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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Schüchtern mit fragendem Blick näherte sich unter dem Vestibule des königlichen Logirhauses der junge Graf Kraniski dem Fräulein von Artenberg.

»Ich habe Ihrem Herrn Vater versprochen, mein gnädiges Fräulein,« sagte er, »Sie unversehrt nach Hause zu bringen –«

»Und ich hoffe, daß Sie Ihr Versprechen erfüllen werden,« erwiderte sie in heiter gleichgültigem Tone, aber mit leichtzitternder Stimme.

Die junge Dame verneigte sich gegen die noch auf dem Vestibule befindlichen Personen der Gesellschaft, nahm den Arm, den ihr der Graf bot, und schritt die wenigen Stufen des Vorplatzes hinab.

Schweigend gingen Beide einige Zeit den Weg entlang, der auf der Düne längst des Meeresstrandes hin zu dem andern Theile des Badedorfes führt.

Leicht legte der Graf seine Hand auf diejenige des Fräuleins, die auf seinem Arm ruhte.

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, Fräulein Marie,« sagte er mit tief innigem Ton, »daß Sie mir die Gelegenheit geben, Ihnen mein Herz auszuschütten und auf den finstern Weg, den ich zu gehen habe, eine lichte Blume der Erinnerung mitzunehmen, die mich in Nacht und Tod begleiten wird, und die,« fuhr er seufzend fort, »zugleich eine Blume der Hoffnung wird, denn das menschliche Herz treibt ja auch aus dem Felsenboden des härtesten Schicksals immer wieder die zarten Triebe der Hoffnung, welche erst mit dem letzten Lebensschlage des Herzens selbst erstirbt.«

Das junge Mädchen blickte voll Erstaunen in das vom Glanz der Sterne matt beleuchtete Gesicht des Grafen, das in schmerzlicher Bewegung zuckte.

»Ich bin glücklich,« sagte sie, »aufrichtig glücklich,« fügte sie mit wärmerem Ton hinzu, »wenn ich im Stande bin, durch meine – Freundschaft in irgend etwas Ihre Leiden zu lindern, nur verstehe ich wirklich nicht, was Sie so tief schmerzlich bewegen kann. Ihre Gesundheit bessert sich, Sie kehren zu den Ihrigen zurück – und wir – wir werden uns wiedersehen,« sagte sie, die Augen niederschlagend, mit einer reizenden Mischung von Verlegenheit und zuversichtlicher Sicherheit.

Er drückte stürmisch ihre Hand.

»Wir werden uns wiedersehen!« rief er, »vielleicht dort oben, wo die Sterne sich begegnen in ihrem Kreislauf um den Thron der Ewigkeit.« –

»Welche Gedanken,« sagte sie erschrocken, »ich begreife nicht –«

Er blieb stehen und blickte lange starr und unbeweglich in ihr Gesicht.

»Hören Sie mich an,« sagte er dann mit dumpfem Ton, »Sie werden Alles begreifen.«

Langsam schritt er weiter und den Blick vor sich hin gerichtet, wie in das Leere schauend, sprach er mit einer Stimme, die eintönig und hohl aus seiner Brust hervordrang:

