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Die Reiseschatten

Justinus Kerner: Die Reiseschatten - Kapitel 11
Quellenangabe
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authorJustinus Kerner
titleDie Reiseschatten
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1826
printrunErste Auflage
editorGunter E. Grimm
year1996
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zehnte Schattenreihe

Erste Vorstellung

Flügel und der weiße Mann waren wieder in den Postwagen gestiegen, ich aber sah die Türme der Stadt Nürnberg aus der Ferne ragen, und ging, sie immer vor Augen zu haben, den Weg vollends zu Fuße weiter.

Ich konnte kaum erwarten, bis ich in die Tore dieser Stadt eintrat. Ein Wagen voll bunter Spielwaren fuhr durch sie aus. Wie viele Freuden, sprach ich bei mir, flossen den Kindern im weiten Deutschland umher schon aus diesen Toren zu!

Schon dies sollte jedem diese alte Stadt heilig machen, mag er auch nicht der starken Männer gedenken, die durch sie ausgingen, und so manches gottgeweihte Bild mit schöpferischer Hand in unsern Kirchen aufstellten, vor dem noch jetzt nach Jahrhunderten manches Herz in frommer Andacht knieet!

Ich sah mich nach keiner Herberge um, ich hatte meinen Blick nur auf die heilige Sebalduskirche gerichtet, sie stund offen, und ich trat in sie ein. Da war mir recht als trät ich plötzlich in eine andere Welt, als trat ich in einen großen wunderbaren Sarg.

Ernst und bedeutsam blickten die alten Bilder, unsterbliche Werke deutscher Kunst, von den Wänden auf mich nieder, und sahen mich fragend an.

Einer so ganz andern Welt gehörten sie an, es war alles, was sie umgab, so ganz anders, als es da außen ist, anders Licht, anders Luft und Ton, darum ward mir gar wundersam zu Mute. In dieser Kirche lagen die Gebeine des heiligen Sebaldi in einem Sarge von Bronze, ein Monument von unbeschreiblicher Kunst! und über diesem Sarge wölbte sich ein zweiter Sarg, diese Kirche.

Die gemalten Glasscheiben warfen einen Schein durch die Gewölbe, der bald erstarb, bald wieder verklärt emporstrebte, je nachdem die Wolken zogen. Es war mir dies, wie ein stilles Atmen des Heiligen in diesem Sarge.

Im Hintergrund der Kirche stund eine Wanne von Bronze, die trugen die vier Evangelisten, und aus ihr empfing enzeslaus die heilige Taufe.

Zweite Vorstellung

Ich trat heraus, es war ein herbstlicher Mittag, dünne Wolken zogen schnell am Himmel vorüber, und es verbreitete sich bald heller Schein, bald dunkler Schatten auf den Gassen, auch trieb der Wind verwelkte Blätter umher, die wie Schmetterlinge bunt in den Lüften flatterten.

Durch die Gassen aber gingen viele farbiggekleidete Mädchen, die hatten alle Blumensträuße an den Busen stecken, und gingen oft da Hand in Hand, und sahen sich froh an: denn es war Sonntag.

Einer aber schoß mit großer Hast durch die Straßen, der hatte eine Menge Zettel unter den Armen, die teilte er unter die Leute aus, und auf den Zetteln stund gedruckt: »Hans Flügels Schwanengesang im Wallfisch.« Nun kamen mir erst die Freibillete und all meine Reisegefährten wieder in Sinn, und als ich noch nachdachte, ob alles ein Traum oder nicht, da schlug mich etwas von hintenher auf die Schulter, und als ich zurück sah, war es der weiße Mann; den Kondukteur und die Postknechte sah ich schon vorauseilen, sie hatten die Freibillete bei den Zollzeichen auf den Hüten stecken.

