Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Oskar Meding >

Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
Schließen

Navigation:

Neuntes Capitel.

Der Abend war niedergesunken auf die weißen Dünen von Norderney, die Strandpromenade war leer und leerer geworden und nur auf dem hochaufgemauerten Schutzwall, welcher die Insel an der schwächsten Stelle gegen die andringende Gewalt der Dämonen der Tiefe schützte, gingen noch einzelne unersättliche Lufttrinker auf und nieder, tief einsaugend den kühlen Hauch der immer höher heranrauschenden Fluth, welche die weißgekräuselten Spitzen ihrer Wellen immer weiter über den Ufersand heraufrollte.

Und als es still wurde am Strande, als nur noch der vieltausendjährige Gesang des nimmer ruhenden und doch in seiner steten Bewegung so unveränderlich immer sich selbst gleichen Meeres herauftönte zum tiefer dunkelnden Nachthimmel, auf welchem leichte Nebelwolken, von der Abendbrise gejagt, über die aufleuchtenden Sterne hie und da ihren flüchtig verwehenden Schleier zogen, als in der Dunkelheit der Nacht die Spitzen der Wellen in magischem Phosphorglanz zu leuchten begannen, die feindlichen Elemente des Wassers und des Feuers in feenhaftem Wunderspiel vereinend, da erhellten sich die hohen Fenster des Logirhauses, in welchem der König seine Residenz aufgeschlagen hatte und an den geöffneten Flügeln konnte man von dem großen Platze vor dem Hause die Schatten der Gesellschaft hin- und herzittern sehen, welche sich in den Gemächern des Königs im ersten Stockwerk versammelte.

In dem mittleren Zimmer vor dem großen Saal, dessen Flügelthüren offen standen, war der Theetisch servirt, und es war eine kleine Gesellschaft darin versammelt, den König erwartend. Hier war der Graf Adlerberg, eine vornehme Erscheinung im Alter von etwa fünfundvierzig bis fünfzig Jahren. Das regelmäßige, etwas blasse Gesicht hatte einen ruhig nachdenklichen, fast phlegmatischen Ausdruck und erinnerte durch den Schnitt des Bartes und Haares ein wenig an den Kaiser Alexander; – die Gräfin mit ihren vornehm abgeschlossenen kalten, aber geistreichen und anmuthig belebten Zügen – man sah hier Dreyschock den großen Meister des Pianos, mit seinem kraftvoll markigen Gesicht, man sah den eleganten Carl Devrient mit dem kleinen schwarzen Bärtchen und den jugendlich blitzenden dunklen Augen, – Fräulein Rosa Preßburg, die junge, liebenswürdige Schauspielerin vom hannöverischen Hoftheater, – hier war der österreichische Graf Wallis, eine lange hagere Gestalt mit freundlich heiterem Gesicht, Fräulein von Artenberg, der Graf Kraniski und der Pfarrer Kloster aus Meerane in Sachsen, ein altere, einfach würdiger, geistlicher Herr mit bleichem, klugem Gesicht, aus welchem fast schwärmerisch blickende Augen glänzend hervorleuchteten.

Die Gesellschaft plauderte in kleinen Gruppen.

Die Flügelthüren wurden geöffnet.

Georg V. trat rasch ein, auf den Arm des achtzehnjährigen Kronprinzen Ernst August gestützt, dessen schlanke jugendliche Gestalt noch etwas unsicher in ihrer Haltung war und dessen etwas rundes, freundliches Gesicht mit den kindlich gutmüthigen Augen nicht an die scharfe und charakteristische Gesichtsbildung der englischen George aus dem hannöverischen Hause erinnerte, deren Stempel das Antlitz des Königs so ausgeprägt zeigte; der Prinz Herrmann von Solms-Braunfels, der Neffe des Königs, im Alter des Kronprinzen, ging an seiner Seite, eine knabenhafte, zarte Erscheinung mit schönen Zügen und funkelnden Augen, die voll launiger Heiterkeit und scharfer Intelligenz umher blickten.

