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Die Reiseschatten

Justinus Kerner: Die Reiseschatten - Kapitel 4
Quellenangabe
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typedrama
authorJustinus Kerner
titleDie Reiseschatten
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1826
printrunErste Auflage
editorGunter E. Grimm
year1996
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritte Schattenreihe

Erste Vorstellung

Das Spiel war geendiget. Die Studenten zogen unter beständigem Singen: »Tralirala! Tralirala!« hinaus, und das gebildete Publikum schlich sich mit verbissener Wut, unter beständigem Murmeln, als welches wie ein Tremulant lautete, hinten nach.

Racheschnaubend warf sich das gebildete Publikum in seine Wägen, und auf seine Pferde, und in einer Zeit von zwei Stunden war, zwei Stunden im Umkreise, kein Mann von Geschmack mehr zu schmecken.

Darüber war der Mond außerordentlich vergnügt; er kam eigentlich näher herab, und ward daher größer, auch die Nachtigallen, so sich vor den kritisierenden Zeitungsschreibern und Korrespondenten seit einigen Tagen schüchtern versteckt hielten, kamen ans Mondlicht, und fingen alsbald ihre Volkslieder wieder zu singen an.

Die Grillen und Grashüpfer zirpten nach Herzenslust wieder aus den Ehrenpreisstengeln, Schlüssel- und Gänseblumen am Wege, und auch die Brunnen, Quellen und Wasserfälle, so aus Angst, sie möchten von einem korrespondierenden Reisenden von Geschmack aufgespürt und beschrieben werden, schon seit drei Tagen den Atem angehalten hatten, schnauften, sprangen und musizierten wieder in aller Liebe.

Die Studenten aber ließen, das Fest ihres Triumphes zu feiern, den blinden Dorfpfeifer holen, und tanzten mit den Schauspielerinnen und den Stall- und Feldmädchen im Mond- und Fackelscheine unter den Linden des Wirtshauses.

Zweite Vorstellung

Bald teilte sich die Gesellschaft in Partien; einige setzten sich an die runden Tische unter die Linden zum Wein und Gesang; andere tanzten, noch andere aber gingen Arm in Arm am grünen Ufer in Lieb' spazieren. Ich ging allein den Fluß entlang.

Unzählig viel Sterne stunden am Himmel; auch stund der Mond da, und sah in den Spiegel des Flusses; von manchem fernen Berge aber schimmerte das Fenster einer Kirche oder einer Burg ins Tal her.

Mit dumpfem Nachhall brachen sich die Wellen des Flusses an den felsigten Ufern. Nach und nach erloschen die fernen Stimmen; nur Holders klagender Ruf scholl noch ins Tal hinab. Er hatte sich ans Gitter seines Fensters gestellt, und rief die vorüberziehenden Wolken um Hülfe an.

Endlich schwieg auch dieser.

Ich vernahm den Klang einer Harfe, so mit Gesang begleitet wurde. Ich sah den Fluß hinauf, da war es mir im Scheine des Mondes, als schwämme eine Meerfrau mit einer Harfe singend daher.

Der Gesang kam immer näher; da erkannte ich, daß er von einem Schiffe kam, so den Strom herschwamm. Ich rief den Schiffern zu, zu landen: denn ich war fest entschlossen, in dieser schönen Nacht mit ihnen zu fahren.

Wir waren bald eins, – und ich holte in der Stille meine Reisetasche aus der Herberge. Eine blinde Harfnerin, so einen Knaben zum Führer, befand sich auf dem Schiffe, sie hatte im Sinne, auf einen benachbarten Jahrmarkt zu reisen; auch waren noch mehrere Mädchen und Handwerksbursche auf diesem Marktschiffe.

Unter den Mädchen aber war eines, so mir wegen seiner fremden Mundart und eigenen Wesens bald auffiel.

