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Die Reiseschatten

Justinus Kerner: Die Reiseschatten - Kapitel 12
Quellenangabe
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typedrama
authorJustinus Kerner
titleDie Reiseschatten
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1826
printrunErste Auflage
editorGunter E. Grimm
year1996
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Eilfte Schattenreihe

Erste Vorstellung

Eine Herberge für arme Handwerksbursche ist nun das Haus, das einst Hans Sachs bewohnte, ich wählte es auch zu meiner Herberge.

Mich däucht, ich reist aus rustig,
Und kam zur Maienzeit,
In eine Stadt groß, lustig,
Von Häusern, schön bereit,
Die Wohnung der gedürsten
Reichsfürsten
War mitten in der Stadt.
Und auch ein Berg hoch, grüne,
Darauf ein schöner Gart,
In Freuden war ich kühne
Weil drein gepflanzet ward
Wohl mancher Baum voll Früchte,
Gezüchte,
Pomranzen und Muskat;
Mehr fand ich drein
Rosinlein fein,
Mandeln, Feigen, allerlei rein
Wohlschmeckend Früchte, groß und klein,
Gewiß, viel Volks da insgemein
Das drin spazieret hat.

Mitten im Garten stande
Ein schönes Lusthäuslein,
Darin ein Saal sich fande,
Mit Marmor pflastert fein,
Mit schön lieblichen Schilden
Und Bilden, Figuren frech und kühn.
Ringsum der Saal auch hatte Fenster geschnitzet aus,
Durch die man all' Frucht' tate
Im Garten sehen draus.
Im Saal stand auch ohnecket
Bedecket Ein Tisch mit Seiden grün,
An selbem saß
Ein Amtmann blaß,
In einem langen Bart fürbaß
Grauweiß, wie eine Taub er saß
Auf einem Blatte grün.

Das Buch lag auf dem Pulte
Auf seinem Tisch allein,
Und auf den Bänken, gülden,
Mehr andre Bücher fein,
Die alle wohl beschlagen Da lagen,
Der alte Herr nit ansah.
Wer zu dem alten Herren
Kam in den schönen Saal,

Und grüßet ihn von ferren,
Den sah er an diesmal,
Sagt nichts und täte neigen
Mit Schweigen
Gen ihn sein alt Haupt schwach.«

Dem dacht' ich noch halb schlummernd nach, da däuchte mir auch, als stünd ich in dem Garten, er war rings von Moos und Efeuranken beschirmt, umwachsen. Da saß der alte Herr noch, sein Bart war durch den Tisch gewachsen. Die alten Bäume stunden von hundert und hundert Jahren her noch mit ihren alten Früchten da, und die Blumen, noch die alten, dufteten durch den weiten Garten; die Vögel, so den Garten einst bewohnten, hatten den alten Herrn auch nicht verlassen; sie saßen noch auf den Bäumen umher, und sangen ihr altes Lied.

Es war dem Herrn die ganze Natur so treu geblieben – – ein Mensch aber war nicht mehr um den alten Herrn zu erblicken.

Da ward mir gar trüb zu Mute, und schwur ich in meinem Sinn, nimmer aus dem Garten zu kehren, und hub zu weinen an. Dies ersah der alte Herr, und tat sein Haupt gegen mich lächelnd neigen, da erwacht ich.

Und da ging ich zum Johanniskirchhof hinaus, und ging auf Hans Sachsens Grab.

Nicht weit von Albrecht Dürer ruht er auf der Seite, wo nun auch Grübel ruht; sie schlummern alle in den Gräbern ihrer Väter.

Sonnenblumen wuchsen aus ihrer Asche auf, die heben unverwandt ihre Häupter zum Stern der Liebe und Kraft auf.

Zweite Vorstellung

Als ich durch das Tor wieder einging, fuhr ein Reisewagen hinein, auf dem hinten ein kleiner Mohr saß, der mir wie ein Bekannter freundlich zuwinkte.

Der Wagen hielt vor dem Wirtshause zum Wallfisch, dahin ging ich, um ein Mittagsbrot zu verzehren. Der weiße Mann saß in diesem Wirtshause ganz betrübt unter vielen Tabaksrauchern in einem der Zimmer, das voll Rauch war. Es hatte aber derselbe nur ein Rohr im Munde, aber keine Pfeife daran. »Sehen Sie,« sprach er zu mir, »in einem solchen Rauchzimmer, das gleichsam schon eine große Pfeife voll Rauch darstellt, pflege ich nur ein Rohr in den Mund zu nehmen, vermöge dessen ich den überflüssigen Rauch um mich auffange, und wieder verrauche, so habe ich keinen Tabak nötig, auch brauche ich keine Pfeife zu stopfen und anzuzünden.

Nun nehme ich eine Prise,« sprach er, indem er das Fenster wie eine Tabaksdose öffnete; »die Sonne ist der allerherrlichste Schnupftabak,« sprach er weiter, »und macht mich stets nießen, wenn ich so recht einen kräftigen Strahl in meine Nase fallen lasse, hutscha!«

Ich lobte seine Erfindung, und bat ihn, sie zum Besten aller tabaksrauchenden und schnupfenden Dichter, im Reichsanzeiger bekannt zu machen. Darnach lud ich ihn ein, mit mir in das nächste Zimmer zu sehen, um ein Mittagsbrot zu verzehren, maßen er mir nicht anders vorkam, als wie ein aus einem alten Torschreiber vor Hunger entlaufener Speisekanal.

Dritte Vorstellung

In demselben Zimmer saß ein Herr mit einem Ordensband; man hieß ihn den Grafen Maslach, der verzehrte einen frikassierten Fasanen, und hinter seinem Stuhle stand der kleine Mohr zur Aufwartung.

Der Mohr lächelte mich wieder gar freundlich an, zog ein Stück Kreide hervor, und zeichnete flugs mit ein paar Zügen dem Grafen einen Eselskopf auf den Rücken, woran ich erkannte, daß der Mohr mein Laternenputzer Felix war. – Der Graf bemerkte durch die vor und hinter ihm hängenden Spiegel den Eselskopf, sprang vom Stuhle auf, den Mohren zu packen, als derselbe schon längst die Treppe hinabgesprungen.

»Mohr bleibt doch immer Mohr,« sprach der Graf zu mir, indem ich in einen Hasenschlegel biß; »ich mag den Kerl prügeln, so oft ich will, so bleibt er stets ein wildes, halsstarriges Tier. Übrigens schone ich ihn immer, so viel ich kann. Seine Lebensgeschichte ist sehr interessant; er ist eigentümlich eines afrikanischen Königs Sohn, und ich hab' ihn auf meinen Reisen an der Küste von Koromandel mit mehreren Papageien, Affen, Kolibris und Straußeneiern teuer erkauft.« –

Der weiße Mann fragte mich leis, ob ich nicht glaube, daß er dem Grafen den Eisenhammer deklamieren solle? ich sagte: »allerdings! tun Sie das!« da stund er auf und machte eine Verbeugung gegen den Grafen, aber im nehmlichen Momente trat Felix wieder herein, in seinem alten Grenadiersrock und mit weißem abgewaschenem Angesicht. Er stellte sich mit andern Betteljungen an die Türe, und ehe der weiße Mann Zeit gewann, den Mund zu öffnen, fing er mit heller Stimme also zu singen an:

Es spielt ein Graf mit seiner Magd,
Bis an den hellen Morgen,

Bis daß das Mägdlein schwanger war,
Da fing es an zu weinen.

Weine nicht,
weine nicht,

braun's Mägdelein,
Ich will dir alles bezahlen,

Ich will dir geben den Mohren mein,
Dazu fünfhundert Taler.

Den Mohren dein und den mag ich nicht,
Will lieber den Herren selber.

Wann ich den Herrn nicht selber kann han,
So geh ich zu meiner Mutter!

In Freuden bin ich von ihr gegangen,
In Trauren wieder zu ihr.

Und da sie vor die Stadt Augsburg kam,
Wohl in die enge Gasse,

Da sah sie ihre Mutter stehn
Bei einem kühlen Wasser.

Bist du willkommen liebs Töchterlein,
Wie ist es Dir ergangen,

Daß dir dein Rock von vornen so klein
Und hinten viel zu lange?

Und wie es mir ergangen hat,
Das darf ich Euch wohl sagen:

Ich hab' mit einem Edelherrn gespielt,
Ein Kindlein muß ich tragen.

Hast du mit einem Edelherrn gespielt,
Du brauchst es niemand zu sagen:

Wenn Du Dein Kindlein zur Welt gebierst,
In Rheinstrom wollen wir's tragen.

Ach nein, ach nein, liebe Mutter mein!
Das wollen wir lassen bleiben.

Wann ich das Kind zur Welt gebär,
Dem Vater will ich zuschreiben.

Ach Mutter, liebe Mutter mein!
Macht mir das Bettlein nicht zu klein,

Darin will ich leiden Schmerz und Pein,
Dazu den bittern Tod.

Und da es um Mitternacht,
Dem Edelherrn träumt es schwer,

Als wenn sein herzallerliebster Schatz
In dem Kindbett gestorben wär.

Steh' auf, steh auf, lieb Reitknecht mein!
Sattle mir und dir zwei Pferd:

Wir wollen reiten bei Tag und Nacht,
Bis wir den Traum erfahren.

Und als sie über die Heid naus kamen,
Hörten sie ein Glöcklein läuten:

Ach großer Gott von Himmel herab,
Was mag doch dies bedeuten!

Und als sie vor die Stadt Augsburg kamen,
Wohl vor die hohen Tore,

Da sahen sie vier Träger schwarz
Mit einer Totenbahre.

Stellet ab, stellet ab ihr Träger mein,
Laßt mich den Toten beschauen,

Es möchte mein' Herzallerliebste sein
Mit ihren schwarzbraunen Augen.

Da hob er auf den Schleier weiß,
Besah wohl da ihr Herze:

Es ist einmal mein Schatz gewest,
Nun fühlt sie keinen Schmerzen.

Da hob er auf den Schleier weiß,
Besah wohl ihre Hände:

Es ist einmal mein Schatz gewest,
Nun aber hat's ein Ende.

Da hob er auf den Schleier weiß
Besah wohl ihre Füße:

Es ist einmal mein Schatz gewest,
Nun aber schläft sie süße.

Da zog er aus sein glänzend Schwert,
Und stach es sich ins Herze:

Hast du gelitten den bittern Tod,
So will ich leiden den Schmerzen.

O nein, o nein! o Edelherr! nein,
Das sollt ihr lassen bleiben:

Es hat schon manches liebe Paar
Von einander müssen scheiden.

Machet uns, machet uns ein tiefes Grab,
Wohl zwischen zwei hohen Mauern,

Da will ich bei meinem herzliebsten Schatz,
In seinen Armen trauren.

Sie begruben sie auf den Kirchhof hin,
Ihn aber unter den Galgen.

Es stunde an kein Vierteljahr,
Eine Lilie wächst aus seinem Grabe,

Es stund geschrieben auf den Blättern dar,
Beide wären beisammen im Himmel.

Und der dies Lied gesungen hat,
Der war des Grafen sein Mohr,

Er wusch sich an dem Bronnen weiß,
Und zog an's Meer daran.

Mit dem letzten Worte war Felix verschwunden. Der Graf hatte in ihm seinen Mohren erkannt, und hatte schon die Gabel aufgehoben, um ihn, wie einst König Saul den singenden David, an die Wand zu spießen; als er, wie erstarrt, wieder zurücksank.

»Himmel,« sprach er endlich, »der Hund hätt' mich betrogen! alsbald werd' ich ihn der Polizei angeben.« Da stund er auf und ging zur Türe hinaus, mehr aber um seine Verlegenheit zu verbergen, als den afrikanischen Prinzen aufsuchen zu lassen.

Vierte Vorstellung

Der weiße Mann hatte schon vor dem Spuk einen Haß auf Felix gefaßt; wahrscheinlich wegen seiner schwarzen Farbe, nun aber, da er durch ihn abermals in seiner beginnenden Deklamation unterbrochen wurde, brach er in gar derbe Schimpfreden also aus:

»Diese schlechte Bänkelsängerei gegen den Eisenhammer! Der Erzbetrüger! und durch die Fistel sang er's! ich hielt die Ohren zu, es war unerträglich.

›Da hob er auf den Schleier weiß‹ (sic!) warum nicht den weißen Schleier! Überdies ist das ganze Ding noch höchst unmoralisch, ich errötete.

›Weine nicht, weine nicht, braun's Mägdelein.‹

Wie abgeschmackt! welcher Mann wird an der Bräune eines Mägdleins Gefallen finden! ›Mägdelein‹ soll wahrscheinlich kindlich und naiv sein, ist aber nur kindisch!

›Ich will dir geben den Mohren mein‹ (sic!) warum nicht meinen Mohren, oder besser, meinen Heinrich, meinen Johann?

Überhaupt lauteten diese Verse so gegeben viel besser:

Ha! trockne die Tränen, schön Röschen traut,
Du wirst meines Johanns stattliche Braut;
Bekömm'st, so wahr ich kein Prahler!
Zur Mitgift fünfhundert Taler.

Und dann gleich darauf:

O nein! Herr Oberst! da wird nichts daraus
Zur sorgsamen Mutter kehr ich nach Haus.
Frischblühend bin ich gegangen,
Nun bleichet Schwermut die Wangen.

Sehen Sie! nicht wahr! das läßt anders, und eignet sich fast zu einer Deklamation. Ja der Teufel! bearbeitet muß alles sein! gefeilt! gefeilt! Der Dichter steht nicht gleich so da, er muß einen Schulsack haben, das fehlt denen Herrn, gründliches Studium der Klassiker.

Was spanisch! was italiänisch, was altdeutsch! verstünden die Herrn nur erst neudeutsch, den Adelung und die Grammatik. Nur durch die Sprache der Griechen und Römer kann man deutsch lernen. Solche Herren können wohl auch einen Lorbeerkranz erhalten; aber nur aus der Hand eines Pfalzgrafen. Aber da nützt alles Reden nichts, die Herrn machen sichs gern kommode. –

An solche Lumpen, an solche Betrüger, wie da der Pseudomohr war, wenden sie sich; das sind die Dichter der höchstgepriesenen Volkslieder, die Erhalter der deutschen Poesie! – Ich setze meinen Kopf zum Pfande, der Schuhputzer da hat die Reimerei selbst gemacht.

Wenn ich nur so einen Kerl auf der Straße singen höre, so einen Schneider, so einen Schmiedknecht, bekomm' ich vor Ingrimm über den ganzen Leib ordentlich eine Gänsehaut. Alles Wandern, alles Zunftwesen, hätte man doch schon längst verbieten sollen.

Sie können nicht glauben, welche Immoralität diese Handwerksbursche durch ihre Schelmenlieder in allen Gegenden verbreiten! Gehen Sie nur einmal an einem Sonntag Abends in eine Stadt, wo Fabriken sind: da laufen die Kerle frech, Arm in Arm, auf offener Straße; und nicht genug, daß man ihnen das Rauchen erlaubt, sie gehen mit aufgesperrten Mäulern selbst an der Polizei vorüber, und – singen!«

Fünfte Vorstellung

Du Hund, du, dacht ich, jetzt lern' ich dich erst recht kennen! Ich ließ ihn aber fortschwatzen, ob ich gleich bemerkte, daß zwei Schmiedknechte, so in einer Ecke der Wirtsstube saßen, sein Gerede behorcht, und sich hinter ihn gestellt hatten. – »Hör Er,« fing einer der Schmiedknechte an, »was Er da gesagt, scheint auf uns zu gehen?«

»Nein! ganz und gar nicht,« sprach der Deklamator, »meine Herrn! – ich – –«

Er sah jetzt nicht bleich oder weiß, wie gewöhnlich aus, sondern schwarz vor Angst.

»Er ist ein Roß!« schrie der eine Schmiedknecht, »weiß Er's!«

»Beschlagen wir ihn!« sagte der zweite Schmiedknecht. »Kamerad! Frisch auf ans Werk!« sprach der erste. Da faßten sie den weißen Mann bei Kopf und bei Fuß, und trugen ihn zur Türe hinaus, einer nahen Schmiede zu, während er ihnen, sie, wie einst Arion seine Mörder, zu rühren, den Eisenhammer vordeklamierte.

Alle Anwesende sahen dem Spuk mit vielem Gelächter durch die Fenster zu, und der Wirt erzählte, wie der weiße Mann Perückenmacher in dieser Stadt gewesen, wie er aber beim Anblick der ersten Titusköpfe vor Schrecken eine Hirnlähmung erhalten, und sich nun auf das Deklamieren und Rezensieren lege.

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