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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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»Eure Majestät wissen,« sagte der Graf, »daß ich ein kurzes Memoire über die Vereinigung der Armeen der Mittel- und Kleinstaaten zu einem einheitlichen Heereskörper, und namentlich zur Herstellung eines festen verschanzten Lagers als gemeinsamen permanenten Dienstübungsplatz mitgenommen hatte, um die Ansichten der deutschen Fürsten und Staatsmänner über diesen Gedanken zu erforschen, der ja vollständig die Billigung Eurer Majestät hatte.«

»Weil er die einzige Reform des Bundes ausdrückt, die möglich ist und ohne eine Verletzung der Bundesgesetze ausgeführt werden kann,« rief der König, – »die Kriegsverfassung legt es in die Hände der Regierungen durch entsprechende Institutionen, die Einheit der Bundesarmeekörper herzustellen, – und Alles, was in dieser Beziehung durch gemeinschaftliches Einverständniß geschieht, bedarf keiner besonderen Bundesbeschlüsse.«

»Ganz in diesem Sinne Majestät war die Motivirung meines Memoires, und ich habe den Gegenstand, wie ich Eurer Majestät geschrieben, den Königen von Sachsen, Baiern und Würtemberg vorgetragen, so wie auch dem Kaiser von Oesterreich.«

»Seine Majestät der König von Sachsen,« fuhr der Graf fort, »hörte mich sehr aufmerksam an, – er fand auch den Gedanken sehr richtig, daß eine militairische Einigung der Mittel- und Kleinstaaten die dritte vermittelnde und verbindende Macht zwischen Preußen und Oesterreich bilden solle. Der König wies mich an seinen Kriegsminister von Rabenhorst, einen sehr energischen und entschlossenen Mann, – welcher sogleich die von mir nur flüchtig skizzirte Idee einer militairischen Trias – um mich so auszudrücken, nach ihrer praktischen Ausführbarkeit prüfte und in einer sehr klaren und übersichtlichen Ausführung, die ich bei mir habe und Eurer Majestät lassen werde, den ganzen Plan aufgestellt hat.«

»Vortrefflich, vortrefflich,« rief der König, »also sind wir dort wenigstens der Unterstützung sicher, – wenn diese militairische Einigung der eigentlich rein deutschen Bundesmächte schnell und nachdrücklich ausgeführt wird, so wird hoffentlich bald von allen diesen Bundesreformtheorieen keine Rede mehr sein.«

»Leider, Majestät,« fuhr Graf Decken fort, »kam der hinkende Bote nach. – Seine Majestät der König Johann erklärte mir nämlich, daß er bei allem Interesse für die Sache, bei aller Wichtigkeit, die er derselben beilege, dennoch bei dem beschränkten Militairbudget gar kein Geld zu ihrer Ausführung besitze, und auch nicht abzusehen vermöge, woher dasselbe zu beschaffen sein könne.«

»In Betreff der Mittel für Bundeszwecke haben ja aber die Stände keine Competenz,« sagte der König.

»Allerdings, aber dazu gehört ein formeller Bundesbeschluß,« erwiderte Graf Decken, – »und hier sollen ja nur Bestimmungen der Bundeskriegsverfassung zur Ausführung gebracht werden.«

»Ist das nicht dasselbe?« fragte der König.

»Ich sollte es meinen,« erwiderte Graf Decken, »und wenn alle Regierungen in dieser Auffassung einig wären, so würde dieselbe wohl leicht durchzuführen sein, – indeß schien mir der König Johann nicht geneigt, die Frage auf die Spitze zu treiben –«

»Und Herr von Beust, sein vielgewandter Minister?« fragte der König, »was sagt der dazu?«

»Herr von Beust,« erwiderte Graf Decken, »hat jedenfalls sehr viel Geist, – ich habe mit ihm ausführlich gesprochen, er kam von seinem Landsitz herein, – aber ich muß Eurer Majestät aufrichtig sagen, ihm fehlt eine Eigenschaft, auf welche ich bei einem Staatsmanne, der wirklich etwas Bedeutendes leisten soll, den entschiedensten Werth lege, Herr von Beust hat keinen militairischen Geist.«

Der König lächelte.

