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Die Römerfahrt der Epigonen

Oskar Meding: Die Römerfahrt der Epigonen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Römerfahrt der Epigonen
authorOskar Meding
year1874
publisherDruck und Verlag von Otto Janke
addressBerlin
titleDie Römerfahrt der Epigonen
pages1-17
noteDie beiden Bände sind getrennt paginiert
created20001026
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Sechstes Capitel.

Glänzend war die Saison in Norderney im Hochsommer 1863.

Das kleine Sandeiland, das von der Natur kaum bestimmt schien, einigen Fischern die ärmlichen Bedürfnisse ihres nothdürftigen Lebensunterhalts zu gewähren, dieses kleine Stück heraufgestiegener Meeresgrund, von welchem aus der Gott der Tiefe einst zwischen Wellenschaum und Nebel hervor einen Blick in die Welt der Luft und des Lichts werfen wollte, vereinte auf seinem kleinen Raume eine bunte Gesellschaft aus den ersten Kreisen des menschlichen Lebens an Rang, Reichthum und Geist.

Die kleinen niedrigen Ziegelhäuser mit den rothen Dächern und den weißen Leinenzelten vor den Thüren waren alle gefüllt mit Bewohnern aus allen Gegenden, welche gekommen waren, um aus dem unmittelbaren frischen Athem des Meeres und aus dem Bade in seinen Wellen Genesung zu suchen, oder um auf dem wogenumspülten Asyl, fern vom Staube des Festlandes die Zeit der Hitze und Erschlaffung zu verbringen.

Alle war glücklich, heiter und zufrieden, die Sorgen des Lebens, die Feindschaften und Freundschaften der täglichen Umgebung waren zurückgeblieben an der am fernen Horizont aus dem Nebel heraufdämmernden Küste des Festlandes, eine neue kleine Welt hatte sich hier gebildet, in welcher die menschliche Natur ihre besten und schönsten Seiten entfaltete, denn Jedermann wußte, daß diese kleine Welt in einigen Wochen wieder auseinander stäuben würde, daß hier das flüchtig gesprochene Wort, die leichtgeschlossene Verbindung keine langen, ernsten Folgen nach sich ziehen würde, das Vergnügen, der heitere Genuß war der einzige Zweck dieser inmitten des Meeres abgeschlossenen Welt, – carpe diem war das Losungswort dieser fröhlichen Gesellschaft.

Glücklich und zufrieden waren auch die Einwohner der Insel, die kräftigen, wassergewohnten Friesen, welche fast sechs Monate des Jahres von jeder Verbindung mit dem Festlande getrennt leben, wenn das Eistreiben die Watten unbefahrbar macht, und, – ein merkwürdiges Verhältniß – der elektrische Draht des unterseeischen Kabels allein die Mittheilungen aus der Welt in die stille winterliche Meereseinsamkeit hinüberträgt – für sie ist die Menge der heranströmenden Badegäste die Ernte ihres Jahres; die goldene Ernte war reichlich, und mit heiteren Blicken sahen sie, in ihrem Sonntagsstaat umherwandernd, dem lustigen Treiben der Fremden zu, die ihnen Unterhalt und Wohlstand brachten, nur ganz im Stillen immer von Neuem sich verwundernd über diese sonderbaren Menschen, die da aus fernen schönen Ländern herkommen auf das einsame Eiland, um täglich sich von dem salzigen Meerwasser überspülen zu lassen, mit dem der Eingeborene nur in Berührung kommt, wenn sein Beruf als Fischer ihn dazu zwingt.

Dicht belebt war die weite Strandpromenade an einem wunderbar reinen und klaren Spätnachmittage. Der durch die Ebbe blosgelegte Ufersand war fest und eben wie das Parket eines Salons. Die leise ansteigenden weißen Dünen glänzten im Strahl der allmählig versinkenden Sonne und in bunten Farben schimmerten auf dem weißen Grundton dieses Bildes die Toiletten der Damen der auf der Promenade sich bewegenden Gesellschaft.

