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Die Renaissance

Arthur de Gobineau: Die Renaissance - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorJoseph Arthur de Gobineau
titleDie Renaissance
publisherVerlag von Karl J. Trübner
printrunFünftes bis siebentes Tausend
editor
year1908
translatorLudwig Schemann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120621
modified20151204
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Erster Teil

Savonarola

Bologna.

1492.

Der Garten des Dominikanerklosters.

Mitternacht. Der Himmel ist hell, heiter, durchsichtig; die Sterne flimmern; der Mondschein dringt bis unter die Arkaden der viereckigen Kreuzgänge, welche den mit großen Bäumen und weithin duftenden Pflanzen besetzten Raum umgeben. Auf den erhellten Mauerwänden gewahrt man Freskomalereien; rote Gewänder und blaue Mäntel, bleiche Gesichter, gefaltene Hände, Häupter der heiligen Männer und Frauen, der Seligen, im Glorienschein. In der Mitte des Klosterhofes, auf fünf bis sechs Steinstufen, ein marmornes Kruzifix, im Geschmack des dreizehnten Jahrhunderts gemeißelt; auf den Armen des Kreuzes die Persönlichkeiten, welche Zeugen der Opferung waren. Um dieses Kreuz ein breiter Weg, wo der Prior des Klosters auf und ab wandelt; zu seiner Rechten der Bruder Girolamo Savonarola; diesem zur Seite Bruder Silvestro Maruffi.

Bruder Girolamo. Ja! Die Zeit ist abgelaufen. Die Stunde schlägt! Es gilt jetzt oder nie das Wort Gottes aufzurichten und die Welt damit zu erfüllen. Die Finsternis weicht. Das wiedererstehende Licht fällt vollen Strahles, ein Ankläger, auf die alte Verderbtheit. Wie viele Dämonen umgaukeln uns in unserem Jammer! Sie fachen ihn an! Sie beleben die schwindende Flamme! Stoßen wir sie zurück! Machen wir das gegenwärtige Zeitalter zu einem weniger schmachvollen als seinen Vorfahr! Schütteln wir die Schlafsucht unserer Ahnen ab, aber nicht, um die Gärung des Bösen an ihre Stelle zu setzen! Erleuchten wir die Völker! leiten wir sie! zwingen wir sie! – Ach! Bruder, werdet Ihr mir sagen, wie möchte ein Zwerg wie du solchem Werke gewachsen sein! – Ihr habt von David gelesen und kennt die Taten dieses armseligen Schäfers?

Der Prior. Gewiß! Aber welche Stimme von Oben ruft Euch zu so hohem Unternehmen?

Bruder Girolamo. Gott spricht zu mir! Gott treibt mich! Die Überzeugung, die mich durchdringt, die Entzückung, die ich darin erlebe, können mich nicht täuschen!

Bruder Silvestro. Es ist wahr! Er hat recht! Sein Wissen, seine Beredsamkeit, seine Tugend, sind sie nicht Zeichen? Wo denkt Ihr lauter redende als sie zu finden? Tut es nicht not, daß er seine Gaben anwende?

Der Prior. Ich leugne nichts. Aber warum so viel Ungestüm? Kann man nicht mit Maß vorgehen? Überhaupt, was ist Euer Trachten, Bruder Girolamo? Wenn ich Euch recht verstehe, so ist's nichts Geringeres als die Kirche zu verbessern und Groß und Klein zur Beobachtung der christlichen Gebote zurückzuführen. Haltet Ihr diese Aufgabe für leicht? Vergeßt Ihr, wie die Gelehrten, die Kirchenversammlungen ganz neulich erst daran gescheitert sind, davon gar nicht zu reden, daß wir unter dem Hirtenstabe Alexanders VI. leben? Welchen Augenblick wollt Ihr wählen, großer Gott! um der Welt von Enthaltsamkeit zu sprechen!

Bruder Girolamo. Gott hat keinen Augenblick; sein sind alle Augenblicke! Ich wiederhole Euch: die Stunde hat geschlagen! Es muß gehandelt werden! Alles verwandelt sich in der gegenwärtigen, den vorangegangenen Zeitaltern schon so ungleichen Epoche; alles schäumt und wirbelt; das Weltall wird uns hinfort seine Schauspiele im Mittelpunkte eines erneuten Horizontes entfalten. Es wird zum guten ausschlagen, wenn die Religion das Kreuz wieder aufrichtet; es wird zum bösen ausschlagen, wenn dieser Baum des Heiles unter dem argen Bemühen dahinsinkt, das ohne Unterlaß darauf aus ist, ihn zu entwurzeln. Seht Ihr nicht, was vorgeht? Vorgebliche Weise stehen auf und reißen die unmodischen verbleichten Behänge von den Wänden, die den vorhergehenden Zeitaltern gefielen. Italien ist überschwemmt von zügellosen Abenteurern, Fürsten von Zufalls Gnaden, gedungenen Kriegern, Gewaltherrschern der Städte, Zwingherrn der Burgen, aufständischen Bauern, mürrischen Bürgern, und alles Erbgut, groß und klein, fällt diesem Schwarm zur Beute, wozu noch die Wölfe sich gesellen, die uns rottenweise von Spanien, von Frankreich kommen. Und nichtsdestoweniger, inmitten dieser Nöte, blickt doch zu! Die Völker erwachen; sie reiben sich die Augen; zu ihrem Morgenmahle verlangen diese Ausgehungerten die Freiheit und den Frieden; die Freiheit, sage ich Euch, und vor allem den Frieden und die Gerechtigkeit, deren Geschmack ihre Väter nie gekostet, nie gekannt haben. Und ich rufe ihnen zu: verlangt vor allem nach dem Glauben! Ohne ihn ist das Übrige schal und wird zu Gift. Aber der Glaube, wo ist er? wo seine Quelle wiederfinden? Die Geistlichkeit kennt ihn nicht ... Die Kardinäle verunglimpfen ihn ... Der Papst ... ach! Der Papst, ich will Euch nicht sagen, was er ist, Ihr wißt es zu gut! Wenn man nicht acht darauf hat, werden aus den Dornen unserer unglücklichen Kirche, aus der Fäulnis unserer Lehren, aus dem Schutte unserer Zucht die scheußlichen Häupter der Ketzereien hervorgehen, mit ihren Gabelzungen die Entschuldigungen, die Ausflüchte zischen, die so viele Greuel ihnen darbieten, und sie in Gift verwandeln. Gewahrt Ihr sie, diese Ungeheuer, wie sie durch die christlichen Reiche dahin ihrer Beute nachjagen? Und sie haben zu Helfern nur zu sehr die andern Vipern, die Gelehrten, trunken vom Hochmut, daß sie in den wiederaufgefundenen Bänden aus Griechenland und Rom lesen können. Hört Ihr's nicht, welche Ratgeber sie uns vorschlagen, um die großen Geister der Theologie zu ersetzen? Es ist Platon, es ist Seneca, es ist der elende Martial, der unzüchtige Ovid, der unreine Anakreon, und die Lucan, Petronius, Statius, Bion, Apulejus, Catull, und Ihr könnt jeden Tag Leute mit grauem Bart beobachten, wie sie, geradeso verrückt als die albernste Jugend, in tobendem Geschrei den schmachvollen Enthusiasmus von sich geben, der sie eine Seite aus Cicero für vorzüglicher als die heiligsten Verse unserer Evangelien erklären läßt! Und ist's damit genug des verderblichen Trachtens, genug der Bedrohungen für das Gleichgewicht der Gewissen? Nein! Da kommt der Pinsel und verbindet sich mit der Feder, und mit dem Pinsel der Meißel und das Werkzeug des Stechers, um das Nackte vor den Blicken einer Menge auszubreiten, die von schändlicher Neugier außer sich ist. Ich sage Euch, daß alle Begierden des Geistes und des Herzens vom Satan aufgerüttelt, gereizt, gekitzelt sind, und daß, wenn es not tut uns zu verteidigen, es hohe Zeit ist daran zu denken. Habt Ihr niemals von dem reden hören, was sie »die Liebe zur Kunst« nennen, und was in Wirklichkeit nur die schmachvolle Begehrlichkeit des Lasters ist? Diese Ungeheuerlichkeit hat sich in unsere Kirchen eingeschlichen, die so – was geworden sind? Die Synagogen des Teufels! Eine heilige Magdalena, ein Sebastian sind nur Vorwände, um die menschliche Gestalt ganz ebenso schamlos wie Apollo und Venus zu enthüllen! Und ich, ich, ich, der ich den Greuel dieser Schändlichkeiten sehe, berühre, fühle, begreife, und dessen Seele davon aufgeregt ist bis zum wütenden Ekel, ja! bis zur heiligen Wut der Empörung für das Kreuz, wollt Ihr, daß ich dieses unreine Treiben seinen Schlamm über der traurigen Menschheit aufhäufen lasse, ohne mit meinem Leben eine Schutzmauer gegen eine derartige Überschwemmung aufzurichten? Nein, tausendmal nein! Ich werde mich nicht ruhig halten vor einem solchen Aufgebot der Heeresmacht des Erzbösen! Ich werde die Welt verteidigen! Ich werde das Zeitalter verteidigen, in dem ich lebe, und vor allem, ich werde die Waffen der Zukunft schmieden und will sie ihr in die Hand drücken! Wiedergeboren wird das beginnende Jahrhundert den unendlichen Wogen der Ewigkeit zuschreiten, die schmutzigen Trümmer des Bösen und seiner Ausschweifungen für immer verschlingend!

Der Prior. So kündigt Ihr denn, um es in ruhigen und vernünftigen Worten zu wiederholen, allen Mächten der Welt den Krieg an? Den Krieg dem Willen der Kirche, den Krieg den Gewohnheiten der Fürsten, den Krieg den Schwachheiten, dem Gehenlassen, den Verirrungen jedes Einzelnen? Das wolltet Ihr tun?

Bruder Girolamo. Ich will es tun, ich werde es tun! Mag ich dabei zu Grunde gehen, warum nicht? ... Sind meine Gebeine der Schonung wert? ... Aber wenn es mir gelingt, und, wenn auch verflucht, entehrt, zertreten, tot, mir Italien, unser Italien den Glanz des Glaubens, die Herrschaft der Freiheit, die Freudigkeit der Tugend verdankt, was werdet Ihr dann zu beklagen haben?

Der Prior. Nichts. Wo beginnt Euer Predigen? in Venedig?

Bruder Girolamo. Venedig ist von der weltlichen Weisheit geknebelt. Es wird zuletzt zu uns kommen.

Der Prior. In Rom?

Bruder Girolamo. Rom ist der Pfeiler des Heils, ertränkt in einem Meere von Pestilenz. Aber in Florenz, da kann man handeln. Der Tod Lorenzos de' Medici läßt mir das Feld frei; er hätte alles verhindert, denn er war ein Heide; aber die Macht Pieros, seines Sohnes, ist von Grund aus untergraben. Das Volk und die Großen haben gelitten; sie wissen wenigstens von Rechtlichkeit und guten Sitten zu reden, sie haben einige Begriffe von der Unabhängigkeit ... sie denken nach, und wenn sie auch wenig taugen, so ist es doch möglich mit ihnen eine Reform zu versuchen. Außerdem, in Florenz liebt mich das Volk, es hört auf mich, und ich werde erwartet.

Der Prior. So brecht denn auf, Bruder; ich segne Euch ... Umarmt mich alle beide. Ihr wollt das ins Werk setzen, was ich manchmal geträumt habe, ehedem in meinen jungen Jahren, und was mir sehr schwer scheint ... Vielleicht habt Ihr recht ... Ich fühle mich von einer tiefen Traurigkeit befallen.

Bruder Girolamo. Mich überströmt ein Hoffen ohne Grenzen. Du folgst mir also, Bruder Silvestro?

Bruder Silvestro. Im Leben wie im Tode. Ich werde nimmer von Euch weichen.

Bruder Girolamo. Dann komm! Öffne die Pforte. Wie das Gefilde sich unermeßlich vor unseren Augen ausbreitet! Es ist ein Bild des Werkes, an das wir uns machen wollen. Gewahrst du niemand auf dem weißen Wege, über den unsere Schritte uns führen werden? Er ist ganz erhellt von den Strahlen des Mondes und zieht sich weithin gen Florenz.

Bruder Silvestro. Nein, Girolamo, ich sehe niemand!

Bruder Girolamo. Wohlan! ich schaue deutlich die Züge zweier großer Gestalten!

Bruder Silvestro. Wo denn, Bruder?

Bruder Girolamo. Da! Blick' nur besser hin! Es sind der Glaube an Gott, und das Vaterland! Sie strecken uns die Hände entgegen! Vorwärts, Bruder Silvestro, vorwärts!

(Als die beiden Mönche die Gartenpforte durchschritten und der Prior sie wieder geschlossen hat, tauchen zwei Männer in ärmlichen Kleidern, gemeine Gestalten mit offener Brust und krausem, ungeordnetem Haar, hinter einer Mauerecke auf.)

Der Erste. Memme!

Der Zweite. Faselhans! siehst du nicht, daß ihrer zweie sind?

Der Erste. Nun! Und?

Der Zweite. In unserem Stande muß man immer zwei gegen einen sein, mindestens.

Der Erste. Bah! ich würde Euch dem Größeren einen tüchtigen Dolchstoß versetzt haben; was den Kleinen anlangt, so hätte ein Faustschlag hingereicht, um ihn rollen zu lassen wie einen Kegel. Da sind uns zwei Prächtige wollene Röcke verloren gegangen. Unmöglich mit Feiglingen deiner Art auf einen grünen Zweig zu kommen!

Der Zweite. Komm, laß uns bei der Roten einen Schluck trinken; vielleicht bringt uns die Nacht eine bessere Gelegenheit.


Mailand.

1494.

Ein Saal im Palaste.

Ludovico Sforza, Regent von Mailand, sitzt vor einem großen Tisch mit einer rotsammetnen, gold-, silber- und buntgeblümten Decke. Er ist in schwarzen Atlas mit glänzend schwarzer erhabener Stickerei gekleidet und trägt im Gürtel einen reich ciselierten Dolch. Er spielt mit seinem Handschuh. Um ihn sitzen Antonio Cornazano, der Verfasser des Gedichtes über die Kriegskunst; Giovanni Achillini, Altertumsforscher, Dichter, Hellenist, und Musiker; Gaspardo Visconti, berühmt durch seine Sonnette und zu seiner Zeit für ebenso vollkommen wie Petrarca geschätzt; Bernardino Luini, Maler; Lionardo da Vinci.

Ludovico. Nun, Meister Lionardo, ist's diesmal Euer Ernst, daß Ihr uns wiederkehrt?

Lionardo. Gnädiger Herr, ich verdiene nicht so viel Schärfe. Euere Hoheit wissen wohl, daß ich Ihrem Dienste ergeben bin.

Ludovico. Ja, Ihr macht mir in diesem Augenblicke die allerschönsten Beteuerungen, das leugne ich nicht; und, Florenzens müde, angewidert von den glaubenswütigen Predigten des Bruders Girolamo Savonarola, entrüstet über die Vorurteile, die sie erwecken, seid Ihr, wie Ihr mir schreibt, bereit, mir Kanonen, Geschützparke, Maschinen aller Art zu erfinden, mir Brücken zu bauen, die Risse unserer Festungen zu zeichnen, Kanäle zu graben, endlich unsere Städte durch Paläste, Kirchen, Statuen und Gemälde zu verschönern. Ich weiß sehr wohl, daß Ihr imstande seid, alles zu tun; aber könnt Ihr auch Eurer unbeständigen Gemütsart Herr werden? Wie oft habt Ihr Meinungen und Freundschaften gewechselt! Dies sind keine Vorwürfe, lieber Lionardo, aber, offen gesagt, Ihr seid veränderlich wie eine Kokette.

Lionardo (den Kopf schüttelnd). Ich kann mich nicht enthalten über Eurer Hoheit liebreiche Anklagen zu lächeln, denn, was Sie auch darüber sagen möge, wohl sind dies Anklagen, und, ich gestehe es, der Schein ist gegen mich. Dennoch nein, ich bin nicht veränderlich! Seht, gnädiger Herr, ich hätte vielleicht mein ganzes Leben in Florenz zugebracht, aber es giebt so viel zu sehen in der Welt und so viel zu lernen! Wenn ich beständig am selben Orte gewohnt hätte, so würde ich von dem, was ich weiß, mehr als zwei Drittel nicht wissen, und doch bringe ich's nicht zum hundertsten Teil von dem, was ich lernen möchte.

Antonio Cornazano. Vielleicht würdet Ihr besser thun, Meister Lionardo, Euch einer einzigen Beschäftigung zu widmen, als so viele und so verschiedene zu betreiben. Zum Beispiel, Ihr seid bewunderungswürdig in der Malerei, warum Euren Ruhm anderswo suchen?

Lionardo. Ihr sprecht wie Bernardino.

Bernardino Luini. Ach! Meister, wenn Ihr Euch wenigstens dazu verstündet, die Gemälde zu vollenden, die Ihr anfangt! welches Glück für mich, Euren Schüler! welche Belehrungen!

Lionardo. Ich würde doch auf die Geometrie nicht verzichten können, noch auch auf die Mathematik.

Gaspardo Visconti. Ihr hättet vielmehr Ursache, die Zahl Eurer Poesien und der so entzückenden musikalischen Kompositionen zu vermehren! Schenkt Eure Liebe also nur der Baßlaute, die Ihr erfunden habt!

Lionardo. Ich werde darauf zurückkommen und sie vervollkommnen. Die Musik ist gegenwärtig in ihrer ersten Kindheit, und sie muß noch sehr wachsen. Nicht darauf kommt es mir jetzt an.

Achillini. Auf die Abhandlung über die Optik?

Lionardo. Ebensowenig.

Bernardino Luini. Dann auf die Anatomie. Wenigstens giebt es darin einige Ausbeute für die Malerei.

Lionardo. Die Anatomie ist eine hinreißende Wissenschaft. Aber ich bin vor allem bekümmert, weil man in Florenz meinen Entwurf bezüglich des Kanals von Pisa nicht hat annehmen wollen; es hätten sich die größten Vorteile daraus ergeben, und wenn ich hierher gekommen bin, so ist es, weil Ihr Euch, nun dieser zurückgewiesene Plan in Wegfall kommt, vielleicht von mir überreden lassen werdet den Überschwemmungen in den Tälern von Chiavenna und Beltlin ein Ziel zu setzen, von denen die Bauern so viel zu leiden haben. Ich habe meine Risse mitgebracht.

Ludovico. Meister Lionardo, einem Manne wie Ihr muß man volle Freiheit lassen nach seiner Art zu schaffen; er kann nur bewunderungswürdige Leistungen hervorbringen. Aber, ich weiß es im voraus: eine Laune wird Euch erfassen, und Ihr werdet mich abermals im Stiche lassen. Ihr werdet von allen Fürsten bewundert und herbeigerufen. Lorenzo der Prächtige war nur darauf bedacht, Euch unter den berühmten Männern, mit denen er sich umgab, zu halten; er ist tot, und damit ist ein Mitbewerber weniger; aber der Gonfaloniere Soderini hat Euch nur mit knapper Not gehen lassen; Galeazzo Bentivoglio macht Euch die weitgehendsten Anerbietungen, um Euch nach Bologna zu ziehen, und ich weiß wohl, daß der Valentino Euch zu seinem obersten Werk- und Baumeister ernannt hat. Ihr werdet Euch am Ende verführen lassen.

Lionardo. Ich glaube es nicht, gnädiger Herr, so lange ich Eurer Güte genießen werde, denn Ihr seid der für die Dinge der Kunst empfänglichste Fürst, den Italien besitzt. Selbst ein bewundernswerter Dichter, begreift Ihr das Wesen der Dichter; man ist wohl bei Euch aufgehoben, man kann mit Euch reden, man wird von Euch verstanden, und die Spenden Eures reichen Geistes sind mir hundertmal kostbarer als die goldenen Gunstbezeugungen aus den vollsten Börsen. Ich werde so lange bleiben, als Ihr mich wollt.

Ludovico. O meine Freunde, wie wäre das Leben süß und schön, wenn man es wie einen Strom des Paradieses ganz und gar zwischen den grünenden und fruchtbaren Ufern der Wissenschaft und der Kunst dahinfließen sehen könnte! Aber ihr wißt alle, wie sehr verschieden die Wirklichkeit von einem so erhabenen Phantasiebilde ist, und was die Unglückseligen, denen der Himmel auferlegt hat die Völker zu regieren, zu erdulden haben. Ich empfinde eine wahrhaft reine Freude nur in den allzu kurzen Augenblicken, wo ich mich mit euch allein sehe!

Lionardo. Es ist ein großes Unglück, daß Ihr, anstatt unser regierender Herzog, nur der zeitweilige Regent des Staates seid. Wir leben in einem Zeitalter, wo Männer nötig sind, um Völker zu lenken, und Herr Galeazzo ist, vermöge der Schwäche seiner Gesundheit und des beschränkten Umfangs seines Geistes, nur ein wahres Kind. Ich bitte Euch um Verzeihung, wenn ich mit solcher Aufrichtigkeit rede, aber ich wiederhole hier nur vor Euch, was, wenn Ihr nicht zugegen seid, in ganz Mailand wie in ganz Italien jedermann sehr laut ausspricht.

Gaspardo Visconti. Es ist streng die Wahrheit. Welches Unglück, in diesem Augenblick zwar von einem so großen Fürsten regiert zu sein, der aber dazu verurteilt ist, uns binnen kurzem allen Fährnissen der Unerfahrenheit und der Schwäche preiszugeben!

Ludovico. Eure Reden betrüben mich, ihr Freunde. Ich liebe meinen Neffen Galeazzo; ich liebe seine Gemahlin, die Herzogin Isabella, und ich suche nur nach Mitteln und Wegen, um ihnen zu dienen; und doch, ich kann mir's nicht verhehlen, mein Mündel ist nicht aus einem sonderlich wertvollen Stoffe geschaffen. Gott bewahre uns vor den Unfällen, die die geringe Befähigung des armen jungen Mannes unserem Hause bereitet!

Antonio Cornazano. Gnädiger Herr, ich habe lange unter dem edlen und tapferen Herrn Bartolommeo Colleoni gedient, und ich habe viele Staatswesen sich bilden und sich auflösen sehen. Wenn ich mich nicht über die Zeichen der Zeit täusche, so hat das Herzogtum mehr denn je nötig von einem mannhaften Herzen beschützt und von einer festen Hand gehalten zu werden.

Ludovico. Ihr blickt richtig, Herr Antonio; ich erkenne in Eurer Sprache den erprobten Krieger, den geschickten Diplomaten nicht minder als den feingebildeten Gelehrten. Meine Freunde, mit euch kann ich frei von den großen Anliegen reden, die uns beschäftigen; übrigens giebt es hier keine Geheimnisse mehr.

Lionardo. Ihr seid im Begriff, uns ein sehr großes zu enthüllen, gnädiger Herr, das für sich allein mich mehr als alle andern anzieht; nämlich uns zu offenbaren, auf welche Weise die großgearteten und kühnen Geister die Geschicke der Reiche wahrnehmen, vertreten, entscheiden und zu leiten gedenken.

Ludovico. Höre mich denn, du Weltweiser, da die Regungen der menschlichen Seele für dich von solcher Bedeutung sind, und blicke auf mich, du Maler, wenn du einen entschlossenen Mann sehen willst. Ihr wißt, daß vor weniger als zwei Jahren der Papst Alexander VI. die päpstliche Tiara aufgesetzt hat. Der, den man den Kardinal Roderigo Borgia hieß, ist das Haupt der Kirche geworden. Ihr senkt alle den Kopf mit bekümmerter Miene? Ich begreife es; aber ich kenne den Papst, ich kenne ihn gründlich, und ich will euch das sagen: er ist ein Mann, begabt mit Weisheit, mit Klugheit, mit einem majestätischen Verstand. Seine Beredsamkeit ist bei Gelegenheit ebenso unüberwindlich wie seine Kunst sich der Geister zu bemächtigen und sie geschmeidig zu machen. Seine unerschütterliche Beharrlichkeit ist die eines Gottes, und durch diese Tugend, die gefährlichste bei einem Widersacher, ist er bei fast allen Begegnungen des Erfolges sicher. Das ist der Mann, mit welchem die Welt rechnen muß, und wir wissen alle, daß er im Kampfe für die Herrschaft weder Treue noch Gesetz, noch Religion noch Gewissen, noch Erbarmen besitzt und in der Welt nur ein einziges Interesse kennt, das seines Hauses Borgia, vertreten durch seine Kinder. Er ist ein wunderbarer Mann. Bis jetzt ist's ihm allenthalben geglückt, trotzdem man ihn kennt. Auch haben alle wirklichen Staatsmänner des heiligen Kollegiums, da sie merkten, daß sie in großer Gefahr seien, zum einzigen Rettungsmittel, das ihnen blieb, ihre Zuflucht genommen: sie haben die Flucht ergriffen. Giuliano della Rovere hält sich in seiner Bischofsstadt Ostia, von Festungswerken und Kriegern umgeben; Giovanni Colonna glaubt sich nur in Sicilien in Sicherheit; Giovanni de' Medici ist in Florenz. Was mich anlangt, so gestehe ich's frei heraus, ich habe ebensogut Furcht vor diesem Manne, wie die Kardinäle selbst. Ich weiß, daß sein Sohn, der Valentino, uns verderben und uns Mailand wegnehmen möchte; ich weiß, daß diese Leute sich mit den Aragonesen, meinen Feinden, verbündet haben; ich weiß, daß Piero de' Medici seine Florentiner gegen mich stimmt; ich weiß, daß ich von Venedig nichts erwarten darf, als verschlungen zu werden, im Fall ich schwach werden sollte. In dieser Lage schien es mir nützlich zunächst zu ergründen, wo ich meine furchtbarsten Gegner suchen müsse. Hier ist kein Irrtum möglich: es sind dies die Aragonesen und die Florentiner; sie werden mich erster Tage mit offener Gewalt angreifen; auf sie mußte ich also zuerst meine Blicke richten und festheften; indem ich es tat, bin ich wieder einmal mehr in meinem Leben inne geworden, daß jede Lage, die verzweifelt scheint, es nicht ist, und daß man dem schlimmsten Gifte, wenn man es sorgfältig auflöst, einen heilsamen Saft entnehmen kann. So habe ich denn gefunden, daß Alexander VI. in Rücksicht auf Ferdinand von Neapel und die Medici genau in derselben Lage war wie ich. Ich habe also den Kardinal Ascanio Sforza, meinen Bruder, zum Papste gesandt, und wir haben ein Bündnis geschlossen. Zu gleicher Zeit habe ich mich den Venezianern genähert, die ebenfalls dem Hause Aragon nicht gewogen sind; und auf diese Weise ist mir's möglich geworden, die Florentiner durch Venedig, die Aragonesen durch den Papst unschädlich zu machen. Es ist im Grunde nur ein zeitweiliges und zerbrechliches Gerüst, ein Bau aus Zündhölzern, die brechen oder Feuer fangen werden, und angesichts dieser Gewißheit und der strengen Pflicht, sorgsam vor meinen Verbündeten auf der Hut zu sein, habe ich mich an den König von Frankreich gewandt. Ich habe ihn überredet, als Erbe des Hauses Anjou auf Neapel Anspruch zu erheben. Er hat dazu noch den Plan gefaßt, Alexander zu entthronen und ihn der Tiara für unwürdig zu erklären, was mich zu der Hoffnung verleitet, daß er, für den Augenblick wenigstens, sich nicht mit ihm verständigen wird. Karl VIII. hat die Alpen überschritten, er marschiert auf Florenz; später wird auf Mittel zu sinnen sein, um ihn heimzuschicken; aber für diesen Augenblick, urteilet und saget mir, ob da mein Neffe, der arme Galeazzo, der Mann ist, so feine und doch so notwendige Berechnungen zu begreifen und zum guten zu führen.

