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Die Reiseschatten

Justinus Kerner: Die Reiseschatten - Kapitel 9
Quellenangabe
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typedrama
authorJustinus Kerner
titleDie Reiseschatten
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1826
printrunErste Auflage
editorGunter E. Grimm
year1996
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achte Schattenreihe

Erste Vorstellung

In dem Postwagen befand sich niemand, als der Kondukteur und ein Jude.

Ich lehnte, als schon der Tag angebrochen war, noch stumm in einer Ecke des Postwagens, und dachte den gesehenen Bildern nach.

Der Jude war ein Zahnarzt, wie ich aus seinen Reden vernahm. Ich bemerkte, daß er mich mit gespannter Aufmerksamkeit ansah, und nicht erwarten konnte, bis mein Mund sich zum Reden öffnete, und meine Zähne sich ihm darstellten, daher schwieg ich geflissentlich, ob er mich gleich durch allerlei Erzählungen zum Sprechen nötigen wollte, wodurch er den ganzen Weg über in eine große Unruhe versetzt wurde.

Unter anderem erzählte derselbe Jude, daß der Feind in Ulm mit klingender Münze eingezogen sei; wahrscheinlich wollte er sagen: mit klingendem Spiel.

Wir fuhren durch das Universitätsstädtchen Mittelsalz ein. Unter der Torhalle waren so viele Leute versammelt, daß der Postwagen nicht mehr weiter konnte, daher stieg ich und der Jude heraus.

Ich erfuhr bald, daß vor einigen Tagen von einem feindlichen Streifkorps den Bürgern die Flinten und Gewehre abgenommen worden, sah sie aber bereits wieder völlig bewaffnet vor den Toren aufgepflanzt. Sie hatten nämlich sinnreiche Surrogate für ihre Waffen erfunden, die, in der Tat, eine weitere Verbreitung verdienten. – Die Degen zu ersetzen, leiteten sie ihre langen steifen Zöpfe den Rücken hinab, und ließen sie, Degen gleich, durch die Rockschlitze herausragen.

Die Kavallerie brachte durch eine gelinde Beugung die Zöpfe in Säbelform, alles auf den Rat des Bürgermeisters, der zugleich Hafner des Orts war, und gerade unter der Torhalle, wo sonst eine Reihe Flinten an Haken hing, ein Freskogemälde vollendete, darstellend zwölf Paar geladene Flinten, wie auch unter ihnen mit deutlicher Schrift zu jedermänniglicher Warnung zu lesen war: » zwölf Paar scharfgeladene Flinten.« –

Der Bettelvoigt, der vor das Gemälde gestellt wurde, um Kinder und andere neugierige Leute zu warnen, nicht die Flinten zu betasten, mochte bis jetzt noch überflüssig gewesen sein: denn noch waren die Flinten naß, und konnten nicht so leicht losbrennen.

Auf dies machte ich auch meinen Begleiter Moses aufmerksam, der in einer ehrerbietigen Entfernung stehen geblieben, ob er gleich ein kurzes Gesicht hatte.

Da ich aber dieses wunderbare Gemälde vor allem mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, fiel ich dem Künstler auf, er stieg, als er es vollendet, von seinem Gerüste nieder, begrüßte mich als einen Freund der Künste, und lud mich ein, mit in seine Wohnung zu gehen, allwo er mich mit seinem erst kürzlich entdeckten Stadtsoldatensurrogat bekannt machen werde.

Ich dankte ihm für sein Zutrauen, und folgte ihm mit Moses in seine Wohnung, indem ich auf dies Stadtsoldatensurrogat ausnehmend begierig war. –

Zweite Vorstellung

Der Künstler führte uns durch viele kleine Gäßchen seinem tönernen Hause zu. Moses blies mir immer leis in die Ohren: der Kerl sei gewiß ein Seelenverkäufer, er kehre um; – ich aber führte ihn fest am Arme mit mir. Als wir in die Stube eingetreten waren, verschloß der Künstler hinter uns die Türe. »Meine Entdeckung,« sprach er, »ist noch ein Geheimnis, wir könnten bei ihrer Betrachtung von einem Ungeladenen überrascht werden.« Moses zitterte, und blieb fest an der Türe stehen.