Hoch auf dem Kamm der ansteigenden Düne lag ein kleines, flach gebautes Haus, roh aus Holz aufgerichtet –in anderen Gegenden der Welt würde man in demselben kaum bei dem drohenden Unwetter Zuflucht gesucht – und auch kaum Schutz darin gefunden haben, denn Wände und Dach schlossen schlecht und ließen überall freien Durchgang für den scharfen Seewind, der große Haufen weißen Sandes vor der Thür aufgehäuft hatte, wo inmitten eines Kreises von roh gezimmerten Bänken eine ziemlich primitive Capelle von fünf bis sechs Personen Platz genommen hatte und eine Blechmusik ertönen ließ, der es vielleicht zum Vortheil gereichte, daß der vom Meer her rauschende Wind die Hälfte der Töne ungehört in die weiten Fernen fort trug.

Dies mehr als einfache Blockhaus war zur Zeit der Saison der Sammelpunkt der elegantesten Welt und weder Tortoni noch Kranzler hätten ein distinguirteres Publikum aufweisen können, als die »Giftbude« von Norderney, so genannt, weil hier meist die der rauhen Seeluft und dem Bedürfniß nach dem kalten Bade entsprechenden scharfen Spirituosen verabreicht wurden, deren Qualität jedoch nicht dem Aussehen und der Construction des Hauses, sondern durchaus dem Geschmack des vornehmen Publikums entsprach.

Auf einer der hölzernen Bänke saß ein junger Mann in der für Norderney als Saisoncostüm adoptirten rothen Friesjacke mit weißen Nähten über elegantem weißen Unterzeug, den schwarzen Wachstuchhut auf dem schwarzen lockigen Haar und blickte träumerisch über die unten sich bewegenden Spaziergänger nach dem fernen Meereshorizont hin, von Zeit zu Zeit ein kleines Glas an die Lippen führend, welches den vortrefflichen friesischen Wachholderbranntwein Doornkaat enthielt.

Dieser junge Mann, welcher so einsam dasaß in dem lebendigen heiteren Treiben auf den Dünen und der Promenade, war der Graf Constantin Kraniski aus der preußischen Provinz Posen. Sein Vater, ein alter polnischer Edelmann, besaß ausgedehnte Güter an der russischen Grenze und hatte sich stets der preußischen Regierung gegenüber streng loyal verhalten auch deren Sorge für das materielle Wohl der Provinz aufrichtig anerkannt und so viel in seinen Kräften stand, gefördert, aber er war Pole in seinem Herzen und trug in sich den tiefen Schmerz über den Fall seines Vaterlandes und den tiefen Haß gegen Rußland, welcher wie ein Fieber in dem Blute aller Söhne dieser unglücklichen Nation lebt und sie blind macht gegen die eigene Schuld. Der junge Graf Constantin hatte seine Militairpflicht bei einem preußischen Cavallerieregiment erfüllt, war dann auf Reisen gegangen, hatte zwei Jahre in Paris gelebt und war, kaum auf das väterliche Gut zurückgekehrt, in ein schweres Nervenfieber verfallen, nach dessen Ueberwindung durch die jugendliche Kraft seiner Constitution ihm die Aerzte die Seebäder in Norderney zur vollständigen Stärkung seiner Gesundheit verordnet hatten.

Er war fünfundzwanzig Jahre alt, mittelgroß und gut gewachsen. Sein Gesicht war von auffallend regelmäßiger, fast weiblicher Schönheit, der melancholisch weich träumende Ausdruck, den man so oft in den Physiognomien der sarmatischen Aristokratie findet, wurde noch verstärkt durch die tiefe Blässe, eine Folge seiner Krankheit, und durch ein von Zeit zu Zeit wiederkehrendes schmerzhaftes Zucken um den kleinen schöngeschnittenen Mund. Seine großen tief dunklen Augen mit lang überschattenden Wimpern blickten gewöhnlich still und traurig vor sich hin, im belebten Gespräch aber glühte in ihnen ein fieberzitterndes, fast erschreckendes Feuer empor, das auf einen tiefen Abgrund wilder Leidenschaft in dieser scheinbar so weichen und sanften Natur schließen ließ.

