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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Zweites Capitel.

Der Abend dunkelte tief herab, als der junge Ferdinand Partner durch die noch immer auf den Straßen unruhig auf und nieder wogenden Menschenmassen nach seinem elterlichen Hause zurückkehrte.

Die Fenster des Wohnzimmers waren hell erleuchtet, der junge Mann stieg die Treppe hinauf und trat in den von zwei großen Lampen mit weiten flachen Kuppeln von weißem Milchglas erhellten Raum.

Hier war die Familie um den Theetisch versammelt und einige Bekannte des Hauses hatten sich eingefunden, wie überall in jenen Tagen in Frankfurt die Freunde zusammenkamen, um die außergewöhnlichen Ereignisse und das glänzende Schauspiel zu besprechen, das sich in den Straßen der alten Stadt darbot.

Frau Partner saß ernst, still und würdig in der Ecke des hochlehnigen Kanapee's neben einer andern älteren Dame ihrer Bekanntschaft, welche ebenso schweigsam wie die Frau des Hauses, nur von Zeit zu Zeit eine ziemlich allgemeine, sentenzenhafte Bemerkung in die Unterhaltung hineinwarf und sich im Allgemeinen darauf beschränkte, ihr Zuckergebäck in die Theetasse zu tauchen und in kleinen Bissen langsam zu verzehren.

An der andern Seite des Tisches saß Fräulein Bertha hinter dem großen Theekessel von schwerem Silber, beschäftigt, mit kunstgerechter Hand das duftige Getränk zu bereiten und einzuschenken.

An der Seite des Kanapee's saß die Tochter des Hauses, neben ihr Herr Guenther, sein glattgescheiteltes Haar war in fehlerloser Ordnung, seine Wäsche war fehlerlos, sein schwarzer Anzug fehlerlos und sein glattes, regelmäßiges Gesicht lächelte ruhig und gleichmäßig, während er in wohlgewählten Worten den Damen erzählte von dem Empfang des Kaisers und von den Vorbereitungen, welche in den einzelnen Hôtels und Gesandtschaften zum Empfange der Souveraine getroffen wurden. Er war ein Bild heiterer Ruhe, ein wohlgesetzter, vortrefflicher junger Mann, das Muster eines Schwiegersohnes, – wie die Freundin der Hausfrau im Stillen zu sich selber zu sagen nicht unterlassen konnte. – Zuweilen nur fuhr blitzähnlich ein scharfer, tiefforschender Blick seines meist niedergeschlagenen Auges über die Gesellschaft hin, ein Blick voll concentrirter Beobachtung, der in einem Moment alles was im Zimmer geschah bis in die kleinsten Nüancen zu erfassen schien und sich dann schnell wieder zu Boden senkte. Gegen Fräulein Emma war er voll eifriger Aufmerksamkeit, ohne jedoch durch eine zu große Annäherung lästig zu fallen, und ohne durch ein Wort oder eine Bewegung anzudeuten, daß er aus der Zustimmung des Vaters ein Recht für seine Bewerbung in Anspruch nehmen wollte.

Emma selbst saß fast stumm da, sie war bleicher als sonst, auf ihren Zügen lag ein Hauch tiefer Melancholie, der ihre zarte Schönheit noch ätherischer und ansprechender als sonst erscheinen ließ und wie mit gewaltsamer Anstrengung hielt sie ihre Augen niedergeschlagen, um nicht den Blicken des österreichischen Hauptmanns Baron Hohenberg zu begegnen, welcher neben ihrer Cousine saß und mit seinen dunkeln Augen oft fragend und bittend zu ihr hinüberschaute.

An der andern Seite neben Bertha saß der preußische Lieutenant Steinberg, der am Morgen am Hause vorbeigegangen war, gerade aufgerichtet, mit ernsten, strengen Zügen; in einer beinahe pedantischen Galanterie leistete er der jungen Dame alle jene kleinen Handreichungen, deren sie bei ihrem Geschäft, die Honneurs des Theetisches zu machen, bedurfte.

