und der Kanonen handelt.

»Nicht in dem Erfolg der europäischen Revolutionen,« fuhr er fort, »sehe ich das endliche Heil unserer Sache, ich baue meine Hoffnung vielmehr auf die Furcht, welche die europäischen Cabinette vor dieser Revolution empfinden. Durch große Schläge können wir die russische Macht nicht besiegen, – und ob wir alle Hülfsmittel der Taktik aufbieten, ob wir die Tapferkeit und Aufopferung des Leonidas und seiner Spartaner entwickeln, wir müssen unterliegen, wenn wir fortwährend größere oder kleinere, aber immerhin compakte und entscheidende Aktionen vornehmen und wenn wir selbst in diesen Aktionen jedesmal den unmittelbaren Sieg davontragen. Die russische Macht ist wie jene lernäische Hyder, statt jedes Haupts, das ihr abgeschlagen ist, wachsen ihr zwei neue wieder; das endliche Schicksal fortgesetzter größerer Entscheidungskämpfe muß unsere Vernichtung sein; – wenn dies eintritt, und es muß nach meiner Ueberzeugung bald dahin kommen, so wird keine Volksbewegung in Europa uns zu Hülfe kommen, die Journalisten werden einige sympathische Trauerartikel schreiben, die Cabinette werden tief aufathmen und, von der Furcht vor diesem Brande unter den europäischen Pulverfässern befreit, unsern Besieger beglückwünschen.

»Glauben Sie denn,« rief er, »daß es Sympathie für die Sache Polens ist, was die Höfe von England, Frankreich und Oesterreich bewegt hat, sich zu Fürsprechern unserer Sache in St. Petersburg zu machen? Glauben Sie, daß das, was jene Mächte vom russischen Hof für uns verlangt haben, uns zu wahrem Heil und zu dauernder Befriedigung gereichen könne? Sie alle treibt nur die Besorgniß, daß die hier entflammte Bewegung sich in ihre eigenen Gebiete fortpflanzen möchte und zugleich der Wunsch, diesem Rußland, dessen Macht sich gefahrdrohend an der Ostgrenze Europa's emporthürmt, Verlegenheiten zu bereiten und seine innere Entwickelung und seine politischen Aktionen nach Außen zu hemmen. Je länger wir den Kampf fortsetzen, je länger wir die Gluth schüren, ohne sie zu hellen Flammen aufschlagen zu lassen, um so eifriger werden jene Mächte in Rußland dringen, um unseren Forderungen Gehör zu verschaffen, um so eher werden sie vielleicht dahin gebracht werden, unsere vollständige Trennung von Rußland, um der Ruhe Europa's willen, zu fordern. – Dann werden wir eine wirkliche, ernste diplomatische Unterstützung, dann werden wir faßbare Alliirte gewinnen, welche ihrerseits nicht nur die Phrase im Bunde führen, sondern ebenfalls Kanonen, Bajonette und Flotten zur Verfügung haben; das Alles können wir aber nur erreichen, wenn wir der russischen Macht niemals Gelegenheit geben, in concentrirten Schlägen uns durch die Uebermacht zu erdrücken, sondern vielmehr im kleinen, fast in Atome zersplitterten Guerillakrieg sie fortwährend schwächen und reizen und einen Abschluß der Bewegung auf lange Zeit hin unmöglich machen.«

Mieroslawski wollte sprechen. Traugutt erhob die Stimme und fuhr mit eisernem, festem Ton fort:

»Deshalb hat die National-Regierung beschlossen, daß jede größere Concentrirung von Streitkräften bestimmt vermieden und daß nur der kleine Krieg mit unermüdlichem Eifer fortgesetzt und über das ganze Gebiet des Königreichs verbreitet werden soll. Um dies allen Führern der einzelnen Corps mitzutheilen, bin ich hierher gekommen, ich habe Ihnen den Willen der National-Regierung überbracht und ertheile Ihnen, kraft meiner Funktion, als Chef derselben und als Diktator des Königreiches, den Befehl, jenem Willen unserer obersten Autorität gemäß zu handeln. Ich habe Ihnen, meine Herren, die Gründe für den Entschluß der National-Regierung entwickelt, – ich war nicht dazu verpflichtet, denn Sie alle haben sich mit unbedingtem Gehorsam der obersten Führung zu unterwerfen – aber nach meiner Ueberzeugung muß man von freien Männern, die für die Sache der Freiheit kämpfen, den blinden Gehorsam nur in den äußersten Fällen fordern. Und bitte Sie jetzt mir mitzutheilen, in welche Weise Sie glauben, Ihre Corps theilen und den Guerillakrieg auf das Wirksamste organisiren und ausbreiten zu können.«

