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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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II. Band.

Erstes Capitel.

Während der alte Herr Jacob Sebastian Partner in seinem einsamen Zimmer seine kaufmännischen Geschäfts-Combinationen verfolgte, während die Damen des Hauses in ziemlich peinlich gedrückter Stimmung an den Fenstern des Stockwerks saßen und auf das Menschentreiben hinabblickend ihren Gedanken folgten, war der junge Sohn des Hauses hinausgegangen um sich in die hin- und herwogenden Massen zu mischen und zu versuchen, die Ankunft des Kaisers aus nächster Nähe zu sehen.

Der junge Mann schlenderte langsam die Zeil hinab nach dem Main-Neckar-Bahnhofe zu. Weit ab vom Bahnhofe schon wurde das Gedränge so dicht, daß man nur mit der äußersten Mühe noch vorwärts dringen konnte. Die Mitte der Straße wurde durch ein Spalier des Frankfurter Linien-Militairs freigehalten, aber bald hier bald dort durchbrach die neugierig vordrängende Menge die Linien, und theils durch Bitten, theils durch Drohung und Gewalt mußten die Vorgedrungenen zurückgetrieben werden, damit die Reihen sich wieder schließen konnten.

Durch die offene Mitte der Straße rollten die glänzenden Equipagen der Gesandten und der hohen Militairs der Bundes-Truppen dem Bahnhofe zu, dazwischen sah man die alten schwerfälligen Kutschen der Bürgermeister und Senatoren, mit Kutschern und Bedienten in rother Livrée mit silbernen Tressen und dreieckigen, silberbesetzten Hüten langsam daherfahren, und auf dem abgesperrten Perron des Bahnhofes stellte sich der Senat mit den beiden Bürgermeistern an der Spitze auf. Diese Träger der Souverainetät der freien Reichsstadt trugen die bürgerliche Gala, schwarzen Frack, seidene Strümpfe, weiße herabhängende Spitzenhalstücher und Manschetten, schwarze geschnittene Hüte und kleine Degen mit vergoldetem Griff an der Seite. Und ernst, würdig und feierlich sahen sie aus die Herren Bürgermeister und Senatoren in ihrer schwarzen Feierkleidung, inmitten dieses strahlenden Kreises reich in Gold- und Silberstickereien glänzender Uniformen der Diplomaten und Militairs. Feierlich und würdevoll lag der Eindruck des Tages auf ihren Gesichtern, stolz blickten sie hin auf diese schimmernde Schaar von Würdenträgern, diese waren trotz ihrer Titel und Ihres Ranges, trotz der Ordenskreuze und Sterne, die sie schmückten, doch die Diener, welche ihre Herren erwarteten, sie aber, die Bürgermeister und Senatoren der freien Reichsstadt, empfingen den Kaiser und die deutschen Fürsten als ebenbürtige Gäste auf dem eigenen, freien und souverainen Boden, und deshalb strahlten ihre Blicke von stolzem Selbstgefühl und feierlicher Würde. Am stolzesten und würdevollsten aber blickte der kleine Senator Bernus umher, sein rundes Gesicht mit den kleinen funkelnden Augen und dem kleinen schwarzen Schnurrbart leuchtete vor Freude und Zufriedenheit, hatte er doch so wesentlich dazu beigetragen, den großdeutschen Ideen Eingang zu verschaffen in der öffentlichen Meinung, war er doch einer der thätigsten Agitatoren für die Popularisirung des Reformplanes, den die österreichische Staatskanzlei mit so glänzendem Apparat in Scene setzte und wußte er doch, daß er persona gratissima war in der Wiener Hofburg, daß er auf einen besonders gnädigen Empfang sicher rechnen konnte – hatte doch auch schon der Erzherzog Wilhelm von Oesterreich, der als Gouverneur von Mainz erschienen war um den Kaiser zu empfangen, bei der Begrüßung des Senats ihn in besonders liebenswürdiger Weise ausgezeichnet.

Während der Erzherzog und diese glänzende Versammlung auf dem Perron wartete, während die Offiziercorps sich rangirten, während der tausendstimmige Athemzug der lauschenden und harrenden Menschenmenge bald lauter aufbrausend, bald leiser verrauschend am Himmel emporstieg, war der junge Ferdinand Partner in einem leichten grauen Sommeranzug, einen kleinen runden Hut auf dem Kopf, langsam bis an die Grenze vorgedrungen, zu welcher das schaulustige Publikum zugelassen war.