Durch die geöffneten Fenster drang die schwüle Abendluft des Hochsommers herein, aber auch die moralische Atmosphäre, welche über der Gesellschaft schwebte, war schwül und gedrückt. Die beiden älteren Damen trugen wenig zur Unterhaltung bei, Emma beschränkte sich auf einzelne ganz kurze Antworten mit halb erstickter Stimme, die beiden Offiziere schienen genirt und unzufrieden und so wurde die Conversation fast ausschließlich von Herrn Guenther und Fräulein Bertha geführt, welche durch eine fast gewaltsame Munterkeit die vielen Engel des Schweigens zu verscheuchen suchten, die mit bleiernen Flügeln durch das Zimmer dahinschwebten.

Eben war wieder eine solche drückende Pause in der Conversation eingetreten und Bertha hatte den ernsten Lieutenant Steinberg neckisch aufgefordert, ein wenig aus seinem strengen Schweigen herauszutreten und eine scherzhafte Geschichte zu erzählen, als die Thüre geöffnet wurde und Ferdinand eintrat.

Bertha wendete bei dem Geräusch der Thür ihren Kopf dem Eintretenden entgegen, ein lichter Schimmer glänzte in ihrem Auge und eine leichte Röthe flog über ihr Gesicht.

Die Herren erhoben sich, um den Sohn des Hauses zu begrüßen, der seiner Mutter die Hand küßte und sich dann zu der Gesellschaft an den Tisch setzte.

»Mit einer Tasse Thee darf man Dir nicht kommen,« sagte Bertha lachend zu ihrem Vetter, indem eine glückliche Heiterkeit auf ihrem Gesicht strahlte, »in Dir steckt noch der Student, ich weiß schon wonach Dein Herz – oder Deine Kehle sich sehnt.« –

Und schnell aufspringend eilte sie hinaus.

»Sie haben den Kaiser ankommen sehen?« fragte Herr Guenther den jungen Mann.

»Ja,« erwiderte dieser, »oder eigentlich habe ich nur viele Leute gesehen, die den Kaiser sehen wollten, und dann,« fuhr er lachend fort, »einen Wagen der in ziemlicher Entfernung davon fuhr, das Publikum war sehr verstimmt über seine vergebliche Hoffnung und Erwartung.«

»Seine Majestät,« sagte Herr Guenther mit einer gewissen Wichtigkeit, »liebt die Ovationen der Menge nicht und ist deshalb schnell auf einem andern Wege zum Taxis'schen Palais gefahren, man wird ihn so noch genug sehen können, bei den Besuchen der Fürsten und bei dem großen Corso, der in den nächsten Tagen stattfinden soll. – Uebrigens,« fuhr er fort, »hätten Sie in den abgeschlossenen Raum kommen sollen; hätten Sie mir ein Wort gesagt, so hätte ich Ihnen eine Karte verschafft.« –

»Ich danke,« sagte der junge Mann ziemlich kühl, »ich hätte Toilette machen und mich steif hinstellen müssen, und ich liebe den Zwang nicht, auch hätte mich die Beobachtung des Empfangs-Ceremoniels weniger interessiert als die Stimme des Volkes, die ich zuweilen gern aus unmittelbarer Nähe höre, vox populi, vox dei.« –

»Hier hast Du Deinen Heidelberger Nektar,« rief Bertha, welche rasch und geschäftig wieder hereintrat, indem sie ihrem Vetter einen geschliffenen Seidel mit baierischem Bier reichte, auf dessen Deckel von Porcellan man farbig gemalte Fahnen und gekreuzte Schläger erblickte.

»Auf das specielle Wohl meiner lieben Cousine!« rief Ferdinand und leerte mit kräftigem Zug die Hälfte des Seidels.

»Als ich vorhin am ›Russischen Hof‹ vorbeiging,« sagte Herr Guenther, »sah ich das Bett des Herzogs von Braunschweig auspacken, der dort eine Seite des Parterre's bewohnen soll, in der That ein wahres Wunderwerk von einem Bett, in Bau, Polsterung und Decorirung.« –

»Nimmt dieser gute Herzog denn überall sein vortreffliches Bett mit?« fragte Bertha lachend, »gerade hier bei dem Fürstencongreß hätte man das nicht denken sollen, die hohen Herren sind ja, wie man sagt, gerade zusammengekommen, um Deutschland, das so lange geschlafen, zum neuen Tage zu erwecken.«

Herr Guenther warf einen schnellen Blick umher, die Offiziere schwiegen, Ferdinand schien, in Nachdenken versunken, die scherzhafte Bemerkung seiner Cousine kaum gehört zu haben, abermals flog ein Engel des Schweigens über die Gesellschaft hin.

