Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
Schließen

Navigation:

Viertes Capitel.

Der helle Schein des Vollmonds lag über der flachen Ebene, welche sich an den Ufern der Weichsel ausdehnt, in jener Gegend, wo der kleine Fluß Wieprz, in der Nähe des polnischen Städtchens Ivangrod, etwa zwanzig Meilen südwärts von Warschau, sich in den mächtigen Strom ergießt, der von den Karpathen her seine gelblichen Wellen durch das Königreich Polen und Westpreußen nach der Ostsee hin rollt. Zu beiden Seiten der Weichsel erstrecken sich tief liegende Niederungen, welche in den kultivirten Provinzen von Preußen zu Fruchtfeldern von seltener Ergiebigkeit geworden sind, welche aber hier, tief im alten Polen, mit Weidengestrüpp und hohem Gras bewachsen waren.

Der breite Strom floß langsam und still dahin, an einzelnen Stellen über den unergründlichen Tiefen kräuselnde Strudel bildend; die sandigen, dem Meeresstrande ähnlichen, mit bunten, kleinen Kieseln bedeckten Ufer wurden von langsam heranrollenden kleinen Wellen überspült. In der Mitte des Stromes sah man in gewissen Entfernungen jene größern und kleinern Inseln, welche eine Eigenthümlichkeit des Weichselflusses bilden. Einige derselben sind reine, flache Sandbänke, in einem Jahre aufsteigend aus den Tiefen, im andern wieder verschwindend. – Andere ragen höher aus den Fluthen herauf, fest im Grunde wurzelnd, und tragen auf ihrer Oberfläche niedrige Bäume und kleine Gesträuche, zumeist jene langästige Weichselkirsche, aus deren Zweigen die bei allen Rauchern im Orient wie im Occident so beliebten wohlriechenden Pfeifenröhren geschnitten werden.

Die tiefe Stille der Mitternacht ruhte auf dieser einförmig großartigen Landschaft, man hörte nur das leise Rauschen der Blätter und Gräser im Hauch des Nachtwindes und zuweilen den eintönigen, klagenden Ruf einer Möve, welche, durch das Geräusch eines durch die Gebüsche schleichenden Wildes aufgeschreckt, schnell emporschoß, um sich bald wieder zu ihrem, im Ufergras verborgenen Nest herabzusenken. Nur an einer Stelle, wo der große Strom eine kleine Bucht in das Land hinein bildete, gegenüber einer der größern, aus der Mitte seiner Wirbel aufsteigenden Inseln, herrschte ein regeres Leben und menschliche Stimmen klangen durch die Stille der Nacht.

Hier lag an dem Ufer mit großen Stricken befestigt, eines jener mächtigen Flöße aus großen Stämmen von Bauholz gebildet, welche von den Karpathen her alljährlich nach den Handelsplätzen der Ostsee heruntergetrieben werden. Es ist eine besondere Klasse von Menschen, welche sich diesem, auf dem natürlichsten Wege betriebenen Holztransport widmet; die sogenannten Flissacken, die Abkömmlinge polnischer Bauern, übernehmen, in Gesellschaft von zwanzig bis dreißig Personen, die Ueberführung der gewaltigen Holzflöße aus den Wäldern Galiziens bis nach Danzig. Sie sind ein seit Generationen heimathloses Nomadenvolk. Sie erbauen auf dem Floß, das man ihnen übergiebt, kleine Holzhütten, wohnen und schlafen darin, und haben keinen Wohnsitz auf dem festen Lande; wenn sie das Floß an den Ort seiner Bestimmung geführt haben, empfangen sie ihren Lohn, verbrennen ihre alten Kleider, um sie mit neuen zu vertauschen und wandern zu Fuß, durch Wälder und Felder, den Zigeunern gleich, zurück nach den Abhängen der Karpathen, um ein neues Floß zu übernehmen und von Neuem sich von dem Strom, der ihre Heimath ist, nach der Meeresküste hinabtreiben zu lassen. Sie sind dabei ein heiteres, fröhliches Volk, das in seinen Hütten auf den Flößen lustig und heiter dahin lebt, keine Sorge kennt und mit den einfachsten Nahrungsmitteln, unter denen aber vor allem der Branntwein niemals fehlen darf, sich begnügt. Allen Söhnen der wilden Steppen gleich, lieben sie die Musik und auf jedem großen Floß finden sich wenigstens einige Violinen, welche zwar wenig an jene Instrumente erinnern, denen Paganini und Ole Bull so wunderbare Töne entlockten, bei deren Klängen aber das braune Volk der Flissacken, in unermüdlicher Fröhlichkeit Nachts beim Schein großer Feuer, seine eigenthümlichen Tänze ausführt, deren pantomomische Bewegungen mit dem ungarischen Czardas einige Aehnlichkeit haben.

