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Die Reiseschatten

Justinus Kerner: Die Reiseschatten - Kapitel 10
Quellenangabe
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typedrama
authorJustinus Kerner
titleDie Reiseschatten
publisherInsel Verlag
seriesinsel taschenbuch
volume1826
printrunErste Auflage
editorGunter E. Grimm
year1996
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neunte Schattenreihe

Erste Vorstellung

Die Türe des Zimmers war verschlossen; wir mußten uns bequemen durch das Schlüsselloch zu sehen; mein Vetter sah zuerst hinein.

»Die Kommission,« sprach er, »besteht aus einem Präses, einem Professor der Medizin, einem Doktor der Theologie, einem Doktor Juris und einem Doktor der Chirurgie.«

»Das Visum repertum fiel freilich traurig für den Menschen aus,« sprach der Doktor Philosophiä, »um sein künftiges Fortkommen ist es geschehen.«

»Hungertod spricht hier das Gesetz gewöhnlich,« erwiderte der Doktor Juris. Sie flüsterten noch etwas, das konnt' ich aber nicht verstehen.

Sie hatten alle Perücken auf und schwarze Mäntel an, bis auf den Doktor der Chirurgie, derselbe war ganz neumodisch gekleidet, hatte einen Tituskopf, auch eine Brille, statt des altvaterischen Mantels aber hatte er nur einen handbreiten Streifen englischen Pflasters den Rücken hinabflattern.

Die Untersuchung schien beendiget, das Faß des Dichters stund versiegelt da; auch waren die Bilder von den Wänden herabgenommen.

Die Doktoren ließen sich alle auf Stühle nieder, und der Präses, Professor der Medizin, diktierte dem Sekretär das Visum repertum mit folgenden Worten in die Feder:

Zweite Vorstellung

»Die von einem hochpreislichen Senate zur Untersuchung der Kisten und Kästen des der Dichtkunst suspekten Studiosi Philosophiä, Kullikeia, ernannte Kommission, hat sich sub dato nach erhaltenem Befehle, sogleich in das Zimmer Produktens verfügt, alle Contenta desselbigen aufs genaueste beaugenscheinigt, und in Beschlag genommen, und lautet ein Visum repertum hierüber also:

Herr Doktor Chirurgiä Siebbein war der erste, (Siebbein machte eine Verbeugung,) der uns, als wir dem Zimmer Produktens uns näherten, auf einen verdächtigen, spezifiken Geruch aufmerksam machte, welcher uns aus demselben Zimmer entgegenquoll, und konnt' ich ihn mit nichts anderem vergleichen, als mit dem Geruch einer aqua laurocerasi, Kirschlorbeerwasser, welche Vergleichung auch nach Herbeibringung einer solchen aqua, von allen Anwesenden für die füglichste erklärt wurde.

Bei Eröffnung des Zimmers nun, erblickten wir nach Umschlagung der Türe ein Kreuz mit schwarzer Farbe auf dieselbe gemalt, das sich fast, so zu sagen, auf dem ganzen Bauche der Türe hinab, als eine schwarze linea alba weiße Linie erstreckte, hie und da aber, wo die Borke der Farbe sich durch die Wärme etwas erhoben hatte, mehrere stahlgraue Pusteln zeigte.

Besagtes Kreuz endigte sich in einen natürlichen Fledermausflügel, alam vespertilionem, der auf die Türe genagelt war.

Zu beiden Seiten des Kreuzes, so zu sagen auf der regione hypochondriaca Leidens-Seite der Türe, erblickten wir, und zwar auf der regione dextra rechten Seite, einen drei Schuh hohen Holzschnitt, eine Weibsperson darstellend, darunter die Worte: »die vor Liebe sterbende Maria.«

Auf die regionem sinistram linken Seite der Türe fanden wir detto einen Holzschnitt genagelt, der ein ungeheuer langes Pferd darstellte, auf welchem vier verschiedene Dragoner zu gleicher Zeit ritten, darunter die Worte: »das Roß Beyart.«

In der Rückengegend des Zimmers, quasi so zu sagen, der Türe gegenüber, ob der Bettstelle Produktens, entdeckte Herr Doktor Psychologiä Zirbel zuerst, (Zirbel machte eine Verbeugung,) eine Menge sonderbarer Figuren mit Kohle im Umriß auf die Wand gezeichnet, monstra per excessum et per defectum Ungeheuer durch Abweichung und durch Mangel, Nasen, Füße, Tierschwänze, Augen, Rachen, Pferde mit Fischschwänzen und Fische mit Pferdsköpfen, Ritter, Zwerge, Riesen, Nonnen, Mönche, Könige, Teufel, auch Blumen verschiedener generum et specierum Arten und Gattungen, unter welchen Herr Doktor Juris Hammerschlag zuerst die verdächtige Unterschrift: »Träume, werdende Lieder« bemerkte.