»Was verstehen Sie darunter?« fragte er.

»Darunter, Majestät, verstehe ich den klaren scharfen Blick, der die Realität der Dinge erfaßt und sich nicht in die Verfolgung von Theorieen verliert,« erwiderte Graf Decken, »der die Schwierigkeiten prüft, nicht um sich abschrecken zu lassen, sondern um sie zu überwinden, der vor allem den Entschluß fassen kann, vorwärts zu gehen, ohne sich durch den Strohhalm von kleinlichen Rechtsschwierigkeiten und Bedenken abhalten zu lassen.«

»Ich verstehe,« sagte der König.

»Diesen Geist, Majestät, hat Herr von Bismarck in so hohem Grade, er ist Militair in seinem ganzen inneren Wesen und seiner Auffassung der Verhältnisse, insbesondere der Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellen, – daher seine Erfolge, und nur, wenn man von der großdeutschen Seite sich von demselben Geiste wird durchdringen lassen, wird man im Stande sein, die drohende Gefahr zu beschwören, welche aus dieser Gährung aller Elemente im öffentlichen Leben Deutschlands emporsteigt.«

Der König schwieg und stützte den Kopf in die Hand.

»Von diesem militairischen Geist aber,« fuhr Graf Decken fort, »hat Herr von Beust gar nichts, – er betonte ebenso wie sein allergnädigster Herr die große Schwierigkeit der Beschaffung der Mittel zur Ausführung der militärischen Einigung der jetzt zersplitterten Bundescontingente – und entwickelte nun gerade aus dieser Schwierigkeit die Nothwendigkeit einer schleunigen Reform der deutschen Bundes-Verfassung, namentlich der Berufung eines Parlaments, welches dann durch seine ohne Zweifel ganz großdeutsche Majorität die Geldmittel bewilligen würde.«

»Das ist ja aber,« rief der König, lebhaft auf den Tisch schlagend, »der vollständigste circulus vitiosus, – um diese gefährliche und rechtlich ohne Stimmeneinhelligkeit unmögliche Bundesreform zu beseitigen, wollen wir die einzig praktische und richtige militairische Basis einer gesicherten Machtstellung der Mittel- und Kleinstaaten herstellen, – und Herr von Beust will wieder durch die Reform und das Parlament die Mittel dafür schaffen.«

»Das ist eben, Majestät,« sagte Graf Decken, »was ich den Mangel an militairischem Geist nenne; er versteht es eben nicht, daß es eine Unmöglichkeit ist, eine Batterie zu nehmen, wenn man erst die Kanonen derselben erobern will, um damit die feindliche Position zu beschießen. Leider sind heutzutage die Cabinette voll von solchen eigenthümlichen widerspruchsvollen Auffassungen.«

»Sie haben also kein positives Resultat aus Dresden mitgebracht?« fragte der König.

»Die vortrefflichen praktischen Gesichtspunkte des Generals von Rabenhorst, Majestät,« sagte Graf Decken, »und das ist immer Etwas, außerdem das Versprechen des Königs und des Herrn von Beust, jedem Vorgehen in der besprochenen Richtung ihre Unterstützung und Mitwirkung zu Theil werden zu lassen – und das ist immerhin viel, – wenn auch die Hintergedanken des Herrn von Beust über Bundesreform und Parlament Alles wieder illusorisch zu machen geeignet sind.«

»Ich begreife nicht,« rief der König, »wie Herr von Beust, der doch die Bewegung von 1848 so sehr empfunden hat, jetzt wieder geneigt sein kann, sich mit den Schützen und Turnern zu verbinden und dem parlamentarischen Princip eine Brücke in das Bundesleben zu öffnen.«

»Herr von Beust, Majestät,« sagte Graf Decken, »wird vor allem Anderen von einer ganz ungeheuren persönlichen Eitelkeit beherrscht, welche neben allen seinen hervorragenden Verstandeseigenschaften die besondere Eigenthümlichkeit seines Charakters bildet, – wer ihm Weihrauch streut, hat stets großen Einfluß auf ihn, und die Dosis kann ziemlich stark sein, – außerdem –«

»Außerdem?« fragte der König.