Auch hier, in der einsamen Bucht, am Ufer der Weichsel, klangen die Töne einer ziemlich verstimmten Violine in schnellem Rhythmus durch die Nacht; ein großes Feuer, von trocknen Zweigen des Weichselgesträuchs genährt, warf seinen zitternden, dunkelrothen Schein auf eine Gruppe von Männern, Weibern und Kindern, welche sich um dasselbe gelagert hatten und ihr trocknes Brot mit eingesalzenem Fleisch und gepökelten Fischen unter lauten und fröhlichen Gesprächen verzehrten. Ein großer, irdener Henkelkrug mit Branntwein machte die Runde. Ein starker, stämmiger Mann stand in der Mitte des Kreises, die Violine im Arm, und einige andere Männer und Weiber tanzten nach diesen einfachen Klängen in bald langsamen, bald schnell umherwirbelnden Bewegungen, deren natürliche Anmuth manchem Tänzer in den Ballets großer Weltbühnen hätte zum Vorbild dienen können. Sie alle trugen große weite Hemden von farbigem Wollenstoffe, die Weiber kurze Röcke, die Männer bis an die Kniee reichende weite Beinkleider, die Füße mit einer Art Sandalen bekleidet, welche durch Bänder von Bast um die Knöchel festgehalten wurden. Das glänzende schwarze Haar hing bei Männern und Weibern in gleicher Länge, ungelockt und glatt, bis zu den Schultern hinab, aus den braunen Gesichtern heraus funkelten die brennenden schwarzen Augen und alle diese Gesichter waren intelligent und schön, von jener eigenthümlichen, halb wilden halb melancholischen Schönheit der slavischen Race.

Dies ganze Bild heitern ruhigen Stilllebens wurde plötzlich auf eine eigenthümliche Weise unterbrochen.

Man hörte neun Mal hintereinander den Klang eines Mövenschrei's, erst langsam, dann immer schneller in regelmäßigen Intervallen sich wiederholen.

Die ganze Gesellschaft horchte auf, die Klänge der Violine verstummten, die Tanzenden standen still, die an der Erde Gelagerten richteten sich rasch empor, Alle lauschten mit tiefster Aufmerksamkeit und alle diese dunkeln, glühenden Augen blickten forschend in die Finsterniß, welche den Feuerkreis umgab, und obwohl vom Mond beleuchtet, doch durch den Contrast mit dem Flammenschein dunkel und undurchdringlich erschien.

Einer der Männer, welche um das Feuer gelagert waren, erhob sich schnell und indem er die Hand an den Mund hielt, ließ er in täuschender Nachahmung den Schrei der Möve ertönen, in gleichen Intervallen, wie derselbe sich vorher hatte hören lassen.

Nach einigen Augenblicken hörte man eine raschelnde Bewegung im Gestrüpp, bald darauf traten zwei Männer aus der Dunkelheit in den erleuchteten Raum am Feuer.

Der eine dieser Männer trug die einfache Kleidung des polnischen Landvolkes, einen Pelz von Schaaffell, die wollige Seite nach außen gekehrt, Beinkleider von starkem Leinen, in hohe Stiefel gesteckt und eine runde Pelzmütze auf dem Kopf; in dem Gürtelband, das seinen Pelz um die Hüften zusammenhielt, steckten zwei Revolver und ein großes Messer in schwarzer Scheide. Der untere Theil seines Gesichts war mit einem dichten schwarzen Vollbart bedeckt, aber der Ausdruck seiner Züge, seine weißen Hände und die eleganten Waffen schienen nicht zu seinem ärmlichen Anzuge zu passen. Sein Begleiter, der mit leicht zögerndem Schritt ihm folgend, in den hellen Raum eintrat, trug einen weiten, dunklen Ueberrock von modernem Schnitt, der ihm bis zu den Knieen herab reichte, hohe, elegant gearbeitete Stiefel und einen runden grauen Hut; sein bleiches Gesicht mit kleinem zierlichem Schnurrbart zeigte die Spuren großer Ermüdung und Abspannung, sein tiefes dunkles Auge umfaßte mit einem halb neugierigen, halb traurigen Blick die Gruppe der Flissacken; wie unwillkürlich senkte sich seine rechte Hand in die Tasche seines Ueberrocks und zog halb aus derselben einen zierlich gearbeiteten, mit Elfenbein und Gold ausgelegten Revolver hervor.