»Sie wissen, Fräulein Marie, daß ich ein Pole bin, das heißt, daß ich zu jener Nation gehöre, welche todt ist und doch lebt in einem schauerlichen Halbleben, das ihr nur die Empfindung ihrer Schmerzen läßt, welche wie Prometheus an den Felsen geschmiedet ist, damit die raubgierigen Adler ihr Eingeweide zerfleischen. Jeder Pole, Fräulein Marie, trägt alle Schmerzen seiner Nation von Jugend auf in sich, wie er erwächst aus der Kindheit zur Jugend und zur Manneskraft, so erwächst in seinem Herzen stets fester und fester, sein ganzes Wesen durchschlingend, der glühende, verzehrende Schmerz und mit dem Schmerz der Durst nach Rache, nach endlicher Befreiung seines Volkes aus hundertjährigen Ketten. – Ich bin aufgewachsen im Hause meines Vaters, auf preußischem Boden, nahe der russischen Grenze. Unser Loos in Preußen ist gut, ja wir werden noch freundlicher und rücksichtsvoller oft behandelt als die Preußen in andern Provinzen, und ich habe in meinem elterlichen Hause nur Worte der Anerkennung für das preußische Regiment gehört. Aber,« fuhr er fort, »über die Grenze herüber drangen die Klagen unserer Brüder und wenn ich in dem Saale unseres alten Hauses die Bilder meiner Vorfahren sah, wenn düstere, schweigende Trauer bei dem Anblick dieser Bilder in dem Auge meines Vaters brannte, wenn ich die Geschichte las der großen Vorzeit unseres Volkes und seines jammervoll traurigen Endes mit dem blutig entsetzlichen Nachspiel, dann erfüllte sich meine Seele mit dumpfem, verzehrendem Schmerz und mein Blut wallte auf in Zorn und Grimm.

»So kam ich nach Paris,« sprach er nach einem kurzen Schweigen, »und was in unbestimmten Gefühlen und Regungen in mir gelegen hatte, das fand ich dort zu klaren Gedanken geordnet, zu festen Plänen gestaltet. Die Edelsten meines Volkes fanden sich dort im Hotel des Fürsten Czartoryski zusammen, in allem Glanz, in aller sprühenden Gluth, sah man dort ein Bild der alten Herrlichkeit und Größe meines Vaterlandes, und mit hoher Begeisterung erfüllte sich meine Seele, als ich überall der festen, gläubigen Zuversicht begegnete, daß endlich doch die Stunde der Befreiung, der Wiederherstellung unseres nationalen Rechtes schlagen werde. War doch ein Sohn unseres Volkes, in dessen Adern zugleich das Blut des großen Napoleon floß, einer der Ersten auf den Stufen des neuen kaiserlichen Thrones von Frankreich, und zeigte doch der Kaiser bei jeder Gelegenheit so warme Sympathie für die Sache unserer Nation.«

Die Augen der jungen Dame hatten unausgesetzt auf dem so lebhaft bewegten Gesicht des Grafen geruht, das in seiner fast fieberhaften Erregung mit den so weichen und doch so glühenden Augen im dämmernden Licht der zitternden Strahlen des Sternenhimmels wunderbar schön erschien.

Sanft schmiegten sich ihre Finger in leisem Druck an seinen Arm und wie ein Hauch tönte es von ihren Lippen: – »mein armer, lieber Freund!« –

Der junge Mann neigte sich zu ihr nieder und berührte mit den Lippen ihre reine, weiße Stirn, die unter einem weiten, dunkeln Tuch hervorschimmerte.

»Man weihte mich ein,« fuhr er fort, »in die Geheimnisse meiner Landsleute, man nahm mich auf in einen geheimen Bund, der zur Befreiung Polens sich gebildet hatte, und dem die Besten der Jugend meines Volkes angehörten; voll glühender Begeisterung beschwor ich die Gesetze des Bundes, ich schwor auf die Hostie und auf das heilige Bild des Gekreuzigten, daß ich unweigerlich, ohne Schwanken und Zögern, in jedem Augenblick dem Rufe des Bundes zum Kampfe für die Befreiung Polens gehorchen würde, ich erklärte mein Leben für verwirkt, dem rächenden Arm des Bundes für verfallen, wenn ich auch nur eine Minute zögern würde, mich, dem Befehle des Bundes gehorsam, zu stellen zum Eintritt in die Reihen der Kämpfer für die Sache des Vaterlandes.