Lionardo. Sicherlich, nein! Aber was ist doch der Geist eines Mannes wie Ihr, gnädiger Herr, für eine gewaltige Schöpfung aus der allerheiligsten Tiefe des Geistes Gottes!

Gaspardo Visconti. Herr Ludovico ist so geschaffen für die Krone, daß die Krone gewiß von selbst kommen und sich ihm aufs Haupt setzen wird.

(Ein diensttuender Edelmann.)

Der Edelmann. Gnädiger Herr, ich komme von Rom geritten, was das Pferd laufen konnte. Ich durfte mich nicht um eine Minute verspäten. Hier ist das Schreiben, das mein hochwürdiger Herr, der Kardinal Ascanio, mir befohlen hat Euch zu übergeben.

Ludovico. Gieb. Sehen wir, was mir mein Bruder schreibt. (Er geht an ein Fenster, liest das Schreiben, und kommt lächelnd zurück.) Da Ihr es so liebt Euch zu belehren, Meister Lionardo, so höret dies: mein Verbündeter, der heilige Vater, hat sich soeben mit den Aragonesen verständigt. Man gewährt die Hand der siebzehnjährigen Dona Sancia von Aragon seinem dreizehnjährigen Sohne Goffredo Borgia. Alexander ist zufrieden, er darf es sein.

Lionardo. Ihr seid in Verlegenheit, gnädiger Herr.

Ludovico. Keineswegs. Ich hatte meinen Bauer geschoben, ehe der Papst an den seinigen rührte. Die Franzosen marschieren auf Florenz, sage ich dir, und wir wollen aufsitzen, alle wie wir da sind, um nach Chiari dem Könige entgegen zu ziehen. Ich verlasse euch und will Frau Beatrice, meine Gemahlin, bitten sich zu eilen, sie und die schönen Damen, die wir mitnehmen. Die Franzosen lieben diese Art Begegnungen und die Spiele, die folgen. Auf, ihr Herren, legt eiligst eure reichsten Kleider an, ihr nehmt meine Pferde, und ich will euch Karl VIII. vorstellen.

Achillini. Das wird uns eine sehr große Ehre sein.


Florenz.

Der Hof des kleinen Hauses Luigi's de' Buonarroti.

Ein Bretterdach in einer Ecke, unter welchem Michelangelo an einer vier Fuß hohen Statue des Herkules arbeitet. Auf einem umgestürzten Waschfasse sitzt Luigi, sein Vater, mit gekreuzten Armen und sorgenvollem Antlitz.

Luigi. Du bist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt; meiner Meinung nach sollte man in diesem Alter sich betragen wie ein Mann. Du aber bist nur – und wirst es immer nur sein – ein Kind, unnütz für dich selbst und für die andern.

Michelangelo. Ich arbeite, soviel ich kann, und verdiene keinen Tadel.

Luigi. Seit dem Tode Lorenzos des Prächtigen ist eingetroffen, was ich vorausgesehen hatte. Du verdienst nichts ... Recht so! Du weinst auch noch?

Michelangelo (sich die Augen abwischend). Ich kann an meinen Wohltäter, an den, dem ich alles verdanke, nicht denken, ohne daß mir trüb ums Herz würde.

Luigi. Wenn dir dieser Mann nicht den Kopf verdreht hätte, so würdest du mir gehorcht haben und dich wohler dabei befinden. Anstatt bei diesen Müßiggängern von Künstlern einzutreten und dich, dich und den Adel deiner Familie, durch ein Maurerhandwerk zu entehren, wärest du heute im Seidenhandel, und ich sähe dich nicht beständig mit Gips bedeckt und die Hände im Dreck.

Michelangelo. Als mein verstorbener Herr die Güte hatte, mich mit Francesco Granacci in die Bildhauerwerkstätte seiner Gärten von San Marco zuzulassen, wies er mir fünf Dukaten monatlich an, und was ich ausgeführt habe, er hat mir's immer freigebig bezahlt. Überdies, wenn Ihr das Amt bei der Maut erhalten habt, das Euch und der ganzen Familie zu leben giebt, so war's um meinetwillen.

Luigi. Dazu hat dir dein Kamerad Torrigiani, in seiner Wut dich allzu geschickt zu sehen, schön das Gesicht zerschlagen; du vergißt diesen Punkt. Das ist der famose Gewinn, den dir Lorenzo der Prächtige eingebracht hat! Du dauerst mich.

Michelangelo. Wohl oder übel, ich bin, was ich bin. Ihr habt doch nicht die Absicht, mich heutigentages bei einem Weber in die Lehre zu geben?

Luigi. Und doch wäre es das beste. Es ist klar, daß die Medici dir weder Gemälde noch Statuen mehr bestellen werden. Herr Piero ist nicht, was sein Vorgänger war, und was soll aus dir werden?

Michelangelo. Herr Piero behandelt mich nicht schlecht. Er hat mich noch gestern Abend wegen eines antiken Karneols zu Rate gezogen, den man ihm zum Kaufe anbietet.

Luigi. Und er hat dich sogar eine Bildsäule von Schnee errichten lassen. Schöne Beschäftigung! Ehrenvoll, wahrhaftig! Dieser Mensch benutzt dich wie einen Possenreißer. Er wird dich ehester Tage der Böswilligkeit der Leinwandsudler preisgeben, unter denen du dir zu leben erkoren hast. Auch deine große Freundschaft mit diesem Francesco Granacci sehe ich nicht mit Vergnügen; er ist ein Taugenichts. Noch mehr verdrießt es mich, daß du mit dem jungen Niccolo Machiavelli umgehst. Der ist zwar von guter Herkunft, ich leugne es nicht; aber er soll sittenlos sein, und er hat sich mit der Marietta verheiratet in einem Alter, wo er erst darauf hätte denken sollen, sich eine Lebensstellung zu schaffen. Er beschäftigt sich nur mit den alten Römern! Auch ist er ohne Mittel, und binnen kurzem wird er Geld von dir borgen wollen, wenn er es nicht schon gethan hat. Hat er es gethan?

Michelangelo. Ihr wißt, daß ich Euch gebe, was ich verdiene.

Luigi. Kann ich erraten, was du auf Seite bringst? Aber lassen wir diesen mißlichen Punkt. Machiavelli mißfällt mir; ich glaube, daß er gegen Herrn Pieros Regierung Anschläge macht ... Nicht als kümmerte ich mich viel um die Medici. Sie werden bald genug fortgejagt werden, und entschieden sind wir ihrer überdrüssig. Ich weiß auch wohl, daß der würdige Bruder Girolamo der Volksregierung günstig ist, und Gott verhüte, daß ich mich den Absichten des Bruders Girolamo widersetzte! Aber ich liebe es nicht, daß man sich in die öffentlichen Angelegenheiten einmengt, wenn man nur ein Däumling ist wie dieser Machiavelli. Was schaffst du mit ihm? Von was sprecht ihr? Er wird dich zu irgend einer Dummheit mit fortreißen. Erzähle mir doch 'mal, was ihr anzettelt, wenn ich euch zusammen ausgehen sehe.

Michelangelo (legt seine Bossierhölzer auf den Schemel und setzt sich auf eine Bank, das Haupt in den Händen).

Luigi. Was faßt dich an? Bist du krank?

Michelangelo. Ich habe arge Kopfschmerzen.

Luigi. Der Müßiggang macht dich krank. Wenn du an etwas Nützlichem arbeitetest, würdest du dich wohl befinden.

(Niccolo Machiavelli tritt herein.)

Machiavelli. Untertänigster Diener, Herr Luigi. Guten Tag, Michelangelo.

Luigi. Ich bin eilig, ich muß ausgehen, Herr, und du, Michelangelo, denke daran, daß du da eine Arbeit machst, die keinen Aufschub duldet, und daß du keine Zeit hast zu schwatzen. Gott behüte Euch, Herr Niccolo! (Er geht.)

Machiavelli. Ach! Freund, ich bin gekommen, um dir in Eile zu berichten, was mir das Herz mit Freude erfüllt. Die Franzosen werden in einigen Tagen hier sein.

Michelangelo. Als Freunde? Als Feinde?

Machiavelli. Darüber weiß man nichts. Man unterhandelt; wenn keine Freundschaft zu stiften ist, so werden wir als Männer Widerstand leisten und das Vaterland verteidigen. Aber es giebt noch mehr! Piero de' Medici macht nichts als Dummheiten. Bruder Girolamo sieht das ein und verbindet sich mit der Volkspartei, so daß die Ankunft der Franzosen den Sturz dieses hochmütigen Hauses verursachen wird, dessen Stolz unsere Freiheiten erstickt.

Michelangelo. Ich verdanke dem Vater alles und will nicht unter die Feinde der Söhne zählen.

Machiavelli. Du hast Gemüt, aber besinne dich, daß das Wohl des Vaterlandes dem deinen vorgeht. Alles ist in Wallung. Das Wasser ist warm, kochend, siedend. Die gesamte Bevölkerung gerät in wütenden Aufruhr. Ach! Michelangelo, welch schöner Augenblick! Ich werde die Freiheit, die gesetzmäßige Ordnung, eine weise Regierung noch wo anders als auf den toten Blättern der alten Bücher und unter den Abstraktionen meiner Träumereien schauen! Was es in Florenz an Männern giebt, die dieses Namens wert sind, ist mit uns; Soderini, Valori, Vespuccio, Marsilio Ficino, die Gelehrten, die Künstler – Was da groß denkt – Was da der Menschen Bestes will!

Michelangelo. Ich bin nicht mit euch. Ich will nichts von euch wissen. Ich bin der Schützling der Medici, und ich mag es nicht, daß Bruder Girolamo, anstatt fortzufahren uns, wie unlängst, Tugend zu predigen, sich in die öffentlichen Dinge mischt.

Machiavelli. Er mischt sich zum Glück hinein, und wenn man handeln kann, muß man handeln. Nur das Handeln ist eines Mannes würdig.

Michelangelo. Komm in mein Zimmer. Ich muß mich ankleiden und mein Bündel schnüren.

Machiavelli. Wohin willst du denn?

Michelangelo. Nach Bologna zu Herrn Galeazzo Bentivoglio; und wenn ich mich in Bologna nicht wohl fühle, so gehe ich nach Venedig. Ich will nicht inmitten dieser Stürme bleiben; man könnte dabei nicht arbeiten; außerdem habe ich auch noch andere Gründe. Es ist mir unmöglich länger zu ertragen ... Kurz, komm! Du sollst mir bis zum Stadttore das Geleit geben.

Machiavelli. Zuvor will ich dir beweisen, daß du unrecht hast. Höre.

Michelangelo. Rede soviel du willst; mein Entschluß ist gefaßt.

(Er geht ins Haus.)


Piacenza.

Ein Palast, welcher dem Könige Karl VIII. zur Residenz dient.

Ein Wartezimmer. Zwei französische Hauptleute.

Erster Hauptmann. Bist du da, Kamerad? Komm her, daß ich dich umarme!

Zweiter Hauptmann. Mit Freuden. Wie gut du aussiehst! Herr Gott! Welche Gesundheit!

Erster Hauptmann. Ja, meiner Treu, wir führen ein gutes Leben! Wo kommst du her?

Zweiter Hauptmann. Geradeswegs von Lyon. Ich bringe euch fünfundzwanzig Volllanzen. Es hat mich tüchtig was gekostet sie zu werben. Es ist die Blüte der Ritterschaft.

Erster Hauptmann. Du wirst tausend Gelegenheiten finden dich bezahlt zu machen. Weißt du, daß alles wundervoll geht?

Zweiter Hauptmann. Erzähle mir ein wenig eure Abenteuer.

Erster Hauptmann. Hörst du nicht? Alles geht wundervoll! Wir sind in Turin mit offenen Armen aufgenommen worden; und dort haben wir, nach vielen Festlichkeiten, die Diamanten und Edelsteine der Frau Herzogin Bianca geborgt. Sie hat ein wenig sauer dazu gesehen; aber wir haben alles versetzt.

Zweiter Hauptmann. Ein famoser Spaß!

Erster Hauptmann. Das ist ein Gewinst von zwölftausend guten Dukaten. In Casale hat die Marquise von Montferrat uns das Fest gegeben, die dumme Gans, und ebenfalls ihre Juwelen sehen lassen. Dieselbe Geschichte wie in Turin; wir haben reine Bahn gemacht.

Zweiter Hauptmann. Diese Gegend ist demnach ein wahres Paradies und gelobtes Land?

Erster Hauptmann. Ich schwöre es dir. Außerdem sind wir in Genua gut angeschrieben, wo die mailändischen Truppen uns die Hand reichen. Die Schweizer haben zwar die Stadt Rapallo, vielleicht etwas leichtfertig, der Plünderung preisgegeben; sie hätten weniger reichlich ausräumen und nicht alles töten können; aber in Summa ist das Ergebnis gut gewesen. Herr d'Aubigny meldet uns aus der Romagna, daß die Neapolitaner es tüchtig mit der Angst bekommen haben und vor ihm ausreißen. Als wir in Asti angelangt sind, ist uns der Onkel des Herzogs Galeazzo mit seiner Frau, der schönen Beatrice, entgegengekommen, und ich will dir ins Ohr sagen, daß er dem König eine Menge mailändischer Damen präsentiert hat, die uns, meiner Treu, große Ehre erwiesen und uns weidlich bei sich haben schwelgen lassen.

Zweiter Hauptmann. Das Wasser läuft mir darüber im Munde zusammen. Warum bin ich nicht früher angekommen!

Erster Hauptmann. Es wird dir nicht an Gelegenheiten fehlen. Still, da ist der König!

(Karl VIII., klein, schwach, aber von vornehmem Aussehen, tritt herein; er ist bleich und abgezehrt infolge der Krankheit, die er wenige Tage zuvor in Asti sich zugezogen hatte und an der er beinahe gestorben wäre. In seinem Gefolge eine Anzahl Offiziere, der Edle Philippe de Commines, Herr von Argenton; der Edle von Bonneval, der Edle von Châtillon, alle beide große Günstlinge des Königs: der Arzt Teodoro von Pavia.)

Der König. Ihr sagt, Teodoro, daß Galeazzo soeben verschieden, und daß dieses plötzliche Ende nicht klar ist?

Teodoro. Ich fürchte im Gegenteil, Sire, es ist nur allzuklar. Es ist Gift im Spiele.

Der König. Ludovico Moro geht zu weit. Was hat er mit der Herzogin Isabella und den Kindern seines Neffen angefangen?

Teodoro. Sie sind in einer finstern und recht ungesunden Kammer.

Der König. Das tut mir leid; aber ich habe andere Geschäfte. Dieser Ludovico wäre imstande, mich selbst zu vergiften, trotz seiner schönen Vorspiegelungen von Freundschaft. Urfé schreibt es mir. Ich weiß nicht, warum ich in Italien bleibe. Man rät mir, ihm den Rücken zu wenden und heimzukehren, und vielleicht täte ich wohl daran. Es giebt nur Verräter in diesem Lande.

Der Edle von Bonneval. Da sind aber doch die Medici, und zumal der Kardinal Giovanni, die stark in uns dringen, ihre Sache nicht preiszugeben.

Philippe de Commines. Es ist natürlich, daß die sich wenig Sorge darum machen, den König in schlimme Händel zu verwickeln; sie sinnen nur darauf, in ihre Stadt zurückzukehren und sich zu rächen.

Châtillon. Diese Gesellschaft da in Florenz! Schwachköpfe! beraten, geführt von einem Kuttenhelden Namens Girolamo! einem Schelm! Und ihr Fürst, ein Feigling, ein Proletarier, eingeschüchtert und sozusagen geknebelt von Piero Capponi und allen Feinden seines Hauses, vor denen er nur zittern kann! Ich mag ihn nicht auch nur nennen hören, ohne daß mich die Lust anwandelte drauf zu spucken. (Gelächter.) Er ist unfähig die Wohltaten überhaupt zu erkennen, mit denen Euer königliches Haus ihn überhäuft hat.

Der König. Man hat mir gesagt, daß mein Ahn Karl der Große und die zwölf Pairs Florenz gebaut hätten; ist das wahr?

Philippe de Commines. Wenn auch nicht gerade gebaut, so doch ihm geholfen sich aus den Trümmern zu erheben.

Der König. Dann sind die Florentiner meine Untertanen; sie sind Aufrührer; mein Ritterschwur verpflichtet mich sie zu strafen, und ich werde das mit Strenge thun.

Philippe de Commines. Es würde nützlicher sein, diesen Leuten bessere Gesinnungen beizubringen, als sie uns zu entfremden. Da Euere Hoheit entschieden hat, durch Toscana nach Neapel zu gehen, so ist es für uns eine Notwendigkeit, den Weg hinter uns frei zu halten.

Der Edle von Bonneval. Herr d'Argenton scheint immer anzunehmen, daß wir geschlagen werden könnten.

Der König. Es ist wahr. Ihr habt kein mutiges Herz, Herr; Ihr gleicht meinem Vater.

Philippe de Commines. Er war ein großer Fürst, und sehr umsichtig.

Der Edle von Châtillon (sehr laut). Der König ist nicht nach Italien gekommen, um den Schulmeister zu machen, sondern vielmehr, um der Welt seine Tapferkeit zu zeigen und sie durch gewaltige Waffenkünste in Erstaunen zu setzen.

Der König. Ich will keine anderen Vorbilder als die ruhmreichen Helden Gawan, Lancelot, Reinold von Montalban, die so hohe Taten vollbracht haben! Mit Gottes Hilfe hoffe ich es ebenso zu machen!

Der Edle von Châtillon. Das heißt reden, wie sich's gehört! Was hilft es ein strammer Ritter und ein gefürchteter Sieger zu sein, wenn man sich damit aufhält nachzudenken, zu wiegen und zu wägen, kurz, den Fuchs zu spielen? Potztausend! wir wollen allerwärts, allerwärts hin! über Köpfe und Leiber! mit wuchtigen Schwertschlägen, mit kräftigen Lanzenstößen! Sonst war es nicht der Mühe wert, so weit herzukommen.

Der Edle von Bonneval. Püffe, Schlachten, Liebschaften, Feste und Siegeszüge! Wenn's was anderes giebt, gehe ich nach Hause!

Der König (lächelnd). Sie haben recht! Ich denke wie sie! Geh' zu Bett, Herr Philipp, du bist alt, dein Herz ist matt worden.


Rom.

Das Gemach des Papstes Alexander VI.

Der Papst, Giorgio Bosardi, Burchard, Ceremonienmeister.

Der Papst. Meister Burchard, mein Freund, halte dich ein wenig hinter der Tür und gieb acht, daß niemand kommt und uns unterbricht. Ich habe mit diesem Burschen da zu reden.

Burchard. Ja, allerheiligster Vater. (Er tritt hinter die Tür.)

Der Papst. Nun, Giorgio, Esel der du bist, paß recht gründlich auf und suche zu begreifen. Du brichst also noch heute nach Konstantinopel auf und beeilst dich aufs äußerste.

Bosardi. Ja, allerheiligster Vater.

Der Papst. Höre mich wohl. Du sprichst nur mit dem Großvezier selbst, im geheimen, unter dem Siegel des absolutesten Geheimnisses ... verstehst du mich?

Bosardi. Ja, allerheiligster Vater. Ich durchschaue die Absicht, die meines Herrn Heiligkeit hegt. Nur im tiefsten Geheimnis werde ich mich vorsichtig dem Großvezier entdecken.

Der Papst. Und ganz herausrücken wirst du nur gegen den Sultan Bajazet in Person.

Bosardi. Das war mein Gedanke, allerheiligster Vater.

Der Papst. Spiele nicht den Einsichtsvollen. Ich weiß sehr wohl, daß du nur ein Dummkopf bist; aber in gewissen Fällen ist man in Verlegenheit, wem man sich anvertrauen soll, und die Leute von Geist sind niemals zuverlässig.

Bosardi. Ja, allerheiligster Vater.

Der Papst. Du sagst dem Großvezier, wenn du nicht sogleich mit dem Sultan sprechen kannst, daß ich ihm meine aufrichtigsten Grüße entbiete und ihm meinen apostolischen Segen sende.

Bosardi. Ja, allerheiligster Vater.

Der Papst. Du fügst hinzu, daß ich nicht einen Tag, nicht eine Minute sein Wohlwollen für mich vergesse, daß ich es ihm mit Zinsen zurückgebe, und du überreichst ihm in meinem Namen die hübsche Madonna von Giambellini, um die er mich durch den Gesandten seines Herrn in Venedig hat bitten lassen.

Bosardi. Ich werde nicht verfehlen, allerheiligster Vater. Die Madonna ist schon in Ostia an Bord meiner Galeere abgeliefert, und ich werde dem Sultan Bajazet und seinem Minister sagen, was sie am besten von der großen Freundschaft überzeugen kann, von welcher meines Herrn Heiligkeit für sie erfüllt ist.

Der Papst. Dann, auf die Hauptsache kommend, erinnerst du zuvörderst daran, wie sehr ich mit gutem Grunde darüber befremdet bin, daß ich die beiden fälligen Quartale des Jahrgeldes von vierzigtausend Dukaten, das dem Papst Innocenz VIII. seit 1489 gewährt worden, nicht erhalte, und du ermangelst nicht auf dem Punkte zu bestehen, daß ich es ganz ebensogut verdiene wie mein Vorgänger, da ich den Prinzen Zizimi, den Bruder des Sultans, nicht weniger musterhaft überwache, und ihn nicht aus meinen Händen lasse.

Bosardi. Meines Herrn Heiligkeit kann ganz beruhigt sein. Ich werde sorgen, daß die Zahlung des Jahrgeldes wieder aufgenommen wird.

Der Papst. Ist dies in Ordnung, so lenkst du die Aufmerksamkeit auf den zügellosen Ehrgeiz des Königs von Frankreich. Du setzest ihnen auseinander, daß er, wenn er sich des Königreichs Neapel bemächtigt, dies vor allem in dem Gedanken tut, Konstantinopel anzugreifen, um die Krone der byzantinischen Kaiser an sich zu reißen. Er ist zur Stunde noch nicht in Florenz, er wird erst zu mir kommen, um die Aragonesen zu bekämpfen, und dennoch verbirgt er bereits nichts mehr von seinen ehrgeizigen Absichten, die die Festigkeit des ottomanischen Thrones bedrohen. Er hat mir seine Anschläge mitgeteilt, er hat sie den Venetianern, dem Herzog von Mailand mitgeteilt, sie sind kein Geheimnis; aber was er mir insgeheim anvertraut hat und was ich Bajazet entdecke, das ist sein Wille, mir den Prinzen Zizimi zu entführen, um sich seiner zu bedienen, indem er ihn dem Sultan zur rechten Zeit und am rechten Orte entgegenstellt. Dieser letztere muß einen solchen Gedanken fürchten; du wirst ihm die ernsten Folgen davon darlegen. Was mich betrifft, so werde ich dem Begehren Karls VIII. nicht nachgeben; ich werde Zizimi dem Könige von Frankreich nicht überantworten, solange mir Widerstand möglich ist, und wenn ich am Ende, da ich nicht der Stärkere bin, meinen Gefangenen ziehen lassen muß, so werde ich Vorkehrungen treffen, um ihn in einem solchen Zustande auszuliefern, daß der Sultan um seinetwillen keine Besorgnisse zu hegen braucht. Du kannst ihm das in meinem Namen versprechen. Aber es versteht sich, daß Bajazet einen solchen Dienst wird verdienen müssen. Du giebst diesen vertraulichen Mitteilungen eine Wendung, die mich nicht bloßstellt.

Bosardi. Es ist nicht schwer, die Verkettung und die Tragweite dieser Dinge erkennen zu lassen, ohne ein einziges Wort darüber zu verlieren.

Der Papst. Um nun auf die Dienstleistung zu kommen, die ich von meinem Verbündeten erwarte, so besteht sie darin, daß er mir hilft, die Barbaren aus Italien zu verjagen, und zu diesem Zwecke würde es mir frommen, sei es in der Romagna, sei es in Apulien, eine tüchtige türkische Armee zur Verfügung zu haben, um über die Franzosen obzusiegen, was für den Sultan ganz ebensogut wie für mich vorteilhaft sein würde. Das ist dein Auftrag: Hast du verstanden?

Bosardi. Allerheiligster Vater, das Jahrgeld von vierzigtausend Dukaten, und Türken nach Italien.

Der Papst. Wohlan! so spute dich! gieb mir unverzüglich gute Nachricht ... Burchard! He! Burchard!

Burchard. Allerheiligster Vater?

Der Papst. Führe diesen Ehrenmann in die Sacra Segnatura, und laß ihm sein Beglaubigungsschreiben aushändigen, wie auch das besondere Sendschreiben, das ich an den Sultan richte. Ach! wenn ich doch diese französischen Banditen aufhalten könnte, ehe sie bis nach Rom kommen!