»Hat man noch keine Nachricht,« fragte endlich der junge Partner, »ob der König von Preußen kommt oder nicht?«

»Der König hat die Einladung abgelehnt,« sagte Herr Guenther, »indeß finden noch Unterhandlungen statt, wie ich gehört, und man hofft, daß eine Verständigung erreicht wird.«

»Wenn des Königs Majestät einmal abgelehnt hat,« sagte der Lieutenant Steinberg in kurzem und bestimmtem Ton, »so wird wohl keine Verhandlung dahin führen, daß er dennoch kommt.«

Herr Guenther neigte lächelnd den Kopf, der österreichische Offizier sah seinen preußischen Kameraden wie erstaunt an und Fräulein Bertha warf ihm einen Blick zu, der deutlich ihr Mißfallen an der so kurzen und wenig verbindlichen Bemerkung ausdrückte, mit welcher er die eben begonnene Unterhaltung wieder abschnitt.

In der That trat ein neues Stillschweigen ein.

Bevor noch Jemand den Versuch machte, die Conversation wieder aufzunehmen, trat Herr Sebastian Partner langsam und würdig in die Thür.

Der alte Herr war ruhig und still wie immer, sein Auge blickte klar und freundlich über die Gesellschaft, er verneigte sich kurz und kalt aber mit verbindlicher Höflichkeit gegen die Gesellschaft, begrüßte die Dame neben seiner Gattin mit einem kräftigen Händedruck und nahm dann an ihrer Seite Platz. Ein flüchtiger, scharf forschender Blick streifte den Hauptmann von Hohenberg, dann begann er mit vollster Unbefangenheit über die große Angelegenheit des Tages, den Empfang des Kaisers zu sprechen und gab Herrn Guenther die erwünschte Gelegenheit, noch verschiedene Details mitzutheilen.

Der alte Herr hörte mit höflicher Aufmerksamkeit aber ohne besonderes Interesse zu, sein Blick ruhte auf seiner Tochter, welche, durch die Anwesenheit des Vaters noch mehr verwirrt und befangen, unbeweglich dasaß und kaum mit der äußersten Anstrengung die hervordrängenden Thränen zurückhalten konnte.

»Willst Du uns nicht ein wenig Musik machen, mein Kind?« fragte der alte Herr, als Herr Guenther eine Pause in seinen Mittheilungen machte.

Wie von einem Bann erlöst, erhob sich Emma schnell bei diesen Worten und ging, indem ein eigenthümlich schwermüthiger Blick den Baron Hohenberg streifte, zu dem in der Ecke des Zimmers stehenden Flügel.

Die Herren erhoben sich ebenfalls wie erleichtert durch diese Wendung, welche ihnen erlaubte, den steifen Kreis um den Theetisch zu verlassen.

Herr von Hohenberg wollte Emma zum Flügel folgen, aber Herr Guenther war ihm bereits zuvor gekommen und stand, auf das Instrument gestützt, neben Emma, welche suchend in den auf dem Gestell stehenden Notenheften blätterte. Der Hauptmann blieb in der Mitte des Zimmers stehen.

Emma begann endlich mit sicherer Fertigkeit eines jener Salonstücke zu spielen, welche dazu gemacht zu sein scheinen, um in gefällig melodischer Weise die Lücken der Conversation auszufüllen.

Der Lieutenant Steinberg näherte sich Fräulein Bertha, welche ebenfalls aufgestanden war und wie in zögernder Unschlüssigkeit zu Boden blickte.

»Ich bedaure, mein Fräulein,« sagte er, »daß ich heute keine Gelegenheit gefunden habe mit Ihnen zu sprechen –, ich hätte –«

Wollte das junge Mädchen seine Worte nicht anhören, oder war sie so in ihre Gedanken versunken, daß dieselben nicht an ihr Ohr drangen, sie wendete sich rasch ab und indem sie zu dem einige Schritte entfernt stehenden österreichischen Offizier herantrat, flüsterte sie demselben zu:

»Ich muß einige Worte mit Ihnen sprechen, Herr von Hohenberg.«

Betroffen und fast erschreckt blickte der junge Mann sie an.

»Es ist wegen Emma,« sagte sie mit leichter Verlegenheit.