Die meisten der Führer neigten, nachdem Traugutt gesprochen, in stummer Zustimmung das Haupt. Rudowski trat einen Schritt vor und sprach in ehrerbietiger Haltung zwar, aber mit lebhaft bewegter Stimme und blitzenden Augen:

»Sie haben das Recht freier Männer geachtet, indem Sie uns die Gründe für den Beschluß der National-Regierung aussprachen, nach meiner Ueberzeugung aber geht unser Recht weiter und es besteht auch darin, unsererseits eine entgegengesetzte Meinung aussprechen und begründen zu dürfen. Die Worte, die der General Mieroslawski gesprochen, haben einen tiefen Widerhall in meinem Herzen geweckt; der diplomatische Beistand der Cabinette in seiner lauwarmen Halbheit ist stets das Unglück Polens gewesen und selbst der große Napoleon, der mit Titanenkraft die Geschicke Europa's in seiner Hand hielt, war zu sehr umwunden von den Netzen der diplomatischen Intriguen, als daß er es gewagt hätte, das Wort auszusprechen, das, aus seinem Munde erklingend, Polen zu neuem Leben erweckt hätte; nur die mächtige Erhebung der Völker Europa's, die sich an keine Klügeleien der Cabinette, an keine Verwandtschaft der Höfe kehrte, kann uns helfen. Ich –«

»Ich habe keine Diskussion eröffnet,« rief Traugutt mit einer Stimme, die wie ein Schwertschlag die Worte Rudowski's abschnitt, »meine, auf den Willen der National-Regierung gestützten Befehle sind keiner Erörterung unterworfen; wir sind im Kriege, in dem ernstesten und heiligsten Kriege, den die Geschichte kennt und militairische Subordination ist die erste Pflicht eines Jeden, der die Ehre in Anspruch nimmt, in diesem Kriege zu kämpfen und die Streiter für die Sache des Vaterlandes zu führen. Ich verbiete jede Erörterung, ich verlange Gehorsam; wir haben keine Zeit übrig, um die mit Worten zu vergeuden und ich erinnere Daran, daß der Arm der National-Regierung mit dem Blitzstrahl bewaffnet ist, um jeden Schwankenden und Zögernden tödtlich zu treffen, denn Zögern und Schwanken ist in unserer Lage Verrath an der Sache.«

»Verrath,« rief Mieroslawski mit gellender Stimme, indem er die Hand an den Griff seines Degens legte und einen Schritt vorsprang, »wer wagt es von Verrath zu sprechen mir gegenüber, der ich hundertmal mein Leben eingesetzt habe für die Sache Polens und für die Sache der Freiheit, welche, wo sie auch verfochten wird, überall die unsrige ist.«

Traugutt blieb ruhig und schweigend, mit untergeschlagenen Armen stehen, mehrere der Offiziere sprangen zwischen ihn und Mieroslawski. Rudowski erhob die Hand und wollte sprechen, – da ertönte vom anderen Ufer herüber ein scharfer Pfiff, – er wiederholte sich in dem Weidengebüsch der Insel, – die ganze Gruppe blieb unbeweglich stehen und in der tiefen, lautlosen Stille, welche unmittelbar eintrat, hörte man einen leisen Ruderschlag und das Aufstoßen der Spitze eines Boots auf den Uferkies der Insel.

Nach wenigen Secunden trat ein polnischer Soldat, in der Freischaaren-Uniform, in die Lichtung.

Er näherte sich Traugutt und sprach in hastiger Aufregung:

»Eine große russische Macht, Infanterie und Kavallerie, zieht von Ivangrod heran; man muß uns verrathen haben; sie werden in weniger als einer Stunde hier sein. Von der anderen Seite ist ebenfalls die Meldung gekommen, daß einzelne Kavallerie-Piquets im Anzuge sind, hinter denen man größere Abtheilungen vermuthen muß.«

Die unbeweglichen Gruppen lösten sich bei dieser Meldung, tiefe Bestürzung malte sich auf allen Gesichtern, mit erwartungsvoller Spannung blickten Alle auf Traugutt.

Dieser allein blieb unbeweglich und kalt.