»Ich kehrte zurück,« sprach er weiter, während Fräulein von Artenberg in zitternder Erregung sich an ihn schmiegte, »in meine Heimath, in das Haus meines Vaters, ich suchte Gelegenheit mit meinem Vater, ohne den Bund und seine Geheimnisse zu berühren, über die Pläne und Hoffnungen zu sprechen, die man in Paris hegte, ich fand bei ihm diese Hoffnungen nicht getheilt, er glaubte nicht an die Wiederherstellung unseres Landes. So tief sein Schmerz über den Untergang der polnischen Nation war, so wenig glaubte er an die Wiederherstellung und Alles, was er für erreichbar, ja für wünschenswerth hielt, war eine freundliche Behandlung ihrer Eigenthümlichkeiten, Achtung ihrer Erinnerungen und vor Allem ihres Glaubens. Ich dachte nach und auch mir kamen die Zweifel an der Erfüllung der Pläne, denen ich im Rausch der glühenden Begeisterung mich geweiht hatte –

»Ich will kurz sein,« fuhr er nach einem tiefen Seufzer fort, »der Aufstand begann, ich erwartete einen Ruf des Bundes an mich, er kam nicht, ich verfiel in eine schwere Krankheit, langsam genas ich wieder, ich kam hierher, um mich ganz wieder zu stärken, und hier, Fräulein Marie, fand ich Sie, fand ich den warm leuchtenden Stern meines Lebens.«

Schweigend mit niedergeschlagenen Augen schritt sie neben ihm her, in immer wärmerem Tone sprach er weiter:

»Mein Herz war bisher unberührt geblieben vom Strahl der Liebe, die ernste Richtung meines inneren Lebens hatte mich fern gehalten von den leichten Tändeleien und noch war mir keine Dame entgegengetreten, welche in tiefem Gefühl meine Seele bewegt hätte. Als ich Sie sah, Fräulein Marie, da begann ein neues Leben in mir zu erwachen, meine ganze Vergangenheit, Alles, was meine Jugend erfüllt hatte, versank wie Nebel vor dem Licht, vor dem erwachenden Morgenlicht der Liebe – ach, und dies Licht war so süß, es erweckte so zahllose Blüthen in meinem Herzen, das eben erst von dem Rande des Grabes zum freudigen Pulsschlag des Lebens wieder zurückkehrte, in süßen Melodien tönte der Wohllaut der jungen Liebe durch alle Saiten meines Wesens, o, ich war sehr glücklich, ich vergaß Alles, Alles unter dem Zauber Ihres Blickes, Marie, ich sah nur eine glückliche, selige Zukunft und nun –«

Er ließ mit einem schmerzlichen Seufzer den Kopf auf die Brust sinken.

Sie hatte mit einem glücklichen Lächeln seinen Worten gelauscht, befremdet schlug sie den feuchten Blick zu ihm auf.

»– Und nun?« fragte sie leise.

»Gestern habe ich von dem geheimen Bunde den Befehl erhalten, mich sogleich nach Polen zu begeben, nach einem Orte, der mir an einer bestimmten Stelle in Posen näher bezeichnet werden wird, um das Commando eines Streifcorps zu übernehmen.«

Das junge Mädchen schauerte in sich zusammen, ein tödtlicher Schreck malte sich auf ihren Zügen, bald aber lächelten ihre Lippen wieder und mit ruhigem Tone sprach sie:

»Und Sie wollen diesem Befehl folgen? Sie wollen Ihr Leben, Ihre Zukunft an eine Sache setzen, die, wie Sie sagen, Ihr Vater selbst für eine unmögliche hält, an welche Sie selbst kaum noch glauben. Sie wollen sich einer Schwärmerei Ihrer Jugend opfern, Sie wollen mich verlassen?« fügte sie fast unhörbar hinzu, indem sie einen Blick auf ihn richtete, aus welchem eine Fülle von Liebe strömte.