Herr von Hohenberg zuckte zusammen, dann sprach er schnell gefaßt mit leiser Stimme: »Lassen Sie uns ein wenig zurücktreten,« und in ungezwungener Bewegung näherte er sich einem Fenster. Bertha folgte ihm, und in flüsterndem Tone, wie um die Musik nicht zu stören, sagte er:

»Was giebt es, um Gotteswillen, Emma ist traurig, sie hat Thränen in den Augen und den ganzen Abend kaum einen Blick für mich.«

»Die arme Emma,« sagte das junge Mädchen, immer den lächelnden Ausdruck heiterer Conversation auf ihrem Gesichte festhaltend, »ist sehr unglücklich, ihr Vater hat eine Verbindung für sie beschlossen.«

»Das also war es!« sagte er leise, »und mit wem?« fragte er dann, sich mit angstvoller Spannung zu Bertha wendend.

»Mit Herrn Guenther, der neben ihr steht,« antwortete das junge Mädchen.

Der Hauptmann warf einen flammenden Zornesblick auf den Bezeichneten, der lächelnd am Clavier stand.

»Emma,« fuhr Fräulein Bertha fort, »will Sie sprechen, kommen Sie morgen Vormittag etwas früh her, die Tante ist dann mit der Wirthschaft beschäftigt und wird nicht sichtbar sein, wir werden Sie empfangen, jetzt kein Wort weiter, damit man uns nicht beobachtet.«

Sie trat in die Nähe des Flügels wie von der Musik angezogen, der Hauptmann lehnte sich schweigend in die Fensterbrüstung zurück.

Der Lieutenant Steinberg war, als Bertha sich von ihm gewendet, um den Herrn von Hohenberg anzureden, bleich wie der Tod geworden, seine Lippen bebten und ein Zug tiefen Schmerzes entstellte seine ernsten Züge fast bis zur Verzerrung. Wie einer Stütze bedürftig hatte er die Lehne eines Stuhles ergriffen, und so stand er schweigend und mit mächtiger Anstrengung die ruhige Haltung bewahrend da, während das junge Mädchen mit dem Hauptmann in der Fensterbrüstung sprach. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick nach den Beiden, die in anscheinend erregter Unterhaltung mit einander plauderten, und aus diesen Blicken leuchtete ein glühender Strom von Zorn, Verzweiflung und tödtlichem Haß hervor.

Emma hatte ihren Vortrag beendet, nahm die üblichen Complimente entgegen, welche besonders Herr Guenther ihr in sehr wohlgesetzten Worten auszusprechen sich beeiferte, und kehrte zu dem Theetisch zurück.

»Sie sind ja heute noch stiller und feierlicher als sonst, Herr Lieutenant,« sagte Bertha in heiterem Tone zu dem preußischen Offizier, »finden Sie nicht einmal Worte um das vortreffliche Spiel meiner Cousine zu bewundern?«

»Ich muß fürchten, daß meine Worte heute kein Gehör finden,« sagte der Lieutenant mit tiefer Bitterkeit indem seine Stimme zitterte, »eben so wenig als diejenigen, die ich vorher an Sie richten wollte, als Sie mir den Rücken kehrten und mich stehen ließen.«

»Habe ich das gethan?« fragte Bertha ihn groß ansehend, erschrocken über die tiefe Erregung, welche aus seinen Worten hervorklang, »dann thut es mir leid,« fuhr sie gutmüthig fort, »ich habe wirklich nicht bemerkt, daß Sie mich anredeten, ich bitte Sie um Verzeihung.«

Es schien, als ob die letztere Bemerkung die Erregung des Lieutenants noch steigerte, sein Auge glänzte fieberhaft, ein höhnisches Lächeln, das dem ruhig ernsten Ausdruck seines Gesichts sonst fremd war, spielte um seinen Mund.

Langsam trat auch der Hauptmann von Hohenberg aus der Fensternische wieder zu dem Kreise am Theetisch.

Einzelne laute Hochrufe drangen aus einer gewissen Entfernung sich weiter und weiter fortpflanzend, zum Fenster herein.

»Was mag das bedeuten?« fragte der alte Herr Partner.

