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Die Reiseschatten

Justinus Kerner: Die Reiseschatten - Kapitel 7
Quellenangabe
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typedrama
authorJustinus Kerner
titleDie Reiseschatten
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1826
printrunErste Auflage
editorGunter E. Grimm
year1996
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechste Schattenreihe

Erste Vorstellung

Der Mühlknecht war des Morgens nicht mehr zu finden; wahrscheinlich war er noch in der Nacht weiter gewandert. Er hatte außen an meiner Türe mit Kreide geschrieben:

»Es stehen zwei Stern' am Himmel,
Die leuchten wie das rote Gold:
Der eine zu meinem Liebchen,
Der andre durch das finstre Holz.«

Ich machte meinen Bündel zusammen, und zog von dannen. Es war noch früh am Tage. Die Städter lagen noch all' in ihren Betten: denn es waren die Läden der Fenster rings an ihren Häusern verschlossen.

Die Hähne aber waren schon wach, und riefen einander aus den entferntesten Höfen zu; auch hörte ich den Schlag einer Wachtel.

Ich watete geflissentlich recht in dem betauten Stadtgras: denn meine Schuhe waren noch von gestern sehr bestäubt, und wurden jetzt wieder ganz neu und schwarz, worüber ich eine gar innige Freude empfand: denn ich erkannte, daß dieses Stadtgras absichtlich der Reinlichkeit wegen erhalten wird, und eigentlich eine Reihe blühender Schuhbürsten darstellt. Das Stadtpflaster aber war, so zu sagen, ein Blasenpflaster: denn es war gar scharf, und jämmerlich bestellt. –

Die vielen Bäume dufteten gar herrlich durch die Stadt, und waren recht wach; durchkreuzten auch schon die Schwalben und Sperlinge pfeifend die Straßen, und nisteten unter den Dächern und Bogengängen der Häuser.

An dem Tore hielt ein Bürger Wache; der war wohl tief in Gedanken über die teure Zeit versunken, oder schlief er; er war an das Schilderhaus gelehnt, hatte die Augen fest verschlossen, über dem Mund aber lief ihm eine vom Baum gefallene Weidenraupe.

Zweite Vorstellung

Vor dem Tore begegnete mir ein junger Geistlicher, Kapuzinerbruder von dem St. Rosenberg; er hatte in der Stadt vikariert, und so gingen wir gleichen Weg in dem Tale hin.

Jede Jahreszeit, sprach der Geistliche, hat doch ihren eigenen, bestimmten Geruch, der nicht von denen in ihr gerad' blühenden Blumen herrührt, sondern wohl ein eigener, aus der Sonne strömender spiritus rector oder Lichtgeist ist, gleichwie jede Jahreszeit ihre eigene Farbe, ja ihren eigenen Ton hat. Ich habe dies in den verschiedensten Gegenden, in denen ich mich schon aufhielt, bemerkt, und werde ich durch nichts an die nämliche vergangene Jahreszeit so erinnert, als durch diesen bestimmten Geruch.

Jetzt stieg eine Lerche vor uns singend zum Himmel auf. Sie stieg so lange, als noch Töne aus ihr strömten. Es ist, sprach der Geistliche, als würde die Lerche von den aus ihr strömenden Tönen emporgerissen, und ich nenne diesen Vogel gerne – ein tönendes, romantisches Licht.

Hier ritt der Pfarrer mit der Stockbibel an uns vorüber, er hatte einen Rock von Wachstaffet an, saß auf einem Rappen von lebendigem Leder, und hatte einen grünen Sonnenschirm über sein Haupt gebreitet; auf der Nase aber hatte er ein großes rotes Pflaster liegen, das ihm das Ansehen eines welschen Hahns gab.

Er warf einen verächtlichen Blick auf den Mönch, während sein Gaul hintenausschlug. Ich blickte den Mönch mit einem Gesichte an, das ihn fragte: ob ich den Kerl recht durchprügeln soll? er aber sprach: »betrachten wir hier einzig die lebendige Natur! Mit ihr hab' ich mich von Jugend auf beschäftigt, und ihr immer treu bleiben zu können, erwählte ich den Stand eines Mönchs. Ich entsagte allem; sie nur bleibt meine Geliebte.