»Befürchten Sie nichts, Herr Moses,« sprach der Künstler, »er tut Ihnen noch nichts: denn der Schlagschatten, der dem Kerl eigentlich noch das schlagfertige Ansehen geben muß, ist noch nicht vollendet.«

Bei diesen Worten zog er unter der Bettstelle ein derbes Brett hervor, drehte es um, und wir erblickten auf ihm einen gemalten Stadtsoldaten, und zwar in der Positur, die für ihn die nötigste ist, und in der er gewöhnlich am längsten ausharrt – in der schlafenden.

»Dieses Brett nun,« sprach der Künstler weiter, »wird der Stadt angehängt, wie exempli gratia zum Beispiel – ich finde kein Beispiel –« »– wie,« sprach ich, »der Esel dem Schulknaben.« »Bravissimo!« schrie der Künstler. »Nein! Sie können nicht glauben, welche Vorzüge dies Surrogat besitzt.

Sie wissen, daß ein schlafender Löwe, schon nach dem gemeinen Sprichwort, gefährlicher ist, als ein wachender, und so sieht auch ein Stadtsoldat, der schläft, viel grimmiger aus, als ein wachender, denn wie leicht kann einem solchen im Traume einfallen, an was er wachend nie gedacht, daß man den Säbel aus der Scheide ziehen kann?

Dieser Stadtsoldat aber nun hat folgende Vorzüge: 1) der Kerl verschluckt nichts, besonders wenn er mit Ölfarbe gemalt ist. 2) der Kerl bedarf nur alle zehen Jahre Einmal quasi so ein Kommisbrotsurrogat, – einen neuen Anstrich. 3) der Kerl hält gegen Flinte und Degen Stich, ja steht wie eine Mauer, wenn er auf die Stadtmauer gemalt wird. Und nun, 4) das eine Haupttugend ist, und unbezahlbar an einem Soldaten wirklicher Zeit, – der Kerl denkt nichts.«

»Aber der Kerl wehrt sich nicht,« versetzte Moses. »Warum?« fragte der Verfasser; »tut denn dies ein anderer ehrlicher, wachender oder schlafender Stadtsoldat?

Machen Sie einmal die Probe, gehen Sie hinaus vor das Tor, und stoßen Sie dem alten Schweinshirten, einem unserer ersten Grenadiere, der wirklich da außen die Stadt hütet, mir nichts, dir nichts, geradezu auf den Bauch, und bietet er Ihnen die Stirne, so geschieht es nur, um Ihnen den härtesten, unempfindlichsten Teil seines Körpers Preis zu geben; bietet er Ihnen aber den Rücken, so geschieht es gewiß nicht aus Unhöflichkeit, sondern nur um Ihnen nicht seinen Leibschaden zu sichtbar zu machen.«

»Aber das Surrogat spricht nichts, hört nichts,« versetzte Moses. »Gleicher Fall!« sprach der Künstler. »Gehen Sie hinaus, und schreien Sie eins, zwei, drei, vier, fünf und sechsmal, exempli gratia: Feuerjoh! Mord und Tod! haltet den Mordbrenner, den Räuber, den Beutel- und Gurgelabschneider, den Falschmünzer, den Juden – will ich sagen den Zigeuner, den Kesselflicker, den Hechel- und Mausfallenkrämer, und rufen Sie dies deutsch, plattdeutsch, schwäbisch, schweizerisch, französisch, holländisch, böhmisch und italiänisch, zuerst mit dem Munde, dann mit Begleitung eines Pfiffs aus einem Schlüssel, dann durch ein gerades, dann durch ein krummes Sprachrohr, zuerst zehen, dann sechs, dann vier, und dann nur einen Schritt von dem Produkt, und dann tête à tête mit ihm, und der Kerl wird nicht herumschauen, ja wird kein Wort sagen; wenn Sie ihm noch einen Rippenstoß zum Überfluß versetzen: denn er ist – taubstumm.