»Es wird der König von Sachsen sein, der ankommt,« sagte Herr Guenther auf seine Uhr blickend, »der König von Hannover muß schon herein sein, auch der Herzog von Braunschweig wird heute Abend noch erwartet.«

»Wenn nur sein großes Wunderbett schon aufgeschlagen ist,« sagte Bertha munter, »damit der arme Herr nach der Reiseanstrengung sich ausruhen kann.«

»Der Herzog ist ein vortrefflicher Herr,« sprach der alte Herr Partner, »der sein Land sehr gut regiert, wenn er die materiellen Genüsse des Lebens liebt, so ist das kein Vorwurf für ihn, er versäumt keine Pflicht darüber.«

Und er warf einen strengen Blick auf seine Nichte.

»Der Herzog liebt gute Diners und vor Allem besonders feine Cigarren,« sagte der Lieutenant Steinberg mit einer forcirten Heiterkeit, die seinem gewöhnlichen gemessenen Wesen nicht entsprach, »ich habe da,« fuhr er lachend fort, »eine sehr komische Geschichte von einer Unterhaltung zwischen einem braunschweigischen und einem österreichischen Offizier gehört.«

Der Hauptmann von Hohenberg richtete den träumenden Blick fragend auf den Sprechenden.

»Der Braunschweiger,« erzählte der Lieutenant, »sprach von den vortrefflichen Cigarren seines Herrn, jede kostet einen Thaler, rühmte er, und der Herzog raucht sie nur halb und wirft die andere Hälfte fort.« Der Österreicher, der nichts nachgeben wollte, erwiderte: »Mein Kaiser raucht Cigarren für zwei Thaler, und er schneidet nur die Spitze ab und wirft sie ganz fort.«

Man lächelte ein wenig gezwungen, Herr von Hohenberg, der Anfangs ruhig zugehört hatte und mehr mit seinen Gedanken beschäftigt schien als mit dem Gespräch, zuckte bei der Pointe der Anecdote zusammen, ein zorniger Blitz sprühte aus seinem Auge, eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht.

»Das ist nicht wahr,« sagte er in kurzem, scharfem Ton.

»Ich erzähle, was ich gehört,« erwiderte der Lieutenant Steinberg.

»So haben Sie etwas falsches gehört,« sagte Herr von Hohenberg eben so kurz als vorher.

Der Lieutenant schwieg, aber sein Blick traf das Auge des Hauptmanns kalt und scharf wie eine Dolchspitze.

Die Unterhaltung stockte nach einigen kurzen und gleichgültigen Bemerkungen, Herr Guenther blickte auf seine Uhr und brach auf. Die übrige Gesellschaft folgte ihm, ohne daß der alte Herr ein Wort sprach, um sie zurückzuhalten.

»Bleibe noch einen Augenblick hier, ich möchte mit Dir sprechen,« flüsterte Ferdinand seiner Cousine Emma zu.

Erschrocken sah sie ihn an, ihre gewöhnlich so heiteren Züge wurden tief ernst, ein wunderbarer, weicher Glanz schimmerte in ihren Augen.

Schweigend neigte sie den Kopf.

Die Fremden waren die Treppe hinabgestiegen, ein Diener erwartete die alte Dame, Herr Guenther bot ihr höflich seinen Arm und schritt langsam mit ihr davon, nachdem er die beiden Offiziere artig gegrüßt.

»Herr Kamerad,« sagte der Lieutenant Steinberg mit fester, kalter Stimme, »Sie haben mir vorhin ein Wort gesagt, dessen Bedeutung und dessen Folgen Ihnen bekannt sein müssen, ich frage Sie, ob Sie dasselbe zurücknehmen?«

»Nein!« erwiderte Herr von Hohenberg.

»So darf ich fragen,« sagte der Lieutenant ruhig, »wann Sie morgen den Besuch meiner Freunde erwarten wollen?«

»Ich habe früh Dienst,« erwiderte der Hauptmann, »um elf Uhr werde ich zu Hause sein.«

Der Lieutenant grüßte militairisch, Herr von Hohenberg erwiderte den Gruß ebenso und beide Offiziere schritten nach verschiedenen Richtungen die Zeil entlang, auf welcher noch immer lebhaft sprechende Gruppen standen, in welchen Einer dem Andern seine Beobachtungen bei den Einzügen der Fürsten mittheilte. – – –

Der alte Partner hatte kurz und ernst wie immer seiner Familie gute Nacht gewünscht und war langsamen und festen Schrittes zu seinem Zimmer hinaufgestiegen, seine Gattin zog sich ebenfalls zurück.