Der König und die Prinzen trugen einfachen, dunkeln Promenaden-Anzug.

Georg V. Blieb an der Schwelle einen Augenblick stehen und grüßte mit liebenswürdig freundlichem Lächeln die Gesellschaft, dann schritt er, vom Kronprinzen geführt, schnell auf die Gräfin Adlerberg zu und führte sie an den Theetisch zu seiner Rechten.

»Fräulein von Artenberg,« rief er mit seiner hellen, klaren Stimme, »wollen Sie sich hier neben mich setzen?« und er deutete auf den Platz an seiner linken Seite.

Die junge Dame folgte dem Ruf des Königs, die übrige Gesellschaft setzte sich in unwillkürlicher Reihenfolge um den großen runden Tisch.

»Graf Wallis,« rief der König, »ich bedaure Sie, Sie werden heut Abend viel Musik hören müssen!«

»Um das Glück zu haben, bei Eurer Majestät zu sein,« rief der Graf in prononcirt österreichischem Dialect, indem er seine große, starke Hand erhob, »will ich halt Alles aushalten und Alles anhören!«

Der König lachte.

»Sie müssen wissen, Gräfin,« sagte er zur Gräfin Adlerberg gewendet, »der Graf Wallis hat sich beklagt, daß ich ihn niemals Abends einlade, ich habe mir natürlich sogleich die Freude gemacht, ihn zu bitten; aber ich fürchte, er wird es bitter bereuen, wenn er Musik hören muß, die er gar nicht liebt, – diesen so unangenehmen und so kostspieligen Lärm, wie er sagt.«

»Graf Wallis,« sagte die Gräfin lächelnd, »kommt immer noch besser fort als manche wasserscheue Herren und Damen, die Eure Majestät mit der Ehre einer Einladung zu Ihren Seefahrten auszeichnen –«

»Der arme Herr von Manteuffel,« rief der König mit großer Heiterkeit, »er flehte mich täglich an, ich möge ihm die einzige Gnade erweisen und ihn bei den Einladungen auf meines Yacht vergessen –«

»Aber Eure Majestät waren so grausam, es nicht zu thun –«

»Ich möchte gern die Badegäste von Norderney seefest machen,« sagte der König, »das will gelernt sein, wie alles Andere –«

»Aber es lernt sich nicht immer, Majestät,« sagte der Pfarrer Kloster, »ich bin am Meere geboren und werde immer seekrank, so oft ich zu Schiff gehe.«

»Und doch lieben Sie das Meer,« sagte Georg V., »der Pfarrer war nämlich in Wangeraege, und als die Insel von den Wellen zerrissen wurde, hat ihm der Graf Schönburg eine Pfarre in Meerane auf seinen Besitzungen gegeben, doch sehnt er sich zurück nach der See und nach den Pferdeköpfen an den niedersächsischen Häusern, wie die Schweizer nach ihren Alpen.«

»Das Meer und die Berge, die gewaltigsten, erhabensten und reinsten Bildungen der göttlichen Schöpfungskraft erzeugen das Heimweh,« erwiderte der Pfarrer, »und was die Pferdeköpfe betrifft, die in dem meerumgürteten Niedersachsen an allen Häusergiebeln angebracht werden, so sind sie auch wieder ein Sinnbild der Reinheit und Schönheit des Meeres. Es ist eigenthümlich,« fuhr er fort, »daß dieser Cultus des Pferdes in den Küstenländern sich findet – die Alten schon erklärten in ihrem Mythus das Pferd für eine Schöpfung Neptuns des Meergottes, man brachte die schönste Bildung der Thierwelt mit dem reinen, herrlichen Meer in Verbindung, wie man auch Aphrodite die edelste menschliche Gestalt dem Meeresschaum entsteigen ließ; – so hielten auch die Niedersachsen das Pferd heilig und wählten das weiße Pferd zu ihrem Wappenzeichen.«

Freundlich lächelnd nickte der König zu dem Pfarrer hinüber.