Er blickte nach dem Perron hin, aber er sah Nichts als hin und wieder eine glänzende Uniform, oder die schwarze Gestalt eines Senators und achselzuckend wendete er den Blick zurück, um seine Umgebung etwas näher zu betrachten.

Plötzlich leuchtete sein frisches und feuriges Auge freudig auf, er hatte einige Schritte von sich entfernt einen alten Mann in äußerst einfachem, fast schäbigem Anzug erblickt, auf dessen Arm sich ein junges Mädchen stützte, dessen schlichte und unscheinbare Toilette dennoch von einem gewissen feinen und distinguirten Geschmack zeugte.

Das Gesicht das Alten, dessen schwarzer, etwas fadenscheiniger Rock bis zum Halse zugeknöpft war, trug den unverkennbaren Stempel israelitischer Abkunft, die gelbliche Haut lag fest um die Stirn und die hervortretenden Backenknochen, die etwas gekrümmte Nase beugte sich über einen scharfen, festgeschlossenen Mund herab, um welchen hin und wieder ein leichtes, höhnisches Lächeln spielte – der alte abgetragene, aber rein gebürstete Hut, unter welchem dichtes, gekräuseltes, ergrauendes Haar hervorquoll, war tief in die Stirn gedrückt und unter der Krempe desselben blickten große, dunkle Augen von wunderbarer Schärfe und Klarheit hervor, aus deren Blicken ebensoviel Intelligenz als ein gewisses kritisches Mißtrauen sprach..

Das Gesicht des jungen Mädchens war von jener classischen, orientalischen Schönheit, welche man selten in voller Reinheit findet, mandelförmig geschnittene dunkle Augen blickten unter kühn geschwungenen Brauen feurig und schmachtend zugleich hervor, die frischen Lippen glühten in schwellender Fülle und dunkle, weiche Locken fielen zu beiden Seiten des reizenden Ovals dieses lieblichen Gesichtes herab. Ein einfaches helles Sommerkleid ließ die edlen Umrisse der schmiegsam elastischen Gestalt erkennen, deren Haltung so stolz und königlich war, daß man auf dem anmuthig emporgerichteten Haupt eher das Diadem der Königin von Saba, als das leichte einfache Strohhütchen erwartet hätte, das die reine, weiße Stirn beschattete.

Mit einigen Schritten, nicht achtend die zornigen Bemerkungen verschiedener Personen, die er zur Seite schob, war der junge Mann bei dem Alten und dem jungen Mädchen.

»Ach, Herr Davidsohn,« rief er, dem alten Mann leicht auf die Schulter klopfend, während der Blick des Mädchens ihm feurig entgegenblitzte, »Sie sind auch herausgekommen, um alle diese Herrlichkeit zu bewundern, von der man in der That herzlich wenig sieht.«

Und um den Alten herumgehend hatte er schnell die Hand des jungen Mädchens ergriffen, welche sie seinem innigen Drucke nicht entzog.

»Meine Lea hat mir keine Ruhe gelassen,« erwiderte Herr Davidsohn, indem er leicht den Hut zur Begrüßung lüftete, »ich habe sie müssen hinausführen, weil sie hat sehen wollen den Einzug des Kaisers, aber jetzt sehen wir Nichts als die Menschen, die ebensowenig sehen wie wir,« fügte er lächelnd hinzu, »nun, hat doch das Kind gehabt seinen Willen und wird mich beim nächsten Male nicht bitten, in das Menschengewühl hinauszugehen.«

»O, ich bin ganz zufrieden, Väterchen,« rief die schöne Lea heiter, »wir werden hier Alles sehr gut sehen, wenn der Kaiser vorbei kommt und dann haben wir ja schon vieles gesehen, was sehr schön war, die Wagen und Pferde der Fürsten, die vor den Hôtels in Stand gesetzt werden zur Abholung und die Auffahrt der Senatoren und Diplomaten, ich bin schon ganz zufrieden mit dem, was ich gesehen habe.«

Ein Blick auf den jungen Mann schien demselben zu sagen, daß seine Begegnung keinen geringen Antheil an ihrer Zufriedenheit habe und ohne besondere Anmaßung konnte er ihre letzte Bemerkung auf sich beziehen.