Sie fordern von einem Surrogat was selbst das Original nie leistet.«

So sprach der Bürgermeister und Haffner von Mittelsalz zu Gunsten seines Stadtsoldatensurrogats, dem ich meinen Beifall nicht versagen konnte.

Ich nahm gerührt Abschied, Moses blieb, um mit dem Bürgermeister einen Akkord abzuschließen, vermöge dessen er ihm eine Kompagnie Mittelsalzer Stadtsoldaten postfrei zu liefern hatte. –

Dritte Vorstellung

Durch die engen Gäßchen ging ich nun den Weg nach der eigentlichen Universitätsstadt hin.

Bald kam mir da zu Sinne, wie ich vor mehrern Jahren bei meiner Durchreise durch dieses Städtchen meinen Stock im Wirtshause zur salzsauren Schwererde hatte stehen lassen, und als ich dem so nachdachte, kam ein langer dürrer Kerl die Straße hergeschossen, ein großes Manuskript ragte ihm aus der Rocktasche. »Gottwillkomm!« schrie er mir entgegen, »erkennen Sie mich nicht mehr? Betrachten Sie mich recht!« Ich war wie vom Himmel gefallen, als ich in ihm meinen Stock erkannte. »Aber um Jesu Willen!« sprach ich – ich wußte nicht, sollte ich ihn mit Du, Sie oder Ihr anreden.

Zum Glücke fiel er mir in die Rede, und erzählte mir, wie ihn ein Professor in der Ecke des Wirtshauses gefunden, wie unter den Händen dieses Mannes sein schlummernd Genie erwacht, wie derselbe Professor ihn in all' seine Vorlesungen Jahrelang mitgenommen; wie er gänzlich das Wissen seines Herrn, der ihn während des Lesens auch immer an den Mund zu legen pflegte, in sich gesogen; wie er nie ein Wort von den Vorlesungen, die alle über sein Haupt hingesprochen worden seien, verloren; wie er dann endlich, als er Kraft genug in sich gefühlt, aus der Ecke der Bibliothekstube des Professors sich geschlichen, und hinter das Studium der Alten sich heimlich gemacht, es auch durch angestrengten hölzernen Fleiß so weit gebracht, daß er in dem Examen auf das allervortrefflichste bestanden, nun Rezensionen schreibe und als Doktor Legens auftrete.

»Denken Sie nur,« sprach er weiter, »gestern begegnete mir der Italiäner, der mich an Sie verkaufte. Sie hatten mich doch immer sehr gerne, das freut mich! – das waren Tage! – – ich sag' Ihnen, bei Gott! es waren doch selige Tage! o ihr Tage meiner Jugend! –

In Ihrem Geigenkasten legten Sie mich immer nieder. Ja wahrhaftig! ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet O wie mich vor allem Bezirk des Erdreichs jener Ort anlacht, Horaz, Carm. II 6, v. 13, übers. J. H. Voß – – doch, Sie verstehen nicht Latein, wie ich weiß – meine Zuhörer – Sie treten gewiß da nächst, in der salzsauren Schwererde, ab, dahin folg' ich Ihnen in einer Stunde nach.

Vierte Vorstellung

Ich hatte mich kaum von meinem Erstaunen erholt, so war der Doktor schon verschwunden. Nein! sprach ich bei mir, so was ist mir noch nie vorgekommen! das geht über alle Träume! und doch war ich so gänzlich überzeugt, daß der Mann mein Stock war.

Es gibt ungeheuer viel Dinge unter dem Monde, dacht' ich mit Shakespeare, von denen sich unsere Rezensenten nichts träumen lassen, und suchte, als es mir schwindelig zu werden anfing, mir nur alle Gedanken an den Stock aus dem Sinne zu schlagen.

