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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Drittes Capitel.

Hell glänzend stieg die glühende Sonne des Hochsommers, Sonntag den 16. August, am blauen, wolkenlosen Himmel über der Stadt Frankfurt empor und beleuchtete das glänzende und außergewöhnliche Schauspiel, das sich dort entfaltete. Die Frankfurter Bürger hatten in flüchtiger Eile ihren Morgencafé eingenommen, die Damen, welche so glücklich waren, an den bevorzugten Straßen zu wohnen, in denen fürstliche Gäste ihr Quartier aufgeschlagen, hatten ihre Plätze an den Fenstern eingenommen, umgeben von ihren weniger glücklichen Bekannten, welche sich heute in plötzlicher Herzlichkeit längst vergessener Beziehungen erinnerten, um auf Grund derselben einen Fensterplatz mit Aussicht in Anspruch zu nehmen, die Männer waren hinausgeeilt auf die Straßen, um aus nächster Nähe den vielfarbigen Glanz anzustaunen, den die auf einen Punkt vereinigte Pracht so viele Fürstenhöfe ausstrahlen mußte.

Und in der That war dieser Glanz ein außerordentlicher und blendender. Schon vom frühen Morgen an sah man Lakaien in den verschiedenfarbigsten gold- und silberglänzenden Livréen, Jäger mit wehenden Federbüschen und schwarzen Bärten über die Straßen eilen oder vor den Wohnungen der Souveraine stehen, man sah die prachtvollen Staatscarossen der Fürsten heranfahren, denn zeitig schon begaben sich die hohen Fürsten nach den Kirchen ihrer Confessionen, um ihre sonntägliche Morgenandacht zu verrichten, wonach sie dann dem Kaiser und sich untereinander ihre Besuche machen sollten. Man bewunderte das edle Metall an den Wagen und Geschirren, die herrlichen Pferde, die Puderköpfe der Kutscher und Lakaien, und indem man diesen äußeren Glanz bewunderte, begann man auch für das nationale Werk sich zu erwärmen, das hier gethan werden sollte, – zwar hatten die guten Frankfurter nur sehr unbestimmte Vorstellungen davon, aber so viel Pracht, so viel fürstliche Herrlichkeit konnte ja doch nicht umsonst und zwecklos verschwendet werden, etwas Gutes mußte doch aus alle Dem für Deutschland hervorgehen, es mußte »anders« werden und da man seit zwanzig Jahren in allen Blättern gelesen und von allen Tribünen gehört hatte, daß es sehr schlecht mit Deutschland bestellt sei, so freute man sich, daß es eben »Anders« werden sollte und darum begrüßte man jeden Fürsten, der durch die neugierige Menge dahinfuhr, mit lautem freudigem Zuruf.

Früh schon war der Kaiser Franz Joseph seiner Gewohnheit gemäß aufgestanden, er saß in dem stillen von der Straße abliegenden Zimmer des Bundespalais, das zu seinem Arbeitscabinet hergerichtet war, vor seinem Schreibtisch, auf welchem verschiedene nachgesendete Depeschen lagen, deren persönliche Erledigung der Kaiser mit seiner die Details erfassenden Arbeitskraft nicht unterbrechen wollte.

»So ist denn das große Werk begonnen,« rief der Kaiser, ein Papier, das er durchgesehen und mit einer kurzen Randbemerkung versehen hatte, auf den Tisch zurückwerfend, »die Fürsten Deutschlands sind nun auch versammelt und bereit, des neuen Deutschlands Bau zu gründen! Der Geist der Weltgeschichte umweht mich auf diesem Boden, auf welchem meine Vorfahren im Glanze der Kaiserherrlichkeit einhertraten.«

Ein Ausdruck freudigen Triumphes erleuchtete seine Züge.

»Keiner ist ausgeblieben,« sagte er, »sie Alle sind meinem kaiserlichen Ruf gefolgt und das ist ein erster, großer Sieg; man hat so lange von Berlin aus den alten Bund untergraben wollen, man hat die Geister erfüllt mit Mißtrauen gegen Oesterreich und gegen Habsburg,« sprach er, die Lippen zusammenpressend, »man hat die Führerschaft im geistigen Fortschritt in Anspruch genommen und jetzt? Um mich sind Deutschlands Fürsten versammelt, mit Jubel begrüßen die Völker Deutschlands mein Werk – dort aber in Berlin verzehrt sich die Kraft des Staates im inneren erbitterten Kampf zwischen Volk und Regierung, und einsam steht der Hohenzollernkönig abseits von dem großen nationalen Werk, zu welchem die Fürsten und das Volk von Deutschland sich die Hände reichen.«

Er stand auf und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder.

Dann blieb er stehen und neigte in sinnendem Nachdenken den Kopf.

»Es schmerzt mich,« sagte er leise, »daß ich so dem König Wilhelm entgegentreten muß, es zieht mich unwillkürlich hin zu ihm, sein einfaches, edles Wesen berührt mich sympathisch und doch, doch muß es sein, und er hat ja die Gegnerschaft aufgenommen, indem er in abwehrender Zurückhaltung meine Einladung ablehnte. Ich darf,« fuhr er den Kopf emporrichtend fort, »persönlichen Gefühlen keinen Raum geben, es handelt sich um die Zukunft meines Hauses, es handelt sich für Habsburg, die Krone in Deutschland wieder zu erringen und der alte Hexameter im Römer, der oft in meinen Gedanken wiedertönt, soll von Neuem zur Wahrheit werden:

Emicat his populo Majestas summa coronis!«

Der Kammerdiener meldete den Grafen Rechberg.