Andere Contenta und Mobilien im Zimmer erblickten wir nicht, als einen Schreibtisch, einen Stuhl und einen ganz gewöhnlichen suspektlosen Stiefelknecht von hartem Holze.

Daher wurde jetzt zur Hauptuntersuchung, nehmlich zur Zergliederung eines von uns allen schon längst bemerkten Ölfasses geschritten, das recht wie ein Staphiloma Auswuchs am Auge in einer Falte oder Ecke des Zimmers saß.

Dritte Vorstellung

Dem scharfsinnigen Beobachtungsgeiste Herrn Doktor Siebbeins entging bei Eröffnung dieses Fasses nicht eine runde, warzenförmige Hervorragung, protuberantia Siebbeiniana (Siebbein machte eine tiefe Verbeugung), an welcher er auf meinen Rat so lange zog, bis sie nachgab und ihr noch zwanzig bis dreißig derlei Tuberkeln, Wärzchen oder schwarze Kügelchen folgten, die sich als ein Pasternoster zu erkennen gaben, an welchem unten ein Kreuz von Marienglas hing.

Herr Doktor Siebbein stieß anjetzo auf einen Holzschnitt, den heiligen Rochus darstellend, bei dessen Auseinanderfaltung eine Menge teils gedruckter, teils geschriebener Mord- und Galgenhistorien, Gassenhauer- und Handwerksburschlieder über die Hände des untersuchenden Herrn Doktor Siebbeins flossen.

Nun aber stieß Herr Doktor Siebbein, seiner Aussage nach, auf den Podicem eines im Faß lauschenden suspekten Produkts.

Wir riefen Podici zu, unter Erlassung aller Strafen freiwillig herauszusteigen, und wir taten dies zu wiederholtenmalen.

Da aber weder Bewegung noch Antwort erfolgte, so zog Herr Doktor Siebbein auf meinen Rat mit Gewalt an Produkten, und wir erkannten in ihm ein paar Hosen, die mit schwarzer und weißer Wäsche völlig ausgestopft waren, und beim ersten Zufühlen füglich für die Leibesteile eines im Fasse sich ungebührlicher Weise versteckt habenden halben Studiosi gehalten werden konnten.

Ein harter Körper war es nun, der Herrn Doktor Siebbeinen jedes weitere Eindringen schwierig machte. Ich gab ihm den Rat, denselben vor einer weitern Untersuchung zu entfernen und herauszunehmen; da zeigte sich derselbe als ein dicker in Pergament gebundener Folioband, enthaltend, die Werke Hans Sachsens, welchem noch drei derlei nebst einigen Quartbänden nachfolgten, betitelt: das Lied der Nibelungen, das Heldenbuch mit seinen Figuren, Historia aller Heiligen, des Knaben Wunderhorn altdeutsche Lieder.

Da wir jetzt nichts mehr als kleine Schriften und Blätter im Grunde des Fasses bemerkten; so stürzte Herr Doktor Siebbein das Faß um, und ließ diese Fluida herauslaufen, die wir teils für eigene geschriebene Lieder Produktens, teils für Auszüge aus den Werken Jakob Böhms, Novalis und anderer wahnwitziger Skribler, teils aber für höchst verdächtige, moralitätswidrige Schriften erkannten, die folgende Titel führten:

1. Fortunatus mit seinem Seckel und Wünschhütlein, wie er dasselbe bekommen, und ihm damit ergangen.

2. Wunderbarliche und seltsame Historien Tyll Eulenspiegels.

3. Die nützliche Unterweisung der sieben weißen Meister.

4. Historia von der unschuldig-bedrängten Genovefa, wie es ihr in Abwesenheit ihres herzlichen Ehegemahls ergangen.

5. Historische Wunder-Beschreibung von der schönen Melusina, Königs Heimas in Albanien Tochter, welche eine Sirene und Meerwunder gewesen.