»Man hat mir erzählt,« fuhr Graf Decken fort, »Eure Majestät wissen, daß ich von Norderney her mit dem Herrn von Friesen und einigen sächsischen Herren durch die großdeutschen Bestrebungen bekannt bin, – man hat mir erzählt, daß gewisse finanzielle Verhältnisse es dem Herrn von Beust sehr wünschenswerth, ja nothwendig machen, unter allen Umständen Minister zu bleiben, und da nun die liberalen Wellen ziemlich hoch gehen, so –«

»Ich verstehe,« sagte der König, »es wird also im Ganzen wenig von dort zu erwarten sein?«

»Wenig Praktisches,« sagte Graf Decken, »viel Worte, der König ist ängstlich und vorsichtig, namentlich wo die Geldfrage in Betracht kommt, und Herr von Beust blickt mit einem Auge nach Wien, mit dem andern nach den Turnern und Schützen und hätte er ein drittes, so würde er auch noch nach Berlin sehen, wenn ihm Herr von Bismarck nur einmal den Gefallen thäte, sich in einen Depeschenwechsel mit ihm einzulassen.«

Der König schwieg.

»Von Dresden,« fuhr Graf Decken fort, »ging ich nach München, ich fand dort Knesebeck, Eurer Majestät Gesandten, der sogleich vollkommen begriff, um was es sich handelte, er ist Militair und hat militairischen Geist, er erfaßte den Gedanken, den ich ihm entwickelte, mit Lebhaftigkeit und führte mich sogleich überall ein, aber –«

»Aber?« fragte der König den Kopf erhebend, mit Spannung.

»Aber weder bei dem König Maximilian, noch bei Herrn von Schrenck fand ich das geringste eingehende Verständniß. Der König ist eine weiche schwankende, aus absolutistischen Instinkten und constitutionellen Doctrinen wunderbar gemischte Natur – er hat außerdem ein merkwürdiges specifisch baierisches Nationalgefühl, das ihm jede Organisation der deutschen Wehrkraft zu deutschen Gesamtzwecken überflüssig erscheinen läßt. Er hält das hat er mir nicht deutlich und direct gesagt, aber ich habe es doch klar genug aus seinen Worten entnommen, er hält Baiern allein für berufen, die vermittelnde Stellung zwischen Oesterreich und Preußen einzunehmen und scheint den übrigen deutschen Staaten keine andere Aufgabe zuzuschreiben, als sich politisch und besonders militärisch möglichst eng an Baiern anzuschließen. – Herr von Schrenck theilt diesen specifisch baierischen Standpunkt und ist mehr Büreaukrat als Staatsmann.«

»Der König Maximilian,« sagte Georg V., »hat in der Geschichte seines Hauses und in der Rolle, welche Baiern in Deutschland spielte, schon zur Zeit seiner welfischen Herzöge,« fügte er seufzend hinzu, »eine gewisse Berechtigung zu einer solchen Auffassung der Verhältnisse, und um so mehr, als die Stelle, welche Hannover, obwohl an Ausdehnung kleiner, doch durch seine geographische Lage in Deutschland einzunehmen berufen ist, so lange leer blieb, da meine Vorfahren, mit der Regierung des großen Weltreichs beschäftigt, wohl die materiellen Interessen ihres Stammlandes mit liebevoller Sorge pflegten, aber doch nicht daran denken konnten, seine politische Stellung in Deutschland auf die gebührende Höhe zu heben.«

Er richtete das Auge einen Moment sinnend zu Boden.

»Hannover hat die Küste des freien Meeres,« fuhr er, wie seinen Gedanken folgend, fort »und das wiegt schwerer als eine Anzahl von Quadratmeilen und Einwohnern, – Hannover ist norddeutsch und hat durch die Verwandtschaft der Bewohner und durch die Traditionen meines Hauses einige Beziehungen zu Preußen und den Hohenzollern, während uns zugleich die Geschichte auf die enge Verbindung mit Oesterreich und dem Hause Habsburg hinweist. Hier liegt unsere Aufgabe und ich danke Gott, daß er sie mich erkennen läßt, möge er mir die Kraft geben, sie ihrer Erfüllung näher zu bringen, damit, wenn es mir nicht vergönnt sein sollte, wenigstens meine Nachfolger den Platz einnehmen, welcher Hannover in Deutschland gebührt. – – Und Herr von der Pfordten?« fragte er abbrechend.