Auf den Wink des Kaisers trat der Minister des Aeußeren und des kaiserlichen Hauses in das Cabinet.

Graf Rechberg sah bleich und erschöpft aus. Sein kaltes, ruhiges Gesicht zeigte die Spuren einer gewissen Aufregung.

Der Kaiser trat ihm einen Schritt entgegen und reichte ihm freundlich die Hand.

»Sie leiden unter der unablässigen Anstrengung der letzten Tage,« sagte er im Tone herzlicher Theilnahme, »große Dinge können nicht ohne große Anstrengung erreicht werden, seien Sie überzeugt, daß ich Ihre aufopfernde Ergebenheit niemals vergessen werde.«

Der Graf verneigte sich.

»Im Dienste Eurer Majestät kenne ich keine Ermüdung,« sagte er ruhig.

Der Kaiser setzte sich vor seinen Schreibtisch und deutete dem Minister einen Stuhl neben demselben an.

»Ich bin unendlich gespannt,« sagte er, »zu hören, wie die Fürsten die Frage auffassen, Sie haben ohne Zweifel schon eine gewisse Fühlung über die Stimmung gewonnen. Das Volk scheint sehr gut gesinnt zu sein, die Rufe, die ich bei meiner Einfahrt hörte, waren nicht künstlich gemacht, sie waren der natürliche Ausdruck eines wirklichen Gefühls.«

»Denselben Eindruck habe ich gehabt, kaiserliche Majestät,« erwiderte Graf Rechberg, »auch wird durch meine Agenten bestätigt, daß nach dem ersten, mit etwas Zurückhaltung gemischten Erstaunen, überall in der öffentlichen Meinung unserer Initiative in dem Reformwerke eine freudige Begeisterung entgegengetragen wird.«

»So haben wir denn jene eigenthümliche und so wirksame Macht der öffentlichen Meinung,« sagte der Kaiser leicht lächelnd, »jetzt für uns, welche so lange der schlimmste und unversöhnlichste Feind Oesterreichs war.«

»Herr Fröbel, Majestät,« bemerkte Graf Rechberg, »hat in dieser Beziehung sehr gut gewirkt und sein früheres Unrecht gegen Oesterreich wieder gut gemacht, auch hat er jetzt ein sehr wirksames Mittel ersonnen, die Verhandlungen und Vorhänge hier dem deutschen Volke im richtigen Lichte darzustellen.«

»Nun?« fragte der Kaiser.

»Es wird eine lithographirte Correspondenz herausgegeben,« sagte der Minister, »welche die äußeren und inneren Vorgänge am Fürstentage täglich in ausführlicher Weise den Zeitungsredactionen zuführt. Bei der großen Neugier des Publikums wird diese Correspondenz überall Eingang finden und alles was hier geschieht, wird in der richtigen Weise in die Oeffentlichkeit dringen.«

»Gut, sehr gut!« rief Franz Joseph, mit der flachen Hand auf den Oberschenkel schlagend, »sehr gut! Nun aber die Fürsten und ihre Cabinette – wie ist da die Stimmung?«

Graf Rechberg schwieg eine Secunde.

»Ich habe verschiedene Minister gesehen,« sagte er, »diejenigen der größeren Staaten fast Alle und ich muß Eurer Majestät sagen, daß mir die Stimmung, die ich gefunden, nicht ganz gefällt. Ich habe da eine gewisse Zurückhaltung, eine gewisse Kälte bemerkt, welche nicht zu dem Geiste stimmt, in welchem Eure Majestät die Initiative ergriffen haben, und in welchem die ganze Sache behandelt werden müßte, wenn sie schnellen und sicheren Erfolg haben soll.«

»Man kennt unsere Propositionen noch nicht,« sagte der Kaiser, »und deshalb ist eine gewisse Zurückhaltung natürlich.«

»Es ist nicht das allein,« erwiderte der Minister, »trotz der Oberflächlichkeit meiner bisherigen Unterhaltungen, und trotz der Reserve, der ich begegnete und in welcher auch ich mich halten mußte, bemerkte ich doch zwei Strömungen, die mehr oder weniger scharf sich fast überall zeigten!«

Der Kaiser blickte gespannt und erwartungsvoll auf.

»Zunächst,« fuhr Graf Rechberg fort, »schien mir überall die Besorgniß vorzuwalten, daß die reformirte Bundes-Verfassung die monarchische Selbstständigkeit und Souverainetät der Einzelstaaten mehr einengen und beschränken könnte, als dies bisher der Fall war, man suchte in dieser Richtung von mir Mittheilungen und Erklärungen zu erlangen. Da ich indeß eine anticipirte Discussion unserer Vorschläge für sehr bedenklich halte, so setzte ich allen forschenden Aeußerungen eine unbedingte Zurückhaltung, die ja Eure Majestät auch befohlen haben, entgegen.«

Der Kaiser nickte zustimmend mit dem Kopf.

»Diese Stimmung,« fuhr der Minister fort, »halte ich indeß für weniger bedenklich, sie ist natürlich bei den auf ihre Souverainetät eifersüchtigen kleinen Regierungen und wird verschwinden vor der Pression, die Eurer kaiserlichen Majestät Autorität ausübt und vor dem noch größeren Drucke der öffentlichen Meinung.