Es schien kein Landmädchen zu sein, wie die andere; es war blau gekleidet, und hatte ein schwarzes Band um das lange goldene Haar und die hohe Stirne, und war, wie ich nachher erfuhr, von einer Insel der Nordsee, kam mir auch nicht anders vor, als wie eine Meerfrau, so ungewöhnlicher Art war sie.

Dritte Vorstellung

Helle Wolken schwebten ob uns nördlich durch den Himmel, und vom Ruder gepeitscht wogte der Strom in feurigen Kreisen.

Mitten im Flusse erhob sich jetzt ein schmaler Felsen. »Auf diesem Felsen,« sprach einer der Schiffer, »hat sich einst eine Jungfrau in weißem, glänzenden Kleide, als viele Menschen am Ufer gingen, gezeigt; die trug ein Kind in den Armen, und hob es dreimal über die blaue Fläche hin. Da trat der Fluß aus seinen Ufern und befruchtete die ausgetrockneten Felder; darum hat man dem Felsen über der heiligen Jungfrau Maria eine Kapelle errichtet.«

Bald ging das Schiff still hin, zwischen hohen Bergen, kein Fischlein rührte sich, nur das Gebell der Wachhunde aus den Dörfern, oder das Läuten von einer fernen Kirche vernahm man.

Wenn von heiliger Kapelle
Abendglocke fromm erschallet,
Stiller dann das Schiff auch wallet
Durch die himmelblaue Welle;
Dann sinkt Schiffer betend nieder,
Und wie von dem Himmel helle
Blicken aus den Wogen wieder
Mond und Sterne.

Eines ist dann Wolk' und Welle,
Und die Engel tragen gerne,
Umgewandelt zur Kapelle,
So ein Schiff durch Mond und Sterne.

Vierte Vorstellung

Es war einem bald, als stünde das Schiff still, das Ufer aber und was darauf, lief wie die gezogenen Bilder eines Schattenspieles vorüber. Bald kam ein dunkler Felsen, darauf stund eine alte Burg, der Mond verbarg sich hinter dem Turme. Jetzt trat er hervor, da warf der Turm einen langen Schatten über den Berg hin. Der Felsen zog vorüber, es kam ein liebliches Tal, so mit Tannen bewachsen, nahe am Ufer stunden kleine Fischerhütten. Seht in dies Fenster schnell! da saß ein altes Weib bei der Lampe, hatte eine Brille auf der Nase, und ein großes Buch vor sich liegen.

Die Hütten zogen vorüber; es kam eine Kapelle, dabei stund ein hohes Kreuz, und ein Schöpfbrunnen; ein Schäflein aber, das sich wohl verloren hatte, sprang blökend am Ufer hin.

Nun kam wieder ein einsames Haus; das stund recht wie im Mond; vier Tannen sahen darüber her; auf das lange schwarze Dach sah man mit weißen Ziegeln Drudenfüße gezeichnet. Eine Leiter ragte oben zum Kamin heraus, und eine weiße Katze lief über das Dach hin.

»Das Wesen eines Daches,« sprach das fremde Mädchen zu mir, »gibt einem doch schon als Kind eine ganz sonderbare Empfindung, die einem bis in das Alter bleibt.

Da oben guckt der Kaminfeger heraus, und geht einsam die Katze hin und her, die schon ins Zauberreich gehört, oder Dienerin geheimer Mächte ist.

Bei Nachtzeit setzt das Käuzchen sich auf das Dach, und sein Totenruf hallt schauerlich durch die Stille. Dann sieht man auf ausgebreitetem Leichentuche einen Sarg über das Haus fliegen, und bald wallt dann ein Zug schwarzer Männer in langen Mänteln aus dem Hause, die tragen den Herrn des Hauses zu Grabe.

Oft sieht man auch in stürmischer Nacht, wenn die Wetterfahnen klagend knarren, ein altes Weib auf einem Besen über das Dach hinfahren; dann fallen die Ziegel prasselnd nieder, und wecken den Wachhund im Hof.