»Ja, es ist wunderbar,« sagte der alte Davidsohn, »was für ein Glanz da entwickelt wird, und doch ist dies erst der Anfang, es soll noch ganz anders kommen, wenn erst die Fürsten alle da sein werden. Und,« fuhr er fort, indem ein gewisser respectvoller Ernst auf seinen Zügen erschien, »es ist alles echt, echtes Gold und Silber an den Wagen und Livréen und Geschirren, ich kenne das gleich, das ist anders wie bei dem Schützentag, da hat es auch geglänzt und geflimmert, aber das war Alles nur falsch, alles Theaterschmuck. Gott der Gerechte,« rief er die Hände zusammenschlagend, »was für ein Geld fährt da spazieren auf der Straße und was für Zinsen gehen da verloren bei dieser Anlage in todtem Capital.«

Der junge Partner lachte.

»Sie betrachten die Sache als Geschäftsmann,« rief er, »an diese Berechnung habe ich noch nicht gedacht.«

»Und habe ich nicht recht,« sagte der Alte lebhaft, »Sie wollen zusammenkommen, die Kaiser und Könige, um den Bund zu reformiren und Deutschland glücklich zu machen, ist denn aber das Geschäft – ein gutes rechtliches Geschäft – nicht die Grundlage von allem Glück der Völker, von allem Wohlstand der Familien, von allem Erwerb der ordentlichen Arbeit? Nun rechnen Sie zusammen,« fuhr er fort, »all das Geld, was hier ohne Nutzen und ohne Interessen wird ausgegeben, mir schwindelt der Kopf bei den Summen, die das betragen muß! Die Krisis ist überall zu fühlen in den Geschäften, und gute und solide Häuser kommen in Noth und Verlegenheit, – was könnte geholfen werden dem Handel und Wandel in Deutschland, mit all' dem Geld? Und dann,« sprach er immer lebhafter weiter, »denken Sie an all' die Armuth und all' das Elend, was zu finden ist in allen Ländern, von denen die Fürsten hier zusammenkommen, und denken Sie, wie vielen, vielen Menschen könnte geholfen werden mit Nahrung und Kleidung und Obdach, mit all' dem Geld, was hier wird geworfen auf die Straße! Glauben Sie, daß man wird Handel und Wandel fördern, daß man wird der Arbeit ihren rechten Lohn geben und der Armuth und dem Elend aushelfen mit schriftlichen Paragraphen von der Bundes-Verfassung? Und wenn die Fürsten wollen den Bund reformiren, warum lassen sie nicht zusammenkommen ihre klugen Minister und berathen und beschließen in Ruhe und Stille? Ich bitte Sie, Herr Partner, was haben zu thun mit dem Bund und der Bundes-Verfassung die Pferde und die Kutscher und Lakaien, und die Adjutanten und die große Küche im Römer, und der große Ochse, den sie braten am großen Feuer von Scheiterholz? Ich sage Ihnen, das ist Alles nichts als eine große Capital-Anlage ohne Interessen.«

Der junge Mann hatte zuerst mit heiterem Lachen dem immer eifriger sprechenden Alten zugehört, dann war er ernster und ernster geworden und blickte sinnend vor sich hin.

»Ja, ja,« sagte er nachdenklich, »eine Capital-Anlage ohne Interessen, es ist wahr und auch vielleicht in anderem Sinne wahr, als Sie es meinen. Welch' eine Menge von Arbeit, von geschäftiger Thätigkeit wird hier in unruhigem Eifer verschwendet und wird das deutsche Volk die Interessen davon ziehen? Kann diese fantastische Wiederbelebung der alten Kaiserlegende Deutschland einig und mächtig machen? Werden die Fürsten darum einiger sein, weil sie im Römer zur prächtigen Tafelrunde sich zusammensetzen? Kann überhaupt von den Fürsten dem deutschen Volke das Heil kommen, sind nicht die Tiefen des Volkes der einzige Boden, aus welchem die stolze Eiche der deutschen Größe neu erwachsen kann?«

Der alte Davidsohn hatte mit seinen scharfen, klugen Augen hinübergeblickt nach dem Bahnhofe, ein sarkastisches Lächeln spielte um seine Lippen.