»Wenn man bei dem Pfarrer Kloster nur die Saite seines niedersächsischen Vaterlandes und des Meeres anschlägt, so ist er unerschöpflich in schönen, anregenden und poetischen Gedanken. Uebrigens,« fuhr er fort, »freue ich mich meines weißen Rosses; es ist eigenthümlich, wie die meisten Länder wilde Raubthiere zum Zeichen haben, Adler, Löwen und Leoparden, mein niedersächsisches Königreich führt auf seinem Schilde das weiße Pferd, das sich von den Früchten des Feldes nährt und kein Blut trinkt, und das doch gerüstet ist zum Kampf und seit Jahrtausenden die edlen Krieger in die Schlacht trägt.«

»Ich weiß nicht,« sagte der Pfarrer Kloster, »ob es Eurer Majestät bekannt ist, was ich jüngst in einer alten Chronik gelesen, daß das Wappen der Niedersachsen ein weißes Pferd im grünen Felde war; als in dem Kampf gegen Karl den Großen das Blut der Sachsen die grünen Wiesen roth gefärbt, nahmen sie zum Zeichen das weiße Pferd im blutrothen Felde.«

Ernst und sinnend blickte der König vor sich hin.

»Das weiße Pferd von Niedersachsen duldet nicht Zaum und Zügel,« sagte er, »und weil der große Kaiser ihm seine freie Bewegung auf seinen grünen Wiesen nehmen wollte, färbten sich die Augen mit Blut; so sind sie heute noch, die Niedersachsen, gehorsam einem guten Wort, aber störrisch und grimmig wild sich aufbäumend gegen Zwang durch Peitsche und Gebiß.

»Doch,« fuhr er heiter fort, »lassen wir die Mythen des Meeres und seiner Küsten, und beschäftigen wir uns ein wenig mit seinen genießbaren Produkten, ich habe hier ein sehr angenehmes und vortreffliches Erzeugniß meiner Küsten, bei dem man gewöhnlich nur den Fehler macht, es nicht in genügender Menge zu sammeln.«

Und auf seinen Wink servirte man die kleinen Krabben, ihrer Schalen entkleidet in großen, tiefen Schüsseln, man trank Thee und bayerisches Bier und der König leitete die Unterhaltung mit sprudelnder Heiterkeit. Er wußte alle Anwesenden an den Gesprächen zu betheiligen, Jeden zur natürlichen Entwickelung seiner liebenswürdigen Seiten zu beleben und war unerschöpflich in launigen Einfällen und komischen Anecdoten, meist aus der Zeit seines Lebens in Berlin, als Prinz von Cumberland.

Der Thee war beendet. Die Lakaien hatten den Tisch abgeräumt.

»Haben Sie die kleinen Gedichte von Klesheim mit, Fräulein Preßburg?« fragte der König, »Sie waren neulich so freundlich, uns einige davon vortragen zu wollen.«

»Zu Befehl, Majestät,« erwiderte die junge Schauspielerin mit schüchterner Bescheidenheit, und schnell holte sie von einem nebenstehenden Tische einen kleinen Band.

»Ich liebe diese kleinen Dichtungen in österreichischer Mundart ungemein,« sagte der König, »und Fräulein Preßburg versteht sie so vortrefflich, so natürlich und reizvoll vorzutragen; – Sie werden selbst urtheilen.«

Die junge Dame hatte leicht in dem Buche geblättert und begann dann mit ihrer weichen, ansprechenden Stimme einfach und natürlich diese kleinen Volksdichtungen vorzutragen, indem sie die österreichische Mundart durch die Zierlichkeit und Reinheit der Aussprache noch anmuthender hervortreten ließ.

