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Die Reiseschatten

Justinus Kerner: Die Reiseschatten - Kapitel 13
Quellenangabe
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typedrama
authorJustinus Kerner
titleDie Reiseschatten
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1826
printrunErste Auflage
editorGunter E. Grimm
year1996
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwölfte Schattenreihe

Erste Vorstellung

Ich verließ das Wirtshaus; es war heute ein Feiertag. Viele schöne Mädchen und Frauen traten aus der Sebalduskirche, um vor den Toren in Gärten, und auf den Wiesen sich im Grünen zu ergehen.

Manch liebes Bild ersah ich da, an dem ich kalt und stumm vorübergehen mußte, wie an den schönen Blumen, dort in den fremden verschlossenen Gärten. Ich kam auf eine große grüne Wiese; darauf stunden große Linden, in deren Schatten Buden verschiedener Art errichtet waren, auch waren da viele Leute versammelt.

In einer der Buden wurden Krippenspiele gegeben. Viel Volks strömte in sie ein: besonders bemerkte ich viele Kinder; auch sah ich außen vor der Bude viele Jungen stehen, die gaben sich Mühe, durch die Spalten der Bude das Spiel mit anzusehen. Ich hörte den Klang einer Harfe und ging ein. Die Bude war voll Menschen. Auf den vordem Bänken saßen viel liebliche Mädchen, alle mit Blumensträußen an dem Busen, in bunten Kleidern. Die meisten der andern Bänke aber waren von Mägden und Kindern besetzt; auch sah ich mehrere Greise, denen Kinder auf dem Schoße saßen. Der Vorhang war noch nicht aufgezogen. Auf ihm sah man das Wappen der Stadt Nürnberg mit den buntesten Farben gemalt; das hielten zwei Riesen, die waren ernsten Ansehens; hielten auch lange Stangen in den Händen, und hatten große Schwerter an der Seite; sie hatten runde Schlapphüte auf, mit Federn, waren halb geharnischt, und hatten lange Bärte.

Um sie herum ritten viele Knaben auf Steckenpferden, und hatten Klappern in den Händen. Bei den Füßen der Riesen aber, pflückten Mädchen Blümchen aus dem Grase, andere verbargen sich hinter den Füßen der großen Männer, und lächelten schelmisch hervor.

Nahe bei dem Vorhange saß die blinde Harfnerin, so mit mir einst den Fluß hinabgefahren; zu ihren Füßen saß der Knabe, schneeweiß gekleidet, hatte auf seinem lockigen schwarzen Haare eine Krone von Schettergold, und in der Hand hielt er einen schwarzen Stab.

Der Vorhang ward aufgezogen, die Harfe schwieg; der Knabe mit Kron' und Stab aber stellte sich auf einen hohen Schemel nahe beim Vorhange, so daß er von allen gesehen wurde.

Figürchen, kaum einen Finger lang, von unten herauf geleitet, bewegten sich hin und her.

Alles war bloße Pantomime; der Knabe mit dem Stab' aber gab zu jeder Vorstellung mit einfachen Worten die Erklärung.

Möchten aus den Worten des Knaben, die ich hier hersetze, euch jene bunte Figuren erstehen! –

Das Zwischenspiel der zwölften Schattenreihe

oder

das Krippenspiel aus Nürnberg

Erster Aufzug

Der Knabe spricht:

Nürnberg wird von Kaiser Konrad mit Mauern umgeben.

Der Vorhang fällt.

Zweiter Aufzug

Der Knabe spricht:

Der Kaiser Wenzeslaus begehrte die Schlüssel zum Vestner Tore von E. E. Rat, und sagte ihnen zu, was sie wieder von ihm würden bitten, wollte er ihnen auch gewähren.

Also wurden ihm die Schlüssel von dem Bürgermeister zugestellt. Da sagte der Kaiser zum Bürgermeister: nun bittet auch, und was ihr bittet, soll euch gewähret werden.

Darauf sagte der Bürgermeister: Allergnädigster Herr Kaiser! so bitten wir von E. Majestät nicht anders, denn daß E. M. uns unsere Schlüssel wollten wieder zustellen. Da wurde der Kaiser schamrot, und sagte zum Bürgermeister: du lustiger Mann und Fuchs! das sollte ich zuvor bedacht und ausgenommen haben, und zuckte die Hand, und schlug dem Bürgermeister flechtlings ins Angesicht, und wurf ihm die Schlüssel wieder dar, und saß im Zorn auf sein Roß, ritte alsobald aus der Stadt, und gab seinen Dienern Befehl, daß sie den Krämern ihre Kräme sollten über den Haufen reiten, und umwerfen, welches auch geschahe.