In einer verschlossenen Kammer da unter dem Dache, sieh! blick' durch das Schlüsselloch! Da siehst du ein sonderbar gemaltes Bild, es ist eine schneeweiß gekleidete Frau, mit hellem, gelbem Angesicht, – ihre Augen sind so schrecklich! Auch der Vater weiß nicht, woher dies Bild kam, es ist ururalt, und sprach die Großmutter auf dem Totenbette oft davon.

Der Vater wagt nicht, diese Kammer zu eröffnen, wir sollen es nicht sehen, – aber ich schleiche mich oft leis und langsam die Treppe hinauf, und sehe durchs Schlüsselloch dies Bild an, bis es mir Angst wird, dann spring' ich die Treppe hinab, und halte den Atem an. Einstmals war mir, als winkte mir das Bild, es wollte auch sprechen, aber konnte nicht; hu! wie flog ich die Treppe hinab. Es wird einem so sonderlich zu Mute da oben, aber ich bin doch gerne da.

Sieh! da hängt auch ein Kleid vom Urgroßvater, und ein paar große Stiefel mit Sporen, und ein langes Schwert!«

So sprach das fremde Mädchen.

Fünfte Vorstellung

Jetzt aber kamen wieder große Felsen.

»Grüß dich Gott! grüß dich Gott!« schrien die Schiffer; da wiederholte ein Echo die Worte: »Grüß dich Gott!« vernehmlich.

»Echo! Echo! in dem Tal!
Grüß meinen Schatz viel tausendmal!«

schrie ein Mühlknecht, so mit auf dem Schiffe; da antwortete das Echo »tausendmal!« gar deutlich. »Laßt uns die schöne Nacht nicht verschlafen; wacht auf, ihr Mädchen!« sprach einer der Mitreisenden, ein Jäger, »ihr müßt alle singen!« Da erhoben sich die fast schlummernden Mädchen halb zürnend, halb lachend; auch war die blinde Harfnerin schon bereit, und stimmte ihre Harfe. »Wohlan! laßt uns alle singen!« sprach der Mühlknecht, »ein Reiselied!«

»Nein! besser, Lieder, so von der Nacht, von Flüssen oder von dem Meere handeln, die muß man auf Schiffen singen,« sprach ein Schiffer. Da begann die Gesellschaft unter dem Schlag der Ruder, mit Begleitung der Harfe, also:

Es war in des Maien lindem Glanz,
Da hielten die Jungfern von Tübingen Tanz.

Sie tanzten und tanzten wohl allzumal
Um eine Linde im grünen Tal.

Ein fremder Jüngling in stolzem Kleid
Sich wandte bald zu der schönsten Maid,

Er reicht' ihr dar die Hände zum Tanz,
Er setzt ihr aufs Haar einen meergrünen Kranz.

O Jüngling! warum ist so kalt dein Ann?
In Neckars Tiefen da ist's nicht warm!

O Jüngling! warum ist so bleich deine Hand?
Ins Wasser dringt nicht der Sonne Brand!

Er tanzt mit ihr von der Linde weit:
Laß Jüngling! horch die Mutter mir schreit!

Er tanzt mit ihr den Neckar entlang:
Laß Jüngling! weh! mir wird so bang!

Er faßt sie fest um den schlanken Leib:
Schön' Maid! du bist des Wassermanns Weib!

Er tanzt mit ihr in die Wellen hinein:
O Vater und o du Mutter mein!

Er führt sie in einen kristallenen Saal:
Ade, ihr Schwestern im grünen Tal!

Nun laßt mich ein Lied von Liebe und Scheiden singen, sprach die Harfnerin. Sie stimmte die Harfe, und sie und der Knabe sangen:

Was macht dir, Herzliebster!
Die Wange so blaß?
Was macht dir das Auge
Von Tränen so naß?

O Liebchen! Herzliebchen!
Wohl ist es mir weh;
Weit muß ich von hinnen,
Weit über die See!

Und mußt du von hinnen –
Dort über der See
Gibt's wohl noch ein Liebchen;
Herzliebster! ade!