»Sehen Sie,« sagte er, »mein lieber Herr Partner, vorhin bin ich vorbeigegangen am Römer, wo sie im Souterrain ein ganzes Regiment von Köchen in weißen Schürzen und weißen Mützen etablirt haben, und da habe ich gesehen vor dem Römer, dem alten Kaiserbalcon gegenüber, das Standbild der alten heidnischen Götter der Gerechtigkeit auf dem Brunnen, der bei der Krönung der Kaiser aus sieben Röhren den Wein für das Volk spendete. Der Gerechtigkeit waren vor dreißig Jahren die Hände abgeschlagen, in denen sie das Schwert hielt und die Wage. Nun, jetzt waren sie dabei in großer Eile der armen Göttin die Hände wieder anzusetzen, die sie so lange entbehrt hat. Ich habe nun gedacht bei mir selber, daß das ist ein Wahrzeichen für die große Fürsten-Conferenz, werden sie doch ansetzen dem Deutschen Bund in großer Geschäftigkeit und Eile neue Hände von Holz mit Schwert und Wage, aber was wird man können wägen auf dieser Wage? Was wird man können schlagen mit diesem Schwert? Was Not thut, das ist Deutschland zu geben einen lebendigen Arm von Fleisch und Blut, der kann halten ein scharfes Schwert und kann es schwingen gegen die Feinde, wie Gideon hat geschwungen das Schwert des Herrn. Und wenn man das nicht kann,« fuhr er lebhaft und feurig fort, »wenn man nicht kann schaffen den gewaltigen Arm, dann soll man Alles lassen wie es ist; denn, wenn man ansetzt künstliche Hände, so w die Völker im Osten und Westen lachen über Deutschland. Und,« sagte er, die Hand auf die Brust legend, »sehen Sie, ich bin Jude, und mein Volk ist nicht gut behandelt ich Deutschland, – durch viele Jahrhunderte hat man uns verfolgt und gepeinigt, aber doch liebe ich dies Deutschland. Unsere alte Heimath haben wir verloren und da wächst man ja doch zusammen mit dem Land, das uns geboren, und muß es lieben trotz aller traurigen Erinnerungen; ich liebe dies Deutschland und mein Herz schwillt vor Zorn, wenn ich denke, daß die anderen Nationen es verlachen sollen, die doch nicht zu ihm heranreichen an innerer Kraft und innerem Werth.«

Der junge Partner sah den Alten fast erstaunt an. Dann leuchtete ein warmer Strahl in seinem Auge auf, er drückte ihm die Hand und flüsterte: »Wie viele Söhne ächter deutscher Generationen könnten ein Beispiel nehmen an dem Nationalgefühl des Nachkommen der verfolgten Parias.«

Die schöne Lea sah mit glücklichem Blick den warmen Ausdruck in dem auf ihren Vater gerichteten Auge des jungen Mannes.

Da ertönte der schrille Pfiff einer Locomotive vom Bahnhofe her, lautes Rufen erklang aus den Volksmassen, die dem abgesperrten Raum am nächsten standen, die Menge wogte in plötzlicher Bewegung hin und her, man hörte durch das Brausen der Stimmen und das Hochrufen die Klänge der österreichischen Nationalhymne. –

Der Kaiserliche Zug war am Perron vorgefahren.

Der Kaiser Franz Joseph in der grauen Generalsuniform sprang schnell aus dem Waggon und umarmte herzlich den am geöffneten Schlage stehenden Erzherzog Wilhelm.

Mit dem Kaiser war der Minister des Aeußern Graf Rechberg angekommen, welcher in seinem einfachen Reiseanzug ruhig einige Schritte hinter seinem Souverain stehen blieb und durch seine Brille mit scharfen Blicken die auf dem Perron Versammelten musterte. Hinter dem Minister sah man die hagere trockene Gestalt des Hofraths Biegeleben, – Generaladjutant Graf Crenneville – die Flügeladjutanten und Ordonanzoffiziere folgten.