Der Vorhang fällt.

Dritter Aufzug

Der Knabe spricht:

Als Kaiser Sigismund auf dem Reichstag zu Nürnberg anwesend war, ließ er sich am Osterabend auf St. Sebalds Kirchhof um das Feuer führen; als man dasselbe gesegnet, fand er sich auch bei der Veste in St. Sebaldkirche ein, wobei er den St. Georg Mantel getragen, der von blauem Samt und mit Hermelin gefüttert war, worauf ein Kreuz mit Perlen geheftet und an demselben St. Georgs Schildlein auf den linken Ärmel mit Seite gesticket.

Der Vorhang fällt.

Vierter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier wird das von Hans Starken auf St. Sebaldkirchhof gestiftete, messingene Kruzifix, welches 1878 Pfund gewogen, an die Kirche beim Portal mit vier Nägeln angeheftet und jeder Fuß besonders.

Der Vorhang fällt.

Fünfter Aufzug

Der Knabe spricht:

Der Kaiser Friedrich hielt einen Reichstag zu Nürnberg. An Peter Rieters Hause war ein Thron errichtet, vor welchem verschiedliche Fürsten die Lehn empfingen, wann der Kaiser im kaiserlichen Ornate auf denselben gesessen.

Unten am Schlosse ließ der Kaiser auf Gewölben und steinernen Pfeilern Gärten machen, und unterhalten; auch Weinreben darein pflanzen.

Auf dem runden Turm in der Vestung aber hatte der Kaiser in einem Erker ein großes zinnernes Rohr machen lassen mit einem Blasebalg; wenn dieser getreten wurde, und der Wind in das Horn blies, so brummte es wie eine große Orgelpfeife, daß man es über die ganze Stadt hören konnte.

Der Vorhang fällt.

Sechster Aufzug

Der Knabe spricht:

In der Kreuzwoche hat der Kaiser befohlen, alle Kinder von Nürnberg in den Stadtgraben vor dem Schlosse kommen zu lassen, da denn etliche tausend erschienen, deren jedem er einen Lebkuchen, worauf sein Bild gestanden, erteilte.

Der Vorhang fällt.

Siebenter Aufzug

Der Knabe spricht:

Kaiser Maximilianus hielt einen großen Reichstag zu Nürnberg. Dabei wurde ein solennes Rennen und Ritterspiel gehalten, welchem der König in höchster Person beiwohnte, und mitgerennt.

Er war auf das köstlichste angekleidet, und geziert von dem Schatze, den sein Herr Vater auf dem Schlosse zu Nürnberg in St. Margarethen Kirche vermauert hatte, sein Rennpferd war geziert mit einer Decke, von Perlen und Edelsteinen gestickt und geschmücket.

Nach geendigtem Ritterspiel kamen vier und zwanzig von Adel, in grünen Schetter gekleidet, mit Wolle ausgefüllet, und mit ströhernen Helmen auf die Bahn. Sie hielten zusammen viele Treffen mit Krücken, ritten auf ungegürteten Sätteln, und wann sie trafen, blieb keiner sitzen, welches lächerlich zu sehen war.

Der Vorhang fällt.

Achter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier war die große Glocke bei St. Egidien aufgehangen, und ward am Osterabend das erstemal geläutet.

Sie hat 39 Zentner 8 Pfund gewogen.

Der Vorhang fällt.

Neunter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier schifft Martin Behaim aus Nürnberg mit einem Schiffe, so er sich von der Königin Isabella erbeten, in die große Westsee, weil er vermutete, es wäre außerhalb unsern bekannten Weltteilen noch viel Landes abendwärts anzutreffen.

Nachdem er nun ziemliche Zeit die Westsee durchwandert, entdeckte er eine Insel, so man Fayal nannte, worauf er die längste Zeit seines Lebens zugebracht.

Der Vorhang fällt.