»Marie, Marie,« rief er stürmisch, indem er beide Arme um sie schlang und sie in glühender Bewegung an seine Brust drückte, »wie kann ich anders, kann ich meinen Schwur brechen, den ich auf die heilige Hostie geleistet, kann ich meine Ehre beflecken, kann ich als ein Feigling vor meinen Genossen dastehen, als ein Meineidiger vor meinem eigenen Gewissen? Und dann,« sagte er mit tief düsterer Betonung, »es würde doch vergebens sein.«

Fräulein von Artenberg hatte immer ernster zu Boden geblickt, jetzt erhob sie den Kopf und indem ihr Auge sich weit öffnete, fragte sie: »Vergebens? Was würde vergebens sein?«

»Das Opfer meiner Ehre, meines Gewissens,« erwiderte er, »würde mein Leben nicht retten, mein Leben, das sonst so geringen Werth für mich hatte den großen Ideen, der großen Sache gegenüber, und das jetzt mir so unendlich theuer erscheint, seit es mit meiner Liebe verwachsen ist.

»Ich habe Ihnen gesagt,« sprach er weiter, »daß ich mein Leben für verfallen erklärt habe dem rächenden Arm des Bundes, wenn ich jemals dem geleisteten Eide untreu würde, der Arm des Bundes ist lang und wird mich zu treffen wissen, sicher, schnell und erbarmungslos, sei es das Gift, sei es der Dolch, sei es die Kugel, womit er sich bewaffnen mag, aber treffen wird er mich und wenn ich dem Rufe des Bundes nicht folge, so werde ich in kurzer Zeit todt sein, so wahr ich hier an Ihrer Seite das volle Glück des Lebens einathme.«

»O, das ist entsetzlich,« rief sie zitternd, »entsetzlich! Und wenn Sie dem Rufe folgen, denken Sie, wohin Sie gehen, der Tod auf dem Schlachtfeld ist das glücklichste Loos, das Sie treffen kann, die Gefangenschaft, Sibirien –«

Ihr Körper bog sich schauernd zusammen.

»Ich werde zu sterben wissen,« sagte er mit festem Tone und fuhr fort, sich zu ihr herabbeugend, »ist es nicht besser, zu sterben mit ruhigem Gewissen, mit unbefleckter Ehre, als zu fallen von der unsichtbar rächenden Hand, beladen mit der Verachtung edler Herzen, – mit der eigenen Verachtung? –

»Marie,« sagte er, ihr Haupt sanft aufrichtend und ihr tief in die Augen blickend, »würden Sie den Mann lieben können, der seine Ehre befleckte und seinen Eid bräche im Augenblicke der Gefahr, im Augenblicke, da Diejenigen, denen er Treue geschworen, sich in den Tod stürzen?«

Sie löste ihren Arm aus dem seinen, faltete ihre Hände und rief mit erstickter Stimme:

»O, es ist eine furchtbare Lage, Sie haben Recht, es ist ein großes Unglück. Aber,« fuhr sie dann lebhaft fort, »Sie sind nicht derselbe mehr, der jenen fürchterlichen Eid einst geleistet, damals waren Sie allein, Sie hatten nur Ihr Leben und darüber hatten Sie das Recht zu verfügen, jetzt sind Sie nicht allein, mein Leben hängt an dem Ihrigen, denn ich liebe Sie,« rief sie in wilder, zitternder Erregung, »ich liebe Sie, und was soll aus mir werden, wenn ich Sie verliere?«

»Marie,« rief er, sie stürmischer an sich drückend, »welche Seligkeit geben Sie mir mit diesem Wort, und diese Seligkeit muß ich aufgeben, mich abwenden muß ich von so hellem Licht, um mich meinem finstern Schicksal zu übergeben; mein Gott, warum bin ich Ihnen nicht begegnet, bevor ich mich unauslöslich an das Verderben kettete!«

»Sie dürfen nicht unauslöslich gebunden sein an den sicheren Untergang,« sagte sie, ihm fest in die Augen blickend, »Sie lieben mich, Sie haben es mir gesagt, Sie haben meine Liebe angenommen, Sie haben damit die Pflicht übernommen, mich nicht allein zu lassen in der weiten Welt, mich nicht vergehen zu lassen in Sorge, Angst und Schmerzen.«

Sie waren zur Marienhöhe gekommen. Auf einer sanft ansteigenden Dünenspitze erhebt sich ein kleiner Pavillon, leicht gezimmert von einfachem Holz, die Fenster öffnen sich nach dem Meer hin, divanartige Bänke von Rohrgeflecht ziehen sich an den inneren Wänden hin.