Der junge Mann saß auf der hölzernen Bank, drehte den kleinen schwarzen Schnurrbart zwischen den feinen mageren Fingern und ließ den weichen sinnenden Blick über das weite Meer hingleiten.

»Wie schön ist die Welt, wie freundlich und licht erscheint das Leben, wenn man von den Grenzen des Todes zurückgekehrt ist, wenn man,« sprach er noch leiser, »die schönste und reinste Lebensblüthe im Herzen sich erschließen fühlt.«

Ein weiches glückliches Lächeln spielte einen Augenblick um seine Lippen, dann ließ er wieder mit schmerzlichem Seufzer den Kopf auf die Brust sinken.

»Und all' diesem Glück, all' dieser Hoffnung soll ich entsagen,« flüsterte er, »das kaum wiedergewonnene Leben einsetzen in einem fast hoffnungslosen Kampf, in welchem Schlimmeres als der Tod droht, ewiger Kerker – die sibirischen Bergwerke.«

Er schauderte in sich zusammen, seine Lippen bewegten sich in nervösem Zittern.

»Doch das Vaterland ruft, mein Schwur bindet mich, darf die Liebe irre machen an dem, was man mit der Begeisterung der Jugend erfaßt hat? Nein, nein,« hauchte er dumpf vor sich hin, »und wenn ich es wollte – der Tod hier wie dort.«

Eine Gruppe von jungen Herren war aus der Giftbude getreten, alle in rothen Röcken und schwarzen Wachstuchhüten.

»Guten Abend, Graf Kraniski,« rief man ihm entgegen, »warum sitzen Sie hier so träumerisch allein, wir wollen zur See gehen und versuchen, einige Möven zu schießen, kommen Sie mit, das Boot mit den Gewehren liegt unten!«

Der junge Pole fuhr aus seinem leichten Sinnen auf und begrüßte die jungen Herrn mit leichter Artigkeit.

»Ich danke,« sagte er, »meine Nerven sind noch nicht wieder ganz in Ordnung, ich kann nach meiner Krankheit die Bewegung der Wellen nicht vertragen, ich werde sofort seekrank, und das ist ein zu theuerer Preis für das Vergnügen der Fahrt.«

Sein Blick richtete sich in plötzlichem Aufleuchten hinab nach der Promenade und den dort sich bewegenden Gruppen, mit fast bemerkbarer Ungeduld wechselte er noch einige Worte mit den jungen Herren, die dann rasch hinabstiegen, um sich auf den Schultern eines riesigen Fischers durch das flache Uferwasser nach ihrem Boote tragen zu lassen.

Graf Kraniski folgte ihnen langsam und mischte sich unter die Spaziergänger auf der weiten Strandfläche.

Bald begegnete er einem alten Herrn in leichtem Sommeranzug und einer jungen Dame, welche langsam daher gegangen kamen. Der alte Herr hatte ein vornehm geschnittenes blasses und krankes Gesicht mit weißem Bart, weißes Haar erschien unter dem breiten Strohhut und der Blick der klugen und freundlichen Augen zeigte eine gewisse Ermüdung, er stützte sich auf einen Stick und das Gehen machte ihm ersichtlich Mühe.

Die junge Dame mochte etwa achtzehn Jahre zählen. Lichtblonde Locken, von einem kleinen Wachstuchhütchen mit blauem Bande bedeckt, umgaben ihr frisches, zartgefärbtes und vom Seewinde leicht geröthetes Gesicht, die tiefblauen Augen blickten sinnend und heiter zugleich zum Meere hinüber und zum Himmel empor, es lag in diesem Blick Etwas von dem »freudvoll und leidvoll« Klärchens, ihre zierliche Gestalt war schlank und elastisch kräftig, sie mußte ihre natürliche Bewegung zurückhalten und spielte mehr mit ihrem großen Stocksonnenschirm, den sie trug, als daß sie sich auf denselben stützte.

Ihr gleichgültig über die Gruppen der Spaziergänger hinstreifender Blick belebte sich plötzlich, schnell senkte die Dame wieder das Auge und eine leichte Verwirrung erschien auf ihrem Gesicht.