»Weit weniger gefallen hat es mir aber,« sagte der Graf nach einer augenblicklichen Pause, »daß ich bei den meisten Ministern eine gewisse Verstimmung, ja Bestürzung darüber bemerkte, daß der König von Preußen nicht zu den Berathungen erschienen ist.«

Der Kaiser warf stolz den Kopf empor.

»Fürchten sie Preußen, wenn sie um mich versammelt sind?« fragte er.

Graf Rechberg zuckte die Achseln.

»Sie fürchten ohne Zweifel jeden Conflict,« antwortete er, »in dem allerdings richtigen Gefühl, daß bei einem ernsten, gar kriegerischen Conflict zwischen Oesterreich und Preußen ihre Sicherheit, ihr ruhiges Stillleben, ja ihre Existenz zunächst bedroht sind.«

»Vor allem,« rief der Kaiser, »wenn sie nicht fest zu einer Seite stehen! –

»Schließen sie ihre gesammte Macht um mich, steht Oesterreich und Deutschland fest vereint da, so hat wahrlich Niemand Grund, sich vor Preußen zu fürchten!«

»Ich habe nicht discutirt,« sagte Graf Rechberg, »dazu waren die Unterhaltungen zu kurz und zu flüchtig, und auch jetzt constatire ich Eurer kaiserlichen Majestät gegenüber nur den Eindruck, den ich empfing. Man warf mir ein,« fuhr er fort, »daß eine Aenderung der Bundes-Verfassung formell ohne Einstimmigkeit nicht möglich sei –«

»Aber wir haben nach der Bundes-Verfassung das Recht der Sonderbündnisse!« rief der Kaiser.

»In unserem Promemoria ist das ausgeführt,« sagte Graf Rechberg ruhig, »dort mögen es die Herren lesen, ich habe Nichts davon gesagt, um nicht zu effrayiren.«

Der Kaiser sann nach.

»Glauben Sie,« fragte er dann, »daß der König von Preußen kommen würde, wenn ich ihn noch einmal einlüde?«

»Ich glaube es nicht,« sagte Graf Rechberg, »man hat dort seinen Entschluß ohne Zweifel sehr genau erwogen u wird n davon abgehen, außerdem a scheint mir eine nochmalige Einladung nicht der Würde Eurer Majestät zu entsprechen, eine nochmalige Ablehnung würde die Spannung verschärfen und die Aengstlichkeit der Fürsten vielleicht noch vermehren.«

»Sie haben Recht,« sagte der Kaiser. »Fanden Sie jene Stimmung auch bei dem Baron Beust?« fragte er dann.

»Nein, Majestät,« erwiderte der Graf, »Herr von Beust, der in vielen wesentlichen Punkten von unsern Vorschlägen unterrichtet war, schien vollkommen überzeugt zu sein, daß gewisse Opfer an Selbstständigkeit der Staaten des Bundes nur dazu beitragen könnten, deren Zukunft zu sichern, und außerdem war er sehr durchdrungen von der Ueberzeugung, daß Oesterreich und die Bundesfürsten auch ohne, ja gegen Preußen nicht scheuen dürften, eine richtige und populäre Reform zu beschließen und durchzuführen.«

»Beust ist ein weiter und freier Geist,« sagte der Kaiser, »es ist schade, daß das kleine Sachsen ihm nicht genügend Spielraum für seine Kräfte bereitet.«

»Ich möchte fast sagen,« fuhr Graf Rechberg seinem Gedankengange folgend und über die Bemerkung des Kaisers hinweggehend fort, »daß Herr von Beust mir nach meiner etwas kalten und praktisch nüchternen Auffassung ein wenig zu gut gestimmt schien. Seine etwas sanguinische Anschauung der Sache unterschätzt vielleicht die Schwierigkeiten, die uns entgegenstehen und zu deren Bekämpfung wir nicht nur Festigkeit, sondern auch viel Geschicklichkeit anwenden müssen.«

»Und Hannover?« fragte der Kaiser, »haben Sie Graf Platen gesehen?«

Graf Rechberg zuckte fast unmerklich die Achseln und sprach mit einem leichten Lächeln:

»Graf Platen,« sagte er, »versicherte mich seiner großen Freundschaft für Oesterreich, indeß glaubte ich gerade bei ihm die ängstlichsten Bedenken wegen der Zurückhaltung von Preußen zu bemerken.«

»Hannover sollte doch am meisten entgegenkommen, um eine Reform zu Stande zu bringen, die ihm Sicherheit gegen alle Gefahren giebt,« sagte der Kaiser.

»Aber es hat auch bei einem Conflict am meisten zu fürchten,« erwiderte Graf Rechberg, »Graf Platen übrigens,« fuhr er fort, »ist jeder Pression zugänglich und seine Sympathieen gehören uns aufrichtig, allein er ist weit entfernt, eine maßgebende Stimme bei dem Könige Georg zu haben.«

»Hannover ist für uns sehr wichtig,« sagte der Kaiser, »schon bei Ertheilung der Kurwürde hatten wir dem Kurfürsten durch besondern Vertrag die Verpflichtung auferlegt, immer mit uns zu stimmen« –

– »wie bei der Verleihung der Reichsgrafenwürde von Hallermud die Platen sich verpflichteten, in der Grafenbank mit Kurhannover zu stimmen,« – bemerkte Graf Rechberg, »leider sind jene Verträge nicht mehr in Bestand.