(Ein Kämmerer tritt auf.)

Der Kämmerer. Allerheiligster Vater, draußen ist ein Abgesandter des Herzogs von Mailand.

Der Papst. Was ist das? Ah! gut! es ist der Kleine! ... der Intimus! ... komm herein, mein Freund! Wie befindet sich Herr Ludovico? Sein Neffe Galeazzo ist ihm also an einer plötzlichen Krankheit unter den Händen weggestorben, und der kleine Knabe des besagten Galeazzo gleichermaßen?

Der Gesandte. Ja, allerheiligster Vater.

Der Papst. Dein Herr neigt zu solchen Unglücksfällen. Was sagt er?

Der Gesandte. Er sagt, daß Euere Heiligkeit ihm in der Sache des Bruders Girolamo nicht Wort hält. Ihr schont diesen Schwärmer, und seine Predigten gehn immer noch weiter. Außerdem daß die Florentiner gefügiger sein und die französische Sache mit Freuden verlassen würden, wenn dieser Mönch ihnen nicht den Kopf verdrehte, wird der Norden Italiens aus Rand und Band gebracht. Die Fürsten sind sehr unzufrieden; die Geistlichkeit ist es noch mehr; sie wird ihre Besitzungen verlieren; Savonarola redet von nichts Geringerem, als den Armen und Kranken die Kirchengüter und selbst die heiligen Gefäße auszuliefern.

Der Papst. Die Sorge des Herzogs von Mailand für die heilige Kirche belustigt mich einigermaßen. Ich werde mich mit Savonarola nicht beschäftigen, solange ich schwerere Bürden auf mir habe. Warum hat dein Herr selbst trotz seiner Versprechungen noch nicht mit den Franzosen gebrochen? Treibt er seinen Spott? Wenn die Venetianer nicht gehandelt haben, so bereiten sie sich doch wenigstens vor und haben uns Pfänder gegeben. Sind die Neapolitaner und ich dazu da, um ins Ungewisse hinein zu warten, wann es Euch belieben wird? Nur die Florentiner und dein Herr sind es noch, die sich nicht entscheiden wollen. Wann soll das enden?

Der Gesandte. Gabe gegen Gabe. Geht offen gegen Savonarola vor, und wir werden an Euere Interessen denken. Das läßt Euch der Herr Herzog kund tun.

Der Papst. Rede über alles das mit Don Cesare, und ich will sehen, was sich tun läßt.


Bei Florenz.

Ein Hohlweg, nicht weit vom französischen Lager. Ein Bauernhaus in Flammen; der Eigentümer liegt weinend am Boden; auf einem Steine sitzen Jean de Bonneau, Bogenschütze von der Compagnie Terride, und Jacques Lamy, ein anderer Bogenschütze, damit beschäftigt, Brot und Zwiebeln aus der Hand zu essen; sie trinken von Zeit zu Zeit einen Schluck Wein aus ihrer Feldflasche.

Jacques Lamy (zum Bauern). Wie alt war sie, deine Frau?

Der Bauer (weinend). So ein' zweiundzwanzig Jahr.

Jean de Bonneau. War sie hübsch? ... Warum nicht gar! wimmere doch nicht! Du stellst dich an wie ein Kalb. Also, sie haben sie getötet. Und weiter?

Der Bauer (die Hände ringend). Ach! mein Gott! mein Gott!

Jacques Lamy. Wir Gascogner, wir sind derbe Patrone. Iß ein Stück ... Da!

Der Bauer. Nein! ... nein! ... Ach! mein Gott!

Jean de Bonneau. Das siehst du doch ein, armer Tropf, was geschehen ist, ist geschehen ... Das ist der Krieg! Der Soldat muß auch ein wenig seinen Spaß haben.

Der Bauer. Mein Weib! ... Mein armes Weib! ...

Jacques Lamy. Du tätest besser das Feuer in deiner Bude zu löschen ... Alles wird dir verbrennen!

Der Bauer. Das ist mir eins.

Jean de Bonneau. Er ist ein Vieh. Gehen wir, guten Morgen. Tröste dich. Kommst du, Jacques?

Jacques Lamy (zum Bauern). Nimm, mein Junge, ich lasse dir den Rest vom Brot und zwei Zwiebeln .... Wenn du Appetit darauf hast, so iß! Wahrhaftig, er ist ein Vieh. (Der Bauer schluchzt; die Soldaten entfernen sich, aus vollem Halse singend:)

Châtillon, Bourdillon, Bonneval,
Gouvernement le sang royal.


Florenz.

Vor dem Palazzo Medici.

Der Platz ist mit Volk bedeckt. Rufe, Getümmel, lautes Schimpfen und Kreischen. An den Toren des Palastes sind Trupps französischer und schweizerischer Armbrustschützen, Scharfschützen und Pikenträger aufgestellt; zwei Ordannanzcompagnien in Schlachtordnung; Artilleriegeschütze kommen durch die Menge und nehmen nach vorne Aufstellung. An den Fenstern viele französische Hauptleute und Offiziere, den Helm auf dem Kopf.

Ein Lastträger (den Franzosen die Faust zeigend). Ha! Die Halunken!

Ein Schlachter. Die Räuber! Die Verfluchten! Wenn ich ihnen nicht allen mit meinem Hackmesser den Bauch aufschlitze ...!

Ein Bürger (der auf einen Eckstein gestiegen ist). Bürger, Freunde, glaubt nicht ein Wort von dem, was man euch von diesen elenden Nordländern sagt! Sie, unsere Freunde! Was für Freunde? Sie haben Sarzana mit Sturm genommen, verbrannt; Männer, Weiber, kleine Kinder erwürgt! Man hat Greuel erlebt!

Rufe auf dem Platze. Nieder mit den Franzosen!

Der Bürger (gestikulierend). Wir haben Piero de' Medici verjagt! Er ist zu seinen Schurken von Brüdern, dem Kardinal und dem andern gestoßen! Und diese Fremdlinge wollen ihn uns zurückbringen? Ist er nicht ein Feigling? Ist er nicht ein Verräter? Wir haben seine Wappenschilder durch den Kot geschleift, und man sollte sie wieder einsetzen? Wir haben seinen Palast bis auf den Grund niedergerissen; wir sollten ihn wieder aufrichten? Es ist eine Schmach!

Heftige Rufe. Tod den Medici! Tod den Franzosen!

Ein junger Mann (auf einen anderen Eckstein springend). Ja, Tod! Sie sind Elende! Sie sind Barbaren! Nachdem sie uns Pisa zum Aufruhr gebracht und mit einer Belagerung gedroht, haben wir sie in die Stadt aufgenommen! Wir haben den Einzug des Königs Karl geschehen lassen, unter einem Altarhimmel, als wenn's eine Monstranz wäre! Wir haben sie in Paradeanzug durch unsere Straßen marschieren lassen, die Lanze hoch wie Triumphatoren! Wir haben sie freundlich, verbindlich behandelt, haben sie gehätschelt! Man hat ihnen die Verkündigung der allerheiligsten Jungfrau in der Kirche San Felice aufgeführt, und sogar zweimal, weil sie es so verlangt haben, und jetzt wollen sie uns knechten!

Die Menge. Nein! nein! nein! Tod den Franzosen! Die Knüttel! Die Knüttel! Zu den Schwertern!

(Große Bewegung; das Volk beginnt sich zu bewaffnen.)

Hauptmann Terride (zu seinem Lieutenant). Bleibt an der Spitze der Compagnie und laßt die Leute die Visiere senken ... Ich gehe hinauf, melden was vorgeht.

Der Lieutenant. Herr Hauptmann, eine gründliche Ladung auf dieses Pack, nicht wahr?

Hauptmann Terride. Ja, aber wartet den Befehl ab. Keine Dummheit. (Er steigt vom Pferde und geht in den Palast.)


Ein Saal des Palazzo Medici.

Der König, Philipp von Savoyen, Graf von Bresse, de Piennes, de Bourdillon, de Bonnneval, d'Argenton; Offiziere in großer Anzahl; Herr Piero Capponi und drei florentinische Kommissare.

Der König (mit dem Fuße stampfend). Ich bin der Herr! So gehorcht denn!

Capponi. Euere Hoheit wird geruhen uns noch einmal zu sagen, was Sie verlangt, und wir werden der Signoria Bericht erstatten.

Der König. Sei es! Hört mich wohl; ich werde meine Worte nicht zum dritten Male wiederholen, und wenn ihr störrisch seid, soll es euch gereuen.

de Piennes. Wohl gesprochen!

Der König. Ich will, daß ihr euren Fürsten, Herrn Piero de' Medici, wieder aufnehmet.

(Beifallskundgebungen bei den Franzosen.)

Capponi. Ich höre.

Der König. Wollt ihr ihn wieder aufnehmen?

Capponi. Ich höre, und wenn wir wissen, worum es sich handelt, werde ich antworten.

Der König. Ihr scheint nicht entschlossen, euch zu unterwerfen?

Capponi. Das wird Euch der Ausgang lehren. Für den Augenblick hören wir Euere Hoheit, um zu wissen, was Sie will.

Der König. Nun gut, erstlich will ich, daß Herr Piero wieder eingesetzt werde; sodann will ich, daß die gesamte Signoria in Zukunft von mir gewählt werde.

Capponi. Das also wollt Ihr?

Der König. Ja, ich will es.

Capponi. Nun wohl, wir, wir wollen nicht.

Der König. Ihr wollt nicht?

Capponi. Nein, wir wollen nicht.

Der König. Tod und Teufel, ich finde Euch sehr verwegen!

Capponi. In diesem Augenblicke muß man es sein.

Der König (zu einem seiner Offiziere). Gebt mir den Vertrag her, den diese Menschen auf der Stelle unterzeichnen werden. Seht ihr, meine Herren? Setzt euch an diesen Tisch: hier ist Tinte, hier sind Federn; spielt mir nicht die Ungehorsamen, die Geduld geht mir aus. Unterzeichnet, unterzeichnet, unterzeichnet!

Capponi (reißt den Vertrag dem, der ihn hält, ans der Hand und zerreißt ihn in vier Teile). So machen's die Florentiner mit der Tyrannei!

Der König (außer sich). Laßt die Trompeten schmettern!

Capponi. So schmettern wir die Glocken. (Er geht mit seinen Kollegen.)

Hauptmann Terride (stürzt in den Saal). Sire, Befehle! Die Menge ist ungeheuer auf dem Platze; wir werden angegriffen werden! Eure Schweizer haben sich des Borgo d'Ogni Santi bemächtigen wollen, sie sind übel zugerichtet und zurückgeschlagen worden. Was befehlt ihr?

Der König. Ruft eiligst Herrn Capponi zurück!

(Der König geht aufgeregt im Saale auf und ab; Bourdillon spricht leise mit ihm; Stillschweigen; man hört das Geschrei und das Lärmen des Volkes auf dem Platze.)

(Die florentinischen Abgeordneten treten auf.)

Der König (Capponi bei der Hand fassend). Ach! Capaun, böser Capaun, du spielst uns hier einen schlimmen Streich!

Capponi. Ich bin Euerer Hoheit Diener, und bereit Ihr zu dienen in dem, was Rechtens ist.

Der König. Mein Diener!

Capponi. Getreuester Diener.

Der König. Nun wohlan! Da du meine Anerbietungen, welche auf dein höchstes Wohl abzielten, ablehnst, so schlage deinerseits vor.

Capponi. Ihr seid ein großer König, Ihr seid ein ritterlicher und edler Geist; wir bitten Euch, den glorreichen Titeln Eurer Vorgänger den folgenden, nicht weniger glänzenden, hinzuzufügen: Wiederhersteller und Schützer der Freiheiten von Florenz.

Der König. Ich will es.

Capponi. Wir bieten Euch, zum Zeichen unserer Erkenntlichkeit, eine freiwillige Gabe von hundertzwanzigtausend Goldgulden an.

Der König. Ich nehme sie an; und weiter?

Capponi. Weiter? Eure Großmut wird uns unsere Festungen zurückgeben; Ihr werdet uns Pisa zurückgeben, und es wird festgesetzt, daß Piero de' Medici sich unsern Mauern nicht auf mehr als zweihundert Meilen nähern soll.

Der König. Sei es! Jetzt, da wir gute Freunde sind, werde ich in Eurer Mitte bleiben.

Capponi. Nein, Sire. Ein Freistaat sieht nicht ohne Besorgnis soviel fremde Waffen in seiner Mitte. Euere Hoheit wird mit Ihren Truppen abziehen und uns in unserer Unabhängigkeit lassen.

Der König. Ich will des Todes sein! Herr Piero, Ihr schlagt ja eine sehr seltsame Tonart an! Bin ich ein Bedienter, daß ich mich auf die Weise fortjagen lassen soll? Haltet Ihr mich für den ärgsten der Feiglinge? Das heißt denn doch meine Milde zu sehr mißbrauchen! Ich habe das Schwert an der Seite, ich werde es ziehen, wenn man mich kränkt. Nein, wahrlich, ich werde nicht gehen! Tod und Teufel, ich werde bleiben und so lange, als es mir gefällt, versteht Ihr wohl? und müßte ich mich unter Trümmern behaupten, in die meine Geschütze Eure Gebäude verwandelt hätten! Ha! Ihr habt Euch eingebildet ... Was ist das für ein Mönch?

(Savonarola tritt auf.)

Capponi. Sire, es ist der Bruder Girolamo.

Der König. Wir brauchen seine Kutte nicht. Ich kenne dich, Bruder, du bist nur ein Heuchler, ein Aufrührer, ein Narr! Hinaus mit Dir, oder ich lasse dich ...

Bruder Girolamo. Ihr werdet mir nichts anhaben, solange Gott, mein Herr, mich mit seiner Rechten deckt. Ich höre, daß Ihr nicht abziehen wollt? Ihr gedenkt diese unglückliche Stadt nochmals unter die Hufe Eurer Rosse zu treten? Ich aber erkläre Euch ...

Der König. Weist ihm die Türe!

Capponi. Habt acht, Sire! Aufruhr und Wut tosen in Florenz. Wenn Ihr an den Bruder Girolamo rührt, rührt Ihr an den Liebling des Landes. Glaubt mir, glaubt mir! Hört ihn, anstatt ihn zu beschimpfen, sonst werden die Steine selbst sich gegen Euch erheben! Ihr wißt nicht, was es heißt, ein Volk in Raserei!

Der König. Was willst du, Mönch?

Savonarola. Ich will Euch wieder zu Euch selber bringen. Ihr könntet mit Florenz nichts anfangen; Neapel bedürft Ihr; Neapel und das hohe Meer und ferner die Kaiserkrone, die Euch die Vorsehung bestimmt hat, den Fall der Türken, die Vernichtung der Heiden und den erhabenen Namen eines höchsten Hauptes, nicht des kleinen Florenz, sondern der ganzen weiten Christenheit! Wollet nicht, Sire, wollet nicht um einer elenden Zornesaufwallung willen den Rang verscherzen, den Gott Euch vorbehält, und die Schätze des Ruhmes, mit denen er Euch überhäuft! Ziehet dahin, wohin Eure unvergleichliche Bestimmung Euch ruft! neidet einem armen kleinen Lande, das Euch liebt, seine Freiheiten nicht; tut nicht, wie David: entreißt nicht einem Unglücklichen sein mageres Schaf, wenn unermeßliche, blühende Herden Euch zufallen! Hütet Euch davor! Ihr seid es, der mit allmächtiger Hand die allumfassende Kirche umgestalten soll! Lasset die kleinen Dinge; nehmt die großen in die Hand und betraget Euch nicht so, daß Ihr eines Tages, ein neuer Saul, von Gott verworfen werdet!

Der König. Der Mann redet, als wenn er dessen sicher wäre, was er erzählt. Weißt du's gewiß, ich werde Kaiser des Orients sein?

Savonarola. Wer hat denn vor vier Jahren geweissagt, daß Ihr bei uns einbrechen und unwiderstehlich sein würdet? Wer hat denn den Sturz der Aragonesen und Euren Einzug in Rom verkündet?

Der König. Ja, ich werde in Rom einziehen; du sagst wahr!

Savonarola. Geht denn, Sire, und verliert keine Zeit!

(Ein Offizier tritt auf.)

Der Offizier. Wenn die Obrigkeit von Florenz sich nicht auf der Stelle ins Mittel legt, werden wir in diesem Palaste eingeschlossen werden. Die Zugänge sind voller Bürger in Waffen, die vor Wut rasen.

Capponi (zu seinen Kollegen). Wenn der König gebietet, so kommt, verhindern wir ein grausenvolles Verhängnis.

Bourdillon. Sire, ich glaube, wir sollten nachgeben; wir haben wirklich in dieser Stadt nichts zu tun. Wir werden uns später rächen.

Der König. Du glaubst?

Savonarola (dem Könige ins Ohr). Habt acht, Sire, der Engel himmlische Scharen steigen von droben wider Euch hernieder!

Der König (zu Capponi). Werdet ihr eure Bedingungen halten?

Capponi. Im Augenblicke soll das Geld Euch hingezählt werden.

Der König (zu seiner Umgebung). Zu Pferde, meine Herren! unsere Liebe zu Florenz zieht uns von unseren Obliegenheiten ab! noch diesen Abend sind wir auf dem Wege nach Neapel. de Piennes, Ihr befehligt den Vortrab, und die Streifreiter sollen sofort aufbrechen.

Die Florentiner. Hoch lebe der König!


Eines der Stadttore.

Volksauflauf.

Ein Bürger. Endlich sieht man nur noch ihre letzten Nachzügler. Sie sind weg, die verfluchten Franzmänner! Mag der Teufel sie sich warmhalten! Wenn's nicht Bruder Girolamo ist, der uns davon befreit, wer soll es denn sein?

Ein Schneider. Er hat herzhaft zum König gesprochen und ihm gehörig Bescheid gesagt.

Ein Schlosser. Er hat's ihm gesagt, wie ich euch guten Tag sage, und der arme Schlucker hat schön Angst gehabt.

Ein Maurer. Bruder Girolamo ist der Prophet Gottes!

Die Menge. Wenn jemand daran zweifelt, so sollte man ihm den Bauch aufreißen, diesem jemand! Schlagt ihn tot, den elenden Missetäter! Hoch Girolamo! Hoch der Prophet Gottes! –


Nahe der venetianischen Grenze.

Ein Lager von sechstausend italienischen Freibeutern. Ausgedehntes Gefilde, fruchtbar, mit Bäumen, Weinbergen, Erntefrüchten bedeckt; am Horizonte Dörfer; ein Fluß fließt durch die Mitte der Landschaft, die Kriegszelte ziehen sich längs der Ufer hin. Am Abhang des Uferrandes eine grünbekränzte Bretterbude, wo zu trinken verkauft wird. Burschen ziehen vorbei, ihre Pferde zur Tränke führend; schwere Reiter, Bogenschützen, verschiedenerlei Armbrustschützen, Pikenträger, Bauern, Bäuerinnen, Freudenmädchen, Bettler; die einen gehn spazieren, andere zanken sich; viele sitzen vor der Schenke, plaudern, lachen, spielen Würfel und Tarock.

Ein schwerer Reiter. Die Liebe soll leben! Ich trete aus Alessandro del Tiaros Compagnie aus und nehme Dienste beim Scariotto. Zum Teufel mit meinem ersten Hauptmann! Der Knauser! Man stirbt Hungers bei ihm!

Ein Armbrustschütze. Ich kenne ihn! ich habe bei ihm gedient! Der Flegel hat für den Soldaten nur böse Worte!

Ein Trompeter. Es ist wahr. Da lobe ich mir den Battista di Balmontone! Das ist ein braver Condottiere!

Ein Bauer (die Mütze in der Hand). Hochwohlgeborene Herrn, ich bin ein armer Mann.

Ein Pikenträger. Du tätest besser daran reich zu sein und zwei gute Dukaten im Würfelspiel gegen mich zu setzen.

Der Bauer. Verzeiht mir, hochwohlgeborener Herr Pikenier, ich schwöre es Euch bei der Madonna und dem heiligen Kinde! Ich bin ein äußerst armer Mann, in die allerjämmerlichste Not gebracht, ich habe noch dazu soeben meine letzte Kuh verloren, die mir zwei ehrenwerte Reitersleute mitgenommen haben.

Ein Trommler. Ich kenne das Gesicht da. Er läuft in allen Soldatenquartieren herum und hat immer seine letzte Kuh verloren; das ist sein Gewerbe.

Der schwere Reiter. Wie viel verdienst du so, jahraus jahrein?

(Der Bauer entfernt sich, seine Mütze wieder aufsetzend.)

Ein Armbrustschütze. Man sagt, daß der Soldat den Bürger bestehle; ich sage Euch, daß am Ende, mit ihren Herbergen und ihren verdorbenen Waaren, ihren Spiel- und Freudenhäusern, ihren ewigen Klagen und Beschwerden, die Bürger es sind, die dem armen Soldaten sein letztes Hemd ausziehen und ihn auf dem Stroh sterben lassen.

Ein Trompeter. Meiner Treu, du hast Recht! Aber wer kommt uns denn da, ganz Sammet, Seide und Tressen, die Feder am Hütchen, die Nase in die Höhe, die Hand in die Hüfte gestemmt, krumm wie ein Bogen? Herrgott, was für ein Renommist! Und das hat nur drei blonde Härchen unter der Nase und kaum achtzehn Jahre!

Der Ankömmling. Meine Herren, ich grüße Euch und brenne darauf Euere Bekanntschaft zu machen.

Der schwere Reiter. Wir werden gerne die Eurige machen, wenn Ihr uns gesagt habt, wo Ihr herstammt.

Der Ankömmling. Daraus mache ich kein Hehl. Ich bin ein Ordelaffo von Forli, Vetter des Herrn Antonio, und folglich Edelmann, was die meisten von euch nicht gerade sind. Den Ruhm liebend und vom edelsten Ehrgeiz entflammt, will ich bei den Truppen meines Verwandten eintreten, und ich bitte euch mir eure Freundschaft gegen die meinige zu gewähren.

Der Armbrustschütze. Wenn ich ein so schönes Kleid am Leibe hätte, so würde ich Kaufmann oder Priester werden; aber sicherlich würde ich's nicht aus Mutwillen mit der Hellebarde, dem Hunger, dem Durst, der Kälte, der Hitze und den schlaflosen Nächten halten.

Der Ankömmling. Mein guter Freund, Ihr stammt ohne Zweifel von irgend einem Pflugschlepper, und die Niedrigkeit Eurer Neigungen ist sehr natürlich. Ich dagegen bekenne mich zum Geschlechte der Falken; ich liebe die freie Luft, das Getümmel, das Geschrei; weder Regen noch Sturm jagen mir Furcht ein, und wenn die Sforza und so viele Andere Fürsten geworden sind, so sehe ich nicht ein, warum mir nicht das Gleiche widerfahren sollte.

Der Pikenträger. Potztausend! welch ein Bursche! Hast du eine Dublone in der Tasche? oder eine Zecchine? ... oder irgend eine Kleinigkeit? Spielen wir einmal im Primspiel herum, und ich führe dich dann zu Don Agostino da Campo Fregoso, der mehr wert ist als dein Vetter.

Der Ankömmling. Du scherzest, alter Schelm! Ich habe in meinem Täschchen fünfzig deutsche Gulden. Dreimal im Vassettspiel herum, willst du?

Der Trommler. Wahrhaftig, das ist ein Held! Karten, Karten!

Ein Dämchen (zu ihrer Gefährtin). Sie wollen ihn rupfen. Ganz gleich. Verlieren wir dies Täubchen nicht aus dem Auge. Wir wollen ihm morgen helfen sein Handgeld verzehren.

Die Gefährtin. Gieb acht auf ihn. Er hat einen bösen Blick und eine flinke Hand. Sein Messer muß nicht sehr fest in der Scheide sitzen.


Am Saume des Lagers, in einem schönen Garten voller Blumen und Cypressen, ein kleiner Palast, im neuesten Stile gebaut, mit Laubwerk, Bogengängen, Säulenpaaren, Statuen, flachem Dach und einer auf Satyrfiguren in Terracotta ruhenden Loggia. – Ein schön bemalter und ausgestatteter Saal, mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegte Truhen, Schränke von Ebenholz mit geschnitzten kleinen Figuren, venetianische Spiegelgläser, große Sofas. – Neben einem der Fenster, so gewandt, daß es das beste Licht bekommt, ein Gemälde auf einer Staffelei aufgestellt. – Herr Deifobo dell' Anguillara, Oberanführer der Freibeuter; Hauptmann Don Sigismondo de Brandolino; der neapolitanische Dichter Cariteo.

Anguillara. Nun, Herr Cariteo, Ihr seid ja ein großer Feinschmecker, ein großer Virtuos in Sachen der Kunst, wie findet Ihr dieses Gemälde?

Cariteo. Es ist von Barbarelli, wenn ich mich nicht täusche?

Anguillara. Gut geraten! Es ist von Giorgione, und von seinen besten, meiner Seel'! ... Aber ich will Euch nicht beeinflussen ... Sprecht frei!

Cariteo. Es ist ein herrliches Gemälde!

Anguillara. Es freut mich, daß Ihr so denkt. Dieser Schatz kommt mir den Augenblick, und man hat ihn eben ausgepackt.

Cariteo. Wundervoll! Wundervoll, sage ich Euch! Man könnte den Zauber der Farbe nicht weiter treiben! Außerdem ist da so etwas wie ein reizender Widerschein von da Vincis Weise! Und doch im Grunde, welche Originalität, welche Kühnheit, welches Feuer! Er ist ein Mann, dieser Giorgione, und eine der Zierden des Jahrhunderts!

Hauptmann Brandolino. Ich ziehe trotzdem die Maler von Florenz denen von Venedig vor; ihre Zeichnung ist unendlich viel schärfer, und ihr Farbenauftrag hat etwas Kraftvolles, das mich entzückt.

Cariteo. Glaubt mir, Giorgione und Bellini sind göttliche Wesen! ... Darf ich hier bemerken, daß Herr Deifobo nicht gewillt war, daß der Künstler die unvergleichliche Schönheit dieser Juno im Himmel erschaue? ... Er hat sie ihm auf Erden gezeigt.