Der Mann im Schaafpelz näherte sich demjenigen der Flissacken, dessen Haltung ihn als das Haupt der Gesellschaft bezeichnete, und sagte in polnischer Sprache:

»Ich suche den Obersten Traugutt, der hier in der Nähe sich aufhalten muß; – Ihr seid gute Polen, wie ich weiß; könnt Ihr mir den Weg zeigen, um das Lager des Obersten zu finden? Ihr wißt, daß jede falsche Angabe, jeder Verrath mit dem Tode bestraft wird.«

Der Flissackenführer richtete sich stolz empor und erwiderte: »Unter uns giebt es keinen Verrath und keine Lüge. – Der, den Ihr sucht, ist ganz in der Nähe und in wenigen Augenblicken sollt Ihr zu ihm geführt werden.«

Er winkte mit der Hand. – Zwei jüngere Leute seiner Gesellschaft eilten hinweg, zu dem dicht am Ufer liegenden Floß hin, lösten von dessen hinterer Seite ein kleines Boot und hielten sich bereit, die Ruder ergreifend, mit demselben vom Lande abzustoßen.

Der Führer der Flissacken bot den Fremden den Krug mit Branntwein, welchen dieselben nur leicht mit den Lippen berührten, dann führte er sie schweigend zu dem am Ufer liegenden Boot; – sie stiegen ein, und mit kräftigem Ruderschlag trieben die beiden Flissacken das kleine Fahrzeug durch die gelblichen Wogen der Weichsel hin, einer großen Insel zu, welche in der Mitte des Stroms, der Feuerstelle gegenüber lag.

Pfeilschnell und sicher schoß das kleine Boot über die kräuselnden Wellen des Stromes, kaum hörbar tauchten die Ruder ins Wasser und in weniger als einer viertel Stunde stieß die Spitze des Bootes auf den Ufersand der Insel. Die beiden Fremden stiegen aus, einer der jungen Flissacken ließ abermals jenen, in regelmäßigen Zwischenräumen wiederholten Mövenschrei ertönen und unmittelbar darauf trat aus dem Weidengebüsch des Ufers ein Mann hervor. Er trug eine Art von dunkelblauer Blouse mit rothen Aermelaufschlägen, weite Beinkleider von gleicher Farbe, bis zum Knie hinaufreichende faltige Stiefel, eine polnische, Pelz verbrämte, viereckige Mütze auf dem Kopf, einen krummen Säbel an der Seite, einen Carabiner in der Hand, zwei große Pistolen im Gürtelband. Die Mündung des Carabiners auf die Ankommenden gerichtet, trat er ihnen entgegen ohne ein Wort zu sprechen, nur mit dem Blick die Frage an sie richtend, was ihr Begehr sei.

Der Mann in der Tracht der polnischen Bauern näherte sich mit zuversichtlicher Sicherheit dem bewaffneten Posten und sprach mit einer Stimme deren Ton wie ein Befehl klang.

»Ist der Oberst Traugutt hier? Ich komme im Auftrag der National-Regierung, führe mich sofort zu ihm.« Zugleich trat er dicht an den Freischärler heran und sagte ihm leise ein Wort in's Ohr, das derselbe kaum vernommen hatte, als er mit militairischem Gruß die Hand an seine Mütze legte und sich schnell umwendend, den beiden Fremden voran durch das Gestrüpp nach dem innern Theil der Insel hinschritt. Der Mann im Schaafpelz warf den beiden Flissacken ein Goldstück zu, indem er ihnen sagte:

»Dank für Eure Mühe; Ihr dürft dies nehmen, es kommt von einem guten Patrioten.«

Die jungen Leute sprangen schnell zu ihm heran, küßten den Saum seines Rocks und eilten dann mit fröhlichem Lachen und allen Zeichen großer Zufriedenheit nach ihrem Boot zurück; die beiden Fremden folgten dem Freischärler.