»Dalwigk habe ich noch flüchtiger gesehen als die andern,« fuhr er dann fort, »er war fest, klar und bestimmt wie immer, auch ohne Scheu vor Preußen, wie man in Württemberg gesinnt ist, wissen Eure Majestät –«

»Ja, ja,« sagte der Kaiser, »der König hält jede Reform für gefährlich, – in dieser Zeit besonders, –« –

Er versank einen Augenblick in Nachdenken.

»Jedenfalls,« sagte er dann, »ist es sehr nützlich, über die Stimmungen vorher ein wenig orientirt zu sein und ich danke Ihnen sehr für Ihre Mittheilungen.«

Er blickte auf seine Uhr.

»Es ist Zeit zum Hochamte zu fahren,« sagte er, »Sie kommen auch in den Dom?«

»Zu Befehl, kaiserliche Majestät,« erwiderte der Graf.

»Die Brust ist mir beklommen,« sprach der Kaiser, tief aufathmend, »von der Macht der historischen Erinnerungen, welche bei diesem Gange in den alten Bartholomäusdom mich erfüllen. Wie viele meiner Vorfahren sind dort vor Gottes Altar getreten, um die Krone Deutschlands zu empfangen und mit dem heiligen Salböl der kaiserlichen Majestät ihre Stirne zu weihen!

»Es ist nicht eine Form, die ich erfülle,« sagte er, den Blick aufwärts richtend, »es ist nicht ein gewöhnlicher Gottesdienst, den ich heute begehe, ich will aus tiefer bewegter Seele beten, daß der Herr der irdischen Könige meinem Werke Seinen Segen gebe, daß er mir vergönne, dem Hause der Habsburger wieder den ehrenvollen Platz in Deutschland zu erringen, den ein feindliches Schicksal uns geraubt, ich will darum beten an der Stätte, an welcher die Geister meiner Ahnen segnend auf mich herabblicken müssen!«

»Und Gott möge Eurer Majestät Gebet erhören!« sprach Graf Rechberg mit voller Stimme, »zum Heile Oesterreichs und Deutschlands.«

Er verließ mit tiefer Verbeugung gegen seinen Souverain das Zimmer.

Der Kaiser klingelte, ließ sich Hut und Säbel reichen und schritt dann durch das Vorzimmer, wo Graf Crenneville, der zweite General-Adjutant Graf Condenhove und die Flügel-Adjutanten vom Dienst sich ihm anschlossen zu dem im Ehrenhofe des Palais haltenden einfachen zweispännigen Wagen.

Der Kaiser stieg mit dem Grafen Crenneville ein und fuhr schnell aus dem Palais, die übrigen Herren folgten in den Dienst-Equipagen.

Als der Kaiser durch die zur Seite tretenden Hofgensdarmen und Hellebardiere in ihren glänzenden reich in Scharlach und Gold schimmernden Uniformen aus dem Portal hinausfuhr, über welchem die große schwarzrothgoldene Fahne sich von dem leichten Windhauch im Morgenlicht langsam aufrollte, empfing ihn ein tausendstimmiger Jubelruf, der brausend zum Himmel emporstieg.

In dichten Massen füllte das Volk die Eschenheimer Gasse, das Erscheinen des Monarchen erwartend, die Mythe von den acht Schimmeln war seit dem gestrigen Abend außer Cours gesetzt, rasch hatte die mündliche Tradition von dem einfachen leichten Wagen des Kaisers mit dem Kutscher und Jäger ihren Weg durch alle Schichten der Bevölkerung gemacht und heute erkannte man ihn sofort überall, als er, oft durch die zudrängende Menge aufgehalten, nach dem Dome hinfuhr.

Vom Palais in der Eschenheimer Gasse setzte sich der jubelnde Begrüßungsruf immer lauter und begeisterter fort, die Hüte wurden hoch in die Luft erhoben, Tücher wehten aus den Fenstern und wenn die Kurfürsten des heiligen römischen Reiches deutscher Nation den Kaiser erwählt hätten wie in alten Tagen, seine Begrüßung hätte nicht lauter, nicht herzlicher und enthusiastischer sein können.

Das Antlitz des Kaisers strahlte von stolzer Befriedigung, seine glänzenden Blicke schweiften über dieses Meer von entblößten Häuptern, von freudig belebten Gesichtern hin und seine Lippen öffneten sich, als wollte er mit huldreichem Wort die grüßenden Rufe erwidern, während er mit der Hand dankend nach allen Seiten winkte.

Am dichtesten stand die Menge um den Dom versammelt.

Langsam fuhr der Wagen heran, der Kaiser sprang heraus und trat unter das Portal, wo der geistliche Rath Thissen und der Kirchen-Vorstand ihn empfing.

Mit tiefem, feierlichem Ernst benetzte der Kaiser die Finger mit dem dargebotenen Weihwasser und leicht das Zeichen des Kreuzes auf Stirn und Brust machend, trat er durch das Portal in die dicht gefüllte Kirche.

Umgeben von seiner ganzen geistlichen Assistenz trat ihm hier der Bischof von Limburg in vollem Pontificalornat entgegen, den hohen in Gold und Edelsteinen strahlenden Krummstab in der Hand.

Es war ein charakteristisches und alle Zuschauer tief ergreifendes Bild, das hier am Eingang des alten Kaiserdomes sich zeigte.