Die salzsaure Schwererde war eine elende, verlassene Herberge, die nicht zu meiner Zerstreuung dienen konnte, auch fürchtete ich das Zusammentreffen mit dem Doktor Legens, der mir ganz bange machte, und mir nicht anders, als wie eine bezauberte Puppe vorkam. Dagegen sah ich in ein benachbartes Haus viele junge Leute eingehen, denen ging ich nach.

Es ging in einen sogenannten Hörsaal, all wo ein Professor Vorlesungen hielt.

Ich hatte mich mit den andern niedergesetzt, und war schon eine geraume Zeit da, ohne daß ich den auf dem Katheder stehenden Mann sprechen hörte, ob ihn gleich die Studenten mit außerordentlicher Aufmerksamkeit ansahen, auch sein Mund sich zu bewegen schien.

Endlich hörte ich mehrere Worte, und vernahm, daß es eine historisch-kritische Vorlesung über den Untergang der Welt durch Wasser war.

Der Professor wurde immer lauter und lauter, und nun tönte seine Rede gar angenehm, wie ein murmelnder Bach. Ich ward bald zum süßesten Schlafe gestimmt, und ward mir zu Mute, wie einem müden Hirten, der seine Glieder an einem Waldbache geruhig zum Schlafe ausstreckt.

Denen Studenten war es allen auch so, alle schliefen bereits, und doch sahen sie den Professor mit offenen starrstaunenden Augen an, worüber er ins geheim eine große Freude empfand.

Gegen meinen Nebenmann, einen Dichter, sprach der Professor immer hin: denn derselbe nickte öfters schlafend mit dem Kopfe, welches der Professor für eine Bezeugung seines Beifalls hielt.

Der träumende Dichter aber ward in eine höchst romantische Waldgegend versetzt. Kühle Lüftchen spielten mit den Zweigen der Buchen, und der Schein des Mondes vermengte sich mit dem grünen Laube.

Die Hütte einer Schäferin blickte aus dem Gebüsche halb im Gezweige versteckt, die Schäferin öffnete das Fenster, und sah den lichten Wolken zu, wie sie über den Wald hinliefen.

Der Träumende wollte schon aus dem Gebüsche treten, um ihr seine Liebe zu gestehen, da kommt ein junger, schöner Jäger des Wegs gegangen, der nähert sich der Hütte und spricht:

Der Tag ist gegangen,
Hier irr' ich allein,
Wie graut mir hier außen!
O laß mich hinein!

Die Schäferin spricht:

Hier innen ist Dunkel,
Die Hütte ist klein,

Der Mond geht da draußen
Du bist nicht allein.

Der Jäger spricht:

Und willst du nicht öffnen,
So geh' ich in Wald,
Und blase mein Hörnlein
Das rüstig erschallt.
Und jage die Wolken
Vom Himmel wohl all',
Dann tanzen die Sterne
Zum lustigen Schall.

Die Schäferin spricht:

Ich fühle, darfst glauben,
Indessen kein Leid;
Ich treibe wohl träumend
Die Schäflein zur Weid';
Ich lausche dem Vogel,
Er singet von Scherz,
Ich liege bei Blumen
Das bringet nicht Schmerz.

Die letzten Worte der Schäferin hatten den furchtsamen Dichter ganz abgeschreckt, obgleich der Jäger schon tief im Walde ins Horn stieß.

Er schlicht sich trauernd ins Gebüsche zurück, um sich am murmelnden Bache weinend niederzulegen, stund auch wirklich im Schlafe auf, und lief bis zum Katheder vor, allwo er sich mit einem entsetzlichen Geheul niederlegte.

Die ganze schlafende Gesellschaft erwachte.

Der Professor äußerte die Besorgnis, daß noch mehrere der Kandidaten durch seine Vorlesung über den wahrscheinlichen Untergang der Welt durch Wasser, in eine so wehmütige Seelenstimmung verfallen könnten, und beschloß eilends die Vorlesung, indem er noch den Trost gab: alle die hier aufgezählten Gründe und Meinungen anderer Philosophen über diese Sache in der morgenden Vorlesung gänzlich zu widerlegen.