Dieser schritt ihnen voran durch das dichte Weichselgestrüpp nach der Mitte der Insel; hier befand sich eine offene Stelle, mit Rasen bewachsen, welche im zitternden Strahl des Mondlichts ein eigenthümlich belebtes Bild darbot.

In der Mitte der Lichtung saß auf einem, von abgeschlagenen Baumzweigen gebildeten Sitz, ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, ähnlich gekleidet wie der Freischärler, welcher die beiden Fremden heranführte, doch war seine Blouse von dunkelgrauem Tuch und ohne farbige Abzeichen; auf dem Kopf, mit kurzem, leicht ergrauendem Haar, trug er die polnische viereckige Mütze, ebenfalls von dunkelgrauem Stoff; sein bleiches, scharfgeschnittenes Gesicht, dessen unterer Theil von einem kurzen, nicht sehr dichten Vollbart bedeckt war, drückte Energie, Muth und kalte Entschlossenheit aus; seine dunkelgrauen Augen blockten scharf und klar unter etwas hervortretenden buschigen Augenbrauen hervor, sein Blick hatte nicht das unruhige Feuer, das man so oft in den Augen der Sarmaten findet, – es lag darin eher ein kalt abwehrender Ausdruck, der zuweilen bis zu vollständiger Gleichgültigkeit herabsank; seine Gestalt war mittelgroß, schlank, nervig und muskelfest, es war eine jener Erscheinungen, bei deren erstem Blick man die Ueberzeugung gewinnt, daß sie mit unbeugsamer Beharrlichkeit und unermüdlicher Willenskraft das Ziel verfolgen, das sie sich vorgesteckt und eher zu Grunde gehen, als daß sie einen Schritt von dem betretenen Wege abweichen würden. Dieser Mann war der frühere Oberstlieutenant Romuald Traugutt, in jenem Augenblick der Oberste und unumschränkte Chef der ganzen polnischen Bewegung, von der geheimen National-Regierung in Warschau zu ihrem Präsidenten und zum Diktator des Königreichs Polen ernannt, nachdem Marian Langiewicz auf österreichisches Gebiet gedrängt und dort gefangen genommen worden war.

Er saß vorn übergebeugt, den Blick auf eine Karte gerichtet, die auf einem, aus Baumzweigen flüchtig hergestellten Tisch vor ihm ausgebreitet war; auf diesem Tisch brannte, zwischen zwei Zweige eingeklemmt, eine einzelne Kerze, deren Schein die Karte und einige neben derselben liegende Papiere erhellte und das Gesicht Traugutts scharf beleuchtete, während die ganze übrige Scene nur vom matten Licht des Mondes beschienen war.

Rings umher, in einiger Entfernung, standen verschiedene Gruppen polnischer Insurgentenführer; man sah hier Rudonski, einen jungen, hochgewachsenen Mann, mit schwarzem Haar und kleinem Schnurrbart; Malinowski, mit seinem starren Gesicht und dem Zug kalter Grausamkeit um die dünnen, fest geschlossenen Lippen, so wie mehrere andere weniger hervorragende Führer einzelner Streifkorps; sie alle trugen polnische National-Uniformen von ähnlichem Schnitt wie die Kleidung Traugutts, aber meist reich mit Gold und Scharlach verziert, rothe Gürtelbänder und prachtvolle Waffen; alle diese Gruppen sprachen eifrig und mit lebhaften Gestikulationen, aber mit gedämpfter Stimme, ehrerbietig erwartend, daß ihr Führer sein sinnendes Nachdenken beenden und sie zur Unterredung mit heranziehen werde.

Der Freischärler, welcher die beiden Fremden hergeführt hatte, trat in die Lichtung ein und näherte sich dem Obersten Traugutt in dienstlicher Haltung, zugleich erschienen die dunkeln Umrisse der beiden Fremden im Schatten der Gebüsche, am Rande der Lichtung.

Alle Gespräche stockten; Aller Blicke richteten sich auf die beiden neu Angekommenen.

Traugutt erhob langsam den Kopf und blickte den Freischärler fragend an.