Der Garten, den ihr auf unserem Klosterberge finden werdet, ist von mir angelegt; ich warte der Blumen, der Bäume, ich male die Bilder für die Kirche, ich schlage die Orgel, ich besorge die Apotheke des Klosters. Bemerket diesen freistehenden hohen Lindenbaum; der steht vor dem Klostertore, und sieht weit in das Land hinein.«

Dritte Vorstellung

Wir gingen jetzt durch einen dichten Eichenwald; alles war in ihm voll Gesang und Widerhall.

Die Vögel waren recht wie ungezogene Kinder, und hatten sich wohl in den vollen Weinbergen zu viel ergötzt. Sie pfiffen und flogen unter einander, hüpften von Zweig zu Zweig, und verfolgten sich bald beißend, bald schnäbelnd, kurz, waren ganz poetisch toll.

Da kam mich, wie den Totengräber, doch auch recht innig die Lust an, ein Vogel zu sein!

»Gott!« sprach ich, »wie muß es diesen Geschöpfen so leicht sein! Luft, Sonnen- und Blumenduft strömen durch ihren ganzen Körper, ihr Atem fließt durch ihre Federn, ihr Lied trägt ihren Leib.«

Als ich so sprach, sahen wir in der Tiefe des Waldes einen langen, hagern Mann sitzen, derselbe hatte ein Blatt Papier in der Hand und ein Vogelpfeifchen, ans Ohr aber hatte er ein Höhrrohr gelegt.

»Dies ist der Kantor vom benachbarten Dorfe,« sprach der Geistliche; »er beschäftigt sich schon seit dreißig Jahren, die Gesänge aller Vögel genau auf Noten zu setzen, um sie nach dem Umfange ihrer Töne zu klassifizieren.«

»Ich wünsche ihm Glück und Geduld,« sprach ich.

»Hat er die,« versetzte der Geistliche, »so kann er auch eine Klassifikation der Blumen nach den Gerüchen versuchen. Übrigens möcht' ich doch wissen,« sprach er weiter, »welcher Vogel ein rein lyrischer, welcher ein rein epischer, welcher ein rein elegischer Sänger ist, es lautet doch nicht ein jeder Vogelgesang wie ein Lied.«

Vierte Vorstellung

Ich klopfte ihm lächelnd auf die Achseln; aber es war ihm Ernst, denn er fuhr alsbald fort: »auch möcht' ich dann eine Vergleichung der Blumen und Vögel untereinander von diesem Kantor angestellt wissen; wenigstens haben Vögel, die singen, und Blumen, die duften, immer einige Ähnlichkeit mit einander, nicht nur in Gesang und Duft, sondern auch in der Farbe, sie sind beide mehr farblos.

Die ersten Singvögel haben zugleich die allereinfachsten Farben, als da sind: die Lerche, die Nachtigall, der Star, die Amsel, der Kanarienvogel, u.s.w. Die buntesten Vögel sind immer keine Singvögel, der Pfau, der Papagei, der Kolibri.

Fleischfressende Vögel gehören so wenig als Bastarde hieher, erstere verdienen nicht mehr den Namen von Vögeln.

Die Wasservögel sind zwar auch oft sehr einfach gezeichnet, oft farblos, und haben keinen Gesang; aber auch sie kann man wieder nicht unter die reinen Vögel rechnen, wiewohl der Schwan und selbst die Gans eine Ausnahme zu Gunsten meiner Vergleichung machen würden.

Die duftvollsten Blumen sind immer solche, die am wenigsten Farbe haben, als da sind: die Nachtviole, Lilge, Nelke, und zwar duften die einfarbigen Nelken immer mehr, als die bunten, die Tuberosen, die Rosen, die Hyazinthen, wo die bunten wieder weniger, als die einfarbigen duften.

Aber auch hier wären die Bastarde der Blumen, wie die der Vögel, bei einer Vergleichung genau zu sichten.