Fünfte Vorstellung

Die Studenten erhoben sich, und ich erkannte in einem derselben meinen Vetter, den Steinsammler, worüber ich eine große Freude empfand. Er lud mich ein, sein Zimmer zu besuchen. Dieses war in dem Hause, das man die Teufelsmauer nannte; ein Gebäude, in dem zwanzig Studenten ihr Wesen trieben.

Ich sah gar bald ein, daß eine wundersame Gesellschaft diese Mauern bewohnte; auch mein Vetter, der Steinsammler, war ein gar seltsamer Kerl. Er war dicker Leibeskonstitution, sein Gesicht war wie aus einem Speckstein geschnitten; sein Rock war wie von Granit und dabei fett anzufühlen: denn er trug ihn schon seit Erbauung der galvanischen Säule durch Volta. Die Knöpfe auf demselben Rocke waren von verschiedenem Metall, und durch Berührung mit dem Sauerstoffe der Atmosphäre, wie sich mein Vetter ausdrückte, verkalcht.

Kein Kraut und kein Stein war in der weiten Schöpfung zu finden, dessen Namen mein Vetter nicht wußte; jedem Käfer und jedem geflügelten Samen, der durch die Luft flog, rief er mit seinem Linnéischen Namen zu.

Oft ging er, seinen Linné unter dem Arme, mit vieler Mühe auf einem Dache hin und her, und sammelte zu seinem großen Werke: von den auf alten Dächern wachsenden Pflanzen, neue Blüten. Auch mit Tiersknochen hatte er viel zu schaffen, und legte eine große Sammlung derselben an, weswegen die Fleischerhunde der Stadt seine erklärten Gegner waren.

In seinem Zimmer waren in einem Verschlage ein Dutzend weiße Katzen; die fütterte er auf, pflegte ihrer eigentlich wie man eines Blumenbeets pflegt, und bestrich ihre Bälge täglich mit Fett, damit sie langhaarig werden sollten; alsdann hatte er im Sinne, sie alle auf einmal abzuziehen, um sie zu elektrischen Versuchen zu gebrauchen.

Auf dem Katzenverschlage stunden mehrere mir unbekannte Gewächse. »Ich bemerkte,« sprach mein Vetter, »daß einige Pflanzen, wie einige Menschen, die Nähe der Katzen gar nicht ertragen können, und in ihrer Atmosphäre bald welken, und mache nun mit einer Reihe von Pflanzen bei dieser Gelegenheit Versuche.«

Sechste Vorstellung

Nun fing er an, mir sein Steinkabinett, seine schwache Seite, aufzuschließen, und mir einen Stein nach dem andern mit seinem Namen zu nennen, und dessen Qualitäten zu erklären, worüber ich aber bis zum Sterben Langeweile empfand, inmaßen ich die Steine, Pflanzen und Tiere des Erdbodens wohl gerne ansehe, und ihrer im Stillen gedenke, aber jede Auslegung und Rede darüber nicht ertragen kann.

Zum guten Glücke wurden wir durch einen Jungen unterbrochen, den mein Vetter erst kürzlich zum Bedienten angenommen hatte, und den ich an seinem weiten Grenadiersrocke, trotz eines künstlichen Schnurbartes und eines falschen Zopfes, alsbald für meinen Laternenputzer Felix erkannte.

Der Junge trat mit einem Hunde herein, der sogleich seinen Lauf nach dem Katzenverschlage nahm. Dies bemerkte mein Vetter, und endigte seine mineralogische Vorlesung; denn bereits hatte der Hund eine der Katzen am Schwanze gefaßt, und wollte sie durch das Gitter des Verschlages herausziehen.

Mein Vetter lud gemächlich seine Kleistische Flasche, um dem Hund einen derben Schlag zu versetzen: denn auf eine andre Art wußte er sich nie zu schlagen, oder zu wehren; aber, wehe! auf einmal brach eine der hölzernen Stangen des Verschlages, und zischend mit feurigen Augen fuhren die zwölf Katzen wie wütend heraus, auf uns zu.