6. Historia von der schönen Magelona, eines Königs Tochter von Neapolis, und einem Ritter, genannt Peter mit den silbernen Schlüsseln.

7. Kaiser Oktavianus, das ist, eine anmutige Historie, wie Kaiser Oktavianus sein Weib samt zweien Söhnen ins Elend geschickt.

8. Wunderschöne Historia von dem gehörnten Siegfried, was wunderliche Abenteuer dieser teure Ritter ausgestanden.

9. Schöne und lustige Historie von den vier Heimons Kindern, Adelhart, Ritsart, Wiritsart und Reinold, samt ihrem Roß Bevart; was sie für ritterliche Taten gegen die Heiden begangen.

10. Historia von Marggraf Walthern, darinnen dessen Leben und Wandel und was sich mit ihm zugetragen.

11. Historia von dem edeln Finken-Ritter, oder vom weiterfahrnen Ritter, Herrn Polycarpo von Clarissa, genannt der Finken-Ritter.

Bei Ausklopfung des Fasses folgte auf diese Schriften eine Menge Staub mit denen Exkrementen von Spinnen und Mäusen vermischt, welcher Staub sorgfältig zusammengekehrt und zu einer weiteren chemischen Untersuchung in verschiedene Gläser verteilt wurde. –

Vierte Vorstellung

Doktor Siebbein hatte die Augbraunen meines Vetters wahrscheinlich durch das Schlüsselloch bemerkt, er öffnete die Türe, und kaum entrannen wir noch die Treppe hinab seinen Blicken.

Mein Vetter schlich sich nach einer Weile auf einer Seitentreppe wieder mit mir hinauf, da war aber das Zimmer des Dichters schon versiegelt und die Kommission auseinander gegangen. Mein Vetter sah durchs Schlüsselloch und bemerkte nichts als einige Sperlinge, die in dem verlassenen Zimmer umherhüpften, auch sah er eine Maus in der Ecke des Zimmers sitzen, worüber er gar betrübt wurde: denn der Dichter war doch sein Freund, ob sie gleich einander immer in den Haaren lagen, und entgegengesetzte Pole darstellten, die aber eben wegen ihrer Verschiedenheit einander immer anziehen.

Er schwur beim Donner und Blitz, seinen Freund zu rächen, und setzte alsbald seine Voltaische Säule in volle Tätigkeit, lud auch seine elektrische Batterie, und verfertigte Knallsilber und Vexiergläser. Der Postknecht hatte schon zu wiederholtenmalen geblasen, ich wünschte meinem Vetter Glück zu seinen kriegerischen Unternehmungen, wir umarmten uns, und ich bestieg den Postwagen.

Fünfte Vorstellung

In demselben Postwagen saß ein ganz sonderbarer Mensch, der von diesem Städtchen an die Reise nach Nürnberg mitmachen wollte.

Er war ein leidenschaftlicher Liebhaber von allem was weiß ist, führte auch, um den Hals hängend, ein Zuckerglas voll weißer Mäuse mit, die er in Schlesien aufgefangen. Mit dem Hunde des Kondukteurs hatte er recht Mitleiden, daß er nicht weiß statt schwarz war. Im Winter, behauptete er, sei es lieblicher zu reisen, als zu irgend einer Jahreszeit; vermutlich dachte er insgeheim dabei an den weißen Schnee.

Er selbst hatte einen weißen Mantel an, war gepudert, und sah überhaupt wie ein recht künstlich gebleichtes Totengerippe aus.

Da er den großen Maultrommelspieler Koch seinen Freund nannte, so bat ich ihn, mir dessen Geschichte zu erzählen. Er sprach wie folgt:

»Koch hatte schon als er aus der Schule kam, große Fertigkeit auf der Maultrommel erlangt, die er als Soldat, wo er viele müßige Zeit hatte, noch zu einem großen Grade steigerte. Er hatte die Gewohnheit, in der Nacht, beim Schildwachstehen, öfters das Gewehr zurückzustellen, und seine Maultrommel zu spielen.

Es begab sich nun, daß einsmal der Herzog von Braunschweig, Kochs General, als er nächtlich zum Fenster hinaus sah, diese wundersamen Töne vernahm. Er vermeinte, bald es kamen diese Töne aus der fernsten Ferne vom Winde herbeigetragen, bald aber war es ihm wieder gewiß, daß sie aus der Tiefe steigen.