Zehenter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier hat Sixt Oelhafen Hochzeit mit Jungfrau Annen, Seifried Pfinzings Tochter, wobei alle Fürsten und Herren, so auf dem Reichstag waren, persönlich erschienen. Die Braut wurde von zwei Ratsherren, die ihre Ratskleider anhatten, zur Trauung geführt. Sie trug eine Krone auf dem Haupte, die war mit Perlen besetzt, auch war sie schön mit güldenen Ketten und anderem kostbaren Geschmuck ausgeziert.

Der Vorhang fällt.

Eilfter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier wird der in der Zeichen- und Malerkunst, wie auch im Formschneiden, Kupferstechen, Radieren, Bildhauen und Eisenschneiden hocherfahrne Künstler, Albrecht Dürer, der alte, unter Begleitung des Rats und aller Bürger auf den St. Johanniskirchhof zum Grabe getragen, und ward ein groß Trauern. –

Der Vorhang fällt.

Zwölfter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier halten die Messerer von Nürnberg in der Fastnacht, nach altem Gebrauche, ihren Schwerttanz. Sie tanzten vor dem Rathause und hielten eine Fechtschule. Die Schreiner hielten auch einen Aufzug, und trugen ein schönes Haus in der Stadt herum. Sie trugen Kleider von lauter Spänen zusammengeflochten, darinnen hielten sie vor etlicher Burger Häusern Komödie, bei welcher sie einen Bauern hobelten.

Der Vorhang fällt.

Dreizehnter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier bringen die Metzger, den Donnerstag nach der Fastnacht, dem Magistrate eine Wurst.

Ihre Länge war sechshundert und acht und fünfzig Ellen. Die Stange woran sie getragen worden, war neun und vierzig Schuhe lang. Die Wurst war oben mit Grün besteckt. Die Träger hatten in der linken Hand Gabeln, damit sie ruhen konnten, und war dabei eine schöne Musik zu hören. –

Der Vorhang fällt.

Vierzehnter Aufzug

Der Knabe spricht:

Hier nimmt von der Welt Abschied, Hans Sachs, seiner Profession ein Schuster, aber dabei ein berühmter Meistersänger zu Nürnberg, welcher 4275 Meistergesänge, 208 Komödien und Tragödien, 1700 Sprüche und Gesänge, 72 Psalmen und geistliche Lieder verfertigt.

Der Vorhang fällt.

 

Das Krippenspiel war geendigt. In frommer Andacht saßen die Mädchen während der Vorstellungen da. Nun aber teilten sie einander laut ihre kindische Freude mit, und zogen scherzend von dannen.

Zwei Mädchen aber blieben, als schon alle andere die Bude verlassen, immer noch stehen, vermeinend, der Vorhang könnte doch noch einmal hinaufrollen, und kamen dann recht betrübt mit einem Manne, der die Bude verschloß, heraus.

Zweite Vorstellung

In der Bude darneben war ein Ringelspiel zu sehen, da ritten sie auf hohen hölzernen Pferden, die im Kreise herumgedreht wurden, und suchten, während des Herumfahrens, Ringe, so an die Seiten aufgehangen waren, mit Speeren herunter zu stechen.

Vor allen fiel mir da ein Mädchen auf, das stund mit beiden Füßen frei in einem der Steigbügel, hielt sich mit der linken Hand an der Mähne des Pferdes, mit der rechten aber führte es den Spieß.

Es verfehlte nie den Ring, während alle Männer ihn verfehlten. Alles blickte auf dasselbe Mädchen, und war es nicht anders anzusehen, als eine Fee. Je länger ich es anblickte, je bekannter schienen mir seine Züge, nur vermocht' ich wegen des schnellen Herumfliegens nicht, sein Bild genau aufzufassen.

Das Spiel war geendigt, das Mädchen sprang vom Pferde, und ich erkannte zu meiner großen Freude in ihm jenes fremde Mädchen, das mit mir den Fluß hinab gefahren war! es hatte auch mich erkannt, und freundlich gegrüßt.

Da ging ich auf dasselbe zu, und sprach: »nun sollt ihr an mir nicht wieder, wie ein Schatten an der Wand vorüberschweben, fest zu halten gedenk ich euch, so feenartig ihr auch aussehet.«

Das Mädchen lächelte; ich führte es an der Hand aus der Bude, und gingen wir die Wiese hinab gegen den Fluß spazieren.