Der junge Graf Kraniski trat ihnen entgegen, begrüßte die junge Dame und ergriff mit der natürlichen Ehrerbietung, welche eine wohlerzogene Jugend dem Alter entgegen bringt, die dargebotene Hand das alten Herrn.

»Wie geht es Ihnen heute, Herr Baron?« fragte der junge Mann, »thut das Seebad seine Wirkung? Sie gehen kräftig und sehen frisch aus!«

»Ich danke, Herr Graf,« erwiderte der alte Baron Artenberg, ein reicher Grundbesitzer aus dem Großherzogthum Hessen, der in seinen jüngeren Jahren als diplomatischer Dilettant an verschiedenen Höfen debutiert hatte, und dann als Wittwer in Frankfurt am Main, wo er ohne den Zwang eines Hofes ansprechende Gesellschaft fand, der Pflege seiner Gesundheit und der Erziehung seiner einzigen Tochter gelebt hatte, – »ich danke, es geht noch nicht viel besser, das Bad regt mich auf und ich denke, in acht bis vierzehn Tagen nach Hause zurück zu kehren.«

»So werden Sie noch länger als ich das ruhige Stillleben in dieser Meereseinsamkeit genießen,« sagte der Graf, »denn ich denke schon in den nächsten Tagen, vielleicht schon morgen abzureisen.«

Der Ausdruck tiefen Erstaunens, etwas wie unmuthige Erregung zog über das Gesicht des jungen Mädchens, ein schneller Blick, traurig vorwurfsvoll und fragend traf den Grafen und mit einem kalten Lächeln sprach sie:

»Es scheint, daß Sie sehr plötzlich den Geschmack an dieser ursprünglichen Natur verloren haben, Herr Graf, die Ihnen vor Kurzem noch so viel anziehenden Reiz darbot, wie Sie mir sagten.«

»Ich habe Nachricht von Haus erhalten,« erwiderte der Graf, die Augen niederschlagend, »die mich zur schnellen Rückreise zwingen, ich wäre sehr gern noch hier geblieben, da ich mehr als je den Reiz des hiesigen Aufenthalts empfinde,« fügte er mit lebhafter Betonung hinzu.

»Ein Reiz, dessen Verständniß mir vollkommen entgeht,« sagte der alte Baron Artenberg, »ich kann diesen primitiven Zuständen keinen Geschmack abgewinnen, diese Sturzbäder von kaltem Wasser, der ewige Zugwind, die harten und stets feuchten Betten.«

»Guten Abend Herr Baron,« rief der Graf Decken, welcher langsam herangeschlendert kam, »was macht unser gemeinschaftlicher Feind, das Podagra, ich habe hier am Meeresstrand Waffenstillstand mit ihm geschlossen, aber ich fürchte, zu Frieden wird es nicht kommen.«

Graf Decken, der in der Friesjacke von Norderney und dem kleinen Hut noch frischer und jünger aussah, als in der kleinen Uniform der Kammerherren im Frankenberger Kloster, begrüßte die junge Dame artig und war bald in ein lebhaftes Gespräch mit dem Baron Artenberg vertieft.

Die kleine Gesellschaft schritt den Strand hinab, Fräulein von Artenberg und Graf Kraniski voran, Graf Decken und der alte Baron langsam folgend und von Zeit zu Zeit im Eifer ihrer Unterhaltung stehen bleibend.

»Es sind hoffentlich keine traurigen Nachrichten, welche Sie zu so plötzlicher Abreise veranlassen?« fragte die junge Dame, noch immer mit einer gewissen Gereiztheit im Ton.

Der Graf ging einige Schritte schweigend neben ihr, den Blick auf den Boden geheftet, seine Lippen bewegten sich in nervösem Zittern, als suche er das rechte Wort für den Gedanken, der ihn erfüllte.