»Sind die Boote in Bereitschaft?« fragte er.

»Alles ist in Ordnung zur sofortigen Abfahrt,« erwiderte einer der aus den Gebüschen herangetretenen Soldaten.

»Vom linken Ufer ist keine Meldung gekommen,« sagte Traugutt, »dort also ist der Weg frei. – Dorthin gehen Sie, meine Herren. – Ein Jeder möge sich, wie er kann, zu seinem Corps zurückbegeben; im nächsten Dorfe werden Sie Pferde finden. Einige Leute mögen hier bleiben, um von Ihren Bedeckungsmannschaften am rechten Ufer so viel wie möglich herüber zu holen, die Uebrigen müssen sehen, wie sie entkommen oder sich durchschlagen. – Ich kehre nach Warschau zurück, Sie haben meine Befehle und,« rief er, sich hoch emporrichtend, mit einem gebieterischen Blick den ganzen Kreis der Umstehenden umfassend, »die Todesstrafe trifft Jeden, der ihnen zuwider handelt.«

Er winkte entlassend mit der Hand.

Mieroslawski und die Uebrigen eilten dem Ufer zu und bald hörte man leise Ruderschläge im Wasser.

»Wo ist der junge Mann, der vorhin zu mir geführt wurde?« fragte Traugutt.

»Er schläft,« erwiderte Einer der Ordonnanz-Offiziere, welcher bei dem Obersten geblieben war.

»Wecken Sie ihn sofort und führen Sie ihn zu mir.«

Wenige Augenblicke darauf trat der Graf Kraniski, noch ganz verwirrt durch das plötzliche Aufrütteln aus seinem tiefen Schlaf, zu dem Obersten heran.

»Ich habe keine Zeit unser vorhin unterbrochenes Gespräch fortzusetzen,« sagte Traugutt, »wir sind verfolgt, Sie müssen sich mit den Uebrigen retten. Begeben Sie sich zu dem Corps von Malinowski, wenn Sie dorthin gelangen können. Denken Sie darüber nach, was ich Ihnen gesagt und haben Sie mir etwas mitzutheilen, so werden Sie dort Boten finden, die zu mir zu gelangen wissen und ich werde Ihnen Gelegenheit geben, mit mir zu sprechen. Denn,« fuhr er fort, indem sein Blick mit ungewöhnlich sanftem Ausdruck, voll Wohlwollen auf dem jungen Mann ruhte, »ich wünsche Sie zu überzeugen und Ihr Herz wo für unsere Sache zu gewinnen; gehen Sie,« sprach er, »diese Herren werden Sie geleiten, Gott sei mit Ihnen!«

Er reichte dem Grafen die Hand, welche dieser mit tiefer Bewegung ergriff; dann folgte der junge Mann den beiden Ordonnanz-Offizieren, welche sich mit militairischem Gruß von dem Obersten verabschiedeten. Traugutt blieb allein mit dem Soldaten, welcher vorhin den Grafen zu ihm geführt hatte.

»Sind sie Alle fort?« fragte er.

»Die sämmtlichen Boote sind drüben gelandet,« erwiderte dieser, »das Letzte entfernt sich so eben von der Insel.«

»Laß uns gehen,« sagte der Oberst.

Der Soldat schritt voran durch das Weichsel-Gebüsch zu der, der Strömung entgegen liegenden äußersten Spitze der Insel; dort lag ein kleines Boot mit zwei Rudern. Traugutt stieg ein, der Soldat ergriff die Ruder, – schnell und sicher schoß das kleine Fahrzeug durch die Strudel des Stromes dahin.

Das Licht des Mondes verblaßte allmälig vor dem heraufdämmernden Morgenlicht des Hochsommers; man konnte bereits die entfernteren Ufer des Stromes deutlich erkennen. Am linken Ufer, der Insel gegenüber, verloren sich nach einander die letzten der bunten Uniformen der Insurgentenführer in den Gebüschen; von der anderen Seite her fuhren einige Boote mit polnischen Soldaten nach der Seite der Insel, während kleine Gruppen eiligst am Strande hin, stromaufwärts marschirten.