Ich lobte seine Kunst; da erzählte es mir mit vieler Einfalt, wie es auch im Schwimmen gar wohl erfahren seie, und auch ein Schiff zu lenken verstehe.

Dritte Vorstellung

Die Sonne sank hinter die blauen Berge, und warf einen feurigen Strahl in den Fluß. Schifflein mit roten Segeln schwebten wie lichte Abendwolken vorüber, fernere glichen Schwänen oder Tauben, so durch den blauen Himmel fliegen.

Lange blickte das fremde Mädchen stillschweigend über die blaue Fläche hin; endlich sprach es: »O Meer, daß ich dir ferne weilen muß! wie oft stand ich einst auf meiner heimischen Insel an deinem bunten Beete! Gewaltiges Sehnen zog mich, durch den Kristall der Wellen zu schauen. Da war mir als tönten süße Stimmen zu mir herauf, die riefen mir zu: steig hinab in unsere Lichtheit! War mir da zu Mut, als wäre nur da unten meine Heimat. Dann benetzt' ich mich, meine Sehnsucht zu stillen, mit Meerwasser und badete in den hellen Kristallen die langen Locken. Das Meer war meine Wiege, seine Muscheln, Steine und Korallen meine Spiele um sie, als Kind riß man mich von ihm; den Fesseln entsprungen, die mich seitdem fern von ihm banden, eil ich ohne Aufhalt zu ihm zurücke, es werde mein Grab. Dann werd' ich die sehen, die mir so oft gerufen, es wird mir alles klar werden da unten, die Steine, die Blumen, die Muscheln und Fische, alle Klänge und Gestalten meiner Kindheit werden sich auftun den trunkenen Blicken.« So sprach das fremde Mädchen.

Wir kamen im Gespräch durch einen Garten, wo nebenbei ein einsames Landhaus stund.

»Dieses Haus,« sprach das Mädchen, »bewohnt schon seit vierzig Jahren eine wahnsinnige weibliche Person. Sie ist nun in ihrem siebenzigsten Jahre und soll einst eines der schönsten Mädchen von Nürnberg gewesen sein.

Vor zwanzig Jahren erwachte sie eines Tages aus ihrem Wahnsinne, berief dann all' ihre Freunde zusammen, gab ihnen ein Gastmahl, nahm von ihnen Abschied und kehrte dann wieder in sich zu ihren finstern Geistern zurück.

Seitdem steht der Garten ganz sich überlassen.« –

Schauerliche Stille herrschte in diesem Garten, kein Vogel sang in ihm, nur eine Ziege sah ich im hohen Grase liegen, kein Weg war mehr zu sehen, die Blumen gaben ihre Samen den Winden, die Wände des Gartenhauses waren eingefallen, die Bildsäulen lagen in Stücken, die Fenster waren zersprungen und abgefault, in den Laubgängen war dunkle Nacht, und war so der ganze Garten selbst ein Bild des Wahnsinnes.

In einem der Laubgänge setzten wir uns nieder, da hat das fremde Mädchen mir den Sterbetag all meiner Freunde gesagt, so wie den Tag, an dem der oder jener geboren, und meinen Sterbetag.

»Schont meiner,« sprach ich, indem ich sie freundlich anblickte. Da umschlang sie mich mit einem Arme; mit der Hand des andern aber, fuhr sie mir dreimal sanft über die Augen her, die schlossen sich alsbald wie zum magnetischen Schlafe.

Als ich die Augen bald wieder mit Gewalt aufschlug, da sah ich das Mädchen nicht mehr und rief ihr auch vergebens durch den weiten Garten zu. – Die Nacht war da, ich stand allein in dem verlassenen Garten. Schauer ergriff mich und eilend sprang ich durch die dunkeln Laubgänge aus dem Garten ins Freie.

Ein zahllos Heer von Sternen ging durch den Himmel und ich fühlte mich nicht mehr allein.

Ich dachte dem fremden Mädchen nach, und der Worte, die sie zu mir gesprochen, und so furchtbar sie mir auch war, so fing ich doch an, ein stilles Sehnen nach ihr zu fühlen.

Vierte Vorstellung

Im Nachdenken über das Vergangene verloren, kehrte ich gegen die Stadt zurück.