»Fräulein Marie,« sagte er endlich, »Sie haben mir so viel freundschaftliche Theilnahme bewiesen, Sie haben mich so oft getröstet, wenn die Verstimmung meiner kranken Nerven mich schmerzlich leiden ließ, daß ich Ihnen ewig, ewig dankbar sein werde, und glauben Sie mir,« fuhr er in feurigem Tone fort, »es muß eine ernste Veranlassung sein, welche mich bewegen kann, auf das Glück Ihrer Gesellschaft früher zu verzichten, als es unbedingt nothwendig ist, und Norderney zu verlassen, so lange Sie noch hier sind.«

Ein dunkles Roth überzog das Gesicht des Fräuleins, zum ersten Male nannte der Graf sie bei ihrem Vornamen, in zitternder Bewegung ging sie neben ihm weiter, ohne aufzublicken, aber sie fühlte den glühenden Blick seines dunklen Auges, der auf ihr ruhte.

»Ich stehe,« sprach der junge Mann weiter, »an einem ernsten, sehr ernsten Wendepunkt meines Lebens, so ernst, daß ich mir fast vorkommen, wie ein Sterbender, der sich anschickt, die Welt zu verlassen, die Welt mit ihrem Sonnenlicht, mit ihren Blumen, mit ihrem blauen, reinen Himmel.«

»Mein Gott!« rief sie tief erbleichend mit entsetztem Ton, »was kann –«

»Ich habe,« fuhr er mit tiefem Ernst fort, »mein Leben einem dunkeln Verhängniß verschworen, seine Hand winkt mir jetzt, ich muß ihm folgen, meine Ehre kettet mich mit unauflöslichen Banden, vorwärts, ertönt das eherne Gebot meines Schicksals, vorwärts, vielleicht in Tod und Verderben.«

Das junge Mädchen zitterte, keines Wortes mächtig, sie schlug ihr Auge auf und sah ihn mit einem Blick an, in welchem eine stumme Frage höchster Seelenangst lag.

»Ich danke Ihnen, Fräulein Marie,« rief er glücklich, »ich danke Ihnen für diesen Blick; er zeigt mir, daß Sie Theilnahme für mich haben, daß Sie mir Ihre Freundschaft bewahren, daß Sie an mich denken, für mich beten werden.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Graf,« flüsterte sie tonlos, »sagen Sie mir –«

»Ja,« sprach er mit tiefem Athemzug, »ja, ich will, ich muß Ihnen Alles sagen, was mir wie eine Felsenlast auf der Seele liegt, was mich einst mit Begeisterung erfüllte und jetzt mit Todesschmerz mein Herz zerreißt, und bevor ich von den lichten Höhen des Lebens und des Glücks mich zu den finstern Abgründen wende, in denen das Verderben droht, muß ich das Vermächtniß meiner heiligsten Gefühle in das einzige Herz niederlegen, das ich mein zu nennen als höchste Seligkeit erträumt habe.«

Wieder traf ihn jener angstvoll fragende Blick aus ihrem rasch aufgeschlagenen Auge.

»Doch nicht hier,« fuhr er fort, »kann ich sprechen, nicht hier, wo diese fröhliche lachende Welt uns umgiebt, wo der Hauch des Windes mein Geheimniß zu fremden Ohren tragen kann, wo jeden Augenblick unser Gespräch unterbrochen werden kann, nicht hier, o Fräulein Marie,« sagte er mit leiser Stimme, aus deren Ton es heraufdrang, wie tief verborgene Gluth, »wenn Sie je Freundschaft für mich empfunden haben, wenn die Ruhe meiner Seele Ihnen etwas werth ist, bewilligen Sie mir eine Stunde, heute Abend, wo Niemand uns hört als das Meer und die schweigenden Dünen, eine Stunde des Abschieds, eine letzte Stunde des Glückes.« –

»Herr Graf,« sagte sie kaum hörbar, »Sie vergessen –«

Ihre Lippen kräuselten sich, wie in stolzer Aufwallung, aber aus ihrem Auge sprach ein tiefes, warmes Gefühl.