Es scheinen viel Sterne
Am Himmelsgezelt;
Doch keiner von allen
Wie Luna gefällt.

So nimm nur dies Ringlein
Von Golde so schwer,
Und wird es zu eng dir, –
So wirf's in das Meer!

So steck' nur dies Blümlein
Ans klopfende Herz!
Und duftet's dir nimmer,
Verging auch dein Schmerz.

Das Lied gefiel den Mädchen, und sie versuchten schon bei der dritten Strophe, es mit zu singen.

»Nun singt,« sprach der Mühlknecht, »das Lied vom Herrn von der Heide, alle im Chor, das hat gar eine wundersame Melodie, und ist auch ein Schifflied.«

Das Mädchen stimmte die Harfe neu, und alle sangen unter langsamem Schlage der Ruder dies Lied in tiefem Chor:

Sagt an, Herr von der Heide, sagt!
Was soll dies weiße Kleid?
»Wohl auf der Höh', weh! auf steiler Höh'!
Steht mir ein Rad bereit!«

Sagt an, Herr von der Heide, sagt!
Wo ist denn euer Weib?
»Wohl auf der See, weh! auf weiter See!
Schifft sie zum Zeitvertreib.«

Man führt' ihn unter Sang und Klang
Zu Bremen zum Tor' hinaus,
Zwei Raben fliegen hinterher,
Zwei andre fliegen voraus.

»Hört an! o hört an, ihr Vögel schwarz,
Da in der blauen Höh'!
Seid ihr von meinem Fleische satt,
Erzählt's der Frau zur See!«

Leis streicht das Schiff durch die grüne See,
Der Mond durch den Himmel blau,
Stolz blickt vom Verdeck mit ihrem Galan
Herrn von der Heidens Frau.

»Seht an! o seht an! die Vögel schwarz
Da in der blauen Höh'!
Sie sinken auf Mastbaum und Segelstang',
Halt Schiffer! mir wird so weh!«

Hurra! huhu! ihr schwarze Gäst',
Auf Mastbaum und Seegelstang'!
Sie blicken ruhig, sie sitzen fest.
»Halt Schiffer! mir wird so bang!«

Der erste läßt fallen ein Auge schwarz,
Der zweit' ein Fingerlein;
Der dritte läßt fallen eine Locke Haar,
Der vierte läßt fallen ein Bein.

Leis streicht das Schiff durch die grüne See,
Der Mond durch den Himmel blau –
Tot liegt im Arme des Galans
Herrn von der Heidens Frau.

Sechste Vorstellung

Es wehte kalte Morgenluft, die Schiffer zündeten ein Feuer an, und um dasselbe setzten sich die Mädchen. Das fremde Mädchen fing bald an, von dem Meere zu erzählen, von den großen Schiffen, von der Ebbe und Flut, und den Seemuscheln und Korallen. »Oft gibt es Stellen im Meere,« sprach sie, »wo das Wasser ruhig steht, und klar wie ein Kristall ist. Da ist es gar herrlich, in die Tiefen zu schauen und die wundersamen Gärten da unten zu ersehen. Da erblickt man in unermeßbarer Tiefe Berge und Täler, mit den allerbuntesten Blumen, so die Korallen, die Wasserkräuter und das Meergras bilden, so daß einem recht ein Sehnen ankömmt, hinabzusteigen, und sich darin zu ergehen.

Als Kind hab' ich wohl oft mit Tränen in diese Gärten verlangt, wenn die Amme mir davon erzählte; da hab' ich die ganze Nacht von ihnen geträumt, und war mir gar sonderbar zu Mute, wenn ich an die Meerfräulein dachte, die darin wohnen.

Oft schlich ich mich auch hinaus an das Meerufer, und hörte dem wunderbaren Tone der Wogen zu, der oft wie ein entfernter Donner, dann wieder wie ein aus der Tiefe steigender Seufzer tönt; lauschte auch so lange, bis es mir plötzlich ganz bange wurde, und ich schnell wieder in das Land zurücklief, Gesang oder das Läuten einer Glocke zu hören.«

»O! das sah ich alles auch und werd' es nächstens noch näher sehen,« sprach der Schiffersjunge, der während der Erzählung des Mädchens mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dastund.