Der Bischof hielt sich ein wenig vorn übergebeugt, das Haupt mit den um die Tonsur her kurz geschnittenen, leicht ergrauenden Haaren, – ein Geistlicher trug die Mitra – neigte er dem Kaiser entgegen; ein freundlicher Ernst, in welchem sich die selbstbewußte Würde des Kirchenfürsten mit der Ehrerbietung gegen den Monarchen vereinte, lag auf den intelligenten Zügen seines mageren Gesichts mit dem scharf geschnittenen Profil und indem er den dunkeln Blick seines tiefliegenden Auges zu den Gewölben des Domes aufschlug und dann wieder herabsenkte, erhob er die Hand zum Segen gegen den Nachkommen der Schirmherren der katholischen Kirche.

Hoch aufgerichtet in militärischer Haltung stand vor ihm der Kaiser. Wohl neigte er leicht das Haupt vor dem Segen des Bischofs, wohl trugen seine Züge den Ausdruck andächtiger Ehrfurcht vor dem heiligen Orte und dem Priester, der ihn im Namen Gottes begrüßte, aber Hoheit und stolze Freude leuchteten aus seinen Augen, als er den Blick über die dichtgedrängte Menge schweifen ließ, welche die Räume des Tempels erfüllte, der so viel Glanz seines Hauses gesehen, und in den er jetzt eintrat, nachdem er die deutschen Fürsten um sich versammelt, deren Vorfahren die Vasallen seines Hauses gewesen waren.

Der Bischof knüpfte in den Begrüßungsworten, die er an den Kaiser richtete, an diese historischen Erinnerungen an, er dankte dem Kaiser für dessen Beitrag zur würdigen Restauration des alten Doms und schloß mit einem Gebet für die Durchführung des unternommenen Reformwerkes zum Heile Deutschlands. Die Stimme des Bischofs, nicht laut und stark, tönte doch mit voller Klarheit durch den tief stillen Raum, Franz Joseph erwiderte mit von innerer Bewegung fast ersticktem Ton einige Worte und begab sich dann, von der Geistlichkeit geleitet, zu dem an der Seite des Hochaltars für ihn aufgestellten Betstuhl, während vom Chor her das Domine salvum fac imperatorem durch den weiten Raum des Schiffes der Kirche tönte.

Das Hochamt begann – in tiefer Andacht folgte der Kaiser der heiligen Handlung und als das ite, missa est ertönte und die Feier beendet war, schritt er rasch durch die ehrerbietig ihm Raum gebende Menge dem Ausgange zu und stieg in seinen Wagen.

Und nun begann in den Straßen von Frankfurt ein Leben und Treiben wie es seit den Glanztagen des großen Napoleon in Erfurt und seit dem Wiener Congreß keine Stadt gesehen. Hin und her fuhren die Könige und Fürsten in ihren Galaequipagen um einander die Bewillkommnungsbesuche zu machen, und unermüdlich hielten die Frankfurter in dichter Menge die Zeil und die anliegenden Straßen besetzt, um die fürstlichen Hin- und Herfahrten zu verfolgen.

Jedermann bewunderte das herrliche Viergespann der Isabellen des Kurfürsten von Hessen. Obgleich der Kurfürst sonst nicht einer besonderen Popularität sich zu erfreuen hatte, so wurde er doch in der Stimmung des Augenblicks überall mit lebhaften Zurufen begrüßt; fast erstaunt blickte er, mit dem ihm eigenen, mürrischen Ausdruck, auf die jubelnde Menge, welche nicht müde wurde, sich ihre Bemerkungen über das eigenthümliche, langgeschwänzte und langmähnige Viergespann mitzutheilen.

Nicht mindere Aufmerksamkeit erregte die glänzende Equipage des Königs von Hannover mit den scharlachrothen Livreen und den weiß gepuderten Zopfperrücken der Kutscher und Lakaien, hier waren aber nicht nur die herrlichen mausegrauen Pferde, ohne alle Abzeichen, der Gegenstand der Theilnahme des Publikums, sondern mit sympathischem Interesse betrachtete Jedermann das edle Antlitz des Königs, dem ein hartes Schicksal das Augenlicht genommen, und der doch mit so heiter ruhigem Ausdruck grüßend, das Haupt neigte bei dem Zuruf der Menge.

Die altfränkische, in schwerer Pracht etwas überladene Carosse des Großherzogs von Baden, die dunkelrothen, mecklenburgischen Livreen und der gewaltige Kutscher des kleinsten der deutschen Bundes-Souveraine, des Fürsten von Lichtenstein; das Alles erhielt die Frankfurter in ununterbrochener Aufregung und Spannung, und gab ihnen Anlaß zu vielen, theils witzigen, theils ernsten Bemerkungen, welche die Fürsten, wenn sie sie hätten hören können, vielleicht nicht angenehm berührt hätten.

Doch war alle diese Kritik im Allgemeinen stets eine durchaus wohlwollende und sympathische, denn die Souveraine waren ja gekommen, um persönlich in Berathung zu treten, wie dem allgemeinen, in der ganzen Nation tief gefühlten Bedürfniß abgeholfen werden könne, und das, die ganze Stimmung beherrschende Gefühl war dankbare Anerkennung über diese fürstliche Initiative.

Durch alles dies glänzende und bunte Treiben hindurch schritt Fräulein Bertha Holberg, von dem Hause des Herrn Partner her, über die Zeil hin; in raschem Schritt bewegte sich das junge Mädchen durch die dichten Gruppen, keinen Blick warf sie nach den glänzenden fürstlichen Equipagen hin, welche sich in der Mitte der Straße begegneten. –

Ihr von einem kurzen, dunkeln Schleier fast bedecktes Gesicht war bleich, und zeigte die Spuren einer schlaflosen Nacht; der sonst so fröhliche Blick ihrer Augen und das heitere Lächeln ihrer Lippen war verschwunden, schmerzliche Resignation lag auf ihrem ernsten, sinnenden Gesicht und von Zeit zu Zeit hob sich ihre Brust zu einem leichten, schmerzlichen Seufzer.