»Ich vergesse Nichts,« sprach er in zitternder Bewegung, »ich weiß, daß ich eine vermessene, fast unerhörte Bitte ausspreche, aber es giebt Augenblicke, in welchen das überströmende Gefühl Alles wagen darf, wo das Herz sich an das Herz wenden darf, ohne zu denken an alle die Schranken, welche die Welt zwischen den Menschen aufrichtet. Ich habe Ihnen gesagt und schwöre es Ihnen nochmals, daß ich fast ein Sterbender bin, ein Sterbender, der in das Herz seiner Freundin das Vermächtniß seiner Liebe niederlegen will. Sind Sie meine Freundin, Marie, wollen Sie mein Vermächtniß empfangen?«

Sie schüttelte langsam in schweigendem Sinnen den Kopf, als befände sie sich vor einem unlösbaren, unverständlichen Räthsel.

»Sie sehen vielleicht zu schwarz,« sagte sie, »vielleicht kann ich Ihnen helfen, Ihre Nerven sind so leicht erregbar.«

»Sie können mir helfen,« rief er, »helfen wenigstens dazu, daß ich den Muth behalte, daß die Hoffnung nicht ganz in mir erstirbt. »O Marie, Marie, ich bitte Sie, erfüllen Sie meine Bitte.«

»Aber wie, mein Gott,« sagte sie wie unwillkürlich, »es ist fast unmöglich, heute Abend – –«

»Guten Abend, Fräulein von Artenberg,« rief eine helle klare Stimme herüber, noch bevor der Graf antworten konnte; die jungen Leute blieben stehen und Fräulein Marie eilte dem Rufe folgend, zu einer einige Schritte entfernten Gruppe.

König Georg V. von Hannover stand da inmitten der hin- und herwandelnden Gesellschaft, eine hohe, kräftige Gestalt militairisch fest emporgerichtet, und in tiefen Zügen den reinen Hauch des Meeres einathmend. Er trug einen einfachen, dunkeln Civilanzug, einen kleinen runden Hut auf dem Kopf.

Der König gab den Arm der Gräfin Adlerberg, der Gemahlin des russischen Militairbevollmächtigten am preußischen Hofe, einer Dame von etwa sechsunddreißig Jahren, hoch gewachsen, von vornehmer Haltung; in ihrem schönen Gesicht war der Ausdruck hoher Intelligenz und zugleich vornehmer aristokratischer Abgeschlossenheit vereinigt mit der anmuthigen und freundlichen Sicherheit der Weltdame.

Einige Schritte hinter dem Könige folgte der dienstthuende Flügeladjutant, Oberstlieutenant von Heimbruch, ein ältlicher Mann mit ergrauendem Bart und der Hofschauspieler Carl Devrient, dessen so kluges und lebhaftes Gesicht mit den dunkeln feurigen Augen und dessen geschmeidig elastische Gestalt von der Hand der Zeit sanfter berührt wurde als andere Sterbliche, und der, obgleich ein Veteran der Befreiungskriege, noch die ganze Frische seiner Jugend bewahrt hatte.

Fräulein von Artenberg trat dicht vor den König hin, während der Graf Kraniski in einiger Entfernung stehen blieb.

Der König ergriff die Hand der jungen Dame und führte sie artig an die Lippen.

»Ich freue mich Ihnen zu begegnen, Fräulein von Artenberg,« rief er, »um Ihnen nochmals zu danken für den hohen Genuß, den Sie mir neulich durch Ihren vortrefflichen Vortrag der Sonate pathétique« –

»Eure Majestät sind zu nachsichtig,« sagte die junge Dame in hoher Verwirrung, noch ganz erfüllt von dem Eindruck des durch den Ruf des Königs unterbrochenen Gesprächs.

»Eine Meisterin wie Sie bedarf der Nachsicht nicht,« erwiderte Georg V. »Heute Abend,« fuhr er fort, »spielt Dreyschock bei mir, Devrient will mit ihm gemeinschaftlich eine Declamation mit Musikbegleitung ausführen, nach Art der alten Troubadours, das wird sehr schön und sehr interessant sein, wenn zwei Meister die tönende und die redende Kunst mit einander verbinden, ich hoffe, daß Sie mir die Freude machen, bei mir den Thee zu nehmen.«

»Eure Majestät sind zu gnädig.«

»Was macht Ihr Vater,« fragte der König weiter, »ich interessire mich lebhaft für jede Kur hier in Norderney und ich wünsche so innig, daß jeder Leidende hier ebenso die wohlthätige Heilkraft meines lieben Meeres empfinde, wie ich.«

Die Brust weit ausdehnend, athmete er tief den feuchten Duft der Wellen ein.