Wie viele Ähnlichkeit hat nicht eine Nachtviole mit einer Nachtigall! Jene ist unter den Blumen die duftreichste, diese unter den Vögeln die tonreichste; jene duftet, diese singt nur bei Nacht; beide haben gänzlichen /Mangel an Farbe.«

Fünfte Vorstellung

Indes der Mönch so sprach, trafen wir im Dunkel des Waldes auf eine Gesellschaft Zigeuner.

Die Männer richteten Metalle, Kräuter und Wurzeln zu Tränken und Tinkturen am Feuer zu, die Weiber aber sonnten ihre braunen Kinder im Waldgras.

Jenes kleine braune Mädchen, das am Markttage in jener Wirtsstube seine Kunst zeigte, erblickt' ich da wieder.

Es saß, sich auf und niederschaukelnd, frei auf dem Zweige einer alten Eiche, und hatte sich mit Waldblumen und Laubwerk umhängt. Die Leute grüßten uns freundlich. Das Mädchen sang:

»Vogel gestern,
Blume heut',
Schlange morgen –
Traut nicht, Leut'!«

»Die wirksamsten unserer Arzneimittel«, sprach der Mönch, »verdanken wir den Zigeunern.«

»Viele heilsame Pflanzen haben sie aus fremden Ländern mitgebracht, und in unsern Wäldern angesäet. Das Bilsenkraut, dieses edle Kraut, ist, seit man dieses Volk auszurotten sich bestrebt, in manchen Gegenden, die es einst im Überfluß besaßen, nicht mehr zu finden.«

»Bemerkt diesen Stein hier,« sprach der Geistliche, »er hat die Gestalt eines Sitzes und wird Nonnensessel genannt.

Im Dunkel dieses Waldes stund dereinst ein Frauenkloster. Tief innen findet ihr noch ein steinern Kreuz und einen Schöpfbronnen. Von demselben Bronnen hat sich im Gesang der Landleute folgende Sage erhalten:

In Waldesdunkel steht ein Bronn
Beim Kloster der weißen Frauen,
Der Bronn viel hundert Klafter tief
In Felsen gut gehauen.

Saß auf den Baum Waldvögelein,
Sank auf den Berg die Sonne,
Hört an, o hört an! was sich begab
Da bei demselben Bronnen.

Graf Asper von der Heerfahrt kam,
Wollt' kühlen Trunk sich langen,
Er trieb wohl um das eiserne Rad,
Die Ketten hell erklangen.

Bum! bum! herauf der Eimer flog,
Dumpf tönt' es in dem Grunde,
Kein kühles Wasser in ihm war,
Ein Zwerglein darin stunde.

»Steig' ein, steig' ein, du Recke kühn!
Dein begehrt mein Herr zur Stunde!«
Graf Asper kehrt' nicht mehr zur Burg, –
Dumpf tönt' es in dem Grunde.

Flog von dem Baum Waldvögelein,
Stieg über den Berg die Sonne,
Hört an, o hört an! was sich begab
Da bei demselben Bronnen.

Eine Klostersjungfrau trat heraus,
Wollt' kühlen Trunk sich langen,
Sie trieb wohl um das eiserne Rad,
Die Ketten hell erklangen.

Bum! bum! herauf der Eimer flog,
Dumpf tönt' es in dem Grunde,
Kein kühles Wasser in ihm war,
Graf Aspers Geripp' drinn stunde.

»Weinen möcht' ich,« sprach der Mönch weiter, »wenn ich so überdenke, wie vieles Herrliche die neuere Zeit unwiederbringlich zerstörte, hätt' ich nicht der Natur in ihrer Stille aufgehorcht, in ihrem Wachstum ihren Gang betrachtet, und gefunden: wie eine Wiederkehr des alten Glaubens allmählig in ihr sich heranbewegt. Gleichwie in jeder einzelnen keimenden Blume die Züge des ganzen kommenden Frühlings liegen, so liegen im Kinde die Züge eines künftigen Geschlechtes.

Betrachtet eine solche unverdorbene Pflanze genau, ihr werdet finden, daß sich ihre Züge seit Jahren, einem falschen, aufklärenden Streben zum Nachteil, dem Glauben, der Liebe und Treue aber zur Förderung, immer mehr und mehr ändern.