Endlich war ich wie aus Träumen erwacht; sonnenhell schien der Mond durch den blauen Himmel, und ich befand mich vor einem Bilde, so da am Wege stand, das betrachtete ich und las darunter die Worte:

»Hier hängt Jesus vor seiner gebenedeiten, würdigen Mutter, die ihn mit großem Leid und bitterlichen Schmerzen beklaget und beweint.« Das Bild selbst stellte Christum am Kreuze hängend dar, wie er seine schmerzvolle Mutter mit liebreichen Worten zu trösten sucht.

Ich ersah als ich weiter ging, daß ich mich an dem Werke befand, so Martin Kätzel vor vierhundert Jahren errichtet. Dieser nämlich ist nach Jerusalem gereiset, und hat allda die Weiten von verschiedenen Gegenden, wo der Herr Jesus zu seinem Tode gewandelt, von dem Hause Pilati, bis an den Berg Kalvariä sorgfältig abgemessen.

Als er nun wieder in Nürnberg angelangt, hat er befunden, daß die Blätter, worauf er die Weiten notierte, verloren gegangen – da ist derselbe wieder hineingereiset, und hat die Abmessung mit gleichem Fleiße wiederholt, worauf er denn endlich bei seiner letzten Zurückkunft, mit Zuziehung Adam Krafts, eines berühmten Bildhauers in Nürnberg, das lang' gefaßte Intent erreicht.

Es stellt vor die Hinausführung Christi zur Kreuzigung; nämlich die vier Fälle auf so viel steinernen Säulen in flachen Bildern, wie sich die eigentlichen Weiten von dem Hause des Pilati bis auf die Schädelstätte ergeben, und geht von dem Tiergärtnertor bis auf den Johanniskirchhof.

Fünfte Vorstellung

Ich war auf meine Herberge zurückgekehrt, und blickte noch lange in die einsamen Gassen nieder. Alles war rings Totenstille und schien die Stadt von allen Menschen verlassen.

In dunklem Schatten stand die alte Sebalduskirche, und ragte düster und ernst in den Himmel voll Sterne, der sich ob ihr gleich einer Glorie verbreitete.

Eine Stimme ertönte, wie aus den Lüften, in die stille Nacht hernieder.

Es war der Wächter auf dem Turme der Kirche, der sang zur Zither:

Ein fremder Kavalier
Stieg ab vom schwarzen Roß,
Trat in den Königssaal,
Mit andern Herren groß.

Derselbe Kavalier
Trug einen Edelstein,
Wie man noch keinen sah,
Von wundersamem Schein.

Ein Stein von hohem Wert
In Königs Krone saß,
Doch schien vor diesem er
Ein mattgeschliffen Glas.

Der König bot ihm Gold,
Er bot ihm Leut und Land,
Doch lassen wollt er nicht
Den edeln Diamant.

Der König dess' erbost,
Spricht zu dem Hauptmann sein:
Bringt mir des Mannes Hand
Samt seinem Edelstein.

Der Hauptmann reckt das Schwert,
Haut nach des Mannes Hand,
Doch statt dem Kavalier
Der Teufel vor ihm stand.

Glut strömt aus seinem Ring,
Zur Hölle wächst der Stein,
Schleußt Schloß und König bald
Samt allen Dienern ein.

Die Glocke schlug Mitternacht und der Wächter stieß dreimal ins Horn.

Sechste Vorstellung

Ich legte mich auf mein Lager und entschlief; da mischten sich die gesehenen Bilder jenes Krippenspiels gar wundersam im Traum. – Bald sah ich den Kaiser Wenzeslaus, wie er ergrimmt auf sein Roß sprang, und der Zug seiner Ritter und Reiter hinter ihm her, über die Krämerstände setzten, sie darniederrannten und die erstaunten Krämer nicht wußten, wie das geschah.

Dann aber ersah ich wieder, wie eine Menge Leute auf den Straßen zu Nürnberg stunden; es war der Osterabend. Alles war rings Totenstille, die Wolken hielten zu ziehen inne; die Vögel auch saßen schweigend auf den Dächern umher, alles lauschte, – und nun auf einmal erklang vom St. Egidienturme zum erstenmal die geweihte Glocke.