»Ein Bote der National-Regierung,« sprach dieser, die Hand an der Mütze, »er hat mir das Losungswort gesagt und ich habe ihn hierher geführt.« Traugutt richtete den scharfen Blick auf die Gestalt der Fremden und winkte schweigend mit der Hand.

Der Mann in der Bauerntracht näherte sich ihm mit raschen Schritten, überreichte ihm einen Papierstreifen, auf welchem wenig Charaktere in einer geheimen Chiffer-Schrift sich befanden.

Traugutt prüfte das Papier und fragte dann mit einer klaren, trockenen Stimme:

»Wo ist er?«

Der Mann trat zurück und führte seinen jungen Begleiter in den Lichtkreis der Kerze; Traugutt stand auf.

Mit lauter Stimme, im Ton des Befehle, der keinen Widerspruch duldet, sagte er:

»Lassen Sie uns allein, meine Herren.« Schweigend traten die sämmtlichen Umherstehenden in die Gebüsche zurück; der Angekommene blieb mit dem Chef der Revolution allein. Traugutt prüfte die Gestalt des Fremden mit einem forschenden Blick und sprach dann mit ruhiger, gemessener Höflichkeit:

»Sie sind der Graf Constantin Kraniski, den das Comité der National-Regierung einberufen hat, um das Commando eines Frei-Corps zu übernehmen.«

»Der bin ich, mein Herr,« erwiderte der Graf mit seiner weichen sanften Stimme, – »ich habe den Ruf des Comités in Norderney erhalten und getreu dem Schwur, den ich einst in Paris den Führern der polnischen Sache geleistet, bin ich sofort gekommen, um zu erfüllen, was ich damals gelobt habe.«

Traugutt neigte leicht das Haupt und tauchte den scharfen, stechenden Blick forschend in das Auge des jungen Mannes, als erwarte er noch weitere Erklärungen desselben.

»Ich bin bereit,« sprach Graf Kraniski, nach einem augenblicklichen Zögern, »meinem Eid gemäß zu handeln, indeß zuvor habe ich die Verpflichtung, auszusprechen, daß ich nicht mehr derselbe bin, der ich war, als ich jenen Eid leistete, und um sogleich ganz offen zu sein, wie es unter Männern von Ehre nothwendig ist, ich bin gekommen, die Entbindung von meinem Schwur zu erbitten.«

»Ich weiß es,« sagte Traugutt ruhig, ohne daß eine Miene seines Gesichts sich veränderte.

Graf Kraniski sah ihn einen Augenblick erstaunt an, dann fuhr er fort:

»Als ich den Schwur leistete, mich, mein Leben, meine ganze Zukunft der Sache Polens zu opfern, stand ich allein in der Welt, ich hätte durch meinen Tod meine Eltern betrübt, aber mein Scheiden aus diesem Leben hätte keine unausfüllbare Lücke zurückgelassen, ich hatte das Recht, über mein Leben zu verfügen. Dieses Recht habe ich heute nicht mehr; ich habe ein anderes Leben an das meinige gekettet mit unauflöslichen Banden der Liebe, und ein Wesen, das mir das Theuerste auf Erden ist, würde vergehen in endlosem Jammer, wenn ich heute der Sache, der ich mich einst geweiht, zum Opfer fiele.«

Traugutt schwieg einen Augenblick, dann sagte er mit kaltem ruhigem Ton:

»Ich selbst stehe allein da, wenigstens knüpfen mich keine Bande an das Leben, deren Zerreißen andre Herzen würde brechen lassen, ich habe also nicht das Recht, mich Ihnen als Beispiel patriotischer Aufopferung hinzustellen. – Aber,« fuhr er fort, »unter den Männern, welche mit rücksichtsloser Opferfreudigkeit ihr Blut und Leben für die Befreiung des Vaterlandes einsetzen, welche dem Tode und – was unendlich mehr als der Tod ist – der schmachvollen Gefangenschaft trotzen, sind viele, welche durch die heiligsten Bande an das Leben geknüpft sind; viele, welche eine begeisterte Liebe im Herzen tragen, welche nicht nur wie Sie in den Illusionen jugendlicher Schwärmerei leben, sondern vor dem Altar ernste Pflichten übernommen haben, welche, wenn sie fallen, keine trauernde Geliebte, sondern Wittwen und Waisen zurücklassen. Sie alle haben keinen Augenblick gezögert, in die Reihen der Kämpfer für das Vaterland einzutreten, sie alle wenden den Blick nicht rückwärts, sondern schauen klar und fest auf das einzige Ziel, das einzige Ideal hin, für welches in diesem Augenblick das Herz eines Polen sich begeistern darf, auf die Befreiung des lange geknechteten Landes vom moskowitischer Herrschaft. Können Sie diesen Männern gegenüber freien Herzens und ruhigen Gewissens die Befreiung von Ihrem Eide verlangen, um den Augen Ihrer Geliebten Thränen zu ersparen, – Ihrer Geliebten, die nicht einmal eine Tochter unseres Landes ist, – wie jene Frauen, welche ihre Männer, die Väter ihrer Kinder, selbst antreiben zum heiligen Kampf?«