Sie wendete sich nach der alten Stadt hin und trat, mit einer gewissen Scheu um sich blickend, in die enge, schmale Judengasse. Fast ängstlich sah sie an den hohen, finstern Häusern empor und senkte schnell das Auge zu Boden, so oft sie ein forschender Blick der aus den Fenstern schauenden Frauen und Kinder traf.

Die Nummern der Häuser verfolgend, war sie an das Haus des alten Davidsohn gekommen; sie sah prüfend auf den Laden, las das kleine Schild über demselben und öffnete dann, nach einem kurzen Zögern, mit fester Willensanstrengung ihre zitternde Hand zwingend, die Ladenthür.

Der große, dunkle Raum war leer. Fräulein Bertha blieb einen Augenblick neben der Eingangsthür stehen, mit einem gewissen neugierigen Erstaunen all diese wunderbar verschiedenen Gegenstände betrachtend, die hier nebeneinander aufgeschichtet waren.

Bei dem Ton der Glocke, an welche die geöffnete Thür angeschlagen hatte, trat aus dem kleinen Cabinet, dem Eingang gegenüber, die Tochter des Antiquitäten-Händlers und diese beiden, so jungen und so schönen Mädchen standen sich einen Augenblick schweigend gegenüber.

Merkwürdig war der Contrast der beiden Erscheinungen. Fräulein Bertha blickte in zitternder Aufregung zu der schönen Jüdin hinüber, welche, ohne sie zu kennen, so tief einschneidend in das innere Leben ihres Herzens eingegriffen hatte. Sie umfaßte mit einem brennenden, forschenden Blicke ihre Gesichtszüge und ihre Gestalt, dann senkte sie mit einem leisen Seufzer die Augen nieder, sie mußte sich sagen, daß die Schönheit und Anmuth dieser Erscheinung, welche hier in der dunkeln und finstern Umgebung des alten Kaufgewölbes ihr gegenüber stand, jeden Vergleich mit den Damen anderer Kreise auszuhalten im Stande war.

Die schöne Lea trat ruhig einen Schritt vor und fragte mit höflichem Ton nach den Wünschen der Eingetretenen. Bertha ging ihr entgegen, reichte ihr die Hand und sprach, indem ein feuchter Schimmer ihren Blick verhüllte, mit treuherzig freundlichem Ton:

»Ich komme nicht, um Ihren Laden zu sehen, ich komme nicht, um zu kaufen, – ich komme zu Ihnen, mein Fräulein, um mit Ihnen zu sprechen und Ihnen die Grüße eines Freundes zu bringen.«

Erstaunt blickte Lea auf, sie schien in ihren Erinnerungen zu suchen, aber sie fand keinen Schlüssel zu der Erscheinung und Anrede dieser jungen Dame, welche sie nie vorher in ihrem Leben gesehen hatte.

»Ich bringe Ihnen Grüße von meinem Vetter Ferdinand Partner,« sagte Bertha, wie mit einem raschen Entschluß sogleich auf den Gegenstand ihres Besuches eingehend.

Lea zuckte zusammen, eine schnelle Röthe flog über ihr Gesicht, lebhaft ergriff sie Bertha's Hand, führte sie aus dem Laden in das kleine, hinter demselben liegende Cabinet und zog sie neben sich auf das Canapé.

»Sie sind seine Cousine, – sie kommen von ihm – Sie wissen –,« sagte sei in lebhafter Verwirrung.

»Ich weiß Alles,« sagte Bertha, »ich bin nicht nur seine Verwandte, sondern auch die Freundin seiner Jugend, er hat mir gestern Abend sein Herz geöffnet, und ich finde Alles erklärlich und natürlich, nachdem ich Sie gesehen,« fügte sie mit einem wehmüthigen Lächeln hinzu.

Lea schlug die Augen nieder und wartete zitternd auf die weiteren Mittheilungen, welche diese, so plötzlich ihr entgegentretende Fremde ihr machen würde.

»Mein Vetter,« sagte Bertha, »hat sein Wort gegeben, Sie nicht wiederzusehen, bevor Ihr Vater mit meinem Oheim gesprochen haben würde. – Er hat mich gebeten, zu Ihnen zu gehen und Ihnen zunächst die Grüße seiner Liebe zu bringen –, dann soll ich Ihnen sagen, daß Sie Muth und Hoffnung nicht verlieren mögen, er werde, was auch kommen mag, fest an Ihnen halten und keinen Kampf scheuen.«

Traurig blickte Lea zu ihr auf.

»Er hat es mir gesagt,« sprach sie, »und ich weiß, daß er niemals seinem Worte untreu werden wird. – Aber,« fuhr sie fort, »darf ich es zugeben, daß er um meinetwillen mit seinem Vater, mit seiner Familie sich entzweit, daß er die heiligsten Bande der Natur löst, daß er allein und einsam in die Welt hinaustritt um meinetwillen? Kann ich ihm Ersatz geben für das, was er verliert?«

Bertha zwang sich zu einem freundlichen Lächeln.