O laßt nur getrost die Menschen walten, bauen, und umgestalten wie sie nur wollen! Sie prägen ihren Geist und Willen, ihr Dafürhalten dieser Erde nicht ein, so wenig als den Sonnenschein der ernsten Mitternacht, so wenig als sie verhindern können, daß der Frühling, der unter dem Schnee reift, endlich hervorbreche; erscheinen wird der Geist, der schon längst still in der ganzen Natur herankeimt, – der Geist des alten Glaubens.« –

Sechste Vorstellung

Das Kreuz von der Kapelle des Klosters blickte freundlich ins Tal her, und wir bestiegen rüstig den Berg.

Je höher wir kamen, je freier schlug mein Herz, je herrlicher lag die Welt vor uns ausgebreitet. – »Seht nicht mehr hinter euch,« sprach der Geistliche, »bis wir oben angekommen.«

Es war mir schwer ihm zu folgen, immer trieb es mich an, umzuschauen: denn es war mir, wie wenn ich im Umschauen einem lieben Mädchen ins himmelblaue Auge blicken könnte.

Nun waren wir oben. »Jetzt blickt um euch,« sprach der Geistliche. Da lag die Welt, vom weiten Himmel umarmt, vor meinen Augen.

Unter mir sangen die Vögel, auf zu mir dufteten die Blumen, und aus spiegelhellen Seen und Flüssen schien die Sonne empor.

Ungewöhnliche Munterkeit ergriff mich, und wild, wie ein Knabe, tanzte ich über die Gräber des Klosterkirchhofes.

Der Mönch führte mich durch lange Gänge voll heiligen Bildern in seine Zelle; die war ein kleines Stübchen, aus dem man in ein weites Tal voll Dörfer und weidender Herden sah. An den Wänden herum hingen unter Gläsern schöne Sammlungen von Schmetterlingen und andern Insekten; die Fenster aber waren rings mit den lieblichsten Blumen umpflanzt. Der Mönch brachte mir reichlich Erfrischungen, und entfernte sich.

Sanft säuselte jetzt der Wind durch die Blumen, so vor dem Fenster stunden, und füllte mit süßen Düften die Zelle; lauter und immer lauter aber, wie der Zug des Windes stieg, erklangen die Töne einer Äolsharfe, die, wie ich jetzt erst bemerkte, vor einem Nebenfenster zwischen Blumen stund. So war es, als strömten die Blumen tönende Düfte aus, und sängen einander in Wechselchören zu.

Siebente Vorstellung

Ich ging durch die Gänge des Klosters, an den Zellen der andern Mönche vorüber in die Kapelle.

Der junge Geistliche kniete am Altar im Gebet, auch knieten noch viele Betende still in den Gewölben umher. Die Orgel der Kapelle war anzusehen gleich einem großen wunderbaren Kristall, der silbern mit tausend Abstufungen und Verzweigungen an das himmelblaue Gewölbe aufschoß.

Ein süßer Rosenduft wehte durch die Fenster der Kapelle, und sangen die Vögel da draußen auf grünen Zweigen unter Rosen ihr Lied.

Ein großer Rosenstock umfing mit üppigen Zweigen die Kapelle, er hatte unter dem Altare Wurzeln gefaßt, und die Stiftungstafel dieses Klosters, die nächst dem Hochaltare der Kapelle hing, sagt von ihm also.

Bei Wintersfrost in Kluft und Wald
Sich Kaiser Karl verloren;
Die Diener treu, die liegen bald
Rings um den Herrn erfroren.

Er niederkniet auf kalten Stein,
Legt ab die güldnen Ketten;
Legt ab den Purpurmantel sein,
Und tät demütig beten.

Ach weh! ach weh! der Rosenkranz
Der starren Hand entsinket,
Doch wie er sinkt, wie Sonnenglanz
Er auf der Erde blinket.

Ein Rosenstock schnell aus ihm sproß,
Tät über Eichen steigen,
Ein süßes Duften sich ergoß
Aus seinen Blüten und Zweigen.