»Wie? Kerl!« sagte ein Schiffer, »du sahst das Meer, und kämest noch nie über den Neckar hinaus?« »Ich sah's,« sprach der Junge, »denn von all' dem hat es mir schon tausendmal geträumt, und gerade so, wie die Jungfer erzählt. Und eh' drei Wochen vergehen,« sprach er zu dem Mädchen leis, »steh' ich am Meere.« »Wie?« begann der Jäger, » der Kerl ist da! Der war ja bei uns Jägersjunge, und wurde weggejagt. Der dumme Kerl hielt zahme Enten für wilde, sprang ihnen vom See bis in den Stall nach, und schoß sie dort nieder.«

»Der Teufel!« sprach der Mühlknecht, »das ist ja der nämliche, der vor vier Wochen aus unserer Mühle gejagt wurde, weil er Gips unter das Mehl brachte!«

»Freilich ist der's,« sprach der Schiffer, »pfeif nur, Taugenichts! Es ist ein Erzgalgenstrick; ich hab' ihn von einem Seiler erhalten, ihn bei der nächsten tiefen Stelle in's Wasser zu werfen. Bei zwanzig Meistern kam der Kerl nun herum, nirgends tut er drei Tage gut!«

Der Junge pfiff ruhig fort, obgleich nun alles mit Schimpfreden über ihn herfiel.

Das ist ja ein Kerl, wie Eulenspiegel, dacht' ich, und als ich ihn genauer beim Lichte betrachtete, erkannte ich in ihm meinen Volkssänger und Laternenputzer Felix.

Er hatte noch den nämlichen Rock an, den er vor vier Jahren trug, wo er mir auf meinem Schattenspieltheater als Gläserputzer Dienste leistete; nämlich seines Vaters alten Grenadiersrock, den er aber immer noch nicht zur Hälfte ausfüllte, ihn auch immer noch wie einen Fischschwanz hintennachschleppte.

Sonntags trug er ihn auf der rechten, Werktags auf der umgekehrten Seite. Da er ihn heute auf letzterer trug, so erkannt' ich, daß es Werktag war.

Ich winkte ihm; er erblickte mich, kam auf mich zu, bezeugte viele Freude, mich wiederzusehen, zog ein Stück Kreide aus der Tasche, zeichnete in aller Schnelligkeit, mit ein paar Zügen, dem Schiffer einen Esel auf den Rücken, räusperte sich und fing an aus voller Kehle zu singen:

Einsmals als ich ging allein,
Sah in einen Wald hinein,
Sitzt ein Häslein in dem Strauß,
Guckt mit Einem Aug' heraus.

Armes Häslein weint und klagt,
Heimlich zu sich selbsten sagt:
Jäger, was hab ich getan,
Daß d' Hund' auf mich hetzest an?

Wenn das Windspiel mich erschnappt,
Gleich der Jäger nach mir tappt,
Trägt mich auf dem Buckel her
Als wenn ich kein Häslein war.

Er mit mir dem Markt zulauft.
Mich um halbes Geld verkauft.
Jener sich nicht lang besinnt
Lauft mit mir zur Kuche g'schwind.

Komm ich dann dem Koch in d' Hand',
Werd' ich vornen aufgetrennt,
Zieht mir Pelz und Hosen aus,
Dies zu sehen ist ein Graus.– – –

Die Mädchen bemerkten den Esel auf dem Rücken des Schiffers und fingen zu lachen an. Darauf sah der Schiffer hinter sich, und da der Galgenjunge ihm schon öfters diesen Streich gemacht, so drehte er sich wie ein angeschossener Eisbär grimmig gegen den Jungen um, nahm ihn beim Haar, und schmiß ihn trotz dem Geschrei der Mädchen, und den Vorstellungen aller, in das Wasser.