Ueber die Spitze des Bootes in, das sich schnell dem großen, noch immer in der Uferbuch befestigten Floß näherte, tauchte sich Traugutt's scharfer Blick in die wallenden, immer mehr vom Morgenlicht beleuchteten Nebel, welche in phantastischen Gestalten über den Strom dahinzogen, bald die fernen Ufer mit grauem Schleier verhüllend, bald sich öffnend zu einer kurzen, schnell wieder verschwindenden Aussicht auf die Strandgebüsche, die Inseln und Sandbänke und die weit am Horizont sich vom gelblichen Morgenhimmel abgrenzenden Stadt Ivangrod.

In einer solchen Oeffnung der Nebelschichten konnte man durch das gleichförmig graugrüne Gesträuch der Weiden und Weichselkirschen jenes eigenthümlich schnelle Aufblitzen leuchtender Streifen wahrnehmen, das dem militairisch geübten Auge mit untrüglicher Sicherheit die Anwesenheit von Gewehrläufen bekundet. Diese blinkenden Punkte und Streifen erschienen einzeln zwischen den Weiden, unmittelbar am Ufer des Stromes, während sie auf einer etwas zurückliegenden Erhöhung in dichterer Menge aufleuchtend und wieder verschwindend, sich fortbewegten wie der glänzende Schuppenpanzer eines langsam über den Höhenzug sich dahinwindenden Drachens.

Es mußte eine vorrückende Infanteriecolonne sein, welche durch in das Ufergesträuch ausschwärmende Tirailleurs flankirt wurden.

Traugutt ließ, ohne eine Bewegung zu machen, einen scharfen, zischenden Ton aus seinen Lippen dringen.

Mit verdoppelter Geschwindigkeit tauchten sich die von den Händen des Soldaten bewegten Ruder in das Wasser.

Das Boot schoß, leichten Schaum vor seiner Spitze aufkräuselnd, dahin, noch wenige Augenblicke und es stieß unmittelbar neben dem großen Floß auf das sandige Ufer.

Traugutt sprang heraus – der Soldat befestigte das Fahrzeug an einen, weit zum Strom hin hervorragenden, knorrigen Ast.

Die Flissacken hatten ihr Mahl beendet, – das Feuer war ausgebrannt – Alles zur Abfahrt bereit, ein Mann stand neben dem Tau, mit welchen das Ende des Flosses an einen starken, in das Ufer gerammten Pfahl befestigt war.

Der Führer der Bemannung des Flosses näherte sich Traugutt.

»Dort!« sagte er kurz, mit der Hand nach den im immer heller aufsteigenden Morgenroth leuchtenden Punkten zeigend, welche noch immer durch die auseinander wallenden Nebel sichtbar waren.

Traugutt nickte mit dem Kopf.

»Meine Kleider,« sagte er ruhig.

Einer der jüngeren Flissacken sprang auf das Floß und brachte aus der darauf gezimmerten Hütte ein Bündel, das er zu den Füßen des Obersten niederlegte.

Der Ordonnanzsoldat nahm aus diesem Bündel zwei vollständige Flissackenanzüge, wollene Hemden, kurze Beinkleider, Bastschuhe und breite Strohhüte, Alles alt, schmutzig und vielfach zerrissen.

Traugutt hatte sich bereits vollständig entkleidet, sein Begleiter folgte seinem Beispiel, beide warfen ihre Kleider und Waffen, mit Steinen beschwert, in den Strom und in kurzer Zeit waren sie in ihrem Aeußeren von den übrigen Flissacken, welche das Floß bemannten, nicht zu unterscheiden.

Der Ankerpfahl mit dem Strick wurde vom Ufer gelöst, der Führer der Flissacken stellte sich an das lang in den Strom hinaus ragende Steuerruder am Hintertheile des Flosses, die Uebrigen, unter ihnen Traugutt und sein Begleiter, ergriffen die mächtigen langen Stangen mit doppelten eisernen Spitzen, durch welche an den Seiten, wenn der Grund erreichbar ist, die Bewegung des Flosses beschleunigt wird und welche zugleich dazu dienen, die schwerfällige Holzmasse von den Inseln und dem seichten Uferstrich abzustoßen. Der Violinspieler stellte sich in die Mitte des Flosses, lustig tönten die einfach originellen Tanzweisen in die vom aufspringenden Morgenwind etwas abgekühlte Luft hinaus und langsam bewegte sich die mächtige Maschine bis zur Mitte des Stromes.

Dort ergriffen sie die schnellen Wirbel und, fast ohne Nachhülfe der Strömung folgend, schwamm diese kleine abgeschlossene Welt, mit ihrem von dem Treiben der Menschen an den Uferländern des Flusses unberührten Stillleben, immer rascher und rascher hinab, dem fernen Meere zu.