Auch rings, so weit sein Duft gereicht,
Die Bäume grünend standen,
Die Vögel sich mit Singen leicht
Wohl durch die Lüfte schwangen.

Die Sonne auch durch Kluft und Wald
Mit mildem Glanz geschienen,
Die Knappen treu erstehen all'
Den Herren zu bedienen.

Und wo den Rosenstock man schaut,
Auf der geweihten Stelle,
Zur Andacht ward gar wohl erbaut
Eine heilige Kapelle.

Ein Rosenkranz umfängt sie bald,
Untern Altar die Wurzeln dringen.
Da innen Chor und Orgel schallt,
Da draußen die Vögel singen.

Achte Vorstellung

Dunkle Kreuzgänge, die alle mit Grabsteinen belegt waren, und in denen hie und da ein geweihtes Licht brannte, gingen von der Kapelle aus. Auf den Steinen waren die Verstorbenen, wie sie da unten in den Särgen lagen, in Lebensgröße ausgehauen, Ritter, Mönche, Kinder und Frauen in ihrer altdeutschen Tracht.

Sie hatten alle ihre Hände fromm gefaltet, oder waren sie auch kniend abgebildet. Andere Steine aber waren schon tief in die Erde gesunken und mit Moos bewachsen.

Die Töne der Orgel und des Chors aus der Kapelle wälzten sich dumpf durch die hohen Gewölbe fort, sie erloschen nach und nach, und schauerliche Stille herrschte.

Die Kreuzgänge führten in einem Zirkel herum, und in diesem Zirkel war der Garten des Klosters. Von ihm aus fiel durch hohe gemalte Fensterscheiben sparsames Licht in die Kreuzgänge.

Ein hoher Schwibbogen, mit vielem Laubwerk, Blumen und Zweigen, gleich einem steinern Gewächs, führte in ihn, und da er rings mit Klostersgebäuden umgeben war, so konnte man in ihm nirgends hinblicken als gen Himmel, oder auf die Blumen in ihm. Rosen, Lilien, Tulpen und Narzissen erblühten im buntesten Gemisch in diesem Garten.

In seiner Mitte stund ein hohes Kreuz mit einem sterbenden Jesubild, an dessen Fuß eine bleiche Lilge gleich einer traurenden Muttergottes stund.

Der junge Geistliche war zu mir in den Garten getreten. Er sprach viel über das Wesen der Blumen und die Behandlungsart jeder einzelnen Pflanze. »Eine jede Pflanze,« sprach er, »kann, wenn sie beinahe schon am Verwelken ist, durch eine bestimmte andere, so man neben sie pflanzt, wieder erfrischt werden.

Ein welkender Rosenstrauch wird durch neben ihn gepflanzten Lauch wieder ins Leben gebracht.

So sucht jede Pflanze eine ihr freundliche, ihr Tod ist Trennung von ihr oder Niefinden derselben. Mehrere unserer inländischen Pflanzen fänden vielleicht in diesem Weltteile gar nicht ihre freundliche Pflanze; vielleicht blüht diese im gelobten Lande oder im Grunde der See.

Wo steht der ewig blühende Garten, wo jede Pflanze ihre freundliche fand, wo sie all' nach ihrer Liebe aneinandergereiht und geordnet sind??«

Ein dunkler Gang führte aus dem Garten wieder hinaus; und unten in einem tiefen Tale lagen Hütten und Felder, gingen Mädchen singend am Ufer eines Flusses, und sahen aus einem zarten Schleier, gewoben vom Dampfe der Blüten und Kräuter, zu uns empor.

Neunte Vorstellung

Als ich so stund und ins Tal hinabsah, sah' ich am Fuße des Berges einen Postwagen vorüberfahren. Ich war bald entschlossen, meine Reise mit ihm fortzusetzen. Ich eilte, meinen Reisebündel zu holen, in die Zelle des Geistlichen, verabschiedete mich von ihm, und erreichte den Wagen noch unweit des Berges. Der Wagen ging gar langsam, auch war hinten ein hinkendes Pferd angeknüpft, das an ihm rückwärts zog. Ich erkannte in diesem Pferde den ledernen Rappen des bewußten Pfarrers, als ich den Pfarrer selbst in dem Wagen erblickte.