»Herr von der Pfordten, Majestät,« sagte Graf Decken, »den ich in Frankfurt später sah, hat mir sehr ausführlich seine Idee von der Trias entwickelt, diese Trias aber war wieder politisch und parlamentarisch, und vor Allem war es wieder Baiern allein, welches den Mittelpunkt der Trias bilden sollte, er unterschied sich in seiner Auffassung von dem Herrn von Beust nur dadurch, daß dieser einen allgemeinen parlamentarischen Urbrei einzurühren mir sehr geneigt schien, während Herr von der Pfordten eine Gruppirung der deutschen Mittelstaaten um Baiern, allerdings ebenfalls mit etwas parlamentarischem Kitt verbunden aufbauen möchte. Könnte man doch diesen Herren etwas von dem Geiste Bismarcks einflößen,« rief er, die spitzen Enden seines Schnurrbarts streichend, »er weiß, daß große Dinge in der Geschichte nur mit Blut und Eisen gemacht werden, sie aber wollen mit dem lauwarmen Wasser der constitutionellen Phrase die Schäden der Welt heilen.«

»Von München ging ich nach Stuttgart,« fuhr der Graf fort, »und ich war dort in der That erbaut und erhoben durch die fürstliche Erscheinung Seiner Majestät des Königs vom Württemberg.«

»Ein vortrefflicher Herr,« rief der König, »der sehr bestimmt weiß, was er will.«

»Ja, Majestät,« sagte Graf Decken ein wenig zögernd, »nur steht der König leider mit seinen Ansichten zu fest auf dem Boden der Vergangenheit, – wie das so häufig auch den klarsten Geistern im hohen Alter begegnet.«

»Ja,« sprach der König, »das ist die verhängnißvollste Schwäche der menschlichen Natur, – in der Jugend leben wir in der Zukunft, – im Alter in der Erinnerung, – wie wenig Zeit bleibt uns, um die Gegenwart mit ihren Forderungen und Lebensbedingungen frisch und klar zu erfassen! Und doch müssen die Könige vor Allen in ihrer Zeit leben und ihre Zeit verstehen!«

Er seufzte und fuhr leicht mit der Hand über die Augen.

»Der König begriff,« fuhr Graf Decken fort, »vollkommen den Gedanken, den ich ihm entwickelte, er verstand die hohe Bedeutung einer militairischen Einigung der mitteldeutschen Streitkräfte und bedauerte, daß eine solche nicht schon längst hergestellt sei zu den Zeiten der Ruhe und Ordnung, – gleichwie damals Preußen und Oesterreich den Vertrag geschlossen hatten, nichts ohne vorheriges Einverständniß an den Bund zu bringen, – so hätten,« meinte der König, »auch die übrigen deutschen Staaten sich unter einander stets vorher über ihre Abstimmungen verständigen sollen und als geschlossene Gruppe imponirend den Großmächten zur Seite treten, statt sich getrennt zum Object ihres Kampfes um den größeren Einfluß zu machen.«

»Bei diesen Ansichten mußte aber Seine Württembergische Majestät unsere Idee mit besonderer Bereitwilligkeit aufnehmen!« sagte der König.

»Und doch,« erwiderte Graf Decken, »wies der König dieselbe fast ganz zurück.«

Georg V. richtete den Kopf hoch empor und horchte gespannt.