Emma seufzte tief auf als sie mit ihrer Cousine und ihrem Bruder allein war, die lange zurückgehaltenen Thränen rannen in einzelnen Perlen über ihre Wangen und mit erstickter Stimme sprach sie zu ihrer Cousine:

»Verzeih', wenn ich Dir das Abräumen des Theetisches allein überlasse, ich fühle mich sehr ermüdet und angegriffen und muß zu Bett gehen.«

»Geh' nur, liebes Kind,« sagte Bertha ihr sanft das Haar streichelnd, »ich komme noch zu Dir und tröste Dich.«

Emma reichte ihrem Bruder, der sie traurig und theilnahmsvoll angeblickt hatte, die Hand, er schloß sie in seine Arme, küßte die Thränentropfen von ihren Augen und sprach mit inniger Herzlichkeit:

»Verliere den Muth nicht, mein Schwesterchen, vielleicht wird doch noch Alles gut, ich stehe Dir zur Seite im Kampf für die Rechte des Herzens.«

Sie brach in Schluchzen aus und verließ das Zimmer.

Ferdinand und Bertha blieben allein.

Das junge Mädchen begann in heftigster Verlegenheit den Theetisch abzuräumen, aber ihre Thätigkeit war eine ziemlich erfolglose, denn sie setzte die Gegenstände meist nur mit zitternden Händen von einer Stelle auf die andere, während ihr Busen in heftigen Athemzügen sich hob und senkte.

Ferdinand stand stumm ihr gegenüber und schien die Worte zu suchen um auszusprechen, was ihm auf dem Herzen lag.

»Bertha,« sagte er endlich, »ich muß Dir sagen was mein ganzes Wesen erfüllt, Du wirst es freundlich aufnehmen, Du bist ja von Jugend auf meine Freundin gewesen.«

Sie stand da, eine Hand auf den Tisch gestützt, in der andern den kleinen Löffel eines Theecouverts, ihr Blick schien auf die weiße Decke des Tisches gebannt, fast unhörbar sagte sie:

»Sprich.«

»Sieh', Bertha,« sagte er lebhaft, indem er zu ihr herantrat und ihre Hand ergriff, »Du weißt, wie ich aus dem sonnigen Leben, das mir da draußen aufgegangen war, in der frischen, freien Welt hierher zurückgekommen war, in die eintönige Gleichmäßigkeit des Hauses, wie ich nach schwerem, innerem Kampf den Beruf auf mich genommen habe, zu dem der Willen meines Vaters mich bestimmt, und der mit seiner schweren Last den Flug meines Geistes zu Boden drückt.«

»Ich weiß es,« sagte sie, ohne ihre Stellung zu ändern und ohne den Blick aufzuschlagen.

»Ich war nahe daran,« fuhr er fort, »unter diesem Druck der Verhältnisse zu unterliegen, mein Geist ermattete, bis endlich wie ein wunderbarer Trost, wie eine vom Himmel gesendete Stärkung, die Liebe in mein Herz einzog.«

Ihre Hand zitterte in der seinen, langsam zog sie dieselbe zurück, ein flüchtiger, fast scheuer Blick traf ihn von der Seite herauf, tief erröthend bewegte sie die Lippen, ohne daß ein Laut aus denselben hervordrang.

In seine Gedanken versunken, blickte er einen Augenblick schweigend vor sich nieder.

»Die Liebe,« sprach er dann, »welche leise eindringend, allmälig erwachsend, bald mein ganzes Wesen erfüllte mit Licht und Harmonie, diese Liebe gab mir die Kraft, den Zwang des verhaßten Berufs zu ertragen, sie gab meiner Seele die freudige Spannkraft wieder und die Hoffnung, im Kampf mit dem Leben die Poesie des Herzens mir zu erhalten.«

Ein Schimmer unendlichen Glücks übergoß das Gesicht des jungen Mädchens wie mit einem Schein der Verklärung. Aber sie schlug die Augen nicht auf, wie unwillkürlich faltete sie die Hände und ihre Lippen öffneten sich zu lieblichem Lächeln.

»Ich lebte in dieser Liebe,« sprach er weiter, »von einem Tage zum andern nur an das stille Glück meines Herzens denkend, ich vergaß die äußeren Verhältnisse, ich vergaß meinen Vater und seine Vorurtheile.«

Mit fragendem Ausdruck schlug sie eine Secunde den Blick zu ihm auf.