Der Graf führte Fräulein von Artenberg in den Pavillon auf einen der Sitze, sank zu ihren Füßen auf die Knie nieder und küßte zärtlich ihre Hände.

»Aber wie wäre es möglich,« sprach er leise, »jene furchtbare Kette zu lösen?«

Sie blickte ihn lange an, strich mit der Hand über seine Augen, die fieberhaft aus dem bleichen Gesicht hervorleuchteten und sprach im Tone fester Ueberzeugung:

»Die Genossen, denen Sie jenen unglücklichen Eid geleistet haben, sind keine Gebilde von leblosem Stein, es sind fühlende, lebende Menschen, in deren Brust ein empfindendes Herz schlägt, sie werden erkennen, daß es eine grausame, eine mörderische Härte wäre, von dem Liebenden die Erfüllung dessen zu verlangen, was der freie Mann einst versprach. Sie werden verstehen, daß Sie Ihr Leben opfern durften, aber daß Sie nicht das Leben eines Wesens vernichten dürfen, dem Sie Alles sind in dieser Welt.

»Gehen Sie,« sprach das junge Mädchen weiter, »gehen Sie hin, wohin man Sie ruft, aber wenn Sie Ihre Freunde finden, wenn Sie Ihrem Eide treu dem Rufe des Bundes gefolgt sind, dann sagen Sie ihnen, wie sich Ihre Wesen verändert, sagen Sie, daß Ihr Herz nicht frei ist, sich mit voller Hingebung der Sache zu weihen, der Sie sich einst verschworen, sagen Sie ihnen, daß ein anderes Leben von dem Ihrigen abhängt und verlangen Sie die Lösung von Ihrem Gelübde. Wenn Jene Menschen sind, wenn sie die Liebe je empfunden haben, so werden sie Sie von Ihrem Schwur entbinden, sie werden das unfreiwillige Opfer eines getheilten Herzens nicht verlangen, sie werden Sie zurückkehren lassen zum Leben, zum Glück, zu mir!«

Langsam richtete sie sein Haupt empor und blickte ihm in angstvoller Erwartung in die Augen.

Ein augenblicklicher Schimmer glücklicher Hoffnung leuchtete in seinem Gesicht auf.

Dann aber senkte er den Blick wieder und sprach in dumpfem Ton:

»Ich kann es kaum hoffen, was Sie so schön mir zeigen. Jenen gilt die irdische Liebe zu dem einzelnen Weibe Nichts neben der Sache des Glaubens und des Vaterlandes.«

»Aber Sie versprechen mir,« rief Marie, »Sie schwören mir, daß Sie meine Bitte erfüllen wollen, daß Sie mit aller Beredsamkeit des Herzens sprechen und die Befreiung von Ihrem Gelübde verlangen wollen?«

»Ich schwöre es,« sagte er aufstehend und die Hand auf ihr Haupt legend, »bei meiner Liebe, bei diesem Haupte, das mir das Theuerste ist auf Erden.«

Sie erhob sich und legte ihre Arme um seine Schultern.

»Und ich werde beten,« rief sie, »daß Gott Ihren Worten Kraft gebe und die Herzen Derer lenke, welche das Glück unseres Lebens in Händen haben.«

Sie richtete sich zu ihm empor und drückte ihre Lippen in innigem Kuß auf die seinigen.

Lange standen sie da in schmerzlich glücklicher Umarmung.