»Seine Majestät,« fuhr der Graf fort, »sagte mir, daß er es für hoch bedenklich und gefährlich halte, auch für die beste und richtigste Idee in diesem Augenblick an der Verfassung des deutschen Bundes oder auch nur an den Institutionen zu rühren. Die Geister seien – und zwar auf unerklärliche Weise durch die große Mitschuld Oesterreichs, das völlig seine alten Traditionen verlassen habe – angefüllt mit dem Zündstoff der Reformidee, und sobald man nur in einem einzigen Punkte die Hand anlege zur Aenderung des bestehenden Zustandes, so würden jene Ideen in hoch gefährlicher Weise hervorbrechen – den vernünftigen und praktischen Gedanken verändern und mit den modernen Theorieen durchtränken, so daß er schließlich seine ursprüngliche Form ganz verlieren werde, – da leider – wie der König befürchtete, – die Regierungen nicht mehr die Kraft haben würden, ihren Plan und ihre Gedanken fest zu halten. Deshalb war seine Majestät der Ansicht, daß man gegenwärtig gar nichts thun dürfe, – man solle ruhig die Fluth der Reformideen verlaufen lassen und fest an dem Bestehenden halten, – denn wenn einmal der deutsche Bund in Auflösung geriethe, so sei nichts mehr fest und sicher in Deutschland und Alles würde dem Chaos zutreiben.«

»Es liegt viel Wahres in der Auffassung der Königs,« sagte Georg V. ernst und nachdenklich.

»Haben Sie den Kronprinzen gesehen?« fragte er dann, – »und die Kronprinzessin Olga, – eine Prinzessin von hohem Geist und festem Charakter.«

»Majestät,« sagte Graf Decken, »ich habe mich den kronprinzlichen Herrschaften gegenüber sehr zurückgehalten, – wenn ich ganz offen sein soll, scheinen mir gewisse Verhältnisse obzuwalten, die mir die größte Vorsicht – namentlich bei Mittheilung und Erörterung politischer Ideen auflegen mußten. Eure Majestät wissen, daß häufig auf dem Thron, auch bei den besten Familienverhältnissen eine gewisse Eifersucht auf die alleinige Autorität besteht.«

»Ich verstehe, – ich verstehe,« sagte der König, »das ist eine für das monarchische Princip sehr bedauerliche Erscheinung, durch welche die so nothwendige Continuität der Regierungen oft schwer erschüttert wird.«

»Ich hoffte,« fuhr Graf Decken fort, »daß ich in Wien ein um so klareres Verständniß für den Gedanken der militairischen Trias finden würde, –die ja ihrer Natur nach für Oesterreich nur günstig sein kann, da man doch nicht voraussetzen durfte, daß Oesterreich jemals die Selbstständigkeit der deutschen Bundesstaaten antasten werde, – ich hoffte, daß es mir gelingen würde, den Einfluß Oesterreichs auf die Höfe von Dresden, München und Stuttgart zu gewinnen, um dieselben zu größerer Autorität anzuspornen, – allein ich fand leider ganz das Gegentheil.«

»Mein Gott, mein Gott,« rief der König – »wo sind die alten österreichischen Staatsmänner geblieben?«

»Das fragte ich mich auch, Majestät,« sagte Graf Decken, »denn ich fand nirgends jene klare und scharfe Auffassung der Verhältnisse, welche in früherer Zeit die österreichische Staatskanzlei auszeichnete und selbst von ihren erbittertsten Gegnern anerkannt werden mußte. Ich habe Eurer Majestät bereits mitgetheilt, daß bei aller Gnade und Freundlichkeit, mit welcher der Kaiser mich empfing und anhörte, doch eine gewisse Verstimmung mir vorhanden zu sein schien, über deren Grund ich mir ebenfalls erlaubt habe, meine Voraussetzungen Eurer Majestät mitzutheilen.«

»Ich weiß –ich weiß,« rief der König, »ich hoffe, daß das bald verschwinden wird, – ich danke Ihnen übrigens noch besonders für Ihre Mittheilung, – Sie fanden also nicht die gehoffete eingehende Aufnahme Ihres Vortrages bei dem Kaiser?« fragte er abbrechend.