Anguillara (lächelnd). Ihr seid eine Plaudertasche, und die Frauen verzeihen eine solche Sünde nicht ... Ernsthaft, Ihr habt sie erkannt?

Cariteo. Ja, ohne Zweifel, obwohl das Genie des Malers hinter den erstaunlichen Vollkommenheiten des Modells zurückgeblieben ist.

Anguillara. Allerdings, das Modell ist nicht übel.

Hauptmann Brandolino. Herr Deifobo ist glücklich in allen Dingen.

Hauptmann Bartolommeo Falciera (auf der Schwelle der Türe). Kann ich den Herrn sprechen?

Anguillara. Was wünscht Ihr? Ich bin beschäftigt, Kapitän. Kommt immerhin herein ... Was giebt's?

Falciera. Auf die Anklage nichtswürdiger Bauersleute hin ist einer meiner besten Reiter von den Profossen gefaßt worden, und man sagt, daß Ihr Befehl gebet ihn zu hängen.

Anguillara. Ich weiß, worum sich's handelt. Euer Reiter wird gehangen. Es tut mir leid für Euch; aber er wird gehangen.

Falciera. Erwägt aber doch, Herr, welchen Schaden Ihr mir verursacht. Seit vier Jahren bilde ich diesen Menschen aus, ich halte ihn in allem frei, er ist ein solider, in den Waffen geübter Mann; natürlich habe ich ihm Vorschüsse gemacht, und er schuldet mir nicht weniger als fünfzehn Dukaten ... Ich werde sie verlieren.

Anguillara. Das ist sehr unangenehm, ich gebe es zu; aber ich will nicht, daß man die Landbewohner mißhandle, und wer es tut, wird gehangen. So ist es festgesetzt, und ich werde nicht davon abgehen. Euer Einfaltspinsel geht hin und röstet ruhig einem Mann aus dem Dorfe da drüben das rechte Bein, und verheißt's ihm auch für das linke, wenn er nicht sein Geld ausliefere! (Gelächter.) Das ist doch das alleralbernste von der Welt! Sind wir denn in Deutschland, in Frankreich, oder selbst in Neapel? Dann wäre das ganz etwas anderes, ich würde aus Rücksicht für Euch ein Auge zudrücken können, und außerdem wäre es auch nicht der Mühe wert sich zu ärgern. Aber was Teufel! wir sind in Italien, und wenn die Freiwilligen die Ackersleute so behandeln, werden wir bald von Hungersnot ergriffen werden, und man wird auf uns losgehen wie auf wilde Tiere. Ich liebe diese bösen Schliche nicht; man muß sie lassen. Wir treiben unser Handwerk; treiben wir es ruhig und ohne die andern zu belästigen, die das ihrige treiben. Euer Mann wird gehangen.

Falciera. Ich habe rechtes Pech. Beim letzten Treffen mit den Venetianern ist mir einer meiner schweren Reiter zu Falle gekommen, und er ist dran gestorben.

Anguillara. Sollte der Feind etwa gar sich herausgenommen haben, ihn zu töten?

Falciera. Mein Gott, nein! Die Kameraden von der andern Partie haben uns im Gegenteil geholfen unsern Kadaver aufheben: es waren Leute des Kapitäns Ercole Bentivoglio. Der arme Teufel hat ganz einfach einen Schlaganfall infolge der Hitze und der schweren Rüstung bekommen.

Anguillara. Dafür kann niemand etwas; aber tröstet Euch, Kapitän Falciera. Man muß von Zeit zu Zeit einige Geschosse widrigen Geschickes geduldig hinnehmen, und Seneca könnte Euch das besser sagen als ich. Setzt Euch indessen, und nehmt ein Glas von diesem Friauler Weinchen, das wirklich nicht so ganz übel ist.

Falciera (mit einem Seufzer). Auf Euer Wohl, hochedler Herr!

Vincenzo Querini, Senator von Venedig, tritt auf, reich gekleidet in ein rotes, grün und gelb geblümtes Brokatgewand, eine goldene Kette um den Hals, in der Hand sein mit einer Schnur von starken Perlen eingefaßtes schwarzes Sammetbarret; schönes Gesicht, stark gebräunt, schwarzes kurzgeschnittenes Haar, langer schwarzer krauser Bart, Ohrringe von Rubinen.)

Querini (zu Anguillara). Welch eine Freude Euch zu sehen! Gott behüte Euch, mein erlauchter Freund! Erlaubt mir, daß ich Euch umarme!

Anguillara (auf ihn zueilend und ihn ans Herz drückend). Wie! Ihr seid es? Ah! Herr Vincenzo! welches Glück! ... mein edler, mein erlauchter Gevatter!

Querini. Ich entbiete Herrn Cariteo und den hochvortrefflichen Herrn, die ich da sehe, meinen allerherzlichsten Gruß. Ohne weitere Worte, die durchlauchtigste Signoria entsendet mich an Euch. Wie möchten wissen, ob Ihr unsern Sold annehmen würdet.

Anguillara. Meine Verbindlichkeit gegen die Aragonesen läuft in einem Monat ab. Wie viel würdet Ihr mir bieten?

Querini. Zwölftausend Dukaten monatlich, alles in allem.

Anguillara. Um diesen Preis werden wir nicht handelseins werden. Ich habe zur Zeit vierzehntausend und erhalte von Herrn Sforza und den Franzosen die schönsten Anträge. Don Francesco Sanseverino ist selbst gekommen sie mir zu überbringen. Seht zu, was Euch ansteht. Wollt Ihr mich? so zahlt das Nötige. Wollt Ihr mich nicht? so gehe ich anderswohin. Unterdessen nehmt doch Platz.

Querini. Gott! das köstliche Gemälde! ... Juno Jupiter umarmend! ... Wundervoll! ... Von Giorgione, das ist klar! Nur er ist eines solchen Meisterwerkes fähig! ... Ah! aber wartet doch einmal! ... Mir scheint, daß dies das Bildnis der ... Tausend Glückwünsche, Herr Jupiter! ... Meiner Treu, mein Freund, wenn Ihr zu uns kämet, so würde ich für mein Teil hocherfreut darüber sein; aber vor allem Eure Interessen, das versteht sich von selbst. Wir werden immer Condottieri finden, weniger berühmte freilich, aber willfährigere.

Anguillara. Ihr werdet um den Preis, den ihr daranwenden wollt, keinen namhaften Feldherrn finden: weder den Kardinal von Capua, noch den ausgezeichneten Gattamelata, noch Colleoni, noch Piccinino, noch dal Verme; nur Truppenführer zweiten Ranges. Aber wie es Euch paßt! Vergeßt jedoch nicht, daß die billigen Waren der Verderb des Käufers sind. Ich hatte schon zehn eiserne Steingeschosse; ich habe soeben sechs weitere gekauft, und sie sind mir gestern hierhergebracht worden. Zwei sind von der Art, wie sie der junge Michelangelo Buonarroti erfunden hat. Sie schleudern Steine achtmal so dick als Euer Kopf, die dazu auf vielleicht vierhundert Schritte treffen! Ich übertreibe in nichts.

Brandolino. Es ist vollkommen richtig, ich habe die Versuche gesehen und bin dabei ganz starr vor Schreck gewesen.

Anguillara. Keine Truppen besitzen Geschütze, die den meinigen vergleichbar wären, denn ich rede Euch da nur von Steingeschossen, und habe doch noch eine große Menge Feldschlangen, Kanonen und Schwärmer, bedient und gehandhabt von Deutschen, die mich jeder sechzehn Gulden monatlich kosten, nebst den Accidenzien; aber lassen wir diese Einzelnheiten, mit denen ich Euch nicht blenden will. Ich habe zweitausend schwere Reiter, vollkommen einexerziert, und in vollständiger Ausrüstung; tausend vortreffliche albanesische Stradioten, und viertausend Infanteristen, die Blüte des Fußvolks. Ich denke, wenn ich sechzehntausend Dukaten fordere, so trete ich niemandem zu nahe.

Querini. Gewiß nicht, ... Gewiß nicht, ... und man würde Euch sogar ohne allzu großes Schwanken geben, was Ihr wünscht, wenn die bösen Zungen Euch nicht beschuldigten, daß Ihr Eure Truppen nie ins Treffen bringt, aus Furcht ihnen Schaden zu tun.

Anguillara (lebhaft). Mein Prinzip ist, gleich dem aller ächten Kriegsmänner, durch Manövrieren Schlachten zu gewinnen und Feldzüge zu entscheiden. Ich trage kein Verlangen, ohne Not Menschen zu morden. Ein solcher Grundsatz ist klar wie Krystall! Welche Dummheit, welche wilde Roheit, arme Teufel von Soldaten für das Vergnügen, blindlings drauflos zu schlagen, abschlachten oder verwunden zu lassen! Gut für Schweizer, Franzosen, Spanier ... Barbaren! Wir aber sind Italiener!

Querini. Leider halten sich diese Barbaren aus Leibeskräften dazu, und bei diesem Verfahren müssen sie schließlich die Oberhand gewinnen.

Anguillara. Solange ich lebe, werde ich nach den Regeln Krieg führen.

Querini. Was denkt Ihr von unserem Streit, Ihr hochberühmter Herr Poet, der uns immerzu den Gott Mars wutentbrannt inmitten blutender Scharen darstellt?

Cariteo. Jede Zeit hat ihre Mode, und die Poeten ersinnen gar oft, was in der Wirklichkeit nicht paßt.

Anguillara. Gut geantwortet! Außerdem, werter Herr Vincenzo, fragt Euren Alviano, der ja mit der durchlauchtigsten Republik kopuliert scheint, da er gar keiner anderen Macht dient; er wird Euch sagen, ob er es liebt, seine Leute ohne Grund zu opfern. Und doch ist er ein Tapferer.

Querini. Wir versagen ihm weder Ehre noch Geld; wir haben ihm Stadt und Gebiet von Pordenone gegeben ...

Anguillara. Er hat ein Paradies daraus gemacht. Man sieht dort nur Künstler, Gelehrte, Leute von Talent; seine Akademie ist weitberühmt. Setzt mich in den Stand, ein so feines und so vornehmes Leben zu führen, und ich will Euch ganz ebensogut dienen wie er.

Querini. Würdet Ihr Euch verpflichten, nötigen Falles Stand zu halten, sollte es Euch auch Leute kosten?

Anguillara. Ganz gerade heraus! ... Gegen andere Condottieri, niemals! Es wäre schön, rechtschaffen, ehrenhaft, einem Kameraden Verluste beizubringen, der mir am nächsten Tage meine Truppen verderben würde, und mit dem ich mich in Zukunft bei neuen Anwerbungen nicht unter einer Fahne würde zusammenfinden können! Niemals, sage ich Euch! aber gegen Barbaren, die nichts schonen, will ich von Herzen gern gehen, und Ihr werdet Euch nicht weigern, mich zu entschädigen, mit so und so viel für den Toten, so und so viel für den Verwundeten, und so und so viel für das Pferd, auch das verlorene Gepäck nicht zu vergessen ... paßt Euch das?

Querini. Wir fangen an uns zu verstehen.

Anguillara. Dann können wir verhandeln; wenn's Euch gefällig ist, morgen früh; für den Augenblick speist mit uns zu Abend

Brandolino. Denkt Euch, die Morella ist hier.

Querini. Wirklich?

Anguillara. Bravo! Die Glut steigt ihm in die Wangen!

Querini. Aber Euer Lager, teurer Freund, Euer Lager ist ja zugleich ein Athen und ein Amathus!

Brandolino. Davon gar nicht zu reden, daß wir Instrumentalkünstler vom auserlesensten Werte und den unvergleichlichen Tänzer Gian Pagolo besitzen! Außerdem wollen Herr Cariteo und Serafino Aquilino uns ihre letzten Dichtungen vorlesen.

Anguillara. Wohlan! zu Tische!

Querini. Noch ein Wort, bitte! Wenn wir dahin kommen, uns über die Anwerbung zu verständigen, und Ihr bei der Republik Dienste nehmt, so werden Eure Truppen den Bauer nicht zu sehr zausen?

Anguillara. Ich halte strenge Mannszucht; Ihr könnt Euch dieserhalb auf mich verlassen. Außerdem fragt Herrn Hauptmann Bartolommeo Falciera hier, was er davon denkt. Er erfährt es in diesem Augenblick.

Querini. Das ist Gold wert. Wir halten viel darauf.

Anguillara. Genug der Geschäfte für heute; jetzt kommt die Zerstreuung; auf zur Tafel!


Venedig. Ein Saal im Dogenpalaste.

Die drei Staatsinquistoren bei der Sitzung; Tisch mit Briefschaften und Papieren bedeckt.

Erster Inquisitor (einen Brief in der Hand). Da haben wir die Neuigkeit! Die Franzosen haben, nachdem sie in Rom und Neapel so unverschämt triumphiert, diese letztere Stadt soeben in der äußersten Verwirrung verlassen. Welche Narren! Weder Vernunft, noch Mäßigung, noch Voraussicht! Die Aragonesen jagen hinter ihnen her; die Truppen des Papstes beunruhigen sie. Sie marschieren in Eilmärschen, ohne Aufenthalt und suchen mit allen Kräften die Apenninen zu gewinnen und zu überschreiten.

Zweiter Inquisitor. Es ist gestern entschieden worden, daß wir der Neutralität entsagen. Sind die Befehle zum Angriff abgegangen? Ist unser Heer in gutem Stand für den Kampf?

Dritter Inquisitor. Hier sind die letzten Berichte der erlauchten Proveditori und unseres Feldherrn, des Marchese von Mantua; sodann meldet uns der Senator Herr Vincenzo Querini, daß er mit dem Grafen dell'Anguillara abgeschlossen hat. So haben wir vierzigtausend Mann, und die Franzosen sind allerhöchstens siebentausend.

Zweiter Inquisitor. Wenn Bruder Girolamo Savonarola ein wenig Vernunft in seinem Phrasenhaupte beherbergte, würde es ihm nicht schwer halten, vor dem Feinde einen Graben auszuwerfen, über den dieser nicht hinüber könnte; aber anstatt an die Geschäfte zu denken, faselt er von guten Sitten!

Erster Inquisitor. Ich erhalte eine Mitteilung vom Befehlshaber des Arsenals in Padua. Die letzten für unsere Truppen bestimmten Munitionstransporte sind abgegangen. Nichts fehlt an der Gesammtausrüstung. Die Lebensmittel sind reichlich.

Zweiter Inquisitor. Wir dürfen alles hoffen. Jetzt gilt es zu bedenken, was auf einen fast gewissen Sieg folgen wird. Sollen wir unserem Verbündeten, dem Herzog von Mailand, diejenigen seiner Festungen, die wir besetzt halten, zurückgeben?

Dritter Inquisitor. Hier würde die Hilfe der Florentiner uns von Wert sein.

Erster Inquisitor. Daran ist gar kein Gedanke. Mit keinem Pöbel hat man jemals eine einträgliche Verbindung herstellen können. Zählen wir nur auf uns selbst, und seien wir im voraus entschlossen, Ludovico nichts zurückzuerstatten. Denkt ihr nicht, daß es angezeigt wäre, die erlauchten Proveditori von unseren Beschlüssen zu benachrichtigen?

Dritter Inquisitor. Sicherlich.

Zweiter Inquisitor. Ich trete natürlich eurer Ansicht bei. Wir wollen den durchlauchtigsten Fürsten und die Zehn von der Meinung des Rats unterrichten. Nun zu anderen Dingen.


Florenz.

Das Haus des Signore Vespuccio.

Vespuccio, Marsilio Ficino, der Übersetzer des Plato; der Maler Baccio della Porta, Francesco Valori; Niccolo Machiavelli.

Vespuccio. Die Franzosen haben sich so hineingeritten, daß sie aus Neapel verjagt und in der Romagna schwer bedroht sind; so muß d'Aubigny diese Provinz räumen, und der Herzog von Mailand hat kein Bedenken getragen Truppen gegen sie auszuheben, er, der sie gerufen hatte.

Francesco Valori. Das bringt unserer Sache nur Gutes. Die Franzosen würden, in Neapel einmal warm geworden, uns ihren Groll über die Art haben zeigen wollen, wie Herr Piero Capponi sie hinausgetrieben hat. Besiegt, werden diese zweifelhaften Freunde nachgiebiger sein; sie werden uns Pisa zurückgeben, was sie bis auf diesen Tag immer verweigert haben.

Machiavelli. Mögen sie es tun oder nicht, ich kann darüber nichts weissagen, denn der König ist ein Schwachkopf, und seine Eingebungen kommen ihm aus allen vier Winden; aber mit unserer Lage im Innern bin ich nicht zufrieden.

Francesco Valori. Warum, ich bitte Euch, Herr Niccolo? Die Volksregierung ist sicher begründet; die letzten Wahlen haben vortreffliche Resultate ergeben; unsere Beamten sind feste und maßvolle Leute, und obgleich der Einfluß des Bruder Girolamo auf unsere Bevölkerung schon sieben Jahre gewährt hat, scheint er darum doch nur um so jugendfrischer; er hat ganz den Geschmack und das Gewicht der Neuheit. Ich meine, daß die Dinge so gut gehen, wie sie nur gehen können.

Vespuccio. Und sie müssen wohl gut gehen, allein schon darum, weil wir die Medici nicht mehr haben. Ich bin bereit alles erdenkliche Unheil auf mich zu nehmen, ausgenommen das, dieses Geschlecht seine verruchte Gewalt wieder aufrichten zu sehen.

Francesco Valori. Das kommt in keiner Weise in Frage.

Machiavelli. Ich wünschte sehr Eure Meinung teilen zu können; indessen sehe ich die Dinge nicht in einem so günstigen Lichte. Wir wollen eine volkstümliche, dauerhafte Republik, wo jeder arbeiten und einer wohl abgewogenen Freiheit genießen möge. Um ein solches Ergebnis zu gewinnen, darin denke ich wie Herr Vespuccio, brauchen wir nicht die Einflüsse mächtiger Geschlechter, die, auf eine Schale der Wage drückend, sie zu tief hinabsenken. Aus diesem Grunde weise ich vor allen die Medici zurück. Aber unsere Politik, scheint mir, arbeitet mit ein wenig zu schroffen, harten und straffen Mitteln, was leidige Scenen herbeiführen wird.

Vespuccio. Warum? Man behandelt die Kreaturen Pieros übel? Wo steckt da das Unglück? Es ist sogar eine Notwendigkeit; es ist gut diese Leute zu bestrafen, zu zeigen, daß es nicht angebracht ist ihnen nachzuahmen. Ihr findet, daß die Heißsporne unter den Anhängern Bruder Girolamos ihren Eifer zu weit treiben? Vielleicht ist das wahr; sie haben manchmal eine wenig freundliche Art, die Tugend zu predigen und zur Geltung zu bringen; aber zum Teufel! man backt keine Eierkuchen, ohne Eier zu zerbrechen. Bruder Girolamo selbst glaubt ein wenig zu fest an das, was er sagt, und, unter uns gesagt, es kommt mir manches Mal ein Lächeln auf die Lippen, wenn ich ihn voll Ungestüm über diese und jene menschliche Schwachheit Beschwerde führen sehe, die bei weitem den Lärm nicht wert ist, den er darum macht. Aber lieber Gott! Wir haben ihn nötig; wenn der Pöbel von Florenz und die überspannten Köpfe sich nicht einbildeten, daß der gute Bruder das Paradies erschließe, und daß er im Begriffe sei die Welt zu verbessern, denkt ihr euch etwa, daß einzig die Liebe zu einer guten Regierung sie an uns fesseln würde? Es würde mehr als einen geben, der sich wenig aus dem Guten, was wir ihm verschaffen, machen und der sogar dem geordneten und verständigen Leben eines rechtschaffenen Mannes den Müßiggang eines lasterhaften Schützlings der Medici bei weitem vorziehen würde.

Francesco Valori. Ich habe eine bessere Meinung von unsern Mitbürgern, Herr Vespuccio; ich halte es für sicher, daß die Mehrzahl der Menschen von Natur gut ist, und daß sie gerne den rechten Weg wandeln, wenn man ihn ihnen zeigt.

Marsilio Ficino. Ich für mein Teil bin, offen gestanden, tief bewegt und ergriffen von dem allgemeinen Drange, der ein ganzes Volk zu den Zaubersphären des Guten und Schönen emporträgt. Was giebt es herrlicheres als solch hochherzigen Kampf aller edlen Leidenschaften im Bunde gegen die schlechten, und die Kirchen beständig gefüllt zu sehen, während die Schenken ausgestorben sind!

Machiavelli. Mir geht's wie Euch, das heißt, ich blicke mit äußerstem Interesse auf die Debatten der Ratsversammlungen, und zugleich geben mir die guten Verwaltungsmaßregeln den Begriff einer theoretisch wohl geleiteten Tätigkeit. Trotzdem weiß ich nicht, ob diese Lage andauern kann.

Vespuccio. Und warum, ich bitte Euch, zweifelt Ihr daran?

Machiavelli. Es herrscht zu viel scheinbare Stille und zu wenig wirkliche Ruhe. Die Leute, die zufrieden sind, sind es zu leidenschaftlich wie Herr Vespuccio, oder zu systematisch wie Herr Valori.

Vespuccio. Ich hasse die Medici, das ist wohlbekannt, und mit dem Augenblick, wo ihre Freude unten ist, ist die meinige oben; es giebt nichts Natürlicheres.

Valori. Ich versichere Euch, Herr Niccolo, wenn man allen Dingen Wert beilegt und sich davor hütet seine Wünsche zu übertreiben, so giebt es nur Grund zur Zufriedenheit.

Machiavelli. Ich wollte lieber, daß Ihr nicht nötig hättet, es Euch zu beweisen. Sicher ist, daß insgeheim die unserer Staatsform feindlichen Parteien erbitterter sind als je. Die Arrabbiati lassen sogar seit einigen Wochen eine Kühnheit durchblicken, die mir zu denken giebt; die Palleschi werden nächstens mit ihrer Absicht herausrücken, uns die Erben Lorenzos des Prächtigen zurückzubringen; die Compagnacci erheben das Haupt und führen auf offener Straße ihre ungeschliffenen Reden gegen Bruder Girolamo. Ich sehe wohl, daß Viele sie reden lassen und sich sogar über ihre Einfälle belustigen, obgleich sie sie mißbilligen. Von den Tepidi wissen wir zuverlässig, daß sie förmlich werben unter denen, welchen ein Verzichtleisten auf alle Vergnügungen – eine etwas starke Zumutung für die Natur des gemeinen Volkes – lästig ist. Endlich, die benachbarten Regierungen, die Mailänder, die Sienesen und die andern entsetzen sich ob der Beschwörungen unseres heiligen Predigers. Man klagt ihn an, er wolle die Reichen zu Gunsten der Armen berauben und sei ein Hauptvolksverführer. Rom ist umgarnt und sendet immer mehr Mahnbriefe. Noch gestern ist einer angelangt, und Bruder Girolamo ist die Fortsetzung seiner Predigten verboten worden.

Vespuccio. Dieses Verbot ist ein ganz gelindes; Bruder Girolamo wird ihm keine Beachtung schenken. Was folgert Ihr daraus?

Machiavelli. Man sollte vielleicht von den Florentinern weniger Vollkommenheiten verlangen, und darauf aus sein sie zu regieren, nicht wie man möchte, sondern wie man kann.

Baccio della Porta. Das ist nicht meine Meinung. Die Hauptsache ist, auf einer guten und starken Lehre zu beharren; wer sich nicht unterwerfen will, den wird man dazu zwingen. Inzwischen wächst allmählich ein neues Geschlecht heran, das im Einklang damit fühlen wird, und die Zukunft kündigt sich trefflich an. Und darauf muß man doch sehen.

Marsilio Ficino. Ihr urteilet als echter Weiser. Ich bin ganz der Meinung des Herrn Baccio.

Vespuccio. Es ist um so notwendiger den gegenwärtigen Stand der Dinge aufrecht zu halten, als er uns das sichere Mittel giebt, die Medici und ihre Anhänger ohne Erbarmen zu behandeln, falls diese Bande nur irgend wagen sollte die Nase hochzutragen.

Valori. Vielleicht würde es auch sein Bedenkliches haben, wenn man weniger eifrig erschiene als die Massen.

Machiavelli. Ich fange an nicht mehr so überzeugt von unserem endlichen Erfolge zu sein. Das Strohfeuer ist ein schönes Ding, es flackert; aber wenn man eine Minute anderswohin blickt, so ist's erloschen.


Das Haus eines Hellenisten.

Studierzimmer. – Eine Büste des Sokrates in grünlicher Bronze. Fächer mit Büchern, die meisten in Pergament gebunden; zahlreiche Foliobände auf einem großen Tische aufgeschlagen; Manuskripte, Papiere mit Tintenflecken, fein und eng beschrieben, ein großes bleiernes Tintenfaß, Federn mit straubigen Bärten. – Der Hellenist sitzt in einem Lehnstuhl mit Rückwand von geschnitztem Eichenholz, vor ihm auf dem Tische ein aufgeschlagener Band. Seine Ellbogen sind zu beiden Seiten aufgelegt; sein Haupt ruht in seinen Händen; er liest aufmerksam und in völliger Versunkenheit.

Die Haushälterin (eintretend). Herr Doktor! ... es ist Zeit zur Predigt! Hört Ihr die Glocken nicht? ... Wenn Ihr nicht zur Kirche gehen wollt, so sagt es! Ich habe Euch schon viermal gemahnt! Seid Ihr taub! He! Herr Doktor!

Der Hellenist. Was giebt's, mein Kind?

Die Haushälterin. Die Predigt! die Predigt! die Predigt! Bruder Girolamo predigt in Santa Maria del Fiore! Alle Väter von San Marco werden dort sein! und die Signoria! und die Brüderschaften! und alle Welt! Die Predigt! versteht Ihr?

Der Hellenist. Ach! die Predigt, 's ist ja wahr! ... 's giebt 'ne Predigt... Es wäre nicht übel, in die Predigt zu gehen.

Die Haushälterin. Wie, nicht übel? Was wollt Ihr damit sagen? Keine Flausen! Wenn Ihr nicht zur Predigt kommt, könnt Ihr Euch wohl in Zukunft Eure Suppe selbst kochen. Sicherlich bleibe ich nicht bei einem Gottlosen.