»Ich habe Ihnen gesagt, was mein Vetter mir aufgetragen hat,« sprach sie, »doch fürchten Sie nicht, daß es zum Aeußersten kommen werde, es ist ja noch kein Grund da, um die Dinge so schwarz anzusehen; noch läßt sich ja Alles vielleicht freundlich und glücklich lösen.«

»Sie wollen mich trösten,« sagte Lea; »sagen Sie mir aufrichtig, glauben Sie selbst an eine glückliche Lösung, glauben Sie, daß Ihr Oheim die Vorurtheile überwinden könne, welche in Ihren Lebenskreisen gegen uns bestehen, und welche, wie ich gehört, bei ihm fester und unüberwindlicher sein sollen als bei Andern?«

Bertha schlug die Augen nieder.

»Sagen Sie mir selbst,« fuhr Lea fort, »würden Sie, die Sie ja selbst in jenen Kreisen aufgewachsen sind, diese Vorurtheile überwinden können?«

Sie faltete die Hände in einander und blickte mit ängstlicher Spannung Fräulein Bertha an. Diese erwiderte voll und klar ihren Blick und sprach mit fester Stimme:

»Ich habe es nicht nöthig, ein Vorurtheil zu überwinden, denn ich habe ein solches nie gehabt und hätte es bestanden, so würde es bei Ihrem Anblick verschwunden sein.«

»Ist das Ihre wirkliche, aufrichtige Meinung,« fragte Lea, indem sie, wie erleichtert, tief aufathmete.

»Es ist meine aufrichtige, wirkliche Meinung,« erwiderte Bertha. »Sie werden es mir um so mehr glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich selbst nur eine Fremde bin in jenen abgeschlossenen Kreisen der Frankfurter Bürgerschaft.

»Ich bin,« fuhr sie fort, »wohl die Nichte des alten bürgerstolzen Kaufmanns Partner, meine Mutter war seine Schwester, aber meine Mutter hatte, ihrem Herzen folgend, jene Kreise verlassen, und wenn ich wieder aufgenommen bin in das Haus meines Oheims nach dem Tode meiner Eltern, so fühle ich doch, wie dort ein fremder Geist mich anweht und das Blut meines Vaters, den meine arme Mutter so sehr liebte, empört sich in mir gegen den Zwang, mit welchem die alten starren Vorurtheile den freien Zug des menschlichen Herzens einengen möchten.

»Ich bin,« sagte sie lächelnd, indem zugleich ein tief wehmüthiger Zug sich um ihre Lippen legte, »ich bin Ihre natürliche Verbündete, und seien Sie überzeugt, daß ich das Aeußerste thun werde, was in meinen Kräften steht, um in diesem Kampf gegen das Vorurtheil zu siegen, – haben Sie Hoffnung, – auf unserer Seite ist Jugendmuth und ein fester Wille, – sollte die fröhliche frische Gegenwart nicht die starren Grundsätze vergangener Tage überwinden können?«

Ihre Worte klangen fröhlich und hoffnungsreich, aber der Ausdruck ihrer Züge, die Blicke ihrer Augen waren so traurig, so schmerzvoll und thränenschwer, daß Lea sie erstaunt ansah, als sie ihr die beiden Hände reichte.

Sie ergriff diese Hände in rascher Bewegung und hingerissen von dankbarem Gefühl gegen dies junge Mädchen, das sie in der traurigen Einsamkeit ihrer schmerzlichen Gedanken aufgesucht hatte, um ihr freundliche Theilnahme, Trost und hoffnungsvollen Zuspruch zu bringen, beugte sie sich hinab und drückte ihre Lippen in heißem Kuß auf die schlanken weißen Finger der Freundin ihres Geliebten.

Bertha zuckte zusammen bei der Berührung dieser glühenden Lippen; mit dem Ausdruck jähen Schmerzes richtete sie ihre Augen nach oben; ihre Brust hob sich in einem tiefen, schweren Athemzug und aus ihren geöffneten Lippen schien ein Aufschrei hervordringen zu wollen, aber mit gewaltiger Anstrengung, zusammenzuckend unter der Anspannung ihrer Willenskraft, drückte sie ihre Bewegung nieder und mit sanfter, ruhiger Stimme sprach sie:

»Nicht so, meine Freundin, die Geliebte meines Jugendfreundes, meines nächsten Verwandten hat ihren Platz an meinem Herzen!«

Leise zog sie ihre Hände zurück und öffnete die Arme, in lautes Schluchzen ausbrechend, warf sich Lea an ihre Brust.

»O, Sie sind gut,« rief sie, »Sie sind nicht wie die anderen hochmüthigen Frauen Ihres Volkes, die voll stolzen Uebermuthes herabblicken auf uns. Sie sind gut, wie er mir oft erzählt hat, wenn er von Ihnen sprach!« –

»Sprach er von mir?« fragte Bertha mit einem unendlich schmerzlichen Lächeln.

»Oft,« rief Lea, »oft hat er von Ihnen gesprochen, er hat mir erzählt, daß Sie seine Jugendfreundin gewesen, daß Sie ihm fast näher ständen als seine Schwester, er hat mir gesagt, daß Sie auch meine Freundin sein würden. Er hat Recht gehabt,« sagte sie, den Kopf von Bertha's Schulter emporhebend und ihr in die Augen schauend mit einem Blick in welchem Glück und Hoffnung durch den Thränenschleier leuchteten wie der Strahl des Sonnenlichts durch den letzten Nebelsaum der dahinziehenden Wolken. »Wie glücklich bin ich,« sprach sie mit innigem Gefühl, »wenn ich in Ihre lieben, klaren Augen sehe; ich bin so allein gewesen, ach so allein mein ganzes Leben, und die Gespielen, die ich hätte haben können, sie waren meinem Herzen so fremd, es thut so wohl, ein theilnehmendes Herz zu finden, es ist so süß, sagen zu können: Meine Freundin! Ich darf so sagen? Nicht wahr?« fragte sie erröthend mit lieblich fragender Verlegenheit im Blick.