»Nicht wahr?« fragte der König, als sie nach einiger Zeit eine Pause machte, »es sind gar zu hübsche kleine Sachen, die uns ansprechen, wie die frischen Blumen der Bergthäler.«

»Wenn diese reizenden Blumen der Dichtung, Majestät, so hübsch und anmuthig vorgetragen werden,« sagte Devrient, »so bleibt wohl kein Platz mehr für die Tragödie und Ballade?«

»Alle Kinder der Poesie sind verwandt, lieber Devrient,« erwiderte der König, »wie ja alle Künste auch Schwestern sind, was haben Sie uns zu bieten die liebenswürdige Absicht? Sie wollten mit Dreyschock vereint, Musik und Poesie zusammenwirken lassen?«

»Wenn Eure Majestät erlauben,« sagte Devrient, »werde ich das bekannte, aber immer von neuem schöne Gedicht von Uhland: »des Sängers Fluch« vortragen, während Herr Dreyschock mich begleiten wird.«

»Ganz neu,« rief die Gräfin Adlerberg, »eine vortreffliche Idee, und von zwei solchen Meistern ausgeführt –«

Der König erhob sich.

Er gab der Gräfin den Arm, die Gesellschaft folgte ihm in den Nebensaal, in dessen Mitte der geöffnete Flügel stand. Der König und die Gesellschaft nahmen auf den rings umher aufgestellten Lehnstühlen Platz. Dreyschock setzte sich vor den Flügel, Devrient stellte sich neben ihn und begann mit seiner vollen, kräftigen und so wunderbar biegsamen Stimme das berühmte und allbekannte Gedicht des schwäbischen Sängers mit besonders rhythmischer Scandirung vorzutragen, während Dreyschock fast pianissimo die Declamation mit einer leichten harfenartigen Musik accompagnirte.

Nach jeder Strophe hielt Devrient an und aus dem pianissimo zu kräftigerem Ton übergehend, spielte der mächtige Pianist eine musikalische Interpretation des vorgetragenen Textes, welche in ihrer wunderbar charakteristischen Genialität würdig gewesen wäre, niedergeschrieben zu werden, um aller Welt die tief ergreifenden Klänge zugänglich zu machen, welche hier schnell verwehend, unauslöschliche Eindrücke in den Herzen der Hörenden zurückließen. –

»– – Versunken und vergessen
Das ist des Sängers Fluch!«

sprach Devrient mit einer Stimme, die wie hervortönend aus dem Reiche der Geister durch den lautlos stillen Raum zitterte, während Dreyschock dem Flügel Töne entlockte wie das Schwirren des Fittichs der dunklen Dämonen der Vernichtung, welche daher ziehen über die verdorrenden Blumen der erbebenden Erde.

Und als Devrient schwieg, da erhoben sich diese leise rauschenden Töne zu immer volleren Klängen, man hörte das Stürzen der Säulen, das Rollen der Wetter, welche die Rachegeister daher treiben, um den Fluch des Sängers zu erfüllen und endlich lösten sich die erschütternden, markdurchdringenden Töne, die aus einer fernen Welt des Todes herüber zu dringen schienen, in wehmüthig klagende Harmonieen auf und mit leise verklingendem Schlußaccord beendete der Meister sein Spiel, das vielleicht in keinem seiner größten Concerte herrlicher und bewundernswerther gewesen war.

Die ganze Gesellschaft war stumm, man konnte die Athemzüge hören in dem stillen Saal, durch dessen geöffnete Fenster von fernher das Rauschen des Meeres hereindrang, getragen vom duftigen Hauch des Nachtwindes.

Der König erhob das Haupt.