Der Hellenist. Und da hättest Du ganz recht, mein Kind! Das heißt ein braves Mädchen! Ich freue mich solche Gesinnungen bei dir zu finden. Geh! ich ziehe meinen kastanienbraunen Rock an und folge dir.

Die Haushälterin. Verliert nicht zuviel Zeit; trendelt nicht wie gewöhnlich; Ihr fändet keinen Platz mehr ... Da! hier ist Euer Gebetbuch!

Der Hellenist. Ich sage dir, daß ich vor dir am Platze sein werde!

Die Haushälterin (geht hinaus).

Der Hellenist. Hum! Im Studium dieser schwierigen Stelle unterbrochen, um das alberne Zeug anzuhören, mit dem man die Ohren des Pöbels traktiert! Der Sinn dieses ungeheuer wichtigen Satzes hängt ganz und gar davon ab, auf welche Silbe wir den Accent setzen! ... Auf die Antepänultima? ... Ja, die Antepänultima, ich verstehe wohl, aber dann ... wollen sehen; ich muß gehen, um über den Dummheiten dieses Savonarola dem Stumpfsinn zu verfallen! ... Welche Knechtschaft! Ach! die Unwissenden! Ach! die Schwarmgeister! Wann werden wir davon befreit werden, große unsterbliche Götter, Musen und Nymphen? ... Aber ich muß mich eilen, um mir keine Verfolgung zuzuziehen. Es ist schon viel, daß man noch keine polizeiliche Untersuchung bei mir angestellt hat! Wann wird diese Tyrannei enden?


Die Apenninen

Wilde Gegend; Felsen mit Moos, mit abgeästeten bunt durcheinander geworfenen Tannen bedeckt; ein weites Flachland am Fuße der Höhen; der Taro schlängelt sich durch die Ebene, in der Ferne das Dorf Fornovo. – Französische Abteilungen sind in Schlachtordnung auf den obersten Abhängen des Berges aufgestellt; alle Augenblicke ziehen Ordonnanzcompagnien, Trupps von Stradioten, Gascognern, Deutschen, Schweizern vorbei; Fuhrleute geleiten die Artilleriegeschütze und die Gepäckwagen. Zur Rechten, in einiger Entfernung, eine Feldwache der Venetianer, aus dalmatinischem Fußvolk und einigen italienischen schweren Reitern, deren Panzer in der Sonne blitzen, zusammengesetzt; die meisten haben das Visier gesenkt, und alle halten sich, die Lanze am Schenkel, zum Angriff bereit. – Auf einem runden Hügel, der eine Hochebene bildet, liegt König Karl VIII. halb hingestreckt zwischen Strohbündeln; eine Anzahl Höflinge und Hauptleute umgeben ihn; unter ihnen erkennt man den Edlen Philippe de Commines, Herrn von Argenton; Etienne de Vesc, Seneschall von Beaucaire; de Bourdillon, de Bonneval, de Piennes.

Der König. Ich habe den Pisanern meinen Schutz versprochen, ich werde mein Wort nicht brechen und diese Leute den Florentinern nicht ausliefern. Man rede mir nicht mehr davon! Übrigens bin ich nach Italien gekommen, um mich als Ritter zu zeigen und meiner Dame zu gefallen, und nicht um Wische zu schreiben, zu lesen oder zu unterzeichnen! Kein Wort mehr von Unterhandeln! Ich werde den Feind in weniger als einer Stunde angreifen!

Commines. Es wäre besser abzuwarten und Vernunft anzunehmen. Wenn wir Savonarola und die Florentiner nicht bestimmen uns zu helfen, so laufen wir stark Gefahr nicht von hier wegzukommen.

Der König. Und ich sage Euch, daß ich Taten, glänzender als die meiner Väter, vollführt habe! Ich habe Italien erobert! Ich habe in Rom und Neapel im Angesicht der ganzen Welt triumphiert! Überall habe ich meine Galgen und Gerichte hingesetzt; ich habe die höchste Gewalt über das Universum ausgeübt, und das vor kaum einigen Tagen. Wenn ich gegenwärtig wieder nach Frankreich zurückkehre, so geschieht es einzig, weil ich verraten worden bin! Mögen diese elenden Verbündeten mir die Stirn bieten, so wahr ich lebe, sie werden mir eine Freude damit machen!

Commines. Ich bitte Euere Hoheit demütigst, zu bedenken, daß wir bei alledem, um die Dinge beim Namen zu nennen, uns zurückziehen, so schnell wir können. Wir wollen sehr zufrieden sein, wenn wir nicht völlig zersprengt werden, denn das droht uns. Erwägt, daß die Feinde viermal stärker sind als wir; man braucht nur die Augen aufzumachen, um es zu sehen! Ich denke also, daß es unerläßlich ist, den Vorschlägen Savonarolas das Ohr zu leihen und Pisa den Florentinern zurückzugeben, worauf wir übrigens auch unser Wort gegeben hatten.

Der König. Ich will nichts hören! Eure Florentiner sind Feiglinge, Schelme, Schurken! Ich will sie zerstampfen wie Staub!

Commines. Wir sind nicht in der besten Lage um zu drohen.

Der König. Ihr seid immer bange vor allem Möglichen!

Commines. Man könnte wenigstens vorsichtig sein. Dort vor uns ist das Heer der Venetianer und das des selben Herzogs von Mailand, der uns eingeladen hat zu kommen; die Truppen des Papstes und die Aragonesen verfolgen uns; wir bedürfen dringend irgend jemandes, der uns helfe.

Der König. Unsere Schwerter werden ausreichen! Meine Flotte hat sicherlich zu dieser Stunde Genua schon wieder genommen.

Commines. Ich bedaure Eurer Hoheit melden zu müssen, daß die Flotte soeben bei Rapallo geschlagen worden ist. Viele Galioten, Galeassen, Galeeren, Fleuten und Fregatten sind zerstört oder genommen; die übrigen sind entflohen, man weiß nicht wohin.

Der König. Bei Fornovo werden wir nicht geschlagen werden, ich verspreche es Euch! Laßt unsere Geschütze vorrücken! Da ist Gié.

Marschall de Gié (zu Pferde in Rüstung, das Schwert in der Hand. – Offiziere seines Gefolges). Ich grüße Euere Hoheit und komme Ihre Befehle zu empfangen.

Der König. Was macht der Feind?

Der Marschall. Da er sich so stark und uns so schwach sieht, so marschiert er in prächtiger Schlachtordnung. Es wird uns gemeldet von zweitausendfünfhundert Volllanzen, zweitausend albanesischen Stradioten und soviel Fähnlein Fußvolks, daß sie sich wohl auf sechzehntausend Mann belaufen mögen.

Der König. Herr Marschall, Ihr seid ein kriegsgeübter Ritter! Ich baue auf Euch. Gilt es mich zu schlagen, so suche ich etwas wert zu sein: für's Kommando bin ich nichts wert; befehlt, trefft Eure Verfügungen nach Belieben, ich werde als der Allererste gehorchen.

Der Marschall. Ich will mein Bestes thun!

Der König (mit lauter Stimme). Holla! Knappen, meine Rüstung! (Die Knappen befestigen den Helm des Königs und überzeugen sich, daß die verschiedenen Teile seiner Rüstung gut schließen; sein eisenbepanzertes Schlachtroß wird ihm vorgeführt. Er springt in den Sattel. Zu den Rittern, Hauptleuten und Soldaten, welche ihn umgeben:) Auf, meine Herrn, auf eure Posten, jeder tue sein Bestes! (Er sprengt mit den Seinen im Galopp davon.)

Commines. Viel Ehre und kein Verstand! Was denkt Ihr von unserer Lage, Herr de Gié?

Der Marschall. Im Augenblick der Tat denke ich nur an herzhaftes Dreinschlagen, das andere kümmert mich nicht. Galopp, meine Herrn! (Ab mit seinem Gefolge.)

Commines. Wenn der selige König von seinem Platze im gesegneten Paradiese aus die Konfusion sehen kann, die sein Nachfolger angerichtet, so muß er schön bekümmert sein. Es ist um uns geschehen. Dieses störrische Kind wird heute Abend gefangen sein, und ich mit ihm: wie viel Hab und Gut werde ich daran wenden müssen um mich loszukaufen! Da höre ich ja den Erznarren zu seinen Reitern sprechen. Was kann er ihnen sagen? ... Allzu gelehrt ist er nicht erzogen. ... Er ist für gewöhnlich äußerst unzusammenhängend in seinen Reden ... der Wind trägt's von dieser Seite her ... man erhascht einige Sätze ...

Der König (in der Ferne). Höchst starke und verwegene Ritter, niemals hätte ich diese Fahrt unternommen ... ohne mein Vertrauen auf euren Mut und Heldensinn ... Seid gewiß, daß es ebenso leicht oder leichter für uns ist die Schlacht zu gewinnen, als sie anzufangen ... Denkt, daß unsere Vorfahren durch die ganze Welt gezogen sind ... mächtige Beute und Triumphe davongetragen haben ... sinnt nur darauf tapfer zu kämpfen ... und wenn ihr ... es vorzieht ... in der Flucht euer Heil zu suchen, so sagt es beizeiten ...

Commines. Das sind recht niedliche Prahlereien, würdig des fürchterlichen Fierabras. Nicht lange, so werden wir diesen Spektakel ein wenig zu teuer bezahlen. Ach! du lieber, mitleidiger Herr Jesus, erbarme dich unser!


Die Schlacht.

Die französischen Ritter haben soeben einen Angriff gemacht. Der König, mit gesenktem Schwerte, schlägt sein Visier auf; seine Stirne trieft von Schweiß, und seine Augen strahlen wie Blitze. Sein Pferd keucht. Die Lanzen wogen wie die Ähren auf den Kornfeldern, die Fähnchen blinken und wehen. Banner aller Farben mit bunten Wappenbildern flattern im Winde; schmetternde Rufe der Trompeten und Zinken, Wirbel der Trommeln und Tamburins; Geschrei in der Ebene, kriegerisches, Zornes- und Schmerzgeschrei; Staubwolken erheben sich von allen Seiten; dumpfes Dröhnen der Geschützsalven; man sieht hier und dort Tote, Verwundete, in Haufen, in Reihen, bunt durcheinander hingesunken.

Bourdillon (vor dem Könige salutierend). Unser königlicher Herr tut Wunder!

Der König. Aufrichtig, Bourdillon, sprich zu mir wie zum Freunde deines Herzens. Habe ich mich gut gehalten?

Bourdillon. Bei allen Heiligen! besser als Amadis!

Der König. Welch schönes Ding ist der Krieg! Mein Herz jubelt gen Himmel! ... Vorwärts! ... Seht das wütende Getümmel auf dem linken Flügel! Vorwärts! Ritter, greifen wir an!

(Er schließt sein Visier wieder, schwingt sein Schwert und geht mit der Menge ab, welche ruft: »Es lebe der König! Saint-Denis! Saint-Denis! Frankreich!«)


Ein anderer Teil des Schlachtfeldes.

Die Schweizer in ein starkes Bataillon formiert.

Hauptmann Rüttimann von Luzern. Ohe! Kinder, seht die Gascogner! ihr Geschäft ist besorgt! die Albanesen fliehen in voller Auflösung! Wenn ihr euch nicht eilt, dann ade Plünderung; die Kameraden werden das Beste für sich genommen haben!

Die Soldaten. Wahrhaftig, ja! Vorwärts!

Der Hauptmann. Fällt die Lanzen! Zugestoßen! Fest!

(Die Schweizer stürzen sich mit mächtigen Hellebardenstößen auf eine Schwadron mailändischer schwerer Reiter, welche in einem Augenblicke durchbrochen ist und die Flucht ergreift; Gemetzel, Geschrei, Trommeln und Trompeten.)


Auf der Seite der Verbündeten.

Auf einer Anhöhe.

Der Marchese von Mantua, Oberfeldherr des venetianischen Heeres; Hauptleute der Freibeuter und Stradioten, die beiden Proveditori, Edelleute ihres Gefolges. – In der Ebene fangen die verschiedenen mailändischen und venetianischen Heerhaufen an davonzulaufen.

Erster Proveditore. Aber, Herr Marchese, ich begreife nicht, was vorgeht! Die durchlauchtigste Signoria hat den Sold der Leute auf Heller und Pfennig bezahlt! Ihr habt alles bekommen, was Ihr begehrt habt! Nichts fehlt Euch ... Lebensmittel, Geschütze, Munition ... Warum halten die Truppen nicht Stand?

Der Marchese. Ich gebe Befehle; ich habe keine Zeit Euch zu antworten. (Er spricht mit mehreren Offizieren, welche sich rasch nach verschiedenen Richtungen entfernen. – Artillerie zieht vorüber.)

Zweiter Proveditore. Das ist unerträglich! Ich werde meinen Bericht machen! Mir scheint, die Armbrustschützen ergreifen die Flucht!

Erster Proveditore. Hier geht etwas sehr Ernstes vor.

Der Marchese. Gewiß, unser Centrum hält sich schlecht.

Zweiter Proveditore. Herr Marchese, wir haben das Recht Euch zu fragen, und Ihr habt die Pflicht uns zu antworten!

Der Marchese. Findet Ihr nicht, daß die Mailänder uns lau unterstützen? Ich weiß nicht, woran ihr General Gayazzo denken mag.

Erster Proveditore. Laßt ihn festnehmen!

Zweiter Proveditore. Überlegt, um Gottes willen, überlegt doch, Herr Kollege! Ein solcher Fall ist in unserer Instruktion nicht vorgesehen! Euer Vorschlag ist sehr gewagt!

Der Marchese. Bei San Marco! was ich fürchtete, trifft ein! Die Stradioten laufen auseinander, um das Gepäck zu plündern! Unsere Fußtruppen sind in der rechten Flanke nicht mehr gedeckt! Sie werden von der Reiterei zertreten! ... Sie fliehen!

Die beiden Proveditori. Alles ist verloren?

Der Marchese. Meiner Treu, nahezu! Bleiben wir nicht hier, meine Herren! Die Gascogner kommen angerannt ... Galopp! Sammeln!

(Die französischen Trompeten blasen zum Angriff; die Schlacht von Fornovo ist für die Venetianer und Mailänder verloren.)


Florenz.

Die Werkstatt Sandro Botticellis.

Ein gewaltig großer und hoher Saal. – Eine Menge Künstler in malerischer Tracht, einige ziemlich entblößt; mehrere stehen, an großen Gemälden beschäftigt, auf Gerüsten; andere vollenden oder entwerfen Bilder auf Staffeleien. – Sandro Botticelli, Luca Signorelli, Domenico Ghirlandaio, Fra Benedetto, Miniaturmaler; er trägt das Dominikanergewand und ist über ein auf einem kleinen Tische liegendes Meßbuch gebeugt, das er ausmalt, indem er mit peinlicher Sorgfalt Farben aus den rings herumstehenden Näpfen nimmt. Cronaca, Baumeister.

Sandro (in kläglichem Tone). Heute ist mein letzter weltlicher Tag, und dieses Gemälde soll mein letztes Werk sein; fortan will ich nur noch daran denken meine Sünden zu beweinen.

Fra Bartolommeo di San Marco. Wohl wirst du tun, wohl werden wir tun dir nachzuahmen. Das Heil gilt mehr als das Talent, und die Palme der Auserwählten mehr als der Kranz des Genius. Amen!

Die Künstler. Amen! Amen!

Luca Signorelli. Kinder, ich glaube, ihr geht zu weit. Es ist Gutes in Bruder Girolamos frommer Lehre. Aber wie Arme sich kleiden, womit mehrere von euch prahlen, allen Freuden des Lebens entsagen, vom Morgen bis zum Abend seufzen und vor allem, zu den trockenen Formen und eckigen Umrissen der alten Meister zurückkehren, das heißt nicht Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten, und sonderlich Heilsames sehe ich nicht darin.

Cronaca. Das Gute ist kategorisch und duldet keine Zerstreuung.

Luca Signorelli. Das Gute ist das Unendliche; es duldet keine Engherzigkeit.

(Torrigiani, Bildhauer, tritt auf, prächtig gekleidet, sein Barett tief in die Augen gedrückt. Er schlägt die Tür heftig zu.)

Torrigiani. Der Teufel soll euch holen, Jammerprinzen die ihr seid! Dem ersten, der mir diesen Heuchler von Bruder Girolamo rühmt, zerschlage ich das Gesicht!

Botticelli. Du wirst verdammt werden, Torrigiani!

Torrigiani. Warum, wenn's beliebt? Ich bin ein besserer Christ, als du! Pinsel! Ein netter Prophet, eurer da! Ein Schmeichler des Pöbels! Ein Phrasendrechsler! Ein toller Scheinheiliger! Reform! Tugend! Gute Sitten! ... Beim Bacchus, glaubt ihr, daß die Freuden dieser Welt geschaffen sind, damit man sie mit Füßen trete? Glaubt ihr, daß die schönen Weiber dazu gemacht seien, um in fest verschlossenen Klöstern leibhaftig zu verfaulen? Sollen die feurigen Weine den Dreck netzen, und die alten Meisterwerke, die jeder Tag ans Licht fördert, in die Erde zurückkehren, wo das, was sie uns lehren, solange begraben und erstickt gewesen ist? Soll ich mit eurem Mönche gehen die neuen Bücher verbrennen, um die wiedererstehende Flamme des Geistes in ihrer Asche besser zu ersticken? ... Wahrhaftig, nein! Ich rufe, ich schreie es euch zu: ihr seid Pinsel, Affen ungesunder Vollkommenheit, Ungeheuer von Abgeschmacktheit, und ich verlasse Florenz heute Abend, um nichts mehr davon zu hören und zu sehen.

Cronaca. Ich schätze ihn wie meinen Vater und noch weit höher, den ehrwürdigen, hehren, unvergleichlichen, göttlichen Bruder Girolamo! Wenn man ihn je angreift, werde ich ihn bis auf den Tod verteidigen, und die, die ihn beschimpfen, sind Elende! Du brauchst mich nicht so anzusehen und deine großen Raufboldaugen dabei zu rollen! Ich lasse mir nicht das Gesicht plattschlagen, wie der kleine Buonarroti! Und wenn dein Unstern dich mir nahe bringt, so bohre ich dir meinen Dolch in die Brust, niederträchtiger Sklave der Medici, der du bist!

Torrigiani. Wenn Ihr dies Schimpfwort ausgesprochen habt, so glaubt Ihr einen Mann nach Herzenslust gekränkt zu haben! Wischt Euch doch das Maul ab! Es ist noch beschmiert von dem Brei, womit Lorenzo der Prächtige Euch nudelte!

Botticelli. Sage, was du willst, Florenz ist darum nicht weniger das Königreich Gottes geworden! Jesus hält das Scepter; die allerheiligste Jungfrau berät uns durch Girolamos Stimme; die Reichen ernähren die Armen, und es giebt nichts Herrlicheres!

Torrigiani. Und du findest es auch herrlich, die guten Gemälde zu verbrennen und wieder anzufangen, wie vor fünfzig Jahren, Biederweiber wie Spindeln, ohne Brüste und Leiber, zu malen! Du findest es recht hübsch in Lumpen zu gehen und von früh bis spät zu tränen wie eine Dachtraufe, ohne daß jemand sich denken kann, warum?

Fra Bartolommeo di San Marco. Du, mit deinem Aufputz von Sammet und Stickereien, mit deinen Federn, deinem vergoldeten Dolch und deinen Ringen, du verhöhnst das Elend deiner Brüder!

Torrigiani. Meiner Brüder? ... meiner Brüder? Wolltet ihr alle, ihr Lumpenpack, etwa die Unverschämtheit haben, euch meine Brüder zu betiteln? Wartet erst einmal, bis ihr einen Torso zeichnen und eine Verkürzung begreifen und wiedergeben könnt, wie ich, ehe ihr euch zu meinen Vettern aufweist! Bis dahin wird Zeit vergehen! Meine Brüder sind tot! Es waren die Künstler des alten Rom!

Domenico Ghirlandajo. Verstehe erst, uns himmlische, reine, keusche, ernste Madonnen zu meißeln, dann wird man dich vielleicht bewundern!

Torrigiani. Gott straf' euch! ... Was ist das für Geschrei? (Er eilt gegen die Tür.)

Cronaca. Geh, laß dich totschlagen! Es sind die Kinder der Stadt, die in heiligen Scharen Jesus zum König ausrufen, den Leuten, die wie du gekleidet sind, die Gewänder zerreißen und die Übelgesinnten mit Kopfnüssen festnehmen, um sie ins Gefängnis zu bringen! Dahin mit dir! Dahin mit dir!

Torrigiani. Diese Meute toller Kläffer soll mich nicht anrühren, ohne daß ich ihrer ein Dutzend erdolche! Gott befohlen! Ich verlasse dieses Narrenhaus! Ich komme erst wieder, wenn man ungehindert Mars und Venus abbilden kann! Die Kunst, seht ihr, armselige Bettler, die ihr seid, ist die einzige Tugend, die einzige Größe, die einzige Wahrheit! Nichts gefällt Gott mehr! Euer Teil ist Lüge, Unwissenheit, Schulfuchserei und Gemeinheit! Meines – der leuchtende Genius! Es lebe die Kunst, es lebe das Licht! Nieder mit der Finsternis! Ich trete schleunigst bei den spanischen Truppen ein, und werde euch bekriegen bis aufs Messer!

Botticelli. Gestern noch wolltest du die Barbaren aus Italien jagen, jetzt hast du das rechte Mittel gefunden!

Torrigiani. Wir vertreiben zuerst die Franzosen und hernach die von Aragon! ... Gott befohlen ... ihr Gesindel!

Ein Maler (sich eiligst von einem Gerüste herabgleiten lassend). Er ist denn doch zu unverschämt! ... Da! Das ist für dich! (Er wirft sein Messer nach ihm, das ihn fehlt und in die Wand eindringt.)

Torrigiani (im Hinausgehen). Taps! Das will ich dir vergelten, und wär's in zwanzig Jahren!


Das Innere der Kirche di Santa Reparata.

Ungeheure dichtgedrängte Menge. Alle Altäre der Seitenschiffe sind mit Blumen bedeckt; die Kerzen und Lichter erglänzen hell; die Bildsäulen der heiligen Männer und Frauen sind mit ihren schönsten Seiden-, Sammet- und Brokatellgewändern angetan und mit ihren Juwelen geschmückt; Weihrauchduft erfüllt das Gebäude; jeden Augenblick kommen neue Zuhörer und rufen ein Wogen in der Menge hervor; Kinder, Schüler, junge Leute sind auf die Fenstersimse und auf die Giebel der Altarwände geklettert; mehrere halten sich an den Friesen der Säulen fest; die Signoria nimmt die Bänke gegenüber der Kanzel ein. Tiefes Stillschweigen.

Bruder Girolamo (auf der Kanzel). Florenz! Florenz! Gott hat an dir die Warnungen nicht gespart! Er versagt sie dir nicht! Er liebt dich, wie er seine Kirche liebt. Aber die Wahrheit ist traurig, höre sie! Dein Leben verfließt im Bett, im Geklatsche, im müßigen Gerede, in schändlichen Gelagen, in einer namenlosen Liederlichkeit! Dein Leben, Florenz, ist das der Säue! (Schaudern in der Zuhörerschaft.) Du antwortest mir: »Bruder. Ihr schont mich wenig!« – Ich will dich ganz und gar nicht schonen! Mit welchem Recht wolltest du vor den Vorwürfen schaudern, wenn du die Strafen nicht fürchtest? Habe ich sie dir geweissagt? Antworte! antworte! ... Habe ich dich in Unwissenheit gelassen über das, was dich bedrohte, oder nicht? Der arme Bruder, der nichts ist, nichts gilt, der aus sich selbst nichts weiß, ist er nicht von Gott und eurem Könige Jesus erleuchtet worden, um dich von den Medici zu befreien und den Klauen der Franzosen zu entreißen? ... Nun wohl! wie ist es gekommen? Hast du es schon vergessen? Die Medici essen das Brot Venedigs, und die Franzosen ... die Franzosen, überglücklich, daß sie sich wider alle Wahrscheinlichkeit bei Fornovo einen Ausgang haben graben können, sind bestürzt und keuchend bis in die entlegensten ihrer Provinzen geflohen, und da sind sie nun ... fürchte nichts! Sie werden nicht mehr wiederkommen! (Tiefe Bewegung.) So werdet ihr, wenn uns nur ein Schimmer von Vernunft bleibt, eingedenk, daß ich euch immer die rechten Winke gegeben habe, daß meine Worte niemals eitel erfunden worden, mir diesmal glauben, wenn ich euch sage: die Volksregierung ist für euch das Beste! Gott hat sie euch durch meine Hand gegeben! Bewahret sie! Laßt niemanden sie angreifen; der, welcher sie angreift, spricht Gott Hohn, es ist Gottlosigkeit; er spricht dem Könige Jesus Hohn, es ist Hochverrat, Majestätsbeleidigung; einem solchen Elenden, der sich in so unerhörte Verbrechen stürzt, wollt ihr verzeihen? (Ausrufe der Wut.) Ihr Herren Achte, ich sage euch, daß solche Ruchlose gezüchtigt werden müssen! Wenn etwelche die öffentliche Eintracht stören und sich wie ehedem Weiße oder Graue nennen, so zaudert nicht! Zehn Gulden Buße! Wenn sie rückfällig werden, viermal die Wippe! Wenn sie sich verstockt zeigen, den Kerker, und auf Lebenszeit! Und nun, Florenz, nähre deine Armen; sie sind des Königs Jesus Glieder! Es ziemt sich nicht, daß das Volk hungere, wenn die Reichen satt sind. Das Korn soll fortan nur zwanzig Soldi der Scheffel kosten für die, die es nicht höher bezahlen können. (Allgemeine Rührung.) Wenn ein jeder satt zu essen hat, ist das doch noch nicht einmal ein Anfang; die Hauptsache bleibt ganz und gar noch zu tun. Ihr antwortet mir: »Bruder, Ihr seid unersättlich! Wir haben die Statthalterschaft Gottes, wir haben das Liebeswerk Gottes, wir haben ...« – Ihr habt Legionen Laster, die in euren Herzen wuchern! Die ganze Hölle hält drinnen ihren Sabbat, ihr wißt es nur zu gut, und seid doch die einen nicht besser als die andern! ... Vielleicht werdet ihr mir Entschuldigungen vorbringen für die Krieger, das rohe Volk! für die Handelsleute, die vom Gewinn verderbten Seelen! für die jungen Männer, die Hohlköpfe! für die Frauen, die Närrinnen! Ganz wohl! ... Werdet ihr solche auch finden für die Priester, die Ämterwucherer, Wollüstlinge, Ehebrecher, Trinkbrüder, Gauner, die, vom Stuhle des heiligen Petrus bis herab zum verborgensten Beichtstuhl des verborgensten Kirchspiels, euch auf die Bahn des Verderbens nach sich ziehen? Nichts mehr von diesem trostlosen Jammer! von diesen Greueln! von diesen babylonischen Ungeheuerlichkeiten! Kehr' aus! kehr' aus! sonst, Florenz, bist du verloren! Ich bürge dir dafür, daß du verloren bist! Der Becher der Geduld ist erschöpft! Kein Tropfen ist mehr darin! Das rächende Schwert schwebt über dir! Ach! Unglückselige! ... Es fällt herab! es trifft! (Ausrufe des Schreckens.) Ihr erwidert: »Bruder, was verlangt Ihr?« – Ich verlange nichts. Gott aber will keine leichtfertigen Vergnügungen mehr! Habt ihr euer Leben nicht genug vergeudet? Keine Promenaden mehr, auf denen die Weiber liebäugeln! Keine Tanzbelustigungen mehr, sie sind das Verderben! Keine Schenken mehr, sie sind die Vertierung! Kein Spiel mehr, es ist ... ah! das regt euch auf? Ihr würdet eher auf euren Anteil am Paradiese, als auf diese schändliche Gewohnheit verzichten! Nun wohlan! ich will Gnade walten lassen! ... Spielt, wenn ihr es einmal müßt! aber laßt die Würfel fahren! Nehmt Knöchelchen! Spielt, aber nie mehr um Geld! Spielt um einen Salat, um Nüsse, um eine Wurzel! Unselige! Ihr lacht, und ich rufe den Getreuen zu: wenn ihr auf den Straßen oder in den Häusern Gottlose sich ihrer Wut für das Glücksspiel überlassen seht, reißt ihnen ohne Zaudern die Karten aus der Hand, und ihr, ihr Herren Achte, nehmt sie fest, sperrt sie ein! ... Die Folter! (Die Predigt dauert fort.)