»Wehrt euch mit diesen Steinen,« schrie Felix, und nahm einen Stein aus dem Kabinette meines Vetters nach dem andern, und schmiß ihn den Katzen nach.

»Weh meine Mineraliensammlung!« schrie mein Vetter, und wollte den Jungen beim Haarzopfe fassen, als derselbe Haarzopf in seinen Händen zurückblieb, und der Junge, etwas vom Meere in den Bart brummend, die Treppen hinabsetzte.

Die Katzen waren alle schon durch eine verbrochene Fensterscheibe gedrungen, und liefen über des Nachbars Dach auf dem Wetterableiter, wie ein Blitz, hin.

Auf dies machte mich mein Vetter aufmerksam, und so niedergeschlagen er war, so tröstete ihn diese Erscheinung doch einigermaßen. Er erklärte sich den Lauf der Katzen so, indem er annahm, daß durch das Reiben der Katzenfelle an der Glasscheibe, die sie mit Gewalt passierten, sich auf dem Felle Elektrizität in Menge müsse entwickelt haben, welche Elektrizität die Katzen gezwungen hätte, nach dem Blitzableiter ihren Lauf zu nehmen.

»Die Erscheinung ist in der Tat merkwürdig,« sprach mein Vetter, indem er geruhig die Steine wieder in ihre Fächer legte, »und erklärt einigermaßen, warum die Katzen sich so gerne auf Dächern aufhalten.«

Siebente Vorstellung

Jener Dichter, der in den Vorlesungen des Professors sich an den murmelnden Bach legte, hatte auch seine Wohnung in diesem Gebäude.

Mein Vetter nannte ihn den Balladendichter Kullikeia, und lebte mit ihm in beständigem Zwist: denn mein Vetter war gar ein strenger Verteidiger des Verstandes, der Dichter aber behauptete, daß Verstand bloß zufälliges Produkt der Blutzirkulation sei.

Jetzt trat er in meines Vetters Zimmer, eine tönerne Schüssel hatte er wie einen Hut auf den Kopf gestürzt, hatte eine Art Mantel von schwarzem Zwillich an, und in der Hand eine Zither.

Er drehte sich singend im Zimmer umher.

»Seid ihr denn ganz vom Verstände gekommen –« – wollte mein Vetter anfangen, da trat der Hausmeister des Baues hintennach, eine steife Figur mit gepudertem Haare, und einer Gichtrose hinter dem Ohre.

»Herr Kullikeia,« sprach er, »da draußen steht der Pedell, Sie in's Karzer abzuholen; auch ist eine Kommission schon längst auf Ihrem Zimmer versammelt, die Ihre Bücher und Schriften in Beschlag nimmt.

Ihnen im Vertrauen und als Freund gesagt, sind Sie wegen Ihres sonderbaren Betragens denen Herren Professoren schon längst verdächtig; auch sollen Sie, wie man sagt, Gedichte machen.«

»Eben das soll streng untersucht werden,« sprach der herbeigekommene Pedell, »übergeben Sie mir nur in Güte die Schlüssel zu Ihren verschlossenen Kisten und Kästen; die Kommission ist schon längst auf Ihrem Zimmer.«

»Ich habe nichts als ein Faß,« sprach der Dichter, »in dem ist alles, und das steht ohne Deckel da.«

»Die Sache wird nichts zu bedeuten haben,« sprach der Pedell, »ich hoffe, daß man Sie als ehrlichen Mann erfinden wird; die Gedichte werden wohl nur Stilübungen sein.« »Nein! es ist nur zu gewiß, daß er ein Dichter ist,« flüsterte der Hausmeister dem Pedell ins Ohr. –

Der Dichter nahm lächelnd Abschied von uns, er wurde ins Karzer abgeführt, mein Vetter aber warf ihm ein schadenfrohes Gelächter nach, und zog mich mit sich nach dem Zimmer des Dichters. –

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