Der junge Mann senkte das Auge vor dem kalten, fast starren Blick Traugutt's, ein Zittern lief durch seinen Körper, tiefe Bewegung, ein heftiger innerer Kampf malten sich auf seinen Zügen.

»Ich habe erwartet,« sprach er mit dumpfer Stimme, »daß Sie mir sagen würden, was Sie mir so eben gesagt, und ich fühle, daß Sie mir nichts Anderes sagen können; ich hoffe,« fuhr er fort, das Auge mit glühendem Blick zu dem Obersten aufschlagend, »daß Sie meiner Bitte keinen anderen Beweggrund unterlegen, – Sie werden nicht glauben, daß die Furcht –«

»Die Furcht hat keinen Raum im Herzen eines Polen,« erwiderte der Oberst, »auch wußte ich genau vorher, was Sie bewegte. Die National-Regierung kennt jeden Schritt derjenigen, deren Namen in ihren Listen eingetragen stehen. Ich verdenke Ihnen Ihre Bitte nicht,« sprach er, indem ein wärmeres und freundlicheres Licht einen Augenblick seinen kalten Blick erhellte, »auch ich habe einst gefühlt, wie die Liebe das Herz bewegt und wie dieses Gefühl alles Andere zurückdrängt, was sonst das Streben und Leben des Menschen erfüllt, – ich verdenke Ihnen Ihre Bitte nicht, aber ich kann sie nicht erfüllen.«

Der junge Mann sah einen Augenblick schweigend zu Boden, abermals schien er heftig mit sich selber zu kämpfen und sprach dann, mit mächtiger Anstrengung seine zögernde Scheu überwindend, weiter:

»Sie haben Recht von Ihrem Standpunkt, Sie haben die thränenden Augen einer Geliebten nicht gesehen, Sie haben ihre verzweiflungsvollen Bitten mich ihr zu erhalten, nicht gehört, Sie können den Schmerz nicht verstehen, der meine Brust zerreißt bei dem Gedanken, sie einsam in der Welt zurückzulassen, nachdem kaum ihre Seele sich an die meinige geschlossen. Doch,« fuhr er mit fester Stimme fort, »ich muß Ihnen sagen, daß der Gedanke an meine Liebe nicht der einzige Grund ist, der mich bewegt, die Entbindung von meinem Eide zu erbitten; auch ohne diese Liebe bin ich nicht mehr derselbe, der ich war, als ich in jugendlicher Begeisterung mich und mein Leben der polnischen Sache zu opfern versprach; ich habe nicht mehr den Glauben an diese Sache, ich habe nicht mehr die Ueberzeugung, daß sie siegreich hinausgeführt werden kann, daß der Kampf, wie er jetzt begonnen ist, zur Freiheit und zum Glücke Polens führen könne.«

Traugutt stützte sich leicht auf seinen Säbel und blickte den jungen Mann, der in immer steigender Erregung gesprochen hatte, einen Augenblick schweigend an.