»Mein lieber Dreyschock,« sagte er mit bewegter Stimme, »unser Schweigen sagt Ihnen mehr als das lauteste Lob ausdrücken könnte, Sie und Devrient haben das Höchste erreicht, was Künstler erreichen können, die Seele des Menschen in sich selbst einkehren zu lassen und das Gefühl ihres Zusammenhanges mit den unermeßlichen Reichen der Ewigkeit in ihr zu erwecken.«

Dreyschock verneigte sich gegen den König, Devrient trat zurück und da Alles schwieg, wendete sich der große Virtuos wieder zum Flügel und die Blicke aufwärts gerichtet, begann er zu spielen, was seine Phantasie ihm eingab; wilde ungarische Motive tönten durch den Saal, süße Weisen wie der Orangenduft der Haine Italiens schlossen sich daran, man hörte die Romantik der Musik in Waffenklirren und Tönen der Laute und dann in kühnen Übergängen sprang dies wunderbare, nie gehörte Potpourri über zu jenen hinreißenden Mazurkas, bei deren Klängen das heiße Blut der Sarmaten zu brausender Siedehitze aufwallt. Der Flügel entwickelte Töne, deren man dies einfache Instrument kaum für fähig gehalten hatte, und endlich klang es wie donnernder Schlachtgesang durch den Saal:

»Noch ist Polen nicht verloren.«

In leichter Verlegenheit blickte Graf Adlerberg nieder, mit tiefem Athemzug erhob sich der junge Graf Kraniski, unhörbaren Schrittes ging er zum geöffneten Fenster und sich auf die Brüstung stützend blickte er hinaus zum dunkeln sternenflimmernden Nachthimmel, tief einathmend die feuchte, kühle Luft, welche vom leise rauschenden Meer über die leicht zitternden Spitzen des Dünengrases heraufzog.

Langsam ließ Dreyschock die wild bewegte Melodie verklingen, aus kämpfenden Uebergängen erhob sich die einfach ergreifende Weise des österreichischen Volksliedes und wieder aus deren zweitem Theil, die Tonart wechselnd, ertönte dann in vollem gewaltigem Klang die russische Nationalhymne in klaren mächtigen Tönen wie Posaunenklang durch den Saal.

Graf Kraniski wendete sich langsam zurück. Düster leuchtete sein dunkles Auge zu Fräulein von Artenberg hinüber, deren Blick angstvoll und unruhig dem jungen Manne gefolgt war.

»Ist das eine Mahnung, eine Vorbedeutung?« flüsterte der Graf vor sich hin, und leise und unhörbar wie er zum Fenster gegangen, kehrte er wieder zu seinem Platz zurück.

Dreyschock spielte weiter. Ruhig wie Wellenrauschen zogen die Töne dahin, »rule Brittania, rule the waves« klang es hindurch wie Stimmen der Meeresgeister, dann ließ er die rechte Hand niedersinken und mit der linken allein spielte er das »God save the king«; immer nur mit der linken Hand entlockte er dem Flügel eine Fülle reicher Fantasieen über dies einfache Thema, dessen erhabene Melodie endlich wieder seinen Vortrag schloß.

Rasch stand er auf, und sich gegen den König verneigend, trat er in den Kreis der Zuhörer zurück und setzte sich neben Devrient, der ihm stumm die Hand drückte.

»Habe ich nicht Recht,« rief der König, »wenn ich die Musik die Kunst aller Künste nenne? Drückt sie nicht reiner noch und verklärter Alles aus, was man mit dem Wort, mit Pinsel und Meißel schaffen kann? Führt sie nicht unmittelbarer noch als die andern Künste den Gedanken des Künstlers in das Gemüth des Hörers? Welche reiche, unendliche Fülle von Gedanken und Gefühlen hat nicht unseres großen Meisters Vortrag hier in uns Allen erwecken müssen!«

»Fräulein von Artenberg,« sagte er nach einer kurzen Pause, »Sie hatten die Güte, mir auch noch einen Vortrag zu versprechen, ich habe Ihnen schon gesagt, wie sehr ich Ihr schönes, verständiges Spiel liebe.« –

»Majestät,« sagte die junge Dame erröthend, in fast erschrockenem Tone, »werden gewiß nicht von mir verlangen, nach Herrn Dreyschock zu spielen, während noch der Nachhall seiner Töne durch den Saal klingt.« –

»Meister wie unser Dreyschock,« erwiderte der König freundlich, »sind die mildesten Kritiker, und Sie haben ja keine Kritik zu scheuen.«

Bevor die junge Dame Etwas erwidern konnte, öffnete sich die Thür, der Geheime Cabinetsrath Dr. Lex trat ein und näherte sich dem Könige.