An der Spitze der Senatoren trat dem Kaiser der erste Bürgermeister Dr. Müller, ein etwas corpulenter Mann von etwa fünfzig Jahren, mit vollem und freundlichem, glattrasirtem Gesicht entgegen, dessen kluge Augen durch die Gläser einer feinen Brille blickten. Er richtete einige Worte der Begrüßung an den Kaiser, in welcher er die innigen historischen Beziehungen erwähnte, welche die Mitglieder des kaiserlichen Hauses von Habsburg mit den Traditionen der Stadt Frankfurt verbinden und die Freude aussprach, in einem für Deutschland so wichtigen Augenblick und zu so segensreichem Zwecke, abermals einen Kaiser aus jenem erlauchten Hause hier begrüßen zu dürfen.

Der Kaiser stand vor dem Bürgermeister in der ihm eigenen, militairisch festen und doch anmuthig leichten Haltung, – wie in einer gewissen Befangenheit schlug er die Augen zur Erde und hörte die Begrüßungsworte an, ohne daß ein Zeichen des Eindrucks derselben auf seinen Zügen bemerkbar geworden wäre.

Als der Bürgermeister geendet hatte, schlug der Kaiser das Auge auf, ließ langsam den Blick über die versammelten Senatoren gleiten und sprach einige Worte des Dankes für die Begrüßung. Sein Gesicht nahm dabei den Ausdruck einer wahrhaft herzlichen Freundlichkeit an, welche Alle die ihn erblicken konnten, sympathisch berührte, doch war seine Stimme so wenig laut und vernehmlich, daß nur die Nächststehenden verstehen konnten was er sagte.

Er schwieg, neige nochmals grüßend das Haupt und reichte dem ersten Bürgermeister die Hand, welche dieser mit tiefer, ehrfurchtsvoller Verbeugung ergriff.

Dann wendete sich Franz Joseph zu dem zweiten Bürgermeister und den Senatoren, er ersuchten den Dr. Müller ihm die Herren vorzustellen und die Reihe hinunterschreitend, sagte er jedem Einzelnen der sich lächelnd Verneigenden, einige freundliche und verbindliche Worte. Länger als bei den Uebrigen blieb er bei dem kleinen Senator Bernus stehn, dem er, wie man bemerken konnte, vieles besonders Freundliche sagen mußte, denn das volle Gesicht des Senators leuchtete vor Glück und Stolz, und als der Kaiser vorüber war, blickte er rings umher, zu sehen, ob auch von den Umstehenden die auszeichnende Begrüßung bemerkt worden sei, welche ihm zu Theil geworden.

Die Vorstellung war beendet. Die Senatoren traten zurück, der erste Bürgermeister blieb an der Seite des Kaisers.

Jetzt trat der Obercommandant der Bundestruppen Prinz von Holstein in der großen preußischen Generalsuniform heran und überreichte dem Kaiser den Rapport und die Parole des Tages; der Präsident der Bundesmilitaircommission Generallieutenant von Rzikowski meldete sich ebenfalls. Der Kaiser zuckte beim Anblick der preußischen Generalsuniform fast unmerklich zusammen, – verbindlich erwiderte er die militairische Begrüßung, sprach rasch einige höfliche Worte und wendete sich dann zu dem Diplomatischen Corps, das ihm durch seinen Gesandten Baron von Kübeck, einem Mann mit vollem etwas weichem aber klugem Gesicht, mit rund geschnittenem Backenbart und glatt an den Schläfen zurückgestrichenem Haar vorgestellt wurde. Kälter, feierlicher und schneller als die Senatoren fertigte der Monarch die Diplomaten ab, – schritt dann rasch mit militairischem Gruß die Front des Offiziercorps herab, und schien erleichtert aufzuathmen als alle diese offiziellen Begrüßungen glücklich überwunden waren.

Er wendete sich nochmals zurück, zu einem hochgewachsenen schlanken Manne, von etwa acht und dreißig Jahren, von frischer Gesichtsfarbe und angenehmen Zügen, mit vollem blonden Bart. Dieser Mann in der einfachen Interimsuniform der Württembergischen Truppen, der mit dem Kaiser auf demselben Zuge angekommen war, und dem im Eifer Niemand besondere Beachtung geschenkt hatte, war der Kronprinz von Württemberg, welcher den Kaiser von Stuttgart aus begleitet hatte und der von seinem königlichen Vater, den die Kränklichkeit seines hohen Alters an seine Residenz fesselte, mit dessen Vertretung im Rathe der Fürsten beauftragt war.