Bertha küßte ihre Stirn, der Zug schmerzlichen Leidens verschwand von ihrem Gesicht, voll Rührung sprach sie: »Meine Freundin, Gott möge Sie so glücklich machen als Sie es verdienen.«

»Dank! Dank!« rief Lea, »und ich will den Gott meiner Väter bitten Tag und Nacht, den Gott, der ja auch der Gott des erlösenden Messias ist, dessen Liebesbotschaft ich verstehe und tief im Herzen fühle, seit die Liebe eingezogen ist in meine Seele, ich will zu ihm beten, daß er Sie glücklich mache, daß er Sie behüte vor solchen Kämpfen, wie ich sie durchmachen muß, wenn Sie Ihre Liebe einst verschenken. Sie werden mir das sagen, nicht wahr, oder tragen Sie es schon im Herzen, dies süße, heilige Gefühl, das uns mit Licht und Wärme erfüllt, das uns emporhebt über Raum und Zeit zu den lichten Fernen des Himmels?«

»Meine Liebe?« sprach Bertha mit leiser Stimme, den Blick vor Lea's strahlenden Augen niederschlagend, »die wahre Liebe,« sagte sie halb für sich, »findet ihre höchste Verklärung im Opfer ihrer selbst.«

Der alte Davidsohn trat in den Laden und blieb erstaunt stehen als er seine Tochter im Arm dieser fremden eleganten jungen Dame erblickte.

»Eine Freundin und Verwandte des Herrn Partner,« sagte Lea erröthend, mit glückstrahenden Blicken, »welche so lieb und so gut ist, mir seine Grüße zu bringen.«

Erstaunt blickte der Alte auf das junge Mädchen, er trat zu ihr und sprach voll milder Freundlichkeit mit ernster und voller Stimme:

»Der Gott Isaaks und Jacobs segne Sie, mein liebes Fräulein, daß Sie gekommen sind in mein Haus, um Gutes zu thun an dem betrübten Herzen meiner Tochter, mag Alles kommen, wie es will, ich werde das nie vergessen, und wenn Sie je in Ihrem Leben brauchen werden einen Freund zu Rath und That, so sollen Sie denken an den alten Juden Davidsohn, der Ihnen wird beweisen, daß die Dankbarkeit zu Hause ist unter seinem Volk. Ich bin heute nicht gegangen zu dem Herrn Partner, weil heute ist der Sabbath seiner Religion, aber morgen will ich mit ihm sprechen, und Gott möge geben, daß er anhöre meine Worte mit gutem offenem Herzen.«

Er berührte leicht mit der Hand den Scheitel Bertha's, welche sich unwillkürlich neigte unter dem Segen des alten Mannes.

Dann wendete der Alte sich schweigend ab und begann die Geräthschaften in seinem Laden zu ordnen und zu putzen, Lea aber zog ihre neue Freundin wieder neben sich auf das Canapé und begann ihr zu erzählen von ihrer Kindheit, von den Träumereien ihrer Einsamkeit, von ihrer Liebe, von ihrem Kummer und ihren Hoffnungen; es war, als ob dies lange in einsam zurückgezogenem Leben verschlossene Herz nicht müde werden könne, den Strom seiner tiefen Gefühle in den Busen der so plötzlich gefundenen Freundin zu ergießen.

Bertha hörte schweigend zu. Immer ruhiger und friedlicher wurde der Ausdruck ihres Gesichts, immer wärmer und inniger ruhte ihr Blick auf der schönen Jüdin, aus deren frischen Lippen so viel orientalisch glühende Poesie und zugleich soviel kindliche Reinheit, so viel wunderbar tiefe Empfindung ihr entgegenströmte, und als sie endlich von den liebevollen Blicken Lea's und dem frommen Segenswunsch ihres Vaters begleitet das alte Ladengewölbe verließ und durch die finstere Gasse dahinschritt, da schlug ihr Herz freier; der schmerzlich beengende Bann war gebrochen, der ihre Brust eingeschnürt hatte, als sie hierher kam; nicht mehr in todter, starrer Resignation wie vorher brachte sie ihre Liebe zum Opfer, – zwar mit tief wehmuthsvollem Gefühl aber auch voll freudigen Muthes dachte sie an die Hoffnungen, die sie begraben, an das Glück der anderen Herzen, das sie auf Kosten ihrer eigenen schönsten Zukunftsträume zu begründen helfen wollte.

Im Hause des alten Juden hatte sich ihr des Christenthums heiligstes Geheimniß erschlossen, – die freie selbstverläugnende Liebe des Nächsten, und als sie über die Zeil zurückkehrte nach dem Hause ihres Oheims durch das dichte Gewühl der Menschen, die noch immer die hin- und herfahrenden fürstlichen Equipagen bewunderten, da strahlte ein warmes Licht aus ihrem Blick und ihre Lippen, die sich so oft geöffnet zu kecken Scherzworten voll heiterer Fröhlichkeit, flüsterten leise mit stillem, glücklichem Lächeln: »Geben ist seliger denn Nehmen!«

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