»Ich weiß nicht,« sagte er, »ob mein Vater schon, wie für meine Schwester, auch für mich an eine Verbindung gedacht hat, aber das weiß ich, daß seine Gedanken sich auf jene streng abgeschlossenen altbürgerlichen Kreise richten, denen er entstammt und in deren Grenzen auch das Leben seiner Kinder gebannt bleiben soll, – was wird er sagen, welche Kämpfe werde ich zu bestehen haben, wenn er erfährt, daß die Wahl meines Herzens auf ein Mädchen außerhalb jener Kreise gefallen ist!«

»Dein Vater ist gut im Grunde seines Herzens,« sagte sie leise, »er wird –«

»Und es ist nicht das allein,« fuhr er fort, »es gilt die Bekämpfung des festesten und härtesten Vorurtheils im Geiste meines Vaters, o, er wird außer sich gerathen, wenn er erfährt, daß meine Geliebte eine Jüdin ist.«

Eine tiefe leichenfarbige Blässe bedeckte urplötzlich das eben noch so strahlende Gesicht des jungen Mädchens, in einer beinahe convulsivischen Bewegung richtete sich ihr Körper starr empor, ihre gefalteten Hände preßten sich krampfhaft gegeneinander und indem sie das weit geöffnete Auge mit einem glanzlos todten Blick auf ihn richtete, sprach sie mir rauher Stimme:

»Eine Jüdin? eine Jüdin?«

Sie wendete sich ab und sank wie gebrochen in den nächsten Stuhl.

Erschrocken sah er den Eindruck, den seine Worte auf seine Cousine gemacht hatten.

»Nicht wahr,« fragte er, zu ihr herantretend, »Du schauderst bei dem Gedanken an die Scenen, die es geben wird, denn sieh, ich schwöre es, ich werde nicht nachgeben, werde mich dem Zorne meines Vaters nicht beugen, ich habe ihm meinen Lebensberuf zum Opfer gebracht, mein Herz, das Glück meines innersten Wesens werde ich ihm nicht opfern! Oder,« fragte er forschend auf ihre in heftigem Seelenkampfe zuckenden Gesichtszüge blickend, »oder theilst Du jenes Vorurtheil gegen ein armes, unglückseliges, so lange verachtetes und verfolgtes Volk?«

Sie hatte mit gewaltiger Anstrengung die Herrschaft über sich selbst wieder gewonnen, ein tiefer Seufzer rang sich aus ihrer heftig arbeitenden Brust hervor, sie senkte den starren Blick zu Boden und mit ruhiger, aber fast tonloser Stimme sprach sie:

»Du hast Recht, das ist traurig, das wird einen harten, entsetzlichen Kampf kosten! aber wer« flüsterte sie, indem die Worte wie ein leiser Hauch aus ihren kaum bewegten Lippen hervordrangen, »wer ist sie?«

»Die Tochter des alten Davidsohn, den Du zuweilen hier gesehen, wenn er mir Antiquitäten brachte,« erwiderte er.

»Und,« fragte sie immer in demselben Ton, »ist sie Deiner Liebe, ist sie eines solchen Kampfes werth?«

»Hältst Du mich,« rief er, stolz den Kopf emporrichtend, »hältst Du mich, Deinen Jugendfreund, dessen Herz Du kennst, für fähig, meine Liebe einer Unwürdigen zu schenken? O,« fuhr er mit leuchtenden Blicken fort, »meine Lea ist das reinste, das edelste Herz, das tiefste, weichste und liebevollste Gemüth, doch,« sagte er, abermals ihre Hand ergreifend, »Du wirst sie sehen, Du wirst sie ebenfalls lieben.«

»Ich!?« rief sie in fast wildem Aufschrei, entsetzt blickte sie ihn an und zog heftig ihre Hand zurück.

»Würdest Du mir die Bitte abschlagen, die ich Dir aussprechen wollte?« fragte er, sie mit einem gewissen Erstaunen anblickend, »sieh, ich verlange nicht viel von Dir,« fuhr er in bittendem Tone fort, »der alte Davidsohn hat unsere Liebe entdeckt, ich habe ehrlich und offen mit ihm gesprochen, er hat mir eben so offen und frei geantwortet, er will selbst mit meinem Vater, dessen Vorurtheile er kennt, sprechen und hat mein Wort verlangt, bis dahin seine Tochter nicht wieder zu sehen, ich habe mein Wort gegeben und ich werde es halten, aber,« sagte er mit tief schmerzlichem Ton, »sie wird weinen, sie wird traurig sein, meine arme, süße Lea –«

»Sie wird traurig sein,« wiederholte Bertha wie mechanisch, ohne daß ihre starren Gesichtszüge sich bewegten.