Der Pfarrer hatte das Kinn mit seiner Stockbibel unterstützt, und saß neben einer Maschine, die ich alsbald für den Bronnenmacher von Grasburg erkannte.

Noch saß in dem Wagen ein lustiger Koch, den ein fremder Graf in Dienste genommen, und der nun an den Ort seiner Bestimmung reiste. Der Tag war recht heiß gewesen, der Postwagen kam in einem langsamen Zuge von Grasburg hergeschlichen, und der Bronnenmacher, wie der Pfarrer, klagten gar lamentabel über Durst und Hunger.

Der Koch hing von Zeit zu Zeit, wegen des Mücken- und Sonnenstiches, wie er vorgab, ein Tuch über sein Gesicht, ich bemerkte aber gar wohl, wie er da jedesmal eine Hühner- oder Fasanenkeule unter dem Tuche zum Munde brachte, deren Geruch dem Pfarrer und dem Bronnenmacher gar ärgerlich in die Nase stach.

Dies bemerkte der Koch wohl, war aber ein lustiger Kerl, weswegen er auch also sprach: »eine Krebssuppe wäre jetzt nicht übel!« –

»Hm!« – schmunzelte der Bronnenmacher.

»Ja! wenn ich jetzt eine Tafel zu besorgen hätte, so würde ich gewiß mit einer Krebssuppe den Anfang machen, und die müßte dann eine solche saft- und kraftvolle Brühe haben, daß die Krebse, von ihr gestärkt, wieder lebendig würden, und vor Entzücken mit den Schwänzen wedelten, auch allerlei humoristische Stellungen machten, welches gewiß wunderlich anzusehen wäre.

Auf diese Krebssuppe müßte dann notwendig Rindfleisch mit Sardellensauce folgen.« –

»Hm!« – schmunzelte der Pfarrer. –

»O! das ist vortrefflich! meine Herren! greifen Sie nur keck zu, hier ist auch eine Zitrone zum Ausdrücken darauf!«

Der Bronnenmacher und der Pfarrer streckten die dürren Zungen bei diesen Worten heraus, und ließen sie so hängen.

»Aber hier diese Fleischpastete!«

»Hum!« – machte der Bronnenmacher, indem er sich auf die Zunge biß.

»Herr Pfarrer! nehmen Sie den Deckel keck herab!« –

Der Pfarrer lächelte konvulsivisch.

»Da sehen Sie in der gewürzreichsten Sauce zwei wohl appretierte Hähne, die krähen vor Entzücken, daß sie so wohl schmecken, und schlagen mit den Flügeln an den Magen, der mit gebratenen Kastanien gefüllt ist.« –

Der Bronnenmacher strich sich mit der Hand über den Bauch. –

»Ich muß selbst gestehen,« sprach der Koch weiter, »sie schmecken auch ganz vortrefflich! Greifen Sie doch zu. Hier dies Pfaffenschnitzchen, das muß ganz exzellent sein, so appetitlich weiß, mit einem braunen Rande, wie Butter. Mein! drücken Sie doch einige Tropfen von dieser saftigen Zitrone darauf!« –

»Nun kann ich's nicht mehr aushalten,« schrie der Pfarrer, und biß dem Bronnenmacher in die fette Backe.

Der Bronnenmacher tat einen lamentablen Schrei.

»Ruhig,« sprach der Koch, »sonst werft ihr diese Schüssel mit Kraut um; hu! das geht noch über alles! Mit den gewürzreichsten Nürnberger Bratwürsten ist es garniert. Jetzt stech' ich mit der Gabel in eine derselben, und die duftreichste Brühe sprützt wie ein Springbronnen hintennach, und dann ein Glas alten Steinwein darauf, der Teufel!« –

»Meuchelmörder!« sprach der Pfarrer, und bog das matte Haupt.