Auf dem Platz vor der Kirche.

Gruppen von Kindern.

Der kleine Boni (heulend und schreiend). O weh! o weh!

Ein Junge. Was hast Du?

(Die andern Kinder umringen ihn.)

Der kleine Boni. Ein großer Flegel hat mir da eben einen Faustschlag auf den Kopf gegeben. Der ist's, der da weggeht.

Zweiter Junge. Warum hat er dich geschlagen?

Der kleine Boni. Weil ich ihm seinen venetianischen Spitzenkragen abreißen wollte.

Die Kinder. Ha! der Verfluchte! Ihm nach! Reißt ihn in Stücke!

Dritter Junge. Laßt das bleiben, er ist ein Scheusal! Es ist Torrigiani, der Bildhauer, ein Compagnaccio! Er liebt weder Gott, noch die heilige Jungfrau! Er ist zu stark für uns!

(Zwei junge Frauen gehen vorbei; ein Dutzend Kinder umringen sie.)

Erster Junge. Liebe Schwestern, im Namen Jesu Christi, des Königs dieser Stadt, und der Jungfrau Maria, unserer Königin, befehle ich euch, diesen Schmuck abzulegen und all diese Sammetsachen auszuziehen!

Die Erste. Wir werden dir sogleich gehorchen, mein liebenswürdiges Kind! Laß uns nur erst nach Hause!

Vierter Junge. Ich kenne sie, sie sind unverbesserlich! Wir haben sie schon vorgestern ermahnt sich weniger unanständig zu tragen; sie tun's immer wieder!

Die Zweite. Wir müssen Zeit haben andere Kleider zu nähen, das begreifst du doch wohl, mein kleiner Freund?

Fünfter Junge. Wir wollen ihnen alles abreißen!

(Die Rotte wirft sich auf die beiden Frauen und zerreißt ihren Staat und ihren Kopfputz.)

Sechster Junge. Schön! Zwei Halsbänder! Ohrringe! Armbänder! Ketten! Wir wollen alles den Armen bringen!

(Andere Kinder kommen angelaufen.)

Erstes Kind. Was sind das für Frauen, die da weinen?

Ein Junge von zwölf Jahren. Sünderinnen, die wir zur Tugend zurückgeführt haben. Und ihr, woher kommt ihr?

Das Kind. Vom Almosensammeln! Fünfzig Dukaten! Dann haben wir Spieler ausgezogen! Jetzt hört! Ich will euch was erzählen! An der Ecke der Melonenstraße weiß ich ein Haus, wo unheilige Bücher, ein Schachbrett, Harfen aufbewahrt werden, ich glaube auch ein Spiegel, aber das weiß ich nicht bestimmt. Kommt! Kommt alle mit! Laßt uns diese Hölle säubern!

Die Kinder. Vorwärts! vorwärts!

Ein Bürger. He! Niccolo! Komm hierher, mein Sohn!

Niccolo. Was wollt Ihr, Vater?

Der Bürger. Komm nach Haus; ich habe dich nötig.

Niccolo. Ich habe nötig Jesus zu dienen und den Sündern einen Zaum anzulegen.

Der Bürger. Verwünschter Bengel, wirst du mir nicht gehorchen?

Niccolo. Es ist besser Gott gehorchen, als den Menschen! Kommt, Kameraden!

(Große Bewegung unter der Menge, welche aus der Kirche kommt.)

Ein Kind (das auf einen Baum geklettert ist). Da ist der Vater! Da ist der Vater!

In der Vorhalle erscheint Bruder Girolamo, umringt von den Vätern von San Marco, unter welchen man den Bruder Silvestro Maruffi, den Pater Buonvicini, den Pater Sacromoro und andere Glaubenseifrige unterscheidet. Die Menge grüßt begeistert; Männer und Frauen werfen sich auf die Kniee und küssen unter Tränen Bruder Girolamo die Kutte.

Die Kinder. Der Lobgesang! der Lobgesang! Stimmt den Lobgesang an! (Sie singen:)
Lumen ad revelationem gentium et gloriam plebis tuae Israel!

(Bruder Girolamo entfernt sich, von der Menge angebetet.)


Saal im Hause des Tanaï de' Nerli.

Seine Frau, sein Sohn.

Nerli. Kurz, ich bin dergleichen Auftritte satt, und ich mag nichts mehr davon wissen. Ich will nach meinem Sinne leben; ich will Frieden in meinem Hause haben!

Die Frau. Ich für meine Person werde mich nicht unter das Joch des Teufels beugen.

Nerli. Was nennt Ihr gefälligst den Teufel? Bin ich es?

Die Frau. Keineswegs, aber wohl der Geist, von dem Ihr besessen seid. Warum dieses schreckliche Buch behalten, das der Prophet auf öffentlichem Markte hat verbrennen lassen? Habt Ihr nicht ein Exemplar dieses Decamerone, wenn man's denn einmal nennen muß?

Nerli. Das heißt viel Lärm machen um ein Werk, das seit Jahrhunderten in den Händen eines jeden ist.

Die Frau. Seit langem stürzt sich ein jeder in die Verdammnis, und es ist Zeit dem ein Ende zu machen.

Nerli. Ich will Frieden, und dieses Mal sage ich es Euch sehr ernstlich.

Das Kind. Siehst du, Mama, er hat das Buch und auch noch andere, die der Bruder Girolamo verboten hat! Ich weiß es, ja! Ins Feuer, ins Feuer mit den Büchern!

Die Frau. Ja, mein Sohn, sei nicht bange! Ich werde nicht dulden, was ich nicht dulden darf.

Nerli. Das ist rasende Tollheit, und ich ersuche Euch, Monna Lisa, Euch zu beruhigen; sonst werde ich solche Maßregeln ergreifen ...

Die Frau. Es hilft nichts, daß Ihr mich einzuschüchtern sucht; Ihr würdet kein Glück damit haben; Euch zum Trotz werde ich sorgen, daß ich selig werde!

Das Kind. Ja, Mama, sorg, daß du selig wirst, bitte! Sorg, daß du selig wirst, Mama!

Die Frau. Ja, mein Herzblatt! fürchte nichts!

Nerli. Dies hier ist ein Haus von Besessenen in einer Stadt von Rasenden, und dies unselige Florenz, das sonst nur ein liederliches Weibsbild war, ist ein tobsüchtiges geworden, seitdem dieser verfluchte Mönch ...

Die Frau (außer sich). Ha! lästert den Bruder Girolamo nicht, das rate ich euch!

Nerli. Ich werde den Bruder Girolamo zu allen Teufeln schicken, wenn mir's gefällt, und Euch dazu! Versteht Ihr?

Die Frau. Und ich, Abscheulicher, ich werde Euch sofort den Achten anzeigen und eine abschreckende Züchtigung für eine solche Ruchlosigkeit verlangen!

Das Kind. Ja, Mama, ja! Papa muß bestraft werden!

Nerli. Gott straf' euch allesammt!


Rom.

Juni 1500.

Der Vatikan.

Ein Saal in der Wohnung des Papstes. – Alexander VI.; Donna Lucrezia Borgia, Herzogin von Bisaglia. Sie ist in tiefer Witwentrauer und sitzt in einem Lehnstuhl, sehr niedergeschlagen und ganz in Tränen.

Alexander VI. Nun gut! ja, es ist wahr. Dein Bruder Cesare ist der Schuldige. Er ist in das Zimmer eingedrungen, wo der unglückliche Alfonso, dein Gatte, mit seinen verbundenen Wunden lag; er hat ihn erdrosselt ... ich will dir's gestehen ... man würde es dir sagen ... du würdest nicht vier Schritte in der Stadt tun, ohne daß man es dir erzählte ... Es ist mir lieber, du erfährst es von mir, damit wir zusammen nachdenken können, was sich unter solchen Umständen, an denen man nichts ändern kann, zu tun ziemt. (Donna Lucrezia schluchzt in ihr Schnupftuch und ringt die Hände.) Das wesentliche Merkmal jedes Kummers, so groß er auch sei (und der deine ist sehr groß, liebe Tochter, und so gerecht, daß es keinen gerechteren giebt) ... das Merkmal jedes Kummers, sage ich, ist, daß er das Vergessen in sich schließt.

Donna Lucrezia. Ach! Allerheiligster Vater!

Alexander VI. Ich spreche verständig zu dir. Menschen in unserer Stellung müssen immerfort verständig sein, sonst werden sie elender als die anderen. Die bittersten Gram- und Verzweiflungsanfälle, alles, was uns durchrüttelt und uns irgend ein Gut entreißt, des Geschickes leidige Härten, alles dies erscheint nur, um vergessen zu werden, und es wird ein Tag kommen, wo du selbst erstaunt sein wirst, daß du dir nur mit Mühe die Züge und vielleicht den Namen des Gatten zurückrufen kannst, dessen Verlust dir in diesem Augenblicke einen Schmerz auferlegt, der dich unerträglich dünkt.

Donna Lucrezia. Ihn verlieren! ... ihn auf diese Art verlieren! meuchlings ermordet von einem Bruder! ... im Augenblicke, wo die Geburt seines Sohnes ihn überglücklich machte! ... Welch ein Ungeheuer ist da sein Mörder?

Alexander VI. Er ist kein Ungeheuer, liebe Tochter, sondern ein Herrscher, der in die ihm bestimmte Stellung nur um den Preis des anhaltendsten und oft erbarmungslosesten Ringens eintreten kann. Höre mich wohl, Lucrezia, und hebe nicht die Arme zum Himmel. Ich spreche zu dir nicht, um alberner Weise Don Cesare zu rechtfertigen, noch um dich aufzubringen; ich suche in dir wachzurufen, was ich von richtigem, ächtem, mächtigem Empfinden an dir kenne, und dir zu helfen diese Krisis durchzumachen, in der Jugend und Unerfahrenheit dir nicht erlauben, dich so heroisch zu zeigen, wie du es sein kannst.

Donna Lucrezia. Ich bin eine unglückliche Witwe und beweine einen unschuldigen Gatten, hingewürgt vom ehrlosesten der Verräter!

Alexander VI. Zu was so heftige Reden? Lieber gar, lieber gar, Lucrezia ... Du weißt, daß ich dich liebe, und das von Grund meines Herzens?

Donna Lucrezia. Ich weiß auch, welchen Verdächten, welchen widerwärtigen Anklagen Euerer Heiligkeit Zuneigung meine Ehre aussetzt! Ich bin ohnehin in Verzweiflung, mich kümmert nichts mehr in der Welt!

Alexander VI. Die Leute halten mich zugleich für deinen Vater und deinen Liebhaber? Laß, Lucrezia, laß die Welt, laß diesen Haufen so lächerlichen wie schwachen Gewürms über die starken Seelen die ungereimtesten Mären ersinnen. In ihrer Ohnmacht, deren Ziele zu begreifen, gewahren sie daran nur Wunderliches, sie können ihr Triebwerk nicht zergliedern, noch weniger ihrer Bedeutung inne werden, und sie glauben im geheimnisvollen Schoße dieses Unbekannten abgeschmackte Schändlichkeiten zu entdecken, für die sie sich wenigstens dazu aufschwingen Namen ausfindig zu machen. Möge dieser Schwall von Albernheiten dein Haupt umschwirren, ohne Eingang darin zu finden. Sprechen wir hier nur von tatsächlichen Dingen. Du mußt aus dieser Niedergeschlagenheit herauskommen. Deine Lage heischt es; du darfst nicht – ich lasse dich nicht – dich in die Einsamkeit einsperren; ich lasse nicht zu, daß du nach Nepi zurückkehrst, wo du in diesem Augenblick deine Person und dein Leid für immer begraben willst. Das ziemt sich nicht. Die Natur selbst widerstrebt dem: du bist jung, schön, kräftig, einsichtsvoll, tätig; du bedarfst des Lebens, und das Leben bedarf deiner. Bleibe bei uns, bleibe in der Welt, um sie zu beherrschen! Du hast, sagst du, einen Gatten verloren, der dir teuer war? Ich bedaure, ich beweine ihn wie du, und ich hätte um vieles dir diesen Schmerz ersparen mögen. Dennoch, du bist Donna Lucrezia Borgia; dein Blut ist mit vom berühmtesten, das wir kennen; du bist Herzogin von Bisaglia und Sermoneta, Prinzessin von Aragon, beständige Statthaltern von Spoleto; man sieht in dir fast die ebenbürtige Genossin der gekrönten Häupter; du bist geboren mit dem Instinkte, die Völker zu lenken, und dein Geist, dessen Weite ich kenne, wird dir niemals erlauben, dich dieser Aufgabe zu entziehen.

Donna Lucrezia. Es ist möglich, daß ich ehedem Vergnügen daran gefunden habe, den Gang der Welthändel zu betrachten und mich an den Fäden zu vergreifen, die sie in Bewegung setzen ... Die Zeit ist dahin. Ich bin entschlossen, an nichts mehr zu denken, als an meinen Sohn, und, wenn ich's erst kann, an meine Rache.

Alexander VI. Hüte dich, Lucrezia! Wiederhole nie gegen andere als mich ein so gefährliches Wort. Dein Bruder weiß, was er will, und will, was er muß. Seine Pläne müssen gelingen, und wenn er eines Tages dahin käme zu denken, daß er sich in Bezug auf dich getäuscht habe, und daß du nicht das wahrhaft starke, wahrhaft begreifende Weib seist, für das er dich erklärt; wenn er am Ende in dir ein Hemmnis, und nicht mehr eine Hilfe entdeckte, so würdest du nicht sicherer vor ihm sein, als es dein Bruder Giovanni und dein Gemahl und der Unselige, den er unter meinem eigenen Mantel erdolcht hat ... und so viele andere gewesen sind.

Donna Lucrezia. Don Cesare ist der letzte, der mich schreckt, und wenn er Euch Trotz bietet, mir soll er's nicht!

Alexander VI. So liebe ich dich, und so erkenne ich dich wieder! Die kleine spießbürgerliche Witwe ist verschwunden! Es ist die Königin, die Gebieterin, die zu mir spricht! ... Tochter, du bist in diesem Augenblicke schön wie der Stolz! Du bist die Kraft! So will ich denn auch zu dir reden. Don Cesare hat nicht im mindesten die Absicht gehabt dir zu schaden, und das wirst du begreifen, wenn du nur ein wenig nachdenkst. Als wir dich vor zwei Jahren Giovanni Sforza aufgeben und dich mit Don Alfonso von Aragon vermählen hießen, haben wir einer Notwendigkeit gehorcht und eine untadelhafte Verbindung bewerkstelligt. Obwohl dein Gemahl nur der natürliche Sohn des Königs von Neapel war, gewannen wir doch mit ihm ein mächtiges Bündnis, und damals war es unmöglich, für unsere ferneren Entwürfe zu etwas Besserem zu gelangen. Seitdem haben sich die Dinge sehr geändert. Die unbezähmbare Tatkraft Don Cesares, seine Gewandtheit, sein erfinderischer Geist, die sehr günstigen Umstände, die er wahrgenommen, aus denen er allen Saft herausgepreßt hat, verschaffen uns zur Zeit die Gunst, die enge Freundschaft, ja die Liebe des Nachfolgers Karls VIII. Wir haben – und das wird vor allen Dingen so bleiben – von dieser Seite, was die Spanier uns niemals gewährt haben würden; und du kannst ermessen, wie unpassend es seitdem in Don Cesares Augen erschien, uns durch ein aragonesisches Bündnis gerade in dem Moment verpflichtet zu sehen, wo wir gezwungen waren, ganz Franzosen zu werden, und es mit der peinlichsten Sorgfalt zu vermeiden, bei dem albernsten, leichtgläubigsten, argwöhnischsten der Fürsten, bei Ludwig XII., Mißtrauen zu erregen.

Donna Lucrezia. Und aus diesem Grunde ist Don Alfonso ermordet worden?

Alexander VI. Einzig aus diesem Grunde. Ich erkenne an, daß es wohl eine andere Art und Weise gegeben hätte sich hierbei zu verhalten. Du selbst hättest den unglücklichen Don Alfonso bestimmen können, Vater, Familie, Vaterland zu verlassen.

Donna Lucrezia (schluchzend). Er würde alles getan haben, worum ich ihn gebeten hätte.

Alexander VI. Laß uns auf diesen Punkt nicht zurückkommen. Don Cesare hat in der Form Unrecht gehabt ... im Grunde überlegte er richtig, und ich will dir beweisen, daß er, sicherlich weit entfernt dir irgend übel zu wollen, nur auf deine Erhebung sinnt.

Donna Lucrezia. Ich schenke ihm das.

Alexander VI. Um deinen Bruder zu beurteilen, mußt du eine Wahrheit vor allen ins Auge fassen, und vielleicht wird eine solche Erwägung dir doppelt nützlich sein, indem sie dich dir selbst deutet. Wir sind nicht unruhige, haltlose Italiener; wir sind Spanier, und im Punkte der Gewaltsamkeiten reißt ein natürlicher Hang uns auf die kürzeste Bahn. Was unsere Landsleute in Westindien vollführen – die Hartherzigkeiten des Herzogs von Veragua und seiner Genossen gegen die Bewohner dieser Gegenden –, wir vom Hause Borgia, Don Cesare vor allen, tun es in Italien; deswegen bin ich geneigt zu glauben, daß wir, wenig besorgt um die Mittel und wenig zurückhaltend im Handeln, von dem beengendsten Teile der Bande, die die übrigen Menschen lähmen, befreit sind und so schneller dazu gelangen werden, unsere Größe auf festen Grundlagen aufzurichten, was die große Aufgabe ist, der wir uns ganz und gar zu weihen haben.

Donna Lucrezia. Ich hatte nicht danach begehrt, mich mit Don Alfonso von Aragon zu vermählen. Unter dem Vorwande meiner großen Jugend hatte man mich sogar nicht gefragt, so wenig man es früher getan hatte, um meine erste Verlobung zu schließen und aufzulösen. Und nach alledem spracht Ihr von meinem Ruhme, meiner Macht, meinen Staaten? Was bedeuten diese windgeblähten Worte? Denkt Ihr mich zu täuschen über den Flitterstaat, mit dem Ihr mich überladen habt? Von seiten meines Gatten bin ich Herzogin von Bisaglia ... aber morgen kann mir der König von Neapel dieses Lehen, das ein freiwilliges Geschenk war, wieder nehmen. Sermoneta habt Ihr den Gaëtani genommen und mir gegeben; irgend jemand anders wird mir es wieder entreißen, um es neuen Ankömmlingen zu überlassen. Ich bin beständige Statthaltern von Spoleto? Aber Spoleto gehört der Kirche, und wenn Ihr tot seid, was gilt dann die Beständigkeit? Nein, allerheiligster Vater, ich bin nichts als ein unglückliches Weib, aus dem seine Familie einen Spielball macht, und dessen Interessen so wenig als seine Gefühle geachtet werden. In einer solchen Lage bleibt mir mein Stolz; Ihr habt mich von Nepi kommen lassen, ich will dorthin zurückkehren: ich werde es nur noch verlassen, insoweit meine Pflichten als beleidigte Mutter und Gattin mich dazu zwingen können.

Alexander VI. Deine Zukunft ... ist nicht die, welche du da eben geschildert hast, es ist die, welche ich vor dir entrollen will. Du klagst deine Verwandten an? Aber erwäge doch, wie liebevoll sie für dich besorgt gewesen sind. Unter den bescheidenen Glücksumständen unserer Anfänge dachten sie an einen Edelmann von gutem Herkommen, guter Verwandtschaft und reichen Mitteln und glaubten, daß er für dich passen könne. Aber da fast zur selben Zeit der Wind unsere Segel geschwellt hatte, unser Glück das hohe Meer gewann, befreiten sie dich alsbald von dieser mäßigen Errungenschaft und zogen dich dahin nach, wohin sie vorschritten. In diesem Augenblicke war es viel, einen Scheinfürsten für dich zu gewinnen; sie suchten ihn, sie fanden ihn, sie gaben ihn dir. Die Zeiten haben sich noch einmal geändert; die Falken haben sich in Adler verwandelt; ihre Beute muß prächtiger sein; sie wollen dir davon mitgeben; was dir ehedem anstand, steht dir heute nicht mehr an; du bist im Werte gestiegen. Was würdest du zu einem souveränen, wahrhaft souveränen Throne sagen? zu einem Gemahl, der einem der erlauchtesten Häuser angehörte? er selbst schön, tapfer, unerschrocken, einer der besten Feldherrn Italiens, zu den größten Bestimmungen berufen, der dich bis zur Anbetung liebt und deine Hand begehrt?

Donna Lucrezia. Ich weiß nicht, von wem Ihr redet, und frage nicht das mindeste danach.

Alexander VI. Ich rede dir von Don Alfonso d'Este, Sohn und Erben des Herzogs Ercole von Ferrara. Ich rede dir von deiner wahren Größe, deiner Zukunft, deinem Glück; von der Zukunft, dem Glücke, dem Leben deines Sohnes. Du hörst mich, Lucrezia?

Donna Lucrezia. In diesem Augenblicke bin ich nicht fähig dergleichen Vorschläge anzuhören und darüber nachzudenken, was sie Richtiges enthalten können.

Alexander VI. Ich begreife es. Aber du kannst dir doch bereits darüber klar werden, daß es nicht ratsam ist, nach Nepi zurückzukehren. Um dich noch mehr zu überzeugen, entdecke ich dir einen Plan, den ich im Einverständnisse mit Don Cesare entworfen habe, und der dir meine Zuneigung und die Hingabe deines Bruders an deine wahren Interessen beweisen wird.

Donna Lucrezia. Ich bin begierig zu erfahren, worum sich's handeln kann.

Alexander VI. Die Geschäfte nötigen mich Rom auf einige Zeit zu verlassen. Du wirst hierselbst bleiben; du wirst hier meine Stelle einnehmen. Die Leitung der Regierungsgeschäfte wird in deine Hände gelegt; du allein sollst das Recht haben die Staatsschreiben zu öffnen und zu lesen, Beschlüsse zu fassen und Befehle zu erteilen. Ich habe die Kardinäle, deren ich am sichersten bin, angewiesen, sich mit dir zu besprechen, so oft du es für gut finden wirst. So, Lucrezia, wirst du meine Staaten, die Kirche und die Welt leiten. Ich kenne dich als würdig, den Wert einer derartigen Aufgabe zu begreifen. Laß dir sagen! laß ab von Tränen, die deiner unwürdig sind, einzig darum, weil sie nutzlos sind. Denke an den Ruhm deines Hauses, an die Zukunft unserer Schöpfungen, und laß vor einem so heilsamen Ehrgeize jede Rücksicht verschwinden. Wisse hinfort, daß für die Art Menschen, die das Geschick dazu beruft, über die andern zu herrschen, die gewöhnlichen Lebensregeln hinfallen und die Pflicht eine ganz verschiedene wird. Gut und Böse rücken anderswohin, höher hinauf, in eine andere Sphäre, und Verdienste, die man an einer gewöhnlichen Frau loben kann, würden bei dir Fehler werden, einzig darum, weil sie nur Veranlassung zum Ärgernis, zum Verderben geben würden. Also ist das große Gesetz der Welt nicht, dies oder das zu tun, diesen Punkt zu vermeiden oder jenem andern zuzusteuern; sondern zu leben, groß zu werden, und was man Kernigstes und Gewaltigstes in sich hat, zur Entwicklung zu bringen, so, daß man immer des Bestrebens fähig bleibt, aus irgend einem Wirkungskreise in einen weiteren, freieren, höheren überzutreten. Vergiß das nicht. Gehe immer gerade aus. Überlaß den kleinen Geistern, dem gemeinen Volk der Untergeordneten, die Schwachheiten und Bedenklichkeiten. Es giebt nur eine deiner würdige Rücksicht: das ist die Erhöhung des Hauses Borgia, das ist deine eigene Erhöhung; und ich meine, daß in einem so gewichtigen Gedanken Kraft genug enthalten sei, um deine Tränen zu trocknen und dich das hinnehmen zu lassen, was, indem es hinfort eine vollendete Tatsache, damit gleichgültig geworden ist. Ich verlasse dich, Lucrezia, und bitte, dich als die zu betrachten, die binnen kurzem Herzogin von Ferrara sein wird, und die in diesem Augenblicke für die Völker den Statthalter Gottes vorstellt.