»Baron Artenberg ist da, Majestät,« sagte Herr von Heimbruch leise, »auch Graf Decken und Graf Kraniski.«

»Guten Abend, meine Herren,« rief der König, die drei Herren traten heran und nahmen die Hüte ab, »bedecken Sie sich, ich bitte, was macht die Gesundheit, Baron Artenberg? Verlieren Sie die Geduld nicht, die Pharmacopöe des Meeres ist unerschöpflich und übertrifft alle Medicamente der Welt; ich habe Ihr Töchterchen so eben gebeten, den Abend bei mir etwas Musik zu hören, ich wage kaum, Sie ebenfalls einzuladen.«

»Eure Majestät werden die Gnade haben, mich zu entschuldigen,« sagte der Baron, »ich bedarf Abends so sehr der Ruhe.«

»Ich weiß, ich weiß,« rief Georg V., »und Sie, Graf Decken,« fuhr er fort, »was macht das Podagra, Sie haben meinen Lampe in Goslar nicht consultiren wollen – –«

»Ich ziehe das Meer vor, Majestät,« sagte Graf Decken, »man bekommt wenigstens nichts in den Magen und wird nur äußerlich maltraitirt.«

Der König lachte.

»Nun,« rief er, »Beides wirkt noch besser, ich habe meine medicinische Fahrt vom Fels zum Meer gemacht. Graf Kraniski,« fuhr er fort, sich an den jungen Mann wendend, »Sie lieben, wie ich weiß, die Musik, ich hoffe, Sie heute Abend auch bei mir zu sehen.«

»Zu Befehl, Majestät,« sagte der junge Mann, indem sein Blick schnell zu Fräulein von Artenberg hinüberflog und ein glückliches Lächeln sein Gesicht erhellte.

»Ihre Königliche Hoheit Prinzeß Alexandrine,« sagte die Gräfin Adlerberg.

Rasch wendete sich der König um.

Die jugendliche Prinzessin Alexandrine von Preußen, eine reizende, frische und anmuthige Erscheinung näherte sich mit ihrer Gouvernante Fräulein von Schuckmann.

Sie eilte schnell dem Könige entgegen, der ihr die Hand küßte.

»Du kommst jetzt erst?« fragte Georg V. »Du bist zu viel im Hause, die Luft ist so schön, oder hast Du geschlafen?« fügte er scherzend hinzu.

»Ich durfte nicht früher ausgehen,« sagte die Prinzessin, indem sie der Gräfin Adlerberg freundlich die Hand reichte, »Fräulein von Schuckmann erlaubte es nicht.«

Mit schalkhaftem Lächeln sah sie ihre Gouvernante an.

»Ihre Königliche Hoheit soll sich der Hitze nicht aussetzen, Majestät,« sagte diese sich ernst und würdevoll gegen den König verbeugend.

»Auf Wiedersehen, meine Herren, auf Wiedersehen Fräulein Artenberg,« sagte der König den Kopf neigend.

Er gab der Prinzessin den Arm und setzte seine Promenade fort.

»Ich werde versuchen eine der beiden Sänften zu bekommen, um Dich Abends abzuholen,« sagte der alte Baron Artenberg.

»O Papa,« rief Fräulein Marie, »die häßlichen Kasten, ich mag mich nicht hineinsetzen, besonders seit Graf Wedel uns erzählt hat, daß die eine für die Pockenkranken und die andere für die Ertrunkenen bestimmt sei.«

Graf Decken lachte.

»Aber –« sprach der Baron.

»Darf ich die Begleitung und den Schutz des gnädigen Fräulein übernehmen?« fragte Graf Kraniski rasch. »Seine Majestät hat mir ebenfalls die Ehre erzeigt, mich einzuladen, und,« fügte er mit einem wehmütigen Lächeln hinzu, »ich werde eine der ominösen Sänften ersetzen können.«

»Wenn Sie die Güte haben wollen,« sagte der Baron. Fräulein Marie schien etwas erwidern zu wollen, ein eigenthümlicher Blick des jungen Mannes traf sie, mit flüchtigem Erröthen verneigte sie sich in schweigender Zustimmung.