»Erlauben Eure königliche Hoheit mir, Sie nochmals in Frankfurt willkommen zu heißen,« sagte der Kaiser, dem Kronprinzen die Hand drückend, »ich wünsche von Herzen, daß unsere Reise die glücklichsten Erfolge haben möge.«

Der Kronprinz verneigte sich schweigend, – der Bürgermeister eilte auf ihn zu und begrüßte ihn mit einigen schnellen Worten, um dann rasch dem Kaiser zu folgen, der sich zum Ausgange gewendet hatte und bereits in seinen einfachen offenen Wagen mit zwei Pferden stieg. Der Generaladjutant Graf Crenneville setzt sich auf den Wink seines Herrn neben denselben.

Der Kaiser warf einen schnellen Blick auf die nach dem Taunusthor hin dicht gedrängten Menge.

»Dorthin,« rief er in kurzem Ton, indem er mit der Hand nach der Richtung des Gallusthores deutete, wo nur wenige Menschen zu sehen waren.

Noch einmal winkte er mit der Hand nach den auf dem Perron Versammelten hin, lehnte sich dann wie erschöpft in den Wagen zurück, ein leichter Ruf aus den nächststehenden Gruppen erscholl, und schnell flog die einfache Equipage in der Richtung des Gallusthores dahin.

Die Wagen mit dem Gefolge fuhren einer nach dem andern in derselben Richtung ab.

Die Militairs und Diplomaten hatte sich inzwischen dem Kronprinzen von Württemberg genähert, der kalt und ruhig einige höfliche Worte an die Herren richtete. Dann grüßte er rasch die Senatoren und stieg in seinen von vier schwarzen Arabischen Rappen edelster Race gezogenen Wagen, sein Adjutant Hauptmann von Spitzenberg folgte ihm, während der Minister von Neurath mit dem Legationssecretair von Baur in den zweiten Wagen stieg.

Die Bürgermeister und der Senat blieben auf dem Perron, denn schon war der Zug signalisirt, welcher den König Maximilian von Baiern heranführen sollte. Auch dem Könige von Baiern war der feierliche Empfang durch die beiden Bürgermeister und den Senat in corpore zugedacht, während die übrigen gekrönten Häupter nur von einer Deputation des Senats empfangen werden sollten.

Einfach in bürgerlicher Kleidung fuhr der König Maximilian heran. Das kränkliche, blasse und nervös abgespannte Gesicht, mit den müden schwermüthigen Augen, belebte sich mit dem Ausdruck einer weichen, fast wehmüthigen Freundlichkeit, als er herzlich die Begrüßung der Bürgermeister und Senatoren erwiderte. Augenscheinlich angegriffen von der Reise, suchte er den Empfang, so viel es die Höflichkeit erlaubte, abzukürzen; von Herrn von der Pfordten geführt, dessen starke Gestalt und volles Gesicht mit den phlegmatischen, heiter ruhigen Zügen, auffallend mit der schmächtigen krankhaften Erscheinung des Königs contrastirte, machte er die Vorstellungstour bei dem diplomatischen Corps und stieg dann mit dem Generaladjutanten Generallieutenant Delpy von Laroche und dem Baron von der Pfordten in den offenen vierspännigen Wagen, um nach dem im bairischen Gesandtschaftshôtel in der neuen Mainzerstraße für ihn bereiteten Quartier zu fahren. Das militairische Gefolge, der zweite Generaladjutant Graf von Rechberg und von Rothenlöwen und die Flügeladjutanten fuhren nach der Stadt in den Brüsseler Hof. Der Minister von Schrenk, eine kalte büreaukratisch abgeschlossene Erscheinung, fuhr allein nach dem russischen Hofe an der Zeil.

Während dies am Perron des Bahnhofes vorging, stand unter der Menge der Neugierigen noch immer der junge Ferdinand Partner neben dem alten Davidsohn und seiner schönen Tochter Lea. Der junge Mann hörte mit einer gewissen achtungsvollen Aufmerksamkeit die oft humoristischen, oft bittern und sarkastischen, immer aber treffenden und geistvollen Bemerkungen des alten Juden an; während seine Blicke mit den Augen des jungen Mädchens eine stumme aber verständnißinnige Sprache führten, und er oft die Gelegenheit einer hin und her wogenden Bewegung der Menge benutzte, um ihre Hand zu drücken, die sie ihm ohne Widerstreben überließ.