Zehnte Vorstellung

»Ach!« sprach ich, »der arme Mann, der erst vor ein paar Tagen von einem wütenden Hunde gebissen wurde!«

»Wie?« schrie der Bronnenmacher, »von einem wütenden Hunde?«

»Ja!« seufzte der Pfarrer, »es hat aber wohl nichts zu bedeuten, die Sache ist noch im Zweifel, und hat der Chirurgus indes mir die Nase mit einem Blasenpflaster belegt.«

»So!« sprach der Bronnenmacher, »darum habt ihr mich gebissen! O ich unglückseliger Mann! so werden alle die schrecklichen Träume noch wahr! Wißt! Nacht für Nacht träumt es mir schon ein halb Jahr, ich seie ein Hund, und nage vor einem Wirtshause die herausgeworfenen Knochen ab, worauf ich stets mit dem schrecklichsten Hunger erwache. Dies deutet auf nichts anders als auf Hundswut.«

»Das glaub' ich auch,« sprach der Koch leis zum Bronnenmacher, »der Herr Pfarrer kommen mir überhaupt schon längst nicht ganz richtig vor, die Augen – – – ich weiß nicht – – –«

»Schweigt!« sprach der Bronnenmacher leis zu ihm, »ich bin so immer mit derlei Melancholien behaftet.«

Der Pfarrer schneutzte sich, der Bronnenmacher fuhr zusammen, vermeinend der Pfarrer habe gebellt.

Der Pfarrer erschrak ob dem Hinwegfahren des Bronnenmachers, und sprach: »wie? seht ihr mir etwas an! um Gotteswillen! sprecht!« –

Der Bronnenmacher konnte kein Wort hervorbringen, er bewegte sich konvulsivisch und fing zu bellen an.

Der Pfarrer geriet ganz außer sich vor Schrecken, er wollte aus dem Wagen; zum Glücke fuhren wir gerade in das Städtchen Hundsschnauzen ein; da hielt der Postwagen vor dem Wirtshause zum grünen Rezensenten, um den Pferden trockenes Brot zu geben. –

Eilfte Vorstellung

Der Pfarrer und der Bronnenmacher schlichen sich ganz stille in eins der obern Zimmer und bestellten zwei Schinken und mehrere Bouteillen Wein.

Der Koch aber war boshaft genug, alsbald vor allen Anwesenden in der untern Wirtsstube zu erzählen: wie die zwei Herren da oben von einem wütenden Hunde gebissen worden, und wie man sich in der Tat ein wenig vor ihnen in Acht zu nehmen habe; besonders vor dem Bronnenmacher, der eigentlich so dürr, ja noch dürrer von Natur als der Pfarrer seie, der aber durch den Hundsbiß bereits auf das allerschrecklichste angeschwollen.

Da ward alsbald das ganze Haus voll Schrecken.

Vergebens schrie der Pfarrer um Fleisch, niemand getraute sich in das Zimmer.

»Mein Hunger ist rasend, meine Geduld ist aus!« schrie jetzt der Bronnenmacher, indem er, wie eine Pumpe aus dem Kessel, schnaubend aus dem obere Erker herabfuhr, der Pfarrer folgte ihm als ein schmaler feuriger Schweif.

Alles floh, was außer der Wirtsstube, in dieselbe, alle Türen wurden versperrt, zwei Kinder, die sich nicht schnell genug in die Wirtsstube retten konnten, schrien ganz lamentabel im Vorhof. – Die Nachbarn sprangen herbei. Der Koch rief ihnen durch das Fenster zu: »ihr lieben Leute! sperrt eilends die Türen des Wirtshauses, sonst wird das ganze Dorf gebissen!«

Der Koch, der Kondukteur, die Postknechte, die Wirtsleute und ich befanden uns in der untern Wirtsstube. Der Koch rekognoszierte durch das Schlüsselloch, und machte alles noch ärger. »Jetzt,« sprach er, »zerbeißt der Bronnenmacher das Schloß der Türe; ich seh's, er zischt, der Schaum steht ihm vor dem Maule. Himmel! welche Augen er macht! Der Pfarrer dreht den Kopf krampfhaft hin und her, und hat sich in des Bronnenmachers Waden verbissen! Jetzt, – weh! rennt der Bronnenmacher mit dem Kopfe gegen die Türe, wie ein Mauerbrecher – weh!«

Da sprang alles zurück, der Bronnenmacher schlug fluchend an die Türe.