Der König war indeß mit der Prinzessin Alexandrine weiter gegangen, die Gräfin Adlerberg folgte mit Fräulein von Schuckmann, Herr von Heimbruch mit Devrient.

»Hast Du Nachrichten vom Könige?« fragte Georg V.

»Ja, Majestät,« erwiderte die Prinzessin, »die Kur in Gastein bekommt dem König vortrefflich.«

»Der Kaiser von Oesterreich muß in diesen Tagen dort sein,« sagte der König, – »ich habe in den letzten Tagen keine Zeitungen gelesen.«

»Der Kaiser wird heute oder morgen von Gastein zurückkehren,« erwiderte die Prinzessin.

»Wie freue ich mich,« rief der König, »daß die beiden Herren sich begegnen, wollte Gott, daß aus ihrem persönlichen Verkehr die Einigkeit zwischen Preußen und Oesterreich fest und dauernd hervorginge, dann wäre Deutschlands Macht und Größe auf Felsen gebaut.«

Die Wellen rollten heran, der rauschende Seewind trug die Worte und den Wunsch des Königs dahin über die Dünen nach dem Festlande hin, wo in diesem Augenblick aller Augen nach dem stillen Bergthal von Gastein gerichtet waren, in welchem die beiden obergewaltigen Herrscher des Deutschen Bundes sich begegneten.

»Der Fürst von Schaumburg Lippe,« sagte die Prinzessin.

Der regierende Fürst Adolph von Schaumburg Lippe, ein noch junger Mann von etwas gebückter Haltung, das kränklich abgespannte Gesicht von einem militairisch geschnittenen Bart umrahmt, trat dem Könige entgegen. Der Fürst führte seine Gemahlin, eine schlanke Frau, deren schönes noch jugendliches Gesicht nur um einen leisen Ton zu roth erschien, seine blühenden Kinder folgten ihm.

Die Herrschaften begrüßten sich.

»Ich sprach so eben mit der Prinzessin,« sagte der König, »von dem Besuch des Kaisers von Oesterreich in Gastein, ich lese hier in Norderney so wenig als möglich Berichte und Zeitungen –«

»Die Zeitungen, Majestät,« fiel der Fürst ein, »erzählen viel von einer Reform des Bundes, welche projectirt sei, und über welche die hohen Herren in Gastein sich besprechen und verständigen sollten.«

»Reform des Bundes!« sagte der König sinnend, »eines jener leeren Worte, hinter denen Jeder seine Gedanken verbirgt. Wenn Preußen und Oesterreich uneins sind, ist eine Reform des Deutschen Bundes unmöglich, sind sie einig, so ist sie überflüssig! Gott erhalte die beiden Großen einig, dann werden wie Kleinen,« sagte er lächelnd, sich zum Fürsten von Schaumburg wendend, »sicher im Schutze des Bundes wohnen und Deutschland wird stark und glücklich sein.«

»Doch,« unterbrach er sich, »da sprechen wir von Politik, hier auf meiner stillen Insel, im Angesicht des Meeres und des Himmels, die beide mit all' den künstlich aufgebauten Verhältnissen der politischen Welt nichts zu thun haben! Fort damit, hier lassen Sie uns der Freude und dem Genuß der Natur leben.«

Er reichte der Prinzessin wieder den Arm, der Fürst und die Fürstin von Schaumburg-Lippe schritten ihm zur Seite, und so setzten die Herrschaften ihren Spaziergang fort, oft stehen bleibend und einen oder den andern Bekannten begrüßend.

Die Gesellschaft lachte und plauderte, das Sonnenlicht schimmerte auf den Dünen, langsam rollte die allmählig steigende Fluth ihre wachsenden Wellen dem Ufer zu. Alles war Heiterkeit und Frohsinn auf der stillen Meeresinsel, und fern blieb den Unterhaltungen die ernste sorgenvolle Politik, welche drüben auf dem Festlande ihre grauen Gewebe spann.

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