»Ich muß Ihr Trost senden,« fuhr er fort, »einen Gruß meiner Liebe, der ihr Muth und Hoffnung geben soll und ich bitte Dich,« sagte er, zu den Füßen seiner Cousine niederknieend, »ich bitte Dich von ganzem Herzen, geh' zu ihr, geh' zu ihr, bringe ihr meinen Gruß, sage ihr, daß ich treu ausharre, daß ich fest halte an ihr, was auch kommen möge.«

Er legte seine beiden Hände aneinander und sah sie mit innig bittenden Blicken an.

Ein bitteres, hartes Lächeln zuckte einen Augenblick um ihren Mund, schnell bedeckte sie ihr Gesicht mit den Händen und als sie dieselben wieder zurückzog, trugen ihre Züge den ruhigen Ausdruck stiller Ergebung.

»Ich werde zu ihr gehen und ihr Deine Grüße bringen,« sagte sie freundlich.

»O Dank, tausend Dank,« rief er aufspringend, »ich wußte, daß meine liebe Freundin mir helfend zur Seite stehen würde, daß ich mich Deinem treuen Herzen anvertrauen könnte. Du hast mein Herz leichter gemacht, das werde ich Dir niemals, niemals vergessen! Gute Nacht, gute Nacht meine liebe, liebe Bertha, der Himmel segne Dich und bewahre Dich vor ähnlichen Kämpfen wie ich sie durchmachen muß.«

Stürmisch schloß er sie in seine Arme, drückte sie fest an seine Brust und küßte sie. Ihr ganzer Körper zuckte zusammen unter seiner Umarmung, zitternd blieb sie stehen, als er sie losließ und mit einem nochmaligen »Gute Nacht« rasch das Zimmer verließ.

Lange stand sie unbeweglich die Blicke auf den Boden geheftet.

»So ist er denn aus,« flüsterte sie leise, »der Traum meines Herzens von Glück und Liebe, aus, aus für immer und ewig, o, das ist hart, sehr hart.«

Und in lautes Schluchzen ausbrechend, kniete sie vor einem Stuhl nieder und stützte das Gesicht in die Hände.

Dann erhob sie sich langsam, strich mit der Hand über ihre kalte, feuchte Stirn und sagte:

»Hinab, hinab mit meinem Schmerz in die Tiefen meines Herzens, Niemand soll ihn sehen, Niemand soll ihn ahnen, Niemand, er vor Allen nicht und sie, sie, die er so sehr liebt.«

Mechanisch ordnete sie das Geräth auf dem Theetisch, verschloß die große, silberne Zuckerdose, zog dann den Glockenzug und befahl dem Hausmädchen Alles abzuräumen.

Ruhig stieg sie hinauf in das Zimmer ihrer Cousine.

Leise trat sie an das Bett. Unter den weißen, duftig frischen Vorhängen lag Emma, den schönen Kopf seitwärts auf den Kissen ruhend, ihre Augen waren geschlossen, an den Wimpern glänzte noch ein Thränentropfen, aber in den Athemzügen eines ruhigen Schlummers hob und senkte sich ihre Brust.

»Sie schläft,« sagte Bertha leise, »sie schläft und träumt vielleicht sich glücklich und ihr Unglück ist nicht das schwerste.«

Sie hauchte einen leisen Kuß auf die Stirn ihrer Cousine und ging mit unhörbaren Schritten in ihr daneben liegendes Zimmer.

In tiefen Gedanken, oft leicht die Lippen bewegend, entkleidete sie sich und als sie den Kopf auf ihr Kissen legte, da begannen leise erst, dann immer stärker und stärker ihre Thränen zu fließen, der Schlaf blieb ihrem Lager fern und kein Traum senkte sich in ihre Seele herab, um mit seinem wohlthätigen Schleier den Schmerz zu verhüllen, der kalt und eisig die Blüthen ihres jungen Lebens vernichtete.

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