Lauter Jubel der Menschen da unten ertönte in ihre dumpfen Schläge. Die Vögel schwangen sich singend auf von den Dächern in die Lüfte, und freudig flogen die Wolken über Kirche und Stadt dahin. Jetzt aber stand ich vor der Sebalduskirche.

Ich sah, wie sie das schwere Kruzifix an der Kirche hinaufzogen. Eine Menge Volks stand unten in banger Erwartung. Jetzt war es aufgezogen, der Künstler so es gegossen, gab von unten herauf die Anweisung zur Anheftung. Jetzt war der letzte Nagel eingeschlagen, die Arbeiter waren herniedergestiegen, und frei hing das göttliche Bild.

Ein Sonnenstrahl durchbrach die Wolken, und niedersank das Volk, es zum erstenmal im frommen Glauben anbetend.

Auch der Künstler kniete betend da, es deuchte ihm nun nicht mehr sein Werk, es war ihm so ganz fremd geworden.

Siebente Vorstellung

Als ich dem so nachdachte, und im Schauen verloren war, waren die Leute indes um mich verschwunden, ich stund allein an der Sebalduskirche.

Der Himmel war ganz trübe, die Vögel saßen wieder auf den Dächern stumm, die Bronnen stunden stille, und das hohe metallene Kreuz blickte aus dunkelm Schatten nieder.

Da erfüllte plötzlich die Gassen ein langer Zug in schwarzen Gewanden; Männer, Mädchen, Frauen und Kinder. Sie schienen in tiefer Trauer wehklagend, doch war nicht ein Laut, nicht ein Tritt eines Fußes zu hören. Ein langes schwarzes Tuch flatterte von einem Sarge, so in ihrer Mitte, hernieder, und schien ihn wie auf vier Flügeln zu tragen, und war auf ihm zu lesen: Albrecht Dürer.

Der Leichenzug verschwand, die Sonne warf hellen Schein durch die Gassen, die Bronnen ergossen melodisch ihre silbernen Ströme, geharnischte Ritter ritten durch die Straßen, lieblich gekleidete Frauen und Jungfrauen stunden mit Blumensträußen an dem Busen vor den Fenstern, und ein hellglänzender Zug von Reitern kam daher; Helme erglänzten und Schwerter erklangen.

Ich sah den Kaiser auf einem weißen Pferde, inmitten seiner Fürsten, Grafen und Ritter. Er hatte einen langen Bart, und war stolzen und ernsten Ansehens, hatte einen roten Mantel um sich geworfen, darauf waren mit Perlen zwei Löwen gestickt, auch war die Decke seines Pferdes reich an Gold und edeln Gesteinen.

Nach ihm ritten drei Herolde in schwarzen seidenen Mänteln, darüber sie Atlasröcke hatten, darauf waren vorn und hinten unterschiedliche Wappen zu sehen. Der zur rechten führte das Wappen des Königreichs Ungarn, der zur linken das Wappen der Krone Böhmen, und der in der Mitte das des Erzhauses Österreich. Nach diesem ritt derlei Ehrenhold auf einem weißen Pferde, welcher über seinem samtnen Mantel den kaiserlichen zweiköpfigen Adler führte. Alle vier Herolde hatte ein jeder einen weißen Stab in der Hand, und ritten mit entblößten Häuptern.

Achte Vorstellung

Der Zug schwebte vorüber; es kam ein Schiff, das segelte auf der einsamen See, seine rote Flaggen wehten, wie Abendwolken, in der blauen Luft. Es verschwand. Mönche, Herolde, Ritter, Könige, lustige Springer, Nonnen, Meerfrauen, Heiligenbilder zogen an mir vorüber, die verwandelten sich bald in eine Menge Blumen, als da sind, Rosen, Lilien, Tulpen, Narzissen, Anemonen, Sterne und Sonnenblumen; die gingen zum schönsten, buntesten Strauße zusammen, der in schwarzer Nacht in sonnenhellen Farben stund. Er schien mir erst ganz nah zu stehen, doch waren seine Farben hier noch matt, aber jetzt trat er immer mehr und mehr zurücke, und je ferner er mir kam, je glänzender wurden seine Farben, endlich war er in ungeheurer Ferne nur noch wie ein Punkt zu sehen, doch in diesem Punkte noch jede einzelne Blume kenntlich, so durchschneidend hell waren jetzt seine Farben; da erlosch er, und ich erwachte.

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