Venedig.

Saal in einem Palaste am Canale grande.

Piero de' Medici; er geht mit sorgenvoller Miene hin und her, die Hände auf dem Rücken; sein Bruder, der Kardinal Giovanni de' Medici, später Papst Leo X,, dazumal neunzehn Jahre alt; sein Vetter, Giulio de' Medici, später Papst Clemens VII., dazumal Johanniterritter und Prior von Capua; Bernardo Dovizio da Bibbiena, Haushofmeister des Kardinals und ehemaliger Geheimschreiber Lorenzos des Prächtigen.

Bibbiena. Daß unsere Angelegenheiten schlecht stehen, wäre kindisch zu leugnen, aber ich halte es nicht an der Zeit, Herr Piero, daran zu verzweifeln, wie Ihr's tut.

Piero. Ich habe Fehler, große Fehler begangen! Ich durfte den Franzosen nicht so viel einräumen, als ich den Versuch machte, sie vom Einzug in Florenz abzubringen, und, nachdem ich mich mit ihnen verständigt, mußte ich sie wenigstens zu Hilfe rufen, ehe ich nach Bologna aufbrach, wo dieser Elende, dieser Giovanni Bentivoglio, uneingedenk dessen, was er dem Andenken unseres Vaters schuldete, uns gezwungen hat zu erkennen, wie wenig er selbst wert ist, und uns hierher zu flüchten ... O! wenn ich jemals dahin komme, unser Haus wieder aufzurichten, so soll er es fühlen, fühlen, was Rache heißt! Aber das bekümmert mich nicht weiter; vielmehr, wie ich Euch sage, meine eigenen Fehler.

Kardinal Giovanni. Mein Gott! Bruder, ärgert Euch doch nicht so. Ich, der ich länger als Ihr in Florenz geblieben bin, ich schwöre es Euch, es war nichts zu machen. Unsere Feinde hatten den Dingen eine solche Wendung gegeben und den Sinn der Bürger so bearbeitet, daß es beschlossene Sache war, uns fortzuschicken. Die Luca Corsini, die Jacopo de' Nerli, alle diese neidischen Wichte hatten die ruhigsten Leute aufgeregt, und ich mochte zum Volke reden soviel ich wollte, man hat mich nicht gehört; ich habe weichen müssen, man hat mich sogar mit Steinen geworfen. Ich hatte Savonarola gegen mich. Er hat die Dominikaner von San Marco überredet, mich aus ihrem Kloster, wo ich anfangs eine Zuflucht gefunden hatte, zu verjagen.

Piero. Ein Haus, das von uns gestiftet war!

Kardinal Giovanni. Nehmt Euch das nicht so zu Herzen, Bruder. Es ist sehr wahrscheinlich, ich wiederhole es, daß Bruder Girolamo den guten Vätern den Verstand verdreht hatte; sonst hätten sie sich nicht so benommen. Es war ein Schauspiel, greulich zu sehen, diese aufgereizte Menge, durch die ich mich als armer Mönch verkleidet geflüchtet habe: eine Menge Hallunken, heulend, schreiend, die Gefängnistüren einschlagend und Räuber und Mörder, wie sie sie herausließen, umarmend.

Bibbiena. So machts nun einmal der große Haufe, wenn er sich in die öffentlichen Angelegenheiten mischt.

Piero. Dagegen würde ich mir zu helfen wissen; aber es giebt schlimmere Greuel. Ihr habt vernommen, daß die Söhne unseres Oheims, unsere Vettern, durch Niederträchtigkeiten die Rückkehr, in die Stadt und den Wiedergewinn ihrer Güter erlangt haben? Um ihre Anhänglichkeit an die neuen Herrn noch mehr zu beweisen, haben die Unseligen feierlich ihrem Namen entsagt und den der Popolani angenommen; so daß ich Euch heute das Dasein eines ehrbaren Herrn Lorenzo Popolani, und seines in allen Stücken seiner würdigen Bruders, des andern ehrenwerten Herrn Giovanni Popolani, vermelden kann. Welch ein Spott! welch ein Jammer! wie viele Schändlichkeiten giebt es doch in dieser Welt!

Kardinal Giovanni. Ich finde mich in den Abfall unserer Vettern; sie sind keine Freunde zum Betrauern, und, ehrlich gesagt, es rührt mich weit mehr, daß die Aufrührer die Gärten zerstört haben, wo unser Vater so viele Statuen und Gemälde, Werke der großen Meister aller Zeiten, aufgesammelt hatte. Die allgemeine Plünderung hat Bücher, Denkmünzen, geschnittene Steine mit verschlungen! Es war da so manches Stück, das mir immer wieder in den Sinn kommen wird und das ich nicht verschmerzen kann.

Piero. Was ist daran gelegen! Wir selbst sind verloren! Da sind wir dazu verdammt, ohne Ende von einem Ort zum andern zu irren, aus den Händen einer lauen Freundschaft in die einer kalten zu gleiten und zu wachen, daß nicht eine falsche uns unseren Feinden verkaufe. Für den Augenblick beträgt sich der durchlauchtigste Senat edelmütig gegen uns; aber wie lange wird es so bleiben?

Bibbiena. Solange die Venetianer Florenz hassen werden, das heißt in Ewigkeit. Nein, ich wiederhole es Euch, laßt uns nicht verzweifeln! Die Dinge sind auf diesem Erdball in beständiger Schwingung und gehen von rechts nach links und von links nach rechts. Die Interessen Italiens sind die Spitze der Balancierstange, und darum wechseln sie den Platz noch schneller als die übrigen Interessen. Was mich anlangt, so bin ich überzeugt, die Medici werden eines Tages nach Florenz zurückkehren und dort ihre Macht und ihren Glanz wiederfinden.

Kardinal Giovanni. Ich sehe dafür in der Tat Wahrscheinlichkeiten. Frankreich gehorcht einem neuen Könige, Ludwig XII., der, wie man mir sagt, noch mehr von Durst nach Eroberungen besessen ist als der verstorbene Karl VIII.; was er will, ist nicht Neapel allein, sondern Mailand. Es wird sich vielleicht eine Verständigung treffen lassen; zudem kann Savonarola nicht ewig währen. Er beginnt die Geduld der Menschen zu ermüden. Die Republikaner verstehen sich nicht; viele unserer Anhänger kehren in die Stadt zurück und werden dort nicht belästigt. Seht nur! der kleine Michelangelo Buonarroti, um nur diesen zu nennen, war nach Bologna geflüchtet, und Aldobrandi hatte ihm sogar Arbeit an San Petronio verschafft; er ist darum doch in seine Heimat zurückgekehrt, und man duldet ihn da.

Der Prior von Capua. Was man dort noch besser aufnimmt, ist unser Geld. Euren Befehlen gemäß, Herr Piero, habe ich solches an Tornabuoni gesandt. Er schreibt mir, daß die Zahl derer, die Jahrgeld von ihm beziehen, zunehme. Herr Giovanni, wollen Euere Hochwürden die Werkstatt Tizians mit besuchen?

Kardinal Giovanni. Mit Vergnügen. Ich werde Euch meine neuen Livreen für die Mannschaft unserer Gondeln vorlegen.

Piero. Unterhaltet ihr euch. Ich schreibe einige Briefe mit Bibbiena.


Florenz.

Eine Stube hinter einem Laden.

Zwei Kaufleute bei Tisch.

Erster Kaufmann. Eßt noch diese Waffel. Bruder Girolamos Piagnoni sehen Euch nicht.

Zweiter Kaufmann. Ihr seid sehr gütig. Ich habe einen schwachen Magen und wage nichts mehr zu nehmen. Ich wiederhole es Euch, England ist ein Land, wo man sehr gute Geschäfte macht.

Erster Kaufmann. Für die Seidenwaren leidet das keinen Zweifel, und noch weniger für die Weine. Letztes Jahr habe ich vierzig Oxhoft von ziemlich geringer Qualität an meinen Geschäftsführer in London geschickt. Er hat guten Profit daran gemacht. Ich gebe den Engländern gerne Kredit.

Zweiter Kaufmann. Das sage ich eben; sie sind solide.

Erster Kaufmann. Trotzdem ziehe ich die Flamländer vor. In Antwerpen giebt es wahrhaft reelle Kaufleute in Menge.

Zweiter Kaufmann. Unter uns, würde Bruder Girolamo, den ich im übrigen verehre, bitte das wohl zu beachten, nicht besser tun, uns so manche schöne Dinge, die er zerstören läßt, billig abzulassen? Die guten Flamländer würden sie uns abkaufen.

Erster Kaufmann. Ganz meine Meinung. Der würdige Bruder ist in diesem Punkte unzugänglich. Außerdem kann man nicht so von der Leber weg mit ihm reden wie ehedem. Er fährt beim ersten Worte auf und sagt Euch Grobheiten.

Zweiter Kaufmann. Man muß gestehen, daß die unverbesserlichen Sünder ihm Kummer verursachen.

Erster Kaufmann. Schweigen wir darüber! Ich weiß nicht, wie er es aushält. Einerlei, er hätte besser getan, wenn er die schöne Tapete mit Goldblumen erhalten hätte! Man hätte sie uns abgekauft und in klingender Münze bezahlt. Der Prophet predigt diesen Abend in San Niccolo. Kommt Ihr nicht hin?

Zweiter Kaufmann. Was denkt Ihr? Ich mache mirs zur heiligen Pflicht und möchte um nichts in der Welt der Lauheit angeklagt werden; denn unter uns, ich habe hier recht hübsche Sachen und kein Verlangen, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

Erster Kaufmann. Genau wie ich, Nachbar. In diesen schwierigen Zeiten muß man klug sein. Vorwärts! machen wir uns auf den Weg. Die Kirche wird voll sein. Nehmt Ihr eine Kerze?

Zweiter Kaufmann. Ich unterlasse das nie, es giebt ein gutes Ansehen. Schaut her! es ist ein wahrer Schiffsmast!

Erster Kaufmann. Ich ebenso, ich nehme es mit Euch auf.

(Sie gehen lachend ab.)


Bruder Girolamos Zelle.

Er liegt auf seiner Bettstelle ausgestreckt, die Augen mit seinen gekreuzten Armen bedeckend. Auf Schemeln sitzen Bruder Silvestro Maruffi und Bruder Domenico Buonvicini.

Bruder Girolamo. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Bruder Silvestro. Ihr selbst, Meister, verlaßt Euch; wir werden nicht müde es Euch zu sagen.

Bruder Domenico. Und ich begreife es gar nicht einmal, wie Eure Kräfte so ganz darniederliegen.

Bruder Girolamo. Ich bin zu Ende! O daß mein Herr Jesus mich zu sich riefe! (Er birgt sein Gesicht im Kopfkissen und weint laut.)

Bruder Domenico. Welch ein Unglück, einen solchen Mann einer solchen Schwäche zum Opfer fallen zu sehen!

Bruder Girolamo (aufstehend, kreuzt die Arme und betrachtet seine Freunde). Soll ich es gestehen? Eine Last liegt mir auf dem Herzen seit mehr als einem Jahre. Ich muß mich davon befreien. So hört mich denn. Ich fürchte, daß ich mich getäuscht habe! Ich bin wie ein Wanderer, der, ausgezogen nach dem himmlischen Jerusalem, plötzlich als Verirrter sich in der Nachbarschaft der Hölle fände.

Bruder Silvestro. Ach! Meister, was fehlt Euch denn? Ist's Euch nicht über alles Hoffen geglückt? Florenz tut jeden Tag einen Schritt weiter auf dem Wege der Vollkommenheit; Ihr seid der einzige Herr, man glaubt nur an Euch, man liebt nur Euch, man will nur Euch allein! Das übrige wird von selbst kommen. Der Papst droht, aber er wagt nichts auszuführen.

Bruder Girolamo. Ich habe mich getäuscht, sage ich euch. Ich hielt das Gute für ebenso leicht zu verwirklichen als zu erkennen. Ich ahnte nicht, daß die Tat gemeiniglich zum Verräter an der Absicht wird. Eine Wohltat wird nie willig angenommen. Man muß sie gewaltsam auferlegen. Wenn ich rate, so hört man mich nicht. Ich muß strafen. Wo ist dann das Maß? wo das rechte Mittel? Wenn ich schelte, so findet es sich, daß ich geflucht habe. Wenn ich verweise, so beleidige ich; wenn ich mit dem Hirtenstabe schlage, so ist's ein Schwert, das ich mit Blut beflecke; und ich töte Menschen, die ich zu retten trachte. Nein! Alles verwandelt sich unter meiner Hand, in meiner Hand, der Honig in Galle, die Milde in Wut, die Festigkeit in Wildheit! Glaubt ihr, ich wüßte nicht, was meine Getreuen tun? So viel Schaden wie Wölfe!

Bruder Silvestro. Sie scheinen zuweilen ein wenig roh, das ist wohl möglich; aber insgesamt sind die Resultate vortrefflich und ein Versehen im einzelnen kann den Wert des Ganzen nicht schädigen!

Bruder Girolamo. Ich diene der Sache des Himmels mit den Mitteln des Teufels.

Bruder Domenico. König David hatte Philister zu seinen Leibwächtern!

Bruder Girolamo. Ach! mein Gott! ach! mein Gott! ich wollte nur das Recht, und eitel Reinheit! Rufe mich ab von hier!

Bruder Silvestro. Und dein Werk, was soll aus ihm werden, wenn Du stirbst?

Bruder Girolamo. Mag's werden, was da kann, ich will von hinnen fahren! (Er wirft sich wieder auf sein Bett.)


Garten.

Nacht. Ein junges Weib. Ein Liebhaber.

Das junge Weib. Ich bin zu sehr erschrocken! ... Wenn mein Bruder etwas ahnte! ... Geh' fort, ich flehe dich!

Der Liebhaber. Nein! Dein Bruder läuft die Straßen ab, um den Piagnoni mitzuspielen. Habe keine Angst! Du hast Angst? Nun wohlan! sei zufrieden; ich gehe! Liebst du mich wenigstens?

Das junge Weib. Ich glaube ... ich weiß nicht ... ich liebe dich in diesem Augenblick ... Willst du, daß ich dich täusche? Warum dich an mich hängen? Ich bin wandelbar ... Ich kenne mich selbst nicht. Ich liebe dich wohl, Freund, teurer Freund! Allerdings werde ich dich morgen nicht mehr lieben. Ich bin immer aufrichtig gegen dich gewesen.

Der Liebhaber. Solche Reden könnten mich umbringen. Gleichviel! Ich werde dich lieben, dich anbeten, dir dienen! Ich gehöre dir, ich will für dich sterben!

Das junge Weib. Ich habe so Angst! Küsse mich ... da ... auf die Wange ... Armer Fabricio! ... ich liebe dich wohl ... in diesem Augenblick! Warum dich bekümmern? Hast du nicht Wichtigeres zu schaffen? Denk' an die Medici.

Der Liebhaber. Ich kümmere mich gerade so viel um die Medici wie um ihre Feinde. Was ich zu schaffen habe, ist einzig dich zu lieben. Leb' wohl! fünf Tage nun, ohne dich zu sehen!

Das junge Weib. Fünf Tage? ... das ist zu viel! Komm morgen die Straße her; vielleicht kann ich dich herauflassen.

Der Liebhaber. Wenn man mich sieht?

Das junge Weib. Ist mir alles eins.

Der Liebhaber. Es giebt nichts so Hübsches, so Reizendes, so Holdseliges, so Bezauberndes auf der Welt wie dich!

Das junge Weib. Leb' wohl! Härme dich nicht. Denke ein wenig an mich, willst du?

Der Liebhaber. Noch einen Kuß!

Das junge Weib. Nein! morgen! Gieb mir die Hand, das ist genug. Leb' wohl.

Der Liebhaber. Liebst du mich?

Das junge Weib. Ich weiß nicht.

Der Liebhaber. Wenn du mich in den Tod der Verzweiflung gejagt hast, wirst du's vielleicht wissen. Leb' wohl!


Rom.

Das Gemach des Papstes.

Alexander VI.; Kardinal Francesco Piccolomini; der mailändische Gesandte.

Der Kardinal. Und ich sage es Euch, allerheiligster Vater: wenn Ihr nicht mit dem Bruder Girolamo ein Ende macht, wird er ein Ende mit Euch machen.

Der Papst. Du grollst ihm, weil er dir fünftausend Gulden verweigert hat. Glaubst du, ich kännte deine Schliche nicht? Ihr alle seid im Aufruhr gegen diesen Schwätzer. Er sagt euch Wahrheiten. Ein schönes Unglück! Mir sagt er sie auch tüchtig! Frage ich etwas darnach? Mache ich Anspruch darauf ein Heiliger zu sein? Ich will in Frieden leben. Genug der üblen Händel! Ich werde mir keine neuen zuziehen. Ich bin alt; ich will ruhig sterben, euch zum Trotz; ich will meine Kinder versorgen. Laßt mich in Ruhe.

Der Kardinal. Aber, allerheiligster Vater, gerade um Eure Ruhe handelt sich's ja. Höret nur, was Herr Ludovico Sforza Euch sagen läßt.

Der Papst. Ich will nichts hören, was mich angreift oder verstimmt.

Der Gesandte. Es sind nicht in den Wind gesprochene Worte, die ich Euch überbringe. Wir haben Tatsachen und Beweise.

Der Papst. Behaltet sie für Euch.

Der Gesandte. Savonarola hat an alle Kronen geschrieben; er verlangt ein Konzil und Eure Absetzung.

Der Kardinal. Es ist die reine Wahrheit, und mehrere Fürsten sind schon gewonnen.

Der Papst. Alfanzereien und Verleumdungen!

Der Gesandte. Hier ist der Brief an den König von Frankreich! Wir haben ihn bei einem Eilboten in Beschlag genommen. Er ist vom Bruder Girolamo unterzeichnet, und Ihr seht sein Siegel.

Der Papst. Beim Blute der Madonna! Der Hund, der Elende, der Niederträchtige, der Gauner, der Schandbube! So ist es also doch wahr! Ha! Du willst meinen Fall! Man versammle meinen Rat ... man benachrichtige Don Cesare und Donna Lucrezia ... und Donna Vannozza! Diesmal ist's um ihn geschehen!

Der Kardinal. Ich sagte Euch wohl, daß es dazu kommen müßte. Eure Breves verachtet, Eure Befehle mit Füßen getreten, Euer Name auf öffentlicher Kanzel jeden Tag, jeden Augenblick bespieen! Er geht mit Euch um, wie mit dem verächtlichsten Kumpan.

Der Papst. Ich bin sein Herr, und er soll es fühlen! Ich will ihm das Herz aus dem Leibe reißen, diesem Girolamo, und er soll wissen, was man dabei gewinnt, wenn man sich gegen mich erhebt!


Florenz.

Ein Platz.

Eine Gruppe Handwerker begegnet einer heimkehrenden Menge.

Ein Arbeiter. Holla! Ihr da! Der Prophet hat versprochen, selbst durch die Flamme eines Scheiterhaufens zu gehen, um die Verläumder zu beschämen; hat er's getan?

Ein Bürger. Er? ... Meiner Treu, nein!

Ein anderer Handwerker. Wie? ... nein! ... Haben denn die Franziskaner ihre Worte zurückgenommen?

Zweiter Bürger. Keineswegs. Franziskaner und Väter von San Marco haben sich von weitem Schimpfreden in Masse zugeschrieen, und weder die einen noch die andern haben, nach eintägigem Wortstreit, den Mut gehabt, sich am Feuer zu versuchen, wie sie sich so laut gerühmt hatten. Ich habe seit heute Morgen mit vielen andern gewartet, um das Schauspiel zu sehen. Meine Meinung ist, daß wir angeführt sind. Mit Bruder Girolamo ist es nicht sonderlich weit her.

Ein Weber. Ich fange an, das auch zu glauben.

Eine Frau. Es war auch der Mühe wert, den Tanz zu verbieten! ich habe es euch längst gesagt: er ist nur ein Heuchler!

Ein Bäcker. Ich gehe heim, Abend essen; ich schere mich nichts um alle Mönche der Welt.


Der Palazzo Vecchio.

Saal des Rates. – Der Gonfaloniere; die Acht.

Der Gonfaloniere. Bruder Girolamo hat vollständig Unrecht gehabt, sich in dieser Weise in die Geschichte mit dem Scheiterhaufen einzulassen. Da er seiner Sache nicht sicher war, so durfte er sich nicht in die Notwendigkeit versetzen, elendiglich zurückzuweichen. Er bringt sich in die äußerste Verlegenheit und zieht uns mit hinein.

Erster Prior. Und die Briefe aus Rom werden jeden Tag drohender! Unser Gesandter Domenico Bonsi spart sie uns nicht. Es gewinnt den Anschein, daß der Papst entschlossen ist, ein Ende zu machen. Was soll aus unserem Staatsgebäude und der Volksregierung ohne den Bruder Girolamo werden?

Zweiter Prior. Hätten wir ihn nicht vom Hauptmann Giovacchino und von Marcuccio Salviati begleiten lassen, so hätte der Pöbel ihn in Fetzen gerissen, so wütend war er, sich um ein Schauspiel gebracht zu sehen, an dem er sich in der Phantasie seit vierzehn Tagen ergötzte.

Der Gonfaloniere. Es ist nicht zu leugnen, hochedle Herrn, des Bruders Popularität sinkt beträchtlich. Die Medici verteilen überall Geld; ich weiß das gewiß. Man muß überlegen ... So können die Dinge nicht lange bleiben. Die Arrabbiati und die Compagnacci durchziehen bewaffnet die Straßen. Fassen wir einen Entschluß. Es handelt sich um unser eigenes und das öffentliche Beste.

Dritter Prior. Wenn es geht, wollen wir uns niemanden, keiner Partei gegenüber bloßstellen. Mein Rat wäre, wir ließen dem Bruder eine Anweisung zugehen, die Stadt zu verlassen. Merket wohl auf meine Begründung. Indem wir so verfahren, retten wir dem Mönche das Leben, und wir müssen es ihm, wie seinen Freunden, wohl zu Gemüte führen, damit sie nicht daran zweifeln und sich nicht gegen uns wenden; sodann stellen wir Rom zufrieden, da wir den Mahnbriefen zu gehorchen scheinen und der Bruder tatsächlich seine Predigten einstellen wird, wiewohl wir hierüber nichts verordnet haben; ferner benehmen wir den Anhängern der Medici den Vorwand, Lärm zu machen, da der angebliche Anlaß zur Zwietracht beseitigt sein wird. Sind wir einig?

Der Gonfaloniere. Sollen wir darüber beraten, ihr Herren?

Die Prioren. Gewiß, gewiß, es ist Gutes in diesem Gedanken.


Das Gefilde nahe bei Florenz.

Der Arno im Hintergrunde; Wiesen und Bäume.

Ein junger Kupferstecher. Dieses neue Werk von Albrecht Dürer nimmt mich im höchsten Grade ein! Ich fürchte, wir Italiener wissen noch nicht den vollen möglichen Nutzen aus der Erfindung Finiguerras zu ziehen. Und doch ist sie der Ruhm der Florentiner! Ich will die deutsche Weise studieren; ich will ihr Verfahren ergründen, und wenn ich's nicht besser, oder allermindestens ebenso gut fertigbringe, so werde ich mich darüber zu Tode grämen.


Das Kloster San Marco.

Der Chor der Kirche. – Großes Gedränge, die Männer meist bewaffnet; Mönche, gleichfalls bewaffnet; Bruder Girolamo, Bruder Silvestro, Bruder Sacromoro, Bruder Buonvicini, Francesco Valori, Luca degli Albizzi, Vespuccio.

Bruder Girolamo. Beruhigt euch, Brüder! Kinder! Jetzt ist der Augenblick, euch unerschrocken zu zeigen! Laßt euch nicht von der Furcht übermannen, noch ist nichts gefährdet!

Bruder Sacromoro. Seid ruhig, Vater! Wir werden alle lieber sterben als Euch verlassen.

Bruder Girolamo. Gott müßt ihr dienen, nicht mir.

Bruder Silvestro. Was ist das für Geheul?

Bruder Buonvicini. Der Feind dringt in die Kirche. Schreckliche Menge! Wilde Gestalten!

Luca degli Albizzi. Wir dürfen nicht eine Minute verlieren. Bruder Girolamo, gebt Befehl, die Gewehre zu laden!

Bruder Girolamo. Was denkt Ihr? Im Tempel des Herrn!

Luca degli Albizzi. Treibt Ihr Euren Spott? Ist es besser, darin niedergemetzelt zu werden? Greifen wir an, ehe man uns angreift, und ich stehe Euch dafür, daß wir noch die Stärkeren sein werden.

Francesco Valori. Ich bitte Euch inständig, Herr Luca, keine Torheit! Mäßigt Euch! Die Leute der Medici würden nicht unterlassen zu sagen, daß wir sie herausfordern. Zeigen wir uns edelmütig.

Luca degli Albizzi. Zeigt euch als Tröpfe! Ihr habt das Feigheitsfieber und findet kein Arg darin diese Krankheit Klugheit zu nennen. Wohlan! Wohlan! Ihr seid verloren! Ich habe keine Lust, meine Knochen diesen Elenden auszuliefern und verlasse Florenz; sie sollen nur zu mir kommen, da regnet's Büchsenschüsse! Gott befohlen! Vorwärts, wer warmes Blut in den Adern hat. (Er zieht sein Schwert und geht ab, von seinen Freunden umgeben.)

Zahlreiche Stimmen. Wir folgen Euch! Wir folgen Euch!

(Musketensalve. Ein Mann kommt gelaufen.)

Der Mann. Bruder Girolamo! Wo ist Bruder Girolamo?

Bruder Girolamo. Hier bin ich!

Der Mann. Die Signoria sendet Euch in die Verbannung! Die Compagnacci bringen den Befehl! Ach Gott! ach Gott! Sie wollen Euch nur ermorden! Es sind ihrer mehr als achthundert! mehr als dreitausend! Sie nahen schon, sie haben diesen Augenblick zwei Menschen erwürgt! Da sind sie! Verbergt Euch! rettet Euch!