»Der Kaiser,« erwiderte Graf Decken, »verhielt sich in dieser Beziehung vollständig constitutionell ablehnend – was ja formell auch ganz richtig ist, aber sachlich mir sehr wenig Vertrauen einflößte, denn trotz aller constitutionellen Formen ist doch ein sehr absolutistischer Kern in der österreichischen Regierung –«

»Das ist ja auch gar nicht anders möglich,« rief der König, »wie sollen denn so verschiedene Elemente anders zusammengehalten werden, als durch die verbindende Kraft des monarchischen Willens.«

»Graf Rechberg,« fuhr Graf Decken fort, »mit dem ich sodann sprach, ist eine unendlich zurückhaltende Natur, ich konnte von ihm irgend eine Ansicht herausholen, er hörte – und hörte sehr aufmerksam, – doch hatte ich die bestimmte Empfindung, daß er meinen Gedanken nicht günstig sei, ja, daß er bereits auf dem Boden einer festgestellten Meinung über eine Modification der deutschen Bundes-Verfassung stehe.«

»Das ist ja nicht möglich,« rief der König, »wenn Oesterreich am Deutschen Bunde rühren wollte, das wäre ja fast Selbstmord, denn wenn das Bundes-Gebäude einmal ins Stürzen geräth, so müssen ja die Trümmer verderblich über Oesterreich herrollen.«

»Und doch, Majestät, habe ich die gewisse Ueberzeugung in mir, daß man in Wien über etwas brütet, ja daß man schon fertig mit seiner Ansicht und seinem Plan ist. Was mir das zurückhaltende Schweigen des Grafen Rechberg nicht sagte, das sagte mir die breite Redseligkeit des Herrn von Meysenburg, der ganz im Sinne der Herren von Beust und von der Pfordten über die Bundesreform sprach. In dem Kopfe dieses spiritus familiaris der Staatskanzlei schien sich mir ein wundersames mixtum compositum gebildet zu haben, aus liberal-parlamentarischen Reformgedanken, vermischt mit der Neigung, die alte Kaiserherrlichkeit des Hauses Habsburg wieder aufzurichten, das alles mit einer ultramontan-katholischen Sauce übergossen, in summa ein Gericht, an welchem Deutschland starke Unverdaulichkeit davontragen könnte!«

Der König lächelte. Dann blickte er ernst vor sich nieder. »Und da sollte wirklich schon ein fester Plan vorliegen?« fragte er »ich kann es kaum glauben – Stockhausen würde doch etwas davon erfahren haben.«

»Herr von Stockhausen, Majestät,« sagte Graf Decken, »ist so tief durchdrungen von der Unfehlbarkeit der Staatskanzlei, daß er sich vielleicht nicht die Mühe geben mochte, etwas zu erforschen, das man ihm nicht mittheilt – und man schien mir sehr geheimnißvoll in Wien zu sein.«

»Es ist mir hoch interessant, was Sie mir da sagen,« sprach der König nach einer Pause, »ich werde ernstlich darüber nachdenken, um für alle Fälle mit meinen Gedanken im Klaren zu sein. Wenn Oesterreich wirklich die Bundesreformfrage in Fluß bringen sollte,« fügte er kopfschüttelnd hinzu, »das wäre ja ganz im Preußischen Interesse gehandelt; Preußen könnte ja doch in der That nichts Besseres erwarten, als daß ihm die Bahn geöffnet würde, ohne daß es das Odium auf sich zu nehmen hätte, die alte Rechtsgrundlage zu zerstören – nein, nein es ist nicht möglich!«

»Ich wünschte,« sagte Graf Decken, »daß ich die Ansicht Eurer Majestät zu theilen im Stand wäre, aber nach meinen Eindrücken an Ort und Stelle kann ich es nicht.«

Ein Schlag ertönte an der Thür.

Der Geheime Cabinetsrath trat ein.

»Ein Schreiben aus Hannover« sagte er, »bringt so eben eine traurige Nachricht, die ich Eurer Majestät sogleich mittheilen zu müssen glaubte.«

»Nun,« rief der König, »was ist geschehen?«

»Der General Halkett ist gestorben, Majestät,« erwiderte der Geheime Cabinetsrath.

Der König neigte das Haupt und blieb eine Zeit lang schweigend stehen.

»Da ist wieder eine edle Seele heimgegangen,« sagte er dann, »ein ritterliches und braves Herz hat aufgehört zu schlagen, und ich habe einen treuen Diener verloren; immer mehr lichte sich die Reihen der Kämpfer aus jenen großen Tagen unserer Väter! Schreiben Sie sogleich nach Hannover an Brandis,« fuhr er fort, »daß der General mit den Ehren eines Feldmarschalls bestattet werden soll und daß ich selbst kommen werde, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.«

Der Kammerdiener trat ein.