»Ich könnte Ihnen antworten,« sprach er dann, »daß Sie den Führern unserer Sache unbedingten Gehorsam versprochen haben und daß es daher in diesem Augenblick Ihre Sache nicht mehr sein kann, eine Kritik zu üben an den Maaßregeln, welche an leitender Stelle beschlossen oder gebilligt worden sind.«

»Diese leitende Stelle sind Sie, mein Herr,« erwiderte Graf Kraniski, »wie man mir in Warschau gesagt hat, und ich glaube deshalb, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zu haben, Ihnen offen auszusprechen, daß meine Gesinnungen und Anschauungen nicht mehr dieselben sind wie damals, als ich dem Comité in Paris meinen Schwur leistete, – auch dies Comité besteht ja heute nicht mehr, steht wenigstens nicht mehr an der Spitze der Bewegung.«

Traugutt neigte das Haupt. »Sie haben Recht,« sagte er, »ich halte in diesem Augenblick die Führerschaft des Aufstandes in Händen, Sie werden wissen, – die ganze Welt hat es gewußt, – daß Marian Langiewicz, der unermüdliche Soldat mit dem klaren Blick und dem festen Herzen zum Diktator des Königreichs von dem nationalen Comité in Warschau ernannt war. Langiewicz ist in Gefangenschaft gerathen und damit für den Augenblick für unsere Sache verloren; man hat mir die Ehre erzeigt, mich an seine Stelle zu setzen und ich werde diese Stelle einnehmen, bis es vielleicht gelingt jenen edlen Mann zu befreien. Sie haben auch Recht darin, daß die ganze Lage unserer nationalen Sache eine andere geworden ist, was natürlicher Weise geschehen mußte, sobald wir aus dem Gebiet der Conspiration hervortraten, um die offene Handlung, den freien Kampf im Sonnenlicht zu beginnen. Jenes Comité in Paris, durch welches Sie in unsern geheimen Bund eingeführt wurden, neigte zu einer unsicheren, schwankenden Vermittlung, die Ideen des edlen Marquis von Wielopolski, dieses Mannes mit dem reinen, vertrauensvollen Herzen, der an die Menschen glaubte, weil er selbst ohne Fehl und Trug ist, finden in jenen Kreisen zu viel Gehör – natürlich,« fügte er mit einem gewissen Anklange höhnischer Bitterkeit hinzu, »weil man dort ungern das Parket der Salons verläßt, um auf den rauhen und harten Boden der Schlachtfelder sich zu begeben. – Die Intrigue ist eben amüsanter und auch gefahrloser als der blutige Kampf. Während von dorther Zögern und Unsicherheit in unsere Aktion getragen wird, drängen von der anderen Seite die europäischen Revolutions-Comités in London und Genua zu einem unüberlegten, vorschnellen Handeln. Was liegt ihnen dort,« sagte er in erhobenem Ton, »an der nationalen Sache Polens, an der Zukunft unsers Vaterlandes? Sie kennen eben keine Nationalität, jene Herren von der europäischen Revolution, sie wollen nur, daß die Flammen möglichst hoch empor lodern, um ihren blutigen Schein über Europa zu werfen, die Cabinette zu schrecken, die Massen aufzuregen und überall hin Funken in den aufgehäuften Zündstoff zu schleudern; von diesen beiden Elementen muß die heilige Sache Polens gesäubert werden. Wir müssen sie ausschließen, auf der einen Seite jene vorsichtigen Diplomaten der Verschwörung, welche mit Glacéhandschuhen an den Händen das gewaltige Werk unserer nationalen Befreiung angreifen möchten, und ebenso müssen wir auf der andern Seite sie zurückwerfen, jene Dränger des Umsturzes, welche uns nur ausbeuten wollen zu einer gewaltigen Explosion, deren Erschütterung die Ordnung in der Welt zerstören soll, uns und unsere Zukunft aber ebenfalls unter den Trümmern begraben würde.

»Zwischen diesen beiden Elementen aber,« fuhr er fort, indem in seinem kalten und klaren Auge das Feuer einer tiefen Begeisterung aufleuchtete, »zwischen diesen beiden Elementen aber steht um so reiner und klarer die Sache der wirklichen nationalen Wiedergeburt unseres Volkes, diese Sache ist heute dieselbe wie damals, da Sie ihr den Schwur der Treue leisteten; diese Sache hat das Recht, von Ihnen die Erfüllung Ihres Schwures, das Opfer Ihrer Kraft, das Opfer Ihres Lebens zu fordern.«

Er schwieg.

Graf Kraniski stand mit gesenktem Blick vor ihm und schien die Worte zu suchen, um ihm zu antworten.