»Rette sich, wer noch zu leben Lust hat,« schrie der Koch, und sprang zum niedern Fenster der Wirtsstube mit den zwei Schinken hinaus. – Der Kondukteur, die Postknechte und ich folgten ihm nach.

Die Postknechte warfen sich auf die Pferde, wir in den Wagen, und pfeilschnell flogen wir von dannen.

Der Koch konnte sich seines Spuks nicht satt genug freuen; er erzählte, wie absprechend der Pfarrer, noch eh' ich zu dem Postwagen stieß, gegen ihn gewesen, auch wie der Bronnenmacher sich über seine lange Nase lustig zu machen gesucht hätte.

Zwölfte Vorstellung

Die Nacht war gekommen; ich dachte noch so dem schreckbaren Tumulte im grünen Rezensenten nach, und welch' Ende die Geschichte genommen, da schlief ich, mit diesen Bildern beschäftigt, in der Ecke des Postwagens ein.

Bald kam mir dann im Traume vor, als wäre ein Tumult, Aufruhr und Krieg in allen Wirtshäusern jenes Orts.

Alle Schilde der Wirte waren lebendig geworden, und liefen in Effigie in den Straßen umher, und suchten einander zum Kampfe auf.

Schnaubend rann der wilde Mann Gass' auf, Gass' ein, bis er die drei Mohren erreicht, die er alsbald an seiner Stange an den Kinnladen aufhing und weiter trug.

Zornentbrannt kam der König von England mit Kron' und Szepter daher, und suchte den von Frankreich auf; ihm folgten: ein Oberkellner, ein Speisekellner, ein Weinkellner und ein Zimmerkellner; die waren bepanzert mit zinnernen Tellern, ausgerüstet mit Schlüsselbüchsen, und schwangen, Keulen gleich, leere Bouteillen über ihren Häuptern; auch folgte ihnen die Kanone, von dem weißen Rosse gezogen, nach: denn diese drei Wirtshäuser gehörten drei Brüdern an.

Schon anfangs der Zweikämpfe mußte der grüne Rezensent von dem goldenen Esel verschluckt worden sein: denn derselbe goldene Esel sprang pfeilschnell durch die Gassen, und aus ihm schrie der grüne Rezensent ganz lamentabel.

Als ich dem so nachdachte, so sprang das Lamm hinkend und blutend auf drei Füßen an mir vorüber, verfolgt von dem brüllenden Löwen.

Schon hatte es dieser beim Schwanze gepackt, und war im Begriffe es zu zerreißen, als der Bär grimmig auf ihn eindrang. All' drei aber umschlang plötzlich der Elephant mit seinem Rüssel, und warf sie, wie drei Korkpfröpfe, spielend in die Luft, indem er gar geschickt eins nach dem andern wieder mit dem Rüssel auffing, und so wiederholt sein Spiel trieb.

Dem sah der Riese lachend zu. Derselbe stund noch in seinem Ringe, welcher, durch das Lachen erschüttert, klirrend hin und her schwankte.

Jetzt aber sprang er hernieder, faßte den Elephanten beim langen Rüssel, und schleuderte ihn, gleich einer geleerten Weinflasche, dem Könige von England ans Haupt, daß dessen Krone mit hellem Klang auf die Steine fiel.

Siehe aber, da flog der Engel mit seinem feurigen Schwerte, ob ihm die goldene Sonne, den Palmbaum in den Händen, hernieder, und gebot Ruhe und Frieden, worauf die Bilder auch alsbald wieder in ihre Rahmen kehrten, und in jedem Wirtshause war dann ein Ball mit freiem Eintritt und eine freie Tafel, in welche Wirtshäuser alle zu gleicher Zeit ich den Bronnenmacher mit dem Pfarrer siebenfach zur Türe eingehen, und alsbald auch in allen siebenfach an der Tafel sitzen sah.

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