Auf den Jungen machte dies neue Element aber keine Veränderung, er schwamm geruhig ans Ufer, und sang mir von demselben die noch übrigen Verse des Liedes also zu:

Steckt mich in ein' Hafen nein,
Gießt den schärfsten Essig drein,
Darin soll ich werden mahr,
Glaub', der Koch sei gar ein Narr.

Wann ich bin ganz fein und mahr,
Mein ich sei nun aus der G'fahr,
Zieht der Koch mich listig 'raus,
Richtet mich nach seinem Brauch.

Er mich auf das Herdbrett legt,
Spickt den Buckel mit dem Speck,
Steckt den Spieß zum Hintern ein,
Ich möcht' ja so grob nicht sein.

Dieses ist noch nicht genug,
Glühend Kohlen legt man zu,
Gießet Fetten oben ab,
Daß ich gnug zu schwitzen hab.

Wann ich alsdann fertig bin,
Trägt man mich zur Tafel hin,
Schneid't der erst' herab sein Teil,
Reißt der ander' mich entzwei.

Der dritte schneid't herab das Best,
Friß, daß dir das Herz abstößt;
Beiner wirft man hinter Tür
Oder gar den Hunden für.

So nimmt man mir's Leben ab,
Eilt mit mir ins kühle Grab,
Fragt auch niemand, wie es geht,
Weil kein Hahn mehr um mich kräht.

Siebente Vorstellung

Die Nebel hatten sich zerstreut, wolkenlos und blau lag der Himmel; grün wie die Au war der Fluß. Der Schiffer ruderte nicht, das Schiff gleitete von selbst dahin.

Vögel sanken hernieder, und spielten mit dem Wasser, Fische sprangen aus der Flut, und spielten mit der Luft.

Ringsum die allerbuntesten, herrlichsten Farben: dunkelgrün der Fluß, hellgrün das Ufer, heller die entferntesten Berge, und am hellsten der klare blaue Himmel.

Jeder Baum hatte wieder eine andere Farbe: dunkelgrün die Tannen, gelb die Birken, glutrot wie gesunkene Abendwolken die Buchen, und golden, wie aufsteigende Morgenwolken, die Erlen.

»Es ist im Herbste,« sprach das fremde Mädchen, »recht als hätte sich der Himmel auf der Erde verteilt. Das Morgengold, das Abendrot, das Azurblau, das Silber der Mittagswolken liegt auf der Welt zerstreut. Weil von der Erde aufwärts der Himmel uns jetzt anblickt, scheint uns das Firmament so kalt.« –

Achte Vorstellung

Das Schiff stieß ans Land. Die Landmädchen trugen ihre Körbe aus dem Schiffe, die meistens mit Lebensmitteln angefüllt waren, so sie zu Markte brachten. Der Jäger und der Mühlknecht nahmen ihre Bündel, und die ganze Gesellschaft zog landeinwärts.

Ich suchte das fremde Mädchen, das war aber, wie es hieß, schon mit einem Schiffer vorausgeeilt.

Es kam mir fast ungewöhnlich vor, als ich nun wieder auf der harten Erde ging; doch machte mich das Singen der Vögel, das Blühen der Blumen, und das Wogen der früchtevollen Zweige bald wieder mit ihr vertraut.

Es ging durch einen Wald. Der Jäger stieß ins Horn, das hallte weit herum in den Bergen, und die Raubvögel schwangen sich hoch in die Luft auf. Ein Hirte im Tale unten antwortete mit einer Rohrpfeife, und dem sangen wandernde Schiffer, welche den Fluß hinabschifften, nach.

So wurde die ganze Gegend wach und lauter Gesang.

Neunte Vorstellung

Wir traten aus dem Walde. Das lieblichste Tal, vom Flusse durchschnitten, lag unter uns. Dörfer sah man bis in die weiteste Ferne an seinen Ufern zerstreut. Fern am Horizonte, schon im Nebel verloren, schimmerte noch das Kreuz eines Kirchturms, welches die Mädchen für den Morgenstern hielten. – Auf der Heerstraße wimmelte es von Leuten, Zugvieh und Wagen, so alles in das benachbarte Städtchen auf den Jahrmarkt strömte.