»Nun wird der Kaiser kommen,« sagte der alte Davidsohn, sich ein wenig aufrichtend, als einige Hochrufe vom Bahnhofe herüber drangen, »wir werden ihn erkennen an dem Wagen mit den acht Schimmeln, in dem er einziehen soll wie man sagt.«

»Glauben Sie wirklich, daß er mit den acht Schimmeln der alten Kaisertradition seinen Einzug hält?« fragte der junge Partner, indem er sich ebenfalls emporstreckte und scharf nach dem Bahnhofe hinüberblickte.

»Nun« sagte der Alte, – »wird man doch die acht Schimmel nicht gespart haben, – die sind ja am leichtesten zu beschaffen von all der Pracht der vergangenen Zeiten.«

»Da fährt der Kaiser hin,« rief der junge Mann plötzlich und deutete auf den offenen zweispännigen Wagen, der im raschesten Trabe von dem Bahnhofe nach dem Gallusthor hinfuhr.

Mehrere der Umstehenden, die diesen Ruf gehört hatten, drängten vor und blickten neugierig nach der Richtung, in welcher der junge Mann seine Hand ausstreckte, – aber verschiedene Rufe des Zweifels wurden laut. – »So einfach fährt der Kaiser nicht,« rief man hier und dort, – »das sind die Adjutanten, – das sind die Generale von den Bundestruppen!«

Bald aber pflanzte sich mit jener wunderbaren, fast magnetischen Transmission, welche durch versammelte Menschenmassen mit der Schnelligkeit des Telegraphen hineilt, von den unmittelbaren Umgebungen des Bahnhofes die Nachricht fort: »der Kaiser ist herein, – er ist durch das Gallusthor gefahren« und die erwartungsvolle, hochgespannte Neugier der dichtgedrängten Menge verwandelte sich in zornige Entrüstung. Man hatte hier so lange gestanden, man hatte Staub und Hitze ertragen, um den kaiserlichen Einzug zu sehen, – und nun fuhr der Kaiser heimlich auf einem anderen Wege in unscheinbarem Aufzug in die Stadt hinein, die so viel aufgewendet hatte, um ihn würdig und festlich zu empfangen.

Das war ein Unrecht, – ein großes Unrecht, – so sagten sich alle diese um die Frucht ihres Ausharrens gebrachten Neugierigen, und laute Rufe der Unzufriedenheit und des Unwillens ertönten rings umher.

»Sie haben die Schimmel nicht gesehn,« sagte der alte Davidsohn lächelnd, indem sein scharfer Blick über alle diese mürrischen und verstimmten Gesichter rings umher glitt, – »und die interessirten sie mehr, als die Conferenzen über die Bundesreform.«

Abermals drangen laute und anhaltende Rufe vom Bahnhofe herüber, – sie kamen näher und näher, und auf der freigehaltenen Mitte der Straße erschienen die Köpfe des prachtvollen schwarzen Viergespanns des Kronprinzen von Württemberg.

»Ist das der Kaiser?« hörte man hier und dort, – »er kommt doch,« – riefen einige, – »nein er ist es nicht,« ertönte es von anderen Seiten, – einzelne Hochrufe erklangen, – Viele schwiegen unschlüssig, der Kronprinz blickte wie verwundert auf diese unruhig bewegte Menge, die ihn erstaunt, fragend und zweifelnd ansah, – er grüßte einige Male mit der Hand – die Pferde zogen schärfer an und schnell war der Wagen mit dem prachtvollen Gespann den neugierigen Blicken entschwunden.

Die Menge begann sich zu theilen. Mißmuthig ging ein Theil derselben nach Hause, müde des vergeblichen Wartens, während Andere auf ihren Plätzen ausharrten, denn noch wurden im Laufe des Abends die Könige von Hannover und Sachsen und eine große Anzahl der übrigen Fürsten erwartet.

Der alte Davidsohn mit seiner Tochter wendete sich zur Rückkehr nach der Stadt. Ferdinand Partner begleitete sie, immer seine Unterhaltung mit dem Vater und seine stumme, aber ebenso beredte Augensprache mit der Tochter fortsetzend.

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