Bald konnte man vom Floß aus die russischen Soldaten erblicken, die zur Seite der vorrückenden Colonne die Ufergebüsche durchstreiften.

Als das Floß an ihnen vorüberfuhr, hielten einige die Hand vor die Augen und schienen scharf hinüber zu blicken. Ein Offizier kam unmittelbar an den Rand des Ufers hinab und musterte durch ein Glas das Floß und seine Bemannung, welche in ihrer geringen Zahl auf der völlig frei zu übersehenden Holzfläche nur wenig verdächtig erscheinen konnten.

Der Mann am Steuer blickte, ohne eine Bewegung zu machen, ohne den Kopf zu wenden, mit ängstlicher Spannung nach dem Ufer hinüber, unmerklich das Floß mehr und mehr nach der anderen Seite hinlenkend.

Traugutt ließ einen Augenblick die Stange, welche er führte, mit der einen Hand los, schwenkte mit der andern seinen breiten Strohhut und rief ein schallendes Hurrah zum Ufer hinüber.

Die anderen Flissacken folgten seinem Beispiel, einige der russischen Soldaten erwiderten den Ruf, der Offizier nahm das Glas vom Auge und trat vom Ufer zurück, die Truppe setzte ihren Marsch fort und war bald von dem schnell in entgegengesetzter Richtung dahin treibenden Floß weit entfernt.

Die Spitze des Holzgefüges stieß mit leichtem Ruck auf einen im Wasser schwimmenden Gegenstand, der unter die ersten vorwärts treibenden Balken hinabtauchend, bald an der Langseite des Flosses wieder zur Oberfläche des Wassers emporstieg.

Man erkannte den Leichnam eines polnischen Freischärlers in grauer Blouse. Aus mehreren tiefen Brustwunden war das Blut ausgeströmt, der Schädel war von Kolbenschlägen zerschmettert, die gebrochenen Augen starrten grauenhaft aus dem verzerrten Gesicht zum Himmel empor, durch das gelbe Wasser des Stromes zog hinter der Leiche her ein blaß röthlicher Streifen.

Ein Schrei des Schreckens und Entsetzens entfuhr den Flissacken, welche zuerst dies furchtbare Bild erblickten, sie machten eine Bewegung, um mit ihren Stangen den leblosen Körper heranzuziehen.

»Niemand soll seinen Platz verlassen oder seine Stellung ändern,« rief Traugutt, fortwährend mit seiner Stange arbeitend, in tiefem Ton, der gebietend über das weite Floß hin hallte.

Alle gehorchten augenblicklich diesem Befehl, die lustigen Töne der Violine, die einen Augenblick verstummt waren, erklangen wieder und das Floß fuhr an der Leiche des unglücklichen Polen so ruhig und gleichgültig vorüber, wie an den hie und da im Wasser schwimmenden Holzstücken und Weidengebüschen, welche die Strömung vom Ufer losgerissen.

Die Sonne stieg über den Horizont herauf und ihr erster, über die flache Landschaft dahin schießender Strahl beleuchtete den blutigen entstellten Körper, der sich, in kreisender Bewegung, von den Wirbeln umhergedreht, immer mehr von dem Floß entfernte.

Zugleich sah man in weiter Entfernung noch einige andere Leichen über dem Wasserspiegel auftauchen und an den Aesten der niedrigen Weichselbäume am aufsteigenden Ufer konnte man die Körper erhängter Freischärler erkennen.

Mit starren, brennenden Blicken sah Traugutt auf dies so traurige und so entsetzensvolle Schauspiel hin ohne einen Augenblick die Arbeit mit seiner Stange zu unterbrechen.

»Arme Opfer einer heiligen Sache,« sprach er leise, »möge der Himmel Eure Seelen gnädig empfangen und möge er dem Vaterlande die Frucht so vieler Hingebung, so vielen vergossenen Blutes schenken, – für Polens Freiheit ist kein Preis zu theuer.«

Aus der Ferne her blinkten die Gewehre der russischen Truppen im Morgenlicht, der Knall einzelner Schüsse drang herüber, während unbeachtet, friedlich und ruhig das Floß dahin trieb, welches den obersten Führer der Revolution, das Haupt der stets vergeblich gesuchten unauffindbaren National-Regierung nach Warschau trug.

 << Kapitel 20  Kapitel 22 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.