Er geht hinab, und da steht Koch statt mit dem Gewehr im Arm, mit zwei Maultrommeln.

Koch, anfänglich sehr erschrocken, wollte sich entschuldigen, da sprach der Herzog, er solle nur mit ihm gehen. Koch folgte, der Herzog führte ihn in sein Zimmer, er mußte das Spiel wiederholen, der Herzog war entzückt, und beschenkte ihn reichlich. Die andere Nacht bat der Herzog eine kleine Gesellschaft zu sich, die Lichter wurden ausgelöscht und Koch begann sein Spiel.

Es war anfangs der Gesellschaft, als vernähme sie die wunderbarsten Töne ganz in der Nähe, bald vor bald hinter sich, dann aber entfernten sie sich immer mehr, stiegen aus der Tiefe weit in die Luft, und nun, nun waren kaum einzelne hörbar, wie kleine Silberglöckchen, bis der letzte Ton, wie ein Stern in blauer Ferne verlosch. Da fielen alle Zuhörer mit dem letzten Ton wie aus der Luft, und wagten wieder auf der gewöhnlichen Erde Atem zu schöpfen. Koch sollte mit Geschenken überhäuft werden, er schlug alles aus und verlangte nur seinen Abschied. Er erhielt ihn und da zog er mit seinem Instrumente durch die Welt. Das Spiel aber hat ihm, wie er oft vorher sagte, den Tod gebracht, er starb an der Schwindsucht.«

Sechste Vorstellung

Während dieser Erzählung des weißen Mannes, bemerkte ich wie eine dicke Figur, so eine große Perücke aufhatte, im Hintergrunde des Postwagens unruhig sich auf dem Sitze hin und her bewegte, die auch, als die Erzählung zu Ende, folgendermaßen sprach:

»Auf dem Brummeisen göttlich, wie auf einer Harmonika zu spielen, will weiter nichts heißen – aber aus einer Gänsegurgel solche Töne hervorzulocken – meine Herrn?« –

»Allerdings,« versetzte der weiße Mann, »wäre dies noch bewunderungswürdiger, allein wo ist der Virtuose?«

»Meine Herrn!« sprach der dicke Mann, »ist Ihnen denn das Alltagsblatt nicht bekannt?« – wir versetzten einstimmig: »nein!«

»In dieser Zeitschrift No. 3499 würden Sie eine ausführliche Abhandlung über den Schwanengesang,« so fuhr der dicke Mann fort, »und über die Wirkung der Gänsegurgel im Munde des Harmonisten, Hans Flügels, gefunden haben. – Sie gehören doch, wie mir scheint, zu den Gebihum! – Sehen Sie! so sieht es aus!«

Da zog er ein Blatt aus der Tasche, wickelte es auf, und drei bis vier Gänsegurgeln rollten heraus.

»Ha! ha!« schrie der weiße Mann, »Sie spielen wohl selbst dies wunderliche Instrument??«

»Ja!« brüllte der dicke Mann, und sprang vom Sitze auf, den weißen umarmend, »ich bin Hans Flügel! Flügel! und reise nach Leipzig!«

»So!« und – »weh!« schrie der weiße, – denn da war das Zuckerglas durch Flügels heftige Umarmung zerbrochen und die weißen Mäuse sprangen pfeifend im Wagen umher, – »meine Mäuse! mein – Himmel! Kerl! Flügel! Flegel!«

»Hier ist ein Schwanz,« schrie Flügel, »packt ihn! Habt ihr keinen Speck? ich bin unschuldig! – eine Mäusefalle! ... nimmt meine goldene Tabaksdose vom König in Preußen.« –

»Bückt euch, verfluchter Kerl!« schrie der weiße Mann, »ich falle in Unmacht! ... Postknechte! stoßt ins Horn! .. . spannt die Pferde ab! halt! ... sperrt das Rad! ... da ein Schwanz! – ich weiß nicht wo ich bin! ... laßt keine Katz' herein! ... –«

Aber wehe! die Mäuse hatten schon eine nach der andern über den Chausseegraben gesetzt.

In dem nämlichen Augenblicke sprangen meines Vetters zwölf desertierte Katzen vorüber, sie nahmen den nämlichen Weg hintennach, eine hinter der andern, und da sie alle auch weiß waren, war eine gute Strecke von der Chaussee bis in den nächsten Wald ein weißer Streif zu sehen, welchen der weiße Mann mit der Milchstraße verglich, und sich durch ihren Anblick einigermaßen tröstete.