»Ich habe offen zu Ihnen gesprochen,« fuhr Traugutt fort, »nicht weil ich dazu eine Verpflichtung anerkenne – der oberste Führer einer so edeln, so schweren Sache hat es nicht nöthig, einem jeden der Kämpfer für dieselbe seine Gedanken mitzutheilen – Sie mögen allein den Geist des Ganzen zu erfassen suchen und wenn Sie's nicht vermögen, so ist vertrauensvoller Gehorsam Ihre Pflicht. Ich habe zu Ihnen gesprochen, weil ich Sie kenne, obwohl ich Sie nie gesehen, weil ich weiß, daß Ihr Herz edel und tapfer ist, daß Ihr Schwanken aus keinen unlauteren Motiven entspringt und weil ich nicht will, daß ein Mann wie Sie, der durch eine freudige und freiwillige Anspannung seiner Kräfte unserer Sache große Dienste leisten kann, widerwillig und schwankend sich ihr nutzlos opfere.«

Graf Kraniski schlug das Auge auf, tiefe Bewegung zitterte in seinem Blick.

»Mein Herr,« sagte er, »ich danken Ihnen für das Vertrauen, welches Sie mir schenken – ich –«

Traugutt erhob die Hand.

»Sprechen Sie nicht,« sagte er, »dadurch, daß ich überhaupt mit Ihnen geredet, wie ich es gethan, daß ich Sie nicht einfach auf Ihren Eid und den angelobten Gehorsam verwies, habe ich Ihnen gezeigt, daß mir an Ihrer freien und überzeugungsvollen Zustimmung gelegen ist. Sie bedürfen des Nachdenkens und der Sammlung, damit die streitenden Gefühle in Ihrem Herzen zu ruhiger Abklärung kommen können, Sie sind jetzt abgespannt von dem langen Wege, den Sie gemacht; Sie bedürfen der Ruhe und ich verlange von Ihnen, daß Sie sich dieselbe gönnen. Stärken Sie sich, schlafen Sie einige Stunden, dann werde ich weiter mit Ihnen sprechen.« Er winkte mit der Hand in einer gebieterischen Weise, welche jede weitere Antwort abschnitt, dann gab er mit einer kleinen silbernen Pfeife, die an seinem Halse hing, ein leises Zeichen und fast augenblicklich traten die Offiziere des Freicorps, welche sich vorhin zurückgezogen, wieder aus dem Schatten der Gebüsche hervor.

»Geben Sie diesem Herrn,« sagte Traugutt in kurzem, befehlendem Ton, »was wir von Nahrungsmitteln hier haben, und bereiten Sie ihm, so gut es geht, ein Lager, damit er seine erschöpften Kräfte wieder sammeln kann.«

Zwei Offiziere, welche mit dem besonderen Ordonnanzdienst bei dem Dictator betraut waren, näherten sich dem Grafen Kraniski, begrüßten ihn mit ausgezeichneter Höflichkeit in den Formen der besten Gesellschaft und führten ihn durch das Gebüsch zu einer zweiten, kleineren Lichtung, wo auf einem weißen, auf der Erde ausgebreiteten Tuch einige einfache Nahrungsmittel, aus geräuchertem und eingesalzenem Fleisch und Brot bestehend, so wie einige Flaschen vortrefflichen Ungar-Weins sich befanden; trotz der tiefen Aufregung des jungen Mannes, forderte die Natur ihre Rechte, er aß von den einfachen Speisen, welche die polnischen Offiziere mit ausgesuchtester Artigkeit ihm servirten und trank aus dem ihm gereichten Feldbecher den feurigen Rebensaft Ungarns auf das Wohl und die Zukunft Polens, dann warf er sich erschöpft auf das Strohlager, das man für ihn bereitet hatte. Er versuchte seine Gedanken zu sammeln und zur Klarheit zu kommen über das, was er so eben gehört, aber diese Gedanken verwirrten und verschleierten sich immer mehr und mehr, die ermüdete Natur trug den Sieg davon über die Anstrengung des Willens und bald war er in tiefen Schlaf versunken. –

Der Oberst Traugutt hatte sich inzwischen zu der Gruppe von Insurgentenführern gewendet, welche in ehrerbietigem Schweigen seine Anrede erwartete.

»Ist der General Mieroslawski angekommen?« fragte er.

»Er ist so eben an der Insel gelandet,« erwiderte Malinowski, »und wird sogleich hierher geführt werden.«

Traugutt nickte mit dem Kopf und ging dann schweigend einige Augenblicke auf und nieder, den Angekündigten erwartend.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.