Von unten herauf rauschte das Meer, im leuchtenden Phosphorschein glühten die langsam heranrollenden Wellen der Fluth, der leichte Nachthauch kräuselte den Sand der Düne, durch die Fenster des Pavillons blickten die ewigen Sterne vom dunkeln Himmel herein, tiefes Schweigen herrschte rings umher, nur der leise Athem der Nacht zog durch die stille Natur und sie hörten den Schlag ihrer Herzen, die einander entgegen wallten in jenem ewigen Zug der Liebe, welche die Welt erfüllt von dem ersten Schöpfungstage an, in ewig junger Kraft und ewig neuer Wärme.

Sanft löste sie endlich ihre um ihn geschlungenen Arme.

»Und nun lebe wohl, mein theurer, mein einziger Freund,« sagte sie mit fester, ruhiger Stimme, »alle Engel Gottes mögen Dich geleiten auf Deinem Wege und mögen Dich sicher und glücklich zu mir zurückführen.«

Noch einmal drückte sie ihre Lippen auf seinen Mund.

Ein zitternder Schauer rieselte durch seinen Körper.

»O mein Gott,« rief er mit halb ersticktem Ton, »jetzt soll ich Dich verlassen, jetzt, wo mein Leben im Duft des neu erblühten Glückes so hohen Werth hat, soll ich dasselbe zwecklos opfern –«

»Wir haben die Hoffnung,« sagte sie voll Zuversicht, »und unsere Liebem wir werden uns wiedersehen, jetzt kein Wort weiter, es würde eine Entweihung unseres Abschiedes.«

Sie nahm seinen Arm und wendete sich zum Ausgang des Pavillons. Schweigend schritten sie neben einander die Anhöhe hinab – schweigend gingen sie über den rothen, ziegelgepflasterten Weg bis zu dem Hause, welches der Baron Artenberg bewohnte, schweigend drückten sie sich noch einmal die Hand, der Graf öffnete die niedrige Thür des kleinen Hauses und schnell war die junge Dame im innern desselben verschwunden.

Er ging langsam in tiefes Sinnen versunken nach seiner Wohnung.

*           *
*

Der König Georg V. hatte sich in sein Cabinet zurückgezogen. Er saß auf seinem Sopha; der Geheime Cabinetsrath ihm gegenüber und las bei dem Schein der großen Lampe mit blauem Schirm das Schreiben des Kaisers von Oesterreich.

Der König hörte, den Kopf in die Hand gestützt, zu; der Eingang des Schreibens drückte den Wunsch des Kaisers aus, eine Reorganisation des Deutschen Bundes, die sich als eine immer dringendere zeitgemäße Nothwendigkeit herausstelle; der Kaiser hoffe, daß dieser Wunsch bei allen deutschen Fürsten getheilt werde und schlage denselben daher die Eröffnung gemeinsamer Berathungen über die Frage vor, wie die Bundes-Verfassung unter Aufrechterhaltung ihrer wesentlichsten Grundlagen mit wohlerwogener Berücksichtigung der Verhältnisse der Gegenwart neu befestigt und ausgebildet werden könne.

»Wie ist das möglich?« rief der König lebhaft mit der Hand auf den Tisch schlagend, »wie kann eine persönliche Berathung der Fürsten zu einem Resultat führen, ohne daß die Frage vorher gründlich erwogen worden, namentlich, wenn man ja nicht einmal weiß, was denn eigentlich Seine kaiserliche Majestät vorzuschlagen beabsichtigt. Zerstören kann man das Bestehende leicht, aber wer die Früchte dieser Politik ernten wird, das wird wahrlich nicht Oesterreich sein, und vielleicht werden die Trümmer des fallenden Baues uns Alle bedecken!«

»Nun – und weiter?« sagte er, abermals den Kopf in die Hand stützend.