Der dicke Mann, seinen begangenen Fehler wieder gut zu machen, erteilte der sämtlichen Gesellschaft, die Postknechte nicht ausgenommen, Freibillette in das Konzert, so er zu Nürnberg zu geben im Sinne hatte.

Siebente Vorstellung

Wir waren in die schönen Gegenden um Nürnberg gekommen, wir entschlossen uns, von hier an zu Fuße zu gehen.

Ein weites Tal lag vor uns, voll Getreidefelder und Fruchtbäume, die nun voll reifer Früchte hingen.

»Hier an dem weißen Schaume dieses Wasserfalles, in dieser romantischen Gegend, meine werteste Herrn!« sprach plötzlich der weiße Mann, – »erlauben Sie mir, Ihnen eine kleine Probe meiner poetischen Talente und Deklamation zu geben; auch ich reise auf die Leipziger Messe, die weißen Mäuse waren eigentlich für den Park seiner Durchlaucht bestimmt, im Surrogat für weiße Hirsche. – Die verdammten Stiefel sind gar zu eng! . .. Darf ich Sie nicht bitten, Herr Flügel! etwas zu ziehen?« »Gerne!« versetzte Flügel, und zog aus allen Leibeskräften; »haben Sie etwa Unrat in – « Plump! da fuhr der Stiefel heraus, und mit ihm eine Menge geschriebener Blätter, so um das Bein, wie um eine Spindel gewickelt waren.

»Nun noch den andern,« sprach der weiße Mann, Flügel zog und es erfolgte gleiches.

Flügel blieb in Gedanken noch immer stehen, als erwartete er einen dritten Fuß, da sprach aber das Gerippe: »nun sind wir fertig! Sehen Sie!« fuhr es nun fort, »im rechten Stiefel hab' ich die Trauerspiele, im linken die Lustspiele. Sie werden auch bemerken, daß der linke Fuß in etwas ein Klumpfuß, Bocksfuß, der rechte aber ist etwas erhabener, als der linke, quasi ein Kothurnus. Die Betrachtung dieses, hat mich schon in früher Jugend auf den Gedanken gebracht, mich in beiden Dichtungsarten zu versuchen, oder mich besser auszudrücken: es ist in meinem Gange ganz der Gang Shakespears dargestellt. Sehen Sie! rechts! links! ganz abwechslungsweise, wie bei Shakespearn, traurig und schnell, dann lustig. Eine traurige Szene, dann auf diese schnell wieder Satyre und Witz, dann wieder traurige Szene, Kothurn vorwärts! schnell wieder hintennach mit dem Klumpfuß, will ich sagen, mit dem Satyr – lustige Szene, und so fort.

Nicht wahr? Setzen Sie sich hier auf diese bemoosten Steine, meine werten Zuhörer, ich aber besteige diesen heiligen Felsen. Es beginnt!« –

Da sprang er wie ein Rasender auf den Felsen, das Manuskript in der Hand, machte eine tiefe Verbeugung und – Wir hörten nichts; – wir sahen nur, wie er bald mit der rechten, bald mit der linken Hand um sich schlug, bald auf einem, bald auf keinem Fuß stand, den Mund aufsperrte, die Augen rollte, das Sacktuch herauszog, sich wie Tränen abwischte. – –

Das Tosen des Wasserfalles war zu groß, um ihn verstehen zu können.

Vergebens riefen wir es ihm aus voller Kehle zu, er hörte uns nicht, wie wir ihn nicht hörten.

Er stund bei einer halben Stunde so, endlich steckte er das Manuskript in den Stiefel und kam mit selbstgefälliger und fragender Miene schwitzend auf uns zu. Da versicherten wir ihn: daß wir auch nicht ein Wort von all' dem, was er deklamiert, verstanden, und es ihm vergebens zugerufen hätten. Da war der Mann wie vom Felsen gefallen: denn es war ihm, wie er sagte, noch keine Deklamation so trefflich gelungen, tat auch von da an den Mund nicht mehr zum Reden auf, sondern öffnete ihn nur, um zur Erholung auf seine liebe weiße Zunge zu schauen, die er weit aus dem Munde hing.

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