Bruder Girolamo (zu den Mönchen.) Brüder, in eure Chorstühle! ... Wenn wir sterben sollen, so sei es da! ... O Florenz! Florenz!

(Großer Lärm; die Frauen flüchten sich kreischend in die Kapellen, Die Compagnacci und die Arrabbiati geben Büchsenschüsse ab und hauen unter Wutgeschrei auf das Volk ein.)

Ein Compagnaccio. Macht, daß ihr fortkommt, ihr Gesindel! Die Signoria zieht alle Güter der Laien, die hier bleiben, ein!

Francesco Valori (zu einem Offizier). Ist das wahr, Herr?

Der Offizier. Vollkommen wahr! Die Herren Acht haben keinen andern Gedanken, als gute Ordnung wiederherzustellen, und ich fordere euch auf euch zurückzuziehen.

Francesco Valori. So wollt Ihr also den Tod Bruder Girolamos?

Der Offizier. Im Gegenteil, wir wollen den Frieden, und in dieser Absicht trennen wir die Kämpfenden.

Bruder Sacromoro. Das ist empörend!

Ein Compagnaccio. Schweig, dicker Mönch, oder ich reiße dir den Bauch auf!

Bruder Girolamo. Die Menge erdrückt uns, laßt uns in die Kreuzgänge treten!

Bruder Sacromoro. Wir wollen die Glocken läuten, um unseren Leuten ein Zeichen zu geben!

Francesco Valori. Ich beschwöre euch, tut nichts der Art! Mäßigung! Ruhe! Haltet Maß! Ich eile, die Prioren zu bereden, daß sie alledem ein Ende machen.

Bruder Buonvicini. Verteidigen wir uns! Zu den Waffen! (Die Mönche ziehen mit Mühe Bruder Girolamo mit sich ins Kloster und schließen die Tore. Man schlägt sich in der Kirche.)


Ein verfallenes, fast gar nicht möbliertes Zimmer.

Herr Bernardo Nerli, seine Frau, ein krankes Kind in einer Wiege eingeschlafen.

Bernardo. Acht Soldi für ein Testament und vier Soldi für die Schenkungsurkunde: das macht zwölf Soldi; dann sieben Danari für den alten gelben Rock, den ich eben verkauft habe, das macht uns zwölf Soldi sieben Danari.

Die Frau. Ich glaube, daß das Kind weniger Fieber hat.

Bernardo. Möchte der Himmel dich erhören, mein Unschuldskind. Ja, es glüht weniger ... Also: Zwölf Soldi sieben Danari! Laß dir noch sagen, unser Nachbar, der Schneider, hat mir ein Maß Korn für das Sonett versprochen, das ich ihm heute Abend, aus Anlaß der Verlobung seiner Nichte, geben soll.

Die Frau. Das ist ein großes Glück, und es bleibt uns noch das halbe Viertel vom Zicklein.

Bernardo. So glaube ich denn, daß wir uns als aus der Not betrachten können.

Die Frau. Das sagte ich dir ja gestern; ich bin nicht sonderlich beunruhigt; wenn's nur dem Kleinen besser ginge!

Bernardo. O! meine Herzliebe! ... Daß Gott ihn uns doch erhielte! (Man hört Büchsenschüsse). Wann werden sie denn mit ihrem Lärm aufhören, die Räuber da? ... Bruder Girolamo und seine Gegner, ich möchte sie im heißesten Winkel der Hölle sehen! Solange sie leben, wird's nicht möglich sein, sein Brod zu verdienen!

Die Frau. Ach! du hast wohl recht! Anstatt soviel zu predigen und soviel zu reden, täten sie besser uns arbeiten zu lassen!

Bernardo. Ich will mein Sonett schreiben ... Und das Kind?

Die Frau. Es geht ihm besser.

Bernardo. Komm in meine Arme!


Vor dem Hause Francesco Valoris.

Vincenzo Ridolfi, Tornabuoni, eine Menge Compagnacci und Arrabbiati; sie schlagen wiederholt heftig an die Tür, um sie einzutreiben.

Die Frau Valoris (an einem Fenster). Liebe Herren, ich schwöre es euch, mein Mann ist nicht hier! Er ist abwesend! Ach! mein Gott! mein Gott!

Ridolfi. Wo verbirgt er sich? Antworte, Weibsbild! Wo ist er, der Feigling?

Die Frau. Herr Ridolfi, ach Erbarmen!

Tornabuoni. Werft mir doch diese verfluchte Tür ein, ihr da! Seid ihr bald fertig?

Rufe der Stürmenden. Viktoria! Der Eingang ist frei! Geplündert! Geplündert!

(Die Tür fällt ein, die Menge stürzt sich in das Haus.)

Ridolfi. Bringt die Kreatur herbei!

Tornabuoni. Kein Erbarmen für die Valori! Gedenkt der Medici!

(Die Frau und ihr Kind werden herbeigebracht.)

Die Frau. Gnade! Gnade! Mein Mann ist abwesend, ich schwöre es euch!

Ridolfi. Aber ich habe dich! Auf die Kniee! Elende, auf die Kniee! Zertretet mir dieses Wölfchen!

(Die Frau schreit fürchterlich auf; sie wird bei den Haaren ergriffen und auf dem Leichnam des Kindes erwürgt.)

Francesco Valori (herbeieilend). Was tun sie, mein Gott? Was tut Ihr? Mein Weib! mein Neffe! ... Ridolfi! Mörder!

Ridolfi (ihm einen Degenstoß versetzend). Da, nimm das, für deine Schmähreden!

(Valori sinkt um; sie geben ihm den Rest, und der Pöbel schleift seinen Leichnam unter Geschrei über das Pflaster.)


Das Innere des Klosters San Marco

Die Kreuzgänge. Die Mönche; Bruder Girolamo; die Menge dringt heulend in die Einfriedigung.

Bruder Girolamo. Was wollen sie?

Bruder Buonvicini. Dich gefangen nehmen, ich werde dich nicht verlassen.

Bruder Girolamo. Aber was habe ich ihnen Leids getan? Noch gestern liebten sie mich! Gleichviel! Wehren wir uns, Kinder!

Bruder Sacromoro. Das heißt das Kloster in die größte Gefahr bringen. Ihr seid unser Hirte; der gute Hirte giebt sein Leben für seine Schafe.

Bruder Girolamo. Sei es! Du sprichst wahr. Ich will zum Tode gehen. Undankbares Volk, was willst Du?

Ein Optimist. Die Signoria verlangt einzig von Euch, daß Ihr Euch ergebt. Man will Euch nichts zu leide tun!

(Ein Hagel von Steinen wird gegen Bruder Girolamo geschleudert.)

Ein Compagnaccio (ihn mit der Faust schlagend). Weissage, wer dich schlägt!

Ein Anderer. Da! auch was mit dem Fuß!

(Ein Dritter verrenkt ihm die Finger; er stößt einen Schrei aus.)

Eine Frau. Ha! der feige Wicht, er greint!

Ein Arrabbiato. Geh' doch! Die Acht verlangen nach dir!

Bruder Girolamo. Ich gehe! Mißhandelt meine Brüder nicht! Ach! Florenz! Florenz! Alles ist zu Ende!


Ein Saal im Palazzo Vecchio

Die Kommissare des Papstes, Romolino und Pater Turriano, Ordensgeneral der Dominikaner; der Gonfaloniere Piero Popoleschi.

Piero Popoleschi. Wir haben in allem unser möglichstes getan, und wir hoffen, daß Seine Heiligkeit mit uns zufrieden sein wird.

Romolino. Das werden wir sehn müssen.

Piero Popoleschi. Wir haben Bruder Girolamo zum Scheiterhaufen und darauffolgendem Henken verurteilen lassen. Was wollt Ihr mehr? Seine beiden Helfershelfer, Bruder Silvestro und Bruder Buonvicini, werden dieselbe Strafe erleiden. Das heißt nicht schwach sein, denke ich! Endlich, die Hauptpiagnoni sind entweder verbannt oder zu Geldstrafen verurteilt; so Pagolantonio Soderini zu dreitausend Gulden, und Herr Niccolo Machiavelli, der arm ist wie Hiob, zu zweihundertfünfzig. Ich weiß nicht, was man noch mehr von uns verlangen könnte.

Romolino. Ihr habt Zeit gebraucht, um von Euren Irrtümern zurückzukommen, Herr Gonfaloniere.

Piero Popoleschi. Je nun! Wir mußten dem Volke zu gefallen sein und mit den Wölfen heulen. Als der Wind umschlug, haben wir mit Freuden den rechten Weg eingeschlagen, und Ihr seht unsere Taten.

Romolino. Sie sind nicht so übel. Nun ans Werk! Wir haben Auftrag, die Art Eures Gerichtsverfahrens gegen Bruder Girolamo zu prüfen, und wir wollen ein tüchtiges Feuer veranstalten, denn ich trage die Verurteilung bei mir. Führt die Zeugen herein! (Mönche von San Marco werden herbeigebracht.) Guten Tag, guten Tag, liebe Väter. Ihr wißt, wessen der Schuldige sich erkühnt hat. Ihr habt ihn am Werk gesehn. Erklärt euch. Ist er zu Recht verurteilt? Ich frage den, den man mir als den Ehrenwertesten bezeichnet hat. Pater Malatesta Sacromoro, tretet näher!

Bruder Sacromoro. Euere Hochwürden, sieben Jahre lang haben wir geglaubt, was Bruder Girolamo uns lehrte. Er war unser Generalvikar. Er hat seine Gewalt über unsere Geister mißbraucht.

Romolino. So seid Ihr davon wenigstens für künftighin wohl überzeugt?

Bruder Sacromoro. Gründlich.

Romolino. Das ist ein braver Mann. Betrachtet Ihr also, mein Freund, die Aktenstücke des Verhörs als vollkommen rechtsgültig?

Bruder Sacromoro. Gewiß, Euere Hochwürden.

Romolino. Nach Eurer Meinung sind Bruder Girolamo und seine Mitschuldigen von der weltlichen Gerichtsbarkeit zu Recht verurteilt worden?

Bruder Sacromoro. Es ist nichts dagegen einzuwenden.

Romolino. Ich lobe Eure Redlichkeit und den Geist der Wahrheit, der Euch beseelt. Zieht Euch zurück, lieber Freund, man führe nun die Schuldigen herein.

(Die Soldaten führen Bruder Girolamo, Bruder Silvestro und Bruder Buonvicini, mit Stricken gebunden, herbei.)

Romolino. Bruder Girolamo, Ihr wißt, daß Euer hochwürdigster Ordensgeneral und ich hier die Heiligkeit unseres Herrn, des Papstes, vertreten, und daß wir alle Eure Betrügereien genau kennen. Es würde Euch nichts nützen uns zu belügen. Bringt zu Eurer Verteidigung vor, was Ihr wollt.

Bruder Girolamo. Während sieben Jahren habe ich in dieser Stadt gepredigt. Ich habe mein Bestes getan, um die Liebe zu Gott und reine Sitten darin einzuführen. Ich habe mich vielleicht oft getäuscht. Ich bin nur ein armseliger Mensch, und als solcher habe ich geirrt; aber ich habe nur das Gute gewollt.

Romolino. Ihr seid ein Unverschämter! Ihr habt gelogen wie ein Teufel! Eure eigenen Aussagen bezeugen es; und es ist allzu dreist, hierherzukommen und eine solche Sprache gegen uns zu führen.

Bruder Girolamo. Mein Fleisch ist schwach und stützt meinen Geist nicht. Ich gestehe es unter Tränen: ich habe gegen die Wahrheit gesündigt, indem ich auf der Folterbank erklärte, was nicht wahr ist. Es ist mir unmöglich, die Folter zu ertragen. Aber ich leugne, was das Leiden mir entrissen hat.

Romolino. Geht! Geht! Wir sind nicht Eure Narren! Was Ihr bekannt habt, gehört uns! Wir glauben daran! Ihr spielt in diesem Augenblick Komödie!

Bruder Buonvicini. Ihr beschimpft einen Heiligen! Gott wird Euch strafen!

Bruder Girolamo. Ach! meine Sorgen, meine Schmerzen, meine Mühen, mein Sehnen Gutes zu tun, nichts hat gefruchtet! Ich wollte den Glauben retten; ich habe nichts vermocht! Meine Trugbilder sind zerronnen. Ich habe Hirngespinste verfolgt. Es ist besser, ich sterbe, und ich wünsche es seit langem.

Romolino. Das ist ja nicht auszuhalten! Spannt diesen starrsinnigen Menschen von neuem auf die Folter, sonst widerspricht er uns nur.

(Die Henker bemächtigen sich Bruder Girolamos.)


Auf dem Gerichtsplatz.

Das Schafott. Eine fliegende Brücke aus Brettern führt von der Ringhiera auf die Terrasse mit dem Scheiterhaufen. – Die Menge; mehrere Kinder spitzen mit Messern Stöcke zu.

Ein Bürger. Wir werden eine gute Stunde zu warten haben. Glaubt es mir. Ich kenne die Manier unserer Regierenden. Sie geben sich gar keine Mühe uns gefällig zu sein. Warum sind wir nicht noch unter dem Schutze Lorenzos des Prächtigen oder seiner erlauchten Familie?

Zweiter Bürger. Ich denke, daß wir eines Tages da wieder hinkommen müssen.

Erste Frau. Ach! das hübsche Kind! Ist es Euer, Monna Teresa?

Zweite Frau. Ja, meine Liebe. Es ist mein Ältester.

Erste Frau. Komm an mein Herz, Engelchen! Seht doch die schönen schwarzen Haare!... Was machst du da, mit deinen artigen Kameraden?

Das Kind. Wir machen unsere Stöcke recht scharf.

Zweiter Bürger. Ah! mein kleiner Schlaukopf, was habt ihr damit vor?

Das Kind. Wir wollen Bruder Girolamo in Füße und Beine stechen, wenn er über die Brücke geht. Wir stecken uns drunter, und ... pitsch! pitsch! (Gelächter.)

Erste Frau. Sind das Schelme, mein Gott! Sind das Schelme! Komm, laß dich in den Arm nehmen, mein Herzchen! Wie nett er ist!

Erster Bürger. Wohl den Staaten, wo die Kinderwelt zu rechter Zeit lernt mit der öffentlichen Meinung zu harmonieren!


Auf dem Schafott.

Bruder Girolamo, Bruder Silvestro, Bruder Buonvicini. – Bruder Niccolini, Bruder Girolamos Beichtvater.

Bruder Niccolini (zu Bruder Girolamo). Ich wage nicht Euch, mein Vater, von Ergebung zu sprechen, der Ihr so viel für dies unglückliche Volk gebetet habt!

Bruder Girolamo. Segnet mich!

Bruder Buonvicini. O daß ich noch weit mehr zum Ruhme Gottes erleiden möchte! Warum nicht uns verbrennen, ehe man uns henkt? So lautet der Text des Urteils.

Bruder Girolamo. Mein Freund, mein Sohn, vergiß nicht, daß wir nur den Willen dessen zu tun haben, der im Himmel ist!

Bruder Silvestro. Ich will zu dieser verführten Menge sprechen!

Bruder Girolamo. Nein, Silvestro, wenn du mich liebst, nicht ein Wort! ... Armes Florenz! ... Armes Italien! ... So heiß war mein Verlangen, sie zu retten! ... Warum läßt man uns so warten?

Hauptmann Giovacchino. Das macht der Tölpel von Bischof von Baison, der, statt zu kommen und Euch Eurer Würden zu entsetzen, wie sein Auftrag ist, kein Ende findet mit den Kommissaren zu schwatzen!


Die Menge vor dem Scheiterhaufen und dem Galgen.

Volk, Mönche, Bürger, Frauen, Kinder.

Ein Mann. Er ist derb gefoltert worden, der Schuft!

Eine Frau. Was haben sie mit ihm gemacht?

Der Mann. Sie haben ihm mehr als sechsmal die Wippe gegeben. Das ist hart, laßt 's gut sein! Er ist auf allen Seiten zerschlagen! (Gelächter.)

Ein Kind. Das ist recht!

Ein Kaufmann. Kleiner Schelm, man hätte dir's gerade so machen sollen, dafür daß du mir die Spiegel zerbrochen hast, die ich in meinem Laden hatte; 's ist kaum vierzehn Tage her.

Das Kind. Der Tausend! sie hatten mir gesagt, ich solle sie zerbrechen, da habe ich sie zerbrochen!

Eine alte Frau. Es hat recht, das Kind! Wir sind alle von diesem Bösewicht zum besten gehabt worden, der uns das liebe lange Jahr zum Fasten verurteilte!

Ein Handwerker. Waren wir dumm! ... Ah! ... Er steigt auf die Leiter! Da ist er oben ... Werden sie ihn nicht lebendig verbrennen?

Ein junges Mädchen. Ich hoffe, doch. Sagt doch, Herr Soldat, wird er nicht verbrannt?

Der Soldat Er wird erst gehenkt, mein reizendes Fräulein.

Das junge Mädchen. Ach! das ist schade! Ich bin von so weit hergekommen, um zu gucken! Danke, Herr Soldat!

Der Soldat. Gerne geschehen, schönes Kind. Ihr könnt noch mehr vortreten, wenn Ihr wollt. Stellt Euch vor mich, da ... Ihr werdet's bequemer haben.

Das junge Mädchen. Richtig. Komm doch her, Marianne!... Nein! ich bitte Euch, faßt mich nicht so um den Leib! ... Was sind das für zwei andere, die neben Bruder Girolamo hinaufsteigen?

Ein Schlosser. Wie, Ihr erkennt sie nicht? Ich, wie ich da vor Euch stehe, ich versäumte nie eine einzige ihrer Predigten, zu der Zeit, da ich irregeführt war! Es ist Bruder Silvestro und Bruder Buonvicini!

Das junge Mädchen. Wie bleich sie sind!

Ein Schlachter. Potztausend! das kommt, weil sie auch gefoltert sind, wie sich's gehört!

Das junge Mädchen. Ich bitte Euch, Herr Soldat, laßt mich gehen! ... Sagt lieber, was das für zwei Herren sind, die auf der Tribüne so ein Gebärdenspiel machen.

Der Soldat. Mein Liebchen, das sind die apostolischen Kommissare! ... Sie heißen ... Auf Ehre! Zum Teufel! ich habe ihre Namen vergessen! Ihr solltet mir lieber sagen, wo Ihr wohnt!

Eine alte Dame (mit einem Hündchen im Arm). Sollte es wahr sein, daß der ehrwürdige Vater Girolamo mit glühenden Zangen gezwickt worden wäre?

Ein Bürger. Man hätte wohl allen Grund es anzunehmen. Indessen wäre es auch möglich, daß ich mich täuschte und Euch anführte, was mir äußerst leid tun würde, das bitte ich mir zu glauben.

Die alte Dame. Ich bin Euch sehr verbunden für Eure Freundlichkeit. (Der Hund bellt den Bürger an.) Halt den Mund, Schatz. Verzeiht ihm, Herr; das kommt, weil er Euch nicht kennt.

Der Bürger. Diese Vierfüßler haben das nun einmal an sich, sich so aufzuführen. Hat nichts zu sagen, gnädige Frau. (Er entfernt sich.)


Auf dem Schafott.

Die drei Verurteilten, der Bischof von Baison, Dominikanermönche, Henker.

Der Bischof. Bruder Sebastiano, nehmt diesem Manne das heilige Gewand Eures Ordens! ... Zieht alles aus! laßt ihm nur das Hemde! Ist's geschehn? ... Wohlan! ... Und jetzt, Savonarola, scheide ich dich von der Gemeinschaft der Gläubigen und von der Gemeinschaft der Seligen!

Savonarola. Dies letztere übersteigt Eure Gewalt.

Der Bischof. Habt Ihr seine Mitschuldigen entkleidet?

Bruder Sebastiano. Ja, Hochwürden, sie sind im Hemde, wie er.

Der Bischof. Er soll sie hinrichten sehen. Henker, tut was Eures Amtes ist!

Bruder Silvestro. In manus tuas, Domine.

(Sie henken ihn.)

Buonvicini. Jetzt ist's an mir, nicht wahr? Lebt wohl, Bruder Girolamo!

Savonarola. Bis über einen Augenblick, willst du sagen.

(Sie henken Buonvicini.)

Der Bischof. Und hiermit zu Euch, dem Erzketzer!

(Savonarola blickt auf die Menge; die Scharfrichter ergreifen ihn.)


Auf dem Platze.

Ein Bürger (zu seiner Frau). Das war eine recht hübsche Ceremonie, ja sogar imponierend! ... Aber ich glaube, es wird Regen geben ... Komm heim!

Die Frau. Ja, mein Lämmchen, wir wollen heim! Ich habe Angst vorm Erkälten.


Das Haus Herrn Niccolo Machiavellis.

Ein Saal. Machiavelli sitzt an einem Tische, der mit Bergen von Büchern und Papieren bedeckt ist. – Es ist Abend. – Dämmerung.

Machiavelli. Armer Girolamo! ... Sie haben ihre Absicht mit ihm erreicht! ... Sie haben ihn jahrelang gehetzt, und endlich haben sie ihn in die Enge getrieben ... umstellt ... gefangen ... getötet! Es war das einzig mögliche Ende! ... Dieser Mann lebte in einem Traume! ... Er hatte sich seit seiner frühsten Jugend ein Dichtwerk von Religion, von Reinheit, Ehrbarkeit, Weisheit, Redlichkeit aufgebaut. Weil er sich die Ausübung all dieser schönen und guten Phantasiedinge als möglich dachte, nahm er sie als wirklich an, und sah nicht, daß die Welt um so mehr davon redet, je weniger sie davon weiß ...

Armer Girolamo! Weil er rein war von allen ausschweifenden Leidenschaften, weder ein Spieler, noch ein Wollüstling, weder ein Geizhals, noch ein Verschwender, weder ein Hoffärtiger, noch ein Possenreißer, wähnte er auch die Sterblichen, die sich um ihn her bewegten, vollkommen fähig sich von allem Schlechten freizumachen; und endlich, weil er die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht schaute, so konnte er es gar nicht einmal fassen, daß der größte Teil seiner Mitbürger, wenn nicht fast alle ... ach! großer Gott! wir dürfen wohl sagen alle, bis auf seltene Ausnahmen! – so zugeschnitten sind wie die Götzenbilder der Moabiter, mit Augen um nicht zu sehen und Ohren um nicht zu hören. Man kann getrost nach Herzenslust die Tugenden in ihrer ganzen Pracht vor ihnen ausbreiten, sie werden nie auch nur das Mindeste davon begreifen, und am Ende als Tröpfe darüber lachen!

Armer Girolamo! Anzunehmen, daß Redlichkeit mehr sei als ein reiner Begriff, eine besondere Gabe einiger einsamer Herzen! ... Und daher, infolge dieses Fehlers, dieses sehr großen Fehlers, hat er unter uns das Reich des Friedens, der Freiheit, der Gerechtigkeit zu gründen gesucht, was wir mit dem Bürgerkriege, der Entweihung des Rechts, den Metzeleien, den Blutströmen auf dem Straßenpflaster, und deinem eigenen Tode, und im übrigen mit der sicheren Rückkehr der Medici bezahlen! Da hat man's, was es heißt, falsche Prämissen aufstellen und sich über die wahre Beschaffenheit der Menschen täuschen ... Armseliges Getier!

Was mich angeht, ich bin nicht viel klüger gewesen, und ich habe mich Täuschungen hingegeben, denen ich in diesem Augenblicke auf ewig Lebewohl sage. Mein Gedankenspiel mit Freiheit und Ordnung hat mich einen Augenblick verführt. Piero Soderini sah klarer. Jetzt bin ich gestraft. Aber für die Zukunft, um Himmels willen! was soll man da wünschen? Ist unser armes Italien dazu verurteilt, für immer das Joch der kleinen Despoten und der Zwingherrn von der Gasse zu tragen? Ist es ein Beutestück, unrettbar erbarmungslosen Fremdlingen heimgefallen? Kann man sich nicht, ohne in lächerliche Torheiten zurückzusinken, irgend eine höhere Bestimmung für es denken, als die schmachvollen Orgien, in denen wir uns jetzt herumwälzen?! Italien, Italien, die Mutter so vieler großer Männer, der Brennpunkt so vieler Lichtstrahlen, das Gebinde so vieler Kräfte! ... Wenn unter den Schurken, die uns jeden Tag mit Blut besudeln, sich wenigstens ein Sulla, ein Octavius fände! In Zeiten des Aufruhrs, in Epochen der Zuckungen wie die unsrige, ist solch ein Finden gewöhnlich; es ist eins mit dem Notwendigen. Laß sehn! ... laß sehn! ... Wer könnte dieser Mahomet ... dieser Tamerlan ... dieser rettende Bandit sein? ... Ein Sforza? ... Nein! Die sind leere Gräber! ... Ein Gonzaga? ... Ebensowenig! ... Ein Malatesta ... ein Baglione ... ein Bentivoglio? Mittels einiger Dutzend Strauchdiebe eine Stadt in Banden schlagen, nichts Schöneres lassen sie sich träumen! ... Morden, vergiften, verraten, steigen, fallen ... das ist ihr Los! Immer das gleiche Spiel ... Aber inmitten dieser schamlosen und wilden Rotte gewahre ich dennoch einen ... Er überragt die übrigen um Haupteslänge ... Er hat andere, höhere Ziele. Er ist nicht weniger schlecht; er will unendlich viel mehr, und das ist ein unermeßliches Verdienst! ... Welch seltsames, fürchterliches Geschöpf! ... Gewandt und listig wie die Schlange, treulos wie der Leopard, ehrsüchtig wie der Adler, scheut er sich nicht, unseren mit Schrecken geschlagenen Ränkeschmieden ganz laut ins Gesicht zu rufen: Aut Caesar, aut nihil! Ich würde nicht überrascht sein, wenn wir durch Tausende von Verbrechen hindurch und über den blutigen Haufen von Mißgeschick hinweg, den Girolamos mörderische Rechtschaffenheit aufgehäuft hat, eines Tages gerettet würden durch die verruchte Geschicklichkeit und Kühnheit Cesare Borgias!

Aber was für ein Lärm! Ach! ... es ist nichts ... Es ist Monna Marietta, mein Weib ... Sie zankt mit der Magd ... Ich will mich fortmachen, damit ich nicht selbst gezankt werde; ich habe was andres zu denken.

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