Der Geheime Cabinetsrath fuhr fort den Schluß des Schreibens zu lesen:

»Sowohl die hohe Wichtigkeit dieser Frage, als die Erwägung, daß die Lösung der mehrfach damit verbundenen Schwierigkeiten einem unmittelbaren Meinungsaustausch der Souveraine eher, als einer Verhandlung durch Bevollmächtigte gelingen möchte, läßt mich zugleich den Wunsch aussprechen, daß es Eurer Majestät genehm sei, sich in Person zu solchen Berathungen mit mir zu vereinigen. Auf Kräftigung des Bundes-Princips gerichtet, würde der Zweck der Zusammenkunft schon in der Wahl des Ortes einen passenden Ausdruck finden, wenn diese Wahl auf die Bundesstadt Frankfurt fiele. Ich würde Eurer Majestät daher Dank wissen, wenn s Eurer Majestät gefallen möchte, Mir in der genannten Stadt, wohin ich Mich am 16. August zu begeben die Absicht habe, zu dem bezeichneten heilsamen und der Mitwirkung Eurer Majestät so würdigen Werke, als Bundesgenossen und als Freund der Sache Deutschlands die Hand zu reichen.

»Indem ich die Versicherung hinzufüge, daß Eurer Majestät Zustimmung zu meinem Vorschlage mir zu besonderer Genugthuung gereichen würde, ergreife ich mit Vergnügen auch diese Gelegenheit, um Eure Majestät der vorzüglichsten Hochachtung zu versichern, mit der ich bin

Eurer Majestät freundwilliger Bruder
Franz Joseph.«

Als der Geheime Cabinetsrath seinen Vortrag des kaiserlichen Schreibens beendet, blieb der König längere Zeit schweigend sitzen.

Dann ließ er langsam die Hand sinken und lehnte sich in seinen Sopha zurück.

»Das ist ein schweres, inhaltreiches Document,« sagte er dann mit tiefem traurigem Ernst, »trotz seiner Kürze und Allgemeinheit, denn durch diese Erklärung des Kaisers ist der Bau des Deutschen Bundes zerschlagen. Wenn der Monarch, der den Vorsitz führt, im Rathe der deutschen Souveraine die Reform des Bundes für nothwendig erklärt, und für »zeitgemäß«, – ein Wort, ebenso undefinirbar, wie die Zeit selbst und in welches jeder seinen eigenen Geist legt, – dann steht das Eine wenigstens fest, daß der Bund nicht mehr zu erhalten ist. Die Negation des Bestehenden ist geschaffen, unabänderlich geschaffen; was wird an seine Stelle treten? Besseres? Oder die allgemeine Verwirrung, das Chaos?«

»Halten Sie es für möglich,« fragte er nach einer Pause, »daß er Kaiser mit dem König Wilhelm in Gastein über seine Pläne eingehend gesprochen hat?«

»Ich glaube das nicht, Majestät,« sagte der Geheime Cabinetsrath, »denn ich halte es für unmöglich, daß Preußen und Oesterreich sich so schnell über eine Reform des Bundes und die dabei maßgebenden Grundsätze hätten verständigen können.«

»Wenn das aber nicht geschehen ist,« sagte der König, »dann ist ja diese Einladung –«

Er schwieg und athmete tief auf.

»Doch,« sprach er nach einem kurzen Nachdenken, »eine Einladung des Kaisers von Oesterreich, des präsidirenden Souverains im Deutschen Bunde zur Berathung über Bundes-Angelegenheiten kann nicht abgelehnt werden. Senden Sie sogleich ein Telegramm an den Grafen Platen, daß er unverzüglich hierher komme und avertiren Sie ebenso den Oberhofmarschall von Malortie und den Oberstallmeister. – Welch einen Glanz wird die alte Kaiserstadt sehen, – die Kaiserstadt!« sprach er sinnend, »die Zeit ist vorbei da die Kurfürsten den Kaiser beim festlichen Mahle umstanden, und alle Pracht, aller Glanz bringt jene Zeit nicht wieder, es wird ein Traum sein – mit welchem Erwachen?«

»Gute Nacht, lieber Lex,« sagte er freundlich, »die nächste Zeit wird viel Arbeit bringen!«

Der Cabinetsrath verließ das Zimmer, der König bewegte die Glocke, der alte Kammerdiener Mahlmann trat ein und führte den König in sein Schlafzimmer.

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