»Ein Telegramm für Eure Majestät.«

Der König ergriff das Telegramm, riß schnell den Umschlag ab und reichte es dem Geheimen Cabinetsrath.

»Lesen Sie!«

Der Cabinetsrath durchflog den Inhalt, seine Lippen zitterten, fast ängstlich blickte er zum König auf. »Majestät,« sprach er, »es scheint, daß der heutige Tag Eurer Majestät nur schmerzliche Nachrichten bringen soll. Das Telegramm kommt –«

»Aus Berlin?« rief der König rasch mit zitternder Stimme.

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte der Cabinetsrath, »und es bringt die Nachricht, daß gestern Abends 6 Uhr Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich von Preußen sanft entschlafen ist.«

»Mein Bruder ist todt!« sagte der König leise und bedeckte die Augen mit der Hand.

Dann faltete er die Hände und bewegte eine Zeit lang die Lippen.

Graf Decken und der Cabinetsrath standen schweigend zur Seite.

»Bringen Sie der Königin die Nachricht, lieber Lex,« sagte der König dann mit ruhiger Fassung, »und bereiten Sie die Verfügungen an Malortie wegen der Trauer vor. – Auf Wiedersehen, Graf Decken,« fügte er mit sanftem Lächeln hinzu; »wir sprechen noch über Ihre Mittheilungen, jetzt, meine Herren will ich allein bleiben.« Er grüßte mit leicht geneigtem Haupt und setzte sich in seinen Stuhl.

Graf Decken und der geheime Cabinetsrath verließen das Zimmer.

Der König saß lange schweigend und stützte den Kopf in die Hand.

»Halkett todt,« sagte er in dumpfen Tone, »der Kämpfer von Waterloo, der Cambronne vor der Front der alten Garde des großen Napoleon gefangen nahm, jene Verkörperung der großen Zeit des Kampfes für die Heiligkeit des Rechts – mein Bruder Friedrich todt,« fuhr er mit tief wehmüthigem Klang der Stimme fort, »auch ein Streiter in dem großen Befreiungskampf – er, der Sohn meiner Mutter – der Sohn der Schwester der Königin Louise, er, die lebendige Erinnerung an alle die heiligen Traditionen, welche die Häuser der Welfen und Hohenzollern mit einander verbinden, die Erinnerung an Friedrich Wilhelm III., den vortrefflichen alten Herrn – todt – todt – sie sinkt dahin, die alte Zeit, und das gerade, als mir Decken berichtet von der Zerfahrenheit der Zustände in Deutschland, von der Verblendung Oesterreichs, das mit eigener Hand die Brandfackel in das kunstvolle Gebäude der deutschen Bundeseinigkeit werfen will! Sind das Zeichen der göttlichen Vorsehung, welche eine neue Zeit heraufführen will über den Gräbern der Vergangenheit? Eine neue Zeit in blutigem Morgenroth – denn Blut wird vergossen werden in Strömen, wenn einmal Alles zusammenbricht – und in all dem gährenden Wirrwarr,« rief er laut, »in all den durcheinanderstreitenden Elementen kein Mann, kein einziger großer und starker Geist, als nur der Eine – der Eine allein, der kalt und ruhig zusieht, wie sie geschäftig die Bollwerke des alten Rechts zerstören!«

»Mein Gott, mein Gott,« rief er, »soll es wahr werden in Deutschland, das alte Wort: »Quos Deus vult perdere prius dementat?«

Er ließ den Kopf auf die Brust herabfallen und versank in tiefes Nachdenken.

Zum offenen Fenster herein wehten die duftigen Sommerlüftchen und von den alten Bergwäldern des Harzes rauschte es in leisem Lufthauch herüber zu den ragenden Trümmern der Kaiserburg, in der einst der große Städtebegründer nachsann im tiefen Gemüth und klugen Sinn über des deutschen Reiches Macht und Herrlichkeit.

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