Wir stiegen zu Tal, kamen ins Getümmel, und Eines verlor das Andere. – Ich stellte mich an die Heerstraße, und ließ die Gegenstände an mir vorüberziehen.

Da kamen schöngeputzte Landmädchen mit Körben auf den Köpfen, scherzend des Weges; Juden mit langen Bärten; ein Blinder, der sich von einem Kinde führen ließ; Spielleute zogen vorüber; auch kamen bald ganze Herden Zugvieh, das man zu Markte trieb, und viele Wagen mit allerhand Gerätschaften.

Zehnte Vorstellung

Schon längst bemerkte ich, daß ein Gartenhaus vom Berge ins Tal sich herniederbewegte, das kam immer näher und näher; aber da erkannte ich, daß es eine alte Kutsche war, mit hohen vergoldeten Fenstern.

In ihr saß eine Frau, die war mit einer Menge Schachteln umstellt, und hatte eine große Haube auf. Zu ihrer Rechten saß ein Mann in einer Perücke, der hatte einen langen Stock neben sich stehen, dessen silberner Knopf mit einer dicken Quaste von schwarzer Seide geziert, durchs Fenster sah.

Die Kutsche zogen ein weißes und ein schwarzes Pferd; die wurden von einem dicken Kerl mit gar kurzen Füßen und einer grauen Jacke, an einem Stricke geleitet; hinten auf die Kutsche aber war ein Korb gebunden, daraus streckten vier Gänse ihre Hälse, woran ich erkannte, daß die Herrschaft der Pfarrherr vom benachbarten Dorfe war.

Ich bemerkte bald, wie einer der Juden sich hinter die Kutsche machte, die gar langsam ging, und mit einem Messer den Korb voll Gänse nach und nach abtrennte. Da schrie ich, als er eben den Korb herunterzog: »Judas Ischarioth!« aus voller Kehle.

Der Pfarrer streckte auf diesen Kanzelschrei, den Kopf zu seinem wandelnden Sommerhause heraus, bemerkte den Verräter, schrie »halt!« und sprang, eh' noch die Kutsche völlig feststund, mit seinem langen Stocke heraus.

Der Jude war feldeinwärts gesprungen; die losgetrennten Gänse aber waren schon herausgeflattert, und nahmen ihren Flug mit lautem Schreien: »Ga! ga! gi! ga!« rückwärts.

»O du verstockter Sunder!« schrie der Pfarrer, indem er mit seinem langen Hirtenstabe dem Fluge der Gänse eine andere Richtung gab. »Ich bin des Todes!« schrie die Frau, sprang aus dem Sommerhause, und ertappte glücklich zwei der zurückkehrenden Vögel an den Kragen, die andern zwei trug schon ein zu Hülfe gesprungener Bauernjunge an den Flügeln herbei.

Die Gänse wurden nun nicht mehr hintenhinaufgebunden, sondern in die Kutsche gesetzt, der Pfarrer aber lief neben dem Schlage einher; den Stock trug er unter dem Arme, beide Hände aber hatte er tief in die weiten Rocktaschen gesteckt.

Während ich immer so still hinter ihm herging, nahm ich Gelegenheit, seinen Stock insgeheim näher zu betrachten: denn ich hatte schon vorher bemerkt, daß er vom silbernen Knopf bis an das Beschläge in einer Spirallinie hinab mit schwarzen Figuren bezeichnet war.

Da ersah ich nun, daß der Stock eigentlich eine Stockbibel war: denn die schwarzen Figuren auf ihm stellten lauter Geschichten aus der Bibel dar, als die Arche Noah, das verlorene Paradies, und die Zerstörung von Jericho, alles wie in Schattenrissen gar lieblich gezeichnet.

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