»Darf ich Eure Majestät einen Augenblick um gnädiges Gehör bitten?« sprach er leise.

Bei dem Klange der Stimme des Cabinetsraths erhob sich Georg V. schnell, legte seinen Arm in den seines vertrauten Secretairs und trat einige Schritte seitwärts von der Gesellschaft.

»Ich bitte um Verzeihung, daß ich Eure Majestät störe,« sagte der Cabinetsrath, »aber es ist soeben ein Handschreiben Seiner Majestät des Kaisers von Oesterreich eingegangen, von welchem ich glaubte, Ihnen sofort Kenntniß gegen zu müssen.«

»Vom Kaiser Franz Joseph?« rief der König erstaunt, »und was will Seine österreichische Majestät?«

»Der Kaiser ladet Eure Majestät, wie alle Fürsten des Deutschen Bundes auf den 16. August nach Frankfurt a. M. ein, um über eine Reform der Bundesverfassung, die er vorschlagen will, persönlich in Berathung zu treten.«

Der König ließ den Arm des Cabinetsraths los und stand einen Augenblick unbeweglich wie ein Marmorbild in starrem Schweigen.

»Und ist der Kaiser mit dem König Wilhelm über seinen Reformplan einig?« fragte er.

»Davon sagt das kaiserliche Schreiben Nichts,« erwiderte der Cabinetsrath.

Wieder stand Georg V. einige Augenblicke stumm und schweigend da.

Die Gesellschaft hatte sich erhoben und stand in Gruppen da, in leise flüsternder Unterhaltung; mancher Blick richtete sich erwartungsvoll und forschend auf den König und seinen Cabinetsrath.

»Das ist eine schwere, ernste Nachricht,« sagte der König endlich, »Sie haben sehr Recht gehabt, lieber Lex, sie mir sogleich zu bringen.

»Sind jene Grabesklänge des Fluches und der Vernichtung, welche soeben diesen Raum durchtönten,« sprach er dumpf vor sich hin, »sind sie die Einleitung gewesen zu dieser Nachricht, an welche sich der Wetterstrahl knüpfen kann, der den festen Bau des Deutschen Bundes in Trümmer niederwirft?

»Versunken und vergessen!?« sprach er noch leiser und langsam sank sein Haupt auf die Brust herab. – –

Dann richtete er sich schnell auf, sein Gesicht zeigte nur den Ausdruck freundlicher Höflichkeit, ruhig auf den Arm des Cabinetsraths gestützt trat er zur Gesellschaft zurück.

»Ich habe eine Depesche erhalten, die ich sogleich beantworten muß,« sagte er zur Gräfin Adlerberg, »und bitte daher um Verzeihung, wenn ich mich früher zurückziehe. Leben Sie wohl Gräfin, auf Wiedersehen, gute Nacht Graf Adlerberg, gute Nacht Fräulein von Artenberg, Ihnen mein lieber Dreyschock, danke ich herzlich für den großen Genuß, den Sie mir mit meinem Devrient bereitet haben, auf Wiedersehen. Ernst!« rief er, den Arm ausstreckend, der Kronprinz trat heran, der König stützte den Arm auf seine Schulter, neigte das Haupt gegen die Gesellschaft und verließ den Saal. Der Geheime Cabinetsrath folgte.

Die Gesellschaft zog sich ebenfalls zurück. Hier waren keine Lakaien, keine Equipagen warteten vor der königlichen Residenz, einfach und still ging jeder nach Hause durch die schweigende Nacht auf den mit rothen Ziegelsteinen gepflasterten Wegen, aber jeder trug in seiner Brust die Erinnerung mit sich an den so wahrhaft königlichen Genuß, der ihm hier in dem einfachen Hause auf der stillen Insel geboten war.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.