Der weiße Mann nahm mich insgeheim bei Seite, als hätte er mir ein Geheimnis anzuvertrauen, und flüsterte mir ins Ohr: »Sagen Sie, um aller Himmel Willen! keinem Menschen, was ich Ihnen jetzt sagen werde. Wir sind jetzt ganz allein, hören Sie! – Ich habe im Sinne, wenn Flügel seinen Schwanengesang geendigt, plötzlich ganz überraschend, gratis und unangekündigt aufzutreten, und Schillers Glocke nebst dessen Eisenhammer zu deklamieren; ich habe zu diesem Behufe beide Stücke bereits aus den Stiefeln gepackt, und auf der Post vor dem Spiegel einstudiert, sie würden etwa so lauten – – « » – Ums Himmels Willen! ihr versäumt den Schwanengesang,« schrie der Kondukteur aus der Ferne, »alles strömt zu dem Wallfisch, wir bekommen keine Plätze mehr!«

»Der Mann hat recht,« versetzte der Deklamator, »zudem lautet eine Deklamation in einem verschlossenen, stillen Zimmer immer besser als in der freien Luft, allwo die Rotschwänze und Dummpfaffen drein pfeiffen. Aber, siehe da! Hans Flügel! – «

Da stieg Hans Flügel eilend die Treppen des Wallfisches hinauf, er war ganz schwarz gekleidet, und hatte eine ungewöhnlich große, weißgepuderte Frisur. Ein Lohnbedienter ging voran, und trieb die Leute aus dem Wege, die alsbald in Masse hinter ihm herströmten.

Dritte Vorstellung

Die Plätze waren fast alle schon besetzt; durch Flügels Vermittlung drangen wir uns bis zu den Schranken vor, in denen der Schwanist, wie er sich nannte, stund.

Flügel legte seine Gänsegurgeln in Ordnung, machte eine tiefe Verbeugung, setzte nun eine an den Mund und das Konzert begann.

Zuerst vernahm man nur ein zartes Lispeln wie von einer Menge kaum halbberührter Silberglöckchen, bald aber kamen die Töne immer näher und näher, bis sie endlich zu einem völligen Choral und Orgelton anschwollen, der wieder bis zum Lispeln der Silberglöckchen verschwand.

Der Schwanist spielte die Melodie: »Hebe, sieh, in sanfter Feier.«

»Es ist mir,« sagte der Deklamator und Dichter, »als tönten lauter Schneeglöckchen; diese Töne sind alle so rein gewaschen, so milchweiß, bei Gott! es ist einzig! Hören Sie, sehen Sie's?« fuhr er dann wieder fort, »mir ist jetzt, als schwämme ein Schwan durch die himmelblaue Luft – – sehen Sie! dort schifft er! jetzt, jetzt läßt er ein Ei fallen und verschwindet, – dies war eine Cadence. jetzt heben sich die Töne, – und jetzt – sehen Sie! jetzt öffnet sich das Ei, und daraus schwebt ein weißes Täubchen mit einer Lilie im Schnabel in das Morgengold auf – jetzt – sehen Sie! jetzt zerfließt das Täubchen und wird zur Milchstraße, und nun – – – nun hören Sie die Millionen Silberglöckchen, Schneeflöckchen, die wie Morgentau auf die Erde sinken, daß ein weißer Reife den ganzen Saal deckt, und alle Leute gepudert dastehen?« Ich versicherte ihn, von all diesem durchaus rein nichts zu sehen, als den verfluchten Rauch der Tabakspfeifen. Der Dichter wandte sich nun zu seinem Nachbar, dem Postknecht. Dieser sprach, indem er mich in die Waden kneipte: »ja! ich seh es, bei Gott! ich seh's! auch ist mir, als drehten sich Millionen Knackwursträdchen, wie Feuerrädchen, an der Decke des Saales, auch ist mir, als lägen wir alle in einer Sülze. Die Herren da in den schwarzen Röcken kommen mir alle, wie Stückchen schwarz Wildpret vor, ich selbst und meine Herren Kollegen in gelben Röcken sind Zitronenrädchen, und Sie, wertester Herr! kommen mir vor, wie ein Lorbeerblatt.«

»Ja! und so ist es mir auch,« versetzte der Dichter, »jetzt, jetzt,« flüsterte ein Tribunalsrat, »hängt es nur noch an einem Zäserchen, o weh! es bricht!« schrie er nun laut. »Gott sei Dank!« versetzte er wieder leis, »nun kommt es doch gröber, es wird einem ganz bang!«

»Es wäre mir lieber,« sagte sein Nebenmann, der Speismeister, »wenn auf einen so feinen Ton jedesmal sogleich ein derber Schlag auf eine Pauke, oder ein Tritt mit dem Fuß nachfolgte: denn so ist es eine Suppe ohne Schnitten, – aber immer einzig in seiner Art, mit einer Gänsegurgel, die man bisher kaum zum Gänsepfeffer brauchbar fand! außerordentlich! ganz unerhört! ja es ist –« »Charlatanerie!« rief eine breite, lange Maschine, die sich langsam von ihrem Sitze aufhob, eine lange Balancierstange als Stock in den Händen trug, und sich Professor Schwimmgürtel von Mittelsalz nannte. »Der Kerl ist nichts anders, als so ein Gall, so ein Campetti, so ein unverbrennlicher Roger, so ein Marktschreier. Ich habe den Kerl in Mittelsalz gehört, und die ganze Sache ward mir alsbald verdächtig; ich habe dem Ding mit Muße nachgesonnen, und jetzt, wo ich ihr auf den Grund komme, bin ich dem Kerl mit einem Herrn Kandidaten, dem ich eine Dissertation über diesen Gegenstand schreibe, auf dem Fuße nachgereist, um hier meinem Herrn Doktoranden den wahren Doktorshut abzuholen. Die Prostitution und Dekapierung des Kerls muß publice geschehen, und das Manöver soll alsbald beginnen. Sie, Herr Kandidat! haben bei der ganzen Affaire weiter nichts zu tun, als immer in der Richtung meines Zopfes hinter mir herzugehen, et sic porro

Vierte Vorstellung

Noch war der ganze Saal in Entzücken verloren, der Schwanist spielte die Melodie: »das Grab ist tief und stille.« Da schlich Professor Schwimmgürtel in Begleitung seines Kandidaten sich leis und langsam hinter den Schwanisten, indem er seinen Stock, wie eine Picke trug; und nun, als der Zug hinter dem Schwanisten angekommen, flüsterte er dem Kandidaten, indem er ganz leis mit dem Stocke die hintere Rolle der Flügelischen Perücke aufhob, ins Ohr: »sehen Sie den Betrüger! sehen Sie da die Walze!« – und puff! hing Flügels Perücke an des Professors Stock und spielte fort. Es entstund ein allgemein Getümmel im Saale, der Professor trug die spielende Perücke, in Begleitung des Kandidaten, triumphierend im Saale umher; Flügel aber stund, recht ein Jonas im Wallfisch, gebückt und totenbleich da, die Gänsegurgel noch immer fest am Munde haltend. Der Professor, nachdem er die Perücke rings präsentiert, sie auch zu spielen aufgehört hatte, rief ein löbliches Polizeiamt, dessen Präses zum Glücke ein Perückenmacher, oder wie er sich ferner nennen ließ, ein Haarkünstler war, zum Zeugen auf, und begann die Sektion, die der Kandidat eilend nachschrieb.

Der Professor zerlegte nämlich, unter vielen gelehrten Anmerkungen und Zitationen die Maschine, die nichts anders als ein unter einer Perücke verborgenes Glocken- und Flötenspiel war. In den Rollen und Buckeln der Perücke waren Glöckchen und Pfeifchen verborgen, der Haarbeutel aber war ein Blasebalg. Die Gänsegurgel wurde blos pro forma von Hans Flügel in den Mund gesteckt.

Das Erstaunen war allgemein; Flügel war unter der Menge entwischt, oder ohne die Perücke gänzlich unkenntlich.«

Einige lachten, andere schrieen laut über diese Betrügerei, und die, so noch kürzlich in stummen Entzücken dastunden, und durch die Töne in Tränen zerflossen, hießen das ganze Spiel nun eine Vogelscheuche, ein schlechtes Geroll, das sie alsbald für das erkannt hätten, was es wirklich gewesen, und unter diese gehörte auch der weiße Mann.

Derselbe suchte den Schwanisten mit übereinandergebissenen Zähnen auf: denn nun ward er schon zum drittenmal der Hoffnung beraubt, als Deklamator auftreten zu können.

Die Postkutsche des Professors stund schon vor dem Wallfisch bereit, der Professor warf sich nach der Sektion mit dem Kandidaten und der sezierten Perücke darein, und